Macht Armut krank? Unterstützungsangebote zur Gesundheitsförderung sozial benachteiligter Menschen


Fachbuch, 2021

87 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesundheitswissenschaftliche Grundlagen
2.1 Gesundheit und Krankheit
2.2 Soziale Determinanten von Gesundheit

3. Soziologische Handlungstheorien und deren Beiträge zur Erklärung von gesundheitsrelevantem Verhalten
3.1 Agency
3.2 Soziologische Handlungstheorien
3.3 Verknüpfung von Agency und Struktur

4. Soziale Lebenslagen und Gesundheit
4.1 Armut und soziale Ungleichheit
4.2 Zusammenhänge von Armut und Gesundheit

5. Die Notwendigkeit von Hilfsangeboten

6. Soziale Arbeit im Kontext von Armut und Gesundheit
6.1 Von der Gesundheitsfürsorge bis zur Gesundheitsförderung
6.2 Gesundheitsförderung
6.3 Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention und die Soziale Arbeit

7. Gesundheitsfördernde und krankheitspräventive Unterstützungsangebote der Sozialen Arbeit
7.1 Frühe Hilfen: Begriffsbestimmung, Leitbild und Leitsätze
7.2 Das Netzwerk KiEZ
7.3 Die Teestube

8. Zusammenfassung

9. Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Verzeichnis der Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © Studylab 2021

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

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1. Einleitung

In Zeiten der Corona-Krise wird noch einmal offensichtlicher, wie viele Menschen von Armut betroffen sind und wie groß die Schere zwischen armen und reichen Menschen ist. Diese wird immer größer. So berichtete die Tagesschau über einen Beitrag der Brookings Institution, welchem nach aufgrund der Covid-19-Krise zahlreiche Haushalte in den USA von einer Nahrungsknappheit betroffen seien. Umfragen zufolge waren bis Ende April mehr als jeder fünfte Haushalt in den USA und zwei von fünf Haushalten mit Kindern unter 12 Jahren von Nahrungsknappheit betroffen. Nahrungsknappheit bedeutet in diesem Kontext, dass den Betroffenen ihre eingekaufte Nahrung nicht ausreichte und sie kein Geld hatten, um sich mehr Nahrung zu kaufen, beziehungsweise dass die Kinder in den Haushalten nicht genug aßen, da die Eltern sich nicht genügend Nahrung leisten konnten. Eine Umfrage, die sich an Mütter mit kleinen Kindern widmete, ergab, dass seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 40,9 Prozent der Mütter mit Kindern unter 12 Jahren von Ernährungsunsicherheit betroffen waren (vgl. Bauer 2020).

Auch in Deutschland hat die Covid-19-Pandemie erhebliche Folgen für die gesamte Wirtschaft und die Bevölkerung. Zahlreiche Menschen haben seit dem Beginn der Pandemie beispielsweise ihren Job verloren. Auch abseits der Corona-Pandemie lassen sich viele Hinweise auf eine Ungleichheit in den Lebensbedingungen der Menschen finden:

Trotz dessen, dass Deutschland zu den wohlhabendsten Ländern der Welt gehört und „über umfassende Systeme der sozialen Sicherung und der medizinischen Versorgung [verfügt]“ (Lampert 2016: 120), besteht zeitgleich eine starke Ungleichheit im Hinblick auf die Lebensbedingungen und die sozialen Teilhabechancen. Diese Ungleichheit hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Hier ist unter anderem besonders auf die hohe und „in bestimmten Bevölkerungsgruppen steigende Armutsbetroffenheit, die fortschreitende Konzentration des Privatvermögens, die Zunahme überschuldeter Haushalte, die Ausweitung von prekären Beschäftigungsverhältnissen, den wachsenden Anteil älterer Menschen mit unzureichender Altersvorsorge, sowie den […] stark ausgeprägten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen“ zu verweisen (vgl. ebd.: 121). Doch Armut und soziale Ungleichheit bleiben nicht folgenlos. Wie beispielsweise die KiGGS-Studie belegt, gibt es Zusammenhänge zwischen Armut und der Gesundheit von Menschen. Armut soll krank machen. Dieser These soll in dieser theoretischen Literaturarbeit verschärft nachgegangen werden. Hierfür sollen Studien und bereits vorliegende Forschungserkenntnisse herangezogen werden. Es werden also keine eigenen Daten erhoben. Hieran angeschlossen soll untersucht werden, inwiefern die Profession der (Gesundheitsbezogenen) Sozialen Arbeit durch Unterstützungsangebote zu einer Verbesserung dieser Umstände beitragen kann. Denn die Profession verfolgt nach ihrem Selbstverständnis das Ziel, soziale Benachteiligungen zu vermeiden und Menschen dazu zu befähigen und zu ermutigen, das Wohlergehen zu verbessern (vgl. DBSH 2016). Bei der Erforschung von Möglichkeiten der Unterstützung zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention bei von Armut betroffenen Menschen soll auf Angebote in der Landeshauptstadt Wiesbaden zurückgegriffen werden. Hieraus ergibt sich folgende Forschungsfrage für diese Arbeit:

„Inwiefern kann die Soziale Arbeit durch Unterstützungsangebote in Wiesbaden zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention bei von Armut betroffenen Menschen beitragen?“

Um diese zu beantworten, ist die Arbeit in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil besteht aus Theorie und widmet sich unter anderem gesundheitswissenschaftlichen Grundlagen und Theorien, um zu erkennen, was Gesundheit ausmacht und wodurch sie beeinflusst wird. Auch sollen soziologische Handlungstheorien betrachtet werden, um nachvollziehen zu können, wie gesundheitsrelevantes Verhalten zustande kommt beziehungsweise beeinflusst wird und in Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken resultiert. Anschließend widmet sich die Arbeit den Zusammenhängen von sozialen Lebenslagen und Gesundheit sowie den Zusammenhängen von Armut und Gesundheit. Hierzu soll der aktuelle Forschungsstand hinzugezogen werden und durch Studien sowie die Sozialraumanalyse der Stadt Wiesbaden untermauert werden. In Anlehnung hieran sollen Gründe erforscht werden, warum Menschen in Armut geholfen werden soll. Hierfür soll auch das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit hinzugezogen und anschließend die Rolle der Profession im Zusammenspiel mit Armut und Gesundheit untersucht werden. Anhand dieser Grundlagen folgt der zweite Teil dieser Arbeit, in dem drei gesundheitsfördernde und krankheitspräventive Angebote der (Gesundheitsbezogenen) Sozialen Arbeit in Wiesbaden vorgestellt und vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Grundlagen aus dem ersten Teil dieser Arbeit und der Forschungsfrage analysiert werden. Anschließend werden weiterführende Fragen, die weiterer Erforschung bedürfen, benannt.

