Civil Society - Zivilgesellschaft: Eine Essaysammlung


Hausarbeit, 2000
31 Seiten, Note: 2,0

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Michael Walzer : Was heißt zivile Gesellschaft ?

In seinem Text ,,Was heißt zivile Gesellschaft ?" unternimmt Michael Walzer den Versuch einer Definition des Begriffes ,,zivile Gesellschaft", beschreibt seine Abgrenzung gegenüber anderen Vorstellungen von Gesellschaften und skizziert die Grundzüge einer zivilen Gesellschaftsform für die Praxis.

Walzer stellt seinem Text eine Klarstellung voran, die für das Gesamtverständnis seiner Ausführungen von höchster Wichtigkeit sind: Er betont, dass hier nicht der Versuch unternommen wird, eine neue, in sich geschlossene Gesellschaftstheorie zu präsentieren, sondern dass es sich vielmehr um eine Darstellung fragmentarischen Charakters handelt, welche es gilt fortzuschreiben und laufend zu ergänzen.

Unter der Überschrift ,,Ost- westliche Fragen" erläutert Walzer die Aktualität der Diskussion um die ,,zivile Gesellschaft" vor dem Hintergrund der Neuorientierung ehemaliger Ostblockstaaten, in denen sich nach dem Zerfall totalitärer Herrschaften die Frage nach freiheitlichen, gesellschaftlichen Konzeptionen stellt.

Die ,,zivile Gesellschaft" wird in einer ersten Definition als Überbau für, sowie als Gesamtheit der Netzwerke selbst definiert. Diese Netzwerke (oder auch Assoziationen) sind zum Beispiel Kirchen, Gewerkschaften und Parteien, also Vereinigungen, in denen sich Menschen aus freiem Willen zusammenfinden, um gemeinsam ihre Ziele zu verfolgen.

Walzer stellt die These auf, dass die ,,westlichen Demokratien" vom Prinzip her seit langem ,,zivile Gesellschaften" seien, ohne dass diese Tatsache jedoch in besonderem Maße in dem Bewußtsein der Menschen gewesen wäre. Zudem scheint die Existenz der freiwilligen Vereinigungen in unseren Gesellschaften keineswegs gesichert, sondern im Gegenteil stark gefährdet. Vielmehr sei in den Diskursen des Westens ,,über soziale Strukturen nachgegrübelt" worden, ,,die sich von der zivilen Gesellschaft unterscheiden und mit ihr im Widerstreit liegen." (S.45)

Das bedeutet, der Ist- Zustand der Gesellschaft trat hinter die Diskussion über den Wunsch- Zustand.

Dieser Wunsch- Zustand wurde dabei zumeist aus den ,,klassischen" vier Gesellschaftstheorien entwickelt, welche in den letzten zwei Jahrhunderten die Debatte über die ,,gute" Gesellschaft bestimmten. Michael Walzer greift nun im nächsten Abschnitt seines Aufsatzes diese vier Ansätze auf, um kurz ihre Gesellschaftsvisionen zu präsentieren und gleichzeitig ihre Unzulänglichkeit zur Gestaltung der Gegenwart zu offenbaren. Jeder dieser Ideen gesteht Walzer zu, einen wichtigen Beitrag zur Diskussion geliefert zu haben und in sich richtige Momente zu bergen, seine Kritik macht er an dem Wahrheits - und Allgemeingültigkeitsanspruch der Theorien fest, dem keine Theorie standhalten könne.

Zunächst geht Walzer auf zwei ,,linke" Konzeptionen ein: Den radikal-demokratisch, republikanischen Gesellschaftsentwurf, welcher eng mit dem Namen Jean- Jacques Rousseau verknüpft ist und die sozialistische Vision, welche in erster Linie mit dem Namen Karl Marx assoziiert wird.

Der republikanische Gedanke von dem ,,politischen Gemeinwesen" aller Bürger (citoyens), welches impliziert, daß jeder Bürger sich aktiv an der Politik beteiligen soll, um das Beste für die Gesellschaft zu erreichen, fällt bei seiner Übertragung auf die moderne Gesellschaft bei Walzer vor allem aus zwei Gründen in Ungnade: Erstens ist der Staat nicht in der Hand der Bürger und zweitens ist die allgegenwärtige Beschäftigung mit Politik in der modernen Gesellschaft weder möglich, aufgrund der Notwendigkeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, noch ist dies gewünscht.

Die marxistische Vision eines verwaltenden Staates, der den Menschen ermöglicht, selbstbestimmt zu produzieren und in freier Form Beziehungen zu pflegen, ohne reglementiert zu werden, nachdem im Klassenkampf der materielle Unterschied zwischen den Klassen beseitigt worden ist, bietet Walzer folgende Kritikpunkte: Zum einen stellt Walzer in Frage, dass die gesellschaftliche Selbstbestimmung ohne ein regulatives Element (Staat) funktioniert. Zum anderen entdeckt er Demokratie in der sozialistischen Vision nur als Mittel zum Klassenkampf, also eine Fixierung auf die Ökonomie, welche die Notwendigkeit der Politik ausblendet.

Die anderen zwei Konzepte, welche sich Walzers Überprüfung stellen müssen, stellen sich in Form von Kapitalismus und des Nationalismus dar.

Der Kapitalismus stellt den Menschen das ,,gute" Leben in Aussicht durch die Masse an Gütern, die in der Entwicklung der Konkurrenzsituation unter den Menschen produziert werden. Die Entscheidung für ein Produkt stellt den demokratischen Wahlakt für oder gegen ein Gut dar. Der Staat wird auf Minimalgröße gewünscht, um dem Wettbewerb keine Grenzen zu setzen. Walzer kritisiert hier vor allem zwei Punkte: Erstens sind die Mittel zum Erwerb eines Gutes sehr unterschiedlich verteilt, so dass einige Menschen von der Wahl ausgeschlossen sind, zum anderen beklagt er den Verlust von solidarischen Verbindungen der Menschen untereinander, welche im Konkurrenzkampf aufgerieben werden.

Am schwersten greifbar ist ohne Zweifel das nationalistische Konzept von Gesellschaft, zumal es keine wirkliche, eigenständige Theorie darstellt. Die Nation stiftet hier den Gemeinsinn, die solidarische Identität. Rückbesinnung auf Traditionen und Werte bilden das Fundament. Die Anziehungskraft, die die nationalistische Idee auf die anderen Konzeptionen ausübt, ist für Walzer ein weiterer Beweis der Schwäche jener. Zugleich weist er darauf hin, dass natürlich jede Art von übersteigertem Nationalismus, welche zur Ausgrenzung von anderen führt, die Unzulänglichkeit dieser Idee beweist.

Die Aufführung dieser Gesellschaftskonzepte dient Walzer dazu, deutlich zu machen, dass all diese Konzepte zu einseitig und zu sehr darum bemüht sind, allumfassende Erklärungen zu bieten. Die realen Verhältnisse in den heutigen westlichen Demokratien haben nach Ansicht des Autors nichts von dieser Eindeutigkeit und Einfachheit, die hier unterstellt wird.

Eine neue Herangehensweise an die Frage nach der ,,guten Gesellschaft" würde also erfordern, die Widersprüchlichkeiten und gegensätzlichen Meinungen, welche sich in den verschiedensten Lebensentwürfen widerspiegeln, aufzunehmen und zu versuchen eine Offenheit zu gewährleisten und gleichzeitig Gemeinschaft zu stiften. Dabei können die ,,klassischen" Konzeptionen hilfreich sein, bieten sie doch Anknüpfungspunkte. Es gilt sie zu ergänzen und zu verbessern.

Michael Walzer umreißt im folgenden welche Elemente aufgenommen werden könnten und was aus seiner Sicht zu ergänzen wäre.

Das Gesellschaftsbild, welches er umreisst, trägt grob folgende Züge: Grundlage ist eine liberale, pluralistische Gesellschaft auf dem Boden marktwirtschaftlicher Gesetze. Die Staatsbürger, in den heutigen Gesellschaften zumeist wahrgenommen als passiv, als wählende Zuschauer engagieren sich in kleinen freiwilligen Verbindungen mit vereinbarten Moralkodices, welche die Keimzelle solidarischen Lebens bilden. Jeder Mensch erhält seinen Handlungsraum, Walzer bezeichnet die ,,zivile Gesellschaft" auch als ,,Handlungsraum von Handlungsräumen" (S. 56), gegenseitige Toleranz verhindert Spannungen zum Beispiel zwischen Ethnien.

Eine zentrale Position nimmt für ihn, neben dem Netzwerk ziviler Verbindungen der Staat ein. Walzer beschreibt die häufig ablehnende Haltung gegenüber dem Staat von Seiten anderer Vertreter der zivilen Gesellschaft, insbesondere derer die die totalitäre Erfahrung in den Ostblockstaaten erlebt haben.

Für Walzer ist der Staat in jedem Fall pure Notwendigkeit. Zu wenig Staat führe schnell zu Ungleichheit, zu viel Staat unterdrücke die zivilen Entwicklungen. Der Staat im Walzerschen Sinne ist ein motivierender Staat. Ein Staat, der Möglichkeiten zur Partizipation aufzeigt, aber niemanden dazu zwingt. Auch ist es kein Staat der radikalen Demokratie, ,,die zivile Gesellschaft ist hinreichend demokratisch, wenn wir uns zumindest in einigen ihrer Teilbereiche als maßgebliche und verantwortliche Teilnehmer betrachten können." (S. 66) Diese verantwortlichen Teilnehmer bilden das Fundament der ,,zivilen Gesellschaft".

Schlüsselbegriffe, die bei Walzer in diesem Zusammenhang ins Auge springen, sind Solidarität, Verantwortung, Toleranz, Freiwilligkeit. Diese Werte gilt es, neu zu beleben, soll die Vision von der zivilen Gesellschaft Zukunft haben. Walzer weist am Ende seines Textes darauf hin, dass die ,,klassischen" Theorien in der Hinsicht auf Motivation seiner Streiter viele Vorteile hatten, weil sie polarisierten. Das Konzept der ,,zivilen Gesellschaft" dagegen beinhaltet eine ausgewogene, tolerante Idee, welche oberflächlich betrachtet sowieso längst durchgesetzt hat in den westlichen Gesellschaften. Walzer erkennt hier die Gefahr, dass die Idee der Civil society auf Gleichgültigkeit in der Bevölkerung stossen könnte. In Zeiten grosser Unübersichtlichkeit und zunehmender Unsicherheit vieler Menschen im Hinblick auf ihre persönliche sowie der allgemeinen Entwicklung ist diese Gefahr ohne Zweifel gross.

Literatur:

Michael Walzer: Was heisst zivile Gesellschaft ? in:

Bert van den Brink, Willem van Reijen (eds.) : Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie. Frankfurt am Main 1995, S. 44 - 72

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr.2

Verfasser: Björn Lüttmann

Ralf Dahrendorf: Über den Bürgerstatus

Im Zentrum seines Essays ,,Über den Bürgerstatus" beschäftigt sich Ralf Dahrendorf mit dem Begriff ,,Bürgerstatus", mit der Bedeutung des Begriffes in der Gesellschaft der letzten zwei Jahrzehnte und seiner Vision für die zukünftige Ausgestaltung des Begriffes.

Beginnend mit der Feststellung, dass die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums in den entwickelten Industrienationen erreicht seien, arbeitet Ralf Dahrendorf zunächst die wirtschaftliche Entwicklung seit dem Ende der 70er - Jahre auf, um zu zeigen, dass ,,der Verlauf, den die letzten zwei Jahrzehnte genommen haben, in Wirklichkeit völlig klar" (S.29) ist und reagiert damit auf Jürgen Habermas, der Mitte der 80er- Jahre von einer ,,neuen Unübersichtlichkeit" (Fn. 1, S.29) gesprochen hatte.

Seit dem Ende der 70er- Jahre habe sich in den westlichen wohlfahrtsstaatlichen Demokratien ein ökonomisch bedingter Wertewandel vollzogen, welchen Dahrendorf ambivalent beurteilt.

Zum einen habe sich durch die neoliberale Trendwende, für die Protagonisten wie Margaret Thatcher oder Ronald Reagan standen, eine Erstarrung in den Wohlfahrtsstaaten gelöst. Eine Erstarrung, die sich in überbordender Bürokratie, unerfüllbarem Anspruchsdenken der Bürger und, in der Folge, einer enttäuschten Abwendung der Bürger geäussert habe.

So seien schöpferische Potentiale und unternehmerischer Geist beschnitten worden und die Zurücknahme des Staates aus der Ökonomie sei eine Notwendigkeit gewesen, um den wirtschaftlichen Prozess wieder in Gang zu bringen. Und in der Tat habe der von Dahrendorf als ,,Kasino- Kapitalismus" (S. 31) bezeichnete Kurs für unvergleichlich hohe Wachstumsraten gesorgt. Dieser Aufschwung habe nicht zuletzt auch zur Auflösung des Ostblocks beigetragen, da die Bürger des Warschauer Pakts ebenfalls zur Teilhabe an westlichem Wohlstand gedrängt hätten.

Auf der anderen Seite sei der wirtschaftsfreundliche Kurs der Politik in den 80er - Jahren, der seinen Ausdruck in Steueranreizen und sonstigen Begünstigungen für Unternehmen fand, zugleich ein Vernichter von Anrechten gewesen. Es gab zwar ein gewachsenes Angebot an Gütern und damit zumindest theoretisch mehr Wahlchancen für die Bürger, mehr Demokratie im liberalen Sinne. Das Problem ergibt sich jedoch aus der Tatsache, dass der Zugang zur ,,Vielfalt der angebotenen Wahlchancen" (S. 32) nicht jedem frei steht, sondern aus den verschiedensten Gründen versperrt sein kann.

Der Ausgleich zwischen Angebot und Anrecht ist also für Dahrendorf die wichtigste Aufgabenstellung zukünftiger Gesellschaftsformationen.

An dieser Stelle gewinnt der ,,Bürgerstatus" seine zentrale Bedeutung. Dahrendorf betont, dass der ,,Bürgerstatus in diesem Panorama eindeutig auf der Seite der Anrechte seinen Platz hat" (S. 32). Er beklagt den ideologischen Missbrauch des Begriffes, sei es von rechter, linker oder mittiger Seite und gibt im folgenden seine Definition an.

Der Begriff ,,citizenship" oder ,,Bürgerstatus" bezeichnet zunächst die volle Mitgliedschaft in einer Gesellschaft, inklusive aller Rechte und Pflichten. Es ist ein Begriff, der nach Dahrendorf auf absoluter Unabhängigkeit von der Ökonomie basiert, dass heisst der ,,Nutzwert" eines Menschen ist in dieser Definition aussen vor. Diese Ungebundenheit ist deshalb grundlegend, weil sie verhindert, dass ,,die sichtbare Hand der Herrschenden frei schalten und walten und den Menschen sagen was sie wann zu tun haben." (S. 34)

Im Kern des Bürgerstatus stehen die grundlegenden, unveräusserlichen Menschen- und Bürgerrechte. Um jedoch von diesen Rechten Gebrauch machen zu können, muss es nach Dahrendorf Rahmenbedingungen und Rahmengesetze geben, die letztlich wahre Freiheit bedeuten. Denn das ist das Entscheidende für Dahrendorf, die Schaffung einer ,,Verfassung der Freiheit" (S. 35).

Die genaue Ausgestaltung dieser Verfassung ist für Dahrendorf bis jetzt nur schemenhaft erkennbar, es gilt, sie immer weiter zu diskutieren und ergänzen.

Seit Beginn der 90er- Jahre erkennt Dahrendorf den Trend, dass die Notwendigkeit, an einer Art Verfassung zu arbeiten, die die Anrechte der Menschen in den Vordergrund schiebt, von der Öffentlichkeit und der Politik angenommen wird.

Dahrendorf nennt dafür drei Hauptgründe:

1. Das Entstehen ,,neuer Armut": Menschen, die Aussenstehende werden, weil sie keinen Arbeitsplatz haben, ,,nicht gebraucht werden". Sie sind allerdings keine wie auch immer geartete, solidarische Klasse, sondern einfach ,,Opfer" des Systems. Ihr Vorhandensein, genauso wie eine Ebene höher das Vorhandensein von ,,Dritte-Welt" - Staaten, welche auf vergleichbare Weise ,,nicht gebraucht werden" von den reichen Industrienationen, stellen die Grundwerte der modernen westlichen Demokratie in Frage. Den Bürgerstatus, welcher sich nicht universell offenbart, beschreibt Dahrendorf als eine ,,armselige Bemäntelung von Privilegien". (S. 38)

2. Auf der Suche nach Halt in völlig veränderten Lebensverhältnissen befinden sich viele östliche Staaten im Aufbau einer zivilen Bürgergesellschaft. Häufig wird dieser Akt allerdings nur in einer ,,ethnisch homogenen" Gesellschaft für möglich gehalten, Verfolgungen und Intoleranz sind die Folgen. Nach Dahrendorf liegt jedoch der Schlüssel zum Funktionieren der Bürgergesellschaft in heterogenen Nationalstaaten, welche auf Toleranz und gegenseitiges Verständnis bauen. Letztendlich ist der Bürgerstatus erst vollständig, wenn eine Weltbürgergesellschaft im Kantschen Sinne errichtet ist.

3. Die immer drängendere Frage nach der Erhaltung unseres Lebensraumes angesichts der schwindenden Ressourcen und zunehmender Zerstörung der Natur. Früher oder später wird die Frage nach einem Anrecht auf einen ,,bewohnbaren und lebenswerten Lebensraum" (S. 40) im Mittelpunkt der Diskussion stehen müssen.

Freiwilligkeit heisst bei Ralf Dahrendorf die bevorzugte Art und Weise, wenn es um die Frage geht, in welcher Form die Anrechte, die dem Angebot zur Seite gestellt werden sollten. Seiner Meinung nach gilt es, den Menschen Möglichkeiten zu bieten, in freier Selbstbestimmung zu leben und an der Gesellschaft zu partizipieren, ohne dabei die Freiheit der ,,Anderen" zu gefährden. Gleichzeitig zweifelt Ralf Dahrendorf daran, dass die Bürger dazu in der Lage sind:

,,Können wir in Freiheit leben ?" (S. 41)

Ralf Dahrendorfs Vorstellung einer ,,Bürgergesellschaft" basiert also auf der Dualität von Angebot und Anrecht, weniger abstrakt formuliert, auf einer ,,sozialen Marktwirtschaft". Allerdings einer sozialen Marktwirtschaft, in der die Freiheit ein zentrales Gut darstellt und Verordnungen und Beschränkungen durch den Staat überflüssig werden.

Seine eigenen Zweifel daran, dass die Bürger fähig sind, diese Freiheit zu schaffen und in ihr leben zu können, geben einen Hinweis auf die praktischen Schwierigkeiten der Umsetzung des Konzepts ,,Angebot und Anrecht". Diese Schwierigkeiten lassen sich wunderbar in der Politik der aktuellen Bundesregierung ablesen, welche unter ein wenig anderen Prämissen, aber mit ähnlichen Zielen versucht, so zumindest die Eigendarstellung, ,,Innovation und Gerechtigkeit" miteinander zu verbinden.

Literatur:

Ralf Dahrendorf: Über den Bürgerstatus, in: Brink / van Reijen (1995), S. 29 - 43

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr.3

Verfasser: Björn Lüttmann

Adam Fergusons Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Einleitung

Die Einleitung zu Adam Fergusons ,,Essay on the history of Civil Society" (deutsch: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft) (1767) versucht, einen Überblick über die Aspekte des Werkes zu bieten, so wie eine Einbettung der Schrift in ihren historischen Kontext.

Zunächst geht der Autor auf den historischen Hintergrund der schottischen Aufklärung ein. Die schottische Sozialwissenschaft des 18. Jahrhunderts war geprägt durch einen moralphilosophisch- praktisch- politischen Diskurs und eine, auf die Antike bezugnehmende gesellschaftstheoretische und geschichtsphilosophische Sichtweise.

Ließe sich diese Verbindung auch in anderen europäischen Staaten zeitgleich feststellen, so resultierte die besondere Spielart der schottischen Aufklärung jedoch aus dem Spannungsverhältnis des vergleichsweise unterentwickelten Landes zum industriell fortgeschritteneren Nachbarn England.

Im Zuge der beginnenden Industrialisierung und ,,Kommerzialisierung" auch in Schottland hatten sich die ,,schottische Avantgarde", zu der Namen wie Smith, Hume oder Millar zu zählen sind, aufgefordert gefühlt, Theorien zur Zukunft Schottlands zu entwickeln. Stark geprägt war die Analyse durch das Naturrecht auf der einen Seite und den ,,civic humanism" in antiker Tradition. Es war eine Art ,,politischer Humanismus", der eine Doppelfunktion zu erfüllen hatte: Zum einen gab es eine Verknüpfung von Traditionen und neuen ökonomischen Realitäten, welche die Adelsklasse binden sollte, denn sie war Hauptadressat der Botschaften, zum anderen trug die Anlehnung an diese beiden Stränge der Philosophie zu einer

,,Kosmopolititisierung" bei, da dies die allgemeine Tendenz europäischer Aufklärung widerspiegelte.

Als wichtig zum Verständnis von Fergusons Werk erläutert der Verfasser der Einleitung das Wissenschaftsverständnis Fergusons. So kritisiere Ferguson die zur damaligen Zeit beliebte Vorstellung vom ,,Naturzustand der Völker", als theoretische Abstraktion und fordert stattdessen eine empirische, naturgeschichtliche Herangehensweise.

Ferguson sieht ,,die Geschichte der menschlichen Gattung (...) als ein dynamisch strukturiertes, sich entwickelndes und verfallendes Ganzes" (S. 23). Ausgangspunkt seiner Studien ist die Untersuchung von sozialen Beziehungen, eine soziologische Rückschau, aus der es gilt, den Zusammenhang von ,,natural history" und Politik in der ,,bürgerlichen Gesellschaft" (civil society) herauszulesen.

Der Begriff der ,,bürgerlichen Gesellschaft" wird hier bei Ferguson bewusst unscharf gehalten, da sie eine Idealvorstellung bedeutet, welche es zu entwickeln gilt. Die Frage hinter dem Entwurf dieser Gesellschaft ist die nach der Praktikabilität des antiken Ideals von der Republik in der ,,modernen" Gesellschaft seiner Zeit.

Wichtigste Prämisse in seiner naturgeschichtlichen Sichtweise ist die Ablehnung von ,,Einseitigkeit" bzw. ideologischer Beschränktheit. Er kritisiert die ,,ethnozentristische" Sichtweise in vielen wissenschaftlichen Ansätzen, insbesondere aber in der europäischen Forschung seiner Zeit. Gerade im Zusammenhang mit seiner Kritik an der ,,Naturzustands- Theorie" spielt dieser Aspekt eine wichtige Rolle. In dieser Theorie sieht Ferguson eine ungerechtfertigt einseitige Darstellung ,,anders zivilisierter Völker" als ,,unterentwickelte Völker".

Ferguson geht vielmehr von den Gemeinsamkeiten aller Menschen aus, die sich allerdings unter verschiedenen klimatischen oder gesellschaftlichen Bedingungen in verschiedenen Zivilisationsformen ausdrücken könnten.

Wichtig sind in diesem Zusammenhang die drei Grundprinzipien menschlichen Antriebs, die Ferguson formuliert:

1. Der Selbsterhaltungstrieb
2. Der Geselligkeitstrieb
3. Der Ehrgeiz (vergleiche S. 47)

Die ,,menschliche Natur" als Abstraktum existiere nicht.

Die Gesellschaftsformationen stellen für Ferguson ,,Strukturen der Notwendigkeit" (Überlebenshilfe) und sie sind ,,mitentscheidende Umstände", auch ,,Szenen" genannt für politisch- moralisches Handeln.

Seine Betrachtungen der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zielen darauf ab, zu vergegenwärtigen, wie die Vermittlung zwischen den ,,Strukturen der Notwendigkeit" und der Politik ausgesehen hat, woher die Widersprüche der ,,polished society" oder ,,commercial society" seiner Zeit kommen, um aus dieser Analyse Vorschläge für die Zukunft zu entwickeln.

Die menschliche Grundbefindlichkeit sieht Ferguson in dem aktiven, handelnden Wesen. Die Gesellschaft beschreibt er als die Basis, auf der ein einzelner Mensch zur ,,Tugend" und zum Glück gelangen kann. Die politische Aktivität des Einzelnen ist dabei in streng antiker Tradition die Spitze der Tugenden. Die politische Praxis, das aktive Erleben der Gesellschaft in all ihren antagonistischen Facetten soll verhindern helfen, dass der Mensch zu eindimensional, zu individuell fixiert wird, zum Beispiel auf den Primat der Ökonomie.

Ferguson versucht also, ,,eine Philosophie moralischen Handelns zu entwickeln, welche zwar in den Antrieben und Motivationen des individuellen Menschen verankert ist, doch den konkreten Voraussetzungen und Bedingungen seines Handelns in den unterschiedlichen Lebenszusammenhängen verschiedener Gesellschaftsformationen und sozialer Situationen Rechnung trägt". (S. 59)

Diese Philosophie spiegelt sich in seiner Vorstellung der ,,civil society".

Ein Zusammenschluss tugendhafter Menschen, die sich gemeinsam zum Wohle des Ganzen Tag für Tag einsetzen und durch ihre gefassten Beschlüsse ständige Erneuerung und Anpassung ihrer Gesellschaft an verändernde Umstände erreichen. Konflikte und Antagonismen bilden den Motor dieser Gesellschaft, es bedarf keiner ordnenden Herrschaft von oben.

Doch Ferguson selbst war Realist genug, um zu erkennen, dass hierzu eine kleine Gemeinschaft nötig war, das Ideal also nicht für Schottland übertragbar war, zumal er an der ,,Tugendhaftigkeit" seiner Mitbürger zweifelte.

Hieraus erklärt sich die Dualität Fergusons Werkes. Zum einen Teil beschreibt er unter moralphilosophischer Prämisse, wie eine Gesellschaft idealerweise funktionieren sollte, zum anderen erkennt er unter sozialwissenschaftlicher Prämisse die nicht vorhandene Praktibilität seiner Vorstellung an.

Allerdings entwickelt er unter dieser Prämisse eine Vorstellung, die man als ,,second- best- solution" beschreiben könnte.

Als Beispiel führt er für England die ,,konstitutionelle Monarchie" an. Eine gewisse Befreiung des Volkes von der Allmacht des Herrschers vor allem auf ökonomischer Basis, der ihnen ausserdem bürgt für:

- Schutz des Eigentums
- Schutz des Lebens durch den Staat
- ,,Abstellen" von Beschwerden
- Förderung des Interesses der Untertanen

Aufgrund der Veränderbarkeit der sozialen Strukturen wünscht sich Ferguson stets die relativ beste Lösung für eine je konkrete Situation.

Man könnte sein Ideal wohl auch als ,,Kompromissgesellschaft" bezeichnen, in der aus dem Wettstreit der Meinungen letzlich ,,Freiheit und weise Gesetze" erwachsen.

Der Weg zu einer Gesellschaft des offenen Meinungsaustausches führt für Ferguson über eine Reform des Systems, aber in diesem System. Hiermit bleibt er sicher in vielen Punkten in der Tradition des Konservatismus.

Seine durchaus positive Bewertung des liberalen, bürgerlichen Rechtsstates lässt ihn in vielerlei Hinsicht als Vertreter des Liberalismus erscheinen.

Ferguson lässt sich jedoch weder in das eine, noch in das andere Schema wirklich einordnen. Sein Ideal einer Gesellschaft in der Pluralismus an erster Stelle steht und in der die politische Moral bzw. die politische Philosophie normativ tätig wird hin zu einer immanenten Veränderung der Gesellschaft, die sich stetig erneuert aus dem Zusammenspiel der einzelnen Subjekte in einer Gemeinschaft, ist etwas anderes als eine Ideologie und vor allem: etwas sich entwickelndes.

Literatur:

Adam Ferguson: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, S.7 - 96 (Einleitung)

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr.4

Verfasser: Björn Lüttmann

Jean- Jacques Rousseau: Erste Abhandlung: Über Kunst und Wissenschaft (1750)

In seiner Abhandlung über Kunst und Wissenschaft setzt sich Jean- Jacques Rousseau mit der Wirkung der Wissenschaften und Künste auf die gesellschaftliche Entwicklung seiner Zeit auseinander und stellt sich der Frage, ob sie zum Verfall oder zur Verbesserung der Sitten beigetragen haben.

Schon in der Einleitung seines Textes lässt Rousseau keinen Zweifel daran, wie die Beantwortung dieser Frage im Verlaufe seiner Auseinandersetzung aussehen wird und entschuldigt sich für seine ,,Tadelung der Wissenschaften" im voraus:

,,Ich behandele nicht die Wissenschaften schlecht, sondern ich verteidige die Tugend vor tugendhaften Männern." (S.5)

Der Widerspruch zwischen den ,,vergeistigten" Künsten und Wissenschaften im Europa des 18. Jhdt. und der ursprünglichen Tugend der Völker ist der Ausgangspunkt von Rousseaus Abhandlung.

