Japans imperiale Ambitionen. Die Zivilisierungsmission des Meiji-Reichs


Hausarbeit, 2018

28 Seiten, Note: 1,7

Marcus Kiefer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die westliche „Zivilisierungsmission“
2.1. Die Leiter der menschlichen Entwicklung
2.2. Die Lehre von menschlichen „Rassen“
2.3. Offen für neue Ideen: Japan lernt vom Westen

3. Von den Plänen zur Tat
3.1 „Selbstzivilisierung“: Die Meiji-Restauration
3.2 Beginn des Kolonialreichs
3.3 Der Sieg über den Westen; Alleinherrschaft über Korea

4. Die Kolonialherrschaftspraxis
4.1 Beispiel Taiwan
4.2. Beispiel Korea

5. Alte Träume, neue Werkzeuge

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einst war das Land der aufgehenden Sonne zerstritten. Nominell herrschte der Kaiser als Bindeglied zu den Göttern über das Inselreich, doch faktisch hatte er seine Macht schon lange an streitende Lokalherrscher abgegeben. Diese Zeit wurde auch als „Sengoku“-Periode bekannt, in Anlehnung an die Zeit der streitenden Reiche im großen Nachbarn und Vorbild China.1 Hier hatte sich letztlich eine Dynastie durchgesetzt und so sollte es auch in Japan sein. Oda Nobunaga stieg zum mächtigsten Feudalherren auf und vereinte fast den gesamten Archipel unter seiner Führung. Allerdings starb er 1582 ohne seinem Sohn den Anspruch auf das Shōgunat, den obersten militärischen Titel Nippons, sichern zu können.

Nobunagas langjähriger Vertrauter und Co-Stratege Toyotomi Hideyoshi übernahm die Führung und brachte zum ersten Mal imperiale Ambitionen auf den Plan. Das Ziel war eine Eroberung Taiwans, Koreas und möglichst großer Teile Chinas. Der genaue Grund für diese plötzliche Expansion nach außen ist Streitthema unter Historikern. Wahrscheinlich sollte die Eroberung gleich mehrere Vorteile für die noch junge Herrschaft Hideyoshis bringen. Zum einen wurden die Armeen der Daimyō gegen einen neuen gemeinsamen äußeren Feind geeint, zum anderen versprach man sich wirtschaftliche Vorteile, wie Tribute und neue Handelsverträge.2

Doch die Invasion Koreas endete im Desaster. Trotz früher Erfolge rieb sich die Japanische Armee an dem ständigen Widerstand der Koreaner auf. Mit Toyotomis Tod 1598 wurde die Streitmacht schließlich zurück beordert. Der neue Shōgun, ebenfalls ein Weggefährte Nobunagas, Tokugawa Ieyasu fuhr eine komplett gegensätzliche Strategie: absolute Abschottung. Während Japan sich nun von der Welt abwandte entdeckten auf der anderen Seite des Planeten die Europäer das Kolonisieren und Ausbeuten neuer Kontinente für sich. Portugiesen und Niederländer hatten es auch schon bis nach Japan geschafft, doch die eigentlichen Herren der Weltmeere sollten bald die Briten sein.

Von Nordamerika, über Afrika und Indien, bis zu den Atollen im weiten Pazifik stand zum Höhepunkt des Imperialismus rund ein Viertel der Weltbevölkerung unter dem Einfluss der britischen Krone. Die Briten, wie auch andere Kolonialmächte mussten dabei strikte Autorität ausüben um ihren Herrschaftsanspruch zu wahren. Japans selbstauferlegte Isolation wurde währenddessen zwangsweise aufgehoben. Die „schwarzen Schiffe“ des amerikanischen Commodore Matthew Calbraith Perry erzwangen die Öffnung des Inselreichs im Juli 1853.3 Doch ein wichtiger Punkt unterschied Japan von den meisten Gebieten die während des Hochimperialismus in die europäisch/westliche Einflusszone gerieten. Die Japaner waren vorbereitet. Schon seit Ankunft der Portugiesen und Niederländer hatten sie von diesen Wissen über Naturwissenschaft, Medizin und Technik erworben.4 Und als sich das Land schließlich gänzlich dem Westen öffnete Begann eine rasante Modernisierung, wie sie selten ein Land zustande gebracht hatte: Die Meiji-Restauration.

