Neapolitanisch / Ital. Sprachentwicklung


Seminararbeit, 2000

6 Seiten, Note: sehr gut


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neapolitanisch

3. Externe Sprachgeschichte

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Diese Proseminar-Arbeit stellt zwei Aufgaben. Als erstes soll versucht werden, eine Minderheitensprache auf italienischen Staatsgebiet oder einen Dialekt vorzustellen. Da ich einige Verwandte in der Region Salerno habe und diese Gegend als meine zweite Heimat betrachte, habe ich mich für das Neapolitanische entschieden.

Die zweite Aufgabe betrifft die externe Sprachgeschichte. Es sollen die wichtigsten Etappen dargestellt werden und gleichzeitig soll Bezug auf die Standardisierungskriterien nach Lindenbauer/Metzeltin/Thir: Die romanischen Sprachen. Eine einführende Ü bersicht genommen werden.

2. Das Neapolitanische

Das Neapolitanische betrifft die (Mundart)region Kampanien und wird seit jeher mit dem Kampanischen gleichgesetzt. Leider gehören die kampanischen Dialekte zu den am unzureichendsten erforschten Mundarten in Italien, sie sind gewissermaßen eine dialektologische Grauzone, deren Analyse erst sehr spät eingesetzt hat, obwohl das Neapolitanische (natürlich nur im Süden) eine Vormachtstellung erlangt hat, die südlich bis Salerno die eigenständigen Dialekte zurückdrängt. Im folgenden Teil versuche ich unter anderem an Hand einiger ausgewählter Beispiele, dem LRL folgend, die wesentlichen Unterschiede aufzuzeigen:

2.1. Morphologie, Grammatik

- Kein Teilungsartikel
- Genusschwankungen beim Substantiv - Doppelformen auf - o und - a: das Femininum drückt in der Regel das Größere aus.
- Im Plural ist oft noch die -a Form als Relikt des lateinischen Neutrums vorzufinden, z.B. i traditora `i traditori'
- Drei Konjugationstypen (auf - á , -ere, -i), wobei einige Verben synonym auf die zweite oder dritte Konjugation zurückgreifen können, z.B. s è ntere - `sentire'
- Die Anredeform beschränkt sich auf tu und voi - Pronomenredundanz, z.B. a me mi piace
- Konjunktiv Präsens fehlt (Ausnahme: put é)
- Die Suffixe -illo und - iello stehen auch bei Adjektiven, bei Adverbien und besonders häufig bei Eigennamen, z.B. Franceschiello

2.2. Syntax

- Wiederholung bzw. Teilwiederholung des Verbs beim Imperativ, z.B. guarda gu á `guarda' · Bei Konditionalsätzen steht der Konditional im Nebensatz, der Konjunktiv Imperfekt im Hauptsatz

2.3. Lexikon

Das Neapolitanische weist eine reiche Wörterbuchproduktion auf, wobei hingegen eine Lexikologie der kampanischen Dialekte aussteht- häufige Dialektismen wie Salernitano sind nicht dokumentiert.

Nach dem zweiten Weltkrieg sind auch amerikanische Anleihen in das Neapolitanische eingedrungen, wie z.B. mamm à e pap à. Bedeutend ist auch der Einfluss des Wortschatzes des gergo della Camorra. Einige seine Elemente sind auch von Neapel aus in die Umgangssprache eingedrungen, wie z.B. `pederasta'. Einen Überblick über neapolitanische Elemente, die in die Umgangssprache eingegangen sind, verzeichnet Altamura 1961.

2.4. Soziolinguistische Einschätzung

Die kampanischen Mundarten stehen dem mittelitalienischen Standart sehr nahe. Obwohl oft der Verfall der Mundarten beklagt wird, ist dies sicher nicht der Fall, wie Lehrer an Hand des Italienischunterrichtes aufzeigen können.

Das Neapolitanische ist eine Prestigevarietät und wird in allen sozialen Schichten gesprochen. Gleichzeitig mit dem Dialekt verbindet sich auch eine tiefe Loyalität zu der Region, in der man lebt. Andere Varietäten werden oft von den Sprechern selbst als vulgär abgewertet.

3. Externe Sprachgeschichte

Die Entwicklung der Sprache hängt natürlich ganz eng mit der Geschichte zusammen. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts v.Chr. wird die Stadt Rom gegründet, welche bis zum 6.

Jahrhundert unter etruskischer Herrschaft stand und die Stadt auch sprachlich beeinflusst. Mit der Vertreibung des letzten Königs beginnt die Ausbreitung Roms. Im 2. Jahrhundert n.Chr. sind die Römer bereits an allen Küsten des Mittelmeeres, an den atlantischen Küsten von Mauretanien bis Britannien und an den Ufern des Rheins, der Donau und des Tigris präsent. Mit ihnen geht die ,,Lateinisierung" einher. In dieser orbis romanu s war Latein die allein gültige Amtssprache und das allgemeine Verständigungsmittel. Ab dem 3. Jahrhundert n.Chr. fallen immer wieder ,,barbarische" Völker, also Völker, deren Sprache nicht Latein ist, in das römische Reich ein und verbreiten dadurch ihre Kultur und verändern das Sprechlatein, das als vulgär-latein bekannt ist. Sie pidginisieren es. Besonderheiten dieses Lateins, die in den heutigen romanischen Sprachen weiterleben, sind z.B. die Sprachökonomie (Tilgung von Lauten nach dem Gesetz des geringsten Widerstandes), der Analytismus oder der Qualitätenkollaps.

Nach dem Zerfall des römischen Reiches kommt es aufgrund mehrerer Faktoren zu einer Aufsplittung der romanischen Sprachen. Zum Einen gab es keine sprachvereinheitlichende Kraft mehr, zum Anderen sind sehr viele Menschen auf das Land gezogen, auf sogenannte villae, wo dann die Sprache stark rurisiert wurde. Fast jede villa hatte einen eigenen Sprachgebrauch. In der Stadt zentrieren sich die Eroberer, die anderssprachig sind. Seit der Völkerwanderung gibt es mehrere Versuche der sprachlichen Vereinigung. Im 8. Jahrhundert will man das römische Reich wieder erneuern. Karl, der Große spricht von renovatio imperium, und möchte damit nicht nur das klassische Latein beleben, er möchte den Wiederaufbau des römischen Reiches. Diese Rückkehr führt aber zu einem Bruch der Verständlichkeit zwischen dem Leitmodell und den regionalen Sprechvarietäten. Man merkt zum ersten Mal, dass neue Sprachen entstanden sind. 842 entstehen der erste schriftlich tradierte Text, (die Straßburger Eide), der stärker romanischen als lateinischen Charakter hat. Dieser Text gilt als die Vorstufe des Französischen.

960 ist der erste italienische Text überliefert: ,,placito di Capua": Dies ist ein Gerichtsurteil, in dem ein Satz, nämlich der, den die Zeugen aussagen mussten, in Volkssprache ist. Die Zeugen waren scheinbar bereits nicht mehr der lateinischen Sprache mächtig. Im 11. und 12. Jahrhundert gibt es immer mehr Belege für Gebrauchsschriften in Vulgärsprache, dem volgare.

Literarisch wird volgare erst im 13. Jahrhundert von der ,,sizilianischen Schule" am Hofe des Friedrichs II. verwendet, in Anlehnung an die Troubadourdichtung der Franzosen.

Mit Dante, der im ,,dolce stil nuovo" schreibt, wird das volgare im 14. Jahrhundert belebt, zuerst nur in der Literatur, allmählich aber auch in wissenschaftlichen Bereichen. Dies ist aber ein langer Prozess, und es kommt erst mit dem Buchdruck (1540) zu einer Entscheidung, für welches der bereits drei verschiedenen volgare man sich entscheidet, da nun eine Kodifizierung unumgänglich ist. Das volgare der Tre corone wird als Standard genommen, mitunter auch deswegen, weil es bereits einen hohen Anteil an Grammatikern und Lexikographen gibt., z.B. Fortunio. Dennoch hat das volgare noch nicht den Status einer hochrangigen Wissenschaftssprache. Astronomie, Physik, Mathematik, und Medizin bleiben bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts noch im starken Maß dem Latein verhaftet. Erst in der zweiten Hälfte tritt das Latein langsam als Wissenschaftssprache zurück, wenn auch nicht ohne Widerstände.

Der starke, von der französischen Revolution ausgehende Nationalismus, verursacht den Anspruch auf Anerkennung der sprachlichen und kulturellen Identität. Unter Napoleon erhalten alle unter französischem Einfluss stehenden Staaten der Halbinsel ähnliche Verfassungen nach französischem Vorbild. 1806 wurde im Regno d'Italia der zweisprachige Code civil erlassen. Dieses Regno d'Italia wird zum Vorläufer des vereinten Italiens und die Idee des Risorgimento ist nicht mehr auszulöschen. Die Einigung Italiens wird in vielen Schriften verlangt und durchdacht. Das Problem der Einigung des Landes wird von den Intellektuellen sofort mit dem Problem der Landessprache verknüpft. In der Romantik herrscht die Meinung, dass Landeseinheit und Spracheinheit Hand in Hand gehen müssten. Es ist eine Sprachdebatte entstanden, die ,,questione della linqua". Themenschwerpunkt ist die Frage, ob die italienische Sprache aktualisiert werden oder konservativ bleiben solle. Bis zur Einigung Italiens überwog die konservative Seite. Mit Manzonis ,,I promessi sposi" kommt die Wende. Manzoni vertritt die Aktualisierung und tritt für das gesprochene Florentinische ein. Sein Roman setzt sich durch und wird Pflichtlektüre an allen italienischen Schulen - Grammatiken orientieren sich ebenfalls an ihm.

Im 20. Jahrhundert geht die Vereinheitlichung aufgrund mehrerer Faktoren rasch voran: Die Bürokratie wird vereinheitlicht, die Bürokraten werden mehr und die Medien werden immer mächtiger, populärer. Rundfunk, Presse, Kino und Fernsehen bestimmen die Sprache, v.a. das Fernsehen spielt eine wesentliche Rolle.

Wann kommt es eigentlich aber zu einer Standardisierung einer Sprache, d.h. wann spricht man von einer Sprache als Sprache?

Dem Buch ,,Die romanischen Sprachen. Eine einführende Übersicht" folgend, gibt es mehrere

Faktoren:

- Die Sprecher müssen sich der eigenen Sprache bewusst sein und sie auch benennen. · Entstehen von traditionsreichen Texten (z.B. placito di Capua)
- Kodifizierung der Sprache in Grammatiken und Wörterbüchern · Offizialisierung (Ämter, Schulen,...)
- Die Sprache wird im Alttag verwendet.

Die Standardisierung des Italienischen hat sich sehr langsam, nämlich über Jahrhunderte hindurch, vollzogen.

Dies war nur ein grober Streifzug durch die externe Sprachgeschichte, der den Beginn und den Entwicklungsverlauf der italienischen Sprache darstellen soll. Zu Ende ist dieser Entwicklungsprozess sicher nicht, da eine Sprache keineswegs ein starres System ist und sich unter anderem auch den äußeren Einflüssen anpasst und dadurch verändert bzw. aktualisiertwird.

Literaturverzeichnis

Petrea Lindenbauer/Michael Metzeltin/Margit Thir, Die romanischen Sprachen. Eine einführende Übersicht, 2. Aufl., 1995

Holtus Günther [Hrsg.], Lexikon der romanistischen Linguistik, Bd.3, Bd.4

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Neapolitanisch / Ital. Sprachentwicklung
Veranstaltung
Proseminar-Arbeit
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
6
Katalognummer
V99240
ISBN (eBook)
9783638976893
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neapolitanisch, Ital, Sprachentwicklung, Proseminar-Arbeit
Arbeit zitieren
Alexandra Huck (Autor:in), 2000, Neapolitanisch / Ital. Sprachentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99240

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