Deutschland ohne Bargeld? Folgen einer Bargeldabschaffung in der Eurozone


Bachelorarbeit, 2019

43 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Geldtheorie
2.1 Geldfunktionen
2.2 Geldvarianten
2.3 Umsetzungsmodell: Schweden

3. Chancen einer Bargeldabschaffung
3.1 Bekämpfung der Schattenwirtschaft
3.2 Effizienz der Geldpolitik
3.2.1 Schwundgeld
3.2.2 Flexibler Wechselkurs zwischen Bargeld und Buchgeld
3.2.3 Vergleich der Instrumente
3.3 Stabilität des Finanz- und Bankensektors

4. Risiken einer Bargeldabschaffung
4.1 Effizienz des Bargeldes
4.2 Anonymität des Bargeldes
4.3 Verletzung der Konsumentensouveränität

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Money Flower: a taxonomy of money

Abbildung 2: Means of Payments in the past month; Schwedish households per cent

Abbildung 3: Niveau der Schattenwirtschaft in den OECD-Ländern

Abbildung 4: Relativer Anteil der Bargeldnutzung und Korruption im öffentlichen Sektor

Abbildung 5: Entwicklung der kurzfristigen Zinssätze, 2008-2018

Abbildung 6: Einschätzungen zum Bargeld, Angaben in %

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wertverlust des Bargeldes bei einem Zinssatz von -3%

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Bargeld ist geprägte Freiheit", hat der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing (2014), in Anlehnung an Fjodor Dostojewski (1862) formuliert. Aktuell wachsen jedoch länderübergreifend bargeldkritische Stimmen. Zahlreiche renommierte Ökonomen fordern unter anderem, die Bargeldnutzung durch Obergrenzen einzuschränken, Noten mit hoher Denomination dem Zahlungsverkehr zu entziehen oder das Bargeld sogar vollständig abzuschaffen. Zwar versicherte Finanzminister Wolfgang Schäuble noch 2016 bezüglich einer möglichen Bargeldabschaffung: „In Kontinentaleuropa kenne ich niemanden, der die Absicht hat, Bargeld abzuschaffen."

Doch nicht zuletzt durch den Beschluss der EZB vom 04.05.2016 die Produktion und Ausgabe des 500 Euro Scheins bis Ende 2018 einzustellen, hat sich die Brisanz und Aktualität des Themas im Euroraum widergespiegelt (EZB 2016). Spätestens durch ein Interview Peter Bof- ingers mit dem Spiegel, unter dem Titel „Bargeld ist ein Anachronismus" (Bofinger, 2015), in welchem er argumentiert, Bargeld sei ein zu teures Zahlungsmittel, welches das Aufkommen schattenwirtschaftlicher Aktivitäten begünstige, ist die Diskussion auch in Deutschland angekommen. 12 europäische Staaten, darunter Frankreich, Italien und Spanien, haben bereits eine Obergrenze für Barzahlungen eingeführt.1 Auch wenn es in Deutschland bisher keine Bargeldobergrenze gibt, steht diese zur Debatte. Befürworter des Bargeldes sehen dies als erste Schritte in Richtung einer vollständigen Abschaffung. Kritiker des Bargelds argumentieren weiterhin, dass dieses durch seine Existenz Zentralbanken eine Geldpolitik unterhalb der Nullzinsgrenze größtenteils verhindere und eine Abschaffung somit die geldpolitischen Handlungsmöglichkeiten ausweiten würde (Rogoff 2014).

Im wertmäßigen Verhältnis gesehen liegt der Großteil des Geldes nicht in physischer Form vor: Laut Deutscher Bundesbank (2019b) war das Gesamtvolumen der Sichteinlagen im Euroraum Ende Mai 2017 mit 6.384 Milliarden Euro knapp sechsmal so groß wie der Bargeldumlauf mit 1.092 Milliarden Euro. Dennoch hat sich bisher in Deutschland das Bargeld, trotz rückläufiger Trends seit 2008, dank seiner Präferenz in der mehrheitlichen Bevölkerung, im Wettbewerb der unterschiedlichen Bezahlsysteme durchgesetzt. Bargeld ist nach wie vor das am häufigsten genutzte Zahlungsinstrument der Bundesbürger, auch wenn eine langsame, jedoch stetige Änderung im Zahlungsverhalten erkennbar ist. Gemäß Angaben der Bundesbank (2018a, S.8) wurden 2017 rund 74 % der Transaktionen mit Banknoten und Münzen getätigt, was einem Rückgang um fünf Prozentpunkte gegenüber 2014 entspricht. Insbesondere Kleinbetragszahlungen bis 5 Euro werden weiterhin zu 96 % bar bezahlt. Der Barzahlungsanteil hat insgesamt in den vergangenen 9 Jahren um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr abgenommen (Deutsche Bundesbank 2018b, S.22).

