Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues "Gregorius". Es handelt sich hierbei um eine Erzählung, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts datiert wird und das zweite bedeutende epische Werk des Autors nach dem "Erec". Besonders ist, dass der Gregorius das einzige Werk Hartmann von Aues ist, das sowohl einen ausgeprägten Prolog als auch Epilog besitzt. Ziel der Arbeit ist es, die Rolle des Erzählers näher zu beleuchten und sein Auftreten, das bedeutet seine Kommentare zu kategorisieren.
Wie in der Mediävistik üblich, stellt sich auch hier zunächst die Frage nach der Differenzierung zwischen dem Autor und dem Erzähler. Beziehen sich all jene Äußerungen tatsächlich auf den realen Autor Hartmann von Aue oder hat er einen fiktiven Erzähler erschaffen? Da es sich um einen mittelalterlichen Text handelt und wir nicht sehr viel mehr wissen, als in seinen Überlieferungen steht, wird diese Frage schwierig zu beantworten sein.
In einem nächsten Schritt wird eine Einteilung der Kommentare in unterschiedliche Kategorien angestrebt. Dazu soll nach Paul Herbert Arndt ein einfaches allgemeines Kommunikationsmodell dienen, um aufzuzeigen, wie literarische Kommunikation abläuft und auf welchen Ebenen der Erzähler sich in seine Erzählung einbringen kann. Dadurch erhoffe ich mir einen Einblick in die Zielsetzung und somit die Rolle des Erzählers in dieser Erzählung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Autor oder Erzähler?
3 Die Erzählerbemerkungen
3.1 Allgemeines Kommunikationsmodell
3.2 Der Kommunikationsvorgang
3.2.1 Die Legitimation
3.2.2 Die Gliederung
3.2.3 Die Erklärung
3.3 Der Kommunikationsinhalt
3.4 Der Kommunikationshorizont
3.5 Der Kommunikationspartner
4 Conclusio
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des Erzählers im mittelhochdeutschen Versepos Gregorius von Hartmann von Aue. Ziel ist es, die Erzählerkommentare systematisch zu kategorisieren, um das Auftreten und die erzählerische Funktion innerhalb des Werks offenzulegen.
- Differenzierung zwischen dem realen Autor und dem fiktiven Erzähler im Mittelalter
- Anwendung des Kommunikationsmodells nach Paul Herbert Arndt
- Kategorisierung von Erzählerbemerkungen nach Kommunikationsvorgang, -inhalt, -horizont und -partner
- Untersuchung von Legitimation, Gliederung und Wertung im Gregorius
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Legitimation
Das Publikum mittelalterlicher Erzählungen forderte anscheinend die Beglaubigung des Erzählten durch den Autor, da sich stereotype Formeln herausgebildet haben, die in diversen mittelalterlichen Erzählungen zu finden sind. Sinn dieser Quellenberufungen und Wahrheitsbeteuerungen ist es, die gesamte Erzählung, aber auch befremdliche Details unanfechtbar zu machen.
Grundsätzlich war Erzählen zur Zeit Hartmanns nicht Erfinden, sondern Auffinden und Wieder- bzw. Neuerzählen von bereits Erzähltem, weshalb die Quellenberufung die zentralste Art der Beglaubigung bedeutet, indem die Quelle als für den Wahrheitsgehalt bürgende Autorität angeführt wird. Im Gregorius wird die Quelle, die altfranzösische Erzählung „Vie de Saint Grégoire“, jedoch nicht direkt genannt. Hartmann verwendet stattdessen Umschreibungen, wie „als ich bewîset bin“, „als ich ez las“, „ouch saget uns diu wârheit […]“, „sô man saget“ oder „nâch sage“. Dies lässt darauf schließen, dass die Angabe einer schriftlichen oder mündlichen Quelle nicht der tatsächlichen Überlieferung entspricht, sondern der Autor aufgrund des Publikumsanspruchs nach Legitimation und mangels einer sicheren Quelle zur Quellenfiktion greift.
Im Bereich der Wahrheitsbeteuerungen existiert eine große Bandbreite an Formulierungen, deren funktioneller Wert entschieden differiert. Es finden sich stereotype Kurzformeln im reinen Erzähltext oder in Erzählerbemerkungen, die primär aufgrund der Zwänge des höfischen Reimpaarverses vorkommen und weniger aus Gründen der Beglaubigung. Beispiele sind „benamen“, „zewâre“, „weiz got“, „dêswâr“, „daz ist wâr“ und „vür wâr“. Des Weiteren gibt es Formulierungen, in denen es hauptsächlich um die Legitimation des Erzählten geht, indem der Autor ausdrücklich darauf hinweist, dass er nicht lüge, sondern die Wahrheit sage. Im Gregorius geschieht dies u.a. durch folgende Ausdrücke: „dâ enliuge ich iu niht an“, „daz sî iu vür wâr geseit“, „als ich iu rehte nû sage“, „daz dunket manegen niht wâr: des gelouben velsche ich.“ sowie „dâ enlugen si niht an.“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in das Thema der Erzählerrolle im Gregorius ein und definiert die methodische Basis mittels eines Kommunikationsmodells.
2 Autor oder Erzähler?: Dieses Kapitel erörtert die theoretische Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen dem realen Autor Hartmann von Aue und der Erzählinstanz im mittelalterlichen Text.
3 Die Erzählerbemerkungen: Hier werden die Äußerungen des Erzählers anhand eines Kommunikationsmodells in vier zentrale Bereiche unterteilt und detailliert analysiert.
3.1 Allgemeines Kommunikationsmodell: Es werden die theoretischen Grundbedingungen für literarische Kommunikation im epischen Text dargelegt.
3.2 Der Kommunikationsvorgang: Dieser Abschnitt behandelt erzähltechnische Bemerkungen, die der Legitimation, Gliederung und Erklärung dienen.
3.2.1 Die Legitimation: Es wird untersucht, wie der Autor durch Quellenfiktion und Wahrheitsbeteuerungen die Glaubwürdigkeit seiner Erzählung stützt.
3.2.2 Die Gliederung: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Rückverweise, Ankündigungen und Vorausdeutungen als gliedernde Elemente zur Erzählökonomie beitragen.
3.2.3 Die Erklärung: Es wird analysiert, wie der Erzähler lateinische Fachbegriffe definiert und sein erzählerisches Verhalten mittels Demutsformeln begründet.
3.3 Der Kommunikationsinhalt: Dieser Teil widmet sich der kommentierenden Darstellungsweise und der häufigen Verwendung wertender Adjektive, insbesondere des Begriffs „guot“.
3.4 Der Kommunikationshorizont: Hier wird thematisiert, wie der Erzähler durch allgemeine Lebensweisheiten und Weltwissen eine Brücke zwischen der fiktiven Welt und der Realität schlägt.
3.5 Der Kommunikationspartner: Dieses Kapitel analysiert die direkte Ansprache des Publikums und die Interaktion des Erzählers in den Paratexten.
4 Conclusio: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass alle Erzählhandlungen primär das Ziel verfolgen, dem Publikum einen vorbildlichen Lebenswandel nahezubringen.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Gregorius, Erzähler, Erzählerkommentare, Literaturtheorie, Kommunikationsmodell, Mediävistik, Autor, Legitimation, Wahrheitsbeteuerung, Erzähltechnik, Nullfokalisierung, Gliederung, Mittelalter, Höfische Dichtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle des Erzählers und die Funktion seiner Kommentare im Versepos Gregorius von Hartmann von Aue.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Unterscheidung von Autor und Erzähler, die Einteilung der Erzählerkommentare anhand eines Kommunikationsmodells sowie die Analyse erzähltechnischer und wertevermittelnder Strategien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, das Auftreten des Erzählers in Hartmanns Werk näher zu beleuchten und dessen Kommentare systematisch zu kategorisieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es wird eine literaturtheoretische Analyse auf Basis eines allgemeinen Kommunikationsmodells nach Paul Herbert Arndt durchgeführt, um die Kommunikationsebenen im Text zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kommunikationsvorgang, -inhalt, -horizont und -partner, wobei insbesondere auf Legitimation, Gliederung, Erklärungen und moralische Wertungen eingegangen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hartmann von Aue, Gregorius, Erzählerrolle, Kommunikationsmodell, Quellenfiktion und Erzähltechnik.
Warum fällt es dem Autor schwer, den Erzähler vom realen Autor zu trennen?
Da der Autor Hartmann von Aue seinen Namen im Prolog und Epilog nennt, verschwimmen die Grenzen zwischen dem realen Verfasser und der Erzählinstanz, was eine saubere Trennung semantisch unmöglich macht.
Welche Funktion hat die "Legitimation" im Gregorius?
Die Legitimation dient dazu, die Erzählung und ihre teilweise befremdlichen Details durch Quellenberufungen und Wahrheitsbeteuerungen für das Publikum unanfechtbar zu machen.
Wie geht der Autor mit Kritik an adeligen Figuren um?
Da es dem Autor in der höfischen Gesellschaft oft nicht erlaubt ist, offen Kritik an Adeligen zu üben, wählt er den Ausweg, Kritik stellvertretend durch andere Figuren oder in indirekter Form zu äußern.
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- Marion Koppenberger (Author), 2013, Die Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues "Gregorius", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992517