Zeitgeist und Gegenwart. Theorien zum Zeitbegriff, zum gesellschaftlichen Wandel und westlichen Werten


Fachbuch, 2020

195 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Erster Teil
1 Zum Zeitgeist
1.1 Begriffsbestimmung und allgemeine Bemerkungen Der Zeitbegriff in der Physik und der Philosophie
1.2. Zeit in der Physik
1.3 Zeit in der Philosophie
1.4 Zeit und Existenz
1.5 Wie wir im Zeitgeist leben: Poststrukturalismus und seine Perspektive auf die Existenzphilosophie
1.6 Zeitgeist & Gesellschaft
2 Klima & Zeitgeist
2.1 Vorbemerkung
2.2 Klimabewegungen
2.3 Klima und Kapitalismus
2.4 Klima und Sport
2.5. Klima im gesellschaftlichen Bewusstsein
2.6 Psychologie der Klimakrise
2.7 Folgen des Klimawandels
2.8 Wie lässt sich Klimabewusst leben?
3 Borderliner: Der Mensch zwischen analogen und digitalen Realitäten
3.1 Künstliche Intelligenz
3.2 eSport
3.3 Soziale Medien
3.4 Influencer & Sinnfluencer
3.5 Gefahren im Cyberspace
3.6 E-Health
4 Schönheitsideale, Wahn und Werte im Westen der Gegenwart
4.1 Schönheitswahn und Körperkult
4.2 Körperwahrnehmungen – Perspektiven
4.3 Die Lebensrealitäten der Generation Z
4.4 Sozialer Druck, Rollenmodelle & die Angst vor Ausgrenzung
4.5 Pseudo-Individualisierung
5 Kommunikationsanker Smartphone
5.1 Die Bedeutung des Smart- Phone für soziale Interaktionen
5.2 Können sich Menschen noch analog begegnen?
6 Psychische Probleme der heranwachsenden Generationen: Ursachenforschung
7 Gesellschaftlicher Wandel
7.1 Wie entwickelt sich die Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung?
7.2 Kultur und gesellschaftlicher Fortschritt
7.3 Wie stellen sich Generationenkonflikte dar?
7.4 Sexualität und Gesellschaft
7.5 Queer-Theorien und Gender
8 Was will die Jugend?
9 Die Rolle des Gangsta-Rap für junge Erwachsene in Deutschland
10 Wie wirkt sich das Corona-Virus auf das öffentliche Bewusstsein aus?

Zweiter Teil
1 Politische Herausforderungen und ethische Verantwortlichkeiten in der Gegenwart
1.1 Die Aufgaben der Regierenden
1.2 Welche politischen Herausforderungen bringen die Zukunft?
1.3 Zur Rolle des Populismus
1.4 Politische Kultur
1.5 Politik und Rassismus
2 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Zeit existiert als ein manifestes Kontinuum, dass der Menschheit wie auch der gesamten Erde seit Anbeginn ihrer Geschichte ein stetiger Begleiter ist. Sie ist eine mehrere Milliarden alte Konstante, die Prozesshaftigkeiten und veränderte Lebenswelten mit sich brachte und weiterbringen wird. Dieser Kreislauf des Werdens und Vergehens wird so lange bestehen wie es Leben geben wird – ganz gleich in welcher Form. Die Menschen existieren dabei erst wenige Tausend Jahre auf dem Blauen Planeten. Diese Zeitspanne ist in Relation zum gesamten Bestehen der Erde, die etwa 4,6 Milliarden Jahren alt ist, prozentual kaum zu messen. In der kurzen Zeit in der die Menschheit besteht, hat sie die Verfasstheiten der Erde aber drastisch und zwar insgesamt zum massiven Nachteil ihrer eigenen Lebensqualität verändert. Auch Tiere, Bäume und Pflanzen litten und leiden nach wie vor unter der Menschgemachten Ausbeutung der Natur, die zwar Ertrag bringt und brachte, aber zugleich auch räuberisch und lebensfeindlich seien kann und konnte.

Der Lebensraum der Erde ist wegen der Art und Weise des menschlichen Verhaltens und Wirtschaftens für die meisten seiner Bewohner mittlerweile existentiell gefährdet. Das heißt, dass der grandiose technische Fortschritt und die innovative Kraft der Menschen zweischneidige Schwerter sind: Einerseits konnten sie die Menschen zivilisieren und die Lebenskonditionen für ihre Art verbessern (es sei nur an die Medizin gedacht), andererseits geschah und geschieht dies zu Lasten der Natur (wie zum Beispiel durch die Industrialisierung), die zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät. Doch der Mensch braucht zum Überleben das Ökosystem.

Der Zeitgeist bestimmt und beeinflusst das menschliche Handeln jedenfalls jeweils in Abhängigkeit von modischen und intellektuellen Strömungen während einer bestimmten Zeitperiode. Er ist Ausdruck vorherrschender Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Entwicklungen und fußt zudem auf angewendetem zeitgenössischem Know-how, welches Lebensstandards setzt und die Welt leichter erschließbar scheinen lässt. Die langfristigen sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Folgen und Probleme, die Veränderungen und Neuerungen in der Lebensrealität der Menschen mit sich bringen, werden von einem Zeitgeist jedoch nicht automatisch in Echtzeit und umfänglich abgebildet. Vielmehr funktioniert ein Zeitgeist als Orientierungspunkt, für politische, gesellschaftliche und technologische Richtungsentscheidungen. Er erfasst also Konsequenzen des menschlichen Wirkens nicht immer a priori, sondern eher aus der Gegenwart heraus. So entstehen immer wieder Schäden am Lebensraum der Menschen, die nicht vorausgesehen werden (können). Deswegen müssen Anstrengungen unternommen werden, um die Probleme offen zu legen, die sich jenseits eines Zeitgeistes bewegen und diesen überdauern. Hier sei zum Beispiel an den Klimawandel gedacht, der mit langfristigen Politikansätzen bekämpft werden muss, die nicht vom Zeitgeist abhängig gemacht werden dürfen. Diese Thematik wird in diesem Buch behandelt.

Ob die Welt sich dem selbstverschuldeten Untergang entgegenbewegt oder die Zukunft rosig ist, mag weder ein Hysteriker noch ein Berufsoptimist valide vorherzusagen. Die Spannungsverhältnisse, die einen Zeitgeist mitprägen, müssen Gesellschaften politisch ertragen, um dann zu lernen mit den so entstehenden Konsequenzen und Möglichkeiten umzugehen. Ein Beispiel für eine umstrittene gesellschaftspolitische Position ist die Frage, ob die Notwendigkeit besteht, reines Wachstums- und Profitstreben zugunsten einer bewussteren Umweltpolitik aufzugeben. Da die einen mehr Konsum fordern und die anderen mehr Klimabewusstsein, gibt es hier eine Kontroverse, die nicht eindeutig aufgelöst werden kann: Umweltbesorgte Bürger drängen auf einen Paradigmenwechsel, der den kurzfristigen Politikansatz der Macht- und Gewinnmaximierung in Frage stellt, um so nachhaltige Politik zu betreiben. Andere setzen auf ungehemmtes Wachstum, das dann - so ihre Hoffnung - auch viele aufkommenden Probleme aus dieser Dynamik heraus innovativ lösen könnte. Hier lässt sich fragen, was diese konträren Haltungen über die solidarische Qualität des vorherrschenden Stimmungsbildes in Politik und Gesellschaft aussagen? In dem vorgelegten Buch geht es um Fragen wie diese und nicht so sehr um den konkreten Umweltschutz. Daher wird der Versuch unternommen allgemeine atmosphärische Momentaufnahmen der Gegenwartskultur darzustellen, die sich gut an den unterschiedlichen Haltungen zur Klimaproblematik veranschaulichen lassen.

In den folgenden Ausarbeitungen wird deutlich werden, dass gesellschaftliche Bruchlinien der Gegenwart nicht zwangsweise zwischen Jung und Alt verlaufen, (wenngleich Generationenkonflikte im Allgemeinen wohl immer wieder auftreten werden), sondern beispielsweise auch zwischen Konsumenthusiasten und umweltbewussten Menschen, die sich um ihren ökologischen Fußabdruck sorgen. Derlei gegensätzlichen Einstellungen sind auch in den spezifischen und ewig neuen Alltagswelten begründet, die der technische Fortschritt, politische Entwicklungen und demographische Veränderungen mit sich bringen. Diese Welten sollen dargestellt werden. Es wird dabei der Versuch unternommen gesellschaftliche Trends zu erfassen.

Das Buch bietet dem Leser die Möglichkeit eine Vorstellung von den breiten, gegenwärtigen und allgemeinen westlichen Lebensrealität zu entwickeln. Zentrale Muster und Werte, die den Alltag mitbestimmen, sollen aufgedeckt werden. Nach der Lektüre soll der Leser ein besseres Verständnis aktueller Problem- und Sachlagen entwickelt haben, so dass er den Puls der Zeit ein Stück mehr wird fühlen können.

Erster Teil

1 Zum Zeitgeist

1.1 Begriffsbestimmung und allgemeine Bemerkungen

Der Zeitgeist ist ein Begriff, der sich weitmaschig und daher auch nur entsprechend grob formulieren lässt. Es gibt viele Varianten und Ansätze, um diese Wortschöpfung mit einem spezifischen Inhalt zu füllen.