Zielsetzung dieser Arbeit ist es, die Folgen einer vollständigen Bargeldabschaffung in der Eurozone für Deutschland zu erläutern und hierbei potentielle Chancen und Risiken miteinander zu vergleichen. Hierbei bedarf es einer differenzierten Analyse der genauen Auswirkungen eines derart folgenreichen Eingriffs, da die Existenz des Bargeldes als integraler Bestandteil der Wirtschaftsordnung innerhalb einer Volkswirtschaft seit Jahrhunderten existiert und im Selbstverständnis vieler Bundesbürger fest verankert ist.

2. Grundlagen der Geldtheorie

In einer Wirtschaft, in welcher Arbeitsteilung praktiziert wird, bedarf es der Notwendigkeit der Organisation von Tauschvorgängen. Naturaltauschgeschäfte, die es im Privatbereich immer noch gibt, werden hierbei als nicht sonderlich praktikabel erachtet. Durch die Einführung des Geldes werden Transaktionskosten in einer Volkswirtschaft gesenkt, da der Güterhandel fundamental vereinfacht wird (Gischer, Herz und Menkhoff 2012, S.3f). Dieser Effekt unterliegt im wesentlichen drei Gründen, welche als sogenannte Geldfunktionen beschrieben werden:

2.1 Geldfunktionen

Primär nimmt Geld in der heutigen Gesellschaft eine Tausch- und Zahlungsmittelfunktion ein, wodurch ein indirekter Tausch von Waren und Dienstleistungen gewährleistet wird. Darüber hinaus kann Geld zusätzlich als Mittel zur Tilgung von Schulden verwendet werden. Des Weiteren lassen sich Kredite in Geld Form übertragen (Issing 2011, S.1f). Die Funktion als offizielles Tauschmittel wird nur dann hinreichend erfüllt, wenn es als allgemein gültiges Zahlungsmittel akzeptiert ist. Zusätzlich zeichnet sich Geld als Wertaufbewahrungsmittel aus, was eine zeitliche Differenz zwischen Gelderwerb und Geldausgabe und somit die Übertragung der Kaufkraft von der Gegenwart in die Zukunft und umgekehrt ermöglicht. Für die Funktionen des Geldes, sowohl als Wertaufbewahrungsmittel, als auch als Tauschmittel, ist die Existenz geordneter Währungsverhältnisse und somit ein gewisser Grad an Beständigkeit vorauszusetzen.

Weiterhin nimmt Geld als Wertmaßstab eine Rechenmittelfunktion ein, da der allgemeine Güteraustausch in der Geldwirtschaft durch Angabe einzelner Waren in einer Bezugsgröße, erheblich erleichtert wird. In einer Naturalwirtschaft mit n Gütern existieren n(n-1) /2 Tauschrelationen. Wird eines dieser Güter als Recheneinheit verwendet, ist es möglich, den Wert jedes anderen Gutes als absoluter Preis in Einheiten des „Standartgutes“ ausdrücken. Dadurch lässt sich vereinfacht nur noch die absolute Zahl der Preise, n-1, betrachten und nicht jegliche Tauschrelationen (Issing 2011, S.2).

2.2 Geldvarianten

In einer modernen Wirtschaft, in welcher sich unterschiedlichste Zahlungsformen und Abwicklungsprozesse etabliert haben, bedarf es der Notwendigkeit einer umfassenden Taxonomie der verschiedenen Arten des Geldes, welche untereinander im Wettbewerb der Zahlungsmittel stehen.

