Die Darstellung Kants in Alan Musgraves Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus


Hausarbeit, 2000

18 Seiten


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Die Darstellung Kants in Alan Musgraves Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus

0. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um das Kapitel „Kant und das synthetische Apriori“ in Alan Musgraves Buch „Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus“1. Im ersten Teil dieser Arbeit soll zunächst die Problemstellung und die Gesamtkonzeption dieses Buches kurz vorgestellt werden, um die Position, die Kant in diesem Konzept einnimmt, deutlich zu machen. Danach soll im zweiten Teil Kants Lösungsvorschlag für die Problemstellung eingehender erläutert werden, um letztlich der Frage nachzugehen, ob Kants Lösungsvor- schlag akzeptabel ist, oder aufgrund der von Musgrave geäußerten Kritik verworfen wer- den muss.

1. Die Konzeption von „Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus“

Alan Musgraves Buch soll eine Einführung in die Erkenntnistheorie sein und ist deswegen auf der einen Seite historisch orientiert, wie schon der Untertitel „Eine historische Einfüh- rung in die Erkenntnistheorie“ verrät. So folgt auch die Struktur des Buches im Grossen und Ganzen dem Verlauf der erkenntnistheoretischen Philosophiegeschichte, beginnend bei dem altgriechischen Skeptiker Sextus Empiricus über den Beginn der neuzeitlichen Philosophie mit Empirismus und Rationalismus bis hin zu modernen Wahrheitstheorien des 20. Jahrhunderts. Auf der anderen Seite liegt aber das Hauptaugenmerk dieses Buches gerade nicht in einer philosophiegeschichtlichen Darstellung, sondern es verfolgt einen durchgängig problemorientierten Ansatz, der die Philosophiegeschichte nach Antworten auf eine im ersten Kapitel als „Problem der Erkenntnis“2 skizzierte Problemstellung ab- klopft. Dabei soll das Buch „durchgehend eine Argumentation für eine bestimmte erkennt- nistheoretische Position [enthalten]: nämlich den fallibilistischen oder kritischen Realis- mus3. Dies ist auch der Grund dafür, dass dieses Buch weder einen Anspruch auf philoso- phiegeschichtliche Vollständigkeit erhebt, noch streng chronologisch vorgeht, sondern sich vielmehr in seiner Struktur danach richtet, wie die einzelnen Argumente in einen Zusam- menhang gestellt werden können.

Musgrave versucht also mit der Hilfe von ausgesuchten Personen bzw. Theorien der Philosophiegeschichte eine erkenntnistheoretische Position zu entwickeln und darzustellen von der er glaubt, dass sie eine akzeptable Antwort auf das eingangs geschilderte Problem der Erkenntnis bieten kann. Um die Position Kants in dieser Argumentation deutlich zu machen muss also kurz die Problemstellung, sowie die zu entwickelnde Antwort darauf skizziert werden.

1.1 Das Problem der Erkenntnis

Die Fragestellung, in der das dem Buch zugrundliegende Problem formuliert werden könnte ist Musgrave zufolge folgende:

„Können wir irgend etwas erkennen?

Wenn dies möglich ist, welche Art von Dingen können wir erkennen? Und wie können wir es erreichen, sie zu erkennen?“4

Diese Formulierung ist tatsächlich so allgemein, dass man sagen kann, sie liege prinzipiell einer jeden Erkenntnistheorie zugrunde. Um jedoch an den einzelnen Erkenntnistheorien mit dieser Problemstellung zu arbeiten, muss sie präzisiert werden. So versucht das erste Kapitel genauer darzustellen, was eigentlich unter „erkennen“ verstanden werden kann.

Etwas zu erkennen heißt demnach, dass man anschließend Wissen über das hat, was man erkannt hat. Diese Feststellung führt folgerichtig zu der präziseren Fragestellung, wann man von „Wissen“ oder „gesichertem Wissen“ sprechen kann. Hierzu entwickelt Musgrave drei Bedingungen die erfüllt sein müssen, damit man der „traditionellen Auffas- sung“ nach von Wissen sprechen kann, bzw. eine Aussage der Form „ A weiß, dass P “ rich- tig ist:

„(1) A glaubt, dass P;

(2) P ist wahr;

(3) A kann seinen Glauben, dass P, rechtfertigen“5

Diese Auffassung, die „Wissen“ als gerechtfertigten wahren Glauben6 definiert, legt Musgrave - trotz einiger Einwände am Rande - seiner Auseinandersetzung mit den verschiedenen Erkenntnistheorien zugrunde und greift sie später in etwas modifizierter Form explizit auf, um den fallibilistischen Realismus zu begründen.

Das Ganze heißt nun „ Problem der Erkenntnis“, weil es eine Reihe skeptischer Ein- wände gibt, die vor allem von der dritten Bedingung des Wissens bestreiten, dass sie eintreten kann. Diesen skeptischen Einwänden zufolge gibt es nichts, was einen solchen Glauben rechtfertigen könnte. Allen voran wird die Wahrnehmung als Rechtfertigungsinstanz bestritten, mit der Begründung, dass sie Täuschungen unterliegen könne. Es ist daher kein Zufall, dass genau diese dritte Bedingung des Wissens in der fallibilistischen Definition in veränderter Form auftaucht.

