Der Verzauberter Birnbaum und das Belauschte Stelldichein - Untersuchung zur Transformation und Adaption eines Erzähltyps im Tristan


Hausarbeit, 1999

42 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Baumgartenepisode in ihren Bearbeitungen

III. Der Verzauberte Birnbaum im internationalen Erzählgut
1. Die Ehebruchslist zum Selbstzweck
2. Die Ehebruchslist als Replik
3. Zusammenfassung
4. Die Ehebruchslist im Mot. K 1532

IV. Der Verzauberte Birnbaum und das Belauschtes Stelldichein
1. Die Gemeinsamkeiten der Inhaltsform
2. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ausdrucksform

V. Schlußbetrachtung

VI. Anhang

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„In meiner Hypothese sind die Autoren [1] dieser Epen Regisseure vorgegebener literarischer Stoffe in vorgegebenen zeitgenössischen Erzählschematen, die sie aus der Außenrealität nur mit Detailrealismen auffüllen.“[2]

Hugo Kuhns „Anmeldung einer Hypothese“[3] am Ende seiner bewußt visionär gehaltenen Gegenüberstellung der Struktur des Tristan, des Nibelungenliedes und des Artusromans chrétienscher Prägung liest sich zunächst - losgelöst von ihrem theoretisch anspruchsvollen Kontext - kaum anders als eine Rekapitulation der allgemeinen Auffassungen und Standpunkte der bisherigen, meist stoff- und motivgeschichtlich orientierten Tristanforschung. Diese ist seit jeher davon überzeugt, durch das Auffinden stofflicher Parallelen oder deutlicher Textbezüge einen zeitlich und räumlich fixierbaren ursprung des Epos bestimmen und anhand von überlieferten Einzeltexten nachweisen zu können. Als Beispiel hierfür seien Bediers Bemühungen zur Rekonstruktion der Version von Thomas[4] und Schoepperles Studie über die diversen Quellen des Epos genannt.[5] Einigkeit erreichte man bis heute jedoch nicht und somit wurde der ursprung des Tristan im Laufe der Forschungsgeschichte auf unterschiedlichste Art und Weise verortet. Nahezu unvereinbar stehen sich vor allem die keltischen und die orientalischen ursprungshypothesen gegenüber: Auf der einen Seite der von Schoepperle aufgestellte Vergleich mit irischen Sagen, die von Schiffahrten ins Ungewisse und von Flucht handeln (immram und aithed)[6] und auf der anderen Seite die unter anderem bei Zenker zu findende Hypothese, „[...] dass [...] der ,Ur - Tristan‘, die Quelle aller Bearbeitungen dieser Sage, entweder direkt zurückgeht auf ein persisches romantisches Epos oder mit ihm aus der gleichen Quelle geflossen ist.[7] “ Neben diesen umfassenden Theorien, die nahezu den gesamten Tristan - Stoff als ,Plagiat‘ vorangehender Texte sehen, wurde jedoch schon früh die parallele zwischen großen Teilen des Epos und den Einfachen Formen erkannt. Diese von André Jolles als das Resultat elementarer menschlicher Geistesbeschäftigungen angesehenen Gattungen der Volkserzählungen [8] finden sich als folkloristisches Erzählgut in nahezu allen Kulturen in nahezu allen Zeiten und Zungen als mündlich oder schriftlich tradierte Geschichten wieder. Die mit dem zunehmenden Nationalbewußtsein in der Mitte des letzten Jahrhunderts einhergehende Aufwertung dieser Erzählungen bewirkte eine rege Sammeltätigkeit, die wiederum aufgrund der immer deutlicher zu Tage tretenden vielfachen stofflichen und thematischen Übereinstimmungen dieser Texte frühzeitig die Notwendigkeit zur Ordnung und Typisierung des Erzählmaterials erkennen ließ. Vor allem den Anhängern der geographisch - historischen Methode ist es zu verdanken, daß heute mit den Nachschlagewerken Aarnres und Thompsons umfangreiche Verzeichnisse verschiedenster Erzähltypen und Motive zur Verfügung stehen.[9] In den meisten Arbeiten, die sich der stoffgeschichtlichen Ursprungsfindung einzelner Episoden des Tristan mit Hilfe des folkloristischen Erzählgutes verschrieben haben, wurden auch die theoretischen Grundüberlegungen, auf denen diese Methode basiert, übernommen: Das von Anderson dargestellte Programm der sogenannten Finnischen schule beinhaltet die optimistische Vorstellung, sowohl die Urform als auch die ursprüngliche Heimat, die Entstehungszeit und auch die Wanderwege derselben unter Berücksichtigung bestimmter Untersuchungskriterien durch sammeln und Vergleichen verschiedener Aufzeichnungen und Versionen herausfinden zu können.[10] Als Beispiel für eine von diesen Prämissen ausgehende Tristan - Forschung seien die vielen umfassenden Untersuchungen Newsteads genannt, auf die bezüglich der hier im Speziellen zu untersuchenden Episode des Tristan noch häufiger einzugehen sein wird.

Setzt man KUHNs eingangs zitierte Aussage wieder in ihren eigentlichen Kontext, so erkennt man, daß sein Vorschlag zur Betrachtung der mittelalterlichen Epen in ihrem (literatur-) geschichtlichen Umfeld weit über das hinausgeht, was an dieser stelle bisher genannt wurde. Die Komplexität seiner Überlegungen verbietet naturgemäß eine verkürzte, dem Rahmen einer Einleitung angemessene Darstellung; dennoch soll dies hier versucht werden, denn nur so kann verständlich werden, worin sich meine Arbeit von der Herangehensweise einer stoff- und motivgeschichtlich orientierten Forschung unterscheiden soll:

In das Zentrum des Interesses rückt - nach meinem Verständnis Kuhns - nun nicht mehr die Suche nach genetischen Abhängigkeitsverhältnissen und historischen Textursprüngen, sondern - ohne daß dies explizit formuliert wird - das Spannungsfeld zwischen Text und Intertext, zwischen Erzählen und Wiedererzählen und somit auch zwischen Erzählschema und Erzählschemabruch. Vor dem Hintergrund einer tiefenstrukturorientierten Textauffassung sieht Kuhn im Tristan und im Nibelungenlied „Strukturerzählungen“[11], die auf abstrakten, „[...] weltliterarischen zeitgenössischen Strukturtypen [...][12] “ beruhen; seine „Strukturgedanken“[13] bewegen sich auf der Ebene von Makrostrukturtypen, die sich als konkrete und nach ihrer Realisierung weite Passagen eines Textes umfassende Erzählschemata - zum Beispiel in Gestalt der ,Gefährlichen Brautwerbung‘[14] - in diesen Epen wiederfinden lassen. Diese Schemata dienen dem mittelalterlichen Autor als Versatzstücke - als Teile eines strukturellen Erzählrepertoires - und geben ihm die Möglichkeit, ohne vor seinem Publikum als vindaere wilder maere[15] zu gelten, über das Darstellen von Neuem im Bekanntem den Affekt seiner Zuhörer zu erregen:

„Solche ,Schemaliteratur‘ folgt nicht der ästhetischen Norm der Innovation sondern derjenigen der schemabezogenen Variation.“[16]

Schema und Schemabruch werden vor der Folie ihrer historischen Außenrealitäten zu Faktoren, die „[...]zusammen Bedeutungen ansagen ohne sie auszusagen[...]“[17]. Die spezielle Nutzung dieser Strukturen macht sie zu einem bedeutungstragenden Element, was nach Kuhn die Möglichkeit einer neuen literaturgeschichtlichen Sichtweise dieser Texte eröffnet:

„Literatur nicht mehr in Geschichte, sondern Literatur als Geschichte.“[18]

Wenn sich meine Arbeit auch nicht zum Ziel setzt, diese Geschichtlichkeit des Tristan im Speziellen zu untersuchen, so sollen dennoch einige von Kuhns , Strukturgedanken‘ übernommen werden, um ihr Konzept auf einer etwas weniger abstrakten Ebene anzuwenden. Im Mittelpunkt soll der Zusammenhang zwischen einzelnen, über ein gemeinsames ,Versionsrückgrat‘ verbundenen Typen von Einfachen Formen - kurz: Erzähltypen[19] - und ihre Behandlung im Tristan stehen. In diesem Sinne stellt diese Arbeit den Versuch dar, dreierlei zu leisten: Zum ersten soll das für eine bestimmte Episode des Textes relevante folkloristischen Erzählgut unter Berücksichtigung des bei Aarne und Thompson aufgeführten Erzähltyps hinsichtlich seiner möglichen Schemahaftigkeit untersucht werden. Zum zweiten sollen einige stoffgeschichtliche Rekonstruktionsbemühungen dieser Episode, die sich meist auf eben dieses Erzählmaterial beziehen, auf ihre Zulässigkeit hin betrachtet werden, und zum dritten soll das Arbeiten mit diesen Schemata auf bewußte oder unbewußte bedeutungstragende Variation durch die ,Tristan - Regisseure‘ hin untersucht werden. Hierzu erscheint es zunächst unerläßlich, die Variationsbreite der Episode über die einzelnen Bearbeitungen des Tristan - Stoffes zu erfassen, denn im Vordergrund soll nicht eine einzelne Autorenpersönlichkeit mit ihrer Version stehen, sondern der Stoffvergleich zwischen Epos und Erzähltyp.

Die textliche Grundlage dieser Untersuchung ist die erste Baumgartenepisode des Tristan - das Belauschte Stelldichein [20] - die im zweiten Kapitel in ihren Bearbeitungen dargestellt werden soll. Der dritte Teil liefert die stoffgeschichtlichen Grundlagen der Untersuchung, wobei einige Regeste der Kurzerzählungen in einem Anhang zusammengefaßt sind, um dieses Kapitel nicht mit Material zu überfrachten. Hieran schließt sich der Vergleich mit der Baumgartenepisode an. Den Abschluß bildet ein ausblickendes Kapitel mit einigen methodisch - kritischen Überlegungen.

II. Die Baumgartenepisode in ihren Bearbeitungen

Vom Belauschten Stelldichein - dem heimlichen Treffen Tristans und Isoldes unter einem Baum, das dank der Geistesgegenwart des Paares gut endet, obwohl die beiden von König Marke argwöhnisch aus der Krone des Baumes beobachtet werden - erzählen alle Bearbeiter des Stoffes, sofern die Texte ihren fragmentarischen Charakter nicht eben hier deutlich werden lassen. Diese Episode der Artusepik ist es wohl auch, die dem mittelalterlichen Publikum, beziehungsweise den mittelalterlichen Künstlern am meisten zugesagt hat, denn „[n]o episode in the matière de Bretagne is more often represented in medieval art.[21] “ Der Vergleich der einzelnen Quellen zeigt, daß über die Grundstruktur dieser Erzählung weitestgehend Einigkeit herrscht. Dennoch gilt teilweise auch hier: Seigneurs, cest cunte est mult divers.[22]

Diese Unterschiede herauszuarbeiten erscheint notwendig, nicht nur um die unterschiedliche Herangehensweise an den Stoff und die damit verbundenen verschiedenen Auffassungen der Bearbeiter zu erfassen, sondern auch, um einen Stoff des Belauschten Stelldicheins über die verbleibenden Gemeinsamkeiten letztlich erst greifbar werden zu lassen. Deshalb soll hier zunächst die - neben der von Eilhart - am besten überlieferte Version von Gottfried dargestellt werden, um sie dann mit den anderen Texten zu vergleichen. Gottfried erzählt wie folgt:

Nachdem Tristans ehemaliger cumpanjûn, der Truchseß Marjodo, von seinem Verhältnis mit Isolde erfahren hat, entfacht er erstmals Markes Zweifel an Isoldes Treue. Nach diversen Listen und Gegenlisten - und Markes immer wieder erwachendem und besänftigtem zwîfel und arcwân [v. 13778] - schafft es Marjodo, mit Hilfe des Zwergen Melot den König dazu zu bringen, „[...] von der theoretischen Prüfung zum praktischen Experiment [zu schreiten]: Tristan wird der Umgang mit Isolde und den Damen des Hofes verboten.“[23] Die erzwungene Trennung bereitet Isolde und Tristan so offensichtlichen Kummer, daß selbst Marke, der sich sonst meist auf die Auffasungsgabe seiner Intriganten verläßt, die Zeichen erkennt:

Und Marke enstount sich al zehant und kôs wol an in beiden, ir vremeden und ir scheiden daz in daz an ir herze gie. westen sî wâ oder wie, si saehen gerne ein ander.

[v. 14344 - 14349]

So ersinnt er eine List:

ein ursuoche vander und hiez an den stunden die jegere mit den hunden ze walde sich bereiten.

[v. 14350 - 14353]

Trotz der für sie scheinbar günstigen Gelegenheit bleiben Tristan und Isolde ratlos, wie ein unbeobachtetes Treffen zu bewerkstelligen sei. Einmal mehr ist es Brangäne, die ihnen eine Möglichkeit aufzeigt: Diese schlägt Tristan vor, daß er, wolle er Isolde sehen, einen mit ihrer beider Initialen markierten Holzspan in den Bach beim boumgarten werfen solle, der an den Frauengemächem des Schlosses vorbeifließe. Dies sei für Isolde das Signal, daz ir dâ bî dem brunnen sît. [v. 14443]. Im Schatten des öleboum solle sie dann warten. Dank dieses geheimen Zeichens gelingt es den beiden mehrfach, sich in den darauffolgenden Nächten unbemerkt zu treffen.

Unglücklicherweise beobachtet Melot eine ihrer Zusammenkünfte, wenn er die Frau an Tristans Seite auch nicht erkennen kann. Um ihn in eine Falle zu locken, fingiert der Zwerg eine Bitte Isoldes um ein Rendezvous. Tristan durchschaut die List und weist den Zwerg zurück.[24] Dieser reitet daraufhin zu Marke und informiert ihn über die geheimen Treffen. Melot schlägt dem König vor, das seiner Meinung nach in der nächsten Nacht zu erwartende, geheime Stelldichein zu belauschen: sô muget ir selbe nemen war, / wie sì gewerben under in. [v. 14596f.]

Der einzige Platz, der ihnen dafür geeignet erscheint, ist der Ölbaum, den sie gemeinsam besteigen, um auf das Paar zu warten. Tristan erscheint auch tatsächlich und sendet Isolde das verabredete Zeichen. Kurz darauf entdeckt er die Gefahr, in die er und Isolde sich begeben haben: Wegen des hellen Mondlichts zeichnen sich die Schatten der Lauscher im Gras ab. Er fleht um Gottes Beistand und hofft, daß Isolde die Gefahr ebenfalls erkennt. Dies tut sie auch, da ihr Geliebter ihr nicht wie üblich bei ihrer Ankunft entgegeneilt, sondern still stehen bleibt. Auf diese Weise alarmiert, sieht auch sie die Schatten und erkennt den Hinterhalt.

Isolde übernimmt improvisierend die Initiative und tadelt Tristan, daz ir mir ze dirre zît / dekeiner sprâche muotet. [v. 14720f.] Weiterhin spricht sie von der triuwe [v. 14725], die Tristan seinem Oheim und ihr schulde und die sich in Anbetracht der michel maere [v. 14746] über ihr Verhältnis wohl kaum mit einer möglicherweise kompromittierenden Unterredung vereinbaren lasse. Vor Marke und Melot also „[...] simuliert sie die Entrüstung einer untadeligen, Tristan distanziert gegenüberstehenden Königin [,..]“[25]. Isolde geht jedoch noch einen Schritt weiter und beschwört sogar bei Gott ihre Unschuld - zumindest in Markes Augen: und gihe’s ze gote, daz ich nie ze keinem manne muot gewan und hiute und iemer alle man vor mînem herzen sint verspart niwan der eine, dem dâ wart der êrste rôsebluome von mînem magetuome.

