Die Darstellung von Geschlecht und Sexualität im japanischen Shôjo-Genre. Das Beispiel von Ouran High School Host Club


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Japanische Populärkultur: Der Manga

3. Das Shöjo-Genre
3.1. Stilistische Merkmale des Shöjo-Genres
3.2. „Boy’s Love"
3.3. „Genderbending"

4. Fallbeispiel: „Ouran High School Host Club"

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bereits seit den 1990er Jahren erfreut sich die japanische Populärkultur, ins besondere der Manga und der Anime, nicht mehr nur in seinem Heimatland großer Beliebtheit, sondern findet auch im internationalen Raum Anklang. Aufgrund ihres Stellenwertes, besonders bei jungen Menschen, eignen sie sich daher zur Beantwortung von Genderfragen in populäreren Medien im globalen Kontext.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich also mit den stilistischen und thematischen Besonderheiten des Manga, insbesondere dem Shöjo- Genre, bezogen auf die Darstellung von Geschlecht und Sexualität. Darüber hinaus werden zwei Strategien nach Michiko Mae analysiert, durch welche sich das weibliche Geschlecht möglicherweise von seinen gesellschaftlich und kulturell auferlegten Zwängen lösen kann, um, nach Butlers Theorie der Performativität, „neu geschaffen“ zu werden. Diese sind das „Boy’s Love“-Genre, welche die Darstellung homosexueller Beziehungen thematisiert, und das sogenannte „Genderbending“, welche die Überschreitung der Geschlechtergrenzen bezeichnet.

Schlussendlich wird anhand des Mangas „Ouran High School Host Club“ herausgearbeitet, inwiefern die typischen Merkmale des Shöjo- Genres auf dieses Werk zutreffen und wie sich die hier behandelten Strategien im geschriebenen Raum entfalten.

Es soll jedoch darauf hingewiesen sein, dass das Feld der Genderforschung in Bezug auf die japanische Populärkultur weit mehr Analyse- und Untersuchungsmöglichkeiten bietet, als dass diese in der Kürze einer solchen Hausarbeit bearbeitet werden können.

2. Die Japanische Populärkultur: Manga

Sichtbar wird die Begeisterung für die japanische Populärkultur laut Michiko Mae, kultur- und sozialwissenschaftliche Japan- und Genderforscherin, vor allem durch „die langen Regalreihen mit Manga in Buchhandlungen, bei großen Conventions in aller Welt und durch Cosplayer, die aufwändige Kostüme selbst herstellen, um in der Gestalt von Figuren aus Anime, Manga und Videospielen auftreten zu können. Im Internet tauschen sich junge Menschen aus aller Welt über neue Werke aus, übersetze Manga und TV-Serien und bewerten gegenseitig ihre eigenen Fan-Produktionen, die von Illustrationen bis hin zu ganzen Romanen reichen können“.1

Unter dem Begriff Manga versteht man dem Comic ähnliche Bildgeschichten japanischer Herkunft (nicht zu verwechseln mit den stilistisch ähnlichen koreanischen Manhwa und chinesischen Manhua). Das Wort Manga (japanisch ;SH) setzt sich aus den Schriftzeichen Man (;S, dt. u.a. „spontan“, „impulsiv“, „bunt gemischt“, „frei“) und Ga (H, dt. „Bild“) zusammen. Manga sind also impulsive, bunte und freie Bilder, die zu einer Geschichte zusammengefügt werden. Entsprechend der traditionellen japanischen Leserichtung werden sie von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen. Sie werden zumeist in schwarz-weiß gedruckt und enthalten, wenn überhaupt, nur wenige Farbseiten. Zum ersten Mal ist die Kunstform des Manga in den Wochenzeitschriften der 1950er Jahre dokumentiert, in denen fortan nicht mehr nur literarische Werke, sondern auch immer mehr Bildgeschichten publiziert wurden, bis sich schlussendlich reine Mangazeitschriften daraus entwickelten. Stilistisch zeichnet sich die Welt der Manga durch ihren Themen- und Figurenreichtum aus. Das Spektrum umfasst hierbei je nach Genre „wilde Monster, brave Schulmädchen mit magischen Kräften, stolze Samurai, Cyborgs, sprechende Tiere und unendlich mehr Figuren“.2

Mangas werden häufig jedoch nicht nur ihrem Inhalt nach einem Genre zugeordnet, sondern vielmehr anhand ihrer Zielgruppe. Diese sind in den meisten Fällen folgende: Kodomo für jüngere Kinder, Shöjo für Mädchen und Schülerinnen, Shönen für Jungen und Schüler, Josei (oft auch „Lady’s Comic“) für erwachsene Frauen und Seinen für erwachsene Männer. Natürlich werden neben dieser Zielgruppeneinteilungen auch gängigere Genrekategorien wie z. B. Fantasy, Science Fiction oder Action verwendet, um die verschiedenen Manga genauer einzuordnen.3

Wichtig für die folgende Analyse ist das ein vor allem zeitgenössischer Manga betrachtet wird, welcher der Vorstellung traditioneller Geschlechterrollen widersprecht und als Ort fungiert, an dem das biologische Geschlecht aufgehoben und ein „neues Geschlecht“ performativ erschaffen werden kann.