2. Gesundheitswissenschaftliche Grundlagen

2.1 Gesundheit und Krankheit

Für die Begrifflichkeiten „Gesundheit“ und „Krankheit“ gibt es keine einheitlichen Definitionen. „Gesundheit“ und „Krankheit“ können sehr individuell ausgelegt und interpretiert werden – hierzu gibt es nicht nur in den Sozialwissenschaften, sondern auch in der Medizin Diskurse.

So äußert sich Hucklenbroich folgendermaßen:

„Trotz der Einheitlichkeit im Grundansatz der wissenschaftlichen Medizin („Schulmedizin“) hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer deutlicher herausgestellt, dass der allgemeine Begriff der Krankheit, im Sinne der allgemeinen Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit, fundamental ungeklärt und kontrovers ist. Dies betrifft Fragen der Art, ob es überhaupt einen allgemeinen Krankheitsbegriff – im Unterschied zu speziellen Krankheiten im Sinne von Krankheitseinheiten – gibt, ob und wie die Begriffe „Krankheit“ und „Gesundheit“definiert oder anderweitig eindeutig charakterisiert werden können; welche Rolle bei der Charakterisierung dieser Begriffe Werte und Normen spielen; ob die Psychiatrie gegenüber der somatischen Medizin einen eigenen Krankheitsbegriff verwendet und/oder benötigt; und inwieweit ein allgemeiner Krankheitsbegriff soziokulturell invariant ist beziehungsweise nur kulturrelativ formuliert werden kann“ (2007: 77).

Franzkowiak, Homfeldt und Mühlum verstehen unter „Gesundheit“ und „Krankheit“ Begriffe, die sich auf biologische Grundlagen und menschliches Agieren beziehen. Ihrer Meinung nach sind Gesundheit und Krankheit Konstrukte der Gesellschaft, welche durch kulturelle Erwartungen in den Körper der Menschen kulturell integriert sind (vgl. 2011: 25).

Alfons Labisch unterstützt dies durch folgende Aussage:

„Die Normalität des Körpers geht unmerklich in eine Normativität, eine Wertbezogenheit des Körpers über. Im Begriff ´Gesundheit` schlagen die Werte einer Gesellschaft gleichsam an der leiblich-körperlichen Oberfläche der Menschen in die innere Ordnung ihrer Leiblich-/Körperlichkeit um. Die jeweilige Deutung von Gesundheit vermittelt also zwischen den individuellen Körpern der Menschen und den gesellschaftlichen Anforderungen an ein bestimmtes Verhalten, soweit sich dieses in einem unendlichen, jeweils kulturell-zivilisatorisch erklärbaren Spektrum von Möglichkeiten auf biologische Grundlagen menschlichen Verhaltens beziehen lässt. Diese Verhaltenserwartungen werden in ihren Körpern gleichsam verdinglicht.

Damit ist die Stelle markiert, an der sich gesellschaftliche Ordnung in die Ordnung des Leibes verwandelt. Ein „genuines“, sozusagen ´natürliches`, d.h. nicht durch Kultur vermitteltes Körpererleben gibt es nicht“ (1999: 481).

Indem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer und medizinischer Erforschung und Verantwortung gerückt werden und hieraus eine umfassende Gesundheitsversorgung bis hin zum Lebensende resultiert, verschafft sich die Medizin ihre Deutungsmacht über den menschlichen Körper mit der Prophezeiung einer Lebensverlängerung. Andererseits nimmt die Medikalisierung des Lebens auch die Vorstellung über eine selbstverantwortliche Befugnis über den eigenen Körper. Hierbei wird die spirituelle Auslegung von Gesundheit jedoch vergessen. Diese findet ihren Ausdruck durch die Suche nach alternativen Heilmethoden sowie in Bemühungen zur Wiederaneignung des eigenen Körpergeschehens – mit dem Hintergrund, über die eigene Gesundheit und Krankheit stärker bestimmen zu können (vgl. Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum 2011: 26).

Unter der spirituellen Betrachtungsweise von Gesundheit kann man sie nach Hawks et al folgendermaßen verstehen:

Gesundheit wird durch ein hohes Maß an Glauben, Hoffnung und Engagement in Bezug auf eine klar definierte Weltanschauung oder ein Glaubenssystem, das der eigenen Existenz Sinn und Zweck verleiht, bestimmt. Diese Erfüllung umfasst die Verbundenheit mit sich selbst, Anderen und einer höheren Macht oder größeren Gegebenheit1 (vgl. Hawks et al 1995: 373).

Die pathogenetische Perspektive

Erklärungen, die auf einer pathogenetisch-medizinischen und/oder psychiatrischen Betrachtungsweise fußen, erklären Gesundheit durch die Abwesenheit von Krankheit und/oder Störungen. Historisch entspringt das Krankheitsverständnis der modernen Medizin aus einer mechanistischen Betrachtungsweise (vgl. Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum a.a.O.: 61). J. Bengel, R. Schrittmatter und H. Willmann fassen dieses Krankheitsverständnis folgendermaßen zusammen:

Der menschliche Körper sei mit einer Maschine zu vergleichen, „[…] deren Funktionen und Funktionsstörungen verstanden werden können, indem die Organsysteme und -strukturen sowie die physiologischen Prozesse möglichst genau analysiert werden“ (vgl. Bengel, Schrittmatter, Willmann 2001: 16). Durch organische Defekte würden Krankheitssymptome wie körperliche Beschwerden und Veränderungen sowie auch psychische Auffälligkeiten erklärt werden. Aus diesen physiologischen oder anatomischen Defekten würde die tatsächliche Krankheit resultieren. Ziel sei es, Defekte zu erkennen und diese zu beheben. Ob ein Mensch als „krank“ bezeichnet wird, hänge von der Feststellung anatomischer oder physiologsicher Veränderungen ab (vgl. ebd.: 16ff.)

