Soziale Arbeit und soziale Probleme in Anlehnung an die Menschenrechtsprofession nach Silvia Staub-Bernasconi


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Silvia Staub-Bernasconi und Sozialarbeit

3 Gegenstandsbestimmung

4 Der Standpunkt Sozialer Arbeit nach Staub-Bernasconi
4.1 Soziale Probleme
4.2 Ausstattungsprobleme
4.3 Austauschprobleme
4.4 Machtprobleme
4.4.1 Behinderungsmacht
4.4.2 Begrenzungsmacht
4.5 Kriterienprobleme

5 Soziale Probleme anhand derdrei Paradigmen und die Funktion SozialerArbeit
5.1 Subjektzentriertes Paradigma
5.2 Soziozentriertes Paradigma
5.3 Systemisches Paradigma

6 Vom Berufzur Profession - Erweiterung des beruflichen Doppelmandats zu einem professionellen Tripelmandat

7 Theoriediskurs

8 persönliches Fazit

9 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Zuge der Professionalisierung und Verwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit haben sich manche Theoretikerinnen als besonders einflusstragend auf den Werdegang der Sozialarbeit und Sozialpädagogik herausgestellt. Darunter Silvia Staub-Bernasconi, welche 1936 in Zürich geboren ist und einen weitläufigen und breiten Lebenslauf aufweist. Sie ist ausgebildetete dipl. Sozialarbeiterin und besitzt weitere Studienabschlüsse in Bereichen wie der Soziologie und weist vielfältige Praxiserfahrungen, wie beispielsweise in einem allgemeinen Sozialdienst, auf (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S.4). Allgemein beschäftigt sich Staub-Bernasconi mit dem Professionswissen der Sozialen Arbeit, indem sie definiert, was Soziale Arbeit und eine Profession für sie ist, da dies laut ihr durch den stetigen Wandel der Theoriebildung und im Bereich des Sozialwesens, immer noch nicht beantwortet ist (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S.11). Ihr Ziel ist es, die Soziale Arbeit als eigenständige, anerkannte Profession heranzuführen, indem sie das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit zu einem Tripelmandat erweitert, auf welches ich später noch genauer eingehen werde. Staub-Bernasconi ist besonders am Menschen in der Gesellschaft interessiert (vgl. Lam- bers 2013, S.177). Eines ihrer großen Werke ist die der Menschenrechtsprofession, welche die Soziale Arbeit definieren soll und die Soziale Arbeit von großem Teil geprägt hat. Außerdem ist sie die Grundlage ihrer weiteren Werke. Dort stellt sie ihre eigene Position in Bezug zu der Sozialen Arbeit dar und thematisiert eine Gegenstandsbestimmung, sowie den Rahmen für die Soziale Arbeit. Die Theorie, welche bis heute wichtiger Bestandteil bei der Bearbeitung von sozialen Problemlagen ist, möchte ich in dieser Hausarbeit ausarbeiten, um im Anschluss mein persönliches Fazit zu der Theorie herauszukristallisieren. Dabei lege ich besonders viel Wert darauf, auf das Professionsverständnis von Silvia Staub-Bernasconi genauer einzugehen, sowie die Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit, da dies sehr ausführlich in verschiedener Literatur dargestellt ist. Daher geschah die Ausarbeitung dieses Themas in erster Linie mit Veröffentlichungen von Staub-Bernasconi selbst. Ihre Werke von 1995 und 2007, sowie ein verfasster Artikel von Staub-Bernasconi in dem Fachlexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit stehen hierbei im Vordergrund. Dennoch habe ich auch Sekundärliteratur herangezogen, wie beispielsweise ein Einführungsbuch in verschiedene Theorien von Peter Hammerschmidt, genannt „Zeitgenössische Theorien Sozialer Arbeit“ und das Buch „Theorien der Sozialen Arbeit“ von Helmut Lambers. Zudem hat Staub-Bernasconi konkrete Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit aufgestellt, auf die ich in dieser Hausarbeit allerdings nicht eingehen werde, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2 Silvia Staub-Bernasconi und Sozialarbeit

1967 wird Silvia Staub-Bernasconi zur Professorin an der Schule der Sozialen Arbeit in Zürich, wo sie bereits selber mehrere Fächer studierte. Von da an übte sie einen maßgeblichen Einfluss auf den Werdegang der Sozialen Arbeit aus und hat durch das Werk der Menschenrechtsprofession auch Studiengänge beeinflussen können, sodass es heute in Berlin einen eigenen Master Studiengang gibt, der sich „Soziale Arbeit als (eine) Menschenrechtsprofession“ nennt (vgl. Bernasconi 2007, S.18). Die in 1992 entstandene Menschenrechtskampagne in Verbindung mit der UNO kam zu dem Entschluss, dass nicht nur ökologische Probleme den Menschen bewusst werden müssen, sondern auch soziale Probleme eine entscheidende Rolle dabei spielen sollen, woran die Soziale Arbeit mit einem eigenständigen Auftrag beteiligt sein soll (vgl. Staub-Bernasconi 2000, S.626). In Folge dessen stellte Silvia Staub-Bernasconi zusammen mit Vertreterinnen der Züricher Schule die Definition der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession auf. Sie bezieht sich in ihren Werken oftmals auf den Sozialwissenschaftler Obrecht, welcher Vertreter der Systemtheorie ist, die auch von Staub-Bernasconi beeinflusst und weiterentwickelt wurde (vgl. Hammerschmidt/Aner/Weber 2017, S.146f.). Um die Theorie von Silvia Staub-Bernasconi genauer zu verstehen, werde ich im Folgenden einige Ihrer Grundannahmen in Bezug auf die Soziale Arbeit wie beispielsweise Ihr Professionsverständnis und den Gegenstand der Sozialen Arbeit darstellen.

3 Gegenstandsbestimmung

Die Bestimmung des Gegenstandes einer Theorie als Wissenschaft ist von wichtiger Bedeutung, sowohl für die Theoriebildung, als auch für die praktische Umsetzung dieser (ebd.). Silvia Staub-Bernasconi fasst unter dem Gegenstand der Sozialen Arbeit soziale Probleme, welche sie noch unterteilt in soziale Dimensionen, die laut ihr jedes soziale Problem besitzt. Darunter fasst sie beispielsweise Arbeitslosigkeit und Kriminalität (vgl. Staub- Bernasconi 1995, S.105). Sie definiert: „Probleme sind in Sprache: Bilder, Begriffe erfasstes und bewertetes stummes, subjektives Leiden von Menschen in und an der Gesellschaft und Kultur, die auf unerfüllte Bedürfnisse als auch unerfüllte Wünsche zurückgehen.“ (ebd.). Auch bei Bedürfnissen und Wünschen führt Staub-Bernasconi Definitionen auf, indem sie die Wünsche in jeweils legitime und illegitime Wünsche unterteilt. Legitime Wünsche sind für sie, wenn diese das Befriedigen von Bedürfnissen anderer Menschen nicht beeinflussen. Dementsprechend sind illegitime Wünsche solche, die genau dies tun. Staub Bernas- coni fordert klar von der Forschung über menschliche Grundbedürfnisse eine genauere und tiefergehende Unterscheidung zwischen legitimen und illegitimen Wünschen, welche sich an den Menschenrechten orientieren sollen (vgl. Bernasconi 1995, S.134).

4 Der Standpunkt SozialerArbeit nach Staub-Bernasconi

Silvia Staub-Bernasconi positioniert sich in all ihren Werken ganz klar, dass die Soziale Arbeit genau an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft ansetzen muss und wendet sich ab von früheren Standpunkten, die soziale Probleme ausschließlich als Versagen des Individuums betrachteten, wie beispielsweise in Bezug auf das Versagen in der Arbeitsrolle, wie es der Theoretiker Klumker betrachtet (vgl. Bernasconi 2007, S.122). Sie kritisiert diese Ansätze stark und ist der Meinung, dass dabei das Hinterfragen nach den Normalitätsvorstellungen der Gesellschaft vergessen bleibe (vgl. ebd., S.123). Die Aushandlung von sozialen Problemen, angesetzt an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft, beschreibt Staub-Bernasconi anhand von drei Paradigmen, auf die ich später noch eingehen werde. Ihr Standpunkt Sozialer Arbeit resultiert daraus, dass sie das Individuum nicht dafür geschaffen sieht, soziale Systeme zu befriedigen oder dessen Forderungen gerecht zu werden. Im Zuge dessen fordert sie, dass die sozialen Systeme im Rahmen der Menschenrechte so konstituiert sind, dass menschliche Bedürfnisse befriedigt und Persönlichkeitsentfaltung stattfinden kann (vgl. ebd., S.120). Sie geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie sagt, dass wenn diese Funktion von sozialen Systemen nicht gegeben ist, ein sozialer Wandel für sie notwendig erscheint (ebd.). Sie beschreibt die Gesellschaft insofern, dass diese die Menschen nach Ihrer Funktion bewertet und somit die Menschen je nach „Brauchbarkeit“ aus dem System exkludiert oder in das System inkludiert werden. Sie stellt also klar, dass soziale Probleme maßgeblich von der Gesellschaft beeinflusst werden und die Akteure, die zu der Ausschließung von Menschen führen, im Hintergrund stehen bleiben und zu wenig thematisiert werden (vgl. ebd., S. 125).

4.1 Soziale Probleme

Wie oben festgehalten, sind laut Staub-Bernasconi soziale Probleme die Folge von der Nicht-Erfüllung und Befriedigung von individuellen Bedürfnissen und Wünschen, die aus verschiedenen Bereichen der Lebenswelt von den Adressatlnnen entstehen. Zudem definiert sie: „Soziale Probleme sind ein Typus von zunächst praktischen Problemen, die aber auch zu kognitiven Problemen gemacht werden können.“ (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S.167). Zusätzlich führt sie auf, dass die Bedürfnisse, welche durch Unbefriedigung zu sozialen Problemen werden, erst durch die Gesellschaft geschaffen werden wie beispielsweise durch die Wirtschaft und Werbung. Fortführend sagt sie, dass soziale Probleme auch durch die Spaltung der nationalen- und Weltgesellschaft entstehen. Als Beispiel dafür führt sie auf, dass Menschen, welche in einem peripheren Wirtschaftsbereich arbeiten, immer Angst haben müssen, ihren Job zu verlieren, da sie sich untereinander einen Konkurrenzkampf liefern müssen (vgl. ebd., S.209). Staub-Bernasconi unterscheidet zwischen vier Problemkategorien, die man bei einem konkreten Fallbeispiel betrachten muss. Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit sind laut ihr diejenigen, die überschneidende Problematiken auf der Ausstattungs- und Austauschebene besitzen (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S.134f.).

4.2 Ausstattungsprobleme

Ausstattungsprobleme sind nach Staub-Bernasconi eine ungerechte Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft und die dadurch bedingte beeinträchtigte Möglichkeit, seine Bedürfnisse befriedigen zu können oder auch wenn Menschen an den Ressourcen der Gesellschaft nicht teilnehmen können (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S.226f.). Die Defizite, die Menschen besitzen, sieht Staub-Bernasconi also nicht als Verhaltensdefizite vom Menschen selbst, sondern auch hier wird Ihre Position verdeutlicht, denn sie sieht diese Defizite als Ursache Im Ort der Gesellschaft. Sie Spricht hier von einem Ort, der von Überschüssen und Überflüssen geprägt ist (edb.). Staub-Bernasconi spricht von sechs Dimensionen von Ausstattungsdefiziten, welche körperliche Ausstattung, sozioökonomische Ausstattung, Ausstattung mit Erkenntniskompetenzen, die daraus resultierende symbolische Ausstattung, Ausstattung mit Handlungskompetenzen und die Ausstattung mit sozialen Beziehungen, genannt werden (vgl. Staub-Bernasconi 1994, S.15ff.).

4.3 Austauschprobleme

Silvia Staub-Bernasconi unterscheidet bei Austauschproblemen zwischen Tauschsymmetrien und Tauschasymmetrien, bei welchen letzteres das Problem darstellt (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S.227). Tauschsymmetrien beschreibt sie als ein Geben und Nehmen, welches gleichberechtigt ist und beide Partner vom Tausch profitieren. Hingegen beschreibt sie Tauschasymmetrie als ein Ungleichgewicht von Geben und Nehmen, wobei nur ein Tauschpartner profitiert (vgl. ebd., S. 203f.). Silvia Staub-Bernasconi stellt hierbei das Asymmetrische Tauschverhältnis zwischen Mann und Frau in den Vordergrund, wobei laut ihr die Frauen in den meisten Gesellschaften mehr geben als nehmen trotz meist knapper Ressourcen. Zusätzlich spricht sie von weiteren Asymmetrien, mit denen die Soziale Arbeit konfrontiert wird, wie beispielsweise mit unterschiedlichen Hautfarben. Diese Asymmetrien als unfaires Geben und Nehmen beschreibt sie nicht als etwas ungewöhnliches, sondern als „Normalfall“ für sowohl die Adressatlnnen, als auch für die in der Sozialen Arbeit Beschäftigten (vgl. ebd., S. 206).

4.4 Machtprobleme

Staub-Bernasconi unterscheidet zwischen drei Bereichen der Machtkritik nach der neuen Frauenbewegung. Darunter fällt die „Gewalt als Recht des Stärkeren“, die unterschiedliche Verteilung von Ressourcen und die Definitionsmacht im Alltag (vgl. ebd., S. 239f.). Mit der Gewalt als Recht des Stärkeren meint sie beispielsweise die physische Überlegenheit von Geschlechterbeziehungen, umgangssprachlich der Mann als das stärkere Geschlecht. Die unterschiedliche Verteilung von Ressourcen setzt sie in Bezug mit beispielsweise der Bildung und der Erwerbsarbeit. Als letztes beschreibt sie die Definitionsmacht im Alltag, die durch die Beschreibung der Frauen als Emotional, Passiv und Intuitiv im Gegensatz zu den Männern als aktiv und rational geprägt ist (ebd.). Unabhängig von der Macht zwischen Frauen und Männern führt Staub-Bernasconi weitere Kriterien auf, die zur Unter-und Überlegenheit und somit zu behindernden Machtstrukturen führen, wie beispielweise die Hautfarbe und die religiöse Zugehörigkeit von Individuen (vgl. ebd., S.244). Allgemein definiert Staub-Bernasconi Macht als eine Abhängigkeitsbeziehung, welche durch Strukturregeln, zwischen zwei Menschen oder größeren Sozialen Systemen, festgelegt ist (vgl. ebd., S. 245). Festzuhalten ist, dass Staub-Bernasconi zwischen Begrenzungs- und Behinderungsmacht unterscheidet, wobei ausschließlich letzteres das Problem darstellt.

4.4.1 Behinderungsmacht

Behinderungsmacht beschreibt Staub-Bernasconi als die Macht, die einzelne Gruppen der Gesellschaft an der Teilhabe von gesellschaftlichen Ressourcen ausschließt und allen Existenzrisiken ausgesetzt werden, sowie psychisch oder technisch manipuliert werden und dies als natürlich gewollt legitimiert und akzeptiert wird (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S. 247). Die Behinderungsmacht folgt den Regeln, dass die Menschen aufgrund von nicht veränderbaren Merkmalen, wie beispielsweise der familiären Abstammung, der Verteilung von meist knappen Ressourcen zugewiesen werden (edb.).

4.4.2 Begrenzungsmacht

Die Begrenzungsmacht ist laut Staub-Bernasconi gekennzeichnet durch legitime Machtregeln, die soziale Gerechtigkeit fördern und somit hingegen zur Behinderungsmacht, den Menschen nicht von gesellschaftlichen Ressourcen ausschließt, sondern diesem den Zugang für die Ressourcen ermöglicht (edb.). Außerdem wird hier, im Unterschied zu der Behinderungsmacht die Verteilung von Ressourcen nicht an nicht veränderbaren Merkmalen des Menschen, sondern an den menschlichen Bedürfnissen ausgemacht (vgl. ebd., S. 248).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit und soziale Probleme in Anlehnung an die Menschenrechtsprofession nach Silvia Staub-Bernasconi
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V992380
ISBN (eBook)
9783346355287
ISBN (Buch)
9783346355294
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Staub-Bernasconi, Menschenrechtsprofession, soziale Probleme, soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Celina Poetz (Autor), 2017, Soziale Arbeit und soziale Probleme in Anlehnung an die Menschenrechtsprofession nach Silvia Staub-Bernasconi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992380

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