3. Das Shojo-Genre

Seinen Ursprung findet das Shojo-Genre in den am Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen Wochenzeitschriften, in denen zu dieser Zeit noch nicht dem Geschlecht der Zielgruppen nach unterschieden wurde, so wie es heute der Fall ist. Erst mit dem Kaiserlichen Erziehungsedikt von 18904, welches die Bildung für Mädchen und Jungen stärker voneinander differenzierte, wurde die Gendersegregation eingeleitet. Daraus resultierte 1895 in der Shönen Sekai (dt. „Welt der jungen Menschen“) eine Zeitschrift, in der es zuvor noch keine Unterscheidung dem Geschlecht nach gegeben hatte, zum ersten Mal eine Shö/o-Kolumne, also Geschichten speziell für das weibliche Geschlecht. Das japanische Wort Shö/o (dt. „Mädchen“) leitet sich von dem japanischen Wort Shönen (dt. „Jungen“) ab. 1902 entstand mit der Gründung der Shö/okai (dt. „Mädchenwelt“) die erste geschlechtsspezifische Mädchenzeitschrift und eine Tradition der nach Geschlecht getrennten Zeitschriften entstand. Bis 1945 enthielten diese Zeitschriften noch hauptsächlich literarische Werke, publizierten ab den 1950ern jedoch auch vermehrt Bildergeschichten, die wir heute unter dem Begriff des Manga kennen. Daraus entwickelten sich schlussendlich dann die reinen Mangazeitschriften von Heute, wie die Shonen Jump, für das männliche Publikum oder die Ribon, für das weibliche Publikum.5 Die Autoren solcher Geschichten waren zu Beginn noch zum Großteil männlich, wie unter anderem der berühmte Manga-Zeichner Tezuka Osamu (1928-1989). Erst in den 1970er Jahren kamen immer mehr weibliche Verfasserinnen hinzu, von denen viele als Mitglieder der „24-er Gruppe"6 bekannt geworden sind.

Das Shöjo-Genre wird, wie bereits zuvor erläutert, zur Unterscheidung in Medien der japanischen Populärkultur verwendet und bezeichnet die Zielgruppe von Mädchen im Alter von etwa sechs bis achtzehn Jahren. Das Themenspektrum reicht nach Julia Siep „von Freundschaft, erster Liebe und Liebeskummer bis Familie und Schule".7 Zusätzlich geht es um die Darstellung der weiblichen Adoleszenz und dem psychischen Innenleben der Protagonistin.8 Hauptaugenmerk einer jeden Geschichte bilden die zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Protagonistin ist hierbei in der Regel ein augenscheinlich normales, junges Mädchen, welches auf einen für sie unerreichbaren Jungen trifft und sich in diesen verliebt. Das Hauptmotiv ist der „Wunsch nach Selbstbejahung durch einen Anderen", also die Bestätigung einer Selbst durch die Existenz eines geliebten Partners.9

Zu den für den Shöjo typischen Genrekonventionen gehören unter anderem das „Genderbending", also die Darstellung eines Jungen oder Mädchens in Form des jeweils anderen Geschlechts, sowie das "Boy’s Love"-Genre, die thematische Auseinandersetzung mit der homosexuellen Liebe.

Laut Mae bietet sich also besonders das Shöjo-Genre als Forschungsobjekt für die Genderforschung an, da in diesem „vielfältige Experimente mit Gender, Gender-Performanz und Geschlechterverhältnissen durchgespielt werden [können]."10

3.1. Stilistische Merkmale des Shojo-Genres

Zu den stilistischen Merkmalen des Shojo-Genres zählen vor allem die optische Repräsentation der Gefühlslage und das Innenleben der dargestellten Charaktere, sowie die dynamische Hintergrundgestaltung, die meistens durch ein Blumen- oder Blasenmotiv veranschaulicht wird.

Nach Siep zeichnen sich weibliche Figuren typischerweise durch „lange Beine, eine wallende Haarpracht, einen kleinen Mund und eine kleine Nase, sowie sehr große glänzende Augen"11 aus. Die berühmten großen Augen der Shojo Figuren werden genutzt, um die Emotionen und die Gefühlswelt noch stärker darzustellen. Je nach Befinden können diese also glitzern, strahlen, tränen, verblassen, sich verengen, verdunkeln oder kleine Herzchen und Sterne enthalten.

