Die Corona-Krise und die Wirtschaft. Welche geldpolitischen Maßnahmen wären konjunkturell sinnvoll?


Ausarbeitung, 2020

19 Seiten, Note: 1.7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Wirtschaftspolitische Handlungsspielräume
a. Wirtschaftliche Ausgangssituation
b. Hilfsprogramme / Sofortmaßnahmen
c. Kurzarbeitergeld
d. Deregulierung der Banken
e. Aufweichen des Lockdowns

3. Handlungsspielraum der EZB
a. Entwicklung des Leitzinses
b. Erhöhung der Geldmenge
c. Helikoptergeld
d. Einführung von Eurobonds

4. Quellenangaben

1. Vorwort

Es ist Ende April 2020. Die Welt hält die Luft an. Weltweit haben sich über 2,8 Millionen Menschen mit der neuartigen Lungenkrankheit COVID-19 infiziert, 200.000 sind daran verstorben. In der Konsequenz wird das öffentliche Leben in den meisten Industrieländern weitestgehend heruntergefahren: Universitäten, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, große Teile der Wirtschaft stehen still, Menschenansammlungen werden verboten, es gelten Ausgangsbeschränkungen. Eine grundlegende Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. Diese wird erst einige Monate nach der Fertigstellung eines Impfstoffes und damit nicht innerhalb der nächsten 12 Monate erwartet.

Die gesundheitspolitischen Folgen sind enorm: Die Gesundheitssysteme vieler entwickelter Länder sind überlastet oder brechen gänzlich in sich zusammen. Es kann in der Folge nicht mehr jedem Patienten eine adäquate Behandlung gewährleistet werden. In vielen Staaten werden Massengräber ausgehoben, darunter unter anderem in New York, USA. Viele Entwicklungsländer, wie Indien oder Ecuador, stehen noch am Beginn des Ausbruchs. Hier wird aufgrund der sehr hohen Bevölkerungsdichte, mangelnder Hygieneeinrichtungen und der Nichtexistenz eines adäquat funktionierenden Gesundheitssystems mit einer sehr hohen Ausbreitung gerechnet. In der Folge könnte die öffentliche Ordnung vieler Länder zusammenbrechen.

Die in Deutschland verhängten Maßnahmen tragen bereits Früchte: Das zu Beginn exponentielle Wachstum der Zahl der Infizierten hat sich abgeflacht. Die Anzahl der aktiven Infektionen ist sogar leicht rückläufig, das Gesundheitssystem besitzt noch freie Kapazitäten. Die Wirksamkeit der Maßnahmen ist also nicht zu bestreiten.

Auf der anderen Seite stehen massive wirtschaftliche Konsequenzen: Die Börsenkurse sind weltweit eingebrochen. Viele Unternehmen, darunter vor allem Selbstständige und Mittelständler werden ohne finanzielle Unterstützung binnen weniger Wochen oder Monate Insolvenz anmelden müssen. Die Mitarbeiter befinden sich momentan in Kurzarbeit oder verlieren ihren Job. Durch ausfallende Kredite könnte nach der Pleitewelle der Unternehmen eine weltweite Bankenkrise, ähnlich der durch die Pleite von Lehmans Brothers ausgelösten Finanzkrise 2007, folgen.

Um den sofortigen Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu vermeiden, werden Seitens der Notenbanken und Politik schwerwiegende Maßnahmen ergriffen. Notenbanken pumpen Billionen in den Weltwirtschaftskreislauf, um die Wirtschaft zu stützen. Staaten knüpfen Hilfspakete in bisher unbekanntem Ausmaß: Allein Deutschlands erstes Hilfspaket beinhaltet Hilfen im Wert von 750 Milliarden Euro. Hilfsprogramme einzelner Bundesländer und der EU sind hierbei noch nicht inkludiert. In der Folge steigt auch die Staatsverschuldung verschiedener Länder.