Abbildung 1: Money Flower: a taxonomy of money

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bech und Garrat (2017) etablieren eine neuartige Klassifikation des Geldes. Sie teilen die unterschiedlichen Formen des Geldes in folgende Kategorien ein: Die erste Kategorie unterteilt Geldvarianten darin, ob der Herausgeber die Zentralbank ist oder die Ausgabe anderweitig erfolgt. Weiterhin wird zwischen elektronischer und physischer Form differenziert. Zusätzlich entscheidend ist ob der Zugang universell oder limitiert ist und der Transfermechanismus zentralisiert oder dezentralisiert stattfindet (Bech and Garrat 2017, S.59).

Bargeld, in Form von Banknoten, dem Papiergeld und Münzen, dem sogenannten Hartgeld, lautet auf einen bestimmten Betrag, ausgegeben in einer bestimmten Währung. In der Eurozone liegen das Notenmonopol sowie die Ausgabe der Banknoten bei der EZB und den nationalen Zentralbanken. Das Recht zur Ausgabe der Münzen steht den Staaten der Euroländer zu, mit vorheriger Genehmigung durch den EZB-Rat. Eine maßgebliche Rolle nehmen im Währungsgebiet des Euros die Banknoten als das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel ein und müssen vom Gläubiger im unlimitierten Umfang als Erfüllung seiner Forderung akzeptiert werden. Münzen hingegen gelten gesetzlich nur im begrenzten Ausmaß als Zahlungsmittel. Ein Gläubiger ist im Euroraum nicht verpflichtet, mehr als 50 Münzen pro Zahlung sowie Münzen im Wert von über 200 Euro zu akzeptieren (Deutsche Bundesbank 2015, S.22f).

Mit dem Begriff Giralgeld bzw. Buchgeld wird das von Geschäftsbanken geschaffene Geld in Form von elektronischen Sichtguthaben bezeichnet. Wird Bargeld auf ein Girokonto eingezahlt, wird es zu Buchgeld umgewandelt und im Gegenzug bei einer erfolgten Abhebung wieder transformiert, wobei der Gesamtgeldbestand sich nicht verändert. Anders als Bargeld ist Giralgeld kein gesetzliches Zahlungsmittel, wenngleich allgemein akzeptiert. Sichtguthaben bei der Notenbank hingegen heißen Zentralbankgeld (Deutsche Bundesbank 2015, S. 56f). Die bekanntesten Formen des Zentralbankgeldes werden von Geschäftsbanken gehalten. Tobin (1987, S.6) argumentiert dafür, auch Privatpersonen die Möglichkeit des Zugangs zu Zentralbankeinlagen zu verschaffen. Er bezeichnet diese Form des Zentralbankgeldes als „Deposited Currency Accounts" (DCAs). Dadurch solle Individuen die Möglichkeit der Wertaufbewahrung, unabhängig vom Risiko eines Bankenkonkurses, gewährleistet werden. Bisher haben Zentralbanken von einer Liberalisierung des Zugangs zu Zentralbankeinlagen abgesehen. Dadurch stellt Bargeld aktuell für Privatpersonen die einzige Möglichkeit dar, Zentralbankgeld zu halten. Sämtliche weitere Formen des Geldes beruhen auf privater Geldschöpfung (Deutsche Bundesbank 2018b, S.15).

Digital- bzw. Kryptowährungen, wie der Bitcoin, haben sich entfernt von bestehenden Geldstrukturen entwickelt und werden oft als „neues Geld" bezeichnet. Diese Bezeichnung resultiert nicht zuletzt daraus, dass sie nicht zentral von einer Zentralbank, sondern dezentral von einem Netzwerk geschaffen werden (Hungerland et al. 2017, S.4). Weiterhin lässt ihr Design aufgrund der limitierten Verfügbarkeit langfristig nur ein fixes Geldangebot zu. Transaktionen erfolgen über ein Peer-to-Peer Netzwerk und werden in einem Block gespeichert. Hierbei soll durch die Verifizierung der einzelnen Blöcke das sogenannte „Double Spending", die mehrfache Verwendung für Transaktionen durch einen Nutzer, verhindert werden (Nakatamo 2008, S.1f). Die Seigniorage aus der Geldschöpfung, die Differenz zwischen des Wertes des Bitcoins und dessen Herstellungskosten, wird dezentral der Privatwirtschaft anstelle des Staates zugeteilt (Hungerland et al. 2017, S.4). Aufgrund der begrenzten Nutzungsmöglichkeiten als Zahlungsmittel im alltäglichen Leben2 sowie der Volatilität für Preisschwankungen, erfüllen Kryptowährungen bisher die bereits beschriebenen Geldfunktionen nicht und lassen sich vielmehr als Spekulationsobjekt verstehen.