Der Begriff Zeitgeist taucht das erst Mal bei dem deutschen Theologen, Dichter und Philosophen Johann Gottfried Herder auf (1744-1802) auf, der diesen 1769 in einer Veröffentlichung formulierte. Später war der Begriff Dichtern und Denkern wie Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) und Karl Jaspers (1883-1969) Inspirationsquelle. Auch Zeitgenossen wie Hans Magnus Enzensberger (*1929) setzen sich mit dem Zeitgeist und seiner Begriffsbestimmung auseinander.1

Der Zeitgeist kann als eine auf aktuelle Bedürfnisse abgestimmte Geisteshaltung einer kulturellen und interkulturellen Lebensgemeinschaft definiert werden. Er kann in einigen aufeinanderfolgende Generationen vorherrschen, um sich dann in einem schleichenden Prozess zu transformieren. Der Zeitgeist bildet kulturelle Ausprägungen sowie gegenwartsbezogene Wertvorstellungen – das heißt konkrete Wertsysteme – ab. Aus diesen Wertesysteme entstehen jeweils Weltanschauungen, die sich in Ritualen und Leitbildern gesellschaftlich manifestieren. Eine Kultur entsteht dann aus den jeweils vorherrschenden Lebensgefühlen, Denkweisen und dem gemeinschaftlichen Handeln. In der Postmoderne dreht sich die Welt in einem rasanten Tempo, so dass die Zyklen des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes in jüngerer Zeit kürzer und kürzer werden. Wertvorstellungen eines Zeitgeistes können als epochale Weltanschauungen verstanden werden. Sie beinhalten religiöse Überlieferungen, soziale Herausforderungen und externe Motive, die auf dem vorherrschenden Mainstream fußen.2

Die angestellte Definition stellt sich sehr abstrakt dar. Es bleibt die Frage, wie sich ein Zeitgeist in der Welt konkret abbildet: Ist er als ein Geist im genuinen Wortsinn zu verstehen? Ist er als Heiliger Geist in einem religiösen Kontext zu verstehen? Ist der Zeitgeist etwas, dass in einer Schicksalsgemeinschaft lediglich Hysterie explizit macht, so dass ihm historisch überdauernde Substanz fehlt? Sind es mehrere Geister, die unterschiedliche Absichten verfolgen? Sind Zeitgeister allgemeine Lebensgeister? Oder ist der Zeitgeist vielleicht doch etwas ganz Anderes, der sich zum Beispiel nicht nach bestimmten Mustern ausbreitet und verschiedene Formen annehmen kann?3

Zweifelsfrei kann der Zeitgeist Orientierung bieten und zwar vor allem temporär als Lotse oder Hilfe in ungewissen Lebenssituationen. Er kann Handlungsideen erzeugen und den Menschen das vermeintlich „Richtige“ tun lassen. Dabei sei an Bereiche wie die Lebensplanung, die Partner- und/oder Berufswahl, die Kindererziehung, Gesundheits-, Ernährungs- und Fitnesspläne gedacht. Es ist der Zeitgeist mit seinen Ge- und Verboten, der Hoffnung und Anerkennung bringen kann. Das wirft die Frage auf, ob sich der Zeitgeist etwa durch die Politik manipulieren lässt? Gemäß oben angeführter Definition ist relativ klar geworden, dass ein Zeitgeist kein individuelles Produkt ist, sondern vielmehr Ergebnis vorherrschender Zustände (vor allem des Mangels) in einer unbestimmten Gruppe. Seine Erzeugung ist damit nicht auf eine singuläre Willensleistung zurückzuführen. Vielmehr repräsentiert er die Summe der Begebenheiten, die sich konstant wandeln. Dennoch gilt, dass der Einzelne, der den Zeitgeist erkennt, erfolgreicher in einer Gesellschaft wirken kann als Jener, der sich diesem verschließt oder ihn schlicht nicht erfassen kann.4 Das liegt primär daran, dass Jemand, der den Zeitgeist erkennen kann, Handlungen (ob ökonomischer oder politischer Natur) auf gesellschaftliche Emotionalitäten und Bedürfnisse besser abstimmen kann als Einer, dem gesellschaftliche Verfasstheiten nicht wichtig sind.

Der bestehende Zeitgeist in den Industrienationen ist vor allem von der Digitalisierung und anderen gesellschaftsrelevanten Themen wie der Klimafrage geprägt. Außerdem betont er - besonders im Westen - die Bedeutung persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung. Das selbstbestimmte Leben wird in Filmen, Werbung und Büchern als das Nonplusultra angepriesen. Dadurch wird jedoch auch einer vom Narzissmus geprägten Gesellschaft Vorschub geleistet. Narzissmus ist in der Psychologie als Krankheitsbild anerkannt. Es ist eine Persönlichkeitsstörung. An dieser Stelle bilden sich Anknüpfungspunkte, um den Zeitgeist der Postmoderne kritisch zu hinterfragen. Gleichwohl bieten die Möglichkeiten individueller Entfaltung durchaus Optionen für kulturelle Weiterentwicklungen. Das heißt, dass der vorherrschende Zeitgeist nicht per se schlecht ist. Dennoch kann er Verunsicherungen und Ängste fördern. Um diesem Verlauf etwas entgegenzusetzen verspricht die Religion, die mehr oder weniger zeitlos ist, Halt und Struktur und Re-Spiritualisierung als Möglichkeit der Orientierung, der Stabilisierung und der Überbrückung von Entbehrungen in schnelllebigen und multipolaren Zeiten.5

Der Zeitgeist bringt jedenfalls auch immer wieder Begrifflichkeiten mit sich, die sich semantisch aufladen und ihn ausdrücken sollen. Dabei bestehen jedoch linguistische Probleme, die diesen Versuch erschweren erfolgreich zu sein: Eines davon ist zum Beispiel, dass die kollektive Verwendung eines Begriffes bei jedem Individuum unterschiedlich verstanden werden könnte, so dass zeitgenössische Begrifflichkeiten keine einheitliche Semantik hätten und vielmehr unzählige Einzelinterpretationen abbilden würden. Es ist zumindest zu bezweifeln, dass die verschiedenen Sprecher einer Sprachgruppe über eine vereinheitlichte Sprache verfügen, die alle Begrifflichkeiten deckungsgleich abbildet. Epochal beliebte Begriffe sind oft eher kurz andauernde Phänomene, die in einer entgrenzten Welt Identifikationen innerhalb einer Peergroup (aber auch in einem größeren Rahmen) temporär ermöglichen (zum Beispiel durch Jugend- oder Fachjargon). Sie stellen die Idee einer gesamtgesellschaftlich gleichverstandenen Sprache stark in Frage. Es scheint utopisch, dass eine annähernd gleiche oder gar identische Vorstellungswelt bezüglich der Bedeutung verwendeter Begrifflichkeiten besteht. Eine Trendsprache kann den Zeitgeist im Main-Stream entsprechend nur sehr bedingt repräsentieren.

Der Zeitbegriff in der Physik und der Philosophie

1.2. Zeit in der Physik

Was ist Zeit? Das ist eine Frage, die als naturwissenschaftliches Phänomen im Kern tatsächlich nicht zweifelsfrei zu beantworten ist: Ist sie Bewegung im Raum? Ist sie endlich? Ist sie messbar? Hat sie verschiedene Dimensionen? – um nur einige Fragen aufzuwerfen, die sich mit dem Zeitbegriff auseinandersetzen. Auch in der Physik konnte der Zeitbegriff bis heute nicht eindeutig definiert werden, so dass er keine letztgültige Definition hat. Das Problem der Zeit beschäftigt nach wie vor unzählige Wissenschaftler, die sich mit religiösen Definitionen von Zeit - wonach sie von Gott geschaffen wurde und Keimkräfte in sich trägt - nicht zufriedengeben.6

Die Menschen erscheinen als Zeitreisende, die sich im Spannungsfeld von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewegen. Doch bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, dass sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft nur als abstrakte Reflexionen funktionieren. Konkret erleben lassen sich beide Zeitideen unmittelbar nicht. Ein „echtes“ Zeiterleben ist nur in einer Gegenwart möglich, die schon dann wieder Geschichte ist, wenn über ihre Gestalt reflektiert wird. Im „Jetzt“ liegt die Möglichkeit der Selbstverwirklichung, die das davor und das Kommende zu einem Gesamtkonzept modellieren. Scheinbar! Bereits der deutsch-schweizerisch-amerikanische Physiker Alber Einstein (1879-1955) befand, dass die Zeit eher als hartnäckige Illusion zu verstehen ist. Der US-Amerikaner und Kosmologe Edward Robert Harrison (1919-2007) konstatierte, dass es nicht klar zu ermitteln ist in welcher Geschwindigkeit sich Zeit im Raum bewegt und wie ein Gefühl von Vergehen mit erlebter Beständigkeit phänomenologisch zu erklären ist. Aristoteles erkannte bereits in der Antike, dass Zeit und Geschwindigkeit nicht automatisch als gekoppelte Entitäten zu verstehen sind. Der Begründer der Logik verstand Veränderungen als Erscheinungen, die sich unterschiedlich schnell oder langsam vollziehen können. Woraus er folgerte, dass Zeit keine Bewegung ist. Die Zeit erscheint so in ihrer naturwissenschaftlichen Wesenshaftigkeit bis heute kaum verstanden – auch wenn der alltägliche Zeitbegriff Gegenteiliges suggeriert.7

Um sich der Idee von Zeit naturwissenschaftlich anzunähern, ist daher die Abkehr von der menschlichen Erlebnissphäre nötig. Dabei lässt sich jedoch das Problem, dass es immer Menschen sind, die über die Zeit wissenschaftlich nachdenken und damit die Zeit ebenfalls nur als Menschen erleben, allerdings nicht beheben. Dieses Paradox durchzieht auch in anderen Bereichen die Naturwissenschaft, so dass jedes Naturgesetz, das den Anspruch der absoluten Gültigkeit hat, relative Komponenten besitzt.8

Der englische Physiker Sir Isaac Newton (1642-1727) beschäftigte sich ausgiebig mit dem Zeitbegriff. Er schöpfte 1687 eine vermeintlich zutreffende - weil sehr plausible - Theorie von Zeit. Danach ist die absolute, wahre und mathematische Zeit eine fließende und vom Naturell her gleichförmige Konstante, die sich nicht auf äußere Gegenstände bezieht oder Beziehungen zu beliebigen Gegenständen herstellt. Dieser Ansatz lieferte Impulse für Denkansätze zur kosmologischen Ideenlehre. So zum Beispiel die Idee, dass jedes Ereignis in der Vergangenheit die Zukunft beeinflussen kann und das Universum Raumpunkte hat. Doch Albert Einstein traf die Anhänger der Theorie von Newton im Mark: Seine Relativitätstheorie impliziert die Behauptung, dass eben kein Ereignis ein anderes kausal beeinflussen kann – jedenfalls solange nicht, wie es sich nicht schneller als das Licht bewegen kann. Diese Theorie ließ die Newtonsche Idee der Absolutheit von Zeit erschüttern. Universelle Gleichzeitigkeit scheint es nach Einstein nicht zu geben. Die Behauptung des Zusammenhanges von Raum und Zeit schließt das Verständnis von einer linear fließenden Zeit aus. Dieser Zeitbegriff, den Einstein und auch der deutsche Mathematiker Hermann Minkowski (1864-1909) geprägt haben, hat in der Wissenschaft bis heute weitestgehend Bestand.

Mittlerweile ist das Einstein-Minkowski-Weltbild auch in der Kosmologie angelangt. Es gilt auch für andere Bereiche wie die Elementarteilchenforschung. Das Vergangenheits-Zukunftsproblem bezüglich einer Definition der Zeit haben aber auch Einstein und Minkowski nicht auflösen können. Eine Frage ist hier, ob Ereignisse nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts ablaufen können. Sowohl thermodynamische als auch kosmologische Gesetze deuten darauf hin, dass der Zeitpfeil in seiner Entwicklung eher nach vorne zeigt. Deren Gesetze darzustellen würde an dieser Stelle aber zu weit führen. Es sei lediglich ein kleines Beispiel aus der Thermodynamik gegeben: Der Bruch eines Gefäßes, wenn es aus einer bestimmten Höhe auf den Bode fällt, ist offensichtlich unweigerlich. Umzukehren ist dieses Ereignis nicht, so dass demnach Zeit nicht rückwärts verlaufen kann. Ein Beweis für die Eindeutigkeit eines Zeitpfeils ist das letztgültig zwar nicht. Es ist zumindest aber ein starkes Indiz (!), dass der Zeitpfeil vorwärts und in eine Richtung verläuft. Letztgültig bestimmt ist das Wesen der Zeit aber nach wie vor nicht und so physikalisch aktuell nicht definierbar.9

1.3 Zeit in der Philosophie

Die Philosophie kennt ein subjektives Zeiterleben, welches von persönlicher Konstitution, aktuell bestehender Disposition, kulturellen Spezifika und inhaltlicher und situativer Bedeutsamkeit des persönlich Erlebten geprägt ist. Mit persönlicher Konstitution sind Lebenseinstellungen und das individuelle Verhalten, sowie die jeweilige Veranlagung eines Menschen, die allesamt auf das Zeiterleben wirken, gemeint. Mit aktueller Disposition wird die jeweilige Gemütsverfassung wie Freude oder Trauer bezeichnet, aber auch das Lebensalter wird als verantwortlich für Dispositionen angesehen. Zeiterlebnisse können durch Extremsituationen wie Krankheit, Tod, Manie, Depression, Angst oder aber auch Rauschzustände gesteigert wahrgenommen werden.10

Generell gilt, dass die innere Zeituhr anders „tickt“, als die quantifizierbare Zeit, die Grundlage menschlicher Alltagswelten ist. Letztere gibt etwa Arbeits- oder Ruhezeit vor. Dieses Zeiterleben ist vom Individuum losgelöst. Das biologische Zeiterleben, dass auch natürliche Vorgänge wie zum Beispiel das Schlafen, Atmen und den Tag- und Nachtrhythmus bezeichnet, ist hingegen im subjektiven Zeiterleben eine feste Größe, welche individuell und relativ erscheint. Das „Ich“ kann das Zeitempfinden aufheben, Reflexionskraft mindern und Selbstvergessenheit ausprägen. Das führt den Menschen in die Geschäftigkeit, Umtriebigkeit und alltägliche Lebensbewältigung.11

Die gefühlte Zeit wird anders als die rein quantifizierbare Zeit wahrgenommen. Sie kann auch als bewusst geplante und gestaltete Handlungszeit verstanden werden. Sie basiert auf analogen und unbewussten Naturvorgängen und ist deutlich strukturierter als andere Typen der Zeitwahrnehmung, die diffus seien können. Handlungszeit erscheint nicht so vulgär und unbestimmt wie ein Zeiterleben, welches darauf basiert, einfach nur teilnahmslos und unreflektiert dahinzuplätschern.12

Insgesamt steht im Zeiterleben die qualitative Zeit der quantitativen gegenüber. Erstere wirkt endlich und kann in einem intentionalen Akt genutzt werden, letzteres hingegen erscheint unendlich und verstreicht mehr oder weniger passiv. Dabei muss ein intentionaler Akt nicht immer auf die Zukunft gerichtet sein. Das heißt, er muss nicht linear dem Zeitkonzept von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft folgen, welches auf einer Zeitachse festgelegt zu sein scheint (!). Formen und Inhalte bleiben gleichwohl immer aneinandergekoppelt bestehen. Im vulgären Zeitverständnis wie der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) den quantitativen Typus der Zeit bezeichnet hat, erscheint Zeit hingegen als abstraktes und leeres Schema, welches aber beliebig in einem Zeitraum gefüllt werden kann und damit mathematisch linearen Charakter hat. Die Handlungszeit egalisiert demnach potentiell passive Zeitgestalten und reiht sie gleichförmig aneinander. Das Maß der Homogenisierung ist dabei nicht speziell gerichtet.13

Der Nachweis darüber, wie Zeit letztendlich „wirklich“ konkret verläuft, bleibt in der Physik und auch der Philosophie ein ungelöstes Problem. Der Mensch ist so stark geschichtlich, kulturell und wissenschaftlich mit einer linearen Zeitvorstellung verwurzelt, dass es äußert schwerfällt, diese in Frage zu stellen. Sie ist aber nicht bewiesen, wie das Beispiel der Reversibilität der Quantenmechanik zeigt, wo sich Gesetze umkehren lassen. Hier stellt sich die Frage, wie sich auf der linearen Zeitachse solche Erscheinungen darstellen lassen. Biologische Alterungsprozesse deuten wiederum auf lineare Zeitverläufe hin. Wissenschaftlich ist der Verlauf der Zeitachse und des Zeitpfeils aber nicht geklärt. Sowohl die Einsteinische Relativitätstheorie als auch die Philosophie hat das nicht ändern können.14

1.4 Zeit und Existenz

Das Zeitempfinden der Menschen verläuft nicht ewig gleichbleibend: Es gibt zum Beispiel Langeweile, Kurzweiligkeit, Stress oder Muße, die allesamt Zeitwahrnehmungen kategorisieren. Zeit kann auch noch gröber erfasst werden und zwar beispielsweise, wenn sie in Bezug zur Lebensdauer gesetzt wird. Im Laufe des Lebens können die Einen über Zeitmangel klagen und die Anderen über zu viel Zeit, die sie nicht zu nutzen wissen. Alle diese Zustände können auch in Wechselwirkung zueinander das Zeitempfinden beeinflussen. So kann es zum Beispiel kurz- oder langweiligen Stress geben. Ersterer lässt sich vielleicht auf einer Achterbahn erleben und Letzterer möglicherweise bei der Akkordarbeit.15

Die Zeit als solche existiert für jeden und ist vielleicht das bedeutendste Gut, dass einem Individuum zur Verfügung steht. Schon Stoiker und Epikureer in der antiken Philosophie sinnierten über den richtigen Umgang mit der Zeit. Als erstrebenswert galt bereits in diesen beiden Denkschulen, Muße zu haben. Damit ist der souveräne Umgang mit der eigenen Lebenszeit gemeint.16

Der vermutlich erste Philosoph, der systematische Gedanken über das Verhältnis von Zeit und individueller Existenz niederschrieb, war der Stoiker und Eklektiker Lucius Annaeus Seneca (1-65 n.Chr.), der während der römischen Kaiserzeit lebte. Er erzog Nero und führte die Staatsgeschäfte des späteren Imperators, so lange wie der Tyrann (als der er sich später entpuppte) dazu aus Altersgründen noch nicht fähig war. Im Nachblick ist festzuhalten, dass Machtfülle und Wohlstand, welche Seneca zugekommen sind, keinem anderen Philosophen in dieser Fülle je wieder zu Teil wurden. Seneca thematisierte in seinen Überlegungen immer wieder die Kürze des Lebens unter zeitphilosophischen Gesichtspunkten.17

Seneca vertrat die Ansicht, dass derjenige, der über die hohe Geschwindigkeit des Zeitvoranschreitens klage, dies nur tue, weil er nicht „richtig“ lebe. In derartigen Klagen würde offensichtlich, dass die Kläger sich okkupieren ließen, um sich mit unwichtigen geschäftigen Dingen aufzuhalten. Derjenige, der seine Zeit zu nutzen wisse, würde das Leben als lang und ausgefüllt erfahren können und zwar unabhängig davon, ob er von Krankheit heimgesucht wird oder ihm ein Unfall früh das Leben nimmt. Der Grund dafür ist nach Seneca, dass dieser Mensch sich über die zeitliche Begrenztheit im Leben klar geworden ist und Zeit nicht als ewig und unendlich vorhandenes Gut verstanden hat. Reine Geschäftigkeit erachtete er für sinnlos. Derjenige, der sich der Sterblichkeit bewusst ist, ist nach Seneca also in der Lage, das Leben angemessen zu würdigen. Nach ihm gehe es nicht um das Fliehen, sondern um die Akzeptanz der befristeten Endlichkeit – eine Position, die schon der griechische Philosoph Sokrates (469 v.Chr. – 399 v.Chr.) vertrat.18

Nur das, was konkret in der Gegenwart getan wird, ist nach Seneca einzig und allein die unmittelbare Handlung. Was wir noch tun werden, hält er für ungewiss (lat. dubium), während das, was wir getan haben sicher sei (lat. certum). Lediglich die Vergangenheit unterliege nicht mehr der Willkür Anderer. Damit käme der Vergangenheit die höchste Wertigkeit zu. Gestresste Menschen sind nach Seneca nicht in der Lage, das zu verstehen. Die Konsequenz daraus sei, dass sie ihre Vergangenheit verlieren würden. Das bedeute ein Leben am Abgrund und zudem das ständige Verweilen in der flüchtigen Gegenwart. Es sei jedoch die Muße, die es im Leben zu entwickeln gelte und die Vergangenheit schaffe, so Seneca.19

Der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354- 430) reflektierte im 4. Jahrhundert über die Zeit als Gegenstand an sich. Er befand die Menschen für unverrückbar zeitlich, was sie deshalb von der ewigen Gottheit essentiell unterscheiden würden. Im Mittelpunkt der menschlichen Hoffnungen und Erwartungen stehe die Gegenwart des Zukünftigen. An dieser Position wird die christliche Haltung von Augustinus im Umgang mit der Zeit deutlich. Für ihn ist - anders als bei Seneca - Vergangenheit lediglich Erinnerung (l at. memoria), die den Hintergrund des Zukünftigen bildet, welches sich in der Gegenwart materialisiert. Der Mensch könne sich, wie Augustinus glaubt, zwar im Zeiterleben zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewegen, doch es sei die Hinwendung zur Zukunft, die Erlösung verspreche. Augustinus Denken sieht damit die Möglichkeit für die Menschen sich in einer Dimension des „Selbst-sein-Könnens“ zu bewegen.20

Weit über ein Jahrtausend später hat der dänische Philosoph Søren Aaybe Kierkegaard (1813-1855) 1844 in seiner Schrift „Der Begriff Angst“ an Augustinus` Überlegungen angeknüpft. Er sah in der Not, die sich für Menschen aus der existentiellen Angst vor der Endlichkeit ergeben können, eine Tugend: Kierkegaard glaubte, dass im Menschen eine Vollkommenheit bestehe, die sich darin ausdrücke, dass der Mensch eine Synthese zwischen Endlichem und Unendlichem bilden könne. Mit dieser Synthese sah Kierkegaard das Selbst und den Geist der Menschen ausgedrückt - trotz vergänglicher Körperlichkeit. Eine überzeitliche Seele lasse den Menschen den Augenblick spürbar werden, sagte Kierkegaard. Zeit selbst sei nicht mehr als die Abfolge von Ereignissen, die sich jedoch durch existentielle Unmittelbarkeit und die Akzeptanz von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eine neue Ebene heben lassen können würde. Dazu müsse verstanden werden, dass es möglich sei, sich aus dem Fluss reiner Zeitlichkeit heraus zu begeben. Die Unterscheidung von eigentlicher und uneigentlicher Zeit ist auch schon bei Seneca vorgenommen worden.21

Martin Heidegger hat in seinem Werk „Sein und Zeit“ aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts einige Gedanken von Kierkegaard aufgegriffen: Er betonte die Notwendigkeit, dass alles Denken und Handeln auf die Zukunft bezogen seien müsse. Derjenige, der sein eigenes Tun in der Gegenwart verstehen wolle, würde dies ohnehin immer in Bezug auf eigene Projekte tun. Erst dadurch würden Handlungen Sinn und Zweck bekommen. Ziel des Lebens sei es, das Leben selbst als Ganzes anzunehmen und zu leben. Es vollende sich im antizipierten Tun, welches sich zu unserem eigenen Tod verhalte. Dazu müsse die Angst überwunden werden und Handlungsoptionen erkannt und wahrgenommen werden. Das Ergebnis sei, nach Heidegger, dass der Lebensmodus vom uneigentlichen zum eigentlichen wechselt. Vergangenheit erscheint so als Gewesensheit, die sich im beiläufigen Erinnern und zwar im Sinne des Behaltens oder Vergessens darstellt. Im Existenzmodus der Eigentlichkeit, das heißt, wenn der Mensch entscheidet, sein eigenes Leben zu leben, wird das zu einem Vorlaufen in den Tod, der nicht erlebbar ist und dennoch eintreten wird. Kierkegaard betonte, dass es die Entscheidung darüber, ob ein Leben eigentlich oder uneigentlich geführt wird, in der Gegenwart liegt. Aus dem Gewesenen wird dann die Möglichkeit der Wiederholung gegeben und damit auch ein Weg geebnet, um sich geschichtliche Überlieferungen anzueignen. Dann würde sich Zeitlichkeit in Geschichtlichkeit transformieren.22

Zentral ist bei Seneca, Augustinus, Kierkegaard und Heidegger, dass das Thema Zeit und Existenz auf eine ethische Ebene geführt wird. Es geht dabei um die Frage, wie mit Zeit umzugehen ist und was wir tun können, beziehungsweise sollen. Alle vier Denker betonen, dass über die konkrete Lebensausgestaltung keine fremde Macht (hier also die Zeit) bestimmen muss. Das heißt auch, dass der Mensch optimalerweise seine eigene Lebenszeit nach eigenem Dünken gestalten kann. Es liegt am Individuum herauszufinden und zu entscheiden, welche Dinge er braucht und welche Dinge wichtig sind.23

1.5 Wie wir im Zeitgeist leben: Poststrukturalismus und seine Perspektive auf die Existenzphilosophie

Menschen streben nach Gruppenzugehörigkeit und Zusammenhalt. Das macht sie für Postulate eines Zeitgeistes empfänglich. Der Zeitgeist vereinfacht und bildet Erkennungszeichen und Regeln im alltäglichen gruppenspezifischen Zusammenleben, so dass Identifikation, aber auch Abgrenzung möglich wird. Die Poststrukturalisten wie der französische Philosoph Paul-Michel Foucault (1926-1984) bemühen die These, dass es zeitgenössische Diskurse sind, durch die Gesellschaften geprägt werden. Die daraus kommunizierenden Botschaften würden individuell verarbeitet, aufgenommen und in Handlungen reproduziert werden. Unter anderem seien diese Prozesse für die Wesensbildung der Individuen von außerordentlicher Bedeutung. Derjenige, der sich einem Diskurs unterzieht, würde durch diesen geprägt. Dies gäbe dem Diskurs eine hohe Machtkonzentration, die Handlungsoptionen schaffe und moralische Positionen greif- und legitimierbar werden lasse. Hier erscheint der Zeitgeist also als eine Macht, die das gesellschaftliche Selbstverständnis mitprägt. Er legt Denkhorizonte fest und ist sowohl für das Einzelverhalten in einer Gruppe Taktgeber, als auch für die Art und Weise der Lebensbewältigung einer Gruppe. Das macht ihn zur Melodie oder dem Hintergrundrauschen im Leben der Einzelnen.24

All das sind wichtige Einsichten, um menschliches Verhalten zu erklären. Dennoch bedarf es einer Relativierung dieser Überlegungen. Der Mensch hat trotz aller Diskurse die Möglichkeit der Selbstbestimmung und verfügt über einen eigenen Willen, der ihm die Macht gibt seinen eigenen Lebensweg zu gehen. Allerdings besteht nur in den allerseltensten Fällen die Möglichkeit diesen Weg auch tatsächlich und in aller Konsequenz als Einzelner, außerhalb einer Gruppe, zu gehen. Das heißt „isoliert“ von den Impulsen einer sozialen Umgebung und ohne Gruppenmotivationen. Diese Einschränkung müssen sich Existenzphilosophen gefallen lassen, wenngleich auch der individuelle Eigenantrieb eine wichtige Rolle im Handlungsverhalten der Menschen spielt und der Umgang mit Zeit eine Frage ist, die sich der Einzelne immer wieder beantworten muss.25

Der Mensch verhält sich also nicht im luftleeren Raum und agiert nicht permanent aus sich selbst heraus. Er beachtet auch Regeln, Normen und Konventionen und ist in einem gesellschaftlichen Kontext verhaftet oder - je nach Lesart - in diesen eingebettet. Dieses Eingebettet-sein bedeutet für den Einzelnen, dass er ein Stück weit Verantwortung aus der Hand abgibt – teilweise sicherlich erleichtert, wenn es sich um einen bewussten Prozess handelt. Daraus resultiert jedoch eine Wahrnehmungsschwäche für die eigenen Möglichkeiten, die Existenzphilosophien so gerne wahrgenommen haben wollen. Stattdessen steigt der Einzelne vielleicht eher in ein Hamsterrad, welches Durchschnittlichkeit bedeutet – auch weil Traditionen und Gewissheiten akzeptiert werden, ohne diese allzu deutlich reflektiert zu haben. Daraus entsteht ein hohes Maß an Konformität, das jedoch das Wohlergehen fördern kann und dann sinnstiftend wirkt.26

Der Zeitgeist ist eine tragende Instanz im Sozialverhalten, bringt den Menschen aber gleichzeitig in die Position, eigene Leitbilder und Ideale entwickeln zu müssen, um dauerhaft Teil einer Gesellschaft zu bleiben und Ordnungsvorstellungen in (s)einer Welt zu schaffen. Dies ist der Eigenanteil, den auch Anpassungswillige oder angepasste Menschen leisten müssen, um so Mitglied einer Gemeinschaft zu werden beziehungsweise zu bleiben. Für den deutschen Philosophen Hans Blumenberg (1920-1996) erscheint die Welt aber oftmals rücksichtlos und willkürlich, so dass es für Individuen oft darum geht, Realitäten schlicht zu ertragen, um nicht ausgeschlossen zu sein. Das bringt zumindest die Chance mit sich, Kulturen zu etablieren, welche die Leiden der Individuen in der Wirklichkeit zumindest übertünchen. In diesem Zusammenhang ist in vielen Kulturen die Mystik hierzu ein zentrales Werkzeug. Dabei geht es nicht um Inhalt, sondern um sinnstiftende Emotionen und Überwindung der verängstigenden Momente des Unbekannten. Das Mängelwesen Mensch realisiert diese Möglichkeiten vor allem dadurch, dass es sich wechselseitig kreative Geschichten erzählt, die den Geist entlasten und Sicherheit und Geborgenheit suggerieren.27

Die Gesamtheit der Erzählungen stellen die verbalisierte Essenz des Zeitgeistes dar. Sie können beschreiben und verändern Narrative qua kommunizierter Geschichte fortwährend. Daraus ergibt sich, dass der Diskurs für die Weiterentwicklung eines Zeitgeistes überragende Relevanz besitzt. Er prägt den Wandel der Individuen maßgeblich mit. Der Mensch sucht in diesem Zusammenhang Sinn, Struktur und Orientierung. Der Zeitgeist ist das Versprechen, diese Wünsche unkompliziert einzulösen und zwar unabhängig vom soziologischen Intellekt, der nötig ist, um sich Sinn, Struktur und Orientierung selbst zu geben. Zeitgeist kann leicht konsumiert werden und wirkt in alle Lebensbereiche der Menschen. Das Lenkungsmoment gibt ihm eine kaum ermessbare Macht, die jedoch erst durch geistige Anstrengung qualitativ hochwertig wird.28

Derjenige, dem es gelingt den Zeitgeist auf einer Meta-Ebene zu erkennen, kann individuell Macht erlangen. Dabei ist es unerheblich, ob diese Person den Zeitgeist ablehnt oder nicht. Die Macht der Selbstbestimmung hat bereits der französische Existenzialphilosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980) betont, der sagte, dass der Menschen zum eigenen Sinngeber werden könne. Was jedoch die Verpflichtung impliziert, nicht den einfachsten Lebensweg zu wählen. Darin liegt die existenzphilosophische Botschaft der Befreiung, die sich im Kern im Geiste der Aufklärung bewegt. Es geht in der Existenzphilosophie darum, sich mit Mühe und Anstrengung individuelle Perspektiven anzueignen. Der Zeitgeist sorgt in diesem Prozess potentiell für Entlastung, trägt aber auch Elemente der Fremdbestimmung in sich.29

