Soziale Bewegungen von heute. Das Phänomen der Online-Mediengesellschaften


Hausarbeit, 2021

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne

3. Soziale Bewegungen von heute
3.1 Partizipationspyramide
3.2 Neue Formen der Organisation und Kommunikation von Protesten
3.2.1 Beschleunigte Kommunikation durch allgegenwärtige Verfügbarkeit
3.2.2 Personalisierung der öffentlichen Kommunikation

4. Social Media am Beispiel der Occupy-Bewegung

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Partizipationspyramide zivilgesellschaftlichenHandelns im Social Web

1. Einleitung

Die Occupy-Bewegung hat ausgiebigen Gebrauch von einer ganzen Palette von nutzergenerierten sozialen Medien und sozialen Netzwerken gemacht, darunter Twitter, Facebook, YouTube, Tumblr, Livestream und andere Plattformen. Inwiefern war die weit verbreitete Nutzung dieser Werkzeuge und Plattformen eine Stärke der Bewegung und hängen die positiven Aspekte von bestimmten Vorbedingungen ab?

Anlässlich aktueller Ereignisse bietet die Protestforschung neue Forschungsbereiche, um das Phänomen sozialer Bewegungen zu untersuchen. Daher beschäftigt sich diese Arbeit inhaltlich mit der Entwicklung neuer sozialer Bewegungen innerhalb des Internets, insbesondere im Rahmen von Social Media und neuer Protestformen, die damit einhergehen.

Der Fortschritt der sozialen Netzwerke im Internet hat der Bewegungsforschung neue Impulse zugeführt (Schade 2018a, S. 27). „An schnellen Benennungen neuer Akteure und kollektiver Formationen im Internet mangelt es nicht, an soziologisch informierten Einordnungen dieser Phänomene dagegen schon.“ (Dolata/Schrape 2014, S. 5). Aus dieser Aussage lassen sich sowohl die Aktualität, die wissenschaftliche als auch praktische Relevanz des Themas ableiten. Im Rahmen dieser Arbeit wird eruiert inwiefern die virale Innovation ein Erfolgsfaktor für heutige Proteste darstellen kann. Die Untersuchung orientiert sich an der wissenschaftlichen Fragestellung: „Können Aktionen durch das Internet und Social Media wirklich soziale Erneuerungen mit tiefgreifenden, grenzüberschreitenden oder gar globalen Konsequenzen hervorrufen?“

Um sich dem Thema hinreichend widmen zu können, wird zunächst der Terminus soziale Bewegungen definiert und erläutert. Im darauffolgenden Kapitel werden diese sozialen Bewegungen von heute im Zeitalter des Internets beschrieben. Hierbei wird insbesondere die Differenzierungen zwischen „Online“- und „Offline“-Protesten vorgenommen sowie Handlungsabläufe im Social Web, die die Verbreitung essenzieller Informationen eines Protests beschleunigen, dargelegt.

Final werden auf die Geschehnisse der Occupy-Bewegung von 2011 Bezug genommen und ausgewertet, ob das Internet zum Erfolg der Bewegung beitrug.

2. Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne

Eine einheitliche und richtige Definition des Begriffs der sozialen Bewegungen liegt nicht vor und kann nicht vorliegen, denn:

„Der Terminus ,Soziale Bewegung[1] fand in den Sozialwissenschaften als Traditionsbegriff Anwendung. Er wurde kontinuierlich benutzt, ohne exakt festgelegt zu sein. [...] Der Begriff galt als identisch, konstant, auch wenn die theoretischen Erklärungen des sozialen Wandels sehr unterschiedlich ausfielen, auch wenn soziale Bewegung durch den zugeordneten Kontext Verständnisänderungen anzeigte [...]“ (Rammstedt 1992, S.29f.)

Innerhalb der Bewegungsforschung wurden definitorische „Grundsatzfragen nach Einheit und Komponenten ausgeklammert, um sich Einzelaspekten sozialer Bewegungen zuzuwenden.“ (vgl. Ahlemeyer 1989, S. 179) Mehrere Forscher versuchten eine einheitliche Definition sowie eine trennscharfe Differenzierung von anderen Sozialsystem zu eruieren. Aus heutiger Perspektive kann eine Definition sozialer Bewegungen, trotz vorangegangener konzeptioneller Schwierigkeiten, sich auf die in den 1990er Jahren entwickelten Konzepte im Sinne eines Minimalkonsenses beziehen (vgl.Schade 2018b, S. 42).

Soziale Bewegungen sind ein inhärenter Bestandteil einer modernen Gesellschaft, die vom sozialen Wandel getrieben wird (vgl. Rucht 2017, S. 9). Seit der Französischen Revolution wird der Begriff der sozialen Bewegung gebraucht und bezieht sich auf eine gesellschaftliche Strömung oder Kraft, die sich auf politische, soziale und kulturelle Veränderungen der bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen bezieht. Sie dienen dazu, die öffentliche Meinung und insbesondere politische Entscheidungen durch kollektiven Protest zu beeinflussen (Lahusen 2013, S. 717). Umso breiter die Masse der Unterstützer oder je ausdauernder die einzelnen Demonstranten sind, die den Protest beispielsweise in Form eines Hungerstreiks und ähnlichen Methoden austragen, desto mehr Aufmerksamkeit gewinnen sie innerhalb der Gesellschaft (vgl. Rucht 2012, S. 3). Eine moderne Gesellschaft und soziale Bewegungen stehen in direkter Interaktion. Nach Rucht (1994, S. 77 f.) sind soziale Bewegungen nicht ohne Moderne und andersherum, Moderne ohne soziale Bewegungen nicht denkbar. Ein zentrales Mittel politischer Artikulation ist der kollektiv öffentliche Prozess, der von sozialen Bewegungen, aber auch von etablierten Organisationen oder kurzlebigen Gruppen genutzt wird, um sich und ihre eigenen Forderungen zu präsentieren (Rucht 2017, S. 9).

Die Teilnahme an sozialen Bewegungen, politischen Kampagnen, Bürgerinitiativen und Protestgruppen sowie die Mitgliedschaft in Parteien, Verbänden und Vereinen haben einen festen Platz auf der Agenda der Zivilgesellschaft erlangt (vgl. Marg et al. 2013, S. S. 10). Während traditionelle Formen der politischen Partizipation in den letzten zwei Jahrzehnten an Popularität verloren haben und sogar verschiedene unkonventionelle Formen hervorgerufen haben, nehmen neue Formen der Partizipation eindeutig zu, ein Trend, der auch in anderen westlichen Demokratien zu beobachten ist. Dabei ist eine politische Partizipation nicht nur notwendig, sondern bietet den Bürgern auch Möglichkeiten zur Entwicklung und Selbstverwirklichung. Eine Demokratie wäre ohne diesen undenkbar, da sie auf das Regieren der Bürger Bezug nimmt, weshalb sie folglich ohne ein minimales Niveau an politischer Partizipation nicht existieren kann (vgl. van Deth 2009, S. 141).

Die Relevanz medialer Öffentlichkeit für soziale Bewegungen ist somit umso höher und beruht auf Rucht/Friedhelm (1994) erster Grundannahme im Hinblick auf dessen Beziehung zueinander: „Soziale Bewegungen müssen also Öffentlichkeit suchen, wollen sie auf politische Entscheidungsträger einwirken.“ (Rucht/Friedhelm 1994, S. 348) Dementsprechend streben sie nach Medienaufmerksamkeit, sodass Massenmedien für die meisten sozialen Bewegungen eine entscheidende Rolle spielen (vgl. Rucht 2004, S. 25 ff.).