In diesem Kapitel zeigt sich bereits die Sonderstellung des Bargeldes gegenüber anderen Zahlungsmitteln und daraus folgend eventuelle Risiken einer vollständigen Bargeldabschaffung.

2.3 Umsetzungsmodell: Schweden

In Schweden hat sich der Bargeldbestand seit 2008 von 112 Milliarden auf 53 Milliarden Schwedische Kronen (SEK), was ca. 5 Milliarden Euro entspricht, mehr als halbiert (Riksbank 2018b, S.5). Ein fundamentaler Aspekt für den starken Rückgang der Bargeldnutzung in Schweden ist Schwedens Verfassung, durch welche es Verkäufern gestattet ist, Bargeld als Zahlungsmittel ihrer Kunden abzulehnen (Arvidsson 2019, S.47). Somit ist Bargeld zwar legales Zahlungsmittel, allerdings kann dies außer Kraft gesetzt werden, solange beide Parteien dem zustimmen. Da die Zustimmung auch mündlich erfolgen kann, reicht zumeist ein Hinweisschild in entsprechenden Geschäften, dass hier kein Bargeld akzeptiert werde. Bargeldzahlungen wurden in erster Linie durch Kartenzahlungen sowie mobile Zahlungssysteme wie „Swish" ersetzt.

Abbildung 2: Which means of payment have you used in the past month? Swedish households

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Riksbank (2018a, S.3)

Dadurch ergibt sich eine bisher neuartige Situation, in welcher sämtliche, der Öffentlichkeit zu Verfügung stehenden digitalen Zahlungssysteme, durch den privaten Sektor kontrolliert werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird offen über die Einführung einer sogenannten E- Krona, einer staatlich regulierten Digitalwährung (CBDC) diskutiert, um weiterhin den staatlichen Einfluss auf Zahlungssysteme und somit deren Stabilität zu gewährleisten, wie die Schwedische Riksbank (2018b, S.5) beschreibt. Hierbei solle es sich um eine digitale, von der Schwedischen Zentralbank zur Verfügung gestellten Währung handeln, wodurch der Besitzer, genau wie beim Bargeld, Forderungen an die Zentralbank erhalten würde und keine Liquiditätsrisiken entstehen würden. Vereinfacht würde die E-Krona ein Komplement zum physischen Geld darstellen, d.h. den gleichen Wert wie Schwedische Kronen in Form von Bargeld oder Bankguthaben besitzen und der Öffentlichkeit jederzeit direkten Zugang zu Zentralbankgeld verschaffen, selbst wenn Bargeld nicht länger zur Verfügung stünde.

Bei der Nutzung soll es möglich sein, entweder eine Wert-basierte oder eine Account-basierte E-Krona zu verwenden. Eine Wert-basierte E-Krona kann in Form eines Prepaid Wertes lokal auf einer Karte oder mobilen App gespeichert werden. Die Zahlung erfolgt über ein Peer-to- Peer Netzwerk, wodurch die Anonymität der Bezahlungsvorgänge, ähnlich wie bei Zahlungen mit Bargeld, gewährleistet werden könnte. Zahlungen mit einer Account-basierten E-Krona hingegen werden wie Transaktionen mit Geld auf privaten Zentralbankkonten erfasst und von der Zentralbank verwaltet (Riksbank 2018b, S.14f). Diese Form wäre mit einer Einführung von DCAs gleichzusetzen.

Die Tatsache, dass es sich um eine zentralbankgesteuerte Digitalwährung handelt, dessen Wertschöpfungsgewinne dieser zugeteilt werden, unterscheidet eine CBDC fundamental vom dezentralisierten Zahlungssystem privater Kryptowährungen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird für Deutschland und die Eurozone die Implementierung eines vergleichbaren Systems untersucht. Es findet eine Analyse der Folgen statt, wenn in der Eurozone als offizielles Zahlungsmittel eine Account-basierte CBDC, beispielsweise ein „E-Euro", simultan zur vollständigen Bargeldabschaffung eingeführt würde, was der Öffentlichkeit direkten Zugang zu Zentralbankgeld verschaffen könnte.

