Die Perceptual Theory nach William James. Emotionen als Wahrnehmungen körperlicher Reaktionen?


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die Philosophie der Emotionen

2 Die Emotionstheorie von William James
2.1 Die James-Lange-Theorie
2.2 Die modifizierte Fassung

3 Die Gegenposition von Walter B. Cannon

4 Die Vor- und Nachteile der Emotionstheorie nach William James

5 Neo-jamesianische Theorien: Facial-feedback-Hypothese

Konklusion

1 Einführung in die Philosophie der Emotionen

Die Philosophie der Emotionen erstreckt sich beinahe über die gesamte Menscheinheitsgeschichte. Das emotionale Leben eines jeden einzelnen Menschen ist umfassend und variabel, vor allem aber sehr schwer zu ergründen.

Emotionen stellen ein zentrales Phänomen in unserem Leben dar. Zunächst wird dies unterstrichen durch die Häufigkeit des Erlebens von Emotionen; sie sind präsent und begleiteten unser alltägliches Leben. Zweitens intensivieren Emotionen das Ausmaß der persönlichen Bedeutsamkeit von Ereignissen oder Erlebnissen. Zuletzt, wie in einigen Emotionstheorien bestätigt, können Emotionen Handlungsimpulse liefern oder diese selbst darstellen (vgl. Meyer 2001: 11).

Seit jeher widmeten sich Philosophen der Thematik der Emotionen und ergründeten diese auf verschiedenste Weise; bereits klassische Philosophen wie Platon oder Aristoteles befassten sich umfassend mit dieser Thematik (vgl. Döring 2009: 12).

Die Verschiedenheit der Epochen und Jahrhunderte prägte selbstverständlich auch die Verschiedenheit der Emotionsphilosophie, da unter anderem unterschiedliche Erkenntnisinteressen herrschten. Die theoretische Auseinandersetzung mit Emotionen begann beispielsweise erst im 17. Jahrhundert.

Es ist jedoch festzustellen, dass die Philosophie bezüglich der Gefühlsproblematik in den letzten Jahren eine Renaissance erfuhr. Zurückzuführen ist dies vermutlich auf die Fusion verschiedener Wissenschaften, welche hier ineinandergreifen. Gefühle oder Emotionen sind nun auch Bestandteile der psychologischen, biologischen und neurologischen Forschungen (vgl. Moser 2013: 20).

William James ermöglichte die Integration von Physiologie in die Emotionsphilosophie und ergründet so eine Art der Interaktion zwischen Körper und Geist. Diese Arbeit wird sich mit genau diesem Ansatz der Emotionstheorie beschäftigen, einer sogenannten: „Perceptual theorie“.

2 Die Emotionstheorie von William James

2.1 Die James-Lange-Theorie

William James, Psychologe und Philosoph aus dem 19. Jahrhundert, veröffentlichte im Jahr 1884 seine Arbeit „What is an Emotion“ (vgl. Meyer 2001: 133). Die zentrale Aussage der Arbeit, dass Emotionen die Empfindung körperlicher Veränderungen darstellen, widersprach der allgemeinen Auffassung von Gefühlen.

Unabhängig von James veröffentlichte der dänische Physiologe Carl Lange sein Werk „Ueber Gefühlsbewegungen“ nur ein Jahr später. Die Kernaussagen der beiden Werke stimmten wesentlich überein, weshalb die Theorie der Emotionen beider häufig als „James-Lange Theorie“ bezeichnet wird (vgl. Meyer 2001: 136).

Die alltägliche, kognitivistische Auffassung der Emotionen beschreibt körperliche Veränderungen als Folge einer Emotion. Das Geschehen einer erregenden Tatsache, z.B. der Tod einer geliebten Person löse demnach direkt die Emotion Trauer aus, worauf folgend eine körperliche Reaktion, wie z.B. Weinen, auftrete.

William James versucht diese Auffassung zu wiederlegen, indem er zu beweisen versucht, dass der „emotionale Prozess“ sich nicht von anderen sensorischen Gehirnprozessen unterscheide und letztlich eine Kombination verschiedener sensorischer Prozesse darstelle (vgl. James 1184: 188).

James führt an, dass emotionales und nichtemotionales Erleben sich lediglich in der Art des Erlebens unterscheidet. Metaphorisch beschreibt er emotionales Erleben als „warm“, nichtemotionales Erleben wiederrum als „kalt“ (vgl. Meyer 2001: 137).