Für die Behandlung von Infektionskrankheiten und die dadurch weltweit gesteigerte Lebenserwartung der Bevölkerung liefert die naturwissenschaftliche Medizin ein historisch erfolgreiches und überzeugendes Rahmenmodell. Bei vielen internistischen und chirurgischen Herausforderungen, wie beispielsweise einem Zwölffingerdarmgeschwür oder dem juvenilen Diabetes mellitus wirken pathophysiologische Diagnosen und Behandlungen. Für die Zuschreibung als Erkrankung und die Einleitung von kausalen Behandlungen sind in allen Fällen naturwissenschaftlich nachweisbare Strukturveränderungen und/oder Funktionsstörungen, die den Organismus betreffen, Voraussetzung. Jedoch reicht diese Perspektive bei den heutzutage chronisch-degenerativen Störungen sowie bei allergisch und autoimmunologisch wirkenden Krankheiten und insbesondere bei den funktionellen beziehungsweise somatoformen psychischen Störungen nicht mehr aus (vgl. Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum 2011: 62).

Die salutogenetische Perspektive

Aaron Antonovsky, der als Begründer des Konzepts „Salutogenese“ gilt, versteht Gesundheit als Prozess. Dies kann als Gegenpol zum Konzept der Pathogenese gesehen werden. Nach Antonovsky gibt es keinen ganz gesunden Menschen. Zudem seien auch in einer sterbenskranken Person noch gesunde Anteile vorzufinden. Weiter sei ein Mensch nicht entweder gesund oder krank, sondern befände sich auf einem Kontinuum, einem Prozess von gesund und krank (vgl. Antonovsky 1997: 2.e2).

Die salutogenetische Perspektive geht der Erforschung gesundheitserhaltender und gesundheitsfördernder Prozesse nach. Sie widmet sich Fragen wie:

„Warum bleiben Menschen trotz zahlreicher alltäglicher Belastungen, krankheitserregender Risikokonstellationen, einer Vielzahl potenziell gesundheitsgefährdender Einflüsse, auch trotz schwerwiegender kritischer Lebensereignisse gesund?

Wie schaffen sie es, sich von Störungen und Erkrankungen wieder zu erholen?

Was zeichnet Menschen aus, die trotz extremer Belastungen nicht psychisch dekompensieren oder somatisch erkranken?“ (Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum a.a.O.: 62).

Nach Antonovsky muss Gesundheit durchgehend in der eingehenden Beschäftigung mit Stressoren (inneren und äußeren Einflüssen) neu aufgebaut werden. Insbesondere generalisierte Widerstandsressourcen sind im Hinblick auf die Salutogenese von Bedeutung, um sich vor Stressoren schützen und diesen zu widerstehen zu können. Diese resilienten Faktoren können die Kraftquellen einer positiven Entwicklung sein. Sie befinden sich in der Person (beispielsweise als organisch-konstitutionelle Immunressourcen, als Bildung, Intelligenz oder Bewältigungsstrategien), im sozialen Nahraum (zum Beispiel als das Gefühl, sich „verortet“ und zugehörig zu fühlen, als soziale Unterstützung und Hilfe, als Erfahren von Vertrauen und Anerkennung sowie als Selbstwirksamkeits- und Kontrollerleben), auf gesellschaftlicher Ebene (beispielsweise als Erfahrung von Anerkennung über Teilhabe an sinnvollen Tätigkeiten oder als materielle und sozial-ökologische Sicherheit wie die Verfügbarkeit über Geld, Wohnung und Arbeit) und auf kultureller Ebene (beispielsweise als Zugang zu kulturellem Kapital im Sinne von tragfähigen Werten und Überzeugungen) (vgl. BMFSFJ 2009: 57).

Der zentrale Baustein der Salutogenese ist das Kohärenzgefühl.

Das Kohärenzgefühl ist die Fähigkeit, Ressourcen zu erkennen, richtige zu aktivieren und für sich nutzbringend einzusetzen. Es wird definiert als „Grundhaltung, die Welt als zusammenhängend, sinnvoll und steuerbar zu erleben“ (Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum a.a.O.: 63). Folgende Aspekte wirken zusammen: die Handhabbarkeit verfügbarer Ressourcen (beziehungsweise die Bewältigungsfähigkeit von Problemen), die Verstehbarkeit der Welt sowie das Gefühl, das Leben als sinnvoll (beziehungsweise als bedeutsam) zu empfinden. Verfügt ein Individuum über ein stabiles Kohärenzgefühl, so hat es das Gefühl, seine eigenen Lebensbedingungen zu einem großen Teil steuern und gestalten zu können. Für die Gesundheitsarbeit sowie die Gesundheitsförderung ergibt sich die Ableitung folgender Annahme: Je stärker die Handlungsbefähigung beziehungsweise das Kohärenzgefühl, desto eher wird der Mensch Stressoren mit positiven Folgen für die Gesundheit bewältigen und sein Leben aktiv selbst steuern (vgl. Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum 2011: 63.).

Im 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung wird der Mensch, in Anbetracht des Kohärenzgefühls, nicht als passives Wesen verstanden, das externen Kräften ausgesetzt ist, sondern als Subjekt, das sein eigenes Leben anhand seiner vorhandenen Bewältigungsressourcen aktiv beeinflussen kann. Es geht also um die Frage, wie der Mensch diesen Prozess steuert und nicht um die Frage nach Belastungen und deren Vermeidung (vgl. BMFSFJ 2009: 60).

Inzwischen zählt das Konzept der Salutogenese zu den einflussreichsten Ansätzen in der Gesundheitsförderung und den Gesundheitswissenschaften. Es wendet sich, integrativ und interdisziplinär, gegen die einseitige Betrachtungsweise auf die Gesundheit aus der Sicht der Pathogenese. Zudem versteht es sich aber auch als „Ergänzung und Korrektiv zur biomedizinischen Krankheitsorientierung“ (Franzkowiak, Homfeldt, Mühlum a.a.O.: 64). Beide Perspektiven fügen sich nach Antonovsky als ein komplementäres Ganzes zusammen. Die daraus resultierende Annahme eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums legte den Weg zu einem integrativen Ansatz beider Perspektiven. Erst diese sich veränderte Perspektive war es, die den zweigeteilten Denkansatz, welcher zu verkürzten Sichten auf beiden Seiten führt, überwand.