[v. 14760 - 14766]

Tristan führt die List im Sinne Isoldes fort und bittet sie im Interesse seiner, ihrer und Markes êre [v. 14820], den zorn und haz [v. 14810] des Königs so lange zu besänftigen, bis es ihm möglich sei, das Land zu verlassen und liefert damit den angeblichen Grund für das geheime Treffen. Dies lehnt die Königin zunächst ab, da ihr das Risiko zu groß sei, durch eine Bitte zu Tristans Gunsten noch weiter in Ungnade zu fallen. Dennoch verzeiht sie ihm und verspricht letztlich doch, noch bei Marke für ihn zu sprechen, als Anerkennung dafür, daz ir niht valsches habet getân / wider mînen hêrren unde mich. [v. 14888f] Tristan dankt ihr und verabschiedet sich, jedoch nicht ohne vorher noch zu beteuern: wan got weiz wol, erde unde mer / diun getruogen nie sô reine wîp. [v. 14902f.]

Nachdem das Paar getrennt und trûrende [v. 14914] den Handlungsort verlassen hat, bereut König Marke, daß er die beiden ze arge haete bedâht [v. 14921] und tadelt den Zwerg Melot, daz er in haete betrogen / und ime sîn reine wîp belogen. [v. 14927f.]

Thomas‘ Version der Episode ist nicht überliefert. Die wichtigsten, vermutlich auf seinem Text basierenden Zeugen, die auch vom Belauschten Stelldichein erzählen, sind die altnorwegische Prosafassung Tristrams Saga des Bruders Robert, das mittelenglische Gedicht Sir Tristrem und Gottfrieds Tristan. Da nach Newstead die Tristrams Saga in einigen Punkten von Gottfrieds Text abweicht und außerdem „[...] sadly abbreviated [,..]“[26] ist, bleibt Gottfried als einziger Nachfolger Thomas‘ und somit auch als Vertreter der sogenannten version courtoise übrig, denn „[t]he English Sir Tristrem is too muddled to be a reliable guide to the content of Thomas’s poem.[27] “ Eine Rekonstruktion in der Manier BEDIERs[28] wäre also zumindest strittig und soll daher an dieser Stelle auch nicht versucht werden.

Eilhart von Obergs Tristrant und Isalde ist die einzige, nicht Fragment gebliebene Version des Stoffes, die der estoire[29] noch recht nahe stehen könnte - falls diese supponierte französische Urfassung des Tristan als eine allen frühen Bearbeitern gemeinsame Vorlage je existiert hat. Eilhart erzählt die erste Baumgartenepisode [v. 3277 - 3771] in einigen Punkten anders als Gottfried:

Auch er beginnt mit einer Trennung der Liebenden, gestaltet diese jedoch drastischer: Marke weist Tristrant wütend vom Hofe, nachdem sein Verdacht durch die anderen Minnefeinde unter der Leitung seines Neffen Antret geweckt wurde und er eine Umarmung des Paares beobachtet. Dem Zwerg kommt ebenfalls eine andere Rolle zu.[30] Er erfährt dank seiner Fähigkeit, in den Sternen zu lesen [v. 3520f.], von den Treffen Tristrants und Isaldes unter dem Baum, der hier eine Linde ist. Er ist es auch, der dem König daraufhin die List vorschlägt, eine Jagd vorzutäuschen, um das Stelldichein zu beobachten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Isalde im Baumgarten erscheint, stimmen die Texte abgesehen von der andersartigen Zeichenbotschaft[31] und unwesentlichen Abweichungen, wie dem hier durch die Frauengemächer fließenden Bach [v. 3504f.], auf der Handlungsebene weitestgehend überein. Isalde erkennt jedoch den Hinterhalt nicht selbst, sondern muß erst von Tristrant durch sin wincken [v. 3651] auf die Gefahr aufmerksam gemacht werden. Auch hier übernimmt die Frau die Initiative, eine verbale Gegenlist zu inszenieren, wobei Tristrant nach seiner Bitte um Fürsprache bei Marke eine wesentlich härtere Erwiderung Isaldes erfährt als bei Gottfried: tät dir min herre den tovt, / daß wer mir in lieber wÿs. [v. 3556f.]. Da Isalde ihm nicht helfen will, Markes huld wiederzuerlangen, gibt Tristrant in Eilharts Version vor, das Land verlassen zu wollen, um seine Dienste dort zu leisten, wo man ihn schöner und baß / halt und nicht hasset, [v. 3592f.]. Jedoch auch seine Bitte, Marke um die Auslösung seines Besitzes anzuhalten, schlägt Isalde aus und läßt ihn allein.

Berols Text ist nur unvollständig überliefert und setzt mit Isoldes List zu Beginn des Belauschten Stelldicheins [v. 1 - 580] ein. Die Vorgeschichte der Episode läßt sich aus diesem Grund nur mittelbar erfassen. Einige Fragen bleiben ungeklärt, so zum Beispiel, ob Mark, wie in den anderen Versionen, das Stelldichein des Paares dadurch forciert, daß er vortäuscht auf die Jagd zu reiten. [32] Auch über die Zeichenbotschaft läßt sich nichts erfahren außer Mandai toi, est or es ici; [v. 94]. Dennoch bietet Berol eine sehr ausführliche Darstellung der Episode, die sich nur in einigen Punkten auf der Ebene der histoire von Eilharts Version unterscheidet: Der Schauplatz der Handlung ist in diesem Fall eine Fichte [v. 404; v. 415] an einem Brunnen [v. 351] und Mark besteigt den Baum ohne den sternenkundigen Zwerg Frocin, obwohl dieser ihn dazu angestiftet hat: En cest arbre me fist monter, [v. 267].

Der Ablauf der täuschenden Unterredung des Paares ist bei Eilhart, Berol und Gottfried weitestgehend gleich: Isolde fordert von Tristan eine Rechtfertigung für das Treffen.[33] Dieser bittet sie um Fürsprache beim König, um dessen Gunst wiederzuerlangen,[34] was Isolde ablehnt. Bei Eilhart und Berol bittet Tristan sie darüberhinaus, dem König die Auslösung seiner Habe nahezulegen, damit er den Hof in Ehren verlassen könne.[35] Dies wird von ihr ebenfalls abgelehnt.

Die einzelnen Versionen unterscheiden sich bei der Ausgestaltung der Gegenlist hauptsächlich auf der discours - Ebene in der Betonung jeweils unterschiedlicher Aspekte der vorgetäuschten Unschuld des Paares: [36] Bei Eilhart wird eindeutig das angebliche Ressentiment Isoldes gegen Tristan in den Vordergrund gestellt.[37] Berol hingegen legt sein Augenmerk auf das untadelige Verhalten Tristans, das Isalde unter anderem durch ihren Verweis auf dessen Heilbringerrolle im Kampf gegen Morolt betont. Ihre eigene Unschuld beweist sie in Markes Augen ebenso wie bei Gottfried durch einen doppeldeutigen Schwur:

Li rois pense que par folie, Sire Tristran, vos aie amé; Mais Dexplevis ma loiauté, Qui sor mon cors mete flaele, S’onques fors cil qui m’ot pucele [v. 20 - 25]

Dieses Motiv kann als Vorwegnahme der ebenfalls nur bei Gottfried und Berol vorkommenden Episode des Gottesurteils [38] gedeutet werden:[39] Hier wie dort dient Gott als unanfechtbare Wahrheitsinstanz, vor der ein doppeldeutiger Eid abgelegt wird, der von Marke in Anbetracht der Allwissenheit Gottes als unwiderlegbarer Unschuldsbeweis interpretiert werden muß. Der eigentliche Sinn hinter dem Wortlaut des Schwurs klärt jedoch nicht die Schuldfrage im Sinne des Königs, sondern verweist auf ein Ereignis, das nur den eingeweihten Personen und der Ordalinstanz bekannt ist, die anders als hier in der Episode des Gottesurteils auch wirklich eingreift und Isolde die Eisenprobe bestehen läßt. Bei Berol wird diese Parallele zusätzlich noch durch Tristrans vorgebliche Bereitschaft zum Ordal der Feuerprobe deutlich, das er vorschlägt, da es am Hofe niemanden gebe, der mit ihm die ritterliche Version des Gottesurteils - den Zweikampf - praktizieren wolle:

Dame, ore li dites errant Qu’il face faire un feu ardant, Et je m’en entrerai el ré; Se ja un poil en ai bruslé De la haire qu'avrai vestu, Si me laist tot ardoir u feu; Qar je sai bien n’a de sa cort Qui a batalle o moi s’en tort.

[v. 149 - 156]

Eine inhaltlich völlig übereinstimmende Paraphrase dieser drei Versionen ist aufgrund der genannten Unterschiede kaum zu erstellen. Dennoch soll mit der folgenden segmentierten Darstellung versucht werden, die Inhaltsform dieser Episode näherungsweise abzubilden, um einen Vergleich mit dem internationalen Erzählgut, das in einigen Fällen ebenfalls schematisch dargestellt werden soll, zu vereinfachen:

Schema A:

1 Kommunikationsverbot 2 Vorgetäuschte Jagd

3 Hinterhalt Markes im Baum

4 Tristan betritt den Handlungsort[40] und gibt das Signal 5 Tristan erkennt die Falle

6 Isolde betritt den HO, erkennt die Falle und improvisiert eine Gegenlist:

6.1 I: Vorgebliche Entrüstung über das späte Treffen

6.2 T: B itte um Fürsprache beim König

6.3 I: Ablehnung

6.4 T: Gibt vor, abreisen zu wollen; Bitte um Auslösung

6.5 I: Ablehnung

7 Marke ist von ihrer Unschuld überzeugt

III. Der Verzauberte Birnbaum im internationalen Erzählgut

„The distinctive tree with its hidden observers seems to have been contributed by the immensely popular fabliaux, of Oriental Origin, known as the Enchanted Tree.“[41

Zu diesem Ergebnis kommt Newstead in ihrer stoffgeschichtlichen Untersuchung der ersten Baumgartenepisode des Tristan. Worauf sie sich hier bezieht, ist eindeutig: Aarne und Thompson subsumieren in ihrem Index unter dem nahezu gleichnamigen Erzähltyp sämtliche Erzählungen, deren stoffliches Gerüst sich auf folgendes Kurzregest reduzieren läßt:

„1423 The Enchanted Pear Tree. The wife makes the husband, who has seen her adultary from the tree, believe that the tree is magic (or that he has seen double).[42]

Der gleiche Eintrag findet sich - um ein submotiv erweiter[43] - unter der Bezeichnung K1518 auch in Thompsons Motivindex. Nach den Kriterien, die bei der Aufstellung der beiden Register angewendet wurden, handelt es sich folglich um einen Erzähltyp, der von nur einem Motiv gebildet wird.[44] Bei einer derartigen Übereinstimmung in der Typdefinition und Newsteads konkreter Bezugnahme auf den ,Verzauberten Baum‘ ist zu vermuten, daß es sich um einen eindeutigen und scharf umgrenzten Erzähltyp mit klar zuzuordnenden Einzelerzählungen handelt; doch wie Wentersdorf in Anlehnung an Dempster[45] bemerkte: „[...] the label is less than satisfactory.“[46] Um Verwirrung vorzubeugen, soll hier - aller berechtigten Kritik zum Trotz - im weiteren Verlauf vom Verzauberten Birnbaum die Rede sein, wobei an einigen stellen die Unzulänglichkeit der klassischen Typbezeichnung deutlich werden wird.

Es soll, wie gesagt, nicht das Ziel dieser Arbeit sein, einen Ursprung der Tristan - Episode über die vermeintliche Rekonstruktion der Stoffgeschichte zu finden. Wenn man von einer ursprünglich mündlichen Tradition des folkloristischen Erzählmaterials ausgeht, ist eine erfolgreiche Untersuchung sowohl der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb des Erzähltyps als auch der räumlich - zeitlichen Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte eines Stoffes kaum je zu leisten. Aus diesem Grund erscheint es auch als wenig aussichtsreich, Aussagen über die genetischen Beziehungen der Baumgartenepisode mit verschiedenen Texten der popular tradition zu treffen. Die Ursprünge des Tristan - Stoffes liegen weitestgehend im Dunkeln, und wo Übereinstimmungen zu finden sind, lassen sich deren direkte Quellen nicht mehr oder nur schemenhaft erschließen. Um Stierles [47] Begriff der Intertextualität zu verwenden: Man wird nicht in der Lage sein, die produktionsästhetischen Zusammenhänge zwischen dem Text und seinen folkloristischen Intertexten zu erfassen oder einen eventuell vorhandenen Bezug als intendiert oder nicht intendiert zu klassifizieren. Im weiteren Verlauf werde ich deshalb versuchen, den Vergleich auf der Ebene einer rezeptionsästhetischen Intertextualität durchzuführen. Es soll dabei die Position eines Rezipienten eingenommen werden, der die Kenntnis des überlieferten Erzählgutes mit der des Tristan verbindet, um aus dem Vergleich der Stoffe deren intertextuellen Bezüge, also auch ihre semantischen und strukturellen Erweiterungen in der Baumgartenepisode nachzuvollziehen. Obwohl es für eine derart subjektive Vorgehensweise keine Rolle spielt, ob die Bezugstexte vor oder nach dem vermutlichen Entstehungszeitpunkt des Tristan - Stoffes datiert werden, soll den stoffgeschichtlichen Ansätzen Newsteads oder Schoepperles[48] insofern gefolgt werden, als daß ihre Auswahl an traditionellem Erzählgut ebenfalls berücksichtigt wird, um den damit verbundenen positiven Befund für einen direkten genetischen Zusammenhang mit der besagten Episode kritisch zu beleuchten. Übereinstimmend mit ihrer Vorgehensweise soll sich die Auswahl der Texte daher nicht nur an dem Material des AaTh 1423 orientieren, sondern auch Erzählungen berücksichtigen, die nur am Rande mit diesem Erzähltyp in Verbindung gebracht werden können, jedoch um so mehr stoffliche Elemente mit der Baumgartenepisode des Tristan teilen.