1.6 Zeitgeist & Gesellschaft

Ein Zeitgeist wirkt mit aller Macht und bleibt dabei doch mit den Händen nicht erfassbar. Er gibt vor was die Menschen lieben und wertschätzen sollen und was es gilt abzulehnen oder zurückzuweisen. Diese Wertungen folgen meist nicht individuellen und subjektiven ästhetischen Empfindungen, sondern ergeben sich jeweils aus der vorherrschenden und gegenwärtigen Gruppen-Kultur (besonders im Main-Stream, aber auch in der jeweiligen Peergroup). Affiliiert wird jeweils das, was auch die Anderen Gemeinschaftsmitglieder wollen – so könnte das Verhalten unterschiedlicher, aber jeweils homogener Gruppen allgemein als Faustregel benannt werden. Ein Z eitgeist ist mächtig: Er kann Kräfte freisetzen und Dynamiken entwickeln, die für progressive Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen sorgen können – sei dies ökonomisch, politisch, modisch, technisch oder sozial. Doch was macht die Jagd nach dem Zeitgeist so attraktiv? Warum wird mit alten Gewohnheiten gebrochen wird, so dass neue Traditionen entstehen können/sollen? Wo verlaufen Bruchlinien zwischen verschiedenen Akteuren, die für sich deklarieren den Zeitgeist zu repräsentieren, aber gleichzeitig unterschiedliche Lebensweisen verfolgen?30

Wesentlich für die Bedeutung des Zeitgeistes innerhalb von Gruppen scheint es zu sein, dass er Konformität herstellt, um so Zustimmung und Gefolgschaft zu gewinnen. Damit kann er ein Gefühl von geistiger Heimat stiften und zwischen vermeintlich korrektem und inkorrektem Verhalten differenzieren. Er liefert aber auch Orientierungspunkte in der Entwicklung von Ansichten und hilft bei der Beantwortung von Alltagsfragen. Wichtig ist es up to date zu sein und dem jeweiligen Zeitgeist zu entsprechen – andernfalls droht Ausschluss aus der Gruppe. Mit der Angst, die daraus entsteht, arbeiten in der Gegenwart besonders Werbung und Wirtschaft psychologisch auf der Einflussebene. Sie präsentieren Produkte, die vermitteln, dass sich ein Zeitgefühl und der Zeitgeist kaufen lassen. Das schützt Akteure in diesen Branchen zwar nicht vor ökonomischen Verlusten, stärkt aber das Image ihrer Waren und damit auch ihren Verkaufswert.31

Ein Zeitgeist drückt jedenfalls Gegenwartskultur aus und erhält sich dabei dennoch Unwägbarkeiten. Nach dem deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ist er letztendlich nie ganz zu kontrollieren oder zu verstehen, so dass er auch Misstrauen auf sich zieht und das obwohl er Identitätsstiftend wirkt. Neue Wendungen können nicht nur die Politik überraschen. Vor allem sie ist es jedoch, die versucht den Zeitgeist möglichst effektiv zum Popularitätsgewinn für sich zu nutzen. Dieses bloße Machtkalkül fehlt auf anderen Gesellschaftsebenen oftmals. Der Zeitgeist ist dort eher mehr ein Lebensgefühl, als ein reines politisches Instrument. Aufgrund der stetigen Wandlungen des Zeitgeistes wird die Politik jedoch immer nur Teilerfolge erringen, wenn sie über das Momentum hinaus ihren Marktwert steigern will. Es bedarf politischer Substanz.32

Auch für einen erfolgreichen Wahlkampf gibt es keine Blaupause. Umso mehr gilt das, wenn bedacht wird, dass die Idee des Zeitgeistes ein Konzept ist, welches multiple Perspektiven eröffnet und dadurch sowohl ambivalente Züge trägt als auch kritische Reaktionen hervorruft. Dadurch kommt es zu Lagerbildungen, die das politische Klima mitprägen. In einer Demokratie ist das an einer ausdifferenzierten Parteienlandschaft gut erkennbar. Ein Zeitgeist kann Kontroversen auslösen, die ganze Gruppen spalten können und Sympathien neu verteilen. Das kann weitere Fragmentierungen in einer Gesellschaft nach sich ziehen. Hier sei zum Beispiel an widerstreitende Sub-Kulturen gedacht. Wenn eine Gemeinschaft mehr als die Summe ihrer Einzelteile sein soll und als soziale Entität bestehen will, ist es umso wichtiger, dass eine geteilte politische Vision besteht, die Differenzen überwindet.33 Das ist eine zentrale Aufgabe der Politik, die die Legitimität ihres Handlungsprimats auch durch die erfolgreiche Bewältigung dieser Herausforderung zieht.

2 Klima & Zeitgeist

2.1 Vorbemerkung

Das Klima wandelt sich. Damit einher geht weltweit insgesamt die Stärkung des Klimabewusstseins und damit auch die Einsicht, dass die Klimaveränderung reale und schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen wird. Das ist vielerorts in Form von Hitze und Überschwemmungen bereits zu spüren. Es sei nur an ausufernde Buschbrände in Australien zu Beginn des Jahres 2020 gedacht und den darauffolgenden Starkregen, der wiederum Teile des Landes unter Wasser gesetzt hat. Auch Kalifornien beklagte anno 2020 Brände, die seit Menschengedenk in diesem Ausmaß dort vermutlich so heftig noch nicht vorgekommen sind. Ein anderes Beispiel für den Klimawandel ist der konstante Anstieg des Meeresspiegels, der global mehrere Hundert Millionen Menschen, wie etwa in Bangladesch oder den Niederlanden, in ihrer Existenz bedroht. Angesichts derartiger Katastrophen oder Katastrophenszenarien scheint eins klar: Klimafragen müssen dauerhaft politisch höchste Priorität in der Weltgemeinschaft haben, wenn der globale Klimawandel effektiv und entschlossen bekämpft werden soll. Das ist alternativlos. Internationale Umweltbewegungen zeigen zwar, dass es mittlerweile auch viele Menschen gibt, die grenzüberschreitend bereit sind, für mehr Klimaschutz ihr Verhalten zu ändern. Sie demonstrieren es, indem sie aktiv Druck auf die Politik ausüben und sich in Prostest üben. Doch ausreichend ist das Maß der Empörung noch lange nicht.34

Tendenzen zu mehr Klimaschutz sind in vielen Ländern dennoch zu erkennen. Auch in Deutschland trägt ein Bemühen um mehr Umweltschutz bereits Früchte: Wer gewählt werden will, braucht hier etwa ein ökologisches Klimaverständnis. Andernfalls sinkt die Wählergunst. Das Paradoxon besteht darin, dass der Einzelne zu selten dazu bereit ist, seine Konsumgewohnheiten für den Klimaschutz konsequent zu modifizieren, aber genau das von der Politik fordert. Ängste vor Klimafolgen führen also zu oft nicht zu realen Veränderungen in der Lebensweise. So wollen etwa viele Menschen in ferne Länder fliegen, um dort fremde Kulturen kennen zu lernen. Dieser Wunsch ist zwar kompatibel mit dem Gebot der Reisefreiheit, geht aber mit einem gigantischen CO2-Ausstoß der genutzten Flugzeuge einher – gelebter Klimaschutz sieht anders aus. Der Einzelne müsste bereit sein auf jeden Flug zu verzichten, der nicht zwingend erforderlich ist, um glaubwürdig für Klima- und Umweltschutz einzutreten. Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Moral und Erkenntnis erwirken in der Breite ein derartiges Verhalten bis dato also eher marginal. Dann stehen Forderungen und Eigenkonsequenz in einem Widerspruch. Politische Entmündigungen und totalitäre Politikansätze sind jedoch auch keine vertretbaren Optionen, um die Umwelt vor schädlichen Lebenspraktiken von Menschen zu schützen. Das Klima- und Umweltthema ist letztendlich sehr komplex und braucht in erster Linie den politischen Willen möglichst vieler, die Bewirtung der Erde neu zu gestalten. Diesen weiterzuentwickeln ist vor allem Aufgabe der Politik. Es bestehen zwar zahllose politische und ökonomische Interdependenzen, die es kolossal erschweren, Konsense in Klimafragen zu erzielen, aber dennoch gilt: Wer es nicht versucht, hat schon verloren35.

Vermutlich spielt verbreitet auch der Gedanke eine Rolle, dass der Klimawandel in seinen Folgen schon nicht so stark sein wird, wie es behauptet wird. In geringeren Teilen besteht der Irrglaube (ob „von oben“ durch politische Kampagnen indoktriniert oder nicht), dass Klimamodelle vor allem der Hysterie von Umweltaktivisten entspringen, als dass sie reale Substanz haben. Die Wahrheit ist, dass der Anstieg der globalen Erwärmung zu kaum prognostizierbaren - aber sicher gefährlichen - Ergebnissen führen wird, wenn sie nicht eingedämmt wird. Die überwältigende Mehrheit der Klimaanalysen lassen Schlimmes vermuten: Es drohen Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes. Nicht jeder Hurrikan oder Starkregen sind isolierte Ereignisse, die von größeren Zusammenhängen losgelöst sind. Im Gegenteil! Sie sind wohlmöglich Vorboten viel größerer Verteidigungsreaktionen der Erde. Die Natur wird nicht alle Klima- und -Umweltsünden der Menschen verzeihen und vielleicht erst wieder in einen besseren Zustand zurückkehren, wenn sie sich gänzlich von der menschlichen Umweltschädigung befreit hat.36

2.2 Klimabewegungen

Das Klima auf der Erde ist seit jeher dem Wandel unterworfen. Es pendelt zwischen Warm- und Kaltzeiten, die sich in gigantischen Zyklen abwechseln, aber bis dato natürliche Ursachen hatten. Es gab beispielsweise Eiszeiten, die Abermillionen Jahre andauerten. Nach der Erdentstehung herrschten bis zu 180 Grad Bodentemperatur. Das heißt die Erde kannte klimatische Verhältnisse, die nach unseren Vorstellungen massiv lebensfeindlich waren. Dennoch überlebte Leben auf der Erde, dass sich an die herrschenden Bedingungen anpassen konnte, so dass in den Zeiten eines lebensfreundlicheren Klimas neues und komplexeres Leben wachsen und gedeihen konnte.