Die Salutogenese bietet „eine Meta- und Rahmentheorie für ressourcenorientierte Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention [sowie] eine Legitimation für entsprechende Konzepte und Maßnahmenplanungen“ (ebd.). Weiter legt sie ihren Schwerpunkt auf Selbststeuerung und Agency in spezifischen Lebensverläufen und -kontexten (vgl. ebd.).

Gesundheit nach Fröhlich

Günter Fröhlich setzt sich in seinem Text „Kritik der Gesundheit – Philosophische Überlegungen zu einem überstrapazierten Begriff“ ebenso mit dem Begriff der Gesundheit auseinander. Zu Beginn greift er eine Aussage von Verfassungsrechtler Paul Kirchhof auf, welche dieser in einer Fernsehsendung im Jahre 2007 äußerte:

„Wenn man einen Arzt fragt, was Gesundheit ist, so weiß er es nicht. Wenn man ihn aber fragt, was Krankheit ist und welche Heilmittel da helfen, so weiß er es genau!“

„Ein anderer Bereich ist die Gesundheitsvorsorge. Hier geht es nicht darum, gesund, sondern gar nicht erst krank zu werden beziehungsweise darum, dass man eine bestimmte statistisch irgendwie wahrscheinliche Krankheit nicht bekommt“ (vgl. Fröhlich 2008: 46). Fröhlich kritisiert, dass Ärzte, die sich mit der Pathologie beschäftigen, nicht sagen können, was genau Gesundheit ist, aber dennoch Hinweise geben, wie man sich zu verhalten hat, wenn man „gesund“ sein oder werden will. Ein Arzt könne über den Begriff „Gesundheit“ kaum etwas aussagen, lediglich darüber, wie man eine von ihm diagnostizierte Krankheit sozusagen verliert. Ärzte streben also an, einen Zustand zu erreichen, welchen „er und der Patient als gesund bezeichnen sollten“ (ebd.).

Auch Fröhlich geht auf die medizinische Betrachtung von Gesundheit beziehungsweise Krankheit ein. Der Fokus liegt hier wieder auf der Krankheit und nicht der Gesundheit. Fröhlich stellt sich die Frage, ob Krankheit von Medizinern anhand von Symptomen, welche der Klient hat oder anhand von Daten und beispielsweise Blutwerten festgemacht wird. Nach Fröhlich handelt es sich tatsächlich um definierte Grenzwerte oder relativ genau beschreibbare Veränderungen, die von einer durchschnittlichen Norm aus bestimmt werden. Trotzdem spiele auch die Individualität des Menschen und der angewandten Therapien eine Rolle für den Verlauf der Krankheit. Die Medizin, so Fröhlich, bewertet die Krankheit und nicht die Gesundheit als positiv. Auch er geht auf den subjektiven Faktor von Gesundheit und Krankheit ein. Eine Krankheit zu haben, sei nicht dasselbe, wie sich krank zu fühlen. Für eine diagnostizierte Krankheit müsse es immer eine Therapie geben, wenn es nach den Ärzten ginge. Mit dem Begriff der Gesundheit, wie bereits erwähnt, würden sich die Mediziner schwertun. Deshalb habe es „auch lange Zeit diese negative Definition ´Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit` gegeben“ (vgl. ebd.: 48).

Bereits in der Antike gab es Definitionen, denen nach Krankheit als Mangel angesehen wurde, als „ein sich verselbständigender Teil innerhalb eines systematischen Ganzen des funktionierenden Organismus“. Diese Definitionen würden einen „positiven Zustand reibungslosen Funktionierens“ und damit Gesundheit als Normalzustand voraussetzen.

Fröhlich weist auch auf die Existenz eines Graubereiches hin, demnach es einen fließenden Übergang von Gesundheit und Krankheit gibt (vgl. ebd.).

Die Sichtweise der WHO

Die World Health Organization definiert Gesundheit als ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. Gesundheit ist der WHO nach also ein komplexes, bio-psycho-soziales Zusammenspiel (vgl. Finzen 2018: 40). Diese Definition von Gesundheit wird aber immer wieder kritisiert, unter anderem von Asmus Finzen, welcher sich mit den Begriffen Gesundheit und Krankheit im psychologischen Kontext auseinandersetzt. Er vertritt die These, dass man nie zu 100 Prozent gesund oder krank sei, sondern sich immer in einem schwankenden Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zwischen den Polen „gesund“ und krank befinde (vgl. ebd.).

Im vergangenen Kapitel wurden einige Perspektiven zur Bedeutung der Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ näher beleuchtet. Diese weichen teils stark voneinander ab oder widersprechen sich sogar. Daher ist klar zu erkennen, dass es keine in sämtlichen akademischen oder öffentlichen Kreisen gültige Definition von Krankheit und Gesundheit gibt. Es gilt, je nach Kontext, diese Begrifflichkeiten individuell auszulegen. Auf der Grundlage des Wissens, was man unter Gesundheit und Krankheit verstehen kann, soll nun der Frage nachgegangen werden, inwiefern und durch welche Gegebenheiten das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum positiv in Richtung des Poles Gesundheit beeinflusst und geschoben werden kann.

2.2 Soziale Determinanten von Gesundheit

In der folgenden Abbildung (Abbildung 1) sind die sozialen Determinanten, also die bestimmenden Faktoren von Gesundheit nach Margret Dahlgreen und Göran Whitehead dargestellt.

Dies sind folgende: Zum einen hängen Gesundheit und Wohlbefinden von naturgegebenen Faktoren wie dem Lebensalter, dem biologischen Geschlecht oder den Erbanlagen ab. Diese Faktoren können vom Individuum nicht beeinflusst werden. Jedoch sind die meisten weiteren Faktoren, welche Dahlgreen und Whitehead auf verschiedenen Ebenen dargestellt haben, beeinflussbar.