Bevor eine derartige Analyse möglich wird, muß zunächst einmal geklärt werden, von welchem traditionellen Stoff überhaupt die Rede sein soll. Dies gestaltet sich bei dem, wie zu zeigen sein wird, äußerst inhomogenen Gebilde AaTh 1423 als sehr schwierig. Um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen, muß man die in Frage kommenden Erzählungen auf ihre varianten und invarianten Strukturpositionen untersuchen. Dies eröffnet im günstigsten Fall die Möglichkeit, auf eine einheitliche Inhaltsform - die histoire - hin zu abstrahieren, um dann mit dem konstruierten Erzählsubstrat einen einheitlichen Erzähltyp zu begründen. Der Versuch, dies an gemeinhin dem Verzauberten Birnbaum unterstellten Texten durchzuführen zeigt jedoch, daß eine derartige Vorgehensweise unweigerlich zu einem hohen Abstraktionsniveau führt, was dafür spricht, die einzelnen Erzählungen nicht in ein genetisches Verwandtschaftsverhältnis zueinander zu setzen, sondern vielmehr den Zusammenhang auf einen rein thematischen zu beschränken:

„Es scheint sich nicht, wie immer wieder behauptet wird, um , einen einzigen Erzähltyp ‘ zu handeln, dem man die ansprechende Überschrift ,der verzauberte Birnbaum‘ geben könnte und der sich im Laufe der Zeit nur auseinanderentwickelte. Aber es ist auch wiederum nicht so, daß hier gar kein Zusammenhang bestünde. Was die erwähnten Erzählungen miteinander verbindet, ist eben das Thema des doppelt betrogenen Ehemannes[...][49]

Wenn es auch sicherlich fraglich ist, einen doppelten Betrug anzunehmen, also die noch näher zu erörternde Frauenlist in einen Betrug am Ehemann und am Augenzeugen aufzuteilen[50] - zumal der Gatte in manchen Erzählungen und unter anderem auch im Tristan nicht einmal Augenzeuge des körperlichen Ehebruchs wird - so kann man mit Beyerle durchaus insofern übereinstimmen, daß in den einzelnen Texten besonders der Aspekt der Täuschung thematisiert wird. Akzeptiert man dies als eine mögliche thematische Charakterisierung der Erzählungen des AaTh 1423, so kann man als Konsequenz daraus nun auch einige der anderen Geschichten mit einbeziehen, die aus dem Motivfundus der „Deception connected with adultery“[51] schöpfen: Von besonderem Interesse für diese Arbeit sind hierbei die Motive K1532 und K1533 - „Gullible husband under the bed‘ und „Gullible husband behind the tree (Tristan and Isolt)“.[52]

Die ,Täuschung in Verbindung mit Ehebruch‘ ist auch ein Aspekt, aufgrund dessen die Texte als schwankhaft zu bezeichnen sind: Betrug, Streich (swanc), List und Gegenlist als Ausdruck der Unzulänglichkeit des (ehelichen) Zusammenlebens; ein relativ festgelegter Rollenapparat mit typischen Charakterzuweisungen, wie dem einfältigen Bauern und seiner listig - treulosen Gattin, die aber stets Ehesiegerin bleibt, dem Pfaffen als Verführer und Ehebrecher und dem auch sonst meist niederen standestypischen Personal - all dies sind nach STRAßNER Aspekte des Schwanks, was nicht zuletzt durch die eindeutige Orientierung auf eine Pointe hin noch verstärkt wird. Der Affekt des Lesers wird in den Einzeltexten des AaTh 1423, wie auch in vielen anderen schwankhaften Erzählungen, über das Durchspielen unwahrscheinlicher und abstruser Möglichkeiten erreicht, die sich als Resultat des Durchbrechens gesellschaftlich sittlicher Normen - hier durch den Ehebruch repräsentiert - ergeben.[53]

Neben all diesen grobthematischen Übereinstimmungen ist es jedoch durchaus möglich, eine weitere Unterteilung der Erzählungen durchzuführen, und zwar anhand der Art und Weise, in der die Motivation zur Ehebruchslist erfolgt: Zum einen gibt es eine auch heute noch sehr vitale Erzähltradition,[54] in der die Täuschung des Gatten aus spielerischem Übermut erfolgt - teilweise als Liebesbeweis, teilweise aber auch völlig unmotiviert - zum anderen existiert eine große Gruppe von Erzählungen, in denen die List als Replik auf den entdeckten Ehebruch zu werten ist.[55]

1. Die Ehebruchslist zum Selbstzweck

Eine frühe schriftliche Version der erstgenannten Erzähltradition läßt sich um 1200 im persischen Kitâb el Azkid des Ibn el Gauzi nachweisen, die auch aus dem weiten Umfeld der Erzählungen von Tausenundeiner Nacht bekannt ist.[56]

Regest I: Ibn el Gauzi (Typ a) Die Wunderpalme[57]

Der Liebhaber einer Bauersfrau verlangt von dieser, daß sie ihm in Gegenwart ihres Mannes beiwohnen solle, da er sonst kein Wort mehr mit ihr rede. Die Frau schlägt daraufhin ihrem Gatten vor, in den Garten zu gehen, da sie sich von der dort stehenden Palme Datteln pflücken wolle. Sie besteigt den Baum und beschuldigt in der Krone angekommen ihren Gatten, er wohne in ihrer Gegenwart einer andern Frau bei. Der Ehemann beteuert seine Unschuld und bekräftigt dies, nachdem seine Frau vom Baum herabgestiegen ist, damit, daß er sich von ihr scheiden lassen wolle, wenn er nicht allein gewesen sei. Daraufhin besteigt er die Palme. Die Frau läßt nun ihren Geliebten kommen, woraufhin dieser ihr beiwohnt. Der Ehemann sieht dies, weist seine Beobachtung jedoch der Zauberkraft der Palme zu, auf die er ja vorbereitet wurde: „[...] [D]enn jeder, der diese Palme besteigt sieht dasselbe wie du.“[58]

Auffällig an dieser Erzählung, die in diesem Punkt stellvertretend für die anderen Texte dieser Tradition stehen kann, ist, daß es sich um eine gekonnte, zum Selbstzweck erfolgende Betrugsinszenierung handelt: Die List dient nicht dazu, einen zufällig entdeckten Ehebruch zu vertuschen, sondern „[d]ie Mystifizierung des Ehemannes ist um ihrer selbst willen da[.]“.[59]

Die gesamte Handlung wird, abgesehen von der als auslösendes Moment vorangestellten Aufforderung des Liebhabers, von der Frau dominiert und gelenkt. Sie ist es, die das Geschehen zu einer einzigen Vorbereitung des ,doppelten Betrugs‘ werden läßt.

Schon allein der Handlungsort, zu dem sie ihren Gatten lockt, erscheint nahezu perfekt: Die Wahl eines Baumes versetzt sie in die Lage, eine Beobachterposition einzunehmen, die sowohl durch die räumliche Trennung zum Beobachteten als auch durch die Änderung des Blickwinkels von der Normal- zur Vogelperspektive eine nicht alltägliche Wahrnehmung ermöglicht. Im Zusammenhang mit den mythischen Konnotationen von Bäumen[60] wird dadurch dem Ehemann am Ende eine objektgebundene Sinnestäuschung plausibel. Dies wäre durch andere Hilfsmittel, die nicht von sich aus schon eine Veränderung der Sinneswahrnehmung hervorrufen würden, nur schwer zu erreichen. Außerdem bietet der Obstbaum die Möglichkeit, sein Besteigen per se zu legitimieren: Nur so ist es möglich, an die Früchte zu gelangen, wodurch die Voraussetzung für die erfolgreiche List geschaffen wird. Die Erzählung weist jedoch einige Inkonsequenzen in der Handlungslogik auf: Zum einen bleiben die Beweggründe des Mannes, nach den von ihm dementierten Anschuldigungen seiner Frau nun seinerseits die Palme zu besteigen, unklar und sein Handeln erscheint unmotiviert; zum anderen muß die Palme die Fähigkeit besitzen, zunächst eine Frau und dann einen Mann herbeizuzaubern, was die ganze Situation unwahrscheinlich erscheinen läßt.

Beide Ungereimtheiten werden in der mittellateinischen Verserzählung Comoedia Lydiae aus dem 12. Jahrhundert - der ersten nachweisbaren Version des Abendlandes - durch die Einführung einer dritten handelnden Person bereinigt.

Regest II: Matthieu de Vendôme (?) / Arnulf von Orléans (?), (Typ b) Comoedia Lydiae [v. 461 - 556][61]

Lydia, die Frau des Fürsten Decius liebt einen Ritter namens Pirrus (lat. Birnbaum). Als Zeichen ihrer Zuneigung und Listigkeit verspricht sie ihm, daß ihr Mann sie zusammen überraschen solle, ohne seinen Augen zu trauen. So gibt sie vor krank zu sein und geht in Begleitung von Decius und Pirrus in den benachbarten Garten um sich im Schatten eines Birnbaums zu erfrischen. Auf Anraten des Fürsten klettert Pirrus in den Baum um einige Birnen zu pflücken. Plötzlich ruft er aus, daß Decius und seine Frau seine Anständigkeit durch ihr unsittliches Benehmen beleidigten. Dem verwunderten Decius erklärt Lydia, daß der Baum seltsame optische Illusionen hervorriefe, da er verzaubert sei. Der Fürst besteigt daraufhin den Baum um selbst nachzuschauen. Unterdessen macht das Liebespaar die vorgetäuschte Illusion zur Realität. Decius, der von oben zusieht, ist erstaunt über das Spektakel aber die beiden anderen überzeugen ihn, daß der Baum die Schuld trägt, und so befiehlt er, diesen zu fällen.[62]

Der nun aktiv an der Durchführung der List beteiligte Liebhaber übernimmt hier anstelle der Frau die Aufgabe, im Baum - der in dieser frühen abendländischen Version zum ersten Mal wirklich ein Birnbaum ist[63] - die Beobachtung eines kompromittierenden Vorganges vorzutäuschen. Dadurch, daß alle Personen von Beginn an am Handlungsort sind, muß der Baum nur die angebliche Fähigkeit besitzen, eine verliebte Annäherung zwischen den Untenstehenden vorzutäuschen. Die Inversion der Figurenkonstellation von Gatten und Buhlen - vom angeblich Handelnden zum Beobachtenden und vom Beobachtenden zum tatsächlich Handelnden - ist hinreichend durch die Neugierde des Ehemanns begründet. Auch wenn der Liebhaber einige wichtige Positionen besetzt, ist es immer noch die Frau, die den Betrug organisiert und die wohl wichtigste Aufgabe in der List wahrnimmt: Sie ist es, die den Mann von der Zauberkraft des Baumes in Kenntnis setzt.

Segmentiert lassen sich die einzelnen Komponenten des ,klassischen AaTh 1423 ‘ - mit Referenz auf die oben aufgeführte Typbeschreibung[64] erscheint mir diese Bezeichnung als gerechtfertigt - wie folgt darstellen:

Schema B:

Handlungsmotivation: Betrug als Liebesbeweis 1a Ehepaar am HO 1b Ehepaar und Liebhaber am HO 2a Frau besteigt Baum 2b Buhle besteigt Baum

3a Frau gibt vor, ihren Gatten mit einer Frau zu sehen

3b Buhle gibt vor, den Gatten mit seiner Frau zu sehen

4a 0

4b Frau klärt ihren Gatten über die Zauberkraft des Baumes auf 5 Gatte besteigt Baum

6a Frau läßt ihren Geliebten kommen

6b 0

7 Beischlaf in Anwesenheit des Gatten

8 Gatte findet die Zauberkraft des Baumes bestätigt

a aus eigener Erkenntnis

b durch vorherige Suggestion (4b)

Obwohl dieses Erzählmuster bis in neuere Zeit nahezu unverändert übernommen wurde - zum Beispiel in der dem Typ b entsprechenden, spanischen Erzählung Xuan, Marica und der Pfarrer[65] - zeigt sich schon früh, daß einzelne Strukturpositionen durch Objekte ähnlicher Funktion ersetzt werden können. Dies ist zum Beispiel in der letzten List aus Hans Rosenplüts Reimpaarschwank Der Wettstreit der drei Liebhaber[66] der Fall. Diese dem Stoffkreis der drei listigen Frauen zuzuordnende Erzählung[67] zeigt neben der Verlagerung der handlungslenkenden Aktantenfunktion von Frau und Liebhaber zugunsten des letzteren, daß selbst der Baum austauschbar sein kann, da hier ein Dachboden die gleiche Funktion übernimmt.[68] Abgesehen davon ist der Verlauf der Handlung vollkommen identisch mit dem Typ b, der sich auch in den europäischen Versionen am häufigsten antreffen läßt.

Ein wichtiges verbindendes Element beider Erzählungen ist die Pointe: Sie läuft darauf hinaus, die Dummheit des Gatten zu demaskieren, die in einem scharfen Kontrast zur intelligenten Betrugsinszenierung der Frau steht. Der Mann sieht den Ehebruch mit seinen eigenen Augen. Er jedoch glaubt durch die angebliche Beobachtung seiner Frau, beziehungsweise des Liebhabers, einen Erfahrungswert gewonnen zu haben, den er daraufhin auf seine eigene Wahrnehmung anwendet und somit von selbst oder durch die Erklärung seiner Frau zur Einsicht der angeblichen Zauberkraft des Baumes kommt. Diese Umdeutung der konkreten sinnlichen Erfahrung wird in der Wunderpalme vom Ehemann selbst vollzogen und ihm in der Comoedia Lydiae im Vorfeld durch die Information über die angebliche Zauberkraft des Baumes nahegelegt. Hierin besteht die eigentliche intellektuelle Betrugsleistung der Frau, gegenüber welcher der vollzogene Ehebruch in den Hintergrund tritt. Diese Konzentration auf die Ratio des Betrügenden, die den gesellschaftlichen Normenbruch erst ermöglicht, ist nach HAUG ein wichtiger Bestandteil nahezu aller mittelalterlichen Kurzerzählungen, denn „[der] Reiz [der Kurzerzählungen] wächst in dem Maße, in dem sich die elementare Lust an der Sinnlichkeit und an der Gewalt in eine Lust an der Ingeniosität verwandelt, mit der der Sinnlichkeit und der Gewalt der Weg bereitet wird. Eine Zerstörung der Ordnung also, die doch geordnet vor sich geht - aus diesem Widerspruch dürfte das spezifische, über mehrere Register spielende Vergnügen an diesem Erzählen fließen. [69]

2. Die Ehebruchslist als Replik

Die zweite thematische Gruppe von Erzählungen - die man als ,in flagranti - Redaktion‘ des AaTh 1423 bezeichnen kann - stellt sich weitaus heterogener dar. Dies mag damit in Verbindung zu setzen sein, daß ein entdeckter, beziehungsweise vermuteter Ehebruch als auslösendes Ereignis aufgrund des nun stärker hineinspielenden Zufallsmomentes einen nicht so geordneten Handlungsablauf erfordert, wie dies bei einem geplanten Betrug der Fall ist. Auch hier lassen sich die ersten schriftlichen Versionen im Orient finden - die wohl früheste im altindischen Papageienbuch Sukasaptati.[70] Der hier aufgeführte Text ist wie die anderen 69 Erzählungen des Buches in einen Erzählrahmen eingebettet, der von der immer wieder durch einem Papageien verhinderten Untreue der schönen Kaufmannsfrau Prabhâvati handelt:

Regest III: Sukasaptati XXXVII[71]

Prabhâvati will zum wiederholten Male in Abwesenheit ihres Gatten Madanasêna zu dem Fürsten Vinayakandarpa gehen, um ihren Ehemann zu betrügen. Der Papagei antwortet wie in den anderen Erzählungen des Sukasaptati darauf, sie solle das nur tun, wenn sie in der Lage sei, in einer gefährlichen Lage ebenso listig zu handeln wie die Frau in der darauffolgenden Erzählung:

Buddhimati ist die Gattin des Bauern Sûmpurata. Jedesmal, bevor sie ihrem Gatten das Essen auf das Feld bringt, trifft sie sich mit ihrem Liebhaber unter einem gewissen Baum. Da alle davon wissen, erfährt es eines Tages auch Sûmpurata. Dieser lauert dem Paar nun auf dem Baum auf und beobachtet das Treiben der beiden. Erst als es zu spät ist und Sûmpurata schon wieder vom Baum heruntersteigt, schickt Buddhimati ihren Geliebten wieder fort. Als ihr Mann sie zur Rede stellt, erwidert sie ihm, es handle sich um eine Eigenart des Baumes, die bewirke, daß jemand, der sich auf ihm befinde, denjenigen unter sich doppelt sehe. Daraufhin besteigt auch sie den Baum und gibt vor, ihren Mann mit einer anderen Frau zu sehen. Sie droht ihm sogar noch, ihn für sein Treiben am Hof des Königs anzuzeigen.

Dieser Text besetzt durch die Verknüpfung der thematischen Komponente des entdeckten Ehebruchs mit dem Motiv des ,Enchanted Tree‘ bezüglich der hier vorgenommenen Ordnung eine Zwischenposition, da das Prinzip der durch einen Baum vermittelten Sinnestäuschung hauptsächlich in der ersten Erzähltradition zu finden ist. Dies scheint vor allem daran zu liegen, daß die Variante des Papageienbuchs, zumindest vom heutigen Standpunkt aus gesehen, unstimmig ist: Der Ehemann hat eine doppelte Versicherung der Untreue seiner Frau - zum einen durch Vorwissen und zum anderen durch seine zunächst unmißverständliche Beobachtung. Daß die Frau es dennoch schafft, sein zweifach gesichertes Erfahrungswissen rückwirkend umzudeuten erscheint recht unwahrscheinlich. Hierin mag ein Grund dafür liegen, daß sich diese Version offensichtlich in der Tradition nicht durchsetzen konnte. Einzig der Aspekt des Doppeltsehens ist in später aufgezeichneten und im Abendland weit verbreiteten Erzählungen sehr häufig anzutreffen:

Regest IV: Jacques de Vitry CCLI[72]

Nachdem ein Mann seine Frau im Bett mit ihrem Geliebten gesehen hat, lauert er diesem auf.