1.2 Der fallibilistische Realismus

Die erkenntnistheoretische Position, die Musgrave „fallibilistischer Realismus“ nennt, be- ruht auf der Falsifikationstheorie von Sir Karl Popper. Dieser Theorie nach kann man einen Glauben dadurch begründen oder rechtfertigen, dass er ernsthafter Kritik widerstanden hat. Unter einer ernsthaften Kritik versteht Musgrave hierbei den Versuch diesen Glauben durch Gegenbeispiele zu falsifizieren. Wenn ein Glaube oder eine Überzeugung nicht durch solche ernsthaften Versuche widerlegt werden kann, so hat man einen guten Grund diese Überzeugung für wahr zu halten, auch wenn man sie nicht stichhaltig im strengen Sinne beweisen kann. Diese Position enthält zwar auf der einen Seite „eine große Dosis Skeptizismus“7, ist aber vor allem gegen die Behauptung gerichtet, die von den meisten Skeptikern geteilt wird, dass ein Glaube, der nicht gewiss sei, ein unvernünftiger oder irra- tionaler Glaube sei. Nach Musgraves Argumentation kann aber ein Glaube auch dann rati- onal und vernünftig sein, wenn er ungewiss ist, nämlich genau dann, wenn er ernsthafter Kritik in dem eben dargestellten Sinne widerstanden hat. So kommt er schließlich zu der veränderten Auffassung von Wissen:

A weiß, dass P genau dann, wenn

(1) A glaubt, dass P,

(2) P wahr ist und

(3) A gerechtfertigt ist, P zu glauben.“8

Hier sei hinzugefügt, dass mit „gerechtfertigt“ in der dritten Bedingung genau gemeint ist, dass P ernsthaften Versuchen widerstanden haben soll, P zu widerlegen.

Dieser erkenntnistheoretischen Position liegt notwendiger Weise eine realistische These zugrunde: Wenn Musgrave die skeptischen Einwände akzeptiert, dass die Wahrnehmung uns kein sicheres Wissen über die Wirklichkeit liefern könne, so akzeptiert er implizit auch, dass diese Wirklichkeit außerhalb von uns und unabhängig von unserem Denken existiert. Genau diese These der Denkunabhängigkeit der Wirklichkeit kann man als Kernthese des Realismus definieren, „genauer: dass die Existenz und die Beschaffenheit der Wirklichkeit nicht davon abhängen, was Menschen [...] darüber denken [...] können.“9 Musgrave nennt also seine Position mit gutem Recht „fallibilistischer Realismus “, und in der Tat spielt diese realistische These eine entscheidende Rolle bei der Auseinandersetzung mit Kant, wie später gezeigt werden soll.

1.3 Die Position Kants in der Argumentation Musgraves

Musgrave beginnt seine Argumentation mit skeptischen Einwänden gegen die von ihm „naiver oder direkter Realismus“10 genannten Position, die behauptet, dass wir mit unseren Sinnen einen unmittelbaren und unfehlbaren Zugang zur Außenwelt hätten, bzw. die Dinge unmittelbar so wahrnehmen wie sie wirklich sind11. Gegen diese Position führt Musgrave „skeptische und wissenschaftliche Argumente“ an - beispielsweise in Form von Wahr- nehmungsirrtümern -, die „diese Auffassung ruiniert [haben]“12 sollen. So findet seine weitere Darstellung philosophischer Theorien in direkter Auseinandersetzung mit den skeptischen Einwänden statt. Nachdem Musgrave dann die neuzeitlichen empirischen The- orien von Locke, Berkeley und Hume dargestellt und kritisiert hat, führt seine Argumenta- tion zur „rationalistischen Alternative“13, in der er auch Kant ansiedelt.

Musgrave will zeigen, dass die empiristischen Theorien die skeptische Einwände nur zu einem sehr hohen Preis besiegen konnten. Sie versuchten die Sinne als sichere Quelle des Wissens zu retten, mussten jedoch zum Teil den Realismus aufgeben.14 So sollten die Sin- ne nun nicht mehr Quelle sicheren Wissens über die Außenwelt, sondern über Ideen sein, weshalb Musgrave die verschiedenen Positionen unter dem Begriff Ideismus zusammen- fasst. Er kritisiert, dass die Theorien keine neuen Erkenntnisse bringen, sondern das Wis- sen auf „Erscheinungen“, „Ideen“ oder „Sinnesdaten“ beschränken, und das Problem zwi- schen Erscheinung und Realität damit eher verschärfen als es zu lösen - sieht man einmal von Berkeley ab, der dieses Problem dadurch löst, dass er den Realismus gänzlich aufgibt und den Ideismus zum Idealismus ausweitet, so dass er die Existenz einer außerhalb von uns existierenden materiellen Realität bestreitet. Von dieser Auffassung sagt Musgrave jedoch, dass sie zum einen dem Alltagsverständnis von Realität widerspricht und zum an- deren nicht mit neueren Theorien in anderen Wissenschaften - allen voran Darwins Evolu- tionstheorie und die erfolgreichen Vorhersagen von Naturgesetzen durch die physikali- schen Wissenschaften - vereinbar ist. Musgrave räumt ein, dass die Theorie damit zwar nicht widerlegt ist, entgegnet jedoch, dass diese Argumente zeigen, dass die theoretische Position nicht besonders attraktiv ist.15

Deshalb setzt Musgrave sich im folgenden mit Theorien auseinander, die nicht mehr die Sinne als Quelle sicheren Wissens verteidigen wollen, sondern glauben, dass sie mit dem Verstand ein Werkzeug gefunden hätten, dass ihnen sicheres Wissen ermöglicht, so dass Musgrave sie „[d]ie rationalistische Alternative“16 nennt. Vor allem Descartes versuchte den Zweifel der Skeptiker zur Methode zu machen und systematisch alles auszuschließen, was irgendwie angezweifelt werden könnte, um mit den nicht anzweifelbaren Aussagen eine Grundlage für gesichertes Wissen zu haben. Als sicheres Wissen sollten deshalb nur Aussagen gelten, die entweder selbst-evident sind, oder sich auf selbst-evidente Aussagen zurückführen lassen. Abgesehen davon, das auch Selbst-Evidenz als Wahrheitskriterium angezweifelt werden kann17, hat diese Theorie den Nachteil, dass sie entweder auf tautolo- gische Aussagen über die Welt beschränkt ist, oder aber wie Descartes über einen Zirkel- schluss die Existenz Gottes beweisen muss, um die Verlässlichkeit der Sinne zu garantie- ren, damit auch diese letztlich gesichertes Wissen liefern können.