Auf der ersten Ebene sind dies die persönlichen Verhaltens- und Lebensweisen, wozu beispielsweise Aspekte wie der Konsum von Alkohol oder das Rauchen, sowie die Ernährung oder Bewegung zählen.

Die zweite Ebene stellt die Unterstützung und Beeinflussung durch das soziale Umfeld dar. Hierzu zählen beispielsweise soziale und kommunale Netzwerke.

Die dritte Ebene des Regenbogen-Modells umfasst die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Individuums.

Die letzte, vierte Ebene besteht aus den wirtschaftlichen, kulturellen und physischen Umweltbedingungen (vgl. Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit 2020).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Soziale Determinanten von Gesundheit nach Dahlgreen & Whitehead (1991) Quelle: Oxford Academic

Auf der Grundlage des Wissens um die Phänomene Gesundheit und Krankheit sowie die sozialen Determinanten der Gesundheit soll im folgenden Kapitel auf soziologische Handlungstheorien und deren Beiträge zur Erklärung von gesundheitsrelevantem Verhalten eingegangen werden. Zudem soll hier ein weiteres Modell zur Erklärung von Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken vorgestellt werden.

3. Soziologische Handlungstheorien und deren Beiträge zur Erklärung von gesundheitsrelevantem Verhalten

3.1 Agency

In der Soziologie werden unter dem Begriff „Agency“ Theorieansätze zugeordnet, welche das Handeln von Beteiligten in den Fokus der Untersuchung stellen. Mit der Betrachtung von Agency ist eine theoretische Umorientierung verbunden. Die Fokussierung auf strukturtheoretische Ansätze dagegen ist mit der theoretischen Vermutung verbunden, dass das individuelle Handeln von gesellschaftlichen Makrostrukturen geprägt ist. Gesellschaftliche Prozesse und Strukturen sind, so die Annahme der Agency-Perspektive, aus der Mikroperspektive der Handelnden zu rekonstruieren. Nach diesem Ansatz wird soziale Wirklichkeit in erster Linie durch menschliches Handeln zum Vorschein gebracht, denn es wird davon ausgegangen, dass soziale Sachverhalte durch das individuelle Verhalten erklärt werden können. Max Weber gilt als einer der Begründer dieser Vorstellung. Er definierte die Soziologie als eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in ihrem Ablauf und ihren Wirkungen ursächlich erklären will (vgl. Sperlich 2016: 41). In der deutschen Soziologie dominierten bis in die 1970er-Jahre strukturtheoretische Ansätze. In diesen stand der Einfluss gesellschaftlicher Gefüge auf das individuelle Verhalten im Vordergrund. Die Vorstellung, dass die deutsche Gesellschaft besonders durch eine vertikale Klassen- beziehungsweise Schichtstruktur geprägt ist und das Dazugehören zu einer festgelegten sozialen Position zugleich das individuelle Verhalten determinierte, war leitend für diese Ansätze. „In den 1980er und 1990er Jahren erfolgte ein Paradigmenwechsel hin zu einer handlungstheoretischen Grundlegung, die mit einer stärkeren Subjektorientierung in der Soziologie verknüpft war“ (Sperlich 2016: 42). Mit den Milieu- und Lebensstilkonzeptionen entstanden alternative Sozialstrukturmodelle, welche das Gebilde der sozialen Ungleichheit in modernen Gesellschaften angemessen erfassen und zu mehr Lebensnähe sowie Alltagsrelevanz verhelfen sollten. Strukturelle Ungleichheitsdimensionen wie Bildung, Einkommen oder die berufliche Position waren insbesondere in den Lebensstilkonzepten nicht mehr von so hoher Bedeutung. Stattdessen wurde die strukturgestaltende Kompetenz der individuellen Akteure beziehungsweise Subjekte in den Vordergrund gerückt, sowie Lebensstile als neue Dimension handlungsproduzierter Ungleichheit angesehen. Auch in der Sozialisationsforschung gab es einen Paradigmenwechsel von struktur­theoretischen hin zu handlungstheoretischen Konzeptionen. Hierzu gab es Kritik, die aktive Rolle des Subjektes im Sozialisationsprozess würde keine angemessene Anerkennung bekommen. Folglich entstand in den 1980er und 1990er Jahren das Sozialisationsmodell des „produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts“ (Sperlich 2016: 42). Dieses rückte die aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt in das analytische Zentrum. Ende der 1990er Jahre kam es zu vermehrter Kritik gegenüber den subjektorientierten Sozialstruktur- beziehungsweise Sozialisationsmodellen. Die Neukonzeptionen neigten zu einer Verabsolutierung subjektiver Handlungs- und Sozialstrukturkategorien. Die strukturellen Bedingungen individueller Handlungen und Entscheidungen, so Sperlich, würden dagegen theoretisch vernachlässigt. Dies würde durch die „unkritische Fokussierung auf die dynamische Vielfalt der Lagen, Milieus und Lebensstile“ (Sperlich 2016: 42) sowie die Betonung von Autonomie und Handlungsfähigkeit im Sozialisationsprozess verursacht werden. Zeitgleich stellte sich in der Debatte der Soziologie jedoch heraus, dass es von Vorteil war, die Sichtweise des „leibhaftigen“ Akteurs wieder entdeckt zu haben. Nach dem strukturtheoretischen Leitbild wurden die Individuen nämlich als Opfer abstrakter Mächte der Strukturreproduktion betrachtet. Somit erscheint es am vorteilhaftesten, Agency und Struktur theoretisch zu verknüpfen. So wird das Subjekt einbezogen und die individuelle Autonomie vermieden (vgl. ebd.: 43).

