Die Projektion. Der Begriff in den Subjekttheorien von Sigmund Freud und Melanie Klein


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Metapsychologische Einordnung des Begriffs

3. Subjektgenese und Projektion bei Sigmund Freud

4. Anmerkung zur Normativität

5. Philosophischer Exkurs: Subjekt und Projektion in der Kritischen Theorie T. W. Adornos
5.1 Selbstbewusstsein und Projektion
5.2 Richtige und falsche Projektion
5.3 Projektion in der „Krankheit der Gesunden“ am Beispiel des modernen Antisemitismus im Nationalsozialismus

6. Subjektgenese und Projektion bei Melanie Klein

7. Diskussion

8. Fazit

9. Literatur

1. Einleitung

Die Projektion ist ein mitunter zentraler Begriff in der Psychoanalyse für einen psychischen Mechanismus des Ausstoßens intrapsychischer Qualitäten in die äußere Realität. Er spielt vor allem für die Psychopathogenese der Paranoia, aber auch in der Beschreibung anderer Pathologien sowie der Subjektgenese eine wichtige Rolle.

Zwischen den Begriffen von Projektion und Introjektion - welcher wiederum in engem Zusammenhang mit der Identifizierung steht - besteht die Gefahr der Verwirrung. Zum einen wird der Begriff Projektion in anderen Wissenschaftsgebieten unterschiedlich verwendet. Beispielsweise bezeichnet die Neurobiologie das Leiten von Impulsen von subkortikalen Hirnarealen in den Kortikus als Projektion (vgl., Birbaumer, & Schmidt, 2010, S.547). In der akademischen Psychologie könne der Terminus als Gleichsetzung des Subjekts mit einer anderen Person verstanden werden. Zum anderen ließe sich dieses Problem auf einen lässigen Umgang mit der Terminologie innerhalb der Psychoanalyse zurückführen (Laplanche & Pontalis, 1973, S. 400, 407).

Nach Freud beschreibt die Projektion als primäre, d.h. ontogenetisch und auch phylogenetisch frühe Form der Abwehr. Was sich beim Säugling als erster oraler Akt der Ausdifferenzierung einer frühen Subjektivität durch orales Ausstoßen zeigt, besteht als Operation fort, „durch die das Subjekt Qualitäten, Gefühle, Wünsche, sogar Objekte, die es verkennt oder in sich ablehnt, aus sich ausschließt und in dem Anderen, Person oder Sache lokalisiert“ (Laplanche & Pontalis, 1973, S. 400). Projektionen besitzen außerdem immer einen spezifischen Realanteil: „Sie heften sich an einen Realanteil, der dem Wahn sozusagen entgegenkommt (Fenichel, 1945, S. 211).

Dieser Definition folgend soll in dieser Arbeit dem Begriff in seiner Funktionsweise

und in der Bedeutung für die Subjektgenese nachgespürt werden, sowohl im Werk Sigmund Freuds, wie auch bei seiner „illegitimen Erbin“ (Gast, 1996) Melanie Klein. Ein Exkurs in die Philosophie Theodor W. Adornos soll dabei verdeutlichen, wie der Begriff auch über die Psychopathologie hinaus relevant ist, welcher Stellenwert ihm erkenntnislogisch zukommt und in welchem Rahmen sich sowohl Freuds, als auch Kleins Denken bewegt.

2. Metapsychologische Einordnung des Begriffs

In der ersten Topik beschreibt Freud die Entstehung von Träumen anhand des Wunsches. Erregt der Wunsch auf seinem Weg zum Bewusstsein Unlust, unterliegt er der Zensur, wird ins Unbewusste zurückgedrängt und tritt, nachdem er durch das Einsammeln von Erinnerungspuren Darstellbarkeit erworben hat, von der Seite der Wahrnehmung her ins Bewusstsein. Diese Regression, das „Rückschreiten im psychischen Apparat von irgendwelchem komplexem Vorstellungsakt auf das Rohmaterial der Erinnerungsspuren, die ihm zugrunde liegen“ (Freud, 1900a, S. 547) reichen im Wachzustand nicht über Erinnerungsbilder hinaus. Erst im Traum kann eine halluzinatorische Wahrnehmung dieser erfolgen, die die Wahrnehmungsidentität herstellt, auf die der primäre Funktionsweise des psychischen Apparates abzielt. Diese metapsychologische Konzeption aus dem siebten Kapitel der Traumdeutung von 1900 beruht auch auf Freuds Erkenntnissen seiner klinischen Arbeit:

„Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen Geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie tatsächlich Regressionen entsprechen, d.h. in Bilder verwandelte Gedanken sind, und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Erinnerungen in intimen Zusammenhange stehen.“ (ebd., S. 549)

Bereits unter diesen theoretischen Voraussetzungen ließe sich der Vorgang der Projektion metapsychologisch fassen. Verdrängte Qualitäten dringen über die Wahrnehmung ins Bewusstsein; analog zum Traum wirkt so ein projektiver Vorgang, der sich symptomatologisch beispielsweise als Halluzination äußert. Allerdings macht Freud unmissverständlich klar, dass das projizierte Material Unlustvolles ist, das Material des Traumes hingegen ist eine (lustvolle) Wunscherfüllung. Laplanche löst diesen Widerspruch, indem er an dieser Stelle an die Funktion des Traumes erinnert, die Abwehr von inneren und äußeren Reizen, die den Schlaf stören könnten (Laplanche & Pontalis, 1973, S. 406). Im Falle des Traumes bleibt also der Inhalt unberührt ein lustvoller, wird jedoch Zwecks Abwehr vom Bewusstsein nicht in progressiver Richtung hin zum motorischen Apparat (und dann weiter zur Ausführung der direkten Triebbefriedigung), sondern ins Außen, d.h. in regressiver Richtung ans andere Ende des psychischen Apparates verlegt. „Eine innere Wahrnehmung wird unterdrückt, und zum Ersatz für sie kommt ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, als Wahrnehmung von außen zum Bewußtsein.“ (Freud, 1911c, S. 303). So liest sich der Begriff auch in Freuds Analyse des Falles Schreber, in welcher Freud seine Gedanken zu Pathogenese der Paranoia entwickelt. Konstitutiv für alle Hauptformen der Paranoia - Verfolgungswahn, Erotomanie (Liebeswahn), Eifersuchtswahn und Größenwahn - seien „homosexuelle Wunschphantasie[n]“, (ebd., S. 299). Freud erhärtet diese These, indem er anhand von Beispielen die Projektion als Mechanismus in allen vier Formen als wirksam aufzeigt. Der Mechanismus funktioniert hier als Teilprozess der Symptombildung; die unerträgliche homosexuelle Wunschvorstellung wird ins Unbewusste verdrängt, in ihr Gegenteil verkehrt und in einem zweiten Schritt projiziert (Laplanche & Pontalis, 1973, S. 405).

Diese Konzeption ist jedoch in Freuds Werk keineswegs einheitlich. Laplanche gliedert Freuds unterschiedliche Auffassungen folgendermaßen auf: Zum Einen könne der Affekt selbst projiziert werden. Das geschehe entweder ähnlich der Neurosenbildung als Verleugnung, wie die obige Darstellung der Schreberanalyse nahelegt, oder als „realer Ausstoßungsvorgang“1. Eine Verkehrung ins Gegenteil, wie Freud sie für die Paranoia festschreibt, scheint daher nicht notwendig zu geschehen. Zum Anderen beschreibe Freud die Projektion in Bezug auf die Phobie als Vorgang, in dem die Ursache der erlebten Affekte im Außen gesucht würden. Dies erscheine im Gegensatz zur Analyse im Fall Schreber „wie eine Rationalisierung der Projektion a posteriori“ (ebd., S. 404ff). Trotz dieser bestehenden konzeptuellen Probleme konstatiert Laplanche die Begriffsdefinition als eindeutig.

3. Subjektgenese und Projektion bei Sigmund Freud

Freud unterscheidet den Zeitpunkt der Geburt von den „Anfang des Seelenlebens (1915c, S. 227). In dieser frühen Zeit treten durch die Anforderungen der Realität (beispielsweise die Versagung der Mutterbrust) innere Reizwahrnehmungen auf, denen das sich bildende Ich nicht entfliehen, oder auf sie einwirken kann. Dazu komplementär treten äußere Reize auf, bei denen eine Spannungsabfuhr sehr wohl möglich ist; eine erste Grundlage für Differenz überhaupt. Bereits hier erscheint das Prinzip von Freuds Subjekttheorie, in der der Trieb den Kulturanforderungen gegenübersteht. In dieser Phase ist eine Grenzziehung von Außen- zu Innenwelt, Realität und Phantasie, Subjekt und Objekt noch nicht erfolgt. Die erste Abwehrreaktion auf Unlustvolles und somit auch das erste Erscheinen eines Psychischen ist nun die Halluzination, eine Überformung der eigenen Ohnmacht gegenüber der Realität - dem Objekt. Diese Abwehr des Realen ist wiederum Ausdruck der „archaische[n] Strukturachse des Psychischen“ (Gast, 1996, S. 170), die die Differenzierung von Innen und Außen anhand von Lust und Unlust vornimmt. Unter dieser Herrschaft des Lustprinzips wird nun, mithilfe des archaischen Projektionsmechanismus, Außen und Innen gebildet: „Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Außenwelt von sich ab“ (Freud, 1930a, S. 425). Der orale Akt des Ausstoßens geht mit dem psychischen Geschehen einher, alles Negative ins Außen zu projizieren, ein Vorgang, der in einem „purifizierte[n] Lust- Ich“ (Freud, 1915b, S. 228) mündet. Dazu symmetrisch wird alles positive in das Ich verlagert, eingeschlossen, ein Vorgang für den Ferenci den Begriff Introjektion eingeführt hat. Anders formuliert wird

„ [...] insofern alles Unlustvolle, ob nun von innen oder außen stammend, konsequent außerhalb der eigenen Struktur lokalisiert und als ihr fremd ausgestoßen wird (Projektion), wohingegen alle lustvollen Aspekte der inneren und insbesondere auch der äußeren Realität und ihrer Objekte eine regelrechte Einverleibung als genuine Anteile der eigenen Binnenstruktur erfahren (Introjektion).“ (Gast, 1996, S. 171)

In diesem Lust-ich werden nicht nur lustvolle Realitätsanteile geleugnet, sondern als Eigenes reklamiert. Diese phantasmatische Figur hat Freud später auch als primären Narzissmus bezeichnet. In diesem werden die einzelnen Partialtriebe gebündelt und so die Autoerotik eingeleitet, in der das Subjekt sich selbst als Objekt gegenübertritt und der Libido anbietet. Diese „libidinös strukturierte Selbstreferenz“ (ebd.) bildet die Grundlage für eine weitere Ausdifferenzierung und der folgenden Subjektbildung.

Die Bewegung Introjektion-Projektion ist damit für Freud konstitutiv für die Subjektgenese (Laplanche & Pontalis, 1973, S. 404). Mit der Erfahrung des Säuglings tritt das Realitätsprinzip in diesen Prozess ein, der Säugling lernt also, dass auch positive Empfindungen vom Objekt abhängig sind, und negative durch die Projektion nicht aufgehoben werden. Subjekt und Objekt werden so lernend, im Kampf gegen Unlustempfindungen konstituiert (ebd). Diesen Vorgang wird das Subjekt niemals vollständig abschließen. Ihm bleibt daher die primäre Abwehrform erhalten:

„Archaische Reaktionen, die in den frühen Entwicklungsphasen automatisch auftreten, werden später durch das Ich gezähmt und für seine eigenen Abwehrzwecke eingesetzt. Dieser primitive Abwehrmechanismus kann jedoch extensiv nur verwandt werden, wenn die Ich-Funktion der Realitätsprüfung durch eine narzißtische Regression schwer geschädigt ist und die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich erneut verwischt.“ (Fenichel, 1945, S. 210)

Hieran verdeutlicht sich, weshalb Freud die Projektion als ursprünglich normalen Vorgang bezeichnet. Nicht nur, dass dieser schlicht notwendig für die Subjektgenese ist, er ist darüber hinaus wirksam:

„Man wäre versucht, diesen merkwürdigen Vorgang als das Bedeutsamste der Paranoia und als absolut pathognomonisch für dieselbe hinzustellen, wenn man nicht rechtzeitig daran erinnert würde, daß 1. die Projektion nicht bei allen Formen von Paranoia die gleiche Rolle spielt, und 2. daß sie nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen Verhältnissen im Seelenleben vorkommt, ja, daß ihr ein regelmäßiger Anteil an unserer Einstellung zur Außenwelt zugewiesen ist. Wenn wir die Ursachen gewisser Sinnesempfindungen nicht wie die anderer in uns selbst suchen, sondern sie nach außen verlegen, so verdient auch dieser normale Vorgang den Namen einer Projektion.“ (Freud, 1911c, S. 303)

Freud bemerkt, dass man sich diesem psychologischen Phänomen an andere Stelle widmen müsse, nimmt die Spur allerdings in seinen späteren Werken nie mehr auf.

4. Anmerkung zur Normativität

Das eine Person projiziert, entscheidet folglich nicht über deren Gesundheitszustand. Da jedoch der Wahn durch Projektionen entsteht, ließe sich anhand der Quantität oder der Qualität des projizierten Materials normativ bestimmen, wann eine Person als krank gelten kann. Der niederländische Psychiater Gerbrandus Jelgersma, ein Zeitgenosse Freuds, hat beispielsweise für die Bestimmung der Qualität zwischen inneren und äußeren Geistesprozessen unterschieden. Bei gesunden Personen würden Wahrnehmungen grundsätzlich projiziert, d.h. als von außen kommend wahrgenommen, während die Gedanken, Erinnerungen, etc. stets als Innenleben der Psyche erscheinen. So ließen sich Psychosen daran bestimmen, dass Geistesprozesse die in der Norm als innere wahrgenommen würden, ins außen verlegt bzw. von außen kommend wahrgenommen würden (Jelgersma, 1926).

Die heutigen psychodynamischen Ansätze begreifen die Projektion hingegen als Abwehrmechanismus; Kriterien für psychische Krankheit sind vorwiegend Symptombezogen, subjektiver Leidensdruck und die Arbeits- und Beziehungsfähigkeit (siehe z.B. Wittchen & Hoyer, 2011).

[...]


1 An dieser Stelle verweist Laplanche auf den von Lacan spezifizierten Begriff der Verwerfung, in der das Material - bei Lacan die Signifikanten - gar nicht erst im Unbewussten des Patienten integriert sind, sondern direkt im Außen erscheinen (ebd. S. 608).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Projektion. Der Begriff in den Subjekttheorien von Sigmund Freud und Melanie Klein
Hochschule
International Psychoanalytic University
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V993213
ISBN (eBook)
9783346358479
ISBN (Buch)
9783346358486
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Projektion, Psychoanalyse, Freud, Klein, Adorno, Epistemologie, Antisemitismus, Subjekttheorie, Subjekt, Objekt, Abwehrmechanismen, Pathische Projektion, Kritische Theorie, Geschichte der Psychologie, Melanie Klein, Spaltung, Entwicklungspsychologie, Säuglingsforschung
Arbeit zitieren
Benjamin Dittrich (Autor:in), 2016, Die Projektion. Der Begriff in den Subjekttheorien von Sigmund Freud und Melanie Klein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993213

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