Die Einflüsse von Wittgensteins Sprachphilosophie auf Austin


Seminararbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Sprachphilosophischen Konzepte von Wittgenstein und Austin
2.1 Wittgensteins Konzept von Sprache in den Philosophischen Untersuchungen
2.1.1 Sprachspiele
2.1.2 Bedeutung
2.2 Austins Konzept von Sprache
2.2.1 Bedeutung eines Wortes
2.2.2 Sprechakttheorie

3. Einflüsse Wittgensteins auf Austin
3.1 Bedeutung als Art der Verwendung
3.1.1 Gegen die traditionelle Auffassung
3.1.2 Die Konzeption der Bedeutung
3.1.3 Die „Art der Verwendung“
3.2 Wittgensteins Sprachphilosophie und Austins Sprechakttheorie
3.2.1 Sprechhandlungen
3.2.2 Kontextabhängigkeit bei Wittgenstein und Austin
3.2.3 Die Rolle der Sprecherinnenautorität

4. Wie konkret ist der Einfluss?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ludwig Wittgenstein formulierte erstmals in den 30er Jahren grundlegende Ideen für eine Sprachphilosophie, die sich zur Erklärung der Bedeutung eines Wortes nicht auf abstrakte philosophische Theorien konzentrieren, sondern die Sprache, wie sie tatsächlich ist, wie sie im Alltag verwendet wird, untersuchen sollte. Diese grundsätzlichen Ideen formulierte er in seinem zweiten Hauptwerk, den Philosophischen Untersuchungen, das 1953 posthum veröffentlicht wurde. In akademischen Kreisen war seine Argumentation aber schon deutlich früher bekannt, unter anderem durch das Blaue Buch, indem die Grundzüge der Philosophischen Untersuchungen klar zu erkennen sind.

Auch John Langshaw Austin wandte sich in den Philosophical Papers und in How to do things with words gegen die traditionelle Sprachphilosophie und die Untersuchung von beschreibenden Aussagen, um sich auf Sprechhandlungen zu konzentrieren. Er entwickelte die Sprachakttheorie, die zur genauen Untersuchung der Dinge, die man mit Wörtern tut, wesentlich ist.

Beide, Wittgenstein und Austin, waren Vertreter der sprachphilosophischen Strömung der Pragmatik: Um Sprache zu analysieren, muss man ihre Verwendung in alltäglichen Kontexten untersuchen. Die Frage, der diese Arbeit nachgehen soll, ist, inwieweit Austin Wittgenstein gekannt und gelesen hat, und in seine Arbeit einfließen ließ.

Ich möchte zeigen, dass die grundlegenden Ansichten der beiden die gleichen sind, dass Austins Theorie wesentlich auf Wittgensteins Ideen aufbaut, sie konkretisiert und systematisiert. Dafür soll ein Überblick über die Sprachphilosophischen Ansichten von Wittgenstein und Austin gegeben (2) und die Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden (3), in Hinblick auf Wittgensteins Konzeption der Bedeutung eines Wortes als Art seiner Verwendung (3.1) und in Hinblick auf Austins Sprechakttheorie (3.2). Abschließend möchte ich eine kritische Überlegung zum Vergleich der beiden Autoren anführen (4).

2. Die Sprachphilosophischen Konzepte von Wittgenstein und Austin

Um einen angemessenen Rahmen für den Vergleich der beiden Theorien zu schaffen, sollen in diesem Teil die wesentlichen Aspekte von Austins und Wittgensteins Sprachphilosophie dargestellt werden.

2.1 Wittgensteins Konzept von Sprache in den Philosophischen Untersuchungen

Im Folgenden sollen die wesentlichen Gedanken aus Wittgensteins zweitem Hauptwerk, den Philosophischen Untersuchungen dargestellt werden. Diese Thesen hat Wittgenstein zwar schon vor der Ausarbeitung der Philosophischen Untersuchungen, auf die ich mich hier beziehe, unter anderem im Blauen Buch, formuliert, da die wesentlichen Ideen aber die gleichen sind, erscheint mir eine separate Betrachtung nicht als notwendig.