3. Soziale Bewegungen von heute

Proteste im Internet beinhalten sehr unterschiedliche Arten der politischen Partizipation, wobei die „oftmals anarchisch wirkenden Proteste“ eine zunehmende Bedeutung erlangen (vgl. Marg et al. 2013, S. 53). Dabei wird das Internet als zentrale Ressource für die Mobilisierung genutzt. Die Verbreitung des Internets hat die herkömmlichen organisatorischen und kommunikativen Alternativen für einige Formen der politischen Partizipation erheblich reduziert und die Rekrutierung und Mobilisierung von Mitwirkenden erleichtert (Shirky 2009, S. 61). Bis vor kurzem boten die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter unvorstellbare Möglichkeiten, politische Initiativen selbst zu entwickeln und in kürzester Zeit umzusetzen (Bimber/Stohl/Flanagin 2008, S. 75). Dies ermöglichte es insbesondere, die neusten Formen der politischen Partizipation, wie guerilla gardening oder flash mobs, zu verbreiten, wohingegen es beispielsweise bei Wahlen, Demonstrationen oder dem Sammeln von Unterschriften grundsätzlich keine organisatorischen Anforderungen gibt, die für solche Maßnahmen erfüllt werden müssten (van Deth/Zorell 2019, S. 393). Politischen Protesten mangelt es nach allgemeiner Auffassung häufig an fundierter Kompetenz, an legitimen Formen der formellen Gruppenvertretung und letztendlich an politischen Forderungen, die konkret umgesetzt werden können (Baringhorst/Yang 2020, S. 2).

Sowohl die Occupy Bewegung als auch der arabische Frühling sind Phänomene der Online Mediengesellschaft, die aufgrund ihrer Innovationen, allen voran die öffentliche und auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit, schnell auf sich zogen. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Bewegungen differenzieren sich diese durch ihren folgenreichen Bezug zur Online-Welt (vgl. Schade 2018a, S. 29). Ferner kommt es zur Entwicklung neuer Handlungsrepertoires:

“The internet has shaped and is shaping the collective action repertoire of social movements pursuing social andpolitical change” (Van Laer/Van Aelst 2010, S. 1147)

Dabei wurden durch die Online-Medien neue Angriffs- bzw. allgemein Handlungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel das Blockieren von Webseiten, geschaffen (vgl. Diani 2013, S. 4). Das Internet erweitert die Möglichkeiten für eine direkte Intervention in die Politik durch verschiedene Formen des Cyberprotests und stellt somit ein adäquates Instrument dar, um Proteste durchzuführen (vgl. Schade 2018c, S. 101)

Millionen von Social Media Nutzem haben sich an der schnellen und weit verbreiteten Produktion und Verbreitung von aktivistischem Material beteiligt, darunter alles von Protest-Hashtags, Gerüchten aus zweiter Hand und mit Fotos bearbeiteten Bilder bis hin zu Augenzeugenberichten und Videobeweisen aus erster Hand (vgl. Poell/Van Dijck 2017, S. 1). Im Januar und Februar 2011 nutzte die Opposition gegen die diktatorischen Regime in Tunesien und Ägypten vor allem Facebook und SMS, um Berichte über die Ereignisse auf den Straßen zu teilen, während Twitter eine wichtige Rolle bei der transnationalen Kommunikation dieser Revolutionen, spielte (vgl. Bruns/Highfield/Burgess 2013, S. 874). Inspiriert durch den Arabischen Frühling kam es im Sommer und Herbst 2011 zu großen Protesten in Spanien, den USA und Italien. Wieder wurden wichtige Social-Media- Plattformen zur Mobilisierung und Kommunikation genutzt (vgl. Castells 2012, S. 399). In den folgenden Jahren konnten ähnliche Spitzen in der Aktivität der sozialen Medien während der Proteste in der Türkei, Hongkong, Brasilien und anderen Ländern beobachtet werden (Göle 2013, S. 8).

3.1 Partizipationspyramide

In der Forschung zur politischen Partizipation wird diese in einer sogenannten Partizipationspyramide dargestellt, abhängig vom Umfang der Ressourcen wie Zeit und Geld, die der Einzelne bestimmten Formen der Partizipation widmen muss. Wenn solche Darstellungsversuche in die Medienpraktiken von Aktivisten der Online-Zivilgesellschaft übergehen, kann grundsätzlich zwischen rezeptivem und aktivem Handeln differenziert werden. Demnach befindet sich in der hier aufgeführten Differenzierung auf unterster Stufe die eher passive Form des politischen Engagements, wie zuschauen, lesen und zuhören. Empirische Studien zur politischen Partizipation im Internet haben wiederholt gezeigt, dass der Anteil der passiven Medienkonsumenten unter denjenigen, die das Internet vor allem für politische Zwecke nutzen, extrem hoch ist (Baringhorst 2014, S. 104).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Partizipationspyramide Zivilgesellschaftlichen Handelns im Social Web Nach Baringhorst (2014, S.105)