Die Frau erfährt von der Falle und bittet eine Kupplerin um Hilfe. Diese rät nun, den Liebhaber zu verstecken und geht selbst zu der Stelle, wo der Mann im Hinterhalt wartet. Dort grüßt sie ihn in der Art, daß sie vorgibt, zwei Personen statt einer zu sehen. Der verwunderte Mann zweifelt am Geisteszustand der Alten, beginnt jedoch seine eigenen Beobachtung des vorangegangenen Ehebruchs in Frage zu stellen, als diese ihm erklärt, dies sei die Stunde des Tages, an der man alles doppelt sehe. Um sich zu vergewissern, geht er nun wiederum zu seiner Frau. Da er sie allein vorfindet, ist er überzeugt, Opfer einer Sinnestäuschung gewesen zu sein und entschuldigt sich.

Anhand dieser Erzählung läßt sich einmal mehr zeigen, wie wenig zutreffend die Bezeichnung Verzauberter Birnbaum für den Erzähltyp AaTh 1423 ist und wie problematisch sich die Abgrenzung desselben darstellt: Die vorangegangene Variante hat sich von der ,Urform‘ - um diesen umstrittenen Terminus der Finnischen Schule zu verwenden - so weit entfernt, daß weder der übliche Handlungsort noch die einheitliche Handlungszeit und auch nicht die ,klassische‘ Zahl der Aktanten gewahrt bleibt. Die Erzählung konzentriert sich nicht mehr auf den Ort des Ehebruchs, dessen Modalitäten abgesehen von seiner Entdeckung ungenannt bleiben, sondern auf die wiederum im Nachhinein erfolgende Umdeutung der Beobachtung des Mannes - hier sowohl zeitlich als auch räumlich vom Ort des kompromittierenden Ereignisses getrennt. Die List geht auch nicht mehr von der Ehefrau aus, sondern wird von der Kupplerin nach einer Beratung mit der Frau erdacht und dem an einem anderen Ort lauernden Gatten vermittelt[73]. Ein nahezu identischer Handlungsablauf findet sich in VON der Hagens „Gesammtabentheuer“. Im Märe Der wîbe List[74] ist die erzählte Zeitspanne sogar noch weitaus größer, denn zwischen Ehebruch und List liegen hier vier Tage. Die mit der Täuschung verknüpfte Begebenheit ist in dieser Version durch die Bindung an eine halluzinogene Pflanze[75] auch wesentlich konkreter als der vage Verweis der Kupplerin auf die angeblich sinnverwirrende Tageszeit.

3. Zusammenfassung

„Weibeslist auf Minne ist so behende, da[ß] sie den Mann mit sehenden Augen blind macht. [76]

Von der Hagens freie Übersetzung des Promythions der letztgenannten Erzählung läßt sich nicht nur auf diese beziehen, sondern ist das thematisches Programm des Verzauberten Birnbaums schlechthin. Alle Texte beziehen ihren Witz aus dem epistemologischen Problem der korrekten Wahrnehmung von Wirklichkeit. Im Zentrum steht die Frage, wie konkrete Sinneseindrücke letztlich bewertet werden und wie diese Wertung gekonnt in ihr Gegenteil verwandelt werden kann. Anders ausgedrückt: Hier wird eine pointierte Form der Erkenntniskritik betrieben, die sich als semantische Umkehrung der Sentenz ,der Schein trügt‘ beschreiben läßt. Besonders deutlich wird dies in einem fabliaux aus dem Äsop der Marie de France:

Regest V: Marie de France, De muliere et proco eius [77]

Ein Bauer sieht durch die Haustür, wie es ein Mann mit seiner Frau auf dem Bett treibt und beklagt sich über das was er sieht. Die Frau wird zornig und erwidert, es handle sich um seine alte Torheit „[...] etwas Scheinhaftes für war [zu] halten“[78] Zum Beweis, daß man seinen Augen nicht immer trauen kann, führt sie ihn zu einem Wasserzuber und läßt ihn dort sein Spiegelbild betrachten. Sie erklärt ihm, daß man sein Spiegelbild sehe und doch nicht selbst im Wasser sei. Von dieser Argumentation überzeugt, bereut der Gatte sein Mißtrauen und beteuert, er wolle in Zukunft immer das glauben, was seine Frau ihm sage, als das, was seine Augen sähen.

Hier löst sich die List von ihrer Gegenstandsbindung - sei es nun Zauber, Tageszeit oder Kerbelkraut - und beschränkt sich auf die exemplarische und argumentative Darstellung der Unzuverlässigkeit der Sinne im allgemeinen.

Die Argumentationsstruktur der weiblichen Defensivlist, mit Hilfe derer die Frau durch 79 den Verweis auf das konkrete Beispiel den Erkenntnisprozeß des Gatten inszeniert[79], entspricht einem Syllogismus. Die Frau argumentiert: 1. Du hattest eine Sinneswahrnehmung. 2. Sinneswahrnehmungen können m. E. täuschen. 3. Deine Beobachtung war eine Täuschung. Der Gatte sitzt also einer Argumentation auf, in der fälschlicherweise vom speziellen Exempel der zweiten Prämisse auf das Allgemeine geschlossen wird. Auch in den anderen Texten wird so argumentiert, nur daß dem Ehemann meist nur die zweite Prämisse der exemplarisch falschen Sinneswahrnehmung gegeben wird und er das Aufstellen des ersten Vordersatzes - das Erkennen der angeblichen Identität der Situationen - und die daraus folgende Konklusion, daß auch seine Sinne getäuscht wurden, selbst vollzieht.[80]

Trotz großer Unterschiede in der Besetzung einzelner Strukturpositionen unterliegt den Erzählungen in der hier vorgenommenen Zweiteilung auf hohem Abstraktionsniveau ein gemeinsames Strukturschema, das unter den jeweils verschiedenen Vorzeichen in unterschiedlicher Richtung durchspielt wird:

Schema C:

a) Handlungsmotivation: Zu beobachtender Ehebruch soll inszeniert werden

1 Exempel für falsche Sinneswahrnehmung (Zaubergegenstand)

2 Beischlaf in Anwesenheit des Gatten

➔Gatte deutet seine Beobachtung als Täuschung

b) Handlungsmotivation: Beobachteter Ehebruch soll vertuscht werden

1 Beischlaf in Anwesenheit des Gatten

2 Exempel für falsche Sinneswahrnehmung

(Zaubergegenstand, Tageszeit, Kerbelkraut, Spiegelbild)

➔Gatte deutet seine Beobachtung als Täuschung

4. Die Ehebruchslist im Mot. K 1532

Ein Beispiel für einen vom Gatten beobachteten Ehebruch, in dem die Frauenlist auf eine andere Art und Weise realisiert wird, findet sich in der altindischen Textsammlung Pañcatantra:

Regest VI: Pañcatantra II, 11 [81]

Kâmadammi, die Frau des Zimmermanns Bûradhara, hat den Ruf, treulos zu sein. So beschließt ihr Mann, sie auf die Probe zu stellen. Er sagt zu ihr, er wolle in ein anderes Dorf gehen und dort ein paar Tage verweilen. Kâmadammi sieht hierin eine günstige Gelegenheit, ihren Buhlen Deradatta[82] in der Nacht zu sich zu bestellen. Gegen Abend kehrt Bûradhara, der den Tag im Wald verbracht hat, jedoch zurück und gelangt durch eine andere Tür ins Haus, woraufhin er sich unter dem Bett auf die Lauer legt. Kurz darauf kommt Deradatta und läßt sich auf dem Bett nieder. Kâmadammi will ihm folgen, berührt jedoch mit dem Fuß ihren Gatten, wodurch sie die Falle erkennt. Sie weißt ihren Liebhaber, der sie umarmen will, von sich und begründet dies mit der Aussage, sie sei ein keusches Weib. Die Frage des Buhlen, warum sie ihn denn dann zu sich gerufen habe, beantwortet sie damit, daß sie im Tempel eine Vision vom baldigen Tod ihres Gatten gehabt habe. Die Göttin Tschandika habe ihr gesagt, sie könne dies nur abwehren, wenn sie heute mit einem fremden Mann dasselbe Lager teile und ihn umarme. Dann treffe diesen der Tod und ihr Gatte werde hundert Jahre alt. Ihr Liebhaber, der die List durchschaut, läßt sich mit Freude darauf ein. Der Gatte kann sein Glück über die angebliche Güte seiner Frau und die Aufopferungsbereitschaft Deradattas kaum noch zügeln, gibt sich zu erkennen und bedankt sich tief gerührt.

Auch in diesem Fall ist die List der Frau als Replik zu werten. Sie folgt jedoch nicht mehr auf den zufällig entdeckten Ehebruch, sondern auf die List des Gatten. Die intellektuelle Kluft zwischen Mann und Frau ist hier wesentlich kleiner, da die Falle des Gatten nur durch den zufälligen körperlichen Kontakt nicht gelingt. Dies unterstreicht die Leistung der Frau jedoch um so mehr: Sie schafft es mit Hilfe einer Gegenlist, sich letztlich aus der mißlichen Lage zu befreien. Die Art, wie ihr dies gelingt, unterscheidet sich besonders in einem Punkt von der in den anderen Texten: Es ist für sie nahezu unmöglich, den Ehebruch selbst zu leugnen, da der Platz des lauschenden Gatten zu nah am Ort des Geschehens liegt, als daß eine Kritik an seiner Wahrnehmung möglich wäre. Es handelt sich aber auch hier um eine erkenntniskritische List - auch hier wird der Unterschied zwischen Schein und Sein thematisiert: Obwohl die eigentliche Sinneswahrnehmung nicht in Frage gestellt wird, so wird doch die Wertung derselben beeinflußt. Für den Gatten wird die erwartete negative Wertung des Ehebruchs zu einer positiven, nachdem er von der angeblichen Sorge seiner Frau um sein Wohl erfährt[83]. Auf welche Art diese Umwertung vollzogen wird ist für das Erzählgerüst scheinbar nicht essentiell, da andere Erzählungen diese Position mit unterschiedlichen Begründungen der Frau ausfüllen.[84]

Die List ist in dieser Erzähl tradi ti on vollkommen auf die Ebene der Sprache verlegt worden und bezieht ihren Reiz aus der mehrschichtigen Kommunikationssituation, auf die im Rahmen des Vergleichs mit der Tristan - Episode noch zurückzukommen sein wird.

IV. Der Verzauberte Birnbaum und das Belauschtes Stelldichein

Schoepperle, Newstead und Okken sind sich darin einig, daß aus diesen und ähnlichen Erzählungen der Stoff ist, der sich in der Baumgartenepisode der Tristan - Autoren wiederfindet. Um dies beurteilen zu können, sollen zunächst die verschiedenen Argumente für einen genetischen Zusammenhang dargelegt werden:

Schoepperle hat eine der ersten umfassenden Untersuchungen über die Quellen des Trsitan geschrieben. Sie war es auch, die das Augenmerk der Literaturwissenschaft auf das folkloristische Erzählmaterial als Ursprung großer Teile des Stoffes lenkte:

„So completely are the materials of the story of Tristan and Isold transmuted by the tragic fatility that broods over the whole, that we are likely to forget in how many passages the narrative is a mosaic of incidents that have been related of hundrets and hundrets of nameless heroes in every tongue.“[85]

Sie führt die Baumgartenepisode auf orientalisches Erzählgut zurück, bleibt jedoch eine tiefere Begründung des Assimilationsvorganges schuldig. Dies mag unter anderem darauf zurückzuführen sein, daß sie der Möglichkeit einer stoffgeschichtlichen Ursprungsrekonstruktion mit Hilfe des folkloristischen Erzählgutes kritisch gegenübersteht - sie ist sich offensichtlich der anthropologischen Konstante dieser Einfachen Formen durchaus bewußt:

„And since all over Europe the conditions of existence among people whose interest in such stories is alert, are more or less similar, it is impossible to say, when we find the tale tricked out in chivalric finery in a twelfth century French romance, wether the poet drew it from one source or another.“[86] Newstead greift in ihrer Arbeit auf Schoepperle zurück und kommt zu dem eingangs des dritten Teils zitierten Schluß der genetischen Verwandtschaft zwischen Epos und Erzähltyp[87]. Auch sie beschränkt sich nicht nur auf das dem klassischen Erzähltyp AaTh 1423 zuzuordnende Erzählmaterial, sondern führt daneben Texte mit dem Motiv des „Gullible husband under the bed‘ (Mot. K1532)[88] auf. Die stoffgeschichtlich umfangreiche Arbeit faßt sich bei der Begründung des von ihr postulierten Zusammenhangs zwischen dem Tristan und diesen Erzählungen jedoch recht kurz:

„The two fabliaux, both popular in Arabic sources and both familiar in tweflth - century Europe, are so alike in plot that the more picturesque setting of the Enchanted Tree could have been easily shifted to the story of the Carpenter’s Wife.“[89]

Auch Okken kommt in seinen Anmerkungen zur Baumgartenepisode zu einem ähnlichen Ergebnis:

„Es ist klar, daß aus dem Stoff der international erzählten Geschichten vom belauschten Lauscher und vom belauschten Ehebruch auch die Geschichte ist, als deren Hauptdarsteller nun Tristan und Isolde und König Marke im Baumgarten ihre Rollen spielen.“[90]

Wenn er letztlich auch offen läßt, ob eine der Episode des Tristan entsprechende Geschichte vor demselben existierte und folglich nur adaptiert wurde, oder ob im Sinne Newsteads ein früher Tristan - Bearbeiter vorhandenes Erzählgut zu der heute bekannten Form kombinierte,[91] so geht auch er von einem orientalischen Ursprung des Stoffes aus.[92] Obwohl sich diese Überlegungen mit der Hypothese eines Ursprung des Tristan aus arabischen Quellen decken - hier wäre der umstrittene Vergleich mit dem persischen Epos Wîs und Râmîn zu nennen[93] - soll über die Wege, auf denen diese Episode Eingang in den , Tristan - Stoff4 fand, in dieser Arbeit nicht weiter spekuliert werden. Vielmehr soll zunächst die Frage von Interesse sein, ob und in welcher Form ein rein inhaltlicher Zusammenhang überhaupt besteht und ob die Theorie über das Verschmelzen der verschiedenen

Erzähl tradi ti onen und deren darauffolgende Assimilation durch die epischen Großform des Tristan gerechtfertigt erscheint.

1. Die Gemeinsamkeiten der Inhaltsform

Der Vergleich des Tristan mit den Texten des ,klassischen AaTh 1423 ‘ scheint auf der Hand zu liegen: Hier wie dort wird eine untreue Frau mit ihrem Geliebten von ihrem Gatten von einem Baum aus beobachtet, ohne daß der Gehörnte den Ehebruch letztlich als solchen erkennt. Auch die Verteilung der Rollen ist ähnlich: In nahezu allen überlieferten Erzählungen ist es die Frau, die listig handelt und ihren überlegenen Intellekt gegenüber dem Gatten ausspielt, der sich keiner Täuschung bewußt ist. Ebenso verhält es sich in den verschiedenen Versionen der Baumgartenepisode, denn es ist immer Isolde, die auf die gefährliche Situation reagiert und eine Gegenlist initiiert. Tristan verhält sich wie die Liebhaber des AaTh 1423 eher passiv, und selbst seine Antworten in der täuschenden Unterredung sind nicht viel mehr, als „[...] das geschickte Auffangen eines Balles, den Isolde ihm zuspielt.“[94]

Hier wird aber auch schon ein wesentlicher Unterschied zwischen den Erzählungen deutlich: Im Tristan erfolgt die List als spontane Replik und ist kaum mit der inszenierten Täuschung des Gatten in den Texten zu vergleichen, in denen dies zum Selbstzweck erfolgt. Angesichts der Variationsbreite des Erzähltyps scheint sich dieser Unterschied zu nivellieren, denn die List als Replik auf den vom Gatten beobachteten Ehebruch gehört, wie oben gezeigt, ebenfalls zum Repertoire des Verzauberten Birnbaums. Doch die Erzählungen, wie sie bei Jaque de Vitry[95] oder von der hagen [96] zu finden sind, untergraben diese Vergleichsmöglichkeit, denn die von Newstead angesprochene bildhafte Szenerie des lauschenden Gatten im Baumgarten ist hier schon nicht mehr vorhanden, wenn auch die Art der List - die objektgebundene Vermittlung einer angeblichen Sinnestäuschung - weitestgehend mit der des ,klassischen‘ Erzähltyps übereinstimmt.

Allein der Text aus dem Sukasaptati [97] weist als ,Bindeglied‘ zwischen den Erzähltraditionen noch die typischen Komponenten des Verzauberten Birnbaums, mit der üblichen Kulisse und dem Platz- und Rollentausch des Gatten und seiner Frau, auf; es ist jedoch fraglich, ob gerade diese Erzählung mit ihren logischen Inkongruenzen in irgendeiner Form Eingang in die Tristan - Tradition gefunden hat, zumal gerade die für die List in der Baumgartenepisode so bezeichnende Distanz zwischen den beiden Parteien der Lauschenden und Belauschten hier durch den direkten Kontakt von Mann und Frau nicht gewahrt ist.

Gerade die mangelnde Distanz zeichnet jedoch den Erzähltyp im Ganzen aus, denn nur durch die direkte Interaktion und Kommunikation zwischen den Aktanten wird eine erfolgreiche List ermöglicht: Die Umdeutung der Erfahrung des Ehebruchs kann dem Gatten nur durch das Vorspielen einer offensichtlich falschen Sinneswahrnehmung suggeriert werden. Der Ehemann muß argumentativ überzeugt werden, an etwas anderes zu glauben, als an das, was seine Sinne ihm mitgeteilt haben, beziehungsweise im Fall der ersten Erzähltradition noch mitteilen werden. Es ist kaum vorstellbar, wie diese Überzeugungsarbeit anders als im offenen Dialog zwischen den Parteien erfolgen sollte.

Anders verhält es sich in der elften Erzählung aus dem Pañcatantra und in den anderen Texten von denen sich das Motiv Mot. K1532 ableiten läßt. Diese Geschichten haben zwar keinen Baumgarten mehr zum Handlungsort, weisen aber dennoch einige deutliche Parallelen zur Tristan - Episode auf. Hier wie dort versucht der Gatte sich Gewißheit über die von ihm vermutete Untreue seiner Frau zu verschaffen, indem er ihr seine Abwesenheit vortäuscht und sich an einem Ort versteckt, an dem er ein Treffen des Paares vermutet. In beiden Texten wird die Falle entdeckt, ohne daß der Ehemann sich enttarnt weiß. Sowohl im Tristan als auch in den folkloristischen Versionen improvisiert die Frau daraufhin ein Gespräch mit ihrem Liebhaber, das indirekt an ihren Gatten gerichtet ist. Im Mot. K1532 geht es, wie oben gezeigt, nicht mehr darum eine Sinneswahrnehmung in Frage zu stellen, sondern darum, eine beobachtete kompromittierende Situation umzuwerten. Der offene Dialog ist hierfür nicht notwendig und wäre sogar dem Ziel der Frau eher abträglich, da eine nachträglich an den Gatten gerichtete Erklärung zu offensichtlich als Ausrede erkennbar wäre. Dies gilt im gleichen Umfang für den Tristan, und so kommt es neben den Übereinstimmungen im Vorfeld der List auch zu einer nahezu identischen Kommunikationssituation in dem fingierten Gespräch:

Es stehen sich zwei Parteien gegenüber. Zum einen die des argwöhnischen Gatten, die im Tristan zum Teil noch um den verschlagenen Zwerg erweitert wird und zum anderen die Partei des ehebrecherischen Paares mit deren Hauptaktantin. Die unbemerkte Entdeckung der Falle bringt dieser einen entscheidenden Informationsvorsprung vor ihrem Gatten, der sie befähigt, die Listinitiative zu übernehmen[98]. Das von ihr initiierte Gespräch hat in den folkloristischen Texten ihren Buhlen als expliziten Empfänger. Im Epos verkehrt sich diese Situation, wenn Tristan zu Isolde spricht. Dies ändert aber nichts daran, daß es implizit der Gatte ist, der unwissend als der eigentlich intendierte Empfänger agiert. Als solcher kann er dies aufgrund seines Informationsdefizits nicht erkennen und muß die Äußerungen seiner Frau als authentisch werten und seinen Verdacht folglich als entkräftet ansehen. Der Rezipient dieser Episode fungiert nun als allwissender Empfänger, der aufgrund seiner vollständigen Vgl. Christ (1977), S. 87.

Information seinen Affekt aus der gelungenen Täuschung bezieht. Diese wiederum erhält ihren Reiz aus der Auflösung der im Vorfeld durch die Unsicherheit der möglichen Entdeckung aufgebauten Spannung.

Selbst die Art, wie in den Schwankerzählungen die Zusammenkunft zwischen der Frau und ihrem Liebhaber dem Gatten als unbedenklich vorgeführt wird, weist einige Übereinstimmungen mit dem Gespräch zwischen Tristan und Isolde auf: Die im Pañcatantra von der Frau gezeigte angebliche Sorge um das Wohl ihres Gatten wird zwar im Tristan völlig anders formuliert - Isolde versucht ja keinesfalls, ihr intimes Verhältnis mit Tristan als dem König dienlich darzustellen - aber dennoch verfolgt sie in allen Versionen das Ziel, mit den Verweisen auf ihre und Markes êre ihren Gatten davon zu überzeugen, daß ihr Verhalten nur dazu diene, dieselbe - und somit auch sein Wohl - zu beschützen. Das Motiv aus dem Šukasaptati, das Treffen mit dem Liebhaber als unverfänglich darzustellen, ist ebenfalls im Tristan zu finden. Hier unterliegt es als Thema der ganzen Unterhaltung, denn der eigentliche, verfängliche Grund des geheimen Treffens wird nicht genannt, sondern durch Tristans Bitte um Fürsprache ersetzt. Auch die im Submotiv 1532.2 zu findende Liebeserklärung wird in Berols und Gottfrieds Versionen aufgegriffen: Der zweideutige Schwur Isoldes kann von Marke nur als ein Beweis ihrer Liebe interpretiert werden, denn auch bezüglich der Brautunterschubslist hat Marke ein Informationsdefizit und kann somit nur sich als denjenigen ansehen, dem sie die êrste rôsebluome ihres magetuome [99] schenkte.

2. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ausdrucksform

Auf inhaltlicher Ebene stellt sich die These von der stofflichen Verwandtschaft zwischen der Baumgartenepisode und dem hier aufgeführten folkloristischen Erzählmaterial durchaus als begründet dar. Dies gewinnt um so mehr an Evidenz, wenn man KUHNs einleitend genannte Hypothese von der Rolle des Autors mittelalterlicher Epen als Regisseur vorgegebener literarischer Stoffe und Erzählschemata akzeptiert. Nun läßt sich die Adaption des zeitgenössischen Erzählmaterials als die mehr oder weniger bewußte Arbeit mit folkloristischen Versatzstücken begreifen, die im Falle der Baumgartenepisode offensichtlich aus dem weiten stofflichen Umfeld des AaTh 1423 und des Mot. K1532 rekrutiert wurden.

Dennoch: Die Transformation und Verschmelzung dieser Versatzstücke untereinander und mit dem , Tristan - Stoff4 hat diese stark deformiert, so daß etwas Neues und vor allem Spezielles entstanden ist. Letzteres läßt sich vor allem daran erkennen, daß es offensichtlich zu keinem ,folkloristischen Reimport4 des transformierten Stoffes kam, denn nach Sichtung des schriftlich fixierten Materials ist es mir nicht gelungen, eine Erzählung außerhalb des G: v. 14765f.

Tristan - Komplexes zu finden, die aus diesem, ohne seine Handlung zu implizieren, abgeleitet werden kann.[100] Weiterhin ist eine Fusion der Stoffe, wie Newstead sie postuliert, keinesfalls nur durch den Austausch einzelner Strukturpositionen vorstellbar,[101] sondern die Verschmelzung greift derart in die Tiefenstruktur der Handlung ein, daß letztlich nicht mehr nachvollziehbar ist, an welcher Stelle welches Element des AaTh 1423 mit dem des Mot. K1532 ersetzt wurde. Die entstandene Form ist also durchaus als eigenständig zu werten.

Diese Autonomie fußt vor allem auf der thematischen Transformation des Erzählmaterials, die mit der Assimilation des Stoffes durch das Epos einhergeht. Denn wo in den Schwänken der Affekt des Publikums hauptsächlich auf dem durch die Frauenlist erfolgreichen ehelichen ordo - Bruch und dem durch die sexuelle Freizügigkeit in der Darstellung ermöglichten Voyeurismus beruht, wird im Tristan das Thema der Episode dem thematischen Konzept des Gesamtwerks unterstellt: In den Vordergrund rückt der tragische Konflikt zwischen minne und êre und Schuld und Unschuld. Der Erzähltyp wird hinsichtlich der dominierenden Problematik des Tristan transformiert, die sich nach Kuhn in der „[...]Legitimitäts - Dialektik der Minneehe im Ehebruch [...][102] “ manifestiert. Der Baumgartenepisode kommt dabei eine besonders exponierte Rolle zu, denn in keiner anderen Szene aus der Reihe der Listen gegen den betrogenen Ehemann sind alle Parteien gleichzeitig am selben Ort. Dies eröffnet die Möglichkeit vor dem Hintergrund des folkloristischen Erzählmaterials die vielfach verstrickte Aktantenkonstellation exemplarisch anhand dieser einen Episode zu verdeutlichen, um zu zeigen, inwiefern sie in ihrer speziellen Ausformung mit der Erwartungshaltung eines (hypothetischen) Publikums bricht, das womöglich den Erzähltyp als Deutungsfolie dem Rezipierten unterlegt.

Hierzu soll zunächst Simons von Kuhn inspirierte These von der „[...] vierfache[n] thematische [n] Relation der Rechtfertigungsverhältnisse“ - notwendigerweise etwas ausführlicher - dargestellt werden und in den Zusammenhang des von ihm für jedes dieser 103 Verhältnisse gesehenen Handlungskreises gesetzt werden.[103]

SIMON übernimmt Kuhns Beschreibung der Dreieckskonstellation zwischen Tristan, Isolde und Marke mit dem Begriffspaar der Legitimität und Illegitimität, die dieser vor allem aus den Makrostrukturtypen, die nach seiner Auffassung dem Werk unterliegen, abgeleitet sieht. Nach KUHN kommt es im Tristan zu einer Überlagerung zweier „weltliterarische[r] Strukturtypen“. Zunächst erkennt er in der zu Beginn der Erzählung dominierenden gesellschaftlichen Handlung - er grenzt diese bewußt gegen die später vorherrschende Liebeshandlung ab - die Struktur des von ihm so genannten ,Heilbringermärchens‘: „Tristan [...] repräsentier[t] in der Gesellschaffshandlung weithin den Typ des Auserwählten, des Heilskinds, des Heilbringers in Mythen und Märchen [...].“ In dieser Position übernimmt Tristan auch die Rolle des außergewöhnlichen Werbungshelfers auf der Fahrt nach Irland, um Marke eine ebenbürtige Frau zuzuführen, wozu ihm die Neider bei Hofe geraten haben, um nicht Tristan als Erbe des Thrones in Cornwall zu sehen. An dieser Stelle kommt es zu einer Integration des Brautwerbungsschemas[104] in die Heilbringerstruktur, was durch die Interferenz dieser Muster letztlich zu einem „[...] Kurzschluß zwischen Werbungshelfer und Königsbraut [...]“ führt.[105] Dieser strukturell vorgeprägte Kurzschluß erfolgt durch das Zusammenkommen Isoldes und Tristans auf der Heimreise, das durch den eigentlich für Marke und seine Braut bestimmten Zaubertrank bewirkt wird, der als unabänderliches aber auch unverschuldetes „factum brutum“[106] den tragischen Handlungsgang der weiteren Erzählung bestimmt. Aus dieser Ausgangssituation erwächst ein vierfach verschränktes, dialektisches - weil je nach Betrachtungsweise sowohl legitimes als auch illegitimes - Minneverhältnis zwischen den männlichen Hauptakteuren und Isolde:

„(I) Legitim ist die Liebe zwischen Isolde und Tristan aufgrund der schuldlosen Verstrickung durch den Zaubertrank.“[107] Weiterhin ist dieses Verhältnis strukturell durch Tristans Rolle als erfolgreicher Protagonist der gefährlichen Brautwerbung im Brautwerbungsschema legitimiert. „(II) Illegitim ist die Liebe zwischen Tristan und Isolde, weil sie einen Ehebruch darstellt. [...] Da Isolde zudem die Frau des Königs ist, sind mit dem Ehebruch auch die Dimensionen des öffentlichen Ansehens des Königs und damit des Wohls des Reiches verknüpft.“[108] „(III) Legitim ist die Ehe zwischen Isolde und Marke nicht nur als rein juristisches Faktum, sondern auch dadurch, daß sie ein Sakrament ist.“[109] Da auch er seine Frau liebt und zudem eine meist positive Beziehung zu Tristan hat, ist „[...] die eindeutige Verhaltenssemantik jenes Schemas [gestört], nach dem der despotische alte Ehemann dem ideal gezeichneten Liebhaber seiner jungen Frau feindlich gegenüberstehen müßte.“[110]

„(IV) Illegitim ist die Ehe zwischen Isolde und Marke, weil Marke die Brautwerbung, die ihm ein ,Recht‘ auf Isolde gegeben hätte, an einen anderen, an Tristan abgegeben hat.“ Und weiter: „Die Bewachungs- und Überlistungsmanöver Markes gehören schließlich ins Schema des eifersüchtigen Ehemanns, der durch sein Verhalten sein ,Recht‘ auf die Liebe verwirkt.“[111]

Jedem dieser Verhältnisse ordnet SIMON einen Handlungskreis zu. Der erste (HI) beinhaltet „[...] alle [...] Orte außerhalb des Hofes, wo Tristan und Isolde sich ungestört lieben können [...]“, der zweite „(HII) die heimlichen Orte am Hof[...]“, der dritte „(HIII) das höfische Zeremoniell, in der Isolde als Königin und als legitime Gattin Markes auftritt [...]“ und der vierte „(HIV) die ,Privatsphäre‘ des Königs, vornehmlich also sein Schlafgemach, wo deutlich wird, wie wenig Marke seiner Frau gerecht zu werden vermag, und wie illegitim diese Ehe ist.“[112]

Nahezu all diese Handlungskreise, die sich nach meinem Verständnis Simons als Oberflächenrepräsentation der tiefenstrukturell festgelegten, jeweiligen Legitimitätsverhältnisse ergeben, finden sich in der Baumgartenepisode wieder und interferieren miteinander. Der Handlungskreis I der nur außergesellschaftlich legitimen Minne zwischen Isolde und Tristan ist im locus amoenus des Baumgartens zu finden. Der lauschende König disqualifiziert sich als rechtmäßiger Partner Isoldes durch sein lächerliches Auftreten im Baum und durch seine intellektuelle Unterlegenheit gegenüber seiner Gattin (HIV). Die gesellschaftliche Illegitimität der Tristanminne zeigt sich in dem Zwang zur Heimlichkeit in den Umständen des Treffen und in der Notwendigkeit zur Gegenlist um die für alle Seiten fatale Enttarnung zu verhindern (HII). Auch das höfische Zeremoniell (HIII) ist - zumindest bei Eilhart und Gottfried - ansatzweise vorhanden und zwar in der Figur des hinterlistigen Zwergen als Repräsentant des „korrumpierten Hofes“.[113]

Die Überlagerung der Handlungskreise führt in einer auf den strukturalistischen Thesen KUHNs und SIMONs beruhenden Deutung der Episode einmal mehr zu dem Problem, das als ,proteischer Charakter‘ des Tristan zum Forschungskanon geworden ist:[114]

„In der vierfachen Verschränkung der Rechtfertigungsverhältnisse ist es schlechterdings nicht mehr möglich zu beurteilen, auf welcher Seite nun das Recht sei.“[115]

Diese Aussage Simons geht jedoch meiner Meinung nach zu weit. Sicherlich mag sich das Verhalten jeder Figur begrenzt nachvollziehen lassen und besitzt bezüglich des jeweils dominierenden Rechfertigungsverhältnisses seine Legitimation - das scheint Simon zu meinen, wenn er von Recht spricht.[116] Die Ambivalenz der Situation ist jedoch in keiner der

Bearbeitungen derart ausgeprägt, daß nicht klar wäre, daß das Gewicht der Handlung auf dem legitimen Verhältnis zwischen Tristan und Isolde liegt: Markes Hinterhalt auf dem Baum entspricht kaum dem Verhalten eines idealtypischen, maßvollen Herrschers und disqualifiziert ihn folglich als rechtmäßigen Partner Isoldes - der Aspekt des HIII der legitimen Ehe zwischen Isolde und Marke ist offensichtlich kaum anzutreffen. Es wäre jedoch auch falsch, die Figuren in rein polare Gruppen - im Sinne der schwanktypischen Unterscheidung von ,dumm‘ und ,klug‘ oder ,gut‘ und ,böse‘ - zu unterteilen: Marke ist mehr als der schwankhafte Hahnrei der Kurzerzählungen, denn seine Unterlegenheit gibt ihn trotz seines unbotmäßigen Verhaltens nicht der Lächerlichkeit preis. Der König ist nicht aufgrund eines intellektuellen Defizits ,schuld‘ an seiner eigenen Überlistung, wie dies meist in den Kurzerzählungen der Fall ist, sondern ihm wird aufgrund der außerordentlichen Verschlagenheit, mit der das Liebespaar und insbesondere Isolde vorgeht, gar keine Möglichkeit gegeben, die Täuschung zu durchschauen. Es fehlen ihm von vornherein die Informationen, um die Wahrheit von der Lüge trennen zu können. Besonders bei Gottfried wird Markes Unterlegenheit ,verzeihbar‘, denn hier wird er - außer über den eigentlichen Grund des Treffens - nicht einmal wirklich belogen, also mit Äußerungen konfrontiert, die für eine der Parteien eindeutig als falsch zu werten wären, wie dies zum Beispiel bei Eilhart durch Isoldes vorgebliches Ressentiment gegenüber Tristan der Fall ist.[117]

In der schlichten Semantik des Schwanks stellt sich die Situation einfacher dar: Recht hat der, der als Sieger aus dem Listduell hervorgeht, denn wer dumm ist „[...] hat nichts besseres verdient, als betrogen zu werden.[118] “ Das Recht ist hier jedoch weniger ein moralisches, also auf gesellschaftlichen Normen beruhendes, sondern das des intellektuell Stärkeren, dessen Überlegenheit sich vor allem im erfolgreichen Bruch eben dieser Normen äußert.

Im Tristan und vor allem bei Gottfried ist dies nicht der Fall und hierin liegt meiner Auffassung nach auch der Bruch zwischen Epos und Erzähltyp: Eine Ordnung wird nicht gebrochen, sondern konserviert. Dank der erfolgreichen List kommt es eben nicht zum Eklat eines offensichtlich gewordenen Ehebruchs, sondern die labile Ordnung der ,Minnehe im Ehebruch‘ wird bewahrt, da Markes zwîfel einmal mehr zugunsten des Paares besänftigt wird. Isolde, die Protagonistin aller Handlungskreise, agiert nicht wie die Frauen des Schwanks als Instrument des ordo - Bruches sondern ist eine zwischen den Parteien moderierende und somit ordnungserhaltende Figur. Die Bewahrung des status quo ist ein Teil der von Kuhn durch „[...] das Tragische in sonst als lösbar erwarteten Konflikten [,..]“[119] beschriebenen Vorgänge der Stofftransformation: Der tragische Konflikt der Rechtfertigungsverhältnisse wird beibehalten und keiner Lösung zugeführt. Wie auf einer allgemeineren Ebene schon Schoepperle erkannte,[120] bricht dies wiederum mit einer durch die Erzähl schemata de r folkloristischen Texte vorgeprägten Erwartungshaltung. Hier erfolgt in der Pointe die Lösung aller Konflikte: Der Bruch der Norm - im Gegensatz zum Tristan der zentrale Konflikt der Kurzerzählungen [121] - wird in diesen Texten nicht moralisch ethisch problematisiert, sondern dient als Rahmen und komisches Moment einer niemals wirklich bedrohlichen Situation, die in der Pointe des intelligent getäuschten Gatten ihre Auflösung findet.

Dennoch wird an einigen Stellen die Struktur und die Semantik des Erzähltyps - besser gesagt: die mehr oder weniger œvretypischen Merkmale mittelalterlicher Kurzerzählungen im allgemeinen - auch in der Baumgartenepisode deutlich, vor allem in der Darstellung der Figurencharaktere:

Die auffällige Passivität Tristans im Belauschten Stelldichein steht in einem scharfen Kontrast zu Isoldes aktivem listigen Handeln. Der Gegensatz ist in diesem Fall sogar äußerst ausgeprägt, da Tristan nach seiner Entdeckung der Falle keinen anderen Rat weiß, als Isoldes und sein Schicksal fatalistisch in die Hand Gottes zu legen[122]. Sein Verhalten ist signifikant für alle Episoden der „[.. ,]Schwankkette von Listen gegen den betrogenen Ehemann“,[123] denn meist sind es Isolde und Brangäne, die die Entdeckung des Paares verhindern und Markes zwîfel besänftigen. Tristan verhält sich bei der Verteidigung des Minnegeheimnisses vollkommen diametral zu seiner aktiven und äußerst listigen Heilbringerrolle in den vorhergehenden Passagen des Epos - zu nennen wäre hier zum Beispiel seine Ankunftslist auf der Brautwerbungsfahrt,[124] die einen wichtigen Beitrag zur strukturellen Legitimation seiner Beziehung zu Isolde leistet.[125] Die Darstellung Markes unterliegt ebenfalls einer Wandlung, denn wo er in der ,Gesellschaftshandlung‘ noch als idealtypischer Herrscher gezeichnet wird, ist er in der späteren ,Liebeshandlung‘ kaum mehr als der zwischen Argwohn und Vertrauen schwankende, gehörnte Gatte. Vom heutigen, an die psychologische Stringenz der Charakterdarstellung einer Figur gewöhnten Standpunkt aus betrachtet, erscheint diese Entwicklung der Figuren inkonsequent und unglaubwürdig - verständlich wird dies nur, wenn man vom Anspruch einer linearen Charakterführung abläßt und das Handeln der Figuren in Abhängigkeit vom jeweiligen stofflichen Kontext sieht: Die Adaption des folkloristischen Materials erzwingt im Belauschten Stelldichein - genauso wie auch in den anderen Episoden der ,Schwankkette‘ - polare und typische Figuren, die sich in ihren Handlungsweisen denen der Aktanten des Schwanks annähern müssen. Ein idealer König kann gegenüber dem positiv gezeichneten Liebespaar ebensowenig die Rolle des Minnefeindes und betrogenen Gatten ausfüllen, wie Tristan als moralisch unanfechtbaren Heilbringer der , Gesell schaftshandlung‘ seine Listigkeit in den Dienst der Verteidigung einer ehebrecherischen Liebe stellen kann. Bis zu einem gewissen Grad werden also die Züge der listigen Gattin, des passiven Liebhabers und des unterlegenen Gatten aus den Kurzerzählungen - insbesondere aus dem Fundus des Motivkreises der „Deception connected with adultery“[126] - übernommen. Diese Adaption geht jedoch nie so weit, daß sie die ambivalente Struktur der Legitimitätsdialektik überlagern könnte. Im Gegenteil: Gerade durch die ,Neubesetzung‘ der Rollen in der ,Liebeshandlung‘ wird die Ambivalenz der sich gegenseitig widersprechenden Rechtfertigungsverhältnisse als einzig problemgemäße Darstellung des Tristan - Konflikts ermöglicht. Nur dadurch, daß der König nicht mehr nur positiv dargestellt wird, kann sein illegitimes Verhältnis zu seiner Frau gezeigt werden und nur dadurch, daß Tristans Heldenrolle eingeschränkt wird, ist es möglich, seine Liebe zu und sein Recht auf Isolde zu problematisieren.

V. Schlußbetrachtung

Mit einiger Sicherheit läßt sich der in allen hier angeführten Bearbeitungen wiederzufindende Stoff des Belauschten Stelldicheins als das Resultat der Eingliederung folkloristischen Erzählmaterials ansehen. Die Frage jedoch, ob hier auf einen konkret existierenden Erzähltyp verwiesen werden kann, ist nur schwer zu beantworten. Sicher ist nur, daß der allgemein übliche Verweis auf den AaTh 1423 als Ursprung der Episode sowohl aufgrund der ungenügenden Typabgrenzung als auch wegen des mit hineinspielenden Materials des Mot. K1532 zu kurz greift und eine unzulässige Vereinfachung der Situation darstellt. Wenn jedoch ein gemeinsames Schema der Erzählungen nur schwer zu erfassen ist[127], so ist auch das Arbeiten mit diesem Schema kaum nachzuweisen. Der Versuch, im Sinne KUHNs die ,angesagten Bedeutungen‘ und semantischen Erweiterungen durch das Nachvollziehen der Transformation des Erzähltyps im Epos zu ermitteln, stellt sich demgemäß ebenfalls als problematisch dar: Die Ergebnisse des vierten Teils bleiben notgedrungen allgemein und sind weniger als das Resultat einer speziellen und greifbaren Stofftransformation anzusehen, als das Ergebnis des Übergangs von einer literarischen Gattung zur anderen. Natürlich bricht die Tragik der verstrickten Legitimitätsverhältnisse im Zusammenhang mit der Darstellung des Themas der unbedingten Liebe von Tristan und Isolde mit den simplen Figuren und Lösungen der Einfachen Formen. Trotzdem bleibt unklar wo und womit - abgesehen von mehr oder weniger konkret zu fixierenden Gattungsmerkmalen[128] - genau gebrochen wird und welche Strukturpositionen mit Evidenz als Verursacher dieser Brüche angesehen werden können. Doch auch die Verlagerung des Untersuchungsschwerpunktes von der Erzähltyp- zur Gattungsebene ist problematisch, denn selbst die Charakterisierung des ordo - Bruchs als œvretypisches Merkmal der mittelalterlichen Kurzerzählung ist nicht widerspruchslos akzeptiert worden. GRUBMÜLLER legt in seinem als Gegendarstellung zu HAUGs oben erwähnter These [129] zu wertenden Artikel dar, daß gerade der Bruch der Ordnung auf einer Metaebene letztlich ordnungsbewahrend und sogar -konstituierend ist: Das Sinnlose der mittelalterlichen Kurzerzählungen, das sich nach meinem Verständnis HAUGs im moralisch unreflektierten ordo - Verstoß äußert, hat nach Grubmüller dank seiner Exempelfunktion durchaus einen konkreten Sinn:

„Es ist Illustrationsmaterial für die Schäden, die ein Verfehlen der gottgewollten Lebensordnung verursacht, und Demonstrationsmittel für den Nutzen ihrer Beachtung und Bewahrung.“[130]

Beide Standpunkte besitzen für sich genommen ihre eigene Evidenz und weisen in ihrer Widersprüchlichkeit meine Theorie über die im Zerstören, beziehungsweise Bewahren einer Ordnung zu findende Bruchstelle zwischen den Kurzerzählungen und dem Tristan als induktiv aus. Die für die erste Baumgartenepisode lückenhafte Beweisbarkeit der strukturalistischen Theorien Kuhns und Simons mag letzteren auch zur Flucht in die Auffassung einer Unverbindlichkeit der konkreten Oberflächenrepräsentation gegenüber der von ihm in der Tiefe des Tristan gefundenen Strukturen bewegt haben:

„Bei Gottfried ist es nun so, daß in einigen Szenen der reale Ort der Handlung gegenüber dem ideellen Geschehen auf der Ebene der Konzeption nebensächlich wird: die Konstellation der Baumgartenszene hätte auch woanders stattfinden können.“[131]

An dieser Stelle wird offenkundig, daß eine hochabstrahierende und tiefenstrukturorientierte Herangehensweise an dieses Werk immer die Gefahr in sich birgt, den konkreten Textbezug im Zuge der Stützung der eigenen Hypothesen zu verlieren - denn daß gerade dem spezifischen Ort der Handlung vor allem bei Gottfried eine große Bedeutung zugemessen wird, ist daraus ersichtlich, daß er als Kulisse für eine spätere Schlüsselposition des Epos dient: Marke verliert seinen wân unde zwîfel [G: v. 18220] ebenfalls im boumgarten, denn hier geschieht es zum ersten Mal, daß er das Paar wirklich und unabwendbar in flagranti ertappt und somit den Abschied Tristans vom Hofe einleitet [v. 18115 - 18244].

Abschließend bleibt zu sagen, daß die meisten der hier sowohl zum stofflichen Ursprung als auch zur Stofftransformation aufgeführten Erklärungsansätze letztlich unbewiesen aber auch unwiderlegt bleiben. In Bezug auf die Assimilation und Transformation des Erzähltyps im Belauschten Stelldichein scheint zuzutreffen, was schon so oft über den Text gesagt wurde: Auch in dieser Hinsicht verhält sich der Tristan einmal mehr proteisch.

VI. Anhang

Regest VII: Xuan, Marica und der Pfarrer[132]

Die Eheleute Xuan und Marica gehen mit dem Pfarrer, der der Geliebte Maricas ist, Feigen essen. Im Garten angekommen, besteigt Marica den Baum und gibt vor, zu sehen, daß der Pfarrer auf Xuan drauf sei. Xuan glaubt, seine Frau vertrage die Höhe nicht und bittet sie herabzusteigen. Daraufhin besteigt er selbst den Baum. Unterdessen steigt der Pfarrer auf Marica, um sich mit ihr zu vergnügen. Xuan findet nun die Beobachtung seiner Frau bestätigt und berichtet dies. Marica antwortet ihm, er solle sich Zeit lassen und nur die dicksten Feigen pflücken, da der Pfarrer diese am liebsten möge. So bleibt Xuan auf dem Baum und das Paar vergnügt sich unten weiter.

Regest VIII: Hans Rosenplüt, Der Wettstreit der drei Liebhaber[133]

Ein Bauer hat eine schöne Frau, die Liebschaften nicht abgeneigt ist. Sie bestellt eines Tages ihre drei Liebhaber (Pfaffe, Edelmann und Knecht), die nichts voneinander wissen, zu sich. Da der Mann noch anwesend ist, müssen sie warten und treffen sich dabei vor der Tür. Dort schlägt der Pfaffe eine Wette um Wein vor, wer den Ehemann am besten vor seinen eigenen Augen zum Hahnrei machen könne.

Der Pfaffe beginnt und kann sich unter dem Vorwand ein Gewürz ausleihen zu wollen mit der Frau in deren Kammer vergnügen.

Als Zweiter schwindelt der Edelmann dem Bauern vor, er komme gerade aus der Kneipe und habe dort gewettet, er könne ihn und seine Frau tragen. Der Bauer legt sich auf den Bauch und seine Frau legt sich über ihn. Während der Edelmann vorgibt, die beiden hochzuheben, treibt er es mit der Bauersfrau.

Der Knecht bittet den Bauern um Aufnahme und Schutz, da er angeblich im Streit jemanden den Kopf zerspalten habe. Der Bauer willigt ein und weist ihm einen Platz auf dem Dachboden zu. Von dort oben gibt der Knecht nun vor, anhand der sich bewegenden Knie der Bauersfrau zu sehen, wie der Bauer seine Frau beim Feuer nimmt und beschimpft diesen. Der Bauer streitet alles ab und wird daraufhin vom Knecht aufgefordert mit ihm die Plätze zu tauschen. Nachdem das geschehen ist, macht sich der Knecht mit der Frau zu schaffen. Der Bauer sieht nun ebenfalls „ir beide knie die sich ie wagen“ [v. 196] und ist überzeugt, daß es sich um eine optische Täuschung handelt. Der Knecht verabschiedet sich, nachdem er den Bauern zum Schweigen verpflichtet hat und wird von seinen zwei Mitstreitern zum Sieger erklärt:

da gab sie im beid gewunnen, das ers so klüglich het besunnen, das er den pauern liß zusehen, das er darzu nichts mocht gehen, und er im doch in der wiesen grast.

[v. 209 - 213][134]

Regest IX: Gesammtabenteuer XXXVIII, Der wîbe List oder Das Kerbelkraut[135]

Ein Mann beobachtet, wie sich der Liebhaber seiner Gattin von dieser entfernt und läßt sich von ihr auch nicht davon überzeugen, daß er sich bloß versehen habe:

doch sach ich vier vue[ß]e:

Die stânt an dîme lîbe niht. sol man gelouben da[ß] man siht, Sô ist es âne lougen, ich sach e[ß] mit den ougen;

[v. 32 - 36][136]

Der Mann bestraft seine Frau hart und kann nur durch die herbeieilenden Nachbarn und die Behauptung der Frau, er sei betrunken, wieder beruhigt werden. Um derartige Komplikationen in Zukunft zu vermeiden, sucht die Frau vier Tage später bei einer alten Kupplerin um Rat, den sie ihr auch gewährt: Nachdem die Alte in Erfahrung gebracht hat, daß das Ehepaar an dem bestimmten Tag Kerbelkraut gegessen hat, fängt sie den Mann nach der Kirche ab und gibt sich entsetzt, da dieser angeblich zwei Nasen und vier Füße habe. Dem verwirrten Mann erklärt sie daraufhin, daß sie Kerbelkraut gegessen habe, was diese Sinnestäuschung verursache. Der Mann zweifelt nun doch an seiner damaligen Beobachtung und ebenso an der Schuld seiner Frau, so daß er sie fragt, was sie an dem Tag gegessen hätten. Die Frau antwortet darauf, daß die Küchenmagd ein besonderes Kraut ins Essen getan habe. Auf seine Nachfrage nennt sie es Kerbelkraut. Der Mann ist nun vollends wieder von der Treue seiner Frau überzeugt und verspricht ihr zur Versöhnung ein neues Kleid.

Regest X: Šukasaptati XXXVIII[137]

Der Wagner Varâla erfährt von den Leuten, daß seine zweite Frau Madanâvatî einen unzüchtigen Lebenswandel hat. Um ihr eine Falle zu stellen, sagt er zu ihr, er wolle das Haus verlassen, um über Land zu gehen. Heimlich kommt er zurück und versteckt sich unter dem Bett. Madanâvatî nutzt die Gunst der Stunde und bestellt ihren Liebhaber zu sich, „[...] um mit ihm eine lustige Unterhaltung zu führen.“[138] Sie entdeckt die Falle, als sie zufällig mit dem Fuß ihren Gatten berührt. Daraufhin richtet sie das Wort an ihren Buhlen und sagt, er solle sich wegen der Geldangelegenheit, die er mit Varâla zu klären habe, noch etwas gedulden und warten, bis ihr Mann wieder „von über Land“[139] zurückgekommen sei. Durch dieser Lüge von seinem angeblichen Irrtum überzeugt, gibt Varâla sich zu erkennen und entläßt seine Frau und deren Liebhaber.

VII. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Bemerkungen zur Zitierweise: Zitate aus Primärtexten, Primärtexttitel sowie fremdsprachige Fachtermini werden im Folgenden kursiv dargestellt. Die geklammerten und teilweise mit den Kürzeln der Autoren gekennzeichneten Versangaben beziehen sich auf den jeweils zitierten Text, der für die Tristan - Erzählungen den im Literaturverzeichnis aufgeführten Editionen entnommen wurde. Soweit nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich die Zitate aus dem Tristan Gottfrieds von Straßburg auf die Edition Krohn. Zitate aus der Sekundärliteratur sind in der üblichen Form kenntlich gemacht und in den Anmerkungen in Kurzform nachgewiesen. Die ausführliche bibliographische Darstellung ist dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

2 Kuhn (1980), S. 33f.

3 Ebd., S. 12.

4 BÉDIER (1902 - 1905).

5 Schoepperle (1913).

6 Vgl. Krohn (1995), S. 331.

7 Zenker (1911), S. 326.

8 Vgl. HERMANN Bausinger, Einfache Formen. In: EM, Sp. 1211 - 1226. Zu den Einfachen Formen zählt JOLLES Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen und Witz.

9 Vgl. AaTh und Mot.

10 Vgl. WALTER Anderson, Geographisch - historische Methode. In: HDM, Bd. 2, S. 508.

11 KUHN (1980), S. 12.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Siehe unten, Anm. 104.

15 Gottfried von Straßburg, v. 4665.

16 MARTINEZ (1997), S. 507.

17 KUHN (1980), S. 34, Kursivierungen dort.

18 Ebd.

19 In dieser Arbeit soll der Begriff ,Erzähltyp‘ im Sinne einer rein konzeptuellen Lesart verwendet werden, also das stoffliche Abstraktionsprodukt der untersuchten Erzählungen repräsentieren. Im Sinne der Unterscheidung von histoire und discours oder auch story und plot soll diese Inhaltsform einer Oberflächenrepräsentation der Texte gegenübergestellt werden, die dem Leser als Ausdrucksform in der konkreten Realisierung einer Erzählung gegenübertritt (vgl. HAUBRICHS (1976), S. 11 - 13).

20 So der Titel der Episode in der Gottfried - Edition GANZ / BECHSTEIN, Bd. 2, S. 150.

21 NEWSTEAD (1955), S. 269, Kursivierung dort. Wie der kunsthistorischen Arbeit von FRÜHMORGEN - VOSS (1973) über die mittelalterlichen Bildzeugnisse des Tristan zu entnehmen ist, geht die Darstellung auch dieser Episode „[...] weit über die unmittelbare Textillustration hinaus.“ (S. 42). Weitere Abbildungen und Nachweise bei LOOMIS (1938), S. 50 - 69.

22 Thomas (Fragment Douce, v. 835), zit. nach KROHN (1995), S. 329. KROHN übersetzt: „Meine Herren, diese Geschichte wird auf höchst unterschiedliche Weise erzählt.“

23 Christ (1977), S. 85.

24 Diese Stelle markiert den Beginn der eigentlichen Baumgartenepisode [v. 14583 - 15046]. Diese Einteilung erfolgt in Übereinstimmung mit OKKEN (1996), Anm. zu v. 14274 - 14941, S. 501f.

25 Christ (1977), S. 88.

26 Newstead (1955), S. 271.

27 Ebd., S. 272.

28 Vgl. BEDIER (1902 - 1905), S. 198 - 203: „Le rendez - vous épié“.

29 Vgl. SCHOEPPERLE (1913), S.8. Sie führt diese Bezeichnung, die eine Weiterführung der Überlegungen BEDIERs darstellt, ein, um den vermuteten französischen Ursprung dieses ursprünglichen Tristan zu verdeutlichen. Sie bezieht sich damit auf zwei Verse Berols: Si conme l’estoire dit, /La ou Berox le vit escrit. [v. 1789f.]

30 30 Gottfried setzt sich in sei er Charakterisierung Melots bewußt von den anderen Bearbeitern ab [G: v. 14240 - 14249]: Von einem sternenkundigen Zwerg habe er in seinem buoche nichts lesen können. Vielmehr finde er in dem wâren maere [v. 14247] nichts über ihn, wan daz ez kündic waere, / listic unde rederîch. [v. 14248f.]. Diese Eliminierung des Motivs der Allwissenheit des Zwergen erzwingt eine von vornherein andere Strukturierung der Episode. Die Jagd dient nicht mehr wie bei Eilhart dazu, das magische Wissen des Zwergen dem König sinnlich erfahrbar zu machen [E: v. 3537 - 3539; v. 3566f.], sondern die vorgetäuschte Abwesenheit Markes führt erst zu den geheimen Treffen im Baumgarten, die Melot eine direkte, wenn auch nicht völlig eindeutige Beobachtung [G: v. 14508 - 14520] ermöglichen. Das Wissen des Zwergen entspringt nicht dem gestirn [E: v. 3521], sondern ist das Resultat einer zielgerichteten List, die dem Paar durch die vorgebliche Abwesenheit des Königs Sicherheit suggerieren soll, um es zur Unvorsichtigkeit zu provozieren. Dies erklärt die im vergleich zu Eilhart vorgezogene Jagd bei Gottfried. Allein die Tatsache, daß Tristan Isolde zu einem weiteren Treffen ruft, obwohl er sich durch den Zwerg durchschaut weiß [G: v. 14521 - 14582], erscheint unglaubwürdig, zumal Melot sich über das Stattfinden des nächtlichen Treffens so sicher ist, daß er den König informiert, um mit ihm das Stelldichein zu belauschen. [v. 14583 - 14612] (vgl. BÉDIER (1902 - 1905), Anm. 1, S. 196 - 198 in der Übersetzung von OKKEN (1996), Anm. zu v. 14508 - 14584, S. 506f.).

31 NEWSTEAD sieht ebenso wie SCHOEPPERLE in der Zeichenbotschaft der Tristantradition ein Relikt keltischen Erzählguts und bezieht sich dabei hauptsächlich auf die irische Sage Diarmaid and Grainne. Hier wirft der Protagonist Diarmaid ebenfalls geschnitzte Holzspäne in einem Bach, um Finn, der von NEWSTEAD als einer der keltischen Prototypen von König Marke bezeichnet wird, über seine Anwesenheit an einem bestimmten Ort zu informieren (vgl. NEWSTEAD (1955), S. 273f.). In einer weiteren irischen Erzählung übernimmt der Narr Lomna die Aufgabe, Finn über die Untreue seiner Frau aufzuklären, was mit der Figur des Melot in der Tristanlegende vergleichbar ist (vgl. ebd., S. 275ff.).

32 NEWSTEAD glaubt, aus einer späteren Passage [v. 593 - 598] herauslesen zu können, daß die Jagd auch bei Berol ein Teil der Erzählung war. (vgl. ebd. (1955), S. 270f.) Sie bezieht sich unter anderem auf folgende zwei Verse: Quar, quant li rois en vet al bois, /Et Tritran dit: “Sire, g’en vois“;[595f.]. Da jedoch keine Referenz auf das Belauschte Stelldichein erfolgt, ist diese Behauptung kaum zu belegen.

33 E: Trÿstrant, was sol ich her zuo dir? [v. 3665]. B: Sire Tristran, que volez dire? [v. 85]. G: nu sprechet an, was wellet ir? [v. 14730].

34 E: er sprach: “frow, helfend mir, / daß mir min herr sin huld gebe / und mich lausse leben / als er in sinem hof.“ [v. 3666 - 3669]. B: Dame, je voz en cri merci: / Tenez moi bien a mon ami; [v. 159f.]. Gottfried kombiniert beide Bitten um Fürsprache (vgl. unten Anm. 35).

35 E: v. 3566 - 3602. B: v. 197 - 232. Bei Gottfried wird dieser letzte Wortwechsel umgangen, indem Tristan von Vornherein nicht um Markes Gunst bittet, die er angeblich schon verloren glaubt [v. 14800f.], sondern nur darum, daß er seinen Zorn so lange zügeln solle, bis er das Land verlassen könne: und râtet mînem hêrren daz, /sînen zorn und sînen haz, /den er mir âne schulde treit, /daz er den durch sîne höfscheit /hele unde hôfschlîche trage /niht langer wan dise ahte tage. [v. 14809 - 14814].

36 Um dem vierten Kapitel nicht vorzugreifen, soll an dieser Stelle auf Gottfrieds spezielle Ausformung der List nicht eingegangen werden. Vgl. unten, S. 32.

37 E: mir ist lieb, daß er nitpflicht /zuo dir havt und dir gran ist. [v.3672f.]. Vgl. auch v. 3556f.

38 B: v. 3033 - 4275. G: v. 15560 - 15764.

39 Vgl. KROHN (1995), Anm. zu v. 14760ff., S. 209. Ebenso wie das Gottesurteil ist dieses Motiv mit dem bei Aarne und THOMPSON aufgeführten Erzähltyp AaTh 1418 „The Equivocal Oath" und dem Motiv Mot. K1513 „The wife’s equivocal oath" bedingt verwandt. (Kursivierungen dort).

40 Im Folgenden HO.

41 newstead (1955), S. 278.

42 AaTh 1423, S. 420f. Kursivierung dort. Vlg. auch J. T. BRATCHER, Birnbaum: Der verzauberte B. In: EM, Bd. 2, Sp. 417 - 421.

43 Mot. K1518.1, S. 403: „Husband who has surprised his wife and paramour is made to believe that he has had an illusion. “ Kursivierung dort.

44 Vgl. AaTh, s. 8.

45 Ihre Untersuchung widmet sich der stoffgeschichte der Täuschungsepisode am Ende der Merchant’s Tale von Geoffrey Chaucer (ebd., S. 623 - 627).

46 Wentersdorf (1966), S. 21. Genauso wie Dempster (vgl. ebd., (1937), S. 133) kritisiert er hauptsächlich die mangelnde Disjunktivität der Definition, da die Gefahr bestünde, die unterschiedlichen Erzähltraditionen, die auf der einen Seite zu Boccaccios Decameron - Tag VII, Erzählung 9 - (ebd., S. 570 - 581) und auf der anderen Seite zur Schlußerzählung von Chaucers‘ Merchants Tale geführt hätten, zu verwechseln. Mit BEYERLE ist dem noch hinzuzufügen, daß weder in allen Erzählungen ein Baum - geschweige denn ein Birnbaum - auftaucht, noch daß ein Zaubergegenstand immer vorhanden sein muß (vgl. unten, S. 17).

47 Vgl. STIERLE (1983), S. 351f

48 Vgl. SCHOEPPERLE (1913), S. 212ff

49 Beyerle (1979), S. 65.

50 Vgl. ebd., S. 63.

51 Mot. K1500 - 1599.

52 Mot., S. 404. Kursivierungen dort.

53 Vgl. STRAßNER (1978), S. 1 - 11 und S. 96ff

54 Vgl. unten, S. 17.

55 Mot. K1518.1.

56 Vgl. Basset (1929), S. 150fr, Anm. 1.

57 Regest nach der Übs. von WEISWEILER (1969), S. 131.

58 Ebd.

59 BEYERLE (1979), S. 68.

60 Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens weist in dem Artikel „Baum“ (HDA, Sp. 954 - 958) vielfältige mythische Bedeutungen nach: Bäume treten im Zusammenhang kultischer Verehrung genauso auf wie als Seelensitz, Menschheitsursprung, Orakelwesen - hier insbesondere als Liebesorakel - als Objekte mit Heilkraft oder auch als Fruchtbarkeitssymbole.

61 Regest nach NEWSTEAD (1955), S. 278f. Zur Frage der strittigen Verfasserschaft vgl. BEYERLE (1979), S. 69, Anm. 23.

62 Die Erzählung entspricht bis hin zur Namensgebung der Figuren der letzten Szene der neunten Novelle des siebten Tages aus Boccaccios Decamernon (S. 570 - 581).

63 Anhand der Bäume in den verschiedenen Kurzerzählungen läßt sicht verdeutlichen, was KUHN mit den ,Detailrealismen aus der Außenwelt‘ meint: Die orientalische Palme wird in den europäischen Versionen zum Baum. Daß gerade ein Birnbaum im Mittelpunkt des Geschehens steht, was ja durch die unzweideutige Namensgebung des Gatten noch unterstrichen wird, könnte möglicherweise mit dem Volksglauben an die Heilkraft des Baumes verknüpft sein: „In der Volksmedizin werden Krankheiten auf den B[irnbaum] übertragen, bzw. in diesen verpflockt.“ (HDA, Sp. 1341) Diese These wird durch die vorgebliche Krankheit der Frau zusätzlich gestützt.

64 Vgl. oben, S. 12.

65 Vgl. Anhang, S. 37, Regest VII.

66 Vgl. Anhang, S. 37, Regest VIII.

67 Vgl. Frosch - Freiburg (1971), S. 194.

68 Da der Dachboden bezüglich des Perspektivwechsels (vgl. oben S. 15) mit dem Baum funktionsidentisch ist, läßt sich die unterschiedliche Objektwahl als Resultat der Listreihung zu einem conte à tiroir verstehen (vgl. FROSCH - FREIBURG (1971), S. 194): Die drei Ehebetrugslisten müssen nach dem Situem (die Frau bestellt die Liebhaber zu sich) das Haus als Handlungsort haben, was einen Baum von vornherein ausschließt.

69 HAUG (1993), S. 19.

70 Die Sukasaptati ist nur durch zwei unterschiedliche und unvollständige Rezensionen aus dem 12. und 13. Jahrhundert als textus simplicior und textus ornatior überliefert.

71 Regest nach der Übs. von SCHMIDT (1899), S. 99f. Seine deutsche Fassung des Sanskrit - Textes basiert hauptsächlich auf dem textus ornatior.

72 Jacques de Vitry, S. 106. Regest nach der Übersetzung von WESSELSKI (1909), S. 121.

73 Die Kupplerin dient hier als listiges Substitut für die Gattin. Dies hat für die Handlungslogik den Vorteil, daß der Mann in der Alten eine völlig unabhängige Person sehen muß, deren Beobachtung er ohne Verdacht zu schöpfen auf seine eigene Erfahrung anwenden kann.

74 Vgl. Anhang, S.38, Regest IX. In neueren Erzählsammlungen wird der Text unter dem aussagekräftigeren Titel Das Kerbelkraut geführt.

75 Das eigentliche - völlig ungiftige - ,Kerbelkraut‘, der Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris), ist hier wahrscheinlich weniger gemeint, als der eng verwandte und optisch von demselben kaum zu unterscheidende Taumel - Kälberkropf (Chaerophyllum temulum), der in der Tat Halluzinationen hervorrufen kann.

76 V. D. Hagen (1850), S. 263.

77 Marie de France, S. 150 - 153.

78 Ebd., S. 151.

79 Vgl. GRUBMÜLLER 1993, S. 40.

80 In diesem Fall ist der Syllogismus formal richtig, dem Gatten werden nur falsche Prämissen geliefert, die letztlich zu einer stimmigen aber aufgrund der irreleitenden Informationen über die realen Begebenheiten falschen Konklusion führen: 1. Ich habe Kerbelkraut gegessen (f) / bin auf einen Baum gestiegen und habe doppelt gesehen / ein Liebespaar gesehen. 2. Wer Kerbelkraut ißt / auf diesen Baum / auf diesen Dachboden steigt, sieht doppelt / sieht ein Liebespaar. (f) 3. Meine Beobachtung ist auf das Kerbelkraut / auf den Baum etc. zurückzuführen. (f).

81 Regest nach der Übs. von BENFEY (1859), S. 258 - 262. THOMPSON führt diese Geschichte unter dem Submotiv Mot. K1532.2: „Adultress tells how she may save her husband’s life.“ Kursivierung dort.

82 Deradatta ist im Sanskrit ein Platzhaltername für eine beliebige männliche Person.

83 BEYERLE (vlg. ebd., S. 77 - 82) sieht in diesem Motiv die Möglichkeit, eine weitere Gruppe von Texten, deren Zugehörigkeit zu AaTh 1423 schon mehrfach kritisiert wurde (vgl. oben Anm. 46), in seine thematische Neugliederung des Typs aufzunehmen. In dieser, unter anderem bei Chaucer zu findenden „Heilmittel - Redaktion“ (UTHER (1981), S. 84) geht es um eine Buhlschaft auf dem Baume (so der Titel eines Schwanks von diesem Typus; u. a. bei WUNDERLICH (1992), S. 120 - 135), die in Gegenwart des blinden Gatten stattfindet, der in ängstlicher Eifersucht den Stamm des Baumes umklammert. Die Frauenlist der angeblichen Fürsorge um das Wohl des Gatten wird erst notwendig, als übernatürliche Hilfe ins Spiel kommt, die den Mann unerwartet wieder sehend macht. Diese Kontamination mit dem Motiv der „Erdenwanderung der Götter“ (vgl. den gleichnamigen Artikel von H. LIXFELD in: EM, Bd. 4, Sp. 155 - 164) - aufgrund dessen man das Märe „[...] auch als Mirakelschwank ansehen kann“ (UTHER (1981), S. 84) - wird in Form einer Wette zwischen zwei übernatürlichen Partnern ermöglicht, die darin besteht, daß einer der beiden nicht davon überzeugt ist, daß die Frau sich aufgrund ihrer Verschlagenheit auch aus der mißlichen Lage befreien könnte, die aus der Situation eines plötzlich geheilten Gatten erwüchse.

84 Der Baum hat in keiner der Versionen mehr die Funktion eines Zaubergegenstandes. Der Ehebruch wird, insofern eine Legitimation nicht dadurch versucht wird, daß die Frau den außereheliche Geschlechtsakt im Nachhinein als Voraussetzung für die Heilung des Gatten darstellt (vgl. WESSELSKI (1925), Das Paar auf dem Birnbaum. Nr. 23, S. 64f.), durch eine anfängliche Unschärfe des Sehens nach dem Genesungswunder erklärt und somit ebenfalls als vorgebliche Sinnestäuschung dargestellt.

85 In der 38. Erzählung des Sukasapati (vgl. Anhang, Regest X, S. 38) wird die Begegnung zwischen Frau und Liebhaber als unverfängliches Treffen dargestellt (ähnlich wie in Mot. K1517.10: „Paramour leaving love - tryst is met by husband. Pretends he had come to see him on business“). In einem anderen Text erzählt die Ehebrecherin ihrem Liebhaber nach der Entdeckung der Falle davon, wie sehr sie ihren Gatten liebe (Mot. K1532.2). ROTUNDA fügt noch ein weiteres Submotiv hinzu: „K1532.3.* The cuckhold makes a practical request. Lover to adultress: “I see the whole world beneath my eyes!“ Husband under the bed: “See if you find the donkey (calf) I lost.“ In diesem Fall ist die List natürlich nicht mehr vergleichbar. Bemerkenswert ist jedoch, daß in der 12. Erzählung der Cent Nouvelles Nouvelles der Gatte nicht mehr unter dem Bett, sondern von einem Baum aus lauscht - Hier wird einmal mehr die Nähe dieses Motivkomplexes zum Tristan deutlich. (Kursivierungen dort).

86 Schoepperle (1913), S. 184.

87 Ebd., S. 185.

88 Vgl. oben, S. 11.

89 Kursivierung dort.

90 NEWSTEAD (1955), S. 280. Sie begündet ihre Schlußfolgerung weiterhin mit dem Verweis auf die Anpassungsfähigkeit des Erzähltyps: „Such modifications were freely made: for example in a variant of the Enchanted Tree, ,Le Preste qui abevete‘, the setting is a peasant’s cottage and the observation post is an opening in the door.“ (ebd., S. 280). Wie oben gezeigt, handelt es sich bei Modifikationen dieser Art jedoch eher um Oberflächenphänomene, welche die Tiefenstruktur des Erzähltyps keineswegs in der Form tangieren würden, wie dies bei der von ihr postulierten Verschmelzung der beiden Erzähltraditionen der Fall wäre.

91 Okken (1996), Anm. zu v. 14274 - 14941, S. 502.

92 Vgl. ebd., S. 503.

93 Vgl. ebd., S. 502.

94 Vgl. hierzu Zenker (1911) oder auch TeKINAY (1980).

95 Holland (1966), S. 112.

96 Vgl. oben, S. 19, Regest IV.

97 Vgl. Anhang, S. 38, Regest IX.

98 Vgl. oben, S. 19, Regest III.

99 Vgl. CHRIST (1977), S. 87.

100 G: v. 14765f.

101 Die Baumgartenepisode an sich wurde durchaus ausgegliedert und zwar schon recht frühzeitig: In der 62. Novelle des Novellino (ebd., S. 163 - 167), einer anonymen Novellensammlung in Prosa vom Ende des 13. Jh., findet sich die Geschichte, in der „[...] von der Königin Isotta, und herrn Tristrandt von Leonis, erzehlet [...]“ (S. 164) wird. Die Handlung entspricht bis auf einige wenige Details dem Baumgartenschema (siehe Schema a, S. 11). Zwar wird König Marco als der Vetter Tristanos bezeichnet, und der Baumgarten liegt offensichtlich in der Nähe von Isottas Gemächern, da sie von einem Fenster aus Tristanos aufklärendes Winken sieht; dennoch läßt sich dieser Text in die Nähe der Version von Berol setzen, da Marco den Baum, der auch hier eine „pino“ ist, allein besteigt.

102 Vgl. oben, S. 17 und Anm. 68.

103 KUHN (1980), S. 24.

104 Vgl. SIMON (19900, S. 357 - 361; Zit. S. 357.

105 Das Brautwerbungsschema konstituiert sich nach KUHN aus folgenden Handlungsschwerpunkten: „Beratung über eine ebenbürtige Frau für den Fürsten - Rat zur einzigartigen Königstochter über Meer - Ausrüstung und Ausfahrt des Fürsten oder seiner Boten mit Helfern - Ankunftslist - gefährliche Erkennung zwischen Werber und Braut - Entführungslist - Verfolgung - Ehe [...]“ (Kuhn (1980), S. 22).

106 Vgl. Kuhn (1980); alle Zit. S. 18.

107 Ebd., S. 16. Kursivierung dort.

108 Simon (19901), S. 358.

109 Ebd.

110 Ebd., S. 359.

111 Ebd., S. 360.

112 Ebd., S. 360f.

113 Vgl. ebd., S. 363; Zit. dort.

114 Vgl. KROHN (1995), S. 364: „Die allgemeine Überzeugung vom proteischen Charakter des Tristan ist zu einem einigenden Schibboleth der Mediävisten geworden.“ (Kursivierung durch mich).

115 Simon (19900, S. 363.

116 SIMON bezieht sich zuvor bei der Darstellung des Rechts in der Minnedialektik auf die von Gottfried in seinem huote - Exkurs [v. 17817 - 17985] dargelegte ,Rechtsvorstellung‘ von der huote als vîndin der minne [v. 17849], um Markes illegitimes Verhältnis zu Isolde zu beschreiben (SIMON (19900, S. 360). Da aber in der Baumgartenepisode gerade Markes huote durchkreuzt und nach dieser Logik folglich als unrechtmäßig dargestellt wird, wäre bei einem gleichbleibenden Rechtsverständnis das Unrecht auf Markes Seite und die Rechtsverhältnisse somit durchaus entscheidbar, zumal Marke scheinbar selbst die Unrechtmäßigkeit seines Tuns einsieht: der betrûrete aber daz / und gieng im rehte an sînem lîp, / daz er den neven und das wîp /ze arge haete bedâht. [G: v. 14918 - 14921].

117 Selbst die einzige Lüge wird bei Gottfried für Marke nahezu unwiderlegbar, da Isolde in dem auf die Episode folgenden Gespräch Tristans Bitte um Fürsprache und seine angeblichen Abreisepläne mit dem Wissen um Markes Vorinformation aus dem Belauschten Stelldichein in eine weitere Lüge kleidet: Sie antwortet ihm auf seine Frage, woher sie wisse, daß Tristan wê waere [vgl. v. 14972] indem sie vorgibt, durch Brangäne von Tristans Leid und seinen Plänen, den Hof verlassen zu wollen, erfahren zu haben [v. 14981 - 14998]. Marke erkennt natürlich aufgrund seiner Beobachtung im Baumgarten diese zweite Lüge, wertet sie jedoch offensichtlich als verzeihlich, da sie ja die von ihm zuvor wahrgenommene ,Wahrheit‘ bestätigt.

118 W. MORGENROTH, Nachwort zu „Das Papageienbuch“. München 1969, S. 286. Zit. nach BEYERLE (1979), S. 63.

119 Kuhn (1980), S. 34.

120 „[T]he materials of the story of Tristan and Isolt [are] transmuted by the tragic fatility that broods over the whole [...]“. SCHOEPPERLE (1913), S. 184. Vgl. oben, S. 24.

121 Vgl. HAUG (1993).

122 G: v. 14637 - 14656.

123 Simon (19900, S. 373.

124 G: v. 8675 - 8896.

125 Vgl. oben, Anm. 104.

126 Mot. K1500 - 1599.

127 Genaugenommen trifft man dieses Problem nicht nur bei dem Versuch an, die hier aufgeführten Erzählungen in ihrer Gesamtheit auf eine Struktur hin zu abstrahieren, sondern schon bei der Aufstellung der Regeste. Zusammenfassung bedeutet immer auch subjektive Gewichtung und wenn sicherlich auch die Paraphrase des Inhalts der Texte bei unterschiedlichen Bearbeitern ähnlich ausfallen wird, so läßt sich dieser Vorgang kaum objektiv operationalisieren. Dies gilt im gleichen Umfang für die segmentierten Darstellungen, die jedoch den Vorteil besitzen, die von mir subjektiv wahrgenommene Struktur deutlicher werden zu lassen.

128 Einen umfassenden Forschungsüberblick zur problematischen Gattungsabgrenzung der mittelalterlichen Kurzerzählung bietet ZIEGELER (1988).

129 Vgl. oben, S. 12.

130 Grubmüller (1993), S. 45.

131 Simon (19900, S. 380.

132 ESPINOSA (1946), Nr. 198, S. 511.

133 FISCHER (1966), S. 210 - 216.

134 Es handelt sich hierbei um eine treffende Formulierung der Pointe des AaTh 1423.

135 V. D. HAGEN (1850), S. 265 - 272.

136 Ebd., S. 266.

137 Šukasaptati, Nr. 88, S. 101.

138 Ebd.

139 Ebd.

42 von 42 Seiten

Details

Titel
Der Verzauberter Birnbaum und das Belauschte Stelldichein - Untersuchung zur Transformation und Adaption eines Erzähltyps im Tristan
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Die Suche nach Ursprüngen
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
42
Katalognummer
V99407
ISBN (eBook)
9783638978514
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verzauberter, Birnbaum, Belauschte, Stelldichein, Untersuchung, Transformation, Adaption, Erzähltyps, Tristan, Suche, Ursprüngen
Arbeit zitieren
Tobias Rose (Autor:in), 1999, Der Verzauberter Birnbaum und das Belauschte Stelldichein - Untersuchung zur Transformation und Adaption eines Erzähltyps im Tristan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99407

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