Als Wendepunkt in der Entwicklung der Wissenschaften sieht Rousseau den Fall Konstantinopels in den osmanischen Herrschaftsbereich, in dessen Zuge die Reste griechischer Kultur zurück nach Europa gebracht worden wären. Der Fall Konstantinopels bietet Rousseau auch ein besonderes Lehrbeispiel für seine These, dass Wissenschaften und Künste mit einer zum Überleben notwendigen Tugend oft schwer vereinbar sind.

Konstantinopels Reichtum an Wissenschaftlern hatte nicht verhindert, dass die Stadt vom ,,dummen Muselmann" (S.7) eingenommen werden konnte.

An den klassischen antiken Beispielen Rom und Athen vollführt Rousseau weitere Lehrstücke, um zu beweisen, dass nach dem Fortschritt innerhalb eines Staates häufig sein Niedergang folgt, wenn die Menschen beginnen, sich Künsten und Wissenschaften hinzugeben, welche in theoretischer Kontemplation verharren, anstatt sich auf die Tugenden, die jedem Menschen innewohnen, zu stützen.

Aus ursprünglich ,,philosophisch reinen" Gesellschaften, in welchen in einem rohen, natürlichen Zustand Ehrlichkeit unter den Mitgliedern geherrscht hatte, wurden Gesellschaften, in denen ein ,,Schleier der Höflichkeit" (S. 13) das gegenseitige Misstrauen verdeckte.

Aus handelnden, kämpfenden Gesellschaften wurden Gesellschaften, die mehr Wert auf gute Manieren und abgehobenes Theorisieren legten. Rousseau kommt zu dem Fazit:

,,So also war zu allen Zeiten Luxus, Ausschweifung und Sklaverei die Strafe für die ehrgeizigen Anstrengungen die uns aus der unglücklichen Unwissenheit führen sollten, in die uns die ewige Weisheit verwiesen hatte" (S. 27).

Das Hauptproblem der Wissenschaften entsteht nach Rousseau aus der ,,Unsicherheit" der Wahrheit. Auf der Suche nach der Wahrheit werden viele Irrtümer produziert, die sich für die Praxis als untauglich erweisen. Ausserdem stellt sich Rousseau die Frage, wie der gerechte Umgang mit der Wahrheit aussehen sollte, würde sie entdeckt.

Deshalb fordert Rousseau in seinem Plädoyer für eine Rückkehr zu den Tugenden, dass der Mensch sich wieder besinnen solle auf seine ,,menschlichen Pflichten" und die ,,natürlichen Bedürfnisse", also ,,nur Zeit für das Vaterland, die Unglücklichen und seine Freunde" (S.31) haben solle.

Dieser Mensch ist im Rousseauschen Verständnis Bürger (citoyen). Handelnde, pflichtbewusste Menschen fordert Rousseau für eine funktionierende Gesellschaft. Eine Schlüsselrolle in diesem Verständnis von einer handelnden Gesellschaft spielt das

Militär. Gleich auf mehreren Seiten lässt sich Rousseau über die schädliche Beeinflussung der Militärs durch die ,,gebildete" Gesellschaft aus. Verweichlichte und verweiblichte Krieger und mit ihnen eine wehrlose Gemeinschaft seien die Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, welche sich von den wahren Tugenden entfernt habe.

In diesem Zusammenhang kritisiert Rousseau ausserdem die Bildungsinstitutionen für die Jugend. Sie seien nicht in der Lage, die Heranwachsenden zu ausreichendem Patriotismus und körperlichem Fleiß zu erziehen.

Eine verstärkte Einbindung der Gelehrten in die Gesellschaft, so dass sie zum Wohle aller arbeiteten sieht Rousseau als Möglichkeit, dem ,,sinnlosen" Theoretisieren einen praktischen Nutzen für die gesamte Gesellschaft abzugewinnen. Als Beispiele nennt er die Akademien oder die Möglichkeit, den Regierenden als Berater zur Seite zu stehen. In dieser Verbindung von ,,Tugend, Wissenschaft und Autorität" (S.57) hätten auch die von Rousseau als mehr oder weniger überflüssig eingestuften Wissenschaftler und Philosophen eine Daseinsberechtigung. Da er diese sinnbringende Verbindung in Realita aber nicht findet, bleibt für Rousseau nur die Feststellung, dass es wohl weiterhin jene Spaltung der Gesellschaft geben wird, die darin besteht, dass die einen ,,gut zu reden" und die anderen ,,gut zu handeln" (S.59) wissen.

Aus heutigem Betrachtungswinkel wirkt die Argumentation Rousseaus zum Teil sehr skurril. Ein Philosoph, der seine eigene Zunft verurteilt und aus Angst um die Überlebenschancen seiner Gesellschaft eine Rückkehr zu angeblich tugendhaften Riten Spartas, der Germanen oder anderer archaischer Völker aufruft. Die starke Akzentuierung des Kampfgedankens ist hier allerdings als Kind seiner Zeit zu betrachten. Wichtig erscheint vielmehr die offensichtliche Kritik an der Spaltung der Gesellschaft in eine abgehobene Elite einerseits und eine von ihnen im Stich gelassene breite Masse. Das ist der zentrale Kritikpunkt dieser Abhandlung Jean- Jacques Rousseaus. Eine stärkere Konzentration auf die essentiellen Dinge im Leben, die Pflege der Heimatliebe und des privaten Umfeldes fordert Rousseau insbesondere von den Wissenschaftlern und Künstlern.

Aktive Bürger, die solidarisch im Sinne des Allgemeinwohls handeln, so lässt sich Rousseaus Idealvorstellung von den Menschen innerhalb einer Gesellschaft auf den Punkt bringen.

Literatur:

Jean - Jacques Rousseau: Erste Abhandlung: Über Kunst und Wissenschaft, in: Jean - Jacques Rousseau: Schriften zur Kulturkritik, Hamburg 1955 ff, S. 2 - 61

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr. 5

Verfasser: Björn Lüttmann

Jean- Jacques Rousseau: Von der bürgerlichen Religion (1762)

In dem letzten inhaltlichen Kapitel seines Hauptwerkes ,,Contract social" (deutsch: Gesellschaftsvertrag) setzt sich Jean- Jacques Rousseau mit Religion und ihrer Wirkung auf das Funktionieren einer Gesellschaft auseinander.

Zunächst nimmt Rousseau wieder einmal Rückbezug auf die Antike, um die klassische Verbindung von Religion und Staatsgewalt in Form einer Theokratie aufzuzeigen. Diese Beschreibungen benutzt Rousseau, um den Unterschied zu einer anderen Auffassung von Staat und Religion, der des Christentums deutlich zu machen.

Den Begründern des Christentums wirft Rousseau vor ,,jene innere Spaltungen" hervorgerufen zu haben ,,die nie aufgehört haben, die christlichen Völker zu beunruhigen" (S.184). Die Doppelherrschaft von Staat und Kirche habe eine Unruhe in die Gesellschaften getragen, da die Menschen nicht mehr wussten, welcher Macht sie eher zu dienen hatten: der weltlichen oder den geistigen Führern. Unter anderem aus diesem inneren Konflikt heraus seien die Christen nie in der Lage gewesen, eine ordentliche Staatsverfassung zu errichten, vielmehr entwickelte sich unter christlicher Anführung ,,das despotischste Reich dieser Welt" (S.184).

Rousseau kritisiert die verschiedenen Gattungen und Ausprägungen des Christentums unter dem Gesichtspunkt der Ausschliesslichkeit oder auch der ,,Unduldsamkeit", desweiteren kritisiert er das ablenken der Religion von den wahren Rechten und Pflichten eines Staatsbürgers. Wichtig ist hier wieder das Motiv vom Kampf, welches schon in seinen Betrachtungen über Kunst und Wissenschaften ein zentrales Moment darstellte.

So stellt Rousseau die Religion als ein weiteres Hindernis für den tugendhaften Kampf der Gesellschaften gegen äussere Feinde dar. Im Vertrauen auf Gott und seine Unfehlbarkeit verliere der Krieger den Sinn für das Vaterland und den unbedingten Willen zum Sieg.

Deshalb fordert Rousseau eine gesellschaftliche Verfassung, in der weniger die Festlegung auf eine bestimmte Religion erfolgt, somit plädiert er für eine Art ,,Religionsfreiheit". Seine ,,bürgerliche Religion" ist jedoch durch einige Eckpunkte klar gekennzeichnet:

,,Das Dasein einer allmächtigen, weisen, wohltätigen Gottheit, einer alles umfassenden Vorsehung; ein zukünftiges Leben, die Belohnung der Gerechten und Bestrafung der Gottlosen, die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze, das sind die positiven Glaubenssätze." Als negativen Glaubenssatz ergänzt Rousseau die ,,Unduldsamkeit", also Intoleranz einer Religion gegenüber der anderen und überträgt dies auch auf das bürgerliche Leben.

Rousseau stellt also ab auf eine rein funktionale Religion, die in erster Linie die Verpflichtung des Bürgers auf den Staat im Auge hat. Es ist ein interessanter Spagat, da es deutlich wird, wie wenig Rousseau mit den Göttern anfangen kann und wie sehr die religiösen Glaubenssätze von Rousseau abgelehnt werden. Doch zur Festigung seines Gesellschaftsvertrages und das hat er sicher mit vielen Herrschern vor und während seiner Zeit gemeinsam, erscheint ihm die Religion als probates Mittel. Man könnte also wohl behaupten, dass Rousseau hier bereits erkannte, was ein anderer Theoretiker später knapp so beschrieb: ,,Religion ist Opium fürs Volk".

Literatur:

Jean - Jacques Rousseau: Von der bürgerlichen Religion, in:

Jean - Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag, IV. Buch, Kapitel 8, Stuttgart 1986, S. 140 - 153

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr. 6

Verfasser: Björn Lüttmann

Alexis de Tocqueville: Über die Hauptgründe der Erhaltung der demokratischen Republik in den Vereinigten Staaten1

Alexis de Tocqueville begibt sich Anfang der 30er- Jahre des 19. Jahrhunderts in die ,,neue Welt", in die Vereinigten Staaten, um sich ein Bild von der dortigen demokratischen Gestaltung der Gesellschaft zu machen und vor allem, um diese Gestaltung auf ihre Übertragbarkeit auf die europäischen Staaten zu überprüfen.