Alle aktiven Medienunterstützungspraktiken gelten als zivilgesellschaftliches „Produsage“, für die folgende Differenzierungen vorgeschlagen werden: Auf der Ebene des Cliktivismus kann bereits durch eine geringe Eigenleistung des Clickens auf den Like-Button bei Facebook oder auf den Sign- Button bei diversen Kampagnenorganisationen Anteil genommen werden (Baringhorst 2014, S. 105). Insbesondere für netzbasierte Handlungen oder Online-Spenden müssen Aktivisten mehr Ressourcen aufwenden. Die virale Verbreitung von Protestforderungen ist erfolgreich, wenn Produzenten Botschafter für den guten Zweck werden und die mit Protesten verbundenen Informationen weiterleiten und diese in ihren eigenen sozialen Netzwerken bekannt machen. Zuletzt und an der Spitze der Partizipationspyramide befinden sich die vielseitigen Formen eines kreativen Produsage. Damit ist vor allem die Erschaffung eigener Protestinitiativen auf Web Blogs oder anderen alternativenMediengemeint(Baringhorst2014, S. 106).

3.2 Neue Formen der Organisation und Kommunikation von Protesten

In diesem Kapitel wird diskutiert, wie die intensive Nutzung sozialer Medien die Organisation und Kommunikation von Protest verändert. Ausgangspunkt dieser Diskussion ist die Hinterfragung der Vorstellung, dass traditionelle Organisationsformen in sozialen Bewegungen (mit strukturellen Merkmalen wie identifizierbaren Anführern und anhaltenden kollektiven Identitäten) weitgehend durch eine stärker verteilte und emergente Massenaktivität der Nutzer, die durch Social-Media- Plattformen ermöglicht wird, ersetzt worden sind. (Wir werden zeigen, wie dieses Argument aus zwei Blickwinkeln in Frage gestellt und verkompliziert wurde. Erstens haben Forscher durch detaillierte Studien zu Protestpraktiken in sozialen Medien gezeigt, dass Führung und kollektive Identitäten weiterhin eine wichtige Rolle in Online-Auseinandersetzungen spielen. Zweitens wurde auf der Grundlage der Erforschung der techno-kommerziellen Architektur sozialer Medien argumentiert, dass diese Plattformen nicht nur aktivistische Social-Media-Aktivitäten ermöglichen, sondern diese auch grundlegend formen.)

Mit Blick auf diejüngsten Proteste und Aufstände haben verschiedene Wissenschaftler, allen voran Castells (2012, S. 399 ff.) und Bennett/Segerberg (2012, S. 740 ff.) vorgeschlagen, dass die Aktivität von Social-Media-Nutzem im Zentrum einer grundlegenden Transformation des Aktivismus steht. Diese Theoretiker sehen, dass Social-Media-Plattformen mehr bottom-up, verteilte Formen der Protestmobilisierung, -organisation und -kommunikation ermöglichen. Es ist wichtig zu betonen, dass keiner dieser Autoren Social-Media-Aktivitäten isoliert betrachtet oder ihnen Vorrang vor "Offline"-Protestpraktiken einräumt. In der Tat, wie viele aktuelle Untersuchungen zeigen, kann die Unterscheidung zwischen "online" und "offline" nicht mehr gemacht werden. Da viele Demonstranten Smartphones bei sich tragen und ständig Zugang zu Online-Plattformen haben, um ihre Inhalte und Beobachtungen zu teilen, entfaltet sich der Protest gleichzeitig am Boden und online. Die Schlüsselfrage ist also nicht, ob die Aktivität in den sozialen Medien wichtiger ist als die Proteste auf der Straße oder ob der Aufstieg dieser Medien irgendwie die "Ursache" der Volksaufstände ist, wie es in einigen Presseberichten über die Proteste des Arabischen Frühlings 2011 suggeriert wurde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Soziale Bewegungen von heute. Das Phänomen der Online-Mediengesellschaften
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V991169
ISBN (eBook)
9783346354150
ISBN (Buch)
9783346354167
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, bewegungen, phänomen, online-mediengesellschaften
Arbeit zitieren
Saskia Reuter (Autor:in), 2021, Soziale Bewegungen von heute. Das Phänomen der Online-Mediengesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991169

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