Gegenwärtig steigt die Temperatur auf der Erde wieder und damit die Gefahr, dass die Erde für Menschen langfristig unbewohnbar wird. Kurzfristig, das heißt in den nächsten Jahrzehnten, droht eine Erwärmung um bis zu 3 Grad gegenüber den vorindustriellen Zeiten. Grund dafür ist der erhöhte CO2- und Methanausstoß, den die Lebensart der Menschen mit sich bringt. Trotz dieses Wissens nimmt der Ausstoß fatalerweise immer noch zu, obwohl nahezu die gesamte Wissenschaft vor den Folgen dieses Verhaltens warnt. Klimakatastrophen wie Überschwemmungen und Hitzeperioden drohen zuzunehmen und sind bereits Realität.

Es liegt an der Politik, Maßnahmen zu ergreifen, die reglementieren, dass der Ausstoß der Treibhausgase stark gedrosselt wird, um den Klimawandel abzumildern. Hierbei ist vor allem in zentralen sozio-ökonomischen Bereichen wie der Mobilitäts-, der Ernährungs- und der Energiebranche anzusetzen. Dort sind klimafreundlichere Änderungsprozesse einzuleiten. Was auch im Sinne der nachrückenden Generationen ist, die den Klimawandel deutlich stärker zu spüren bekommen werden, als die älteren Menschen. Verschiedene Umweltbewegungen wie Fridays for Future (FFF) oder Extinction Rebellion (XR), die in jüngerer Vergangenheit von nachrückenden Generationen gegründet wurden, sind Ausdruck der Zunahme eines Klimabewusstseins – besonders, aber nicht ausschließlich, bei den kommenden Entscheidern und neuen Weltbürgern. Das macht Mut! Umweltbündnisse wurden und werden weiter initiiert, um Druck auf die aktuelle politische Elite auszuüben, die eine nachhaltige Umweltpolitik forcieren soll, welche über Lippenbekenntnisse hinaus geht.

FFF ist eine Umweltbewegung, die im August 2018 als lokaler Protest der schwedischen Schülerin Greta Thunberg (*2003) begründet wurde und sich zu einer globalen Protestbewegung entwickelt hat. Waren es anfangs nur Schüler und Jugendliche, die Thunberg unterstützt haben, sind es mittlerweile auch Gewerkschaften, Umweltorganisationen und ganz allgemein linke Bewegungen. FFF kennt keine formelle Hierarchie und handelt lokal und autonom. Millionen von Menschen haben weltweit unter dem Banner von FFF demonstriert.37 Darunter Forscher, Intellektuelle wie Noam Chomsky (*1928), aber auch Demonstranten aus allen anderen gesellschaftlichen Gruppen. Allerdings bedarf es weiterem Zuwachs, wenn die Politik schneller handeln soll.

FFF fordert eine unmittelbare Reduzierung der Treibhausgase. Bis 2035 soll der Ausstoß der Gase auf den Nullpunkt gebracht worden sein. Die Bundesregierung von Deutschland will dieses Ziel bis 2050 erreicht haben. Ferner tritt FFF für einen Kohleausstieg bis 2030 ein. Auch hier klafft zwischen den Forderungen der Bewegung und den Klimazielen von vielen Ländern eine Lücke. FFF fordert außerdem von Schlüsselindustrien, wie etwa die Automobilbranche, alle Bemühungen in die Entwicklung klimafreundlicherer Produktionsweisen und Produktnutzungen zu setzen. Auch die Konsumenten sollen dem Klimawandel mit ihrem Verhalten Rechnung tragen.38

In Deutschland wurden - in absoluten Zahlen gemessen - im Ländervergleich die meisten Menschen für FFF mobilisiert. Besondere Charakteristika dieser Menschen in Sachen Herkunft, Bildungsniveau oder Geschlecht der Protestierenden gibt es nicht, aber es sind vor allem junge Menschen, die sich in Umweltfragen politisieren. Insgesamt zeigt sich, dass die Umweltdebatte in Deutschland im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen ist.39

Thunberg, die im Herbst 2019 sogar auf dem UN-Klimagipfel sprechen durfte, hat mit ihrem Protest und FFF einen Nerv der Zeit getroffen. Sie ist eine symbolische Figur, die weltweit tiefliegende gesellschaftliche Ängste vor dem Klimagau zum Ausdruck gebracht hat. Die blutjunge Schwedin gab der subtilen Besorgnis den Menschen in der globalisierten Welt eine Plattform. Daraus entstand ein Protest, der die Politik zum Handeln zwingen will. Der Hype um Thunberg hat einen Wandlungsprozess im öffentlichen Bewusstsein angestoßen, den die Politik nicht ignorieren kann. Umweltbewegungen wie FFF haben aber insgesamt nicht genug finanzielle Ressourcen und ausgebildete Strukturen, um den Takt einer neuen Umweltpolitik national beziehungsweise global dauerhaft vorzugeben. Thunberg hat es jedoch zumindest geschafft, Umweltprobleme zu emotionalisieren und die Bereitschaft geweckt, die Stimme für einen bewussten Umgang mit der Lebenswelt zu erheben. In Deutschland wurde durch FFF der Fokus von der Migrationsfrage auf Umweltthemen gelenkt, welche zusammen die zentralen Topics der nächsten Jahrzehnte seien dürften. Das in allen Medien seit dem Frühling 2020 dominierende Thema Corona-Virus, wird dann hoffentlich lange aus den Schlagzeilen verschwunden sein.40

Struktureller Wandel ist nötig, um den Klimawandel zu stoppen. Dieser muss schnellstmöglich vorangetrieben werden. Das sensibilisierte Führungspersonal der näheren Zukunft ist damit aufgewachsen, dass Handlungsdruck in Umweltfragen besteht. Dadurch haben sie ein fundamentaleres Verständnis von Umweltfragen und sehen, dass Umweltschutz zwingend notwendig ist und nicht aufgeschoben werden kann. Das gibt Anlass zur Hoffnung. Es geht für die Welt nun vor allem darum, dass die Erwärmung möglichst geringgehalten wird. Das Zusammenspiel von Umwelt und Kapitalismus muss entsprechend kalibriert werden.

Die Umweltbewegung XR ist radikaler, aber kleiner als FFF. Dennoch ist sie mittlerweile in etwa 70 Ländern aktiv. Sie setzt bei ihren Protesten auf zivilen Ungehorsam. Das heißt zum Beispiel, dass sie in Deutschland, Straßensperren und Sitzblockaden errichten oder Flash-Mobs organisieren. Auch Slogans wie „Klimawandel=Massenmord“ werden von XR hochgehalten. Ihre Anhänger befürchten, dass der Klimawandel das Leben auf der Erde aussterben lassen wird. XR will den Klimawandel und seine Gefahren im Bewusstsein der Öffentlichkeit tief verankern, um die öffentliche Debatte zu beeinflussen, so dass entsprechend starker Druck auf die Politik ausgeübt werden kann. Militant ist die Bewegung nicht. Ähnlich wie FFF ist sie dezentral organisiert, weil zu starke Machtstrukturen als toxisch empfunden werden.41

XR drängt darauf den Klimanotstand auszurufen und will bereits 2025 die Treibhausgas-Emissionen auf die Netto-Null reduziert sehen. Außerdem wird gefordert, dass der ökologische Raubbau gestoppt wird. Bürgerversammlungen sollen dabei helfen, Wege auszuarbeiten, um diese Ziele zu realisieren. Teilnehmende Bürger sollen nach dem Zufallsprinzip auf der Basis demografischer Zusammensetzungen ausgewählt werden und unparteiisch sein. So erhofft man sich, kritisches Denken zu fördern und mit ausgewogenen Informationen zum Klimawandel zu eruieren, wie die Umwelt optimal geschützt werden kann. Hierbei soll nicht auf Expertise der Wissenschaft verzichtet werden.42

XR und FFF sprechen unterschiedliche Akteure an. FFF begann als Schülerprostest und bewegt jetzt weltweit Menschen, die es zu Demonstrationen auf die Straße zieht. Bei der Organisation der Proteste helfen ihnen Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). XR ist hingegen eher mit der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre zu vergleichen, wo ziviler Ungehorsam ebenfalls als legitime Protestform erachtet wurde. Gewalt ist bei XR ebenfalls verpönt. Es geht ihnen vielmehr um passive Blockaden. Ein Beispiel hierzu sind Baggermaschinen-Besetzungen. Der Zulauf zu XR ist aber eindeutig mit der Entstehung von FFF verbunden. In einem Sog bescherte FFF XR Zulauf. Diese wollten ihre Proteste aber radikaler ausdrücken und haben einen entsprechend kleineren Wirkungs- und Wahrnehmungsbereich als FFF. Generell ist es für den Erfolg von Umweltaktivisten nicht von Nachteil, wenn es statt einer einzigen Bewegung viele Umweltbewegungen gibt, da sich dadurch das Spektrum der Protesthemen erweitert, die dann auch unterschiedlich ausgedrückt werden. Ferner werden auf Grund der Bandbreite von Formen und Inhalten der Bewegung die Chancen erhöht, mehr Menschen zu erreichen. Nicht zuletzt erhöht ein weit gestreuter Protest die mediale Aufmerksamkeit. Von diesem Zusammenhängen profitiert dann auch XR.43

2.3 Klima und Kapitalismus

Eine rasant wachsende und kapitalistische Weltwirtschaft bringt stetig größere Umweltbelastungen mit sich. Das gefährdet zunehmend die Kontinuität des globalen Klimas und damit auch die Lebensumstände der Menschen. Es ist bereits zu beobachten, dass sich die Klimasituation nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industriestaaten zunehmend verschlimmert. Die EU hat vor Beginn des UN-Klimagipfels in Madrid im Winter 2019 darauf offiziell reagiert, indem sie parlamentarisch den Klimanotstan d ausgerufen hat. Dies ist aber eher als Schritt zu verstehen, der vor allem Symbolcharakter hat, wie die Umweltwissenschaftlerin und XR-Aktivistin Alexandra Gavilano (*1989) behauptet. Es sei mit dem Postulat des Klimanotstandes aber zumindest das Bewusstsein über die Dringlichkeit der Aufgabe zu erkennen, dass eine ressourcenschonende Klimapolitik voranzutreiben ist. Nun müssten Maßnahmen ergriffen werden, die die Umwelt nachhaltig schützen, führt sie weiter aus.44