Italiens massive Schuldenlast stellte bereits vor Ausbruch der Krise ein Pulverfass da, welches jederzeit zu platzen drohte. Liefert die derzeitige Krise die benötigte Zündenergie, um das Fass explodieren zu lassen und damit den Euro zu zerstören? Sind sogenannte „Corona Bonds“ ein sinnvolles Mittel, um Italiens Staatshaushalt zu stützen? Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins seit Jahren konstant auf dem historischen Tiefstand von 0,00%. Ist eine deutliche Senkung des Leitzinses auf einen Wert von bis zu –5% ein sinnvolles Geldpolitisches Mittel und ließe sich dieser trotz Beibehaltung von Bargeld am Markt durchsetzen? Die Märkte wurden in den letzten Jahren massiv mit neuem Geld durch die Notenbanken geflutet. Welche Konsequenzen bringen diese Maßnahmen mit sich und kann eine weitere Geldflut die Wirtschaft am Laufen halten? Sind Hilfsprogramme und andere wirtschaftspolitische Maßnahmen Deutschlands und anderer einzelner Staaten zur Unterstützung gesunder und unverschuldet in Not geratener Firmen sinnvoll?

Diese und weitere Fragen rund um die Corona Krise möchte ich in der folgenden Arbeit beantworten. Als angehender Wirtschaftswissenschaftler mit einem ausgesprochenen Interesse für volkswirtschaftliche Zusammenhänge, möchte ich von persönlichen medizinischen Einschätzungen Abstand nehmen und meinen Fokus auf die Bewertung vorgeschlagener, geplanter und bereits ergriffener Maßnahmen von Staaten und Notenbanken legen.

2. Wirtschaftspolitische Handlungsspielräume

a. Wirtschaftliche Ausgangssituation

Die Komplexität der durch Corona ausgelösten Wirtschaftskrise wird bisweilen unterschätzt, und beruht auf einem simultanen Angebots- und Nachfrageeinbruch. Das Angebot an Wirtschaftsgütern, ist aufgrund einer durch Krankheit, Quarantäne und dem Schutz von Risikogruppen dezimierten Personalverfügbarkeit, sowie der vielfach eingestellten Produktion aufgrund fehlender Vorprodukte und zum Infektionsschutz, in den vergangenen Wochen massiv eingebrochen. Die Nachfrage nach Gütern ist parallel hierzu ebenfalls außerordentlich gesunken. Dies gilt insbesondere für Hotellerie und Gastronomie, Kultur, Messen und Sportveranstaltungen. Diese vorwiegend durch Selbstständige und Klein- und Mittelbetriebe geprägten Wirtschaftszweige haben mit Umsatzrückgängen von bis zu 100% zu kämpfen. Auch die Nachfrage in anderen Wirtschaftszweigen ist eingebrochen, beispielhaft hierfür steht der chinesische Automobilmarkt, welcher im Februar um 80% einbrach. Viele Konsumenten stellen größere Investitionen aufgrund der wirtschaftlich unklaren Lage bis auf weiteres zurück.

b. Hilfsprogramme / Sofortmaßnahmen

Die richtige Rolle des Staates zur wirtschaftlichen Unterstützung in der derzeitigen Situation ist unter Volkswirtschaftlern umstritten. Ich halte es für erforderlich, die durch die Lahmlegung der Wirtschaft entstandenen Folgen insbesondere für besonders schwer getroffene Unternehmen abzufedern, und damit eine Insolvenzwelle abzuwenden. Nicht jeder Wirtschaftswissenschaftler teilt diese Meinung: Einmischung des Staates gehe grundsätzlich zu Lasten der wirtschaftlichen Effizienz, Unterstützungsleistungen lassen die Staatsschulden steigen und gehen zu Lasten der Steuerzahler, die Unternehmen seien eigenverantwortlich für ihr Risikomanagement verantwortlich – eine im Krisenfall in Aussicht stehende Rettung durch Steuergeld würde Unternehmen wie auch Banken auch zukünftig zur Inkaufnahme unverhältnismäßiger Risiken verleiten.

Ich teile diese Ansichten grundsätzlich, jedoch nicht in der hier vorliegenden Situation. Erstens handelt es sich um eine plötzlich und in diesem Umfang unvermittelt aufgetretene Krise, an deren Anfang wir durch schnelle und zielgerichtete Maßnahmen einen durch kollabierende Unternehmen, Jobverluste und Panik an den Finanzmärkten ausgelösten Abwärtsstrudel verhindern können. Zweitens handelt es sich um die Rettung funktionierender und wettbewerbsfähiger Unternehmen, deren Umsatzausfälle nicht selbstverschuldet, sondern durch im Vorfeld nicht zu erwartende staatliche Anordnungen ausgelöst wurden.