3.2 Soziologische Handlungstheorien

„Handlungstheorien stellen mikrosoziologische Theorieansätze dar, welche die Bedingungen und Wirkungen sozialen Handelns in den Blick nehmen“ (ebd.). Im Zusammenhang von Gesundheit und Krankheit sind verschiedene Handlungsdimensionen von Bedeutung. Verhaltensweisen von gesunden Menschen, welche der Gesunderhaltung und der Vermeidung von Krankheit dienen (sogenanntes Gesundheitsverhalten), werden beispielsweise aus der Agency-Perspektive näher betrachtet. Die Forschung der Gesundheitswissenschaften analysiert Verhaltensweisen jedoch mehr in einer pathogenetischen Sichtweise. Dabei werden jene Verhaltensweisen analysiert, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine spezifische Krankheit zu entwickeln, wie beispielsweise übermäßiger Alkoholkonsum oder Bewegungsmangel. Das Verhalten von Personen, welche bereits Symptome einer Krankheit wahrnehmen sowie aktiv werden und die Symptome abklären lassen, um geeignete therapeutische Maßnahmen einzuleiten (sogenanntes Krankheitsverhalten), umfasst die Agency-Perspektive ebenfalls (vgl. Sperlich 2016: 44).

Was alle Handlungstheorien gemeinsam haben, ist folgende Annahme: Handeln stellt ein beabsichtigtes Tun der Beteiligten dar. Dies schließt ein bewusst rationales sowie auch ein gewohnheitsmäßiges oder an Wertvorstellungen orientiertes Handeln mit ein. In Bezug auf die Autonomievorstellung des Subjekts und hiermit inbegriffen auf die Frage, wie positiv das Handeln der Beteiligten zu bewerten ist, unterscheiden sich die einzelnen Handlungstheorien. Grundlegend sind drei theoretische Ausrichtungen innerhalb der Handlungstheorien zu unterscheiden: Das „normative“, das „individualistische“ und das „interpretative“ Leitbild (vgl. ebd).

Im Folgenden soll kurz erläutert werden, was das normative und das individualistische Paradigma ausmacht. Im Anschluss soll noch auf die Verknüpfung von Agency und Struktur eingegangen werden, um einen handlungstheoretischen Erklärungsrahmen gesundheitlicher Ungleichheit zu beleuchten.

3.2.1 Das normative Leitbild

Nach den Vertretern des normativen Leitbildes lässt sich das Tun der Beteiligten aus übergeordneten Normen, Institutionen und Regeln, einfacher gesagt, aus der sozialen Ordnung ableiten. Der bekannteste Vertreter des normativen Leitbildes ist Talcott Parsons. Nach ihm lasse sich die soziale Ordnung nur erhalten, wenn die Individuen sie freiwillig mittragen. In seiner „voluntaristischen“ Handlungstheorie unterscheidet Parsons drei hierarchisch angeordnete Systeme. Demnach ist das kulturelle System das übergeordnete System der Werte und Normen der Gesellschaft. Das Handeln der Individuen vollzieht sich, nach der normativen Maßgabe des kulturellen Systems, in den einzelnen sozialen Systemen. Hierzu zählen beispielsweise Familie, Beruf oder Vereine. Das Persönlichkeitssystem setzt sich aus der speziellen Gestaltung verinnerlichter Werte und daraus resultierenden Arten des Handelns zusammen. Diese Verinnerlichung von Werten und Normen findet durch das Erleben von Anerkennung beim Befolgen der Normen und Werte, sowie dem Erfahren von Ablehnung bei Missachtung dieser statt. Aufgabe der Sozialisation ist es, Menschen dazu zu bringen, nach gesellschaftlich erwarteten Rollen und Handlungsweisen zu interagieren (vgl. Sperlich 2016.: 44).

3.2.2 Das individualistische Leitbild

Unter diesem Paradigma sind verschiedene Theorieansätze zusammengefasst. All diese Ansätze vereint die Vorstellung, dass sich soziale Phänomene über individuelles Verhalten erklären. Solche sozialen Phänomene sind beispielsweise Institutionen, Normen und soziale Strukturen. Im Unterschied zum normativen Paradigma werden soziale Erscheinungen über absichtsgeleitetes Handeln erklärt. Hartmut Esser (1999) und James Coleman (1991) sind unter anderem Vertreter des Leitbildes. Eine bekannte Theorie ist die der rationalen Entscheidung, die sogenannte Rational-Choice Therapie. Diese schreibt dem Handelnden Subjekt abschätzbares und nutzenmaximierendes Verhalten zu. Die Ziele des Individuums werden von den persönlichen Vorlieben beeinflusst. Aus diesen lassen sich die Bedürfnisse des Menschen ableiten (vgl. ebd.: 45).

Von Wichtigkeit für weitere Entwicklungen ist der Constrained-Choice-Ansatz nach Franz (1986). Demnach wird strukturellen Rahmenbedingungen mehr Wichtigkeit für die individuelle Handlungsentscheidung zugeschrieben. Der Ansatz wird in den Gesundheitswissenschaften verwendet, um aus einer sich am Subjekt orientierenden Sichtweise Handlungsentscheidungen für oder gegen gesundheitsförderliches Verhalten zu erklären (vgl. Sperlich 2016: 45).

3.3 Verknüpfung von Agency und Struktur

In den letzten Jahren wuchs die Kritik gegenüber der einseitigen-subjektivistischen Ausrichtung der Soziologie. Auch in der gesundheits­wissenschaftlichen Forschung gab es kritische Stimmen gegen die Verhältnisprävention, da diese ebenso einseitig an das Individuum und dessen Eigenverantwortlichkeit appelliert. Demnach wird hier in der Optimierung des individuellen Gesundheitshandelns der Schlüssel zu mehr Gesundheit gesehen. Es stellte sich heraus, dass auch, neben der Subjektzentrierung, die strukturellen Handlungsvoraussetzungen betrachtet werden müssen. Hieraus resultieren vermehrt Ansätze, welche versuchen, Agency und Struktur zu verbinden. In Bezug darauf stieg die Bedeutung von Bourdieus Habitustheorie international an (vgl. Sperlich 2016: 46).

Der Habitus kann nach dem französischen Soziologen Bourdieu als ein sozial erworbenes psychisches Dispositionssystem begriffen werden. Dieses beeinflusst das Wahrnehmen, Empfinden und Denken. Betrachtet man den Habitus aus der Dialektik heraus, wird er zum einen als Ergebnis der gesellschaftlichen Verhältnisse und als strukturierte Struktur gesehen. Andererseits ist der Habitus auch strukturierende Struktur, da er diese Verhältnisse reproduziert (vgl. ebd.).