Eine Frage, die mit dem durch weite Teile der Politik und dem Gros der Wissenschaft erklärten Klimanotstand unmittelbar verbunden ist die, ob dieser mittelfristig tatsächlich mit einem Niedergang der freien Märkte verbunden ist und die Begrifflichkeit damit entsprechend angemessen verwendet wird. Dann drückt das Wort Klimanotstand auch aus, dass ein ganzes Wirtschaftssystem bedroht ist. Ob der Begriff angemessen einen künftigen Zustand beschreibt, ist noch nicht final zu klären. Vielmehr gibt es verschiedene Szenarien, die prognostiziert werden und die sich zwischen Dystopien und Utopien bewegen. Hier muss deswegen konkret diskutiert werden, inwieweit der Kapitalismus auf mögliche schädliche Umweltentwicklungen - ob nun positiv oder negativ - Einfluss nehmen kann beziehungsweise bereits nimmt.45

Der österreichische Autor und Mitbegründer von Attac Österreich, Christian Felber, (*1972) findet, dass der Begriff Klimanotstand suggeriert, dass wir uns bereits in einer absoluten Ausnahmesituation befinden, die „100 Jahre“ andauern könnte. Eine derartige Verwendung erachtet er nicht als sinnvoll. Der erklärte Klimanotstand ist für ihn letztendlich nicht mehr als Rhetorik, die düstere Szenarien von der Fortentwicklung der Menschheit auf diesem Planeten malt. Das Klima sieht er primär durch einen ökologischen Bildungsnotstand gefährdet, der behoben werden müsse, um sich ökologisch adäquat zu verhalten. Es sei diesbezüglich daher kontraproduktiv, in den Universitäten stets das Ziel eines unendlichen ökonomischen Wachstums zu predigen. Vielmehr bedürfe es neuer Maßstäbe und eines modifizierten Menschenbildes, welches ökologische Aspekte und Vernunft in den Vordergrund stellen sollte. Nicht ein blinder und rein wachstumsorientierter Kapitalismus sei nötig, sondern ökologische Grenzen, die kontrolliertes Wachstum definieren und Antworten auf Klimafragen skizieren, die der Einzelne umzusetzen hat. Ökosysteme dürften nicht weiter geschädigt werden. Andernfalls sei es nicht vorstellbar, dass das allgemein und allseits ausgerufene Ziel - die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen - erreicht wird.46 Das heißt, dass Felber auf Vernunft und Einsicht setzt, wenn es um den Umgang mit dem Lebensraum der Menschen geht und nicht so sehr um Aktionismus. Der deutsche Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger (*1972) mahnt, dass dabei nicht ökonomische Wahlfreiheit, ökonomische Selbstentwicklung und ökonomisches Unternehmertum leiden dürfe. Der Klimanotstand sei dafür in den Industrienationen derzeit allerdings ohnehin nicht stark genug zu spüren, um Verhalten in der Breite zu modifizieren.47

Die Haltung von Eilenberger mutet besonders gegenüber den Teilen der Weltbevölkerung ungerecht an, die bereits in Armut leben und darüber hinaus mit den Folgen des Klimawandels besonders hart konfrontiert sind. Geboten ist allgemeiner Verzicht, nicht die ungefilterte Entfesselung des homo oeconomicus, der sich nur mit sich selbst solidarisiert. Um das zu realisieren, braucht es Politiker, die sich nicht primär an Popularitätswerten orientieren – selbst, wenn sie das die Wiederwahl kostet.

Die Debatte um die richtige Klimapolitik ist jedenfalls vital und wird vielfach mit harten Bandagen geführt. Generell besteht die Schwierigkeit Klimagerechtigkeit mit Verteilungsgerechtigkeit zu vereinen. Es gibt kaum ausreichende Lösungen, wie dieses Spannungsverhältnis optimal ausgestaltet werden kann, so dass sich die Frage nach der Systemtauglichkeit für effektiven Klimaschutz stellt. Hierzu gibt es konträre Ansichten, die hitzige Auseinandersetzungen gebracht haben und weiterbringen werden. Der Kapitalismus steht dabei in der Bringschuld, Antworten zu liefern, wie er seine Wirtschaften stärker ökologisiert.48

Alexander Repenning und Luisa Neubauer wirken als bekannte Gesichter der deutschen Klimaschutzbewegung. Sie haben gemeinsam ein Buch geschrieben, dass der Frage nach den ökologischen Herausforderungen der Gegenwart nachgeht. Dazu hat auch Carola Rackete, die ehemalige Kapitänin der Sea-Watch 3, die sich im Sommer 2019 über das Verbot Italiens hinwegsetzte, lybische Migranten in Lampedusa abzusetzen und ein Mitglied von XR ist, ein Buch geschrieben.49

In beiden Büchern wird deutlich, dass die drei Autoren die Bereitschaft, in Klimaangelegenheiten zivilen Ungehorsam zu zeigen, durchaus begrüßen. Mit dieser Haltung erreichen sie vor allem junge Menschen, deren Klimabewusstsein meist stärker ausgeprägt ist als bei Generationen, denen vor allem Wachstumsideologien eingeimpft wurden. Die basisdemokratische Bewegung FFF ist beispielsweise aus einem jugendlichen Zeitgefühl heraus entstanden und erlangte gesellschaftliche Strahlkraft. Mittlerweile spricht sie die breite Bevölkerung an. Dadurch wurde sie ein Faktor in der öffentlichen Auseinandersetzung.50

Neubauer und Repenning plädieren zwar für ein Klimaethos des Einzelnen, aber betonen, dass es vor allem die größten CO2-Emittenten sind, die ihre Öko-Politik neu ausrichten müssen. Das heißt, dass diese verstärkt und zeitnah saubere Technologien verwenden sollen und zwar unter Vernachlässigung des Aspekts der reinen Profitgenerierung. Hier sehen Neubauer und Repenning die Politik gefordert, die notfalls ordnungsrechtliche Zwangsmaßnahmen zu treffen hat und regulieren muss. Ziel müsse es sein, von klimaschädlichen Praktiken abzusehen (vor allem im Verkehr, dem Energiesektor, der Industrie und der Landwirtschaft), um die Umwelt zu schützen. Dieser Ansatz ist autoritär, aber für die beiden Autoren alternativlos, da bei der Umsetzung einer schonenden Umweltpolitik Eile geboten sei. Rackete geht in ihrem Buch sogar noch weiter: Sie will den „Ökozid“ strafrechtlich verfolgen lassen. Sie fasst Naturzerstörung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf, die auch mit Gefängnisaufenthalten geahndet werden sollten.51

Die Meinungen von Reppening, Neubauer und Rackete gelten als radikal: Der Klimakampf ist für sie mehr als ein Kampf gegen die Erderwärmung. Er stellt sich für sie als ein Kampf gegen ein Wirtschaftssystem dar, das ungezügelte Kapitalflüsse mit sich bringe, die pervertierte und schädliche Konsequenz haben könnten. Klimagerechtigkeit wird so zur Klassenfrage, die mehr oder weniger sozialistisch gelöst werden muss. Das passiert für die drei Autoren nur mangelhaft. Damit ist auch eine Kritik an der repräsentativen Demokratie impliziert. Eine Antwort auf diese Schieflage sehen sie in einer breit angelegten Partizipation der Bevölkerung bei der Lösung politischer Probleme.52

Dass der Klimawandel vom Menschen gemacht ist, ist in der Wissenschaft Common Sense. Damit einher geht die Einsicht in die akute Notwendigkeit des klimafreundlichen Handelns und eine latente Angst, Opfer des Klimawandels zu werden. Dieses Gefühl bestimmt die Zeit der Gegenwart und schlägt sich nur unzureichend in der Politik nieder.53 Zudem ist individuell die Bereitschaft zum konsequenten Verzicht, trotz vielfach anderslautender Bekundungen, eher geringfügig vorhanden. Schädlich für das Klima ist besonders die Größe ökologischer Fußabdrücke, die die industriellen Länder zurücklassen. Sie stehen in keinem Verhältnis zu denen der Entwicklungsländer, so dass die Industrienationen in der Pflicht stehen, diesem Missverhältnis durch gelebte Klimagerechtigkeit - das heißt die Reduzierung der CO2-Emissionen - Rechnung zu tragen. Umgesetzt wird das nur ungenügend. Das heißt nicht, dass die Entwicklungsländer nicht auch alle Anstrengungen unternehmen müssen, um dem Klimawandel substanziell etwas entgegenzusetzen.54

Die Tatsache, dass die gesamte Welt auf Wasser, Luft und erträgliche Außentemperaturen angewiesen sind, wird allseits gerne verdrängt und der unreflektierte Konsum fortgesetzt. Dies gilt auch für Entwicklungsländer, die es jedoch nicht einsehen, dass sie sich einschränken sollen, wenn es nicht auch der Westen tut. Weder die Medizin, noch Technik oder viel Geld können letztendlich allerorts etwas daran ändern, dass der Klimawandel den Menschen in existenzielle Nöte bringt und wahrscheinlich noch stärker bringen wird. Die Stärkung des Umweltschutzes ist also das Gebot der Stunde. Dabei besteht jedoch die Schwierigkeit, dass es die Reichen und Mächtigen sind, die mit Abstand das meiste CO2 ausstoßen. Sie sind es, die der Gesellschaft ihre Bedingungen auf diktieren und es weiterkönnen. Das heißt mit anderen Worten, dass es deren Good Will bedarf, um Klimaschutz effektiv zu praktizieren.55

Die breite Bevölkerung kann zumindest einen Beitrag zum Umweltschutz leisten, indem sie Energie - wie etwa durch moderne Dämmungen und maßvolleren Konsum - einspart. Der Trend verläuft jedoch auf vielen Ebenen erschreckenderweise in andere Richtungen. Beispielsweise nimmt der endliche Ressourcen- und Warenverbrauch in der Welt, allen voran der Industrienationen, drastisch zu und nicht ab. Umweltpolitik konnte noch nicht vom Energie- und Ressourcenverbrauch abgekoppelt werden. Die Zahl derer, die sich der schwierigen Lage bewusst sind und ihr Konsumverhalten ändern, ist zu klein. Die Naturzerstörung wird insgesamt unzureichend eingeschränkt. Daran wird ein wirtschaftliches Verhalten, dass kaum von Moral, Ethik und Verantwortungsbewusstsein zeugt, deutlich.56