3. Chancen eines bargeldlosen Systems

Einige der Hauptargumente der Bargeldgegner sind, neben der Bekämpfung der Schattenwirtschaft und organisierter Kriminalität, unter anderem sinkende Kosten durch einen effizienteren Zahlungsverkehr. Des Weiteren würde eine Bargeldabschaffung eine expansive Geldpolitik unterhalb der Nullzinsgrenze ermöglichen und möglicherweise die Stabilität des Finanz- und Bankensektors fördern. Potentielle positive Effekte eines Bargeldverzichts innerhalb Deutschlands und der Eurozone würden hierbei sehr begrenzt ausfallen, solange das Währungsgebiet isoliert diesen Prozess unternimmt. In diesem Fall besteht für die Bürger jederzeit die Möglichkeit, auf ausländische Währungen auszuweichen (Thiele et al. 2015, S.9). Unter diesen Gesichtspunkten sind die Vorschläge einer Bargeldabschaffung lediglich dann als wirksam zu erachten, wenn sich international zumindest die Länder mit den wichtigsten Weltwährungen wie US-Dollar, Schweizer Franken, Japanischer Yen und Britisches Pfund simultan an dieser Entscheidung beteiligen würden.

3.1 Bekämpfung der Schattenwirtschaft

Eines der Hauptargumente, welches von Befürwortern einer Bargeldabschaffung zumeist verwendet wird, ist, dass Bargeld, vor allem Noten mit hoher Denomination, schattenwirtschaftliche Aktivitäten erleichtern (Bofinger 2015). Die Begründung, anhand welcher die EZB am 4. Mai 2016 die Ausgabe von 500-Euro-Noten zu beenden beschlossen hat, lautete wie folgt: „Damit hat der EZB-Rat Bedenken Rechnung getragen, dass diese Banknote illegalen Aktivitäten Vorschub leisten könnte” (EZB 2016). Folglich würde eine Abschaffung mehr Transparenz ermöglichen und dem Staat mehr Steuereinnahmen verschaffen.

Der Begriff „Schattenwirtschaft“ bezeichnet hierbei im Sinne Schneiders und Bookmanns (2018, S.4f) alle ökonomischen Aktivitäten, die zwar zur Wertschöpfung beitragen, allerdings nicht staatlich erfasst werden. Somit beinhaltet sind neben legalen, lediglich nicht dokumentierten Tätigkeiten, auch illegale Tätigkeiten gewinnorientierter Kriminalität. Anhand dieser Definition lässt sich bereits die Schwierigkeit einer akkuraten Schätzung des Gesamtvolumens ablesen, da es im Wesenskern genannter Aktivitäten liegt, dass diese nicht aufgedeckt werden sollen. In ihren Berechnungen schätzen Schneider und Bookmann die Größe der deutschen Schattenwirtschaft, Stand 2018, auf 9,5% des gesamten Bruttoinlandproduktes, mit sinkender T endenz in den letzten Jahren. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 11,2% (Schneider, Bookmann 2018, S.24).

Abbildung 3: Niveau der Schattenwirtschaft in den OECD-Ländern 2018 (im Verhältnis zum BIP)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schneider, Boockmann (2018, S.23)

Ein direkter Zusammenhang zwischen Ländern, welche unter Anderem Noten mit hoher Denomination vorweisen sowie der relativen Größe der Schattenwirtschaft, lässt sich aus den Schätzungen nicht erkennen. In der Schweiz, welche mit der 1.000 Franken Note die höchste Stückelung unter den entwickelten Industrienationen vorweist, liegt die Quote beispielsweise bei 5,8%. Einige südeuropäische EU-Staaten wie Italien und Spanien, welche bereits eine Bargeldobergrenze eingeführt haben, weisen mitunter das relativ höchste Ausmaß der Schattenwirtschaft vor. Mit einer geschätzten Schattenwirtschaft zwischen 16 und 20% in Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegen sie deutlich über dem Schweizer Wert.

