Exzerpt zu Merton - Der Rollen-Set


Skript, 2001
5 Seiten

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Exzerpt über

MERTON, Robert K.: Der Rollen-Set: Probleme der soziologischen Theorie.

In: Hartmann, Heinz (Hrsg.): Moderne Amerikanische Soziologie. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1967, S. 255-267

Robert K. Merton versucht hier eine weitere Theorie der mittleren Reichweite zu entwickeln, die sich mit der Problematik des Rollen-Set sowie den sozialen Mechanismen, die eine Verschränkung im Rollen-Set herbeiführen, befasst.

Mertonarbeitet zunächst die Notwendigkeit und Chance für die Weiterentwicklung soziologischer Theorien aus, die für ihn in der ,,Kombination relativ einfacher Ideen" (S.256) besteht und die er als Theorie der mittleren Reichweite bezeichnet.

Theorien der mittleren Reichweite weisen, im Gegensatz zu anderen Theorien, einen viel begrenzteren Bezug auf, da sie sowohl eine begrenzte Anzahl von Fakten als auch einen begrenzten Bereich sozialer Erscheinungen in der Gesellschaft untersuchen.

Beispiele, dieMertonnennt, sind eine ,,Theorie der Bezugsgruppen" oder eine ,,Preistheorie" (beides S.258).

,,Die Problematik des Rollen-Set" wird vonMertonebenfalls als Beispiel einer Theorie der mittleren Reichweite betrachtet.

Im nächsten Abschnitt ,,Die Problematik des Rollen-Set" gibt er zunächst den Soziologen seiner Zeit Recht, ,,dass der soziale Status und die soziale Rolle wesentliche Bausteine der sozialen Struktur darstellen" (S.259).

Allerdings widerspricht er der AnsichtLintons, dass zu jeder Position eines Mitglieds der Gesellschaft nur eine entsprechende Rolle gehört.

Mertonvertritt die Theorie, dass ,,zu jeder sozialen Position...eine Reihe von Rollen" (S.260) gehören, die er als Rollen-Set bezeichnet.

Er definiert den Begriff Rollen-Set als ,,die Kombination von Rollen-Beziehungen, in die eine Person auf Grund ihrer Inhaberschaft eines bestimmten sozialen Status verwickelt ist" (S.260). Das heißt, dass der Status eines Lehrers beispielsweise nicht nur die Rolle seinen Schülern gegenüber mit sich bringt, sondern auch die Rolle seinen Kollegen, dem Schuldirektor, den Eltern gegenüber usf..

Mertonverdeutlicht weiterhin den Unterschied zwischen dem Begriff der Rollen-Ausstattung und dem des Rollen-Set. Dieser besteht darin, dass der Begriff RollenAusstattung sämtliche Rollen, die mit den verschiedenen sozialen Positionen zusammenhängen, meint. Die ,,Kombination sozialer Positionen, deren jede ihrerseits einen eigenen Rollen-Set besitzt" (S.260) bezeichnet Merton als Status-Set.

Ein grundsätzliches Problem siehtMertonin den Rollenkonflikten, in denen sich der Statusinhaber befindet. Diese entstehen durch die unterschiedlichen Erwartungen, die die Mitglieder des Rollen-Set an ihn haben.

Bestimmte soziale Mechanismen, d.h. Mechanismen und Prozesse, die außerhalb der Person des Statusinhabers liegen, können helfen, die Konfliktsituationen im Rollen-Set zu ,,mildern" oder, anders ausgedrückt, zu verbessern. Merton benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff ,,Verschränkung" (S.261), womit ebenfalls die Abstimmung der verschiedenen Rollen aufeinander gemeint ist.

Auf diese sozialen Mechanismen geht Merton im folgenden näher ein und unterscheidet derer sechs:

1) Relative Bedeutsamkeit verschiedener Positionen

Durch den soziologischen Umstand, dass manchen Positionen durch die Gesellschaft eine höhere Bedeutung zugeordnet wird als anderen, ergibt sich, dass manche Rollenbeziehung für manche Menschen wichtiger sind als diese für andere sind.

Der soziale Mechanismus, der in diesem Fall zu einer Verbesserung der Situation des Positionsinhabers führt, ist der, dass die Personen des Rollen-Set unterschiedlich stark in die Beziehung zum Positionsinhaber eingewickelt sind. Dadurch ergibt sich natürlich eine erhebliche Entlastung für den Positionsinhaber. Es treffen nämlich weniger viele Erwartung aufeinander, die er erfüllen soll.

2) Machtunterschiede zwischen den Personen in einem Rollen-Set

Die Mitglieder eines Rollen-Set haben verschieden starken Einfluss auf den Positionsinhaber aufgrund deren unterschiedlicher sozialer Schichtung.Merton hält gleichzeitig fest, dies bedeute nicht unbedingt, dass besonders einflussreiche Mitglieder des Rollen-Set einen stärkeren Einfluss auf den Positionsinhaber haben, da sich beispielsweise auch ,,Machtkoalitionen zwischen einigen Mitgliedern des Rollen-Set ausbilden"(S.263) können. Durch diesen Umstand wird auch der Positionsinhaber entlastet.

,,Soweit sich entgegengesetzte Kräfte in einem Rollen-Set neutralisieren, kann der Positionsinhaber in gewissen Grenzen so weitermachen, wie er selbst sowieso wollte."(S.263)

Es ergibt sich eine gewisse Freiheit für den Statusinhaber, bei gegensätzlichen Vorstellungen der Mitglieder des Rollen-Set, nicht den einflussreichsten Mitgliedern völlig ausgeliefert zu sein, sofern diese überhaupt an einer Beziehung mit ihm interessiert sind.

3) Abschirmung des Rollen-Handelns gegenüber der Beobachtung durch Mitglieder des Rollen-Set

Der dritte Mechanismus, der zur Stabilisierung des Rollen-Set beiträgt, besteht in der Tatsache, dass der Positionsinhaber nicht ständig mit allen Mitgliedern des Rollen-Set interagiert.

Dadurch kann bestimmtes Rollenverhalten, mit dem manche Mitglieder keinesfalls einverstanden gewesen wären, hätten sie mit dem Statusinhaber interagiert, überhaupt entstehen.

Deshalb ist die Sozialstruktur auch so angeordnet, dass sie den Positionsinhaber vor dem Bekanntwerden jeder Handlung vor den Mitgliedern des Rollen-Set bewahrt. Merton führt in diesem Zusammenhang das Beispiel des Hochschullehrers an, dessen Maß an Selbstbestimmung von der Funktion der Norm erhalten wird. Wäre dies nicht der Fall, so könnte er sich nicht mehr auf das Lehren konzentrieren, sondern würde seine Zeit damit verbringen, den verschiedenen Erwartungen an ihn gerecht zu werden.

Merton statuiert, dass die oben geschilderte Autonomie des Positionsinhabers zwar gewährleistet sein muss, damit soziale Strukturen überhaupt funktionieren können, gleichzeitig muss die Rollenleistung überprüfbar sein, wenn ,,die soziale Forderung nach Rechenschaftslegung erfüllt werden soll" (S.265). Diese ,,Zone der Übersehbarkeit" (S.265) fällt natürlich für jede soziale Position unterschiedlich aus.

4) Übersehbarkeit widersprüchlicher Forderungen seitens der Mitglieder eines Rollen-Set

Sind die Mitglieder eines Rollen-Set sich darüber bewusst, dass ihre Forderung sich stark unterscheiden, so ergibt sich daraus für sie die Aufgabe, diese Widersprüche untereinander ,,durch Kampf um die Vorherrschaft oder durch einen gewissen Kompromiss aufzulösen" (S. 265)

Dadurch wird der Statusinhaber oft zum ,,tertius gaudens" (S.265), der durch die zusätzliche Betonung der Widersprüchlichkeit der Forderungen, die eigene Situation entspannt.

5) Gegenseitige soziale Unterstützung zwischen den Statusinhabern

Die einzelnen Positionsinhaber unserer Gesellschaft stehen nicht alleine da, im Gegenteil, es gibt viele Personen, die in mehr oder weniger der gleichen Position sind.

Durch diese Tatsache entstehen Organisationen gleichgestellter Statusinhaber. Sie dienen als ,,Bindeglied zwischen dem Individuum und der Gesellschaft" (S.266) und helfen dem Individuum bei der Reaktion auf Probleme, die im Rollen-Set entstehen.

Weiterhin kann durch die Organisation sogar Einfluss auf die Forderungen der Mitglieder des Rollen-Set genommen werden.

Die Organisationen ,,bilden auch normative Systeme aus, die solche widersprüchlichen Erwartungen vorwegnehmen und dadurch abschwächen sollen" (S.266).

6) Beschränkungen des Rollen-Set

Im letzten Abschnitt seines Textes fasstMertonnochmals seine Rollen-Theorie und die Mechanismen, die zu einer Verschränkung im Rollen-Set führen können, zusammen.

Er geht aber zusätzlich auf das verbleibende Problem ein, dass die Rollensysteme, trotz der o.g. Mechanismen, unter Umständen mit erheblich beschränkter Wirksamkeit arbeiten, da die Erwartungen der Mitglieder des Rollen-Set nicht immer unter das Maß gedrückt werden können, ,,das die Sozialstruktur erst wirklich wirksam funktionieren lässt" (S.267)

[Mertons Darstellung der Rollen-Theorie halte ich für äußerst gelungen. Diese mir vorher unbekannte Theorie wird durch viele Beispiele veranschaulicht, was mir den Zugang zu ihr stark vereinfacht hat. Ich stimme eigentlich in allem, was Merton feststellt, mit ihm überein und denke, dass diese Theorie immer noch zeitgemäß ist, was ja bei über 40 Jahre altenTheorien nicht der Fall sein muss, da unsere Gesellschaft einem starken Wandel unterzogen ist.

Außerdem kann die Rollen-TheorieMertons, wie ich finde,auf die meisten Gesellschaften unserer Erde übertragen werden und nicht nur auf bestimmte ,,zivilisierte" Gesellschaften]

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Details

Titel
Exzerpt zu Merton - Der Rollen-Set
Hochschule
Universität Hamburg
Autor
Jahr
2001
Seiten
5
Katalognummer
V99256
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exzerpt, Merton, Rollen-Set
Arbeit zitieren
Sahra Yavari (Autor), 2001, Exzerpt zu Merton - Der Rollen-Set, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99256

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