Diese Probleme der empiristischen, wie der rationalistischen Theorien hat auch Kant gesehen und versuchte eine vermittelnde Position zwischen beiden Theoriesträngen zu entwickeln. Er führte diese Probleme darauf zurück, dass sich beide Theoriestränge mit jeweils einer Erkenntnisquelle des menschlichen Geistes getrennt befassten, die Rationalis- ten mit den Begriffen des Verstandes und die Empiristen mit den Anschauungen der Sinn- lichkeit, und behauptete, dass die Begriffe des Verstandes ohne Anschauungen leer seien, die sinnlichen Anschauungen aber ohne Begriffe blind.18 Kant wollte also ergründen, wie sich beide Erkenntnisquellen miteinander verbinden lassen, gerade weil er sowohl der Sinnlichkeit, als auch dem reinen Verstand äußerst kritisch gegenüberstand. Er untersuch- te, welche Erkenntnis möglichkeiten sowohl Sinnlichkeit als auch Verstand dem Menschen geben, d. h. was sich mit sinnlichem Anschauungsvermögen und rationalem Verstand ü- berhaupt gesichert erkennen lässt. Musgrave bezeichnet Kants Vorschlag dennoch als Ver- such einer neuen rationalistischen Theorie, weil er zu beweisen versucht, wie „synthetische Urteile a priori [möglich sind]“19. In der Tat hat gerade Kant die strikte Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Urteilen, sowie zwischen Urteile a priori und Urteilen a posteriori verfochten:

Unter analytischen Urteilen versteht Kant dabei Urteile, die das Wissen über den Ge- genstand nicht erweitern. Analytische Aussagen sind entweder der bloßen Form halber wahr, oder aber aufgrund der Bedeutung ihrer Worte, in dem Sinn, dass das Prädikat eines Aussagesatzes definitorisch in seinem Subjekt enthalten ist20, wie in dem Beispiel „Alle Junggesellen sind unverheiratet“. Ein synthetisches Urteil ist hingegen ein Urteil, dass die Kenntnisse über das Subjekt erweitert. In einem synthetischen Aussagesatz wird das Sub- jekt durch ein Prädikat erweitert, dass nicht in diesem enthalten ist, wie in dem Beispiel: „Das Fenster ist schmutzig“.

Mit Urteilen a posteriori sind Urteile gemeint, zu denen man aufgrund mittelbarer oder unmittelbarer Erfahrung gelangt, sie sind empirische Urteile, die sich auf gemachte Erfah- rungen und somit auf Vergangenes beziehen. Solche Urteile können nach Kant nicht not- wendig wahr sein, sondern höchstens komparative Allgemeingültigkeit besitzen. Hierbei bezieht er sich vor allem auf David Humes Kritik am induktiven Schließen, die besagt, dass man selbst nach einer unendlichen Anzahl von gleichförmigen Beobachtungen nicht darauf schließen kann, wie die zukünftig zu erwartenden Beobachtungen aussehen. Im Gegensatz dazu sind Urteile a priori Urteile, zu denen man nicht durch Erfahrung gelangt, sondern, die allein durch die Vernunft gewonnen werden. Apriorische Urteile besitzen strenge Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit.21

Kant besteht darauf, dass wissenschaftlich gesichertes Wissen - vor allem im Bereich der Naturwissenschaft - notwendig wahr sein muss, weil es Vorhersagen liefern soll. Des- wegen soll es auf apriorischen Urteilen basieren, die diese Notwendigkeit garantieren. Da die Wissenschaft natürlich auch das Wissen erweitern soll, müssen die Urteile aber auch synthetisch sein. Die logische Konsequenz daraus ist für eine Erkenntnistheorie die Frage „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“22.

Es ist also durchaus berechtigt, dass Musgrave Kant den Rationalisten zuordnet, weil gesichertes Wissen bei Kant nur auf apriorische Urteilen, auf Urteilen, die unabhängig von jeder Erfahrung sind, basieren kann. Solche apriorischen Urteile sind letztlich nur durch den Verstand (die Ratio) zu erreichen, selbst, wenn sie das „Anschauungsvermögen“, bzw. die „reine Sinnlichkeit“ betreffen.

2. Kants Lösungsvorschlag

Kant geht in seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“, also von einer etwas anderen Fragestellung aus als Musgrave. Zwar geht es ihm auch dar- um sicheres Wissen zu begründen, jedoch geht es Kant nicht in erster Linie um die Abwehr skeptischer Einwände gegen sicheres Wissen, sondern darum Naturwissenschaft und Me- taphysik auf eine sichere wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Dieser unterschiedliche Ausgangspunkt führt zu einer unterschiedlichen Herangehensweise: Kant will den Weg zur Wissenschaftlichkeit von Metaphysik und Naturwissenschaft begründen und geht davon aus, dass wissenschaftliche Erkenntnis, also gesichertes Wissen möglich ist. Er orientiert sich deshalb an anderen Wissenschaften, von denen er behauptet, dass sie es zur Wissen- schaftlichkeit gebracht hätten, namentlich die Wissenschaft der Logik, die Mathematik und der newtonschen Physik, und versucht zu ergründen, wie sie es zu dieser Wissenschaft- lichkeit gebracht haben. Er will zeigen, wie synthetische Urteile a priori möglich sind, und geht dabei systematisch davon aus, dass es solche Urteile gibt, die gesichertes Wissen lie- fern, und behauptet, dass die Mathematik Beispiele für synthetisch apriorisches Wissen liefert.

So soll im Folgenden gezeigt werden, wie Kant in Analogie zu den ‚erfolgreichen Vernunftwissenschaften’ eine „Revolution der Denkart“23 für notwendig hält, um die Wissenschaftlichkeit einer zukünftigen Metaphysik zu begründen..

2.1 Die Analogien zu anderen Vernunftwissenschaften

Eine Wissenschaft muss nach Kant zwei Symptome aufweisen können, um tatsächlich als wissenschaftlich gelten zu können: Sie muss einen kontinuierlichen Wissensgewinn vor- wiesen können, und ihre Vertreter müssen sich einig in Bezug auf die Methode und die Grundsätze der Wissenschaft sein.24 Beide Symptome kann jedoch die Metaphysik nicht aufweisen, die „vielmehr ein Kampfplatz ist“25, auf dem genau um die Grundsätze und die Methode gestritten wird, so dass es keinen kontinuierlichen Wissensgewinn geben kann.

Kant stellt der Metaphysik drei Wissenschaften gegenüber, welche die Kriterien einer Wissenschaft seiner Ansicht nach erfüllen:

So beruht die Wissenschaftlichkeit der aristotelischen Logik darauf, dass ihr Gegenstandsbereich eindeutig begrenzt und nicht besonders vielfaltig ist, so dass „sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint.“26

Die Mathematik hat ihre Wissenschaftlichkeit durch eine Revolution der Denkart gewonnen: Mathematiker beobachten ihre Objekte nicht, sondern ermitteln ihr Wissen aus a) der Definition des Objekts und b) einer Konstruktionsleistung des Subjekts.

Die Physik hat ebenfalls eine Revolution der Denkart zur Wissenschaftlichkeit gebracht: Anstelle der reinen Beobachtung ihrer Objekte tritt das Experiment, dass auf einer Hypothese gegründet ist, die auf den Grundsätzen dieser Wissenschaft beruht.

In Analogie zu den letzteren Beiden fordert Kant nun, dass es auch in der Metaphysik eine Revolution der Denkart stattfinden muss, um deren Wissenschaftlichkeit zu begrün- den.

2.2 Die Revolution der Denkart

Kant stellt fest, dass die beiden „Revolutionen der Denkart“ von Mathematik und Physik einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben: Beide beruhen darauf, dass die Wissenschaften ihren Gegenständen nicht mehr bloß beobachtend gegenüber stehen und versuchen aus diesen Beobachtungen Erkenntnisse abzuleiten. Sie setzen hingegen den Gegenständen ihrer Untersuchung theoretische Bedingungen voraus, nach denen sich die Gegenstände - als Objekte der Sinne - zu richten haben.

„Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.“27

Wenn also ein Physiker versuchte, rein aus seinen Beobachtungen physikalische Erkennt- nisse abzuleiten, so könnte er nach Kant keine Wissenschaftlichkeit für seine Erkenntnisse beanspruchen. Solche Erkenntnisse nämlich hätten allenfalls Wahrscheinlichkeitscharakter, da sie auf induktiven Schlüssen basierten. Solche Schlüsse sind jedoch nach Kant für eine Wissenschaft unzulässig, da sie keine notwendigen Erkenntnisse hervorbringen können. Er bezieht sich dabei vor allem auf die Schriften David Humes, von dem er sagt, er habe ihn (Kant) mit seiner Kritik der Induktion aus seinem dogmatischen Schlummer erweckt28: Hume hatte behauptet, dass induktive Schlüsse ungültig seien, weil sie nicht mit der Ver- nunft zu rechtfertigen seien. Hume behauptete weiter, dass Menschen zwar von Natur aus dennoch induktiv schließen, ohne groß darüber nachzudenken, dass diese Schlüsse aber unvernünftig seien. Kant stimmt ihm in diesem Punkt zu und folgert daraus, dass induktive Schlüsse keine Wissenschaftlichkeit beanspruchen können. Auf das Beispiel des Physikers bezogen bedeutet das, dass er die These „Eine Kugel, die auf einer im 45° Winkel schrägen Fläche platziert wird, rollt hinunter.“ niemals dadurch wissenschaftlich beweisen kann, dass er schon bei 1000 oder 10000 oder noch mehr Kugeln beobachtet habe, dass sie auf dieser Fläche herunterrollen. Ein solches Argument wäre logisch ungültig, weil die Kon- klusion nicht rein nach formalen Regeln aus den Prämissen folgt:

(1) Kugel 1 rollt die 45° Schräge hinunter.

(2) Kugel 2 rollt die 45° Schräge hinunter. (3-999) usw.

(1000) Kugel 1000 rollt die 45° Schräge hinunter.

(K) Alle Kugeln rollen die 45° Schräge hinunter.

Musgrave fügt dieser Argumentation hinzu, dass sie selbst durch eine zusätzliche Prämisse der Form „Die Zukunft gleicht der Vergangenheit“ oder „Unbeobachtete Fälle gleichen beobachteten Fällen“ nicht zu retten sei, da diese zusätzliche Prämisse wieder nur durch Induktion bewiesen werden könnte und so in einer unendlichen Abfolge von Induktionen enden würde.29

Die mathematische Physik hat aber ihren Gang zur Wissenschaft nach Kant dadurch geschafft, dass sie nicht länger induktive Aussagen aus Beobachtungen abgeleitet hat, son- dern aus ihren Grundsätzen - die Kant für apriorisches Wissen hält - heraus Hypothesen aufstellt, die dann durch Experimente ü berprüft werden können. Dabei dient als wissen- schaftlicher Beweis die Ableitung aus den Grundsätzen heraus, das Experiment dient ledig- lich der Überprüfung, die auf eventuelle Fehler in der Ableitung hindeuten könnte. Die Grundsätze, auf denen das Experiment basiert, können allerdings nicht durch das Experi- ment widerlegt werden, da sie dem Experiment als Bedingung zugrunde liegen; ein Expe- riment dass diesen Grundsätzen widerspräche wäre kein richtig durchgeführtes Experi- ment. Musgrave gibt hierfür das einleuchtende Beispiel eines Chemiestudenten, der be- hauptet, er habe durch ein Experiment das Gesetz der Erhaltung der Materie widerlegt: Sein Lehrer würde ihm wohl entgegnen, dass er irgendetwas falsch gemacht haben müsse, weil das Gesetz der Erhaltung der Materie eine Bedingung eines richtig durchgeführten chemischen Experiments ist.30

Kant meint dabei, dass diese Wissenschaften ihren Untersuchungen ihre Erkenntnisbe- dingungen voraussetzen und dadurch den Weg zur sicheren Wissenschaft geschafft haben, weil nur durch das Voraussetzen der Erkenntnisbedingungen notwendige Erkenntnisse möglich werden.

„[D]er Verstand schöpft seine Gesetze [...] nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.“31 Bei dieser Formulierung muss man allerdings darauf achten, dass hier ein veränderter Naturbegriff bei Kant vorliegt, nachdem die Natur nicht etwa die denkunabhängige Außenwelt ist, sondern die Welt der Erscheinungen. So hängen denn auch die Naturgesetze von den menschlichen Erkenntnisbedingungen ab.

Was Kant nun als Revolution der Denkart für die Metaphysik fordert liegt auf der Hand: Sie soll sich zunächst mit den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung beschäf- tigen, d.h. das Erkenntnisvermögen des Verstandes selbst untersuchen. Die „Kritik der reinen Vernunft“ soll eine „Kritik [...] des Vernunftvermögens überhaupt“32 sein, in der die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung aufgezeigt werden sollen, nach denen sich eine jede zukünftige Wissenschaft richten soll. Damit wird der Bereich in dem Wissen- schaft möglich ist, auf das beschränkt, was in der Möglichkeit von Erfahrung liegt: Sie ist auf die Welt der Erscheinungen beschränkt. Alle Dinge die jenseits der Möglichkeit von Erfahrung liegen, wie zum Beispiel Gott oder die Dinge-an-sich, wie sie unabhängig von unserer Betrachtung existieren, sind damit prinzipiell von einer wissenschaftlichen Unter- suchung ausgeschlossen, weil keine notwendig wahren Aussagen über sie möglich sind, also keine wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis über sie gewonnen werden können.

2.3 Das synthetische Apriori

Musgrave verweist auf ein gutes Beispiel von Bertrand Russel dafür, wie man sich die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung vorstellen kann:

„Stellen wir uns eine Gruppe von Leuten vor, die alle mit rosa Brillen auf die Welt gekom- men sind. Sie können diese Brillen nicht entfernen und sie können auch nicht sehen oder auf andere Weise erfahren, daß sie sie haben. Wegen dieser Brillen sehen sie nun alles leicht ro- sa gefärbt. Sie glauben nun, daß die Welt rosa ist. Und diese Aussage trifft auf die Welt zu, wie sie sie sehen, oder auf die Welt der Erscheinung. Die Weise, in der die Dinge solchen Wesen erscheinen, ist teilweise durch die Welt selbst verursacht und teilweise durch die ro- safarbenen Brillen, durch die sie die Welt sehen. Sie sind nicht imstande, ihre Brillen zu ent- fernen und zu der Welt zu gelangen, wie sie an sich beschaffen ist.“33

Diese Geschichte soll zeigen, wie abhängig die gemachten Erfahrungen von den Bedin- gungen der Möglichkeit von Erfahrung ist. Wenn diese Wesen behaupten die Welt sei rosa, so ist das zwar richtig, wenn sie damit ihre Wahrnehmungen oder Ideen von der Welt mei- nen, also die „Welt der Erscheinung“, wenn sie aber mit dem Satz „Die Welt ist rosa.“ eine Aussage über die von ihnen unabhängige Welt machen wollen, über die „Dinge, wie sie an sich selbst betrachtet sind“, so irren sie offensichtlich. Kant würde ihnen deshalb vorschla- gen, dass sie sich zunächst ihrem Erkenntnisvermögen selbst widmen sollen, die Bedin- gungen der Möglichkeit ihrer Erfahrung ergründen sollen, um solche Irrtümer zu vermei- den. Diese Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung dürfen natürlich nicht aus Erfah- rungen abgeleitet werden, da man ansonsten entweder induktiv schließen oder aber einen Zirkelschluss hinnehmen müsste, sondern sie müssten unabhängig von der Erfahrung, a priori erschlossen werden. Wenn diese Wesen a priori feststellen könnten, dass sie rosa Brillen trügen, so könnten sie eine Naturwissenschaft begründen, in der sie mit wissen- schaftlicher Notwendigkeit beweisen könnten, dass die Natur - im kantischen Sinn als Welt der Erscheinungen - rosa beschaffen sei. Musgrave bemerkt an dieser Stelle zurecht, dass der Gedanke ausgesprochen schwierig ist, dass diese Wesen herausfinden sollen, dass sie rosa Brillen vor den Augen haben, ohne dass die diese jemals erfahren können.34 Kant jedoch behauptet, dass er genau dies in der Kritik der reinen Vernunft für das menschliche Erkenntnisvermögen geleistet hat. Kant meint, dass wir allen Erfahrungen eine räumlich- zeitliche Struktur, sowie eine kausale Struktur aufprägen, ähnlich, wie die Wesen allen Erfahrungen die Farbe Rosa aufprägen.35 Er nennt deshalb Raum und Zeit Anschauungs- formen oder auch reine Anschauung; das, was Musgrave als kausale Strukturen bezeichnet, nennt Kant reine Verstandesbegriffe.

Um nachvollziehen zu können wie Kant die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung zu beweisen versucht, soll hier am Beispiel der Anschauungsform, bzw. reinen Anschauung Raum exemplarisch dargestellt werden, wie Kant argumentiert.