Männliche Figuren hingegen sind oft eher androgyn gehalten und besitzen Attribute, die sowohl mit Weiblichkeit als auch mit Männlichkeit in Verbindung gebracht werden. Hierzu zählen längere Haare, große Augen (meist jedoch nicht so groß wie die der weiblichen Figuren, sondern schmaler und oval) und feminine Körper- und Gesichtszüge.12

Die Kategorien des Geschlechts und des sozialen Status sind in vielen Geschichten eng miteinander verknüpft. Mädchen haben in diesen häufig einen niedrigeren sozialen Status als der Junge für den sie Gefühle hegt. Manga und Anime übernehmen hierbei ein Motiv klassischer Märchen: Armes Mädchen trifft reichen Mann. Die Attribute arm und weiblich werden hierbei als positiv dargestellt, während die Attribute reich und männlich eine negative Darstellung erfahren. Das arme Mädchen hat somit einen positiven Einfluss auf den reichen Jungen.13 Dies folgt in der Regel dem Prinzip des sogenannten „ganbam-spirit“ (dt. „sein Bestes geben"), nach welchem man sich nur anstrengen und ein gutes Herz haben muss, um, trotzt möglicher Rückschläge, zum Erfolg zu gelangen.14

Nach Mae gibt es zwei Strategien, mit denen sich die weiblichen Charaktere von den gesellschaftlichen und kulturellen Zwängen und Einschränkungen lösen und neue Wege suchen kann.

Zum einen die „Shönen Ai-Strategie“, in der Mädchen in Jungenfiguren dargestellt werden, und zum anderen die „Transgender-Strategie“, in der Mädchen in männlicher Repräsentation auftreten (stark, mutig, unabhängig, etc.).15 Auf beide Strategien wird im Folgenden noch näher eingegangen.

3.2. „Boy’s Love“

„Boy’s Love“, im Westen besser bekannt unter der Bezeichnung des Shönen Ai (dt. Jungenliebe), bezeichnet die Darstellung der romantischen Beziehung zwischen zwei männlichen Figuren, die in den 1970er Jahren im Shöjo Manga erstmals publiziert wurde. Ein dem „Boy’s Love“ ähnliches Genre ist das Yaoi, in welchem ebenfalls die homosexuelle Beziehung zweier männlicher Figuren thematisiert wird, jedoch mit Hilfe der Darstellung explizit erotischer Szenen, wie es im „Boy’s Love" nicht der Fall ist.

Das „Boy’s Love“-Genre wird, genauso wie die Geschichten rund um den Geschlechtertausch, als Möglichkeit genutzt, um der heterosexuellen Ordnung zu entkommen, ohne diese jedoch effektiv in Frage zu stellen.

[...]


1 Mae, Michiko: Einleitung: Japanische Populärkultur und Gender. In: Mae, M. et al. (Hrsg.): Japanische Populärkultur und Gender. Ein Studienbuch. Wiesbaden 2016, S. 1.

2 Siep, Julia: Shojo-Manga und die mediale Repräsentation von Differenz. In: Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, 2011/12, NOAG 187-188, S. 147.

3 Johnson-Woods, Toni: Introduction. In: Johnson-Woods, Toni (Hrsg). MANGA - An Anthology of Global and Cultural Perspectives. New York 2010, S. 17f.

4 Das Kaiserliche Erziehungsedikt wurde vom japanischen Kaiser erlassen und beinhaltet Richtlinien für das japanische Erziehungssystem nach konfuzianischem Vorbild. Es wurde an alle Schulen des Landes geschickt und dort aufgehängt.

5 Mae: Einleitung: Japanische Populärkultur und Gender,

6 Benannt wurde diese Gruppe nach dem gemeinsam Geburtsjahr vieler Autorinnen: dem 24. Jahr der Showa Zeit (1923-1989). Westlicher Zeitrechnung nach ist es das Jahr 1949.

7 Siep: Shojo-Manga und die mediale Repräsentation von Differenz,

8 Mae, Michiko: Die Mädchen-Revolution durch shojo (Mädchen)-Manga: Rekonstruktion von Gender und Liebe. In: Mae, M. et al. (Hrsg.): Japanische Populärkultur und Gender. Ein Studienbuch. Wiesbaden 2016,

9 Mae: Die Mädchen-Revolution durch shojo (Mädchen)-Manga: Rekonstruktion von Gender und Liebe.

10 Mae: Die Mädchen-Revolution durch shojo (Mädchen)-Manga: Rekonstruktion von Gender und Liebe.

11 Siep: Shojo-Manga und die mediale Repräsentation von Differenz,

12 Ebd.

13 Siep: Shojo-Manga und die mediale Repräsentation von Differenz, S. 153f.

14 Ebd. S. 161f.

15 Mae: Die Mädchen-Revolution durch shojo (Mädchen)-Manga: Rekonstruktion von Gender und Liebe.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Geschlecht und Sexualität im japanischen Shôjo-Genre. Das Beispiel von Ouran High School Host Club
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Medien- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung Ästhetik
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V989439
ISBN (eBook)
9783346349668
ISBN (Buch)
9783346349675
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Anime, Manga, Gender, Geschlecht, Sexualität, Shojo, Shoujo, Sex, Ouran High School Host Club, Ästhetik, Genderbending, Boys Love, Boy's Love, BL, Populärkultur, Japanische Populärkultur
Arbeit zitieren
Daniel Schönborn (Autor), 2019, Die Darstellung von Geschlecht und Sexualität im japanischen Shôjo-Genre. Das Beispiel von Ouran High School Host Club, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/989439

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