Diese Hausarbeit führt beide Seiten, die Transzendenzgläubigkeit und die Schuld, in der Frage, ob Johannas Liebe zu Lionel den Verlust ihrer Anmut bedingt, zusammen: In Bezug auf Schillers 1793 erschienene Abhandlung "Über Anmut und Würde" wird einerseits sein ästhetisch-moralisches Konzept aufgegriffen, andererseits Johannas innerer Konflikt und ihre schuldbehaftete menschliche Natur thematisiert. Dargelegt werden soll, dass Johannas Anmut von Beginn an brüchig war und ihr in einem Entwicklungsprozess, der in der Lionel-Szene kulminiert, verloren geht, dass sich ihre Liebe zu Lionel und der Verlust ihrer Anmut jedoch als "felix culpa" erweisen und damit zur Voraussetzung ihrer göttlichen Verklärung am Ende des Dramas werden.
Das Drama "Die Jungfrau von Orleans" wurde am 11. September 1801 in Leipzig uraufgeführt und gehört zu Schillers berühmtesten Werken. Nicht nur die Aufführungen des Stücks wurden begeistert aufgenommen, auch dessen Lektüre wurde in der zeitgenössischen Rezeption sehr gelobt: "Göthe meint, daß es mein bestes Werk sei", schrieb Schiller am 13.05.1801 an seinen Freund Körner. Die Popularität des Dramas bedingte ein großes Forschungsinteresse, woraus zahllose Deutungsansätze hervorgingen. Angesichts der Tatsache, dass die "Rezeptionsgeschichte der Tragödie das Ergebnis überspielter Ratlosigkeiten" sei, gibt es keine kanonische Interpretation des Stücks, sondern lediglich einen Grundkonsens über prinzipielle Richtungen.
Ein Deutungsansatz, der besonders in der älteren Forschung stark vertreten war, besagt, dass Schillers Dramen nur im "Rekurs auf seine ästhetischen Schriften" umfassbar deutbar seien und Johanna, deren Göttlichkeit als humane Selbstvervollkommnung verstanden wurde, als Exemplifikation seines anthropologischen Modells betrachtet werden müsse. Abgerückt von Fragen nach der religiösen Transzendenz widmen sich jüngere Forschungsbeiträge verstärkt der Transzendenzgläubigkeit Johannas und ihrer Schuld.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schillers Konzept der Anmut und Würde
2.1 Anmut
2.2 Würde
2.3 Der vollendete Mensch
3. Johannas Anmut zu Beginn der Handlung
4. Johannas Verlust der Anmut
4.1 Montgomery-Szene
4.2 Der schwarze Ritter
4.3 Lionel-Szene
5. Wiedererlangung der Anmut
5.1 Akzeptanz der Schuld
5.2 Apotheose
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Johannas Liebe zu Lionel in Friedrich Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ den Verlust ihrer Anmut bedingt. Dabei wird das ästhetisch-moralische Konzept aus Schillers Abhandlung „Über Anmut und Würde“ herangezogen, um Johannas inneren Konflikt zwischen ihrer göttlichen Sendung und ihrer menschlichen Natur zu analysieren.
- Schillers Konzept der Anmut und Würde
- Die ästhetisch-ethische Entwicklung Johannas im Drama
- Der Konflikt zwischen Pflicht und Neigung
- Die symbolische Bedeutung des Verlusts der Anmut
- Johannas Apotheose als vollendeter Mensch
Auszug aus dem Buch
4.3 Lionel-Szene
Johannas Prozess des inneren Wandels erreicht in der darauffolgenden Szene seine Peripetie. Noch in Gedanken an die Begegnung mit dem schwarzen Ritter versunken, ist es Lionel, der Johanna zuerst angreift (III/10, Regieanweisung zu V. 2463, S. 91). Nach kurzem Gefecht kann sie jedoch wieder die Oberhand gewinnen. Mit dem Ausruf: „Erleide, was du suchtest, / Die heil’ge Jungfrau opfert dich durch mich!“ (III/10, V. 2464f., S. 91) macht sie ihre Tötungsabsicht deutlich und spricht hier erstmalig direkt von sich als göttlichem Werkzeug.
Der endgültige Umschlag in der Entwicklung ihrer Figur vollzieht sich genau in dem Moment, als sie ihm, bereit zum Todesstoß, ins Gesicht blickt, daraufhin ergriffen den Arm sinken lässt, und ihm bedeutet, zu fliehen (vgl. III/10, Regieanweisung zu V. 2465, S. 91). Zum ersten Mal gewinnt die menschliche Seite Johannas Gewalt über ihre mitleidlose, instrumentalisierte Seite.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob Johannas Liebe zu Lionel den Verlust ihrer Anmut im Kontext von Schillers ästhetischer Theorie bedingt.
2. Schillers Konzept der Anmut und Würde: Dieses Kapitel erläutert die Begriffe Anmut, Würde und den vollendeten Menschen als theoretische Grundlage für die Analyse der Hauptfigur.
3. Johannas Anmut zu Beginn der Handlung: Es wird dargelegt, dass Johanna bereits zu Beginn des Dramas als anmutige Figur präsentiert wird, deren Wesen die Verbindung von Schönheit und Pflicht widerspiegelt.
4. Johannas Verlust der Anmut: Die schrittweise Entfremdung Johannas von ihrer göttlichen Sendung durch Begegnungen mit Montgomery, dem schwarzen Ritter und Lionel wird analysiert.
5. Wiedererlangung der Anmut: Dieses Kapitel beschreibt, wie Johanna durch die Akzeptanz ihrer Schuld und ihren bewussten Entschluss zur Läuterung schließlich zur Anmut zurückkehrt.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Johannas Liebe als Vehikel dient, um ihr Scheitern und ihre anschließende Apotheose als vollendeter Mensch im Sinne Schillers zu verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orleans, Über Anmut und Würde, Johanna, Anmut, Würde, Ästhetik, Moral, Pflicht, Neigung, Menschlichkeit, Transzendenz, Sendungsbewusstsein, Erlösung, Apotheose
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Schicksal der Johanna in Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ im Licht seiner theoretischen Abhandlung „Über Anmut und Würde“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Anmut und Würde, die Entwicklung der Hauptfigur Johanna sowie der Spannungsfeld zwischen göttlichem Auftrag und menschlichen Gefühlen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Johannas Liebe zu Lionel kausal für den Verlust ihrer Anmut verantwortlich ist und wie dieser Verlust zu ihrer endgültigen Läuterung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Schillers philosophische Schriften als theoretischen Rahmen nutzt, um die psychologische und moralische Entwicklung der Dramenfigur zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung, die Analyse von Johannas anfänglicher Anmut sowie die detaillierte Betrachtung ihres Wandels und ihres schrittweisen Verlusts und der Wiedererlangung ihrer Anmut.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Anmut, Würde, Pflicht, Neigung, göttliche Sendung, Apotheose und die Unterscheidung zwischen Mensch und Gott.
Warum spielt die „Lionel-Szene“ eine so entscheidende Rolle?
Die Lionel-Szene stellt die Peripetie des inneren Wandels dar, da hier durch Johannas Blick und ihr Mitleid der Bruch ihres Gelübdes und damit ihr „Sündenfall“ unmittelbar vollzogen wird.
Wie wird das Ende der Johanna im Fazit interpretiert?
Ihr Tod wird nicht als tragisches Scheitern, sondern als Apotheose gedeutet, in der sie durch die bewusste Überwindung ihrer Neigung als „vollendeter Mensch“ zur Transzendenz gelangt.
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- Anonym (Author), 2020, Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ in Bezug zu seiner Abhandlung „Über Anmut und Würde“. Liebe als Verlust der Anmut?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992003