Zur Untermauerung seiner Thesen, die er an die spezifische Entwicklung in den USA stellt, benutzt er dabei eine vergleichende Analyse. Er stellt die anglo-amerikanische Gesellschaft anderen ,,Einwanderergesellschaften" gegenüber und zieht Parallelen nach Europa.

In der Analyse kommt er dabei zu dem Schluss, dass insbesondere drei Dinge zur Stabilisierung der Demokratie beitragen: Erstens dieVerhältnisse, unter denen die Gesellschaft zustande kommt, zweitens dieGesetze, welche sich in der Verfassung wiederfinden und drittens dieSitt, unter denen Tocqueville die ,,Gewohnheiten, (...) Meinungen, (...) Bräuche" und ,,Glaubenshaltungen" (S. 187) subsumiert, welche den Menschen innewohnen.

Aufgrund der Erkenntnisse seiner vergleichenden Analysen erstellt Tocqueville eine Klassifikation dieser Grundlagen, in der er die Sitten als wichtigste Voraussetzung zum Funktionieren einer Demokratie hervorhebt. Die Gesetze sind wiederum ein wichtigerer Faktor als die Verhältnisse, in denen Gesellschaften entstehen.

Tocqueville geht von der Beschaffenheit der amerikanischen Demokratie aus, er sieht ihre Nachteile, gibt sich jedoch überzeugt von ihren Vorteilen. Es steht für ihn fest, dass sie nicht der Prototyp einer Demokratie darstellt und nicht einfach übertragbar auf europäische Verhältnisse ist.

Der Hintergrund seiner Betrachtungen ist deutlich: Es geht Tocqueville darum, aus dem augenscheinlich funktionierenden System der amerikanischen Demokratie in Richtung Europa zu abstrahieren und letztlich eine Demokratietheorie zu entwickeln, die anwendbar wäre auf alle Gesellschaften, unabhängig von ihren geografischen Beschaffenheiten.

Tocqueville sieht in die Gegenwart seiner Zeit und sieht in Europa Gesellschaften, die sich in mehr oder weniger revolutionierenden Zuständen befinden, nachdem im Zuge der Aufklärung die Religion ihren Einfluss verloren hat und die traditionellen feudalen Strukturen zerbrochen sind. Die Menschen in diesen Gesellschaften sieht er - und das erscheint erstaunlich für den frühen Zeitpunkt dieser Betrachtungen - in einen Individualismus verfallen, da die Bande der Kirche und der Tradition, welche sie einigten, so sehr sie die Menschen auch in Unmündigkeit hielten, schwinden.

Tocqueville sieht die Sehnsucht seiner Zeitgenossen nach straffer und konzentrierter Staatsgewalt und warnt sie vor falscher Nostalgie. Eine erneute absolute Monarchie - und hier wird der Bezugspunkt Frankreich sichtbar, 1830 hatte es die zweite Revolution gegeben - würde die wurzellosen Menschen unter diktatorischen Bedingungen ausbeuten.

Die einzige sinnbringende gesellschaftliche Ordnung erscheint Tocqueville in Form der Demokratie, die den Menschen, wie es in den USA geschehen sei, langsam beigebracht und in die Sitten der Gesellschaft eingelassen werden müsse. Dabei sieht er die Demokratie, als ,,Tyrannei der Mehrheit" über den Einzelnen keinesfalls als die perfekte Staatsform, er beschreibt sie vielmehr als das kleinere Übel gegenüber der Despotie als ,,Tyrannei des Einzelnen" über die Masse.

Die Angst Tocquevilles vor einer Nivellierung des einzelnen Menschen in der Masse wird hier sehr deutlich, die Angst das die Masse die Freiheit des Einzelnen beschränken könne. Er setzt jedoch auf die Schranken, welche das amerikanische System innehabe (z.B. kommunale Verwaltungen, Justiz, moralische Grundlagen...) und hofft auf die Etablierung eines vergleichbaren politischen Systems für Europa, sowie den Rest der Welt, da die einzige Alternative eine ungleich härtere Nivellierung der Menschen bedeutete, unter der straffen Hand eines Führers.

Insbesondere zwei Aspekte sind in diesem Abschnitt des Werkes Tocquevilles für die heutigen Verhältnisse bemerkenswert:

Die Prophezeiung der Despotie, welche sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewahrheitete und Tocquevilles bemerkenswerte Analyse der zunehmenden Individualisierung, welche nach leichter Abwandlung in einer aktuellen sozialkritischen Streitschrift sich wiederfinden lassen könnte:

,,Heutzutage jedoch, da sich alle Klassen mischen, da der Einzelne sich immer mehr in der Masse verliert und leicht in der allgemeinen Anonymität untergeht, heute da die monarchische Ehre ihren Einfluss fast verloren hat, ohne durch die Tugend erstzt worden zu sein, und nichts den Menschen über sich hinaushebt - wer kann sagen, wo die Ansprüche der Macht und die Willfährigkeit der Schwäche haltmachen würden ?" (S. 195)

Literatur:

Alexis de Toqueville: Über die Hauptgründe der Erhaltung der demokratischen Republik in den Vereinigten Staaten, in:

Alexis de Toqueville: Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, S.182 - 198

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr.7

Verfasser: Björn Lüttmann

Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung

Ausgehend von der Religionskritik in Deutschland beschrieb Karl Marx die Notwendigkeit einer radikalen Gesellschaftskritik an den deutschen Verhältnissen und stellte Überlegungen an, wie eine praktische Umsetzung dieser Kritik aussehen könnte.

Die Kritik an der Religion und die Etablierung des Gedankens, dass der Mensch der Herr seines Schicksals ist und nicht schicksalergeben auf Gottes Gnaden hoffen muss, war für Marx der zentrale Gewinn, den die Aufklärung den Menschen gebracht hatte. Die Religion sei immer das ,,Opium des Volkes" gewesen, welches die Herrschaftsstrukturen, denen es unterworfen gewesen ist, verschleierten und somit die Macht der Könige stützte.

Mit der Aufdeckung dieser Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse ist für Marx allerdings erst ein Schritt getan gewesen. Die nächste Stufe der Aufklärung beschrieb Marx so:

,,Die Kritik des Himmels verwandelt sich in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik."2

Darum geht es in dem Essay von Marx. Nachdem die erste Stufe der Aufklärung vollendet ist, folgen viele weitere Aufgaben für die Philosophie, die Gesellschaft zu emanzipieren. Marx bezog sich in dieser Auseinandersetzung um die Aufgaben der Staats- und Rechtsphilosophie auf das deutsche Beispiel. An der deutschen Realität seiner Zeit (um 1840) liess er dabei kaum ein gutes Haar.

In Deutschland war nach Beendigung der Napoleonischen Herrschaft die Restauration in vollem Gange gewesen, welche dasanciem régimezurück an die Schalthebel der Macht gebracht hatte. Politische Romantik, der Frühkonservatismus war die bestimmende politische Strömung. Wie Marx an entsprechender Stelle richtig betonte, hatten die Deutschen die Nackenschläge der Restauration, die Unterdrückung der Freiheit in einer ständisch- aristokratischen Gesellschaft zu ertragen, ohne jemals die Befreiung selbst erlebt zu haben.

Hieraus erklärte sich Marx die Besonderheiten des deutschen Volkes und die Verderbtheit der realen politischen Umstände in den deutschen Staaten.

In krassem Gegensatz dazu erkannte Marx in der Theorie der deutschen Rechts- und Staatsphilosophie die modernsten Fortentwicklungen jener Zeit. Sie beschrieb Marx als die wirkliche ,,Nachgeschichte" der Deutschen. Blieb die realpolitische Entwicklung spätestens in den Erstarrungen des Deutschen Konservatismus weit hinter den weitaus fortschrittlicheren Entwicklungen anderer Staaten, wie zum Beispiel Frankreich oder England zurück, so war die deutsche Staats- und Rechtsphilosophie- und hier insbesondere Hegel- ganz auf der Höhe der Zeit:

,,Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die anderen Völker getan haben. Deutschland war ihr theoretisches Gewissen."3

In Deutschland hätten Praxis und Theorie nie zueinandergefunden, was dazu geführt hätte, dass sich kein Stand entwickelt hätte, der die ,,allgemein menschliche Emanzipation" im Namen der gesamten Gesellschaft erkämpft hätte. Vielmehr entdeckte Marx in Deutschland ,,die Sünden aller Staatsformen", ein verderbtes System, indem devote Bürger nicht den Mut zum Aufbegehren entwickeln konnten, da abgesehen von der repressiven Staatsgewalt eine Gesellschaft ohne Solidarität vorherrschte, in der jede gesellschaftliche Schicht lieber auf der untergeordneten herumtrat, anstatt sich als Mitgestalter einer allgemeinen Wohlfahrt zu begreifen.

