Die Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues "Gregorius"


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Autor oder Erzähler?

3 Die Erzählerbemerkungen
3.1 Allgemeines Kommunikationsmodell
3.2 Der Kommunikationsvorgang
3.2.1 Die Legitimation
3.2.2 Die Gliederung
3.2.3 Die Erklärung
3.3 Der Kommunikationsinhalt
3.4 Der Kommunikationshorizont
3.5 Der Kommunikationspartner

4 Conclusio

Bibliographie

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues Gregorius. Es handelt sich hierbei um eine Erzählung, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts datiert wird und das zweite bedeutende epische Werk des Autors nach dem Erec, aber vor dem Armen Heinrich und dem Iwein ist. Besonders ist, dass der Gregorius das einzige Werk Hartmann von Aues ist, das sowohl einen ausgeprägten Prolog als auch Epilog be­sitzt. Ziel der Arbeit ist es, die Rolle des Erzählers näher zu beleuchten und sein Auftreten, das bedeutet seine Kommentare zu kategorisieren.

Wie in der Mediävistik üblich, stellt sich auch hier zunächst die Frage nach der Differen­zierung zwischen dem Autor und dem Erzähler. Beziehen sich all jene Äußerungen tat­sächlich auf den realen Autor Hartmann von Aue oder hat er einen fiktiven Erzähler er­schaffen? Da es sich um einen mittelalterlichen Text handelt und wir nicht sehr viel mehr wissen, als in seinen Überlieferungen steht, wird diese Frage schwierig zu beantworten sein.

In einem nächsten Schritt wird eine Einteilung der Kommentare in unterschiedliche Kate­gorien angestrebt. Dazu soll nach Paul Herbert Arndt ein einfaches allgemeines Kommuni­kationsmodell dienen, um aufzuzeigen wie literarische Kommunikation abläuft und auf welchen Ebenen der Erzähler sich in seine Erzählung einbringen kann. Dadurch erhoffe ich mir einen Einblick in die Zielsetzung und somit die Rolle des Erzählers in dieser Erzäh­lung.

2 Autor oder Erzähler?

Literaturtheoretisch ist es unabdingbar methodisch zwischen dem Autor und dem Erzähler zu differenzieren. Als Autor wird der Verfasser eines Werks bezeichnet, der im Regelfall eine Bezugsgröße außerhalb des literarischen Textes darstellt und somit keine narrative Instanz im Text ist. Im Gegensatz zum realen Autor steht der vom Autor imaginierte Er­zähler für eben jene textinterne, narrative Instanz, die Vorgänge und Zustände einer fik­tionalen Welt aus einem oder verschiedenen Blickwinkeln darstellt. Diese Sprecherinstanz gilt in der Erzählforschung als Textkategorie und ist somit als eine vom Autor entworfene Rolle bzw. Figur beschreibbar.

In den unterschiedlichen Konzepten zur Beschreibung des Phänomens der Perspektive wird der Autor vornehmlich als außertextuelle Komponente beiseitegelassen, um im Rah­men der Textanalyse die Kategorien Erzähler, Erzählsituation und Erzählverhalten zu fokussieren. Dabei stehen zwei Grundsatzfragen im Zentrum: 1. Wer erzählt das Ge­schehen? und 2. Welche Figur ist maßgeblich für den narrativen Blickwinkel?

Gérard Genette führte in diesem Zusammenhang mit Fokus auf die zweite Frage den Be­griff der Fokalisierung ein. Er unterscheidet drei Fokalisierungstypen: die Null­fokalisierung, die uneingeschränkte Sicht des Erzählers auf die erzählte Welt, die Interne Fokalisierung, die Erzählung der Diegese anhand der Wahrnehmung einer erlebenden Fi­gur und die Externe Fokalisierung, dem Bericht des Erzählers aus der Außensicht, das heißt ohne Einblick in die erlebende Figur.1

Vereinfacht dargestellt könnte man aus erzähltheoretischer Sicht zu dem Schluss kommen, dass der Erzähler in Hartmann von Aues Gregorius keine Figur der Diegese sei, sondern das Geschehen nullfokalisiert, anscheinend anhand ihm vorliegender Quellen erzählt. Doch ganz so simpel stellt sich der Sachverhalt nicht dar. Es muss darauf hingewiesen werden, dass neben der Unterscheidung zwischen realem Autor und Erzähler vor allem in mittel­hochdeutschen epischen Texten zusätzlich der Autor im Text auftritt. Dieser ist nicht als biographischer Verweis auf den realen Autor zu verstehen, sondern als Darstellung des Autors und seiner Autorschaft, also als ein sprachlich realisiertes Autorbild, das sich mit dem Autornamen verknüpft. Denn ein mittelalterlicher Autor, der seinen Namen im Text und nur dort nennt, erreicht damit primär eine Zuordnung des Werks zu einem Verfasser und zielt vermutlich weniger auf eine namentliche Identifizierung des Erzählers ab.

Hartmann platziert seinen Namen im Gregorius zweimal und zwar am Übergang von Pro­log zum Erzählungsbeginn sowie im Epilog, also in den Paratexten.

Der diese rede berihte,
in tiusche getihte,
daz was von Ouwe Hartman.
Hartman, der sîn arbeit
an diz liet hât geleit
gote und iu ze minnen,
der gert dar an gewinnen
daz ir im lât gevallen
ze lône von in allen
die ez hœren oder lesen
daz si im bittende wesen
daz im diu sælde geschehe
daz er iuch noch gesehe
in dem himelrîche.2

Er nutzt dafür die grammatische Figur der Er-Rede, um eine Autor-Werk-Relation im Sinne von Verfasserschaft zu generieren. Im Epilog verwendet er als Tempus das Präsens, wodurch er seinen Namen im Sprechakt vorstellt und eine Verbindung der namentlichen Nennung mit dem Entstehungsprozess des Werks herstellt. Im Gegensatz dazu tritt das erzählende Subjekt in der ersten Person auf. So lässt sich zwar eine grammatische Dif­ferenzierung zwischen zwei Subjekten, dem Autor-Er und dem Erzähler-Ich, vornehmen, weshalb Linke davon ausgeht, dass Erzähler und Autor nicht ident sind, laut Unzeitig ist jedoch eine logische, semantische Unterscheidung nicht möglich, da sich das Erzähler-Ich durch die zweimalige Namensnennung als Hartmann identifizieren lässt.

Es lässt sich also feststellen, dass die mittelhochdeutsche Literatur im Allgemeinen und Hartmann von Aue im Gregorius im Speziellen die Vorstellung des mündlich erzählenden Autors im Kontext der namentlichen Autornennung bevorzugt. Diese wird kreiert, indem Verfassen und Erzählen als scheinbar gleichzeitige Abläufe koordiniert werden, wodurch die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Autor und Erzähler nicht aufgelöst werden kann.3

3 Die Erzählerbemerkungen

3.1 Allgemeines Kommunikationsmodell

Wie alle epischen Texte sind auch Hartmanns Werke Teil der literarischen Kommuni­kation und verfügen insbesondere über zwei Merkmale. Zum einen handelt es sich um fi­xierte Texte, die unabhängig von der Art der Rezeption eine ebenfalls festgelegte, mono­logisch strukturierte Kommunikationssituation beinhalten, was bedeutet, dass die Kommu­nikation nur in eine Richtung verläuft. Zum anderen umfasst der Inhalt dieser Kommu­nikation hauptsächlich die Darlegung des jeweiligen Erzählstoffes, also der Abfolge imaginierter Vorkommnisse.

Versucht man nun diese beiden Merkmale in ein simples, allgemeines Kommunikations­modell einzuordnen, so muss eine Erzählsituation laut Arndt folgende Grundbedingungen erfüllen, um erfolgreich zustande zu kommen. Zunächst benötigt man einen Sender, den Erzähler und einen Empfänger, die Rezipienten, deren Rollen nicht umkehrbar sind. Der Kommunikationsvorgang kann nur mittels eines gemeinsamen Codes, der geschriebenen oder gesprochenen Sprache erfolgen und muss eine Erzählung beinhalten. Abschließend ist ein gemeinsamer Kommunikationshorizont, d.h. gemeinsames Weltwissen als Grundlage für eine erfolgreiche Kommunikation nötig.

Ausgehend von diesem Modell, eröffnen sich vier Bereiche, die der Erzähler besprechen kann: der Kommunikationspartner, der Kommunikationsvorgang, der Kommunikations­inhalt sowie der Kommunikationshorizont.4

3.2 Der Kommunikationsvorgang

Befasst sich der Erzähler mit dem Kommunikationsvorgang, sprich dem Erzählen, so han­delt es sich um erzähltechnische Bemerkungen, die drei verschiedene Zielsetzungen ver­folgen: die Legitimation des Erzählten, seine Gliederung und die Erklärung des erzäh­lerischen Handelns.5

3.2.1 Die Legitimation

Das Publikum mittelalterlicher Erzählungen forderte anscheinend die Beglaubigung des Erzählten durch den Autor, da sich stereotype Formeln herausgebildet haben, die in di­versen mittelalterlichen Erzählungen zu finden sind. Sinn dieser Quellenberufungen und Wahrheitsbeteuerungen ist es, die gesamte Erzählung, aber auch befremdliche Details un­anfechtbar zu machen.

Grundsätzlich war Erzählen zur Zeit Hartmanns nicht Erfinden, sondern Auffinden und Wieder- bzw. Neuerzählen von bereits Erzähltem, weshalb die Quellenberufung die zen­tralste Art der Beglaubigung bedeutet, indem die Quelle als für den Wahrheitsgehalt bür­gende Autorität angeführt wird. Im Gregorius wird die Quelle, die altfranzösische Er­zählung „Vie de Saint Grégoire“, jedoch nicht direkt genannt. Hartmann verwendet statt­dessen Umschreibungen, wie „als ich bewîset bin“, „als ich ez las“, „ouch saget uns diu wârheit […]“, „sô man saget“ oder „nâch sage“.6 Dies lässt darauf schließen, dass die An­gabe einer schriftlichen oder mündlichen Quelle nicht der tatsächlichen Überlieferung ent­spricht, sondern der Autor aufgrund des Publikumsanspruchs nach Legitimation und man­gels einer sicheren Quelle zur Quellenfiktion greift.

Im Bereich der Wahrheitsbeteuerungen existiert eine große Bandbreite an Formulierungen, deren funktioneller Wert entschieden differiert. Es finden sich stereotype Kurzformeln im reinen Erzähltext oder in Erzählerbemerkungen, die primär aufgrund der Zwänge des hö­fischen Reimpaarverses vorkommen und weniger aus Gründen der Beglaubigung. Bei­spiele sind „benamen“, „zewâre“, „weiz got“, „dêswâr“, „daz ist wâr“ und „vür wâr“.7 Des Weiteren gibt es Formulierungen, in denen es hauptsächlich um die Legitimation des Er­zählten geht, indem der Autor ausdrücklich darauf hinweist, dass er nicht lüge, sondern die Wahrheit sage. Im Gregorius geschieht dies u.a. durch folgende Ausdrü name="_ftnref8" title="">8 Schließlich lässt sich eine dritte Gruppe von Wahrheitsbeteuerungen8 konstituieren, in denen es um das Wissen des Erzählers geht. „nû weiz ich daz wol vür wâr“, „als ich iu wol gesagen kan.“, „ich wæne […]“ und „ich weiz wol […]“9 sind die im Gregorius auftretenden Ausdrücke die­ser dritten Gruppe von Wahrheitsbeteuerungen.

[...]


1 Vgl. Gérard Genette: Die Erzählung. München: Fink, 2. Aufl., 1998. (= UTB 8083, Literatur- und Sprachwissenschaft). S. 132ff.

2 Hartmann von Aue: Gregorius. Stuttgart: Reclam, 2011. (= RUB 18764). vv. 171-173 sowie 3989-3999.

3 Vgl. Monika Unzeitig: Von der Schwierigkeit zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden. Eine historisch vergleichende Analyse zu Chrétien und Hartmann. In: Wolfgang Haubrichs [Hrsg.]: Wolfram-Studien. Bd. 18. Berlin: Schmidt, 2004. S. 59ff. Vgl. außerdem: Hansjürgen Linke: Epische Strukturen in der Dichtung Hartmanns von Aue. Untersuchungen zur Formkritik, Werkstruktur und Vortragsgliederung. München: Fink, 1968. S. 35ff.

4 Vgl. Paul Herbert Arndt: Der Erzähler bei Hartmann von Aue. Formen und Funktionen seines Hervortretens und seine Äußerungen. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1980. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 299). S. 35f.

5 Vgl. Paul Herbert Arndt: Der Erzähler bei Hartmann von Aue 1980. S.43ff.

6 Hartmann: Gregorius 2011. vv. 714, 722 & 3143, 1056, 2296 und 3127.

7 Hartmann: Gregorius 2011. vv. 330, 872, 1104, 1182, 1233, 1951, 1991, 2136, 2221, 3310, 3394, 3423 und 3435.

8 Hartmann: Gregorius 2011. vv. 1179, 2134, 3115, 3132f. und 3740.

9 Hartmann: Gregorius, 2011. vv. 6, 1200, 2501, 2638 & 3321 und 2623.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues "Gregorius"
Hochschule
Universität Salzburg  (Germanistik)
Veranstaltung
PS Einführung in die ältere deutsche Literatur
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V992517
ISBN (eBook)
9783346355232
ISBN (Buch)
9783346355249
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Gregorius, Erzähler, Kommunikationsmodell
Arbeit zitieren
Marion Koppenberger (Autor:in), 2013, Die Rolle des Erzählers in Hartmann von Aues "Gregorius", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992517

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