Auf diesen Ausführungen basierend halte ich die von verschiedenen Staaten auferlegten Hilfsprogramme grundsätzlich für richtig. Bei der Schaffung von Hilfspaketen halte ich drei Dinge für essenziell: Die Hilfe muss erstens in massiven Umfang, zweitens schnell und drittens zielgerichtet erfolgen. Deutschland stelle ich hierbei ein weitestgehend gutes Zeugnis aus:

1. Die Maßnahmen fallen mit einem Umfang von 750 Milliarden Euro massiv aus. Das Volumen entspricht beinahe 21,8% des Bruttoinlandsproduktes (BIP 2018: 3,435 Billionen Euro). Sie würden also theoretisch ausreichen, um die Wirtschaftsleistung für elf Wochen komplett zu finanzieren.
2. Die Hilfen werden vergleichsweise unbürokratisch zur Verfügung gestellt und stehen den betroffenen Unternehmen, soweit ich das in meinem persönlichen Umfeld beobachten konnte, nur wenige Tage nach der Beantragung zur Verfügung.
3. Soforthilfen erfordern Nachweise über akut bestehende wirtschaftliche Schwierigkeiten infolge von Corona und stehen Unternehmen nicht zu, sofern wirtschaftliche Schwierigkeiten bereits vor März 2020 bestanden haben. Sie stellen also keine Subvention entgegen marktwirtschaftlicher Vernunft da, wie dies beispielsweise im deutschen Kohleabbau der Fall ist.

c. Kurzarbeitergeld

Als weiteres Wirtschaftspolitisches Instrument, hat der deutsche Staat bereits in der Vergangenheit das Kurzarbeitergeld etabliert. Kann ein Unternehmen seine Mitarbeiter aufgrund voraussichtlich kurzfristiger Auftragsrückgänge oder Umsatzeinbrüche nicht weiter beschäftigen, so steht als Alternative zur Entlassung die Möglichkeit der Kurzarbeit zur Verfügung. Hierbei zahlt der Staat dem Arbeitnehmer für eine begrenzte Zeit 60% des weggefallenen Nettoeinkommens, und verhindert so die Arbeitslosigkeit. Der Erfolg dieser Maßnahme zeigt sich bereits deutlich: In den USA, die nicht über ein vergleichbares System verfügen, gibt es seit März über 30 Millionen Erstanträge auf Arbeitslosengeld. Damit dürfte die Arbeitslosenquote von 3,8% im Februar nach Expertenmeinungen bereits auf 15% gestiegen sein. Da sich die Zahl der Erstanträge für Arbeitslosenhilfe in der Vergangenheit als zuverlässiger Indikator für die kurzfristige Wirtschaftsentwicklung etabliert hat, deutet sich ein dramatischer Konjunktureinbruch an.

Die Arbeitslosenquote in Deutschland hat sich über den März und April von 5,3% auf 5,8% zwar saisonuntypisch aber vergleichsweise nur leicht gesteigert. Sollten von den 10 Millionen Beschäftigten in Kurzarbeit, meinen eigenen Schätzungen entsprechend, ca. 5% nach der Krise nicht mehr in ihre reguläre Beschäftigung zurückkehren können, würde diese Quote um weitere 1,1% steigen.

Insofern es uns gelingt, den regulären Wirtschaftsbetrieb zeitnah wieder in einem möglichst großen Umfang aufzunehmen, kann man bei diesem Instrument von einem großen Erfolg sprechen.

d. Deregulierung der Banken

Ein Einbruch der Kreditversorgung von Wirtschaftsunternehmen muss allgemein, insbesondere jedoch in der aktuellen Situation sichergestellt werden. Es wird in der Folge eines Konjunktureinbruchs zu Kreditausfällen kommen. Beim Verlust von Eigenkapital könnten Banken durch bestehende Kapitalregulierungen zu einer Kündigung von anderen Krediten gezwungen sein. Das würde die von der Krise ausgehenden Gefahren weiter erhöhen. Ich fordere also durch die Bankenaufsicht eine vorübergehende und zeitlich befristete Aufweichung der Regularien. Hierdurch würde das Risiko einer gestörten Kreditversorgung für Unternehmen und Staaten unmittelbar abgewendet.a1

e. Aufweichen des Lockdowns

Meine bisherigen Ausführungen, in welchen ich mich überwiegend positiv zu den durch die Politik initiierten Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft geäußert habe, dürfen über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen:

Die Wirtschaft lässt sich nicht dauerhaft über Staatsausgaben refinanzieren.