Marx sah deshalb für eine Umgestaltung der deutschen Verhältnisse nur eine Chance: Die radikale Revolutionierung der Gesellschaft durch einen Stand, welcher stellvertretend für die Gemeinschaft die Emanzipation der Menschen erkämpft. Marx erkannte hier die zentrale Motivation für eine solche Revolution in den materiellen Verhältnissen. Seiner Meinung nach waren die Menschen- und dies insbesondere in Deutschland- erst zu einer revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse bereit, wenn sie ihre Defizite am eigenen Leibe zu ertragen hätten. Marx fasst die Voraussetzungen einer solchen Umgestaltung zusammen:

,,Damit die Revolution eines Volkes und die Emanzipation einer besondren Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Gesellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesellschaft in einer anderen Klasse konzentriert (...) sein, dazu muss eine besondre soziale Sphäre für das notorische Verbrechen der ganzen Sozietät gelten, so dass die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbsbefreiung erscheint."4

Das heisst, der ,,bürgerlichen Gesellschaft" muss in der Existenz dieser Klasse vor Augen geführt werden, welche Mängel sie produziert hat. Die Aufgabe der Zugehörigen zu dieser Klasse der ,,Ausgestossenen" wäre es im Gegenzug, die erstarrten materiellen Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse zu beseitigen. Die Rolle der Ausgestossenen spielten bei Marx die Arbeiter, das Proletariat. Ihnen schrieb Marx die Kraft zu, die bürgerliche Gesellschaft zu revolutionieren und Freiheit und Gleichheit zu etablieren. Sie sollten praktisch umsetzen, was die aufklärerischen Denker Deutschlands schon lange ausgebrütet hatten. Den Rückstand Deutschlands in der politischen Realität sollten sie, angetrieben durch die philosophische Bildung, in einen Vorsprung umverkehren. Die Legitimation des Proletariats die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu fordern, lag für Karl Marx auf der Hand:

,,Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist."5

Karl Marx Einleitung in seine ,,Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" stellte einen Aufruf dar, den damaligen Stand der deutschen Philosophie über das Stehenbleiben bei einer reinen Religionskritik hinauszutreiben. Vor allem forderte Marx das Verschmelzen der Theorie mit der Praxis, um endlich die Wirksamkeit der emanzipatorischen Philosophie in der Realität deutscher Politik zu erreichen. Er gab sich überzeugt, dass die Verschmelzung der philosophischen Bildung mit dem Kampf der Arbeiter letztlich ,,die Emanzipation des Deutschen" und mit ihm ,,die Emanzipation des Menschen" bedeuten würde. Die Selbstbefreiung dieses Standes sollte die Befreiung der gesamten Gesellschaft mit sich ziehen. Im Wortlaut heisst es dazu bei Marx (siehe oben), ,,so dass die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint" (Fn. 3).

Die unter anderem von Karl Marx inspirierte Arbeiterbewegung wäre wahrscheinlich glücklich gewesen, wenn ihr Kampf als allgemeine Selbstbefreiung der Deutschen anerkannt gewesen wäre. Im preussisch - militaristischen Deutschen Reich wurde ihnen diese Rolle nicht zu erkannt.

Dennoch muss sich Karl Marx in seiner deutschen Heimat nicht in eine Reihe stellen lassen mit vielen anderen Philosophen vor ihm, die an der repressiven Kraft der deutschen Autoritäten scheiterten und somit rein theoretisch tätig blieben. Seine Zielvorgabe, dass die Philosophie die Praxis bestimmen solle, kann mit Blick auf die einsetzende Arbeiterbewegung durchaus als erreicht angesehen werden.

Literatur:

Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx / Engels Studienausgabe (MEST) Bd. 1, Hg. Iring Fetcher, Frankfurt 1966 u.ö., S. 17 - 30

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr. 8

Verfasser: Björn Lüttmann

Charles Taylor: Atomismus

Charles Taylors Auseinandersetzung mit der Problematik des Atomismus ist die Auseinandersetzung mit einer radikalliberalen Gesellschaftstheorie, welche dem Individuum und seinen Rechten den absoluten Vorrang vor gemeinschaftlichen Pflichten einräumt.

Am Beginn seines Textes setzt sich Taylor mit einigen Schwierigkeiten bei der Begriffsdefinition für ,,Atomismus" auseinander und stellt fest, dass diese Bezeichnung von den Vertretern der atomistischen Idee weniger gern verwendet wird, als von ihren Gegnern. Die Vertreter der im folgenden näher beschriebenen Theorie würden den Begriff ,,Individualismus" bevorzugen. Dies gelte zum Beispiel für Robert Nozick, dessen Werk ,,Anarchie - Staat - Utopia" (München o. J.) für Charles Taylor scheinbar einen Hauptansatzpunkt geboten hat, sich näher mit den unterschiedlichen Definitionen von Liberalismus auseinanderzusetzen.

Die Definition des Begriffes Atomismus bezieht sich nach Taylor zurück auf einige Theoretiker des 17. Jhdts., namentlich in erster Linie auf John Locke. Er bezeichne eine Art liberale Sozialvertragstheorie, welche den Vorrang des Individuums gegenüber der ganzen Gesellschaft festschreibt und bedient sich insofern einer sehr instrumentellen Gesellschaftsauffassung.

Die Gesellschaft ist quasi eine Zweckgemeinschaft zur Verfolgung von individuellen Lebenszielen. Die individuelle Freiheit wird garantiert von Rechten, welchen bei den Vertretern der atomistischen Lehre die Schlüsselrolle zukommt: Der sogenannte ,,Primat der Rechte".

Die Zugehörigkeit zur Gesellschaft und hieraus entstehende Pflichten werden als mögliche, freiwillige Vereinbarungen akzeptiert, gelten jedoch als in jedem Fall untergeordnet, wenn nicht gar verzichtbar. Unterstellt wird also die weitgehende Unabhängigkeit des Individuums von gesellschaftlichen Zusammenhängen und das Vorhandensein von moralischer oder rationaler Handlungsweise ,,von Natur aus".

Charles Taylor setzt sich in seinem Essay sorgfältig mit den verschiedenen Argumenten dieser individualistischen Lehre auseinander und stellt dabei vor allem eins heraus: Dass es verschiedene Vorstellungen vom ,,Menschsein" und dem was uns dazu macht sind, die zu den unterschiedlichen Charakterisierungen der Menschenrechte und Pflichten führen.

Die menschliche Identität - und das, was uns als schützenswert erscheint, was im Katalog der Menschenrechte als unabdingbar festgehalten ist - woher stammt sie, das ist eine zentrale Fragestellung, an der sich nach Taylor die Diskussion zwischen Atomisten und Nicht- Atomisten entzündet.

Die Diskussion drehe sich um die Frage, ,,ob diese Identität überhaupt etwas ist, das wir auf uns allein gestellt erlangen können, oder ob nicht vielmehr die entscheidenden Formen dieses Selbstverständnisses stets durch den gemeinschaftlichen Ausdruck und die gemeinschaftliche Anerkennung, die man ihnen im gesellschaftlichen Leben verleiht, geschaffen und erhalten werden."6

Die Identität der Menschen begründet sich nach Taylor auf ,,respektgebietenden Fähigkeiten", die sich zum Beispiel in den moralisch begründeten Handlungsweisen widerspiegeln, und diese Identität, so lautet sein Fazit wird in entscheidender Weise von dem sozialen Umfeld, in der ein Mensch aufwächst, geprägt oder sogar geschaffen.

Dieses soziale Umfeld nennt Taylor ,,Zivilisation" und die in ihr wirkende Kraft ,,Kultur". Die moralischen Eigenschaften des Wesens ,,Mensch" werden also quasi in vielen Generationen herangezüchtet und durch die jeweils lebende Generation an ihre Nachkommen weitergegeben. Taylor entwickelt aus dieser Einsicht die Theorie, dass die Menschenrechte, also insbesondere auch die Individualrechte der Menschen so direkt vom sozialen Umfeld, der Gesellschaft, abhängen, dass eine Überbetonung der Rechte des Menschen, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Pflichten geradezu die Zerstörung der Zivilisation und mit ihr der Freiheit einhergehen muss.

Taylor stellt sich desweiteren der Frage, ob dies nun auch eine Verpflichtung gegenüber der staatlichen Ordnung bedeutet und hier ist eine Schlüsselstelle in seinem Aufsatz über das Phänomen des ,,Atomismus". Aus der Abhängigkeit der Rechte und mit ihr der Freiheit eines Menschen in unserer westlichen Zivilisationssphäre von der gewachsenen Kultur leitet Taylor eine Verpflichtung des Bürgers auf die staatliche Ordnung ab. Hier grenzt er sich also von der ,,ultraliberalen Seite" ab, welche prinzipiell die Verwirklichung der Freiheit aus der Umsetzung individueller Rechte auch in einer anarchistisch organisierten Gesellschaft vorstellen können, zum Beispiel in lose organisierten Kommunenstrukturen.

Hier gegen setzt Taylor auf die pluralistische Zivilgesellschaft zur Erhaltung und Förderung von ,,qualifizierter" Freiheit, mit all ihren Institutionen, welche zur Sicherung eben jener Pluralität der Meinungen einen wichtigen Dienst leisten (Parteien, Vereine, Kirchen usw). Diese Zivilgesellschaft ist ausserdem regiert von der uns bekannten Form der repräsentativen Demokratie, welche trotz all ihrer Mängel, laut Taylor, die Menschen zum ,,Beraten" herausfordert und damit aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft teilhaben lässt. Dieses Beraten gemeinsamer Ziele von Menschen für eine Gesellschaft stellt für Taylor dabei auch einen zentralen Vorteil gegenüber der quasi- anarchistischen, atomistisch geprägten Gesellschaft dar, welche Taylor für unfähig hält die zentralen menschlichen Eigenschaften zu fördern und erhalten.

Letztlich ist Taylors Auseinandersetzung mit dem Atomismus vor allem geprägt durch den Tenor: Ich habe alles Verständnis für liberales Gedankengut und bin bereit, jeden Gedankensprung individualistisch denkender Menschen mitzumachen, aber es ist nun mal so, dass wir unsere Gesellschaft mit all ihren gewachsenen Institutionen brauchen, um die Fähigkeiten zu entwickeln, die uns Menschen vom Tier unterscheiden.

Deshalb hat ,,das freie Individuum, das sich als solches behauptet, (...) bereits eine Verpflichtung, die Gesellschaft, in der diese Identität möglich ist, zu vervollkommnen oder wiederherzustellen oder zu erhalten."7

So spricht aus Taylors Text vor allem die Ablehnung radikalliberaler Individualismustheorien und ein Plädoyer für die aktive Mitarbeit jedes Bürgers an der Zivilgesellschaft zur Sicherstellung der Freiheit der Menschen, die verstärkte Herausbildung voncitoyens.