2.4 Beispiel: Der Raum als Anschauungsform

Kant nennt Raum und Zeit reine Anschauungen, weil sie auf der einen Seite keinerlei kon- kreten Inhalt haben, sie sind nicht von empirischen Erfahrungen abgeleitet, sondern sind diesen empirischen Erfahrungen vorausgesetzt und sind deswegen rein. Kant glaubt, dass man zu der reinen Anschauungen dadurch gelangt, dass man von der konkreten Erschei- nung jeden Inhalt abziehen soll, d.h. dass man von allen Eigenschaften, die der Verstand der Erscheinung zuschreibt, sowie allen konkreten Sinneseindrücken abstrahieren soll, so dass nichts anderes übrig bleiben soll als die allgemeine räumliche Gestalt und zeitliche Ausdehnung:

„So, wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit etc. imgleichen, was davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe etc. absondere, so bleibt mir aus der empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet.“36

Er versucht dabei zu beweisen, dass Raum- und Zeitvorstellung 1. a priori sind, 2. allen äußeren Erscheinungen zugrunde liegen und 3. keine Begriffe sondern Anschauungen sind. Dabei weist er darauf hin, dass eine Vorstellung von Raum immer zugrunde liegen muss, damit man überhaupt auf etwas außerhalb von sich Bezug nehmen kann. Sie liegt damit jeder Bezugnahme und damit auch jeder Erfahrung von äußeren Gegenständen zugrunde und kann nicht aus diesen abgeleitet sein: Die Raumvorstellung muss deswegen a priori sein. Weiter argumentiert er, dass die Raumvorstellung nicht nur eine apriorische, sondern auch eine notwendige Vorstellung ist, was bedeutet, dass es niemandem gelingen wird sich etwas vorzustellen, was nicht räumlich ist: Daraus folgt, dass eine Vorstellung von Räumlichkeit allen äußeren Erscheinungen zugrunde liegt. Schließlich will Kant noch zeigen, dass die Vorstellung von Raum kein Begriff (des reinen Verstandes) sein kann sondern zur Sinnlichkeit gehört, Teil des Anschauungsvermögens ist. Die allgemeine Vor- stellung von Raum kann im Gegensatz zu Begriffen nicht in Teil- oder Unterräume aufge- teilt werden: Jeder dieser Teil- oder Unterräume bliebe immer räumlich, also läge jedem Teil die allgemeine Vorstellung von Raum schon zugrunde. Die ursprüngliche Vorstellung von Raum wird nach Kant außerdem gedacht, „als ob er eine unendliche Menge von Vor- stellungen in sich enthielte“37. Im Gegensatz dazu können die Begriffe des Verstandes niemals Vorstellungen in sich haben, es können ihnen nur Vorstellungen zugeordnet wer- den. Für die allgemeine Vorstellung von Zeit gelten nach Kant analog genau dieselben Argumente. Raum und Zeit sind somit die Formen, die jeder Anschauung zugrunde liegt, Raum- und Zeitvorstellung sind die Bedingungen der Möglichkeit von Anschauung. Zugleich sind sie Produkt der Einbildungskraft und somit selbst Anschauung, reine An- schauung, unabhängig von jeder sinnlichen Erfahrung. Somit sind die Vorstellungen von Raum und Zeit der Menschen nach Kant durchaus vergleichbar mit den rosa Brillen der Wesen aus Russels Geschichte: Sie sind wie die rosa Farbe der Welt nicht den äußerlichen Dingen der Welt eigene Eigenschaften, sondern werden von den Wahrnehmenden auf die Welt projiziert.

2.5 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kants Vorschlag zur Lösung des „Problems der Erkenntnis“ darin besteht, die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnissen darzustel- len. Diese Bedingungen führen bei Kant auf der einen Seite dazu, dass die Erkenntnis selbst auf die „Welt der Erscheinungen“ reduziert werden - er ist somit Ideist -, auf der anderen Seite werden jedoch genau in der Welt der Erscheinungen wissenschaftlich gesi- cherte Aussagen möglich. Die Reduzierung des Begriffs „Natur“ auf die Welt der Er- scheinungen schließt zwar einerseits viele Dinge, wie Gott und die Dinge-an-sich von einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise aus, ermöglicht aber andererseits gesi- chertes synthetisch apriorisches Wissen über die Natur. Musgrave macht dies an einem sehr einleuchtenden Beispiel von einem Fischer deutlich, der ein Fischernetz aus zwei Zoll großen Maschen benutzt: Er kann mit Gewissheit sagen, ohne jemals einen Fisch gefangen zu haben, dass jeder Fisch, den er fängt, größer als zwei Zoll sein muss, dass also alle für ihn fangbaren Fische größer als zwei Zoll sind.38 Er kann also eine synthe- tisch apriorische Aussage über fangbare Fische treffen. Ebenso wie das Fischernetz die Bedingungen der Möglichkeit des Fischfangs dem eigentlichen Fischfang vorausgibt, glaubt Kant nun, dass die Anschauungsformen Raum und Zeit, sowie die Begriffen des reinen Verstandes (die Kategorien), die Bedingungen der Möglichkeit von naturwissen- schaftlicher Erfahrung sind und der eigentlichen Naturwissenschaft vorausgesetzt werden müssen.

3. Die Kritik Musgraves an Kant

Musgraves setzt mit seiner Kritik an Kant nicht bei der eigentliche Argumentation Kants an, sondern versucht vielmehr die Folgen zu beleuchten, die man hinnehmen müsste, wenn man Kants Theorie akzeptierte. Die Form von Idealismus, die mit dieser Theorie verbunden ist, nennt er einen schweren Preis den man zu zahlen habe.39 Musgrave kriti- siert, dass die kantische Naturwissenschaft über die Natur nur Aussagen treffen kann, die sich nicht auf eine denkunabhängige Wirklichkeit beziehen, sondern auf ‚Produkte’, die durch die ‚eigene Sinnlichkeit’ und den ‚eigenen Verstand’ produziert wurden.