Schon bald hatte das neue moderne Japan selbst imperiale Ambitionen, wie einst unter Shōgun Toyotomi, und eroberte Korea sowie Teile Chinas. Als die Japaner die Russen 1905 im Russisch-Japanischen Krieg besiegten, das erste Mal, dass ein ostasiatisches Land eine europäische Großmacht militärisch Bezwingen konnte5, schien der Weg für einen japanisch dominierten Pazifik frei. Im Ersten Weltkrieg konnte Japan noch die Ostasiatischen Kolonien des Deutschen Reichs ergattern, was wiederum zum zweiten Konflikt mit China führen sollte. Dieser Krieg ging nahtlos in den Zweiten Weltkrieg über, in dem sich Japan weitere Territorien gewaltsam aneignete, teils ehemalige Kolonien westlicher Großmächte.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob das Vorgehen, welches wir bei der japanischen Armee und der Meiji-Regierung bei der Kolonisierung des Pazifikraums zwischen 1895 und 1912 beobachten konnten, vergleichbar und vielleicht sogar inspiriert von den kolonialen Praktiken der westlichen Mächte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts ist. Um sie zu beantworten wird zunächst ein grober Überblick über die Denkmuster, Ausmaße und Vorgehensweisen der westlichen Kolonialmächte gegeben. Danach wird die Geschichte des japanischen Kolonialreichs beschrieben und anschließend mittels konkreter Beispiele die Kolonialisierungsmethodik des Reichs in Augenschein genommen. Der Fokus wird hierbei auf der Gründung und der „klassischen Kolonisierung“ zur Regierungszeit Kaiser Mutsuhitos vom Ende des 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert liegen, da diese etwa in die selbe Zeit mit dem Hochimperialismus fällt.

Die Arbeit wird sich vornehmlich auf die Forschung des niederländisch-amerikanischen Historikers Marius B. Jansens stützen, der ein absoluter Experte für das moderne Japan war. Ähnliches gilt für die Arbeit des französisch-amerikanischen Japanologen Mark. R. Peattie, der die Kolonialherrschaft in Korea und Taiwan untersucht hat und den nierderländischen Orientalist und Historiker Ian Buruma. Zur Untersuchung der Phänomene Sozialdarwinismus und Zivilisierungsmission war Jürgen Osterhammels Forschung von unschätzbarem Wert. Mit einem Blick auf letztere soll nun auch begonnen werden.

2. Die westliche „Zivilisierungsmission“

2.1. Die Leiter der menschlichen Entwicklung

Die Zivilisierungsmission der Kolonialmächte ergibt sich im Wesentlichen aus zwei konträren Sichtweisen. Entweder die menschlichen „Rassen“ waren durch biologische Unterschiede prädestiniert auf verschiedenen Entwicklungsstufen zu stehen, oder es gab einen klaren Weg des menschlichen Fortschritts dem einfach nur alle zu folgen brauchten. Mit letzterer Sicht werden wir uns nun zuerst beschäftigen.

Die Einteilung der Menschheit in Zivilisation und Barbarei findet sich schon in der Antike. Das Wort „Barbar“ stammt aus dem griechischen und „Stammler“ oder „Stotterer“ und bezeichnet jene die die griechische Sprache nicht beherrschten. Die Griechen waren aber bei weitem nicht die einzige Kultur die sich abschätzig über den Stand der Zivilisation anderer Völker äußersten. Ähnliche Beispiele lassen sich von praktisch jeder Hochkultur finden, von Ägypten bis China. Die Idee sich über das Fremde zu erheben ist also so alt wie die Menschheit selbst. Doch mit dem zunehmen an effizienten Transportmöglichkeiten und dem damit einhergehenden „Schrumpfen“ der Welt, stieg auch die Anzahl von Begegnungen mit Fremden, deren Kultur und Geschichte anders war als die der Entdecker.

So zeigten sich zunächst Eingeborene oft zurückhaltend neugierig und gastfreundlich. Dies wurde von den europäischen Entdeckern als kindlich und unerfahren gewertet.6 Auch das Fehlen von bestimmten Technologien, Rohstoffen, Denkweisen und dem Christentum wurde als Rückständigkeit betrachtet. Dabei wurde gänzlich ignoriert, dass einige Lebensräume einen europäischen Lebensstil schlicht nicht zulassen, beziehungsweise, dass der Lebensstil der Einheimischen ihrem Lebensraum angepasst war.

In den Köpfen der Kolonisten setzte jedenfalls ein Überlegenheitsgefühl ein. Damit wurden teilweise grausame Verbrechen wie Sklaverei und Genozid gerechtfertigt, doch es gab auch den konstruktiveren Ansatz der „Zivilisierung“. Ob diese von den „zu zivilisierenden“ Gesellschafen gewünscht war spielte hierbei keine Rolle. Man ging davon aus, den Eingeborenen etwas Gutes zu tun, indem man sie auf die eigene Stufe „emporhob“.7 Diese Denkweise ging vor allem von Missionaren aus, die versuchten das Christentum in alle Winkel der Erde zu tragen. Doch auch bürgerliche Intellektuelle und schließlich sogar Regierungen, sahen sich in der Pflicht die Flamme der Zivilisation weiter zu geben. So heißt es in der Abschlusserklärung der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85: „Alle Mächte, welche in den gedachten Gebieten Souveränitätsrechte oder einen Einfluss ausüben, verpflichten sich, die Erhaltung der eingeboren Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen“8

Es gab also ein klares Bekenntnis die Situation Eingeborener in Kolonialreichen zu verbessern, oder zumindest umzusetzen was man für eine Verbesserung hielt. Auch fällt auf, dass diese Zivilisierungsmissionen ein Elitenphänomen sind.9 Genau wie in der Heimat lag der Oberschicht viel an einer gut ausgebildeten Bevölkerung, da diese den Wohlstand der Allgemeinheit mehrte. Auch erforderten größere Reiche, größeren Verwaltungsaufwand und es war oft einfacher lokale Beamte auszubilden, als alle aus dem Mutterland zu importieren. Die Zivilisierungsmission war also nicht nur eine rein humanitäre Angelegenheit, es spielten auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle.

Trotz dieser Eigennützigkeit hoffte man dennoch auf Dankbarkeit seitens der Eingeborenen. Da diese aber oft ausblieb, auch auf Grund kompletter Missachtung lokaler Gepflogenheiten, sah man die Zivilisierung schon bald als „Bürde des weißen Mannes.“10 Hiermit konnte auch die USA, die selbst auf dem Ideal der Freiheit von Tyrannei und der Selbstbestimmung gegründet wurden, ihrer Bevölkerung erläutern warum sie durch die Übernahme spanischer Überseeterritorien nun ebenfalls zur Kolonialmacht geworden waren. Es geschah nicht aus Herrschaftsansprüchen, sondern um den noch nicht zur Eigenständigkeit fähigen Völkern die Bürde der Selbstverwaltung abzunehmen. Somit war Kolonialpolitik unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe auch mit den Idealen der Aufklärung vereinbar.

Diese Vorstellung, dass die Menschheit Entwicklungsstufen zur Zivilisation durchschritt und manchmal Hilfe von außen benötigte, war aber gänzlich unvereinbar mit der zweiten großen Theorie des Imperialismus: der Rassenlehre.

2.2. Die Lehre von menschlichen „Rassen“

Als Charles Darwin 1831 seine Reise mit der HMS Beagle Richtung Südamerika begann, konnte er noch nicht wissen, dass er die Welt der Wissenschaft revolutionieren würde. Noch viel weniger konnte er wissen, dass seine Theorie von der Entstehung der Arten von einigen auch auf die menschliche Gesellschaft übertragen werden würde, um Unterdrückung, Sklaverei und schlimmeres zu rechtfertigen.

Ähnlich wie Darwin es bei den Finken auf Galapagos beobachtet hatte, passte sich auch der Mensch evolutionär an seine Umgebung an. Gewisse biologische Unterschiede sind also tatsächlich zu finden, doch liegen diese Divergenzen nicht weit genug zurück um beim Mensch von unterschiedlichen Rassen im biologischen Sinn zu sprechen. Wäre dies der Fall, wäre ein Zeugen fruchtbarer Nachkommen, zwischen Menschen von verschiedenen Kontinenten nicht möglich. Dieses populationsgenetische Artenkonzept war allerdings zur Zeit Darwins noch nicht entwickelt. Stattdessen griff man auf das morphologische Artenkonzept zurück, welches sich rein auf äußere Unterscheidungsmerkmale stützt.

Hautfarbe, Körpergröße und Gesichtsmerkmale waren also für die Wissenschaft des mittleren 19. Jahrhunderts die entscheidenden Faktoren bei der Bestimmung menschlicher „Rassen“. Der schottische Arzt Robert Knox war einer der ersten der 1850 mit seinem Buch „Races of Men“ vor einer Kreuzung menschlicher „Rassen“ warnte. Man muss hier auch festhalten, dass Knox‘ Werk noch vor Darwins Entstehung der Arten erschien.11

Das Rassendenken verbreitete sich fast zeitgleich auch in den Geisteswissenschaften. Arthur Gobineau, französischer Aristokrat und Orientalist, versuchte durch biologischen Determinismus den Aufstieg und Fall von Reichen der Weltgeschichte zu erklären. Sein wichtigstes Werk in dieser Kategorie ist das vierbändige „Essai sur l'inégalité des races humaines“ (dt. „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“), welches von 1853 – 1855 veröffentlicht wurde12 und somit ebenfalls Darwins Theorie vorausging. Tatsächlich beschuldigte Gobineau Darwin sogar des Plagiats.13 Sowohl Knox als auch Gobineau schrieben Schwarzafrikanern große physische Fähigkeiten zu, während ihr Intellekt angezweifelt wurde. Ostasiaten waren ihrer Ansicht nach flink, allerdings schmächtig und lediglich zur Reproduktion von Ideen fähig. Nur die Europäische (beziehungsweise Arische, nach Gobineau) Rasse, war in der Lage kreativ zu schaffen. Der französische Autor, dichtete ihr sogar die Gründung aller großen Zivilisationen an.14

All diese Werke gemeinsam bildeten den Grundstock für den Sozialdarwinismus. Hierbei wird Darwins „survival of the fittest“ (dt. „Überleben des am besten angepassten“) auf den Mensch angewandt und zum „Überleben des Stärksten“ verfälscht. Das Konzept konnte dabei ebenso auf die „Wilden“ in den Kolonien, wie auf die Unterschichten in den europäischen Bevölkerungszentren angewendet werden. Dass die Eliten an der Spitze standen, war also natürliche Ordnung.

In Bezug auf die Kolonien, rieten Sozialdarwinisten auch zu einem gänzlich anderen Vorgehen, als Anhänger der „Zivilisierung“. Ihrer Einschätzung nach, konnten die Eingeborenen gar nicht zivilisiert werden, da ihnen einfach die natürliche Voraussetzung zur Zivilisation fehlte. Vorfälle wie der Sepoyaufstand von 1857 schienen diese Theorie dabei nur zu bestätigen. Hatten die Briten nicht alles versucht, die Inder zu zivilisieren? Und trotzdem bissen die Kolonisierten die Hand, die sie fütterte. Dies konnte nur an der niederträchtigen Natur der Einheimischen liegen.

Solche Töne schwangen fortan immer mit, wenn Pläne zur Zivilisierung Einheimischer gemacht wurden. Hatte man sich in der Kongo Konferenz noch darauf geeinigt die Lebenslage der Einheimischen zu verbessern, hatte Afrika doch zugleich das Bild von einem chaotischen Kontinent, der jeweils jeder Hoffnung auf Zivilisation lag.15 Vielmehr musste die Aufgabe der weißen Kolonialherren die Eindämmung der „Wilden“ sein, so dass diese keine Gefahr für die zivilisierten Völker werden konnten. Dies war der fundamentale Gegensatz der Kolonialpolitik, der bis zum Ende des Imperialismus eine Streitfrage blieb. Und dies waren die vorherrschenden Meinungen an Bildungsstätten in ganz Europa, welche auch bald von japanischen Studenten besucht wurden.

2.3. Offen für neue Ideen: Japan lernt vom Westen

Bleibt man in der Sprache der Zeit könnte man die Ereignisse in Japan nach 1853 als eine Art „Selbstzivilisierung“ bezeichnen. Im Gegensatz zu vielen Staaten Asien, war Japan nicht unter direkte europäische Kontrolle geraten, verschloss sich aber auch, anders als China16 nicht den Errungenschaften des Westens. Vielleicht lag es daran, dass die Japaner schon seit jeher ein großes Vorbild in Sachen Kunst, Kultur und Wissenschaft hatten: das Reich der Mitte. Von diesem hatten sie bereits Schriftsprache, Religionen und Kulturpolitik übernommen. Das Aufnehmen guter Ideen hatte daher Tradition in Japan.

Schon die ersten Europäer in Japan, die Portugiesen und mehr noch die Niederländer, wurden als Quellen solcher neuen Ideen gesehen, wenngleich man sie auch nicht frei ins Land hinein ließ. Nichtdestotrotz beherrschte im frühen 18. Jahrhundert schon ein Teil der sozialen Elite Japans, die niederländische Sprache.17 Zu dieser Zeit erhaschte Nippon auch seinen Blick auf den westlichen Kolonialismus. Die Niederländische Ostindien-Kompanie hatte bereits zahlreiche Inseln im Ost- und Südchinesischen Meer unter ihre Kontrolle gebracht, allen voran Indonesien. Mit den Verlusten der Napoleonischen Kriege wurde die niederländische Herrschaft in Ostasien allerdings schwächer und einige Kolonien gerieten unter britische Herrschaft. Die Briten wiederum hatten erst kürzlich die Kontrolle über einige ihrer Nordamerikanischen Kolonien verloren.18 Es zeigte sich, dass die Kontrolle der westlichen Kolonialmächte zwar stark, aber nicht unerschütterlich war.

Als schließlich 1853 die Häfen Japans zwangsweise geöffnet wurden, gab es zwar noch über Jahre heftige Proteste gegen die Idee Fremde ins Land der aufgehenden Sonne zu lassen, umgekehrt hatte aber kaum jemand ein Problem damit Japaner ins Ausland zu schicken. Selbst Nationalisten, wie Daimyō Tokugawa Nariaki, Vater des letzten Shōguns, argumentierten, dass es wichtig war die Geheimnisse der Feinde zu lernen umso ihren Vormarsch aufzuhalten.19

Bereits 1857 wurde das Bansho Shirabesho, das Institut für das Studium „barbarischer“ Schriften, mit Unterstützung von Commodore Perry eröffnet. Ziel war es, sich in erster Linie militärische Technologie anzueignen. Aber auch Astronomie, Geographie, Naturwissenschaften und Ingenieurswesen standen auf dem Lehrplan. Gerade einmal drei Jahre später machte sich die erste diplomatische Gesandtschaft auf den Weg in die USA um ein Entwicklungshilfe Abkommen zu unterzeichnen.20 Innerhalb eines Jahrzehnts hatte Japan Botschafter in London, Paris und Berlin und Studenten an vielen der größten Universitäten Europas. Genau zu jener Zeit also, als die Theorien von Sozialdarwinismus und Zivilisierungsauftrag in höchsten Bildungskreisen diskutiert wurden. Einer dieser Studenten war Honda Toshiaki, der später auch der japanische Benjamin Franklin genannt wurde. Er studierte in Großbritannien und kam zu dem Schluss, dass eine Inselnation abhängig von Seehandel, Rohstofflieferungen und Kolonien war. Ohne eigenes Kolonialreich, konnte Japan nach Hondas Auffassung nicht zu wahrer Blüte geführt werden.21

Gerade England wurde von vielen Zeitgenossen als Beispiel gewählt. Genau wie die Japaner, waren die Briten ein insulares Volk. Doch obwohl ihre Insel kleiner war und weniger einladendes Wetter vorzuweisen hatte, was die Agrarproduktion limitierte, gründeten die Briten ein Weltreich. Demnach müsste Nippon beim selben Vorgehen noch bessere Resultate erzielen können.22 Um dies zu erreichen mussten die Japaner den Westen verstehen. Fukuzawa Yukichi war einer der ersten, der sich mit westlicher Philosophie auseinandersetzte und versuchte sie mit seinen eigenen Schriften für seine Landsleute greifbar zu machen. Er selbst entstammte der konfuzianischen Schule und nutze daher die Weisheiten seiner Lehre um die westlichen Gedanken von Liberalismus und Aufklärung zu ergründen. Dabei kam er immer mehr zum Schluss, dass die traditionelle chinesische Philosophie rückständig und für den technologischen und kulturellen Abstand zwischen Osten und Westen verantwortlich war.23 Auch erste Gedanken vom Überleben der japanischen „Rasse“ wurden in dieser Zeit geäußert, wie vom Journalist Tokutomi Sohō, der sich in seinem „Jimmu ikkagen“ wie folgt äußerte: „Japanese imperialism is not based on momentary whims; it is neither a pleasurable pastime, nor something that is to be undertaken in a spirit of lightheartedness. It is a policy born out of necessity if we are to exist as a nation and survive as a race.“24

[...]