Die Vorstellung des Klimawandels ist für viele schlicht nicht greifbar oder wird auch gerne ignoriert, so dass vielfach der Wille zur Einschränkung nicht vorhanden ist. Dieser Trend wird durch Internet, Werbung und Wohlstandsversprechungen unterstützt. Hier ist es an der Politik mit verbesserter Infrastruktur, durchdachter Preispolitik, Verboten und Angeboten zu regulieren – vor allem da es fragwürdig scheint, mit reinen Informationskampagnen im Main-Stream Verhaltensänderungen im Alltag herbeizuführen. Das ist allerdings ein komplexes und diffiziles Ziel, da sich auch ärmere Schichten umweltschonenden Konsum leisten müssen und die Wirtschaft nicht zusammenbrechen darf.57

Außerdem muss sehr genau abgewogen werden, wo politische Freiheiten konkret eingeschränkt werden können, um wirtschaftliche Ziele zu erreichen. Es besteht - auch in Deutschland - die Gefahr, dass der Staat zu repressiv agiert und so andere Güter des Rechtsstaats vernachlässigt. Daher bedarf es öffentlicher Debatten und der Handlungsbereitschaft der Bevölkerung, die sich zwar zu 80% der Gefahren des Klimawandels bewusst ist, aber ihr Verhalten in großen Teilen ökologisch nicht ausreichend ändert.58

Die Herausforderung besteht darin, Klimapolitik im Sinne des Allgemeinwohls zu entwickeln, ohne andere Politikfelder, wie die Finanzierung des öffentlichen Sektors insgesamt, zu vernachlässigen. Der soziale Frieden darf nicht gefährdet werden. Finanzielle Anreize können ein Mittel sein, um gesamtgesellschaftlich verträglich Klimapolitik auszurichten. Dabei gilt jedoch, dass der Klimawandel bezahlbar bleiben muss und die Industrie weiter produzieren kann, da der Industriesektor hochbedeutsames Standbein von zum Beispiel der deutschen Volkswirtschaft ist. Die Tragweite der Bedeutung des Klimawandels für die Gesellschaft ist national jedenfalls vorhanden und wird daran deutlich, dass 75% der deutschen Wähler die Klimapolitik der Parteien zu einem Faktor ihrer Stimmabgabe machen und die Grünen in Deutschland politisch kontinuierlich an Größe gewinnen – auch weil Hitzerekorde zeigen, dass der Klimawandel nicht nur global, sondern ebenso national, bereits ernste Konsequenzen trägt. Das voranschreitende Klimabewusstsein muss die Politik nutzen, wenn der Kapitalismus sich nicht totwachsen lassen will. Chancen sind da, die von besorgten Akteuren ergriffen gesehen wollen, und zwar im Hier und Jetzt!59

2.4 Klima und Sport

Sowohl im Breitensport als auch bei den Profis, gibt es Begleiterscheinungen, die hohe CO2-Emissionen produzieren. Es sei zum Beispiel an Zuschauerzahlen, allgemeine Organisation oder Verpflegung gedacht. Bei einzelnen Events im Profisport potenziert sich der CO2-Ausstoß gegenüber einer Veranstaltung im Amateurbereich selbstverständlich, doch es ist die Masse von Amateurveranstaltungen, die das Klima ebenso und beträchtlich mitschädigt. Das heißt, dass der Sport in der Pflicht steht, umweltschonender zu werden, wenn Klimapolitik ernst genommen werden soll. Dabei kann er sich beispielsweise monetär an Forschungen im Bereich Klima, Umwelt und Energie beteiligen oder auch umweltfreundlicheres Material verwenden und Produktionsweisen optimieren.60

Aufgrund der exponierten Stellung des Profisports impliziert ein Engagement in der Umweltpolitik viele Chancen: Es schafft die Möglichkeit bei den jeweiligen Anhängern eines Sportlers, einer Mannschaft oder eines Vereins Klimabewusstsein zu bilden, so dass diese in Umweltfragen emotionalisiert, mobilisiert und sensibilisiert werden. Wenn man zum Beispiel den gigantischen globalen Wirkungsbereich des Fußballs betrachtet, wird offenkundig welches Potential eine vorbildhafte Klimahaltung von Vereinen, Sportlern und Verbänden hätte. Sie sind qua Vorbildfunktion Multiplikatoren für einen klimabewussten Sport, der dann wieder in das gesellschaftliche Bewusstsein hereinwirkt. Das Auflaufen in recycelten Trikots, dass unter anderem Bayern München und Real Madrid in einer Aktion bereits getan haben, ist ein Weg Klimasensibilität zu schaffen, der bereits die Kleinsten anspricht. Aber auch in anderen Sportarten kann ein Beitrag zur Verbesserung des Klimaschutzes geleistet werden, da diese andere Sportbegeisterte erreichen, die sich nicht so sehr dem Fußball verbunden fühlen. Dies hilft, das Klimathema weitflächiger in einer Gesellschaft zu verankern. Durch diese Wirkpotentiale kann der Sport damit insgesamt mehr für das Klimabewusstsein seiner Peergroups tun.61

[...]


1 Vgl. Enzyklopädie der Wertvorstellungen, 2019, URL: https://www.wertesysteme.de/werte-glossar/zeitgeist/ (Zugegriffen am 05.02.2020)

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Fratz, Kirstine: Der Zeitgeist weht wo er will, 2017, URL: https://www.feinschwarz.net/der-zeitgeist-weht-wo-er-will/ (Zugegriffen am 05.02.2020)

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. „Eine hartnäckige Illusion“, 1989, URL: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494900.html (Zugegriffen am 06.02.2020)

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Gloy, Karen: Eine Systematisierung der verschiedenen Zeitvorstellungen, URL: http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=4750&n=2&y=1&c=50 (Zugegriffen am 09.02.2020)

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Prof. Dr. Luckner, Andreas: Zeit und Existenz aus der Sicht der Philosophie, URL: https://www.uni-hannover.de/fileadmin/luh/content/alumni/unimagazin/2012_zeit/netz10_luckner.pdf (Zugegriffen am 10.02.2020)

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Heisterhagen, Nils: Die Hintergrundmelodie unseres Handelns, 2015, URL: https://www.theeuropean.de/nils-heisterhagen--2/10587-warum-wir-im-zeitgeist-gefangen-sind (Zugegriffen am 11.02.2020)

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. ebd.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. Täubern, Mischa & Vicari, Jakob: Der unsichtbare Diktator, 2013, URL: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2013/zeitgeist/der-unsichtbare-diktator (Zugegriffen am 12.02.2020)

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. ebd.

34 (Vgl. Stehr, Nico & Machin, Armada: Warum wir vom Klimawandel wissen und trotzdem nicht handeln, 2019, URL: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/klima-warum-wir-vom-klimawandel-wissen-und-trotzdem-nicht-handeln-a-1287663.html (Zugegriffen am 24.02.2020)

35 Vgl. ebd.

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. Metzger, Nils: Die wichtigsten Antworten zur Klima-Demo, 2019, URL: https://www.zdf.de/nachrichten/heute/fridays-for-future-klima-protest-faq-100.html (Zugegriffen am 19.02.2020)

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. Dehe, Alexander & Horx, Matthias: „Es wird auf jeden Fall keine Zweite Greta geben“, 2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/zukunftsforscher-im-gespraech-ueber-klima-aktivistin-greta-thunberg-16388844.html (Zugegriffen am 19.02.2020)

41 Vgl. Große, Jannis: Rebellion statt bloß Klimaprotest: „Wir weigern uns auszusterben !“, 2019, URL: https://www.bento.de/nachhaltigkeit/extinction-rebellion-was-steckt-hinter-der-neuen-klimabewegung-aus-london-a-760e85e4-303c-4006-8250-8799a900fa64 (Zugegriffen am 20.02.2020)

42 Vgl. ebd.

43 Vgl. Haunns, Sebastian: „Damit man etwas ändern kann, braucht Protest Aufmerksamkeit“, 2019, URL: https://www.mdr.de/sachsen/interview-mit-protestforscher-sebastian-haunss-zur-extinction-rebellion-aktivismus100.html (Zugegriffen am 20.02.2020)

44 Vgl. Miller, Simone: Brauchen wir eine neue Wirtschaftsordnung? 2019, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/klimanotstand-und-kapitalismus-brauchen-wir-eine-neue.2162.de.html?dram:article_id=465223 (Zugegriffen am 21.02.2020)

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. ebd.

47 Vgl. ebd.

48 Vgl. ebd.

49 Vgl. Schneider, Anna: Von wegen nur Umweltschutz: In Wahrheit kämpfen die deutschen Umweltaktivisten gegen Kapitalismus und Marktwirtschaft, 2019, URL: https://www.nzz.ch/international/wie-die-klimabewegung-den-kapitalismus-abschaffen-will-ld.1520576 (Zugegriffen am 22.02.2020)

50 Vgl. ebd.

51 Vgl. ebd.

52 Vgl. ebd.

53 Vgl. Dohmen, Caspar: Die Macht und Ohnmacht der Verbraucher, 2019, URL: https://www.deutschlandfunk.de/klima-und-konsum-die-macht-und-ohnmacht-der-verbraucher.724.de.html?dram:article_id=464360 (Zugegriffen am 23.02.2020)

54 Vgl. ebd.

55 Vgl. ebd.

56 Vgl. ebd.

57 Vgl. ebd.

58 Vgl. Zurheide, Jürgen & Schöppner, Klaus-Peter: „Industrie zum Weltmeister beim Klimaschutz machen“, 2019, URL: https://www.deutschlandfunk.de/die-deutschen-und-die-energiewende-industrie-zum.694.de.html?dram:article_id=458588 (Zugegriffen am 24.02.2020)

59 Vgl. ebd.

60 Vgl. Quardokus, Bianca & Wilts, Henning & Bandholz, Stephan & Reese, Jonas: „Sport hat die Möglichkeit, Leute für das Thema zu mobilisieren, 2019, URL: https://www.deutschlandfunk.de/endspiel-ums-klima-sport-hat-die-moeglichkeit-leute-fuer.892.de.html?dram:article_id=441862 (Zugegriffen am 25.02.2020)

61 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 195 Seiten

Details

Titel
Zeitgeist und Gegenwart. Theorien zum Zeitbegriff, zum gesellschaftlichen Wandel und westlichen Werten
Autor
Jahr
2020
Seiten
195
Katalognummer
V993324
ISBN (eBook)
9783346368126
ISBN (Buch)
9783346368133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeitgeist, Gegenwart, Postmoderne, Zukunft, Gesellschaft, Politik, Momente
Arbeit zitieren
Julian Felder (Autor), 2020, Zeitgeist und Gegenwart. Theorien zum Zeitbegriff, zum gesellschaftlichen Wandel und westlichen Werten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993324

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