Das Ergebnis ist ähnlich, wenn die Schattenwirtschaft mit dem relativen Anteil an Barzahlungen innerhalb eines Landes ins Verhältnis gesetzt wird. Auch eine hohe Barzahlungsquote ist kein verlässlicher Indikator eines großen Schattensektors (Schneider 2017, S.25). Länder mit hoher Bargeldnutzung wie Deutschland oder Österreich, weisen einen relativ kleinen Schattensektor vor, während in Schweden der Schattensektor mittlere Größe hat. Im Falle einiger südeuropäischer EU-Staaten wie Italien, Spanien und Griechenland existiert sowohl eine hohe Bargeldnutzung, als auch ein großes Ausmaß der Schattenwirtschaft. In den angelsächsischen Ländern, der Schweiz oder den Niederlanden hingegen sind die Bargeldnutzung sowie das Ausmaß der Schattenwirtschaft vergleichsweise gering. Folglich dieser unterschiedlichen Ergebnisse ist weder die Höhe des Bargeldumlaufs sowie die Denomination der sich im Umlauf befindlichen Noten, noch der Anteil von Barzahlungen ein zuverlässiger Indikator zur Berechnung der Größe der Schattenwirtschaft.

Weiteren Schätzungen bezüglich der Zirkulation von Euro-Banknoten nach zu urteilen zeigt sich, dass 2014 die Nutzung von Banknoten für Bezahlvorgänge durch private Haushalte und Nichtbanken innerhalb der Eurozone, im Vergleich zu 2008 von 33% auf 30% gesunken ist. Die Bargeldhaltung außerhalb des Euro Gebietes hat sich im gleichen Zeitraum von 20% auf 23% des gesamten Bargeldumlaufs erhöht. Auch die inländische Bargeldhortung der Haushalte und Nichtbanken stieg im gleichen Zeitraum von 39% auf 41% des Umlaufs (Mai 2016, S.3f). Eine zusätzliche Komponente ist das von Geschäftsbanken im Euroraum aufbewahrte Geld, das sogenannte „Tresorgeld“. Dessen Anteil liegt seit 2009 relativ stabil auf ca. 50 Milliarden Euro. Durch die konstante Zunahme des Bargeldumlaufs sank dieser Anteil auf ca. 5% (6% am jeweiligen Jahresende). Scheine mit geringerem Wert zwischen 5 Euro und 20 Euro werden hierbei überwiegend für Zahlungen im Alltag verwendet. Ihr Gesamtwert betrug 2016 im dritten Quartal 101 Milliarden Euro. 50 und 100 Euroscheine, deren Gesamtwert sich auf 678 Milliarden Euro beläuft, werden wahrscheinlich zur Bargeldhaltung, als auch als Zahlungsmittel genutzt. Hohe Denominationen im Falle Deutschlands und der Eurozone, deren Gesamtwert 318 Milliarden Euro beträgt, werden in erster Linie zur Wertaufbewahrung verwendet und werden aufgrund ihres stabilen Wertes im Ausland nachgefragt (Mai 2016, S.2f).

Insgesamt wird Bargeld in der Schattenwirtschaft in geringerem Ausmaß verwendet, als häufig von Bargeldkritikern angenommen und die Effekte einer Abschaffung würden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die von Ihnen gewünschten Erfolge erzielen. Thiele (2015, S.8) ist der Ansicht, dass eine Abschaffung des Bargeldes nicht die Ursachen, sondern lediglich die Symptome schattenwirtschaftlicher Aktivität bekämpfe. Seitz (Thiele et al. 2015, S.10) greift diese Aussage auf und betont, dass Bargeld trotz seiner Nutzung für illegale Zwecke überwiegend als Zahlungsmittel für legale Transaktionen verwendet wird. Darüber hinaus betrachtet er einige Elemente der Schattenwirtschaft als „Sicherheitsventil“ einer Wirtschaft und ihres ordnungspolitischen Rahmens. Komplizierte Regularien würden in einer Verteuerung der Produktion von Gütern und Dienstleistungen resultieren, wodurch diverse Aktivitäten in die Schattenwirtschaft ausgelagert würden. Seiner Ansicht nach bedürfe es der Notwendigkeit einer Reform des gesetzlichen Rahmens.