Das Habituskonzept hebt zum einen hervor, dass Interaktionen „jenseits eines ´blinden` Ausübens von Regeln oder Normen von den Subjekten ausgeführt werden“ (Sperlich 2016: 46). Dies wird damit begründet, dass die Handlungen als sinnvoll und situationsangemessen und hiermit auch als rational erscheinen. Auf der anderen Seite werden die Interaktionen nicht als Ausdruck autonomer Subjektivität gesehen, sondern der handlungsleitende „`Praxis-Sinn´ als Resultat der Auseinandersetzung mit der Realität der Gesellschaft. Mit diesen Kriterien kann das Habituskonzept als eine mögliche Interventionsstelle im Sinne eines `Scharniers´ zwischen objektiven Lebensbedingungen und der subjektiven Lebensweise und damit zwischen Struktur und Agency fungieren“ (ebd.: 48).

Abbildung 2 stellt eine solche Verbindung von Agency und Struktur im Zusammenhang von Gesundheit und Krankheit dar. In dieser Skizzierung, die es empirisch noch unter Beweis zu stellen gilt, wird zwischen der makrosoziologischen und der mikrosoziologischen Ebene unterschieden. Die makrosoziologische Ebene stellt die gesellschaftlich ungleich verteilten sozialen, kulturellen und ökonomischen Kapitale nach Bourdieu dar und steckt den allgemeinen strukturtheoretischen Rahmen ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verknüpfung von Agency und Struktur durch den Habitus nach Sperlich. Quelle: Sperlich (2016)

Die mikrosoziologische Ebene umfasst die sogenannte Lebenswelt, den Habitus und die Lebensweise des Individuums. Struktur ist auf der mikrosoziologischen Ebene als sinnlich erfahrbarer Zusammenhang als Lebenswelt repräsentiert. Wichtige Aspekte im Zusammenhang von Gesundheit und Krankheit sind hier vor allem soziale Belastungen wie finanzielle oder familiäre Stressoren, aber auch Ressourcen wie beispielsweise soziale Unterstützung. Die gesundheitsrelevanten, subjektiven Interaktionsweisen werden unter dem Begriff „Lebensweise“ zusammengefasst. Zwischen Struktur und Lebenswelt, sowie Agency und Lebensweise befindet sich als Vermittlungsstelle das Konstrukt des Habitus. Trotz dessen, dass in Bezug auf den Habitus in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung noch keine Konkretisierung theoretischer Begriffe und Hypothesen stattgefunden hat, scheint er an die Vorstellung von Identität anschließbar zu sein. Identität setzt sich nach Sperlich aus speziellen Denk- und Wahrnehmungsschemata sowie kognitiven und emotionalen Ressourcen und Kompetenzen zusammen – „In diesem Sinne können die in der gesundheitlichen Ungleichheitsforschung bereits etablierten Konstrukte, wie ‚Stressbewältigungskompetenzen‘, ‚Selbstwirksamkeitserwartungen‘, ‚Kontroll­überzeugungen‘, oder ‚Kohärenzsinn‘ und insgesamt die Ausstattung mit emotionalen und kognitiven Ressourcen als habituelle Dispositionen bezeichnet werden, die aus der Auseinandersetzung mit den lebensweltlichen Erfahrungen hervorgegangen sind und das soziale Handeln beeinflussen“ (Sperlich 2016: 49).

Nachdem nun zwei Modelle vorgestellt wurden, die sich mit Determinanten von Gesundheit und Krankheit sowie Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken auseinandersetzen, sollen im folgenden Kapitel die Zusammenhänge von Armut, sozialer Ungleichheit und Gesundheit untersucht werden.

4. Soziale Lebenslagen und Gesundheit

Beushausen stellte 2013 fest, dass Gesundheit und Krankheit in nicht unerheblicher Menge von soziokulturellen Zusammenhängen bestimmt sind und diese dahingehend auch „die Konstruktion von Gesundheit und Krankheit beeinflussen“ (vgl. Beushausen 2013: 186). Hiermit wird wieder einmal, wie auch in zahlreichen weiteren Quellen, dieses Zusammenspiel aufgegriffen. Nach Beushausen zeigt eine Reihe von Forschungsergebnissen, dass Gesundheitschancen in unserer Gesellschaft ungleich verteilt sind, was bedeutet, dass der Gesundheitszustand und sozioökonomische Faktoren eng miteinander zusammenhängen. Dies legt er durch den Armutsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2012 dar (vgl. ebd.).

Bevor nun die Zusammenhänge von sozialer Ungleichheit, Armut und Gesundheit untersucht werden, soll auf die Begrifflichkeiten „Armut“ und „soziale Ungleichheit“ eingegangen werden, um einen Rahmen zu schaffen, was hierunter zu verstehen ist und was diese Begrifflichkeiten bedeuten.

4.1 Armut und soziale Ungleichheit

Zum Begriff „Armut“ gibt es eine ganze Reihe von Begriffsbestimmungen und Definitionsversuchen. Jedoch existiert, wie für den Begriff „Gesundheit“ keine einheitliche Definition. So gibt es ebenfalls zahlreiche Armutsbegriffe, -konzepte und -grenzen, wie beispielsweise relative, absolute, ressourcenabhängige, konsumorientierte oder wissenschaftliche Armut. Die Armutsgrenze wird je nachdem, vor welchem Hintergrund man von Armut spricht, individuell ausgelegt (vgl. Strengmann-Kuhn 2003: 13). Die Fachwelt, so Butterwegge, sei sich jedoch weitestgehend einig darüber, dass in wohlhabenden Staaten wie Deutschland davon ausgegangen werden kann, dass es sich um relative und nicht um absolute Armut handelt (vgl. Butterwegge 2010: 19).

Bei der absoluten oder auch der extremen Armut ist die Rede von einem Niveau des Lebensstandards, bei welchem die physische Existenz bedroht ist. Hierbei ist die Ausstattung mit lebensnotwendigen Gütern und Ressourcen sowie der Zugang zu diesen nicht gewährleistet. Hiervon betroffen sind etwa eine Milliarde Menschen aus den sogenannten „Dritte-Welt-Ländern“. Sie leben unter der öffentlich und amtlich erklärten Armutsschwelle, die sich durch weniger als 1,25 US-Dollar Einkommen pro Kopf am Tag auszeichnet. Werner Schönig weist darauf hin, dass es auch Sinn mache, in Deutschland nach einer solchen Definition zu suchen (vgl. ebd.).