Literaur:

Charles Taylor: Atomismus, in: Brink / van Reijen (1995), S. 73 - 106

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr. 9

Verfasser: Björn Lüttmann

John Rawls: Der Vorrang des Rechten und die Idee des Guten

In seinem Text entwickelt John Rawls seine Vorstellung einer Gesellschaft unter liberalen Gesichtspunkten. Er benennt diese Vorstellung ,,Gerechtigkeit als Fairness", das Konzept eines ,,politischen Liberalismus", und geht schon mit dieser Formulierung auf Distanz zur allgemeinen liberalen Lehre.

Der Grundgedanke Rawls ist es, einen Rahmen für die Gesellschaft zu entwickeln, diesen Rahmen stellt eine ,,offene" politische Gerechtigkeitskonzeption dar und keine religiöse, philosophische oder moralische Lehre mit einem umfassenden Anspruch. Der politische Liberalismus setzt sich aus politischen Ideen zusammen, die eine Konzeption der Politik beschreiben - keine Konzeption des Lebens - er soll in erster Linie ,,genügend Raum bieten für Lebensformen, die bei den Bürgern Unterstützung finden" (S. 153).

Der politische Liberalismus verwirft daher den Anspruch ein ,,Gesamtwohlergehen" der Gesellschaft zum Ziel zu haben, mit Rücksicht auf die unterschiedlichen Neigungen und Ziele der Menschen kommt es in erster Linie darauf an, dass jeder Mensch spürt, dass er fair behandelt wird.

Die Gerechtigkeitskonzeption Rawls unterliegt daherzwei Prämissen: erstens muss sie von freien und gleichen Bürgern geteilt werden oder geteilt werden können, zweitens darf sie keine umfassende Lehre sein, welche die Menschen einer Zielausrichtung in ihrem Leben unterwirft.

Die Gerechtigkeitskonzeption Rawls lässt allerdings ,,Ideen des Guten" zu, solange sie Ideen darstellen und kein vorgeschriebenes Raster für ein ,,gutes Leben". Diese Ideen sollen zur Findung eines gesellschaftlichen Konsens beitragen.

Rawls ,,Ideen des Guten" basieren zunächst auf dem Argument des rationalen Vorteils eines jeden Einzelnen. Dieser rationale Vorteil wiederum spiegelt sich in dem Recht der Menschen auf gewisse Grundgüter. Zu ihnen gehören die Grundrechte / Grundfreiheiten; das Recht auf Freizügigkeit und freie Berufswahl; Befugnisse und Vorrechte, die mit den Ämtern und Positionen der politischen und ökonomischen Institutionen der Grundstruktur verbunden sind; Einkommen und Besitz; sowie gesellschaftliche Grundlagen der Selbstachtung.8

Die Festlegung der Gesellschaft auf diese Grundgüter sollen der Stabilisierung und Förderung einer pluralistischen Gesellschaftsordnung dienen. Das Konzept der,,Gerechtigkeit als Fairneß"sucht auf der Grundlage des Pluralismus eine ,,neutrale Grundlage" als Brennpunkt eines allgemeinen Konsenses. Der Begriff der ,,Neutralität" bleibt bei Rawls umstritten.

Letztlich sei es das Ziele seiner Gerechtigkeitskonzeption möglichst neutral zu sein, schliesslich lehnt sie zielgerichtete Lehren ab, dennoch gesteht er zu, dass es im Hinblick auf ,,Auswirkungen und Einflüsse" diese Neutralität nicht geben kann.

Rawls präsentiert diese Neutralität deshalb unter einem anderen Begriff; er bezeichnet den politischen Liberalismus als ,,unvoreingenommen" gegenüber den individuellen Vorstellungen der Bürger von ihrer Gesellschaft. Die ,,Ideen des Guten" stellten dieses Konzept nicht in Frage, solange es sich umIdeenhandelt, die nicht zu einer perfektionistischen Gesamtlehre führen, sondern nur zueiner vernünftigen politischen Gerechtigkeitskonzeption eines Verfassungsstaatesgehören.

Ebenso gelte dies für bestimmte politische Tugenden. Dies sei zum Beispiel die faire soziale Kooperation in Form von Höflichkeit und Toleranz, Vernünftigkeit und Sinn für Fairness.

Es stellt sich hier die Frage, ob es im Sinne der Rawlschen Konzeption einen Ausschluss von Minderheiten gibt, welche dieses Konzept nicht akzeptieren und eine umfassende Lehre favorisieren.

Rawls geht davon aus, dass in seiner Konzeption des politischen Liberalismus jeder Mensch im Sinne der Gerechtigkeitskonzeption leben kann, sich also insbesondere auch die Bildung im Lichte der bürgerlichen Freiheiten wiederfindet.

Das bedeutet für Anhänger einer umfassenden Lehre, dass sie toleriert werden, solange sie die Konzeption anerkennen; ihren Mitgliedern soll jederzeit signalisiert werden, dass sie in die ,,liberale Welt" eintauchen können.

Rawls gesteht, dass sich auch in der Konzeption einer möglichst neutralen Form des politischen Liberalismus Ausgrenzung vollzieht, sie lässt sich seiner Meinung nach nie vermeiden (S. 167, mit Verweis auf Sir Isaiah Berlin), die für ihn zentrale Frage scheint jedoch vielmehr, ob die Konzeption vom ,,Vorrang des Rechtes und den Ideen des Guten" eine voreingenommene ist, das heisst, ob sie die Menschen in der Gesellschaft in gewisse Schablonen zwingt, oder ob sie ihnen wirkliche Freiheit bietet.

Nach Rawls wäre ein liberale Gerechtigkeitskonzeption nur dann als voreingenommen zu bezeichnen, würde sie zum Beispiel individualistischen Lebensformen den Vorzug geben, dann würde allerdings ein umfassender Liberalismus vorliegen.9

Der politische Liberalismus verfolge ein anderes Ziel:

,,Gerechtigkeit als Fairness achtet soweit wie möglich die Ansprüche derjenigen, die in Übereinstimmung mit den Vorschriften ihrer Religion wünschen, von der modernen Welt Abstand zu halten, vorausgesetzt nur, dass sie ihrerseits die Grundsätze der politischen Gerechtigkeitskonzeption anerkennen und für deren politische Ideale der Person und der Gesellschaft aufgeschlossen sind." (S. 170)

Das Konzept ,,Gerechtigkeit als Fairness" wünscht die pluralistische, aktive Gesellschaft, welche eine soziale Einheit über den gemeinsamen Konsens erreicht, das heisst, eine allgemeine Akzeptanz folgender Werte:

,,(1) dass es eine Gesellschaft ist, in der alle Bürger die gleichen Gerechtigkeitsgrundsätze akzeptieren und dies voneinander anerkennen; (2) dass die Gesellschaft von ihrer Grundstruktur (Institutionen etc.) öffentlich bekannt ist oder mit guten Gründen darauf vertraut wird, dass sie diesen Grundsätzen genügt; (3) und dass die Bürger einen normal wirksamen Gerechtigkeitssinn haben, der sie befähigt, Gerechtigkeitsgrundsätze zu verstehen, anzuwenden und in der Regel so, wie es die Umstände verlangen, ihnen entsprechend zu handeln." (S. 171/172)

Über den gemeinsamen Konsens definiere sich auch eine soziale Bedeutung des Gerechtigkeitskozepts. Die ,,wohlgeordnete politische Gesellschaft" wird als Gut an sich begriffen, das heisst die Menschen entwickeln einen gewissen Stolz auf die funktionierende Gesellschaft und werden über die Identifikation zu handelndencitoyens.

Rawls beschreibtGrundlageneiner Gesellschaft, dieses Wort ist ein Schlüsselbegriff in seinen Ausführungen. Gleichzeitig versteht er ,,Gerechtigkeit als Fairness" als eine ,,vollständige Konzeption". Es hat, wie dies schon im Falle Charles Taylors` Ausführungen zum Atomismus der Fall war, teilweise komische Züge, wie die Autoren sich wenden und erklären, um den Spagat zu schaffen zwischen der Darlegung von gewissen zwingenden Rahmenbedingungen für eine funktionierende Gesellschaft und der Vermeidung der Formulierung einer umfassenden Lehre. Rawls wie auch Taylor haben grosses Vertrauen in die Menschen. Sie unterstellen ihnen natürliche Gerechtigkeitsempfindungen und die notwendige Herausbildung eines ,,guten" Kompromisses im Wettstreit der freien Meinungen. Das Problem der Marginalisierung von Randgruppen, welche sich nicht an diesem Wettstreit beteiligen können, wird nicht als solches gesehen oder ignoriert.

Dass der Wettstreit von Meinungen heute und schon immer insbesondere an materielle Verhältnisse gebunden ist, wird weder bei Taylor noch bei Rawls problematisiert und das erscheint mir ein grosses Versäumnis. Hier werden Realitäten ausgeblendet, was die an sich einleuchtenden und richtigen Konzeptionen vom ,,fairen" Umgang miteinander diskreditiert.

Literatur:

John Rawls: Der Vorrang des Rechten und die Ideen des Guten, in: Brink / van Reijen (1995), S. 153 - 186

Universität Hamburg Wintersemester 1999 / 2000

Hauptseminar: Die Idee dercivil societyvon der schottischen Aufklärung bis heute Leiter: Walter Reese- Schäfer

Essay Nr. 10

Verfasser: Björn Lüttmann

Axel Honneth: Fragen der Zivilgesellschaft

In seinem Essay wirft Honneth einen Blick auf die Entwicklung des Begriffes der ,,civil society" und prüft seinen Wert für heutige Demokratiedebatten.