„Kants apriorische Naturgesetze sind tatsächlich Gesetze über etwas, was teilweise unser eigenes Werk ist, eine ‚Welt der Erscheinungen’, die unsere ‚Sinnlichkeit’ und unser ‚Verstand’ zu schaffen helfen. In der Tat beziehen sich alle synthetischen Aussagen auf diese ‚Welt der Erscheinungen’ oder ‚Welt der (menschlichen) Erfahrung’.“40

In der tat sieht auch Kant ein, dass seine Theorie eine Form von Idealismus darstellt, den er „transzendentalen Idealismus“ nennt41, grenzt sich jedoch scharf von dem Idealis- mus Berkeleys ab, der eine materielle denkunabhängige Wirklichkeit bestreitet. Kant hin- gegen beharrt darauf, dass es diese denkunabhängige Realität in Form der Dinge-an-sich gibt, er bestreitet nur, dass sich diese wissenschaftlich untersuchen ließe. So gibt er Objek- tivität der Naturwissenschaften zugunsten einer Intersubjektivität auf42, ohne jedoch die Objektivität der Wirklichkeit selbst anzuzweifeln, sie entzieht sich ‚lediglich’ einer wis- senschaftlichen Betrachtungsweise. Kant geht davon aus, dass alle Menschen prinzipiell über den gleichen Sinnes- und Verstandesapparat verfügen, so dass die kantischen natur- wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich inter subjektiv und damit eventuell auch pragmatisch nutzbar sind. Musgrave wendet hier jedoch zurecht ein, dass Kant ein Beweis dafür fehlt, dass alle Menschen die gleichen Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung haben.43

Musgrave wendet weiter ein, dass diese ‚Dinge-an-sich’ „sehr merkwürdige Dinge“ seien, da sie weder Qualitäten oder Eigenschaften hätten und zu dem nicht in Raum und Zeit existieren sollen.44 Hier könnte man jedoch zugunsten Kants einwenden, dass die „Kritik der reinen Vernunft“ kein ontologisches Werk ist, also nicht das Sein oder die E- xistenz der Dinge-an-sich oder der denkunabhängigen bzw. denkabhängigen Welt bewei- sen oder beschreiben will, sondern die Grundlage einer wissenschaftlichen Betrachtung der Natur sein soll, und dass sich diese Dinge-an-sich Kant zufolge gerade nicht wissen- schaftlich betrachten lassen. Musgrave hat sicher recht damit, dass es schon sehr seltsam erscheint, über etwas nichts anderes aussagen zu können, als dass es existiert, hier macht sich jedoch der vorher angesprochene unterschiedliche Ausgangspunkt bemerkbar: Kant geht in gewisser Weise von einem Alltagsverständnis der Realität aus, in dem unsere Sin- neseindrücke irgendwie von Gegenständen affiziert werden, er sagt aber, dass man über diese Gegenstände nichts mit wissenschaftlicher Gewissheit aussagen kann, weil die Sin- neseindrücke sowie die Begriffe, die wir uns von den Gegenständen machen, maßgeblich durch unser Erkenntnisvermögen beeinflusst werden. Diese Position wird in Kants Prole- gomena deutlich, in der er seine Theorie mit den sekundären Eigenschaften Lockes ver- gleicht:

„... so wenig wie der so die Farben nicht als Eigenschaften, die dem Objekt an sich selbst, sondern nur dem Sinn des Sehens als Modifikation anhängen, will gelten lassen, darum ein Idealist heißen kann: so wenig kann mein Lehrbegriff idealistisch heißen bloß deshalb, weil ich finde, daß noch mehr, ja alle Eigenschaften, die die Anschauung eines Körpers ausma chen, bloß zu seiner Erscheinung gehören: denn die Existenz des Dinges, was erscheint, wird dadurch nicht wie beim wirklichen Idealismus aufgehoben, sondern nur gezeigt, daß wir es, wie es an sich selbst sei, durch Sinne gar nicht erkennen können.“45

Musgrave weist hier jedoch auf das sehr starkes Gegenargument hin, dass die Dinge-an- sich die Erscheinungen nicht wie bei Locke verursachen können, „da die Kausalität eine Kategorie ist, die auch nur auf Dinge zutrifft, wie sie von uns erfahren werden.“46

Musgrave wendet weiter gegen Kant ein, dass seine Philosophie tiefgreifend vor- darwinistisch sei und er nicht erkläre ob und wie nicht-menschliche Wahrnehmende, z.B. Tiere, Erfahrungen haben können. Es erscheint ihm hierbei auf der eine Seite unplausibel, dass auch Tiere denselben Kategorienapparat haben sollen wie Menschen, auf der anderen Seite ebenso unplausibel, dass Tiere keine Erfahrungen haben sollen. Hier muss man je- doch zugunsten Kants einwänden, dass es ihm um die Grundlage einer Natur wissenschaft, also um die Grundlage wissenschaftlicher Erfahrung geht und nicht um einen allgemeinen Erfahrungsbericht. Kant würde beispielsweise wohl kaum ausschließen wollen, dass eini- ge Menschen Gotteserfahrungen gemacht haben, jedoch entzieht sich die Gotteserfahrung seiner Meinung nach einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise, da die Bedingungen der Möglichkeit von naturwissenschaftlicher Erfahrung - räumliche und zeitliche Einordnung usw. - bei solchen Erfahrungen nicht gegeben sind.

Ein letztes eher indirektes Argument Musgraves gegen Kant besitzt dagegen eine etwas stärkere Durchschlagskraft, obwohl es sich gar nicht konkret mit der Theorie Kants beschäftigt: Die Newtonschen Gesetze sowie das Gesetz zur Erhaltung der Materie, die Kant für synthetisch-apriorisches, also unumstößliches Wissen hielt, werden von der modernen Physik nicht mehr geteilt, so dass entweder in der kantischen Theorie irgendetwas falsch sein muss, oder aber dass die Physik Rückschritte gemacht hat, wobei letzteres doch angesichts ihrer Erfolge sehr unwahrscheinlich erscheint.

4. Fazit

Musgrave hat keine Argumente, die zwingend gegen Kants Theorie sprechen. Er hat aber auch gar nicht den Anspruch Kants Theorie zu widerlegen, sondern will nur zeigen, dass die Theorie eine ganz Menge Nachteile mit sich bringt, die sich vielleicht mit seinem Ge- genentwurf aus der Welt schaffen ließen. Musgraves fallibilistischem Realismus kann man sicherlich zugute halten, dass es mit dieser Theorie gelingt, einen Realismus beizu- behalten, der dem Alltagsrealismus relativ nahe steht, wohingegen Kants Theorie auf ei- nen Idealismus hinausläuft, der mit dem Alltagsrealismus nur schwer vereinbar ist. Musgrave gibt zwar die Unfehlbarkeit des Sinnesapparates auf, räumt also ein, dass die Sinne einen täuschen können, beharrt aber darauf, dass es im großen und ganzen richtig ist, was der Sinnesapparat über die Außenwelt berichtet. Dies bedeutet allerdings nicht, dass uns die Sinne auch alles berichten, was es zu berichten gibt, sondern lediglich, dass sie sich in dem, was sie uns berichten relativ selten täuschen47.

