Die Hausarbeit geht der zentralen Frage nach, ob die Weihnachtsflut von 1717 eine Zeitenwende in Bezug auf die Deutungsmuster und das Deichbauwesen darstellte. Um darauf eine begründete Antwort zu finden, wird neben der Weihnachtsflut von 1717 auch die Burchardiflut von 1634 in Bezug auf ihre Deutung analysiert. Ein kompakter Vergleich der beiden Katastrophen dient letztendlich der fundierten Bewertung, inwiefern sich naturwissenschaftliche Herangehensweisen tatsächlich gegenüber den theologischen Traditionen durchgesetzt haben.
Mit der Burchardiflut von 1634 und der Weihnachtsflut von 1717, werden zwei Flutkatastrophen der Frühen Neuzeit vergleichend gegenübergestellt. Dabei wird im 3. Gliederungspunkt der Arbeit zunächst der faktische Verlauf und das Ausmaß der beiden Sturmfluten skizziert. Anschließend wird der Frage nachgegangen, wie die Menschen jener Zeit mit der Bedrohung durch Naturereignisse umgegangen sind, welche Rolle die Religion bei der Deutung der Katastrophen spielte und ob es Veränderungen im Bereich der Prävention gab. Somit werden nicht ausschließlich geografie- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte, sondern auch kirchen- und ideengeschichtliche Fragestellungen behandelt. Um den aufgeworfenen Schwerpunkten gründlich nachgehen zu können, muss zunächst jedoch theoretisch ergründet werden, wie Sturmfluten tatsächlich entstehen. Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der heutigen Forschung fällt eine Bewertung vergangener Zeiten leichter und ermöglicht erst eine kritische Beleuchtung des Themas.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Entstehung von Sturmfluten
3 Geografiegeