Achtsamkeit und Entschleunigung. Die Achtsamkeitsbewegung aus zeitsoziologischer Perspektive


Hausarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Das Lebenstempo der Moderne
2.1. Objektive Faktoren: Zwischen Zeitknappheit und -Wohlstand
2.2. Subjektive Faktoren: Freie Zeit statt Zeitfreiheit

3.Achtsamkeit und Entschleunigung
3.1. Die Achtsamkeitsbewegung in der Kritik
3.1. „Zeit“ für Achtsamkeit

4.Fazit und Ausblick

1. Einleitung

Globalisierung, Klimawandel, Artensterben - die sozialen Herausforderungen unserer Zeit sind längst nicht mehr nur die Anliegen von Expertenkommissionen und -Gremien. Graswurzelbewegungen wie „Fridays for Future“ haben das Vertrauen in die Politik verloren und tragen die großen Fragen unserer Zeit auf die Straße. In ihren Vorträgen, Gesprächsrunden und Workshops geht es neben Kritik an den herrschenden Mächten und den Bedingungen für sozialen Wandel immer auch um die Rolle, die der Einzelne darin spielt. Fragen nach ökologischer und sozialer Gerechtigkeit werden schlussendlich, so die Botschaft, nicht auf Parteitagen und in Plenarsälen entschieden, sondern müssen im Alltagshandeln eingeübt und verankert werden. Phänomene wie der Veganismus oder die genderneutrale Sprache machen in Zeiten ungeahnter globaler Interdependenzverdichtung und der „Weltöffentlichkeit“ des Web 2.0. das Alltagshandeln mehr denn je zum Politikum. Darüber steht die Erkenntnis, dass nicht „die Großkonzerne“, „das Establishment“ oder „die da oben“ über die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten entscheiden, sondern dass eine systemische Krise Politik, Wirtschaft und Kultur gleichermaßen durchzieht und damit immer auch durch individuelles Handeln mitgetragen wird.

Einer der Wegbereiter dieser Perspektive ist der Soziologe Hartmut Rosa. In seiner Theorie der sozialen Beschleunigung bilden das technische Instrumentarium, kulturelle Normen und das „Lebenstempo“ den „Akzelerationszirkel“, der seit zwei Jahrhunderten die Entwicklungsrichtung der Industriegesellschaft bestimme. Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich die Mühlen des „höher, schneller, weiter“ und der kapitalistischen Ausbeutung weiterdrehen sei also, dass die Lebensführung moderner Subjekte einer expansiven Logik von Wachstum und Fortschritt folgt. Diese frappierende Erkenntnis ist es, die die Paradoxien zielloser Beschleunigung in ihrer ganzen Tragweite sichtbar macht und Rufe nach dem „Ausstieg aus dem Hamsterrad“ und nach „Entschleunigung“ laut werden lässt. „Achtsamkeit“ ist im Zuge dessen zur Zauberformel für eine nachhaltigere, zukunftsfähige Lebensweise geworden. Der Begriff, der wie kein zweiter postmoderne Lebensentwürfe prägt, mahnt zum bewussteren Umgang mit Ressourcen, mit den Mitmenschen und mit sich selbst.

Hartmut Rosa lehnt eine Debatte über Achtsamkeit als Lösungsansatz für das von ihm formulierte Problem ab. Seiner Ansicht nach gehören die entsprechenden Haltungen und Praktiken längst zum perfiden Instrumentarium der Beschleunigungsgesellschaft. Von einer Gegenbewegung möchte Rosa nicht sprechen, wenn in Wahrheit die „Einkehraufenthalte in Klöstern oder Yogakurse von Managern oder Professoren, die eine Pause vom Rennen versprechen (…) dem Zweck dienen, danach umso erfolgreicher an den beschleunigten Sozialsystemen teilzunehmen“ (Rosa 2013: 50). Die Achtsamkeitsbewegung bündle vielmehr verschiedene Formen der „funktionellen Entschleunigung“, die neuen Schwung in den Akzelerationszirkel bringen. Der Ausweg aus diesem circulus vitiosus, den Rosa skizziert, beinhaltet bislang allerdings ausschließlich politische Reformen und Umstrukturierungen und geht dabei nur wage auf seine mikrosoziologischen Krisendiagnosen der „Entfremdung“ (2013) und der Abwesenheit von „Resonanz“ (2015) in subjektiven „Weltbeziehungen“ (2012b) ein.

Im Folgenden soll Hartmut Rosas bislang nur oberflächliche Kritik an der Achtsamkeitsbewegung im Kontext von sozialer Beschleunigung nachbereitet werden. Zunächst werden dazu die Bedingungen geprüft, unter denen sich die „Beschleunigung des Lebenstempos“ vollzieht (Kapitel 2). Die Beziehung von Achtsamkeitspraxis und sozialer Beschleunigung kann dadurch genauer ausdifferenziert werden (Kapitel 3). Schließlich werden Rosas „Resonanz-“ und der Achtsamkeitsbegriff einander angenähert und nach der Bedeutung kultureller Bewegungen für Reformprozesse gefragt.

2. Das Lebenstempo der Moderne

Auf der soziologischen Mikroebene identifiziert Hartmut Rosa einen Beschleunigungszwang anhand der „Beschleunigung des Lebenstempos“. Diese meint er aus „objektiven“ und aus „subjektiven Faktoren“ ableiten zu können, die spätmoderne Lebenswelten kennzeichneten. Im folgenden Kapitel werden zunächst der empirische Gehalt dieser Faktoren und damit deren Gewicht in Rosas Argumentation kritisch hinterfragt. Gefragt wird zum einen danach, ob tatsächlich ein objektiver „Zeitmangel“ besteht und zum anderen, wodurch in der spätmodernen Gesellschaft das Gefühl von Zeitnot entsteht. In beiden Fällen stehen die Bedingungen für intentionale oder strukturell bedingte Entschleunigung zur Debatte, wie sie Rosa implizit oder explizit definiert.

2.1. Objektive Faktoren: Zwischen Zeitknappheit und -Wohlstand

Für Hartmut Rosa bemisst sich das „Lebenstempo“ an der Zahl der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit. Seine Definition ist an die Formel zur Berechnung der Leistung in der Physik angelehnt. Prinzipiell wäre die technischen Fortschritte im Zuge der Modernisierung dazu geeignet, Zeitressourcen freizusetzen . Weil jedoch die Steigungsrate der Handlungsmenge die Entschleunigung durch Technik übersteige , stehe dem Individuum immer weniger Zeit zur Verfügung, was wiederum zu neuen Strategien der Zeiteinsparung und zur Steigerung der Effizienz führe (vgl. Rosa 2013: 28). Die Erhöhung des Lebenstempos müsse demnach in einem Trend zur Beschleunigung und Verdichtung der Lebensvollzüge in der Moderne zu erkennen sein. Wie und wo genau dieser Beschleunigungsdruck wirkt, deutet Rosa in der Einleitung seiner zeitsoziologischen Studie an: „Der Prozess der Angleichung und Vermittlung systemischer und individueller Zeitperspektiven und -muster - und damit von sozialstrukturellen Erfordernissen und individuellen Dispositionen – ist nicht auf spezifische institutionelle Kontexte begrenzt, sondern vollzieht sich fortwährend in allen Lebens- und Sozialbereichen.“ (Rosa 2005: 30)

Zur Bestimmung des Lebenstempos stellt Rosa in besonderem Maße auf die Strukturierung der „Alltagszeit“ ab, in der verschiedene Lebenssphären miteinander koordiniert und dadurch in Beziehung zueinander gesetzt würden. Wenngleich belastbare Daten fehlten, sei eine „Steigerung der Handlungs- und Erlebnisepisoden hier indirekt anhand veränderter Alltagspraktiken belegbar. Die Allokation von Zeitressourcen hänge jedoch auf dieser Ebene, wie Rosa selbst erklärt, mitunter auch von einer Perspektive auf das Leben als Ganzes und von der „Einschätzung des ‘Zeitgemäßen‘ ab“. Für die „Reproduktion sozialer Strukturen“ (ebd.: S.31) sind übergeordnete Konzepte wie die Lebens- oder die Epochenzeit insofern nicht minder bedeutsam, als ihre Abbildung in den Routinen und Regelmäßigkeiten des Alltags. Jede der drei Ebenen habe ihre eigenen, in hohem Maße soziokulturell vermittelten, zeitlichen Muster, die etwa über Sequenzierung, Taktung und Dauer von Handlungen bestimmen. Der Beschleunigungszwang müsste insofern auf allen drei subjektiv erfahrbaren „Zeitebenen“ zu finden sein, die Rosa in Anlehnung an Peter Ahlheit und Anthony Giddens beschreibt (vgl. auch Schmidt 2020: S. 262).

Die menschliche Lebenszeit (1) hat insbesondere ab dem 18. Jahrhundert einen geradezu exponentiellen Zuwachs erfahren. Von durchschnittlich 30 Jahren hat sich bis ins Jahr 2000 die Lebenserwartung bei Geburt auf 67 Jahre mehr als verdoppelt (vgl. Osterhammel 2009: 258f.). Die Ressource „Lebenszeit“ wächst dabei nahezu überall auf der Welt weiter kontinuierlich an. Während die Menschen in den Industrienationen immer älter werden, sorgt der medizinische Fortschritt in Schwellenländern für eine verminderte Säuglingssterblichkeit. Auch wenn die Steigerungsrate inzwischen abflacht, kann jede neue Generation gegenüber der Vorangegangenen mit einigen zusätzlichen Lebensjahren rechnen1. Von „Zeitknappheit“, die eine Steigerung der Handlungsrate notwendig macht, kann hier keine Rede sein .

Für die These vom „beschleunigten Lebenstempo“ ist die Art und Weise entscheidend, wie sich dieser erweiterte Lebenshorizont auf die Biografien spätmoderner Subjekte auswirkt . Für Hartmut Rosa ergibt sich ein paradoxer Effekt daraus, dass sich mit zunehmender Lebenszeit sozialer Wandel verstärkt auch innerhalb eines Menschenlebens abspielt. Eine langfristige Planung mache keinen Sinn, wenn sie jederzeit durch eine sich ständig verändernde soziale Umwelt durchkreuzt werden könnte. Durch diese „Entzeitlichung des Lebens“ würde eine Orientierung an einem fixen Lebensentwurf geradezu unmöglich. Dass sich Biografien nicht mehr in Ausbildungs-, Erwerbs- und Ruhestandsphase einteilen lassen, sei Ausdruck dieses verkürzten Erwartungshorizontes (vgl. Rosa 2005: 34).

Die klassischen Lebensverlaufsmuster haben in der Tat in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren. Dass sich heute Lebensbereiche wie Bildung, Erwerbstätigkeit und Elternschaft überlagern und im Verlauf eines Lebens wechselseitig in den Vordergrund rücken, verdeutlicht jedoch nur, dass sich die Zeitfenster für diese Lebensphasen ebenfalls vergrößert haben und sich überlappen (vgl. Zimmermann & Klünder 2017: 2). So ermöglicht etwa die moderne Reproduktionsmedizin Frauen Schwangerschaften bis ins hohe Alter, auch ohne festen Partner. Dabei hat die „biologische Uhr“ einiges von ihrer Bedrohlichkeit eingebüßt. Zentrale Lebensentscheidungen sind also durchaus besser planbar und ihre Konsequenzen besser absehbar geworden Vor diesem Hintergrund leisten sich junge Menschen Entschleunigung etwa auch bei der Berufswahl oder bei der Wahl eines Wohnortes. Soziale Praktiken wie „speed dating“ beschleunigen gerade nicht die Partnerwahl, sondern sind ein Indiz für die Sorgsamkeit, mit der eine Entscheidung gegen möglichst viele Alternativen abgewogen und notfalls hinausgezögert wird. Statt Lebenschancen bei der ersten Gelegenheit zu ergreifen, wird die Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten, die sich im weiteren Verlauf noch bieten werden, eingepreist (vgl. Annen 2016).

Auf der Basis einer weitgehenden ökonomischen Absicherung stellt die „Generation Y“ soziokulturelle Normalität infrage. Insbesondere was das Heiraten oder Kinderkriegen angeht lässt sie sich gerne mehr Zeit oder verzichtet sogar ganz darauf (vgl. Schneider et al. 2015). Aus gesellschaftspolitischer Sicht mag die sinkende Geburtenziffer oder die hohe Zahl der Studienabbrüche als eine Form der „dysfunktionalen Entschleunigung“ (Rosa 2012a: 55) erscheinen, die von Zukunftsängsten und Unsicherheit zeugt. Solche selbstbestimmten Entscheidungen können jedoch auch in dem Bewusstsein getroffen werden, dass für Umwege und Neuanfänge im Leben reichlich Zeit ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Entwicklung der durchschnittlichen (tarifliche) Wochen-Arbeitszeiten in Deutschland nach Hammerich & Franke (2012)

Auch die Alltagszeit (2) ist in der Spätmoderne kaum mehr an „natürliche Geschwindigkeitsgrenzen“ (Rosa 2013: S.56) gebunden. Im Zuge der Technisierung und Industrialisierung haben soziale Taktgeber wie vertraglich vereinbarte Arbeitszeiten die Rhythmisierung durch den Tag-Nacht-Wechsel sowie durch die die Jahreszeiten abgelöst, von der die Feudalgesellschaft noch unmittelbar ausgesetzt war. Die neugewonnenen Zeitressourcen wurden zum Gegenstand weitreichender soziokultureller Machtkämpfe zwischen Kirche, Staat und Wirtschaft (vgl. Prahl 2015). Zunächst kamen die freigesetzten Kapazitäten vor allem den Unternehmern zugute, die nun quasi ganzjährig und rund um die Uhr produzieren konnten. Ab einem bestimmten Punkt begriff man jedoch, dass eine Steigerung der Produktion nur dann Sinn macht, wenn parallel dazu die Zeit und Geldressourcen in der Bevölkerung anwuchsen „Menschen, die zwei Drittel des Tages in Fabriken zubrachten, waren schlechte Konsumenten“ (Prahl 2015: 16). In der Folge wurde die durchschnittliche Arbeitszeit ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielerorts stark reduziert, in Deutschland bis zur Jahrhundertwende sogar fast halbiert (Abb.1).

In den westlichen Industrienationen bildet heute nicht zuletzt die hohe Zahl der Urlaubs- und Feiertage die Grundlage für „Zeitwohlstand“ (Rinderspacher 1985). Von einer Verknappung individueller Zeitressourcen als Entwicklungskonstante der Modernisierung kann keine Rede sein. Objektiv gesehen steht dem Einzelnen weiterhin ein viel größerer Teil seiner Zeit zur freien Verfügung als noch zu Zeiten, in denen in den Fabriken Schichten bis zu 16 Stunden, inklusive Sonntags- und Kinderarbeit, an der Tagesordnung waren.

Zurecht betont Rosa (2005: 195ff.), dass die Erhöhung individueller Zeitressourcen durch technischen Fortschritt und Arbeitsteilung allein noch nicht ausreicht, um in seinen Begriffen von einer „ Entschleunigung des Lebenstempos“ zu sprechen. Die Reduzierung der Arbeitszeit ab Mitte des 18. Jahrhunderts sei vielmehr von einer enormen Intensivierung der Arbeitsleistung begleitet worden, die die Handlungs- und Erlebnisdichte während der Arbeitszeit enorm ansteigen ließ. Dine niedrigere Zahl von Arbeitsstunden stehe heute, wo die Digitalisierung Arbeit und Freizeit gleichermaßen vereinnahmt, in keinem direkten Verhältnis zum „Lebenstempo“, dass sich weiter ungebremst beschleunige. Vielfach wird in diesem Zusammenhang von einer „Entgrenzung“ der Arbeit gesprochen, vor deren Hintergrund der rein statistischen Zugewinn an Freizeit keine Aussagekraft hätte. Schließlich würden auch die letzten „Entschleunigungsoasen“ (Rosa 2013: S.48) des Alltags wie die Nachtruhe oder das gemeinsame Essen mit der Familie geopfert, um noch mehr Handlungs- und Erlebnisepisoden realisieren zu können.

Den Zeitbudgetstudien, die Hartmut Rosa zum Beweis seiner Vermutung ins Feld führt, traut er selbst nicht recht über den Weg. Weil sie keine Rücksicht auf das Phänomen des „Multitasking“ nähmen, seien Selbstauskünfte über die auf eine bestimmte Tätigkeit verwendete Zeit nicht aussagekräftig. In Wahrheit würden wie etwa im digitalen „Homeoffice“ Arbeit und Freizeit ständig von Handlungs- und Erlebnisakten aus dem jeweils anderen Lebensbereich überlagert. Eine Aufgliederung des täglichen Zeitbudgets würde durch diese „Fragmentierung“ des Alltags im Grunde hinfällig (vgl. Rosa 2005:199ff.). Vieles spricht dafür, dass die digitale Transformation die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit aufweicht. Zum einen aber zeigt sich, dass im Sinne der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ mitunter beide Lebenssphären von dieser Tendenz profitieren (vgl. Immerfall 2020: 6). Zum anderen ist das empirische Problem, dass Rosa formuliert, keineswegs unlösbar.

Das Statistische Bundesamt erhebt seit 1991 umfangreiche Zeitbudgetdaten auf Basis des Mikrozensus. Im Unterschied zu störanfälligen Befragungs- und Beobachtungsdesigns werden dabei primäre und sekundäre Tätigkeiten sehr kleinteilig in einem Tagebuch erfasst. In der Auswertung unterscheiden die Autoren explizit zwischen tatsächlichen Aktivitäten und latenten Zuständen, in die diese eingerahmt sind.2 Zwischen den Erhebungen von 1991/1992, 2001/2002 und 2012/2013 könnten den Ergebnissen zufolge keine umfassenden Verkürzungen der täglichen Schlaf- oder Essensdauern festgestellt werden (vgl. Meier-Gräwe & Klünder 2015). Die Anzahl unterschiedlicher Aktivitäten, die in einem Tag untergebracht werden, sei außerdem nur unwesentlich gestiegen. Der geringere Beteiligungsgrad in den Restkategorien der Arbeitszeit spricht darüber hinaus gegen eine „Entgrenzung“ dieser Sphäre in den Freizeitbereich hinein. Internationale Längsschnittstudien bestätigen diesen Befund (Gershuny et al. 2019, S. 65, 294). Zeitverwendungsmuster, die auf die „Fragmentierung“ des Alltags hindeuten, sucht man hier vergebens (Abb.2.). Während also die „Intensivierung der Arbeit“ durch eine radikal verkürzte Arbeitszeit kompensiert wird, spricht auch in der Freizeit nichts dafür, dass die Zahl der Handlungs- und Erlebnisakte überproportional steigt .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Epochen- oder Weltzeit (3) ist als individuelle Ressource nur schwer greifbar, aber für das Lebenstempo von nicht minder großer Bedeutung wie die Lebens- und die Alltagszeit. Gemeint ist der „Erfahrungsraum“ (Reinhart Koselleck) einer historischen Gegenwart, in den ihre Zeitzeugen das Erlebte und Getane einbetten. Darüber, ob ein solcher zeitlicher Horizont dem spätmodernen Subjekt eher verschlossen oder aber gerade erst eröffnet wird, besteht Uneinigkeit.

[...]


1 https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/11/PD19_427_12621.html, Zugriff am 18.09.2020

2 Von der Vorstellung, dass die Tätigkeiten beim „Multitasking“ nicht hierarchisiert würden, hat sich inzwischen auch die IT-Branche, die dieses Modewort in die Welt setzte, verabschiedet. Vielmehr vermittelt ein schnelles Hin- und Herspringen zwischen mehreren Aufgaben den Eindruck von Gleichzeitigkeit. Wer also zum Hörer greift, während der Fernseher läuft und das Essen auf dem Herd köchelt, betreibt noch lange kein „Multitasking“.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Achtsamkeit und Entschleunigung. Die Achtsamkeitsbewegung aus zeitsoziologischer Perspektive
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Soziologie der Zeit"
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V991369
ISBN (eBook)
9783346367075
ISBN (Buch)
9783346367082
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeitsoziologie, Hartmut Rosa, Beschleunigung, Entschleunigung, Achtsamkeit, Soziale Praxis, Breite Gegenwart, Soziologie der Zeit, Meditation, Yoga, Spiritualität, Soziale Beschleunigung, Resonanz, Hans Ulrich Gumbrecht, Phänomenologie, Mindfullness, MBSR
Arbeit zitieren
Valentin Müller (Autor), 2020, Achtsamkeit und Entschleunigung. Die Achtsamkeitsbewegung aus zeitsoziologischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991369

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