Wie konnte es möglich sein, dass Tarkovskij seine Filme in der Sowjetunion veröffentlichen durfte, obwohl sie dem Ideal der sowjetischen Kunst nicht entsprachen. Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Der sowjetische Drehbuchautor und Filmregisseur Andrej Arsen’evič Tarkovskij (1932-1986) gilt heute als einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Zeit. Er litt an seinem Schicksal, in einer für ihn ungünstigen Zeit und an einem unpassenden Ort berufstätig gewesen zu sein. In der Sowjetunion war es damals für Regisseure sehr schwer, ihre künstlerischen Ideen und Arbeitspläne umzusetzen.
Zu Lebzeiten von Andrej Tarkovskij war die Filmindustrie in der Sowjetunion, wie jede andere Industrie auch, ein wichtiges Monopol in Staatsbesitz und unter strenger staatlicher Kontrolle.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Filmhistorischer Kontext
2.1. Die offizielle Struktur der Filmindustrie zur Zeit Tarkovskijs
2.2. Andrej Rublëv: Entstehungs- und Vertriebsgeschichte
3. Die Reputation der Tarkovskij-Filme im Ausland
4. Untersuchung von Wirkung und ideologischer Kompatibilität
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Gründe für die Veröffentlichungsmöglichkeit der Filme von Andrej Tarkovskij innerhalb des restriktiven Zensursystems der Sowjetunion zu untersuchen und dabei das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Autonomie und ideologischer Konformität zu beleuchten.
- Strukturelle Analyse der sowjetischen Filmindustrie
- Entstehungsgeschichte des Films Andrej Rublëv
- Einfluss internationaler Reputation und Auslandsverleih
- Ideologische Kompatibilität mit dem Sozialistischen Realismus
Auszug aus dem Buch
2.1. Die offizielle Struktur der Filmindustrie zur Zeit Tarkovskijs
Während Tarkovskijs Schaffenszeit war die offizielle Struktur der Filmindustrie in der Sowjetunion folgendermaßen aufgebaut: Die oberste Instanz bildete das Staatskomitee für Kinematographie beim Ministerrat, Goskino, das von einem Präsidenten und einer Regierungskommission geleitet wurde. Zu Zeiten Tarkovskijs hatten Aleksej Romanov (1963-1972) und Filipp Ermaš (1972-1986) das Präsidentenamt inne. Die Regierungskommission setzte sich aus den Vorsitzenden der einzelnen Abteilungen zusammen, dem Herausgeber der offiziellen Kinozeitschrift Iskusstvo kino, dem Vorsitzenden der Behörde für die Drehbuchredaktion, einem Beauftragten des KGB und einer Anzahl der etabliertesten Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren.
Die einzelnen Filmstudios waren Goskino untergeordnet. So auch Mosfil’m, das größte und mächtigste Sowjetstudio, in dem Tarkovskij alle seine in der Sowjetunion entstandenen Filme drehte. Der Direktor von Mosfil’m war zu Tarkovskijs Anfangszeit Vladimir Surin, später der ihm wohlgesonnene Nikolaj Sizov. Der Direktor wiederum stand den Abteilungsvorsitzenden sowie einem Künstlerischen Rat vor, der alle Filme beurteilen und genehmigen musste. Dieser setzte sich aus etwa 75 bis 100 Filmemachern, lokalen Parteivertretern und Arbeitern zusammen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den sowjetischen Regisseur Andrej Tarkovskij vor und skizziert das restriktive Umfeld der Filmindustrie, in dem er agieren musste.
2. Filmhistorischer Kontext: Dieses Kapitel erläutert die staatliche Kontrolle über die sowjetische Filmindustrie, einschließlich der Rolle von Goskino und der Bedeutung des Sozialistischen Realismus.
3. Die Reputation der Tarkovskij-Filme im Ausland: Hier wird analysiert, wie Tarkovskijs internationaler Ruhm und die Nachfrage aus dem Ausland seine Position innerhalb der sowjetischen Zensurbehörden beeinflussten.
4. Untersuchung von Wirkung und ideologischer Kompatibilität: Dieses Kapitel untersucht die ästhetische und inhaltliche Differenz zwischen Tarkovskijs philosophischem Filmschaffen und den dogmatischen Anforderungen des Sozialistischen Realismus.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Tarkovskijs Fähigkeit zur Veröffentlichung seiner Werke vor allem seinem persönlichen Netzwerk, seinem internationalen Prestige und der Ambivalenz des sowjetischen Zensursystems zu verdanken war.
Schlüsselwörter
Andrej Tarkovskij, Sowjetunion, Filmzensur, Mosfil'm, Sozialistischer Realismus, Andrej Rublëv, Filmgeschichte, Goskino, künstlerische Autonomie, Ideologie, internationale Reputation, Filmproduktion, staatliche Kontrolle, künstlerische Freiheit, sowjetisches Kino.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die prekäre Arbeitsumgebung des sowjetischen Regisseurs Andrej Tarkovskij und wie es ihm gelang, trotz ideologischer Konflikte und strenger staatlicher Zensur seine Filme zu veröffentlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die bürokratische Struktur der sowjetischen Filmindustrie, die Mechanismen der Zensur, die internationale Anerkennung seiner Filme und der Widerstand gegen das Dogma des Sozialistischen Realismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Faktoren (persönliche Netzwerke, internationaler Ruhm, systemische Lücken) zu identifizieren, die Tarkovskij ermöglichten, seine Filme gegen den Widerstand der Zensurbehörden in die Kinos zu bringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse filmhistorischer Quellen, Tagebuchaufzeichnungen des Regisseurs sowie der Untersuchung der Entstehungsgeschichte ausgewählter Filme.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der historische Kontext der sowjetischen Filmkontrolle, die spezifischen Abläufe bei der Filmproduktion unter Goskino und die Rolle der Auslandsreputation als Schutzfaktor untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Andrej Tarkovskij, sowjetische Zensur, Sozialistischer Realismus, künstlerische Autonomie und internationale Reputation.
Warum war der Film "Andrej Rublëv" so umstritten?
Der Film war aufgrund seiner Länge, der Darstellung von Nacktheit und Gewalt sowie des Fehlens eines vordergründigen kommunistischen Optimismus politisch kontrovers und wurde jahrelang von den Behörden unter Verschluss gehalten.
Welche Rolle spielte das Ausland für den Regisseur?
Tarkovskijs internationaler Erfolg und die ständige Nachfrage europäischer Filmfestivals machten es den sowjetischen Behörden schwer, seine Filme dauerhaft zu unterdrücken, ohne international an Ansehen zu verlieren.
Warum verließ Tarkovskij schließlich die Sowjetunion?
Trotz seiner Erfolge war der künstlerische Schaffensprozess in der Heimat so stark durch ideologische Vorgaben und bürokratische Schikanen beeinträchtigt, dass er sich dauerhaft für die Freiheit im Ausland entschied.
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- Anonym (Author), 2020, Andrej Tarkovskij und die Zensur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993705