1 Marius B. Jansen, The Making of Modern Japan, London 2000, S. 5.

2 Jansen, Modern Japan, S. 19.

3 Ian Buruma, Inventing Japan 1853 – 1964, New York 2004, S. 11.

4 Jürgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zu Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, Göttingen 2003, S. 196.

5 Buruma, Inventing Japan, S. 58.

6 Urs Bitterli, Die „Wilden“ und die „Zivilisierten“. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung, München 1976, S. 82.

7 Jürgen Osterhammel, „The Great Work of Uplifting Mankind“. Zivilisierungsmission und Moderne, in: Boris Barth und Jürgen Osterhammel (Hgg.), Zivilisierungsmission. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005, S. 365.

8 Übersetzung des Reichsgesetzblattes 1885 Nr. 1617, zitiert nach: Andreas Eckert, Die Verheißung der Bürokratie. Verwaltung als Zivilisierungsagentur im Kolonialen Westafrika, in: Boris Barth und Jürgen Osterhammel (Hgg.), Zivilisierungsmission. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005, S. 270.

9 Osterhammel, „Uplifting Mankind”, S. 370.

10 Osterhammel, „Uplifting Mankind”, S. 372.

11 Mike Hawkins, Social Darwinism in European and American thought, 1860 – 1945. Nature as model and nature as threat, Cambridge 1997, S. 184 – 185.

12 Joseph Arthur Gobineau, Moral and Intellectual Characteristics of the Three Great Varieties, in: Barbara Harlow und Mia Carter, Archives of Empire Volume II. The Scramble for Africa, Durham/London 2003, S. 143.

13 Hawkins, Social Dawinism, S. 185.

14 Gobineau, Three Great Varieties, S. 151.

15 Andreas Eckert, Die Verheißung der Bürokratie. Verwaltung als Zivilisierungsagentur im Kolonialen Westafrika, in: Boris Barth und Jürgen Osterhammel (Hgg.), Zivilisierungsmission. Imperiale Weltverbesserung seit dem 18. Jahrhundert, Konstanz 2005, S. 273.

16 In China hatte man zwar ebenfalls eine Modernisierung begonnen, vor allem in den Hafenstädten, aber nicht im selben Ausmaß wie in Japan.

17 Jansen, Modern Japan, S. 210.

18 Jansen, Modern Japan, S. 264.

19 Jansen, Modern Japan , S. 317.

20 Jansen, Modern Japan , S. 318.

21 Buruma, S. 24.

22 Marius B. Jansen, Japanese Imperialism: Late Meiji Perspectives, in: Ramon H. Myers und Mark R. Peattie, The Japanese Colonial Empire 1895 – 1945, New Jersey 1984, S. 63.

23 Buruma, S. 47 – 48.

24 Tokutomi Sohō, Jimmu ikkagen, Tokio 1913, S. 265, übers. von und zitiert nach Marius B. Jansen, Japanese Imperialism: Late Meiji Perspectives, in: Ramon H. Myers und Mark R. Peattie, The Japanese Colonial Empire 1895 – 1945, New Jersey 1984, S. 66.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Japans imperiale Ambitionen. Die Zivilisierungsmission des Meiji-Reichs
Hochschule
Universität Mannheim  (Historisches Institut)
Veranstaltung
"Zivilisierungsmission": Menschenbilder und Ordnungsvorstellungen im Britischen Empire
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
28
Katalognummer
V993320
ISBN (eBook)
9783346358431
ISBN (Buch)
9783346358448
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Imperialzeit Kolonie Taiwan Korea Japan Meiji
Arbeit zitieren
Marcus Kiefer (Autor), 2018, Japans imperiale Ambitionen. Die Zivilisierungsmission des Meiji-Reichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993320

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