Diese Aussage fundiert sich mitunter in Schneiders Berechnungen über das relative Ausmaß Schattenwirtschaft. Als wichtigste Kausalfaktoren nennt er neben einschränkenden Regulierungen in der offiziellen Wirtschaft unter anderem die Steuer- und Sozialversicherungsbeitragslast. Eine steigende Differenz zwischen den Bruttoarbeitskosten in der offiziellen Wirtschaft und denen nach Steuerabzug, vergrößere den Anreiz, diesen Steuer und Abgabenanteil zu umgehen und in der Schattenwirtschaft zu arbeiten (Schneider, Bookmann 2018, S.8ff). Auch die Qualität von staatlichen Institutionen und daraus resultierend die Steuermoral in der Bevölkerung, würden einen statistisch signifikanten Einfluss haben. Wenn die produktiven, öffentlichen Sektoren wie Bildung und Gesundheit gut funktionieren würden, bestünde weniger Anreiz für schattenwirtschaftliche Aktivitäten. Nicht zuletzt sei die Entwicklung der offiziellen Wirtschaft ebenfalls entscheidend, da eine höhere Arbeitslosenquote sowie ein geringes Wirtschaftswachstum und Pro-Kopf-Einkommen für Arbeitslose oder Teilzeitbeschäftigte Anreize schaffen, in der Schattenwirtschaft zu arbeiten.

Der Höchstwert der Schattenwirtschaft in Deutschland wurde im Jahr 2003 mit 16,7% in Relation zum BIP erreicht und anschließend im Zuge von Arbeitsmarktreformen und Deregulierungen, z.B. den Hartz-Reformen sowie den daraus resultierenden sinkenden Lohnnebenkosten und der verbesserten wirtschaftlichen Entwicklung, relativ vermindert (Schneider, Bookmann 2018, S.21). Eine vollständige Bargeldabschaffung indessen könne, laut Aussage Schneiders in einem Interview mit der FAZ (2016), die Schattenwirtschaft zwar nicht vollständig beseitigen, allerdings die Transaktionskosten für illegale Zahlungen erhöhen. Dadurch würde nach Schätzungen das Gesamtausmaß der Schattenwirtschaft um einen relativ geringen Anteil von 2-3% zurückgehen.

Weiterhin ist zu betrachten, ob eine hohe Bargeldnutzung die vermehrte Existenz von Korruption zur Folge hat:

Abbildung 4: Relativer Anteil der Bargeldnutzung und Korruption im öffentlichen Sektor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Mai et al. (2016, S.8)

Das Ergebnis zeigt, dass ein Trend, wonach eine hohe Bargeldnutzung für das Aufkommen von Korruption verantwortlich gemacht werden kann, nur bedingt bestätigt wird. In einigen Euro-Ländern, wie Italien Spanien und Griechenland, wird ein hohes Ausmaß an Korruption wahrgenommen und gleichzeitig ein hoher Barzahlungsanteil vermerkt. Andere Länder hingegen, wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, zeichnen sich durch ein geringes wahrgenommenes Korruptionsniveau staatlicher Behörden sowie durch einen hohen Barzahlungsanteil an den Gesamtzahlungen aus (Mai et al. 2016, S.8). Bargeldobergrenzen existieren weiterhin überwiegend in den Euro-Ländern, welche durch schlechte Platzierungen im Korruptionsindex auffallen. In den vergangenen Jahren ließen sich, trotz Obergrenzen für Bargeld in den entsprechenden Staaten, kaum Verbesserungen hinsichtlich des Korruptionsausmaßes erzielen. In Frankreich und Spanien haben sich die Korruptionswerte sogar verschlechtert (König 2016, S.6).

[...]


1 In Italien liegt die allgemeine Höchstgrenze bei 3.000 Euro, in Frankreich bei 1000 Euro für ansässige Steuerzahler. Eine genaue Darstellung der Bargeldobergrenzen in europäischen Ländern finden Sie unter: https://www.evz.de/de/verbraucherthemen/geld-kredite/im-ausland-bezahlen/hoechstgrenzen- bargeldzahlung/

2 Eine geographische Übersicht (Stand: 12/2017), welche weltweit Geschäfte anzeigt, in welchen Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert wird, finden Sie unter: https://coinmap.org/welcome/

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Deutschland ohne Bargeld? Folgen einer Bargeldabschaffung in der Eurozone
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
43
Katalognummer
V989438
ISBN (eBook)
9783346350152
ISBN (Buch)
9783346350169
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bargeldabschaffung, Kryptowährung, Digitale Währung
Arbeit zitieren
Julian Weil (Autor:in), 2019, Deutschland ohne Bargeld? Folgen einer Bargeldabschaffung in der Eurozone, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/989438

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