Der einzige Weg, die wirtschaftlichen Konsequenzen der Coronakrise dauerhaft abzufedern ist die kontrollierte Wiederinbetriebnahme der wirtschaftlichen Aktivität, bei gleichzeitiger Infektionsvermeidung. Die Abwägung zwischen wirtschaftlichen Interessen und Menschenleben steht mir moralisch nicht zu. Es muss alles dafür getan werden, Zustände wie in Norditalien, im Elsass, oder Spanien zu vermeiden, eine adäquate Gesundheitsversorgung muss für jeden Bürger sichergestellt sein. Dennoch schließe ich mich der Meinung unseres Bundestagspräsidenten, Wolfgang Schäuble an, wonach der Staat seinen Bürgern nicht das Risiko eines natürlichen Todes trotz bestmöglicher medizinischer Versorgung abnehmen kann. Die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Aktivität halte ich also auch unter Inkaufnahme eines kontrollierbaren Anstieges der Infektionszahlen für richtig. Gleichzeitig gilt es durch Vorsichtsmaßnahmen, wie Abstandsgeboten, tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz oder in Geschäften und einer Verlängerung des Verbots von Massenveranstaltungen, ein unkontrollierbares Infektionsgeschehen zu vermeiden. Die wirtschaftlichen Folgen von entfallenden Großveranstaltungen halte ich auch über längere Zeit für tragbar – die volkswirtschaftlichen Kosten, welche durch den momentanen Shutdown entstehen sind es nicht.

Darüberhinausgehend wirkt die deutsche Wirtschaft durch Ihre Schwerpunkte in klassischen Industriefeldern in ihrer Struktur besonders anfällig für wirtschaftliche Konsequenzen durch die aktuelle Krise. Dies bestätigt ein Blick auf die Entwicklung der Aktienkurse über die letzten 6 Monate: Während die großen US-Tech-Konzerne eine V-Korrektur aufzeigen, zeigt sich bei deutschen DAX-Unternehmen überwiegend ein L-förmiger Kursverlauf:

Die wirtschaftliche Entwicklung der großen US-Tech-Konzerne und das hierdurch entstehende Ungleichgewicht der wirtschaftlichen Machtverhältnisse zwischen den Großmächten wird sich durch die aktuelle Situation weiter vergößern. Hier gilt es die nächste große Innovationswelle an Zukunftstechnologien (IoT, AI, Industrie 4.0., Plattformökonomie) zu nutzen, um auf diesen Gebieten zwei bis drei europäische Weltmarktchampions hervorzubringen. Unabhängig von der aktuellen Coronakrise sehe ich die deutsche Politik gefordert, diese Zielerreichung durch die Förderung von Forschungsmaßnahmen in den genannten Themenfeldern, den Abbau bürokratischer Hürden während der Unternehmensgründung, Erleichterungen in der Finanzierung vielversprechender Start Up’s und regulatorischen Beschränkungen bei Firmenübernahmen ausländischer Investoren. Mit einer kontrollierten Lockerung der aktuell geltenden Lockdown Maßnahmen würden wir unsere Industrie in ihrer gegenwertig bestehenden Struktur stützen, und könnten die starke Vergrößerung des Ungleichgewichts in den letzten Wochen vorerst begrenzen.

[...]


1 Vgl. Clemens Fürst, Präsident des Ifo Institutes: Die Coronaepidemie birgt eine unterschätzte Gefahr

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Corona-Krise und die Wirtschaft. Welche geldpolitischen Maßnahmen wären konjunkturell sinnvoll?
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1.7
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V990348
ISBN (eBook)
9783346352972
ISBN (Buch)
9783346352989
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona Unterstützungsprogramme Wirtschaftspolitik Subventionen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Die Corona-Krise und die Wirtschaft. Welche geldpolitischen Maßnahmen wären konjunkturell sinnvoll?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/990348

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