Von relativer Armut ist die Rede, wenn eine sehr starke sozialökonomische Ungleichheit herrscht, bei welcher der Lebensstandard der Armen mit dem durchschnittlichen Lebensstandard einer Gesellschaft verglichen wird. Demnach gelten Menschen als arm, wenn sie nur über mangelnde materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen und aus dieser Lebensweise heraus eine Ausgrenzung innerhalb der Gesellschaft entsteht.

Messbar wird die Armut durch verschiedene Indikatoren, welche sich immer wieder verändern beziehungsweise verändert haben, wie zum Beispiel der Bezug von Sozialhilfe- und Asylbewerberregelleistungen. Auch ein Nettoeinkommen, welches unterhalb der Hälfte des durchschnittlichen Haushalts­äquivalenzeinkommens liegt, galt als einer der wichtigsten Armutsindikatoren. Aktuell gelten der Bezug von SGB II- (umgangssprachlich auch „Hartz IV“ genannt) und Asylbewerberregelleistungen sowie ein Einkommen, welches weniger als 60 Prozent des Medianäquivalenzeinkommens beträgt als wichtigste Armutsindikatoren (vgl. Butterwegge 2010: 19).

Im Jahr 2017 waren demnach 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland armutsgefährdet. Die Armutsgefährdungsquote bei Männern lag bei etwa 15,2 Prozent und damit etwas niedriger als bei den Frauen (16,8 Prozent). Zwischen den Altersgruppen gab es kaum Unterschiede – bei den unter 18-jährigen lag die Armutsgefährdungsquote bei 14,5 Prozent und demnach nur 3,7 Prozentpunkte unter der Quote der älteren Menschen (65. Lebensjahr und Ältere). Arbeitslose Menschen sind am meisten armutsgefährdet. 69,3 Prozent der Arbeitslosen in Deutschland waren 2017 betroffen. Zum Vergleich: unter den Erwerbstätigen waren es 9,1 Prozent und bei Personen im Ruhestand 18,7 Prozent.

Die Armutsgefährdungsquote bei Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand ist ebenfalls höher als beim Bevölkerungsdurchschnitt: während die Quote bei Personen mit niedrigem Bildungsstand bei 30,5 Prozent lag, waren es bei Menschen mit mittlerem und hohen Bildungsstand 16,2 und 9,6 Prozent.

Als weitere Gruppen besonders armutsgefährdeter Personen gelten Menschen in Haushalten von Alleinerziehenden sowie Alleinlebende. Hier lag die Armutsgefährdungsquote bei 33,8 und 30,4 Prozent. Bei Haushalten von zwei Erwachsenen und zwei Kindern waren es lediglich 8,1 Prozent (vgl. bpb 2019).

Soziale Ungleichheit und Armut bedingen sich gegenseitig:

Nach Jens Dangschat ist „soziale Ungleichheit“ die Menge der Unterscheidungen in einer Gesellschaft nach sozialen Merkmalen die

a) „zu unterschiedlichen sozialen Positionen führen […],
b) unterschiedliche Lebenslagen nach sich ziehen, dadurch
c) eine unterschiedliche individuelle und kollektive Teilhabe an Entwicklungschancen sowie knappen und begehrten Gütern einräumen, verstärkt dadurch, dass
d) sich deren Träger unterschiedlich im Raum positionieren“ (Dangschat 2007: 875).

Neben sich angeeigneten Merkmalen wie dem Einkommen, dem Vermögen, der Bildung, der Berufsposition, sowie der Macht, der Herrschaft oder dem Ansehen einer Person beziehungsweise einer Personengruppe sind weitere, „zugeschriebene“ Merkmale der sozialen Ungleichheit, beispielsweise das Geschlecht, die Ethnie sowie die Wohn-, die Arbeits- und die Freizeitbedingungen. In einer Gesellschaft werden die Ausprägungen dieser Dimensionen unterschiedlich, im Sinne eines „oben“ sowie eines „unten“ bewertet. Die Veränderung von sozialen Gruppen und Personen im Gefüge der Sozialen Ungleichheit wird als soziale Mobilität bezeichnet (vgl. Dangschat 2007: 875.).

Die etablierteste Kategorie, um soziale Ungleichheit zu beschreiben, ist die Kategorie „Schichten“. Diese geht auf Überlegungen von Max Weber zu Ständen (Status), sozialen Klassen und Parteien zurück. Heute gelten diese als Vorläufer von Lebensstilkonzepten. In Westeuropa setzte sich das wohlfahrtsstaatliche, keynesianische Nationalstaatsmodell durch. Dessen Ziel war es, soziale Ungleichheit abzubauen. Heute wird diese Sichtweise vom Neoliberalismus kritisiert.

Anfang der 1980er-Jahre folgte in West-Deutschland ein Paradigmenwechsel. Neben der Klasse und dem Stand wurden neue soziale Ungleichheiten wie Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder Religion ausgemacht. Dadurch sollte unter anderem der Einfluss der Berufsposition auf die Gestaltung der sozialen Ungleichheit überwunden werden (vgl. ebd.). Unter anderem aufgrund der Schwierigkeit, nicht-erwerbstätige Menschen zuzuordnen und der wachsenden Bedeutung aktualisierter Formen der sozialen Ungleichheit wurde „soziale Ungleichheiten“ erstmals in der Mehrzahl verwendet.

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1 Deutsche Übersetzung nach A. Treiber

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Macht Armut krank? Unterstützungsangebote zur Gesundheitsförderung sozial benachteiligter Menschen
Autor
Jahr
2021
Seiten
87
Katalognummer
V990664
ISBN (eBook)
9783960959717
ISBN (Buch)
9783960959724
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheit, Soziale Arbeit, Armut, Sozialarbeit, Gesundheitsfürsorge, KiEZ, Frühe Hilfen, Salutogenese, Resilienz, Chancengleichheit, soziale Ungleichheit
Arbeit zitieren
Annemarie Treiber (Autor), 2021, Macht Armut krank? Unterstützungsangebote zur Gesundheitsförderung sozial benachteiligter Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/990664

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