2.1.1 Sprachspiele

Wittgenstein sieht Sprache in seinen Philosophischen Untersuchungen nicht als einheitliches Konzept, sondern als aus verschiedenen Sprachspielen bestehend, die verschiedene Bereiche betreffen. Wittgenstein führt hierfür das Beispiel von Bauenden an, die durch einfache Rufe kommunizieren, welche Bausteine sie gerade brauchen. Diese Situation und diese einfache Verwendung von Sprache nennt Wittgenstein Sprachspiel. Es sind also alle Aspekte „der Sprache und der Tätigkeiten mit denen sie verwoben ist“ Teil des Sprachspiels (vgl. Wittgenstein 2003, §7). Als Beispiele für Arten von Sprachspielen führt Wittgenstein Befehlen, Beschreiben, Berichten, Hypothesen aufstellen, Geschichten erfinden, Theater spielen, einen Witz machen und noch andere an (vgl. ebd. §23). Es werden also die vielen verschiedenen Möglichkeiten der Verwendung von Sprache gezeigt und somit auch die Schwierigkeit dargestellt, sie alle ein einer Theorie zu beschreiben. Die Idee der Sprachspiele soll aber trotzdem zeigen, dass Sprache immer durch und in Regeln funktioniert. Diese Regeln sind zwar nicht für jedes Sprachspiel streng definiert, sie zeigen aber, dass diese Arten der Tätigkeiten von Konventionen geprägt sind, an die sich die Menschen halten (vgl. Biletzki u. Matar 2002). Die Frage, was nun alle Sprachspiele gemein hätten, kann auch Wittgenstein nicht ganz klar beantworten:

„Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen gar nichts gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden, - sondern sie sind miteinander in vielen verschiedenen Weisen verwandt.“ (Wittgenstein 2003, §65)

Wie bei Brettspielen, die miteinander verglichen werden, soll auch beim Sprachspiel geschaut werden, welche Gemeinsamkeiten es gäbe, welche Rolle etwa Aspekte wie Geschick und Glück spielen usw. Es geht Wittgenstein hier um die genaue Betrachtung der konkreten Spiele, also Situationen und Arten, mit der Sprache zu spielen, d.h. sie zu verwenden. Nicht abstrakte Gedankenmuster, sondern konkrete Untersuchungen helfen, die Sprache zu verstehen: „denk nicht, sondern schau!“ (ebd. §66). Das Ergebnis dieser Betrachtung wird laut Wittgenstein ein Netz von Ähnlichkeiten sein, die unterschiedliche Sprachspiele miteinander teilen. Es ist also nicht notwendig, sogar falsch, nach einer einheitlichen Bedeutung eines Wortes zu suchen, die in allen Arten der Verwendung die gleiche bleibt. Es geht vielmehr darum, jedes einzelne Sprachspiel zu untersuchen und zu verstehen (vgl. Biletzki u. Matar 2018).

2.1.2 Bedeutung

Aus der Auffassung von Sprache bestehend aus unterschiedlichen Sprachspielen geht hervor, dass sich die Bedeutung eines Wortes aus der Weise seiner Verwendung in der Sprache ergibt (vgl. Wittgenstein 2003, §43). Wittgenstein vergleicht die Wörter mit Werkzeugen, die auf unterschiedliche Arten verwendet werden können: „So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen ihrer Wörter.“ (ebd. §11) Wir lassen uns hier, so Wittgenstein von der Gleichheit der Wörter verwirren, doch wie man mit demselben Werkzeug unterschiedliche Dinge tun kann, geht das auch mit dem gleichen Wort. Das Wort hat also keine feste, dogmatisch fixierte Bedeutung in allen Arten der Verwendung, sondern, wie oben gesagt, ergibt sich die Bedeutung eines Wortes aus seiner Verwendung. Voraussetzung dafür ist, dass wir mit Sprache immer etwas tun. Wir können, so Wittgenstein entweder eine körperliche Handlung angeben, die der Sprachhandlung entspricht (z.B. zeigen), wenn das nicht möglich ist, entsprechen die Worte einer geistigen Tätigkeit (vgl. ebd. §36).

Auch der Sinn eines Satzes besteht laut Wittgenstein in seiner Verwendung. Denn einerseits könnte man einen Satz wie „Bring mir eine Platte!“ als ein Wort auffassen, dass eine bestimmte Bedeutung in einem Sprachspiel und eine Handlung zur Folge hat. Andererseits aber muss der Satz dann als Satz betrachtet werden, wenn man ihn zu Sätzen wie „Reich mir eine Platte!“ abgrenzen möchte. Ob ein Satz als ein Wort betrachtet werden kann, hängt also von der Frage ab, was man mit dem Satz machen will, sie bestimmt die Bedeutung, bzw. den Sinn des Satzes (vgl. ebd. §20). Geht man nun davon aus, dass der Satz seinen Sinn durch die Verwendung erlangt, haben auch gleiche Wortlaute, die unterschiedlich verwendet werden, unterschiedliche Bedeutungen. „Fünf Platten!“ und „Fünf Platten.“ haben also unterschiedlichen Sinn, da sie unterschiedlich verwendet werden, um verschiedene Dinge zu erreichen. Etwa ein Befehl und eine Feststellung, oder eine Antwort auf die Frage, wie viele Platten noch vorhanden sind.

Was heißt es nun, ein Wort zu verstehen? Wenn die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch ist, und man sagt, wenn wir ein Wort hören, so können wir es verstehen. Ist das dann der „ausgedehnte ,Gebrauch‘“, den wir erfassen? (vgl. ebd. §138). „Was ist es denn eigentlich, was uns vorschwebt, wenn wir ein Wort verstehen ?“ (ebd. §139) ist hier die zentrale Frage. Das kann durchaus ein Bild in unserem Geiste sein, verstehen heißt aber weniger, so Wittgenstein, dass uns ein Bild eines Objektes vorschwebt, sondern, dass wir eine bestimmte Verwendung mit diesem Bild, bzw. dieser Vorstellung assoziieren (vgl. ebd. §139). Wir verstehen ein Wort, weil wir damit grundsätzlich eine bestimmte Verwendung selbstverständlich verbinden (vgl. von Savigny 1994, S.177).

Wie aus der Konzeption der Sprachspiele hervorgeht, muss bei der Analyse von Sprache auch ihr sozialer Aspekt berücksichtigt werden. Nur indem die geltenden Regeln befolgt werden, kann Sprache funktionieren (vgl. Wittgenstein 2003, §240). Damit eine Aussage Bedeutung haben kann, muss sie in das geltende Regelsystem, in die vorherrschenden Auffassungen, hineinpassen. „Zur Verständigung durch Sprache gehört nicht nur eine Übereinstimmung in den Definitionen, sondern […] eine Übereinstimmung in den Urteilen.“ (ebd. §242) Was mit einer Aussage gemeint wird, hängt also wesentlich davon ab, wie Sprecherinnen der Sprache die verwendeten Wörter verstehen (vgl. von Savigny 1994, S.289).

2.2 Austins Konzept von Sprache

Wie Wittgenstein wird auch J.L. Austin zur Strömung der ordinary language Philosophy gezählt, auch er beschäftigt sich mit der Alltagssprache und sieht in ihr den Schlüssel zum grundsätzlichen Verständnis der Sprache. Anders als Wittgenstein, der die Sprache in einzelne Sprachspiele unterteilte, versuchte Austin aber eine grundsätzlicher Konzeption von Sprache zu formulieren.

2.2.1 Bedeutung eines Wortes

Die Phrase „meaning of a word“ ist, so Austin, sinnlos, denn grundsätzlich ist das einzige, was Bedeutung hat, ein Satz. Ein Wort oder eine Phrase hat nur, wenn sie in einem Satz vorkommt, eine Bedeutung. Zu sagen, dass ein Wort eine Bedeutung hat, heißt, dass es Sätze gibt, die eine Bedeutung haben, in denen dieses Wort vorkommt (vgl. Austin 1979, S.56). Für die Bedeutung eines Wortes ist bei Austin also die Verwendung wesentlich, das Wort hat nur in seiner Verwendung in einem Satz Bedeutung.

Daraus folgt, dass es auch sinnlos ist, zu fragen, was die grundsätzliche Bedeutung „eines Wortes“ sei. Es ist nicht möglich, nach der Bedeutung zu fragen, obwohl man nicht die Bedeutung eines speziellen Wortes erfahren möchte: „I can only answer a question oft he form ,What ist he meaning of „x“?‘ if „x“ is some particular word you are asking about.“ (ebd. S.58)

Austin unterscheidet nun zwischen der Syntaktik und der Semantik eines Wortes. Wenn ich ein Wort erkläre, indem ich Sätze anführe und feststelle, wann das Wort angemessen verwendet wird und wann nicht, erkläre ich die Syntaktik. Demonstriere ich das Wort, indem ich etwa die Person, der ich es erkläre, dazu bringe, sich Situationen vorzustellen, in denen das Wort angemessen ist, beziehe ich auf die Semantik (vgl. ebd. S.57-60). Diese zwei Arten, ein Wort zu erklären, weisen schon auf die Auffassung von Bedeutung bei Austin hin (vgl. Harris u. Unnsteinsson 2017, S.377).

Wir verwenden Wörter so, argumentiert er, wie wir gelernt haben, sie zu verwenden. Am Beispiel „ausgedehnt sein“ und „eine Form haben“ stellt er dar, dass wir gelernt haben, diese Wörter so zu verwenden, dass die beiden Eigenschaften immer zusammenfallen (vgl. Austin 1979, S.68). Es geht also in den philosophischen Betrachtungen Austins weniger um die Bedeutung von Wörtern, viel wesentlicher sieht er den tatsächlichen Gebrauch von Sprache an. Diese tatsächliche Sprache, die untersucht werden soll, hat wenige, falls überhaupt irgendwelche expliziten Konventionen und kaum klare Grenzen und Regeln, nach denen sie funktioniert. Auch die Unterscheidung zwischen syntaktisch und semantisch ist nicht immer klar (vgl. ebd. S.67). In seiner berühmtesten Arbeit How to do things with words konzentriert sich Austin also nicht auf die Analyse der Funktionsweise von Sprache, sondern darauf, was man mit Sprache tun kann.

2.2.2 Sprechakttheorie

Austin teilt alle Aussagen in zwei Arten: Konstative, also beschreibende Aussagen und performative Aussagen, also Sprachhandlungen, mit denen ich etwas tue, wie etwa fragen, befehlen, o.ä. Diese Unterscheidung ist insofern problematisch als ich mit konstativen Sprechakten auch etwas tue, etwa Behaupten. Was diese Teilung aber bewirken soll, ist eine Abkehr von beschreibenden Aussagen, mit denen sich die Sprachphilosophie bis dato fast ausschließlich beschäftigte, hin zur Analyse von Äußerungen als Handlungen (vgl. Potter 2001, S. 52f).

Um zu analysieren, wie durch Sprache Handlungen vollzogen werden, wie durch Sprache etwas gemacht wird, teilt Austin eine Sprechhandlung in drei Akte ein:

Den lokutionären Akt, also das Äußern von Wörtern. Er wird in den phonetic act, also das Erzeugen von Lauten, den phatic act, das Sagen von bestimmten Wörtern oder Vokabeln einer Sprache und den rhetic act, das sinnvolle Äußern von Wörtern, dass sich auf Dinge bezieht, also eine Bedeutung hat, unterteilt (vgl. Austin 1975, S.95). z.B.: Das Sagen von „Ich taufe dieses Schiff auf xy.“

Den illokutionären Akt, also die Handlung, die wir ausführen „in saying something“ (ebd. S.99). Um den illokutionären Akt zu bestimmen, ist es notwendig zu Art, in der die Lokution, also die Äußerung von Wörtern, verwendet wird, zu bestimmen. Dies kann etwa das Fragen nach Informationen oder das Geben von Informationen sein, ein Versprechen geben, oder etwas Beschreiben (vgl. ebd. S.98). z.B.: Die Handlung des Taufens dieses Schiffes auf den Namen xy Den perlokutionären Akt, also etwas tun, dadurch, dass man etwas sagt. Er entspricht den Konsequenzen, die eine Sprechhandlung hat, die Effekte, die sie hervorruft (vgl. ebd. S.101). z.B.: Den Applaus des Publikums, der auf die Taufe folgt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Einflüsse von Wittgensteins Sprachphilosophie auf Austin
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V993516
ISBN (eBook)
9783346359438
ISBN (Buch)
9783346359445
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Austin, Sprachphilosophie, performative Äußerungen, Philosophische Untersuchungen
Arbeit zitieren
Benjamin Bartik (Autor), 2020, Die Einflüsse von Wittgensteins Sprachphilosophie auf Austin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993516

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