In seiner Theorie beschränkt sich James auf sogenannte Standard Emotionen, da lediglich diese festzustellende körperliche Veränderungen auslösen können. Dazu gehören Liebe, Hass, Freude, Kummer, Zorn, Scham und Stolz. Intellektuelle, ästhetische oder moralische Gefühle, wie Dankbarkeit oder Erleichterung, werden als feinere Gefühle beschrieben und von der Theorie der Emotionen ausgeschlossen (vgl. James 1884: 189).

Zunächst führt James an, dass die körperlichen Veränderungen innerhalb emotionalen Erlebens intensiver und komplizierter seien, als man zunächst annehme (vgl. James 1884: 1191). „That the heart-beats and the rhythm of breathing play a leading part in all emotions whatsoever, is a matter too notorious for proof.” (James, 1884: 192) – es seien jedoch noch zahlreiche weitere Organe und Muskeln in das emotionale Erleben verwickelt.

Die Blutgefäße, die Blase, der Darm; aber auch willkürliche Muskelbewegungen. Bei Depressionen agieren die Beugemuskeln, bei Hochstimmung würden die Streckmuskeln stimuliert (vgl. James 1884: 192).

Weitergehend, sei jede körperliche Veränderung im Augenblick des Eintretens bewusst oder unbewusst spürbar. James appelliert an den Leser, dass man diese Veränderungen an sich selbst beobachten kann, auch wenn es nur kleinere Veränderungen sind. Beispielhaft dafür seien Bewegungen mit den Augen und den Brauen, wenn man in Sorge ist, oder Regungen im Rachenbereich bei Empfindung von Scham. Diese leichten Veränderungen ließen auf größere Veränderungen bei intensiverem Erleben schließen (vgl. James 1884: 193).

James verbindet Instinkte eng mit Emotionen, indem er behauptet, dass Objekte, welche Instinkte auslösen, auch Emotionen auslösen. Emotionen unterscheidet er jedoch von Instinkten. Instinkte stehen im Gegensatz zu Emotionen mit dem erregenden Objekt in Beziehung, Emotionen daher enden innerhalb des Subjekts, des Fühlenden (vgl. James 1884: 193).

Ein darauf folgendes Gedankenexperiment untermalt die These, dass der Körper ein notwendiges Erfordernis für Emotionen darstelle:

„What kind of an emotion of fear would be left, if the feelings neither of quickened heart-beats nor of shallow breathing, neither of trembling lips nor of weakened limbs, neither of goose-flesh nor of visceral stirrings, were present, it is quite impossible to think.“ (James 1884: 194).

Emotionen können demnach nicht vom Vorhandensein des Körpers der empfindenden Person getrennt werden; Trauer ohne physiologischen Zusammenhang sei lediglich „eine gefühllose Erkenntnis, dass bestimmte Umstände bedauernswert sind [… ]“ (James 1884: 1994; Original übersetzt).

Weitergehend begründet James, dass die Vielfalt der körperlichen Veränderungen die Grundlage für unser emotionsreiches Erleben darstellt. Er vertritt, dass Emotionen unabhängig einer evaluativen Einstellung oder Überlegung entstehen. Wir fürchten uns vor dem Bären, ohne zuvor diese Begegnung zu kategorisieren. Die Emotion Furcht sei unabhängig von der tatsächlichen Bedrohung (vgl. James 1884: 196). Um diese Mechanismen zu untermauern verwendet James ein Erlebnis aus seiner Kindheit:

„[W]hen a boy of seven or eight, at fainting when he saw a horse bled. The blood was in a bucket, with a stick in it, and [… ] he stirred it round and saw it drip from the stick with no feeling save that of childish curiosity. Suddenly the world grew black before his eyes, his ears began to buzz, and he knew no more. He had never heard of the sight of blood producing faintness or sickness [… ]“ (James 1884: 197).

Obwohl er zuvor nicht wusste, dass das Erblicken von Blut Ohnmacht auslösen könne, erlebte er diese körperliche Veränderung als Reaktion auf die entsprechende erregende Tatsache. Die Vielfalt körperlicher Veränderungen sowie die Kombination dieser spiegeln unsere emotionale Vielfalt; jeder Emotion liegen jedoch bestimmte Muster zugrunde, welches charakteristisch für diese Emotion ist. Nicht jede Emotion sei in ihrer Manifestation für uns erkennbar, da einige Emotionen innerhalb unserer Organe stattfinden, über welche keine willentliche Kontrolle herrschen kann (vgl. James 1884: 198).