Andererseits kann Kants Theorie einen starken Begriff von Wissen für sich verbuchen, welcher der traditionellen Auffassung von gesichertem Wissen entspricht, d.h. dass man sich in dem, was man weiß auch tatsächlich nicht täuschen kann. Musgrave hingegen muss seinen Wissensbegriff abschwächen, so dass er einräumen muss, dass ein gerechtfer- tigter Glaube auch dann noch eine Täuschung sein kann, wenn er ernsthafter Kritik wider- standen hat.

An dieser Stelle ließe sich also weiter mit der Frage ansetzen, welche der aufgegebenen Positionen schwerer wiegt, der Realismus oder der starke Wissensbegriff, eine Frage, die sicherlich im Rahmen dieser Hausarbeit nicht abschließend behandelt werden kann.

5. Literaturverzeichnis

HÖFFE, OTFRIED: Immanuel Kant. München 1993.

KANT, IMMANUEL: Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart 1995.

MUSGRAVE, ALAN: Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus. Eine historische Einführung in die Erkenntnistheorie. Übers. Von Hans und Gretl Albert.

WILLASCHEK, MARCUS (Hrsg.): Realismus. Paderborn 2000.

[...]


1 MUSGRAVE, ALAN: Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus. Eine historische Einführung in die Er- kenntnistheorie. Übers. Von Hans und Gretl Albert. Thüringen 1993. Im folgenden kurz: Musgrave 1993.

2 Ebd. S. 1.

3 Ebd. S. VII.

4 Musgrave 1993. S.1.

5 Ebd. S.3.

6 Vgl. Ebd. S.3.

7 Musgrave 1993. S. 280.

8 Ebd. S. 289.

9 WILLASCHEK, MARCUS (Hrsg.): Realismus. Paderborn 2000. S. 10.

10 Musgrave 1993. S.280.

11 Vgl. Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd. S.180.

14 Vgl. Ebd. S.281.

15 Vgl. Musgrave 1993. S.147.

16 Ebd. S.180.

17 Vgl. Ebd. S.196f.

18 Vgl. KANT, IMMANUEL: Kritik der reinen Vernunft. Stuttgart 1995. Im folgenden kurz KrV.

19 KrV. S.68. (= B 19).

20 An dieser Stelle könnte man argumentieren, dass die Bedeutung von Worten auch erst durch Erfahrung gelernt werden muss, oder sogar dass einzelne Wörter überhaupt keine konkrete Bedeutung hätten, wie Quine in „ Two Dogmas of Empiricism “ argumentiert und die Unterscheidung von analytisch und synthetisch kriti- siert. In dieser Hausarbeit soll jedoch von der kantischen Begrifflichkeit ausgegangen werden, ohne näher auf diese Diskussion einzugehen.

21 Vgl. HÖFFE, OTFRIED: Immanuel Kant. München 1993. S.55ff.

22 KrV. S.68. (= B 19).

23 Ebd. S.24. (= B XI.)

24 Vgl. KrV. S.21. (= B VII.)

25 Ebd. S.27. (= B XV.)

26 Ebd. S.22. (= B VIII). An dieser Stelle soll davon abgesehen werden, dass dies aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar ist, da vor allem Gottlob Frege und Bertrand Russel bedeutende neue Vorschläge für die Logik gemacht haben.

27 KrV. S.25. (= B XIII).

28 Vgl. Ebd. S.42. (= B XXXV).

29 Vgl. Musgrave 1993. S.162

30 Vgl. Ebd. S.219.

31 Zit. nach: Ebd. S.223.

32 KrV. S.867. (= A XII).

33 Musgrave 1993. S.220.

34 Vgl. Musgrave 1993. S.222.

35 Vgl. Ebd.

36 KrV. S.81f. (= B 35).

37 KrV. S.81 (= B 35).

38 Vgl. Musgrave 1993. S.220.

39 Vgl. Ebd. S.223.

40 Ebd.

41 Vgl. Musgrave 1993. S.224.

42 Vgl. Ebd.

43 Vgl. Ebd. S.226.

44 Vgl. Ebd. S.224f.

45 Zit. nach: Musgrave 1993. S.224.

46 Ebd. S.225.

47 Vgl. Musgrave 1993. S.291.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung Kants in Alan Musgraves Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V99101
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Kants, Alan, Musgraves, Alltagswissen, Wissenschaft, Skeptizismus
Arbeit zitieren
Markus Kerkmann (Autor), 2000, Die Darstellung Kants in Alan Musgraves Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99101

Kommentare

  • Gast am 15.11.2001

    Lob für die gelungene Hausarbeit.

    Hallo Markus Kermann,

    ich habe mich erstmalig auf diese Webseiten verirrt, da ich eigentlich auf der Suche nach einer Beschreibung u./o. Rezension des hier behandelten Buches Musgraves war.

    Die vorliegende Hausarbeit hat - obwohl sicher nicht vorrangig beabsichtigt - einen klaren Einblick in die Absichten und Vorgehensweisen Musgraves erlaubt, wofür ich mich an dieser Stelle bedanken möchte.

    Ein kurzes Wort zum Kant-Verständnis: erstaunlich, daß Musgrave alle gängigen Einwände gegen Kant bemüht. Um so erfreulicher, wie hier diese Einwände differenziert und bündig zur Darstellung gebracht werden!

    Mit freundlichen Grüßen und viel Erfolg für weitere Beiträge,

    Kirstin Zeyer
    www.kirstin-zeyer.de

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Titel: Die Darstellung Kants in Alan Musgraves Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus



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