Axel Honneth stellt zu Beginn den erneuten Anstoss der Debatte um den Begriff der Zivilgesellschaft dar, welchen zu Beginn der 90er- Jahre die Umwälzungen in den ehemaligen Ostblockstaaten bot. Honneth beschreibt den Begriff der Zivilgesellschaft in der genannten Phase als relativ beliebig angewandt zur Verfolgung der jeweiligen demokratischen Erneuerungen und spricht in diesem Zusammenhang von seiner Stärke, die gerade in dieser begrifflichen Schwammigkeit lag.

Anders beurteilt Honneth die fehlende Schärfe des Begriffes im Hinblick auf die Wiederkehr des Begriffes in den westlichen Demokratietheorien. Es geht Honneth darum, in der Konzeption der ,,Zivilgesellschaft" Antworten zu finden auf die Fragen, welche sich den Demokratietheoretikern angesichts der aktuellen Probleme in den kapitalistisch- demokratischen Staaten stellen. Diese Funktion könne ein zivilgesellschaftliches Konzept nach Honneth jedoch nur erfüllen, wenn sie drei grundsätzliche Bedingungen erfülle:

,,Werden diese drei sachlichen Ebenen auf Kurzformeln zusammengebracht, so ergeben sich für eine zeitgenössische Theorie der Demokratisierung die theoretischen Aufgaben einer normativen Begründung, einer Machtanalyse und einer Kulturdiagnose." (S.82)

Honneth unterzieht den Begriff ,,Zivilgesellschaft" zunächst einer historischen Analyse und findet in Anlehnung an Charles Taylor drei Stränge:

1. Die vorstaatliche, privatwirtschaftliche Konzeption, welche Taylor bei John Locke verortet
2. Die Einführung von ,,rechtlich legitimierten Körperschaften" und ,,freiwilligen Assoziationen" in den zivilen Bereich, nach Taylor zurückgehend auf Montesquieu
3. Gramscis ,,societa civile", welcher den Begriff ausserhalb von Wirtschaft und Politik stehend verwendet

In Einigkeit mit Charles Taylor kommt Honneth zu dem Schluss, dass sich aus den verschiedenen Strängen bis heute keine einheitliche Definition von ,,civil society" bilden lassen konnte, welche unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten wirksam sein könnte. Honneth stellt anhand eines ausgewählten Werkes10, welches die Übertragung der zivilgesellschaftlichen Idee auf die realen Verhältnisse versucht, dar, wo die Problemlinien verlaufen.

So ist die Definition der Zivilgesellschaft in Bezug auf die normative Begründung ein erstes Problem. Heisst ,,Zivilgesellschaft" unter vertragsthoretischer Definition, dass die ,,Chance zu freier und gleichberechtigter Teilnahme an öffentlichen Diskussionen" auch für die anwachsende Schicht der Mittellosen in der kapitalistischen Welt gilt oder beschreibt das Wort nur unter historischer Definition das Vorhandensein einer säkularen Sphäre ?

Werden die bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft erkannt und zum Gegenstand einer kritischen Analyse gemacht oder bleibt das Konzept der Zivilgesellschaft gerichtet an ein elitär- libertäres Publikum ?

Und drittens, bezeichnet ,,Zivilgesellschaft" ,,ein aus Rechtsbeziehungen gewobenes Netz von Privatpersonen" (S.88) oder Menschen in einer solidarischen Wertegemeinschaft ?

Honneth lässt erahnen welchen Antworten er nahe steht, jenen, die eine Zivilgesellschaft favorisieren, die die sozialen Belange nicht aus dem Auge verliert und die einigen demokratiefeindlichen Trends Einhalt gebieten (wachsende materielle Ungleichheit, ungerechte Herrschafts- und Machtverhältnisse, Individualisierung). Doch scheint er unsicher, ob diese Definition, die er persönlich liefern würde, überhaupt noch mit ,,civil society" richtig überschrieben wäre.

Denn verbietet nicht gerade die an der bürgerlichen Demokratie, mitsamt ihren uns bekannten pluralistischen Elementen, orientierte Konzeption der ,,civil society" eine allzu stringente Vorgabe von politischen Verfahrensweisen und Zielen ?11

Hier eröffnet sich eine weitere Spielart der ,,civil society"- Diskussion, welche in den 90er- Jahren verstärkt zum Tragen kam und heute, zumindest in den USA und Grossbritannien auch realpolitische Auswirkungen zeitigt: der Kommunitarismus.

Literatur:

Axel Honneth: Fragen der Zivilgesellschaft, in:

Axel Honneth: Desintegration, Frankfurt 1994, S. 80 - 90

Anhang: Thesen zur Zivilgesellschaft

1.Eine Art,,Linksliberalismus"

- Positiv besetzte Schlagwörter liberalen Gedankenguts stehen im Mittelpunkt: Freiheit, Toleranz, Freiwilligkeit, Verantwortung, Pluralismus usw.

- Sie werden ergänzt durch ,,soziale Komponenten": Solidarität, (Chancen-) Gleichheit, Reglementierungen zugunsten Schwächerer usw.

2. Konzeption, welche den Allgemeingültigkeitsanspruch der ,,klassischen" politischen Theorien ablehnt

- Es gilt, das Beste aus Sozialismus, Konservatismus, Liberalismus u.a. zu extrahieren und einzubringen in die aktuelle politische Praxis
- Die Zivilgesellschaft begreift sich als ,,werdend", das heisst, sie hat keinen Endpunkt im Blick, versucht möglichst ,,zielneutral" zu sein

3. Konzeption, welche auf den Menschenrechten basiert, auf deren Grundlage größtmögliche Toleranz zu üben ist

- Pluralismus als Zeichen von funktionierender Demokratie
- ,,Freiwilligkeit" / ,,Freiheit" des Handelns der Menschen von größter Bedeutung

4. Der Staat darf weder zu viel, noch zu wenig reglementieren, er setzt einen Rechtsrahmen

- Ersteres würde schnell in Zwang entarten
- Zweites würde der Ungleichheit Vorschub leisten

5. Das wirtschaftliche System ist kapitalistisch, aber reglementiert bzw. angehalten, sich demokratisch zu strukturieren.

- Konkurrenz bedeutet Dynamik der Wirtschaft, Pluralismus des Angebotes
- Zuviel Konkurrenz zerstört die solidarische Gemeinschaft und leistet der Ungleichheit Vorschub

6. Die Menschen genießen größtmögliche Freiheit, dennoch haben sie eine Verantwortung gegenüber dem Staat: Seine Institutionen, welche zur Sicherung und Überwachung der Freiheit dienen, zu fördern und stützen.

- Der Staat muss das öffentliche Interesse wecken und bedienen
- Die Menschen müssen das Angebot annehmen und in Taten umsetzen

In Ansätzen sind diese Thesen, die sich in aktuellen Verfassungen teilweise widerspiegeln, bereits Realität. Die Konzeptionen der Zivilgesellschaft modernerer Prägung wanderten von stärker liberalen Ansätzen hin zu dem, was heute Kommunitarismus heisst oder in der Debatte um einen neuen ,,Dritten Weg" (Anthony Giddins) findet. Sie sind Kernpunkte moderner Sozialdemokratie in USA, Großbritannien, Niederlande, Deutschland etc.

Kritisch:

- Die Konzeption könnte als reine Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes begriffen werden und verliert somit an gestalterischer Kraft
- Auch die Offenheit des Konzepts reizt kaum zu einer offensiven Vertretung der beinhalteten Thesen

Viele Beiträge im Zusammenhang mit einer Zivilgesellschaft haben außerdem sehr auffällig das gleiche Publikum zur Zielgruppe, aus welchem sich seine Verfasser rekrutieren.

Sie können schnell als elitär verstanden werden, da sie immer ein Bild vom mündigen, selbstbewussten Bürger im Auge haben, welchen sie in der Realität schwerer finden werden, als sie es darstellen. Die Erziehungsfähigkeit der Gesellschaft zur Erzeugung aktiver Bürger ist an sich zweifelhaft und eigentlich auch wider das Konzept der Zivilgesellschaftstheoretiker.

Doch heisst es ja explizit bei Walzer und das klingt auch bei den meisten anderen behandelten Autoren an, diese Konzeption lebt von ihrer Entwicklung und Bewährung in der Praxis.

[...]


1 Abweichend von der Literaturempfehlung des Seminarleiters wurde hier die von J.P. Mayer für Reclam herausgegebene Ausgabe (Stuttgart, 1997) des Werkes ,,Über die Demokratie in Amerika" verwandt. Das bezeichnete Kapitel ist in der Reclam- Ausgabe verkürzt wiedergegeben, woraus eine veränderte Akzentuierung dieses Essays resultieren könnte.

2 Marx, S. 18

3 Marx, S. 19

4 Marx, S. 27

5 Marx, S. 30

6 Taylor, S. 103

7 Taylor, S. 104

8 Vergleiche Rawls, S. 159

9 vergleiche S. 169, mit Verweis auf die Lehren Immanuel Kants und John Stuart Mills.

10 Rödel/Frankenberg/Dubiel:Die demokratische Frage,Frankfurt 1989

11 vergleiche zum Beispiel die Ansätze von Taylor (,,Atomismus") und John Rawls (,,Der Vorrang des Rechten...")

30 von 31 Seiten

Details

Titel
Civil Society - Zivilgesellschaft: Eine Essaysammlung
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V99314
ISBN (Buch)
9783640114030
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist eine Sammlung von 10 Essays, sowie einem Anhang von einigen Thesen zur Zivilgesellschaft.
Schlagworte
Civil, Society, Zivilgesellschaft, Eine, Essaysammlung
Arbeit zitieren
Björn Lüttmann (Autor), 2000, Civil Society - Zivilgesellschaft: Eine Essaysammlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99314

Kommentare

  • Gast am 2.6.2002

    Schöne Übersicht.

    Hat geholfen, gut !

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Titel: Civil Society - Zivilgesellschaft: Eine Essaysammlung


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