Ein weiterer Aspekt in James Werk „ What is an Emotion?“ besteht in der Annahme, dass willkürlich herbeigeführte körperliche Reaktionen Einfluss auf die Emotionen haben. Beispielhaft dafür sei die Intensivierung der Panik durch Flucht oder die Tatsache, dass Trauer durch jeden „fit of sobbing“ (James 1884: 198) akuter würde.

Ein weiterer Beleg James für die Priorität von körperlichen Veränderungen bei gefühlter Emotion besteht in der Implikation der Pathologie. In pathologischen Fällen sei das Erleben einer Emotion auch ohne ein spezifisches Objekt möglich. Wenn jemand Atembeschwerden, Magenkrämpfe oder Herzflattern erleidet, empfinde er aufgrund dieser körperlichen Veränderungen Angst. Das bewusste Erleben des physischen Zustandes ist in diesem Fall intentional als Auslöser für das Erleben der Emotion verantwortlich ( vgl. James 1884: 199).

Das Erleben körperlicher Veränderung, Reaktionen des autonomen Nervensystems, stelle nach James also das Erleben einer Emotion dar. Die körperlichen Veränderungen beschränken sich hierbei jedoch auf unwillkürliche, viszerale und willkürliche instrumentelle Reaktionen (vgl. Meyer 2001: 140).

2.2 Die modifizierte Fassung

Nach der Publikation seines Werkes musste William James sich einigen Kritikern stellen (z.B. Dewey, 1894; Lehmann, 1892; Worcester, 1893; Wundt, 1891) (Meyer 2001: 146). Daraufhin beschloss James sein Werk zu präzisieren, und veröffentlichte 1894 eine modifizierte Fassung.

Die wesentlichen Kritikpunkte, welche Überarbeitungen bedurften, waren „(1) der Prozess der Emotionsentstehung, (2) die Bedeutung willkürlicher Handlungen für das emotionale Erleben sowie (3) die Frage, was an körperlichen Veränderungen eigentlich spezifisch ‚emotional‘ sei“ (Meyer 2001: 146).

Die Emotionsentstehung wurde dahingehend kritisiert, dass der evaluative Prozess fehle: Die Furcht vor dem Bären entstehe nicht durch die Wahrnehmung und unmittelbar folgende körperliche Reaktion, sondern durch eine weiterte, eingeschobene Instanz, welche die Bewertung des Bären darstellt (vgl. Meyer 2001: 147).

James entgegnete in seiner modifizierten Fassung, dass Emotionen nicht lediglich durch die Wahrnehmung einer erregenden Tatsache, sondern vielmehr durch die Idee des lebenswichtigsten Elementes einer Gesamtsituation hervorgerufen würden; d.h.

„Der gleiche Bär kann uns in der Tat entweder zum Kampf oder zur Flucht anregen, in Abhängigkeit davon, ob er eine überwältigende Idee nahe legt, dass er uns tötet , oder aber, dass wir ihn töten.“ (James 1894: 518).

Ein weiterer Kritikpunkt Worcesters betraf die Annahme, dass Emotionen auf bestimmten willkürlichen Reaktionen oder unwillkürlichen viszeralen Reaktionen beruhen. Er führt an, dass eine bestimmte Emotion verschiedene Handlungen hervorrufen kann, und daher nicht die körperliche Grundlage von Emotionen darstellen könne. James musste daraufhin einräumen, dass die viszeralen Reaktionen die wichtigsten Konstituenten der körperlichen Reaktionen darstellen (vgl. Meyer 2001: 149f).

Zuletzt entgegnet James der Kritik, dass die Emotionalität viszeraler Reaktionen unbegründet sei. Nach James gäbe es zwar viszerale Prozesse, welche keine Emotionalität beinhalten, jedoch seien diese isoliert und eingrenzbar. Emotionen seien Empfindungen von ausgebreiteten und diffusen körperlichen Veränderungen, welche teilweise nicht lokalisierbar seien (vgl. Meyer 2001: 150).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Perceptual Theory nach William James. Emotionen als Wahrnehmungen körperlicher Reaktionen?
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V990817
ISBN (eBook)
9783346354013
ISBN (Buch)
9783346354020
Sprache
Deutsch
Schlagworte
perceptual, theory, william, james, emotionen, wahrnehmungen, reaktionen
Arbeit zitieren
Lara Witt (Autor:in), 2019, Die Perceptual Theory nach William James. Emotionen als Wahrnehmungen körperlicher Reaktionen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/990817

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