Ludwig der II. Die Bedeutung eines Herrscherbeinamens


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Forschungsstand

Ludwig der Deutsche – Leben und Wirken

Historische Beinamen

Urkundenanalyse

Historie des Beinamens Ludwigs

Fazit

Quellen

Literatur

Abbildungen

Einleitung

Dass die deutsche Nation in ihrer Entwicklung einen „Sonderweg“ bestreitet, ist in der Forschung schon lange diskutiert. Ob dieser Weg positiv oder negativ zu bewerten ist, bleibt unter den Historikern bis heute ungeklärt. Häufig stehen bei der Sonderwegs- und Nationsbildungsdebatte das Deutsche Kaiserreich und der darauffolgende Nationalsozialismus im Vordergrund.1 Der „deutsche Staat“ hat aber schon viel eher eine Art „Findungsproblem“. Den Schülern und Schülerinnen des deutschen Geschichtsunterrichts allgemein als Flickenteppich bekannte Raum des deutschen Territoriums im Mittelalter, ist noch lange Zeit ein ungeeinter Raum von vielen unterschiedlichen Herrschaftsräumen. Auffällig ist daher ein König, der schon 817 als „der Deutsche“ im Beinamen bezeichnet wird.

Fern ab von einem geeinten deutschen Staat und einem Raum, der sich nur im entferntesten „Deutschland“ nennt, existiert also der herrschaftliche Beiname „der Deutsche“. Welche Bedeutung kommt diesem Beinamen zu und bildet er eine Form der Identitätsstiftung für ein „deutsches“ Volk? Diese Frage soll in der vorliegenden Arbeit durch die Untersuchung von Urkunden und anderen offiziellen Dokumenten beantwortet werden. Trägt die Verwendung des Beinamens Ludwigs II. zur Bildung einer deutschen Nation bei und welche anderen Funktionen erfüllt dieser Beiname?

Zu Beantwortung der Untersuchungsfrage werden folgende Thesen angenommen und in der Analyse behandelt:

- Die Verwendung des Beinamens bei Ludwig II. folgt einer zeitlichen Entwicklung, die mit der lebensgeschichtlichen Entwicklung Ludwigs einhergeht.

Für die Untersuchung dieser These müssen zunächst markante Lebensdaten von Ludwig II. herausgestellt werden, um sie für die Analyse der persönlichen Entwicklung heranziehen zu können und mit der Verwendung des Beinamens zu vergleichen. Es soll gezeigt werden, dass die Verwendung des Beinamens in der herrschaftlichen Signatur eine enge Verbindung zu den Zielen und Vorstellungen Ludwigs II. besteht.

- Hinter der Verwendung des Beinamens steht eine funktionelle Nutzung durch Ludwig II., der Beinamen stellt ein wichtiges Mittel zur Beeinflussung und Kontrolle der Adressaten dar. Die politischen Ziele Ludwigs II. sollen mithilfe des Beinamens legitimiert werden.

Für diese These sollen möglichst eine oder mehrere politische Funktionen hinter der Verwendung des Beinamens analysiert werden. Auch der Adressatenbezug der Dokumente soll betrachtet werden, um die eventuell einhergehende Nutzung des Beinamens zu kategorisieren. Hierbei muss auch eine gegebenenfalls provozierte Außenwirkung gegenüber anderen Herrschern berücksichtigt werden.

- Die Verwendung des Beinamens „der Deutsche“ hat eine Schlüsselfunktion in der Ausbildung der Nationsidentität inne. Die Verwendung ist eng an die Legitimation eines „deutschen“ Staates gebunden.

Für die dritte These steht vor allem die Rezeption des Beinamens in der Zeit Ludwigs II. aber auch in der Geschichtswissenschaft im Vordergrund. Die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung Ludwigs II. für die Ausbildung eines Nationalstaates soll anhand der Lebensdaten und der politischen Entwicklung beantwortet werden.

Die Untersuchung dieser Thesen soll insgesamt die Bedeutung Ludwigs II. als „erster Deutscher“ und die Nutzung seines Beinamens herausstellen.

Forschungsstand

Das 8. und 9. Jahrhundert ist in der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung eng mit der Herrschaft der Karolinger verbunden. Historiker bezeichnen diese Zeit auch als Karolingerzeit. Die Bezeichnung der Dynastie als „Karolinger“ ist jedoch nicht zeitgenössisch. Sie wurde maßgeblich durch die letzten Nachfahren von Karl dem Großen geprägt, um die populäre Abstammung zu verdeutlichen. Vor allem im westfränkischen Reich versuchten sich die Herrscher durch die Verwandtschaft zu Karl dem Großen zu legitimieren. Die Dynastie ist also vor allem durch ihre Vornamensgebung geprägt. Vornamen wie: Pippin, Karl und Karlmann sind sich häufig wiederholende Namen im Herrschergeschlecht, das sich vor allem durch die große Persönlichkeit Karl der Großen charakterisiert.2 Dieser wurde schon zeitgenössisch als vorbildhafter Herrscher und herausragende Persönlichkeit wahrgenommen und rezipiert. Unter seiner Herrschaft erfuhren die Karolinger eine enorme Erweiterung des Machtbereiches. Seine Abstammungslinie galt schnell als Prestige.

Bedingt durch die Thronfolge im Frankenreich konzentriert sich die Geschichtswissenschaft bis heute auf die Herrschaft der Karolinger. Eine Besonderheit des Adelsgeschlechts ist dabei vor allem die Regelung der Nachfolge. Der Machtbereich wird stets zu gleichen Teilen zwischen den Söhnen des Herrschenden aufgeteilt.3

Diese Aufteilung hatten die Karolinger in den meisten Fällen berücksichtigt, sie führte in vielen Fällen jedoch zu starken Auseinandersetzungen zwischen Vätern und Söhnen, sowie zwischen Brüdern. Die Teilung in Teil- und Unterkönigreiche war auch für Ludwig den Deutschen Anlass sich mit seinem Vater und auch seinen Brüdern auseinanderzusetzen.

Seit dem 20. Jahrhundert, vor allem nach dem zweiten Weltkrieg, ist die Rezeption und Bewertung des Karolingerreiches eng mit der europäischen Idee und Wertevorstellung verbunden. Das Karolingerreich wird, aufgrund seiner Ausdehnung über den europäischen Kontinent, in die Tradition der Europäischen Gemeinschaft gesetzt. Davon zeugt beispielsweise der jährlich in Aachen verliehene Karlspreis für besondere Verdienste um Europa.4 Die Dynastie um Karl den Großen wird als eine Art Gründerväter der europäischen Idee gedeutet und politisch instrumentalisiert. Hierbei wird immer wieder die Ausdehnung des Karolingerreiches zur Zeit Karls des Großen herangezogen, dessen Grenzen sich in Teilen mit den Grenzen der heutigen EU decken. Zudem wird immer wieder der Vorbildcharakter Karls des Großen herangezogen, um ihn Ur-Europäer zu stilisieren.5

Als weiteres Identifikationsmerkmal wird auch die christlich-katholische Färbung der Regentschaft genannt, die sich auf christliche Grundwerte im gesamten Herrschaftsgebiert beruft. Ähnlich wie die Grundsätze der heutigen europäischen Staatengemeinschaft.6

Ludwig der Fromme, der Vater Ludwigs des Deutschen, erhält innerhalb der Geschichtsbetrachtung eine Sonderrolle, er wird als gescheiterter Kaiser rezipiert, der durch die inkonsequente Regelung seiner Nachfolge verantwortlich ist für die Spaltung des Karolingerreiches und somit in direkten Zusammenhang mit dem Untergang dieses Reiches gestellt wird.7

Anders als sein Großvater und sein Vater erhält Ludwig der Deutsche keine besondere Aufmerksamkeit durch die historischen Chronisten und die neuere Geschichtswissenschaft. Es gibt kaum Monographien über Ludwig den Deutschen, die die Entwicklung des Reiches unter seiner Herrschaft thematisieren.8

Auch die zeitgenössische biographische Darstellung fehlt bei Ludwig dem Deutschen, die historischen Chronisten sprechen ihm keine große Relevanz zu. Die Leistungen und auch Versäumnisse seiner Regierung werden, gemessen an seinen Vorgängern kaum gewürdigt. Ludwig wird in einigen Schriften als sehr fromm charakterisiert, was jedoch als notwendige Tugend eines Herrschers im Mittelalter angesehen wird. Von daher stellt sich die Frage nach Besonderheit dieser Frömmigkeit. Die wenigen historischen Quellen kommen immer wieder auf diesen Charakterzug zu sprechen.

Ein Portrait Ludwigs findet sich im sogenannten „Ludwigspsalter“, in einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert. Das Bild zeigt den Herrscher knieend vor dem Kreuz Christi. Dabei ist der Verzicht auf das Tragen einer Krone als Besonderheit herauszustellen.9

Als wichtigste Quelle für die Geschichte des ostfränkischen Reiches sind die Annalen von Fulda zu nennen. Insgesamt lässt sich jedoch ein schwindendes Interesse an der Regierungszeit Ludwigs feststellen.10

Wilfried Hartmann nennt vor allem die Ausprägung eines besonderen Wir-Gefühls innerhalb des Reiches als größte Errungenschaft der Herrschaft Ludwigs, was auch nach dem Ableben der ostfränkischen Herrscher zu einem Fortbestand des Reiches führte und nicht zur Wiedereingliederung in ein großfränkisches Reich. Die Bedeutung dieses Sonderwegs und Ludwigs als Wegbereiter ist historisch und zeitgenössisch ungeklärt.11

Neben den Annalen von Fulda und der überschaubaren Anzahl an Quellen aus dem ostfränkischen Reich, nennen nur wenige Historiographen Ludwig als bedeutenden Herrscher. Er wird in einzelnen Werken jedoch positiv hervorgehoben.12 Die Annalen von St. Bertin beinhalten viele Informationen zu den Vorgängen innerhalb des ostfränkischen Reichs unter anderem Ludwigs Bemühungen zur Slavenmissionierung im Osten des Regierungsgebietes.13

Von Ludwig selbst unterzeichnete Urkunden sind nur wenige überliefert, beziehungsweise entstanden. Aus 50 Jahren Regierungszeit sind vergleichsweise wenig herrschaftliche Anweisungen und Beschlüsse dokumentiert.14 Die verbliebenen Urkunden stellen den Analysekorpus der folgenden Untersuchung dar, um die Bedeutung des Beinamens Ludwigs herauszustellen.15

Ludwig der Deutsche – Leben und Wirken

Die Geburt Ludwigs wird um das Jahr 805 datiert, ein genaues Geburtsdatum ist in den Quellen nicht ersichtlich. Als dritter Sohn des Königs Ludwig der Fromme wird Ludwig am Hof des Vaters aufgezogen und erzogen. Schon als Jugendlicher von ca. 12 Jahren wird er als Unterkönig des Teilkönigreichs Bayern eingesetzt und erhält durch die ordinatio imperii 817 die östlichen Gebiete des Herrschaftsgebietes.

Unter der Hoheit seines Vaters wird er als Verwalter und Herrscher dieser Gebiete eingesetzt. Seine älteren Brüder Pippin und Lothar I. erhalten ebenfalls Gebiete als Teilkönigreiche des Frankenreichs. Es kommt zur formalen Aufteilung des Frankenreichs durch Ludwig den Frommen. Offiziell unter der Oberhoheit seines Vaters regiert Ludwig der Deutsche Bayern nun eigenständig. Auch erste Feldzüge werden unter seiner Herrschaft durchgeführt.

Im Jahr 824 kommt es zum erfolgreichen Bretonenfeldzug. 826 verlegt Ludwig seinen Herrschaftssitz ins bayrische Regensburg und koordiniert von dort aus Maßnahmen gegen die von Osten vorrückenden Bulgaren. Durch sein direktes Eingreifen sicherte Ludwig die Herrschaft der Karolinger in den östlichen Reichsgebieten und im bayrischen Raum gegenüber den slawischen Herrschern, wodurch auch die christliche Missionierung der Slawen im Osten Bayerns weiter voranschritt. 831 kommt es zu einer ersten Auseinandersetzung über die Aufteilung des Reiches in der ordinatio imperii. Unter den Brüdern Pippin, Lothar I. und Ludwig besteht Uneinigkeit über die Gerechtigkeit bei der Aufteilung der Teilkönigreiche. Durch die Geburt des Halbbruders Karls der Kahle teilt Ludwig der Fromme die Teilkönigreiche seiner Söhne neu ein. Ludwig der Deutsche enthält sich in dieser Auseinandersetzung zunächst, wehrt sich aber später gegen die Bevorzugung Karls durch den Vater. Es kommt zur neuen Erbteilung durch Ludwig den Frommen und Ludwig der Deutsche erhält in Umrissen bereits das spätere ostfränkische Reich. Durch die neue Erbteilung erweitert sich das Einflussgebiet Ludwig des Deutschen enorm. Im Jahre 832 erweitert dieser, durch die Besetzung Schwabens und Gebiete westlich des Rheins, sein Herrschaftsbereich selbstständig und ohne Einwilligung des Vaters. Die Auseinandersetzungen zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen gipfelte in der Reichskrise von 833. In einem Aufstand rebellieren die drei Söhne gemeinsam gegen den Vater und stürzen diesen. Es kommt zur Vereinbarung einer gerechten Dreiteilung des Reiches, in dem jeder Bruder als selbstständiger König sein Teilkönigreich regiert. Ludwig der Fromme wird von seinen Söhnen inhaftiert.

Mithilfe von Ludwig dem Deutschen kommt es 834 zu einer Restitution Ludwigs des Frommen, was zu einem Zerwürfnis zwischen Ludwig dem Frommen und seinem jüngsten Sohn Karl dem Kahlen führt. Ludwig dem Deutschen sollen auch außerbayrische Gebiete zugesprochen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach dem Tod Ludwigs des Frommen im Jahr 840 stellt sich sein Nachfolger Lothar I. gegen seinen Bruder Ludwig den Deutschen. Dieser versucht mithilfe seines jüngeren Bruders Karl dem Kahlen seinen Einflussbereich zu sichern. Bei einer Schlacht in Fontenoy im Juni 841 kommt es zum Sieg Ludwigs und Karls. Der daraufhin abgeschlossene Vertrag von Verdun im Jahr 843 fixiert die brüderliche Fraternitas und Ludwig erhält alle fränkischen Gebiete östlich der Aare-Rhein-Linie. Die Ludwig zugesprochenen Gebiete vereinigen sich zum ostfränkischen Reich, dessen Westgrenze im Vertrag von Meerssen bis zur Maas-Mosel-Linie vorverschoben wird.16

[...]


1 Vgl. Heinrich August Winkler:Der lange Weg nach Westen, München 2005.

2 Vgl. Ulb, Karl: Die Karolinger. Herrscher und Reich, München 2014, S.5.

3 Vgl. Ulb, Karl, S.7.

4 Vgl. Ebd. S.8.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd. S.9.

7 Vgl. Ulb, Karl, S.63.

8 Vgl. Hartmann, Wilfrid: Ludwig der Deutsche, Darmstadt 2002, S.VII.

9 Vgl. Ebd. S.X.

10 Vgl. Ebd. S.4f..

11 Vgl. Ebd. S.5.

12 Vgl. Ebd. S.6.

13 Vgl. Hartmann, Wilfried: S.8.

14 Vgl. Ebd. S.9.

15

16 Vgl. Lexikon des Mittelalters: Band V, Spalte 2172 – 2174, aufgerufen über: http://opac.regesta-imperii.de/, Zugriff: 09.11.2019.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ludwig der II. Die Bedeutung eines Herrscherbeinamens
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Ethnische Identitäten im Frühmittelalter am Beispiel des Frankenreichs
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V992899
ISBN (eBook)
9783346359063
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankenreich, Ethnische Identitäten, Herrscherbeinamen, der Deutsche, Ludwig II., Nationsbildung
Arbeit zitieren
Lina Mintzlaff (Autor:in), 2019, Ludwig der II. Die Bedeutung eines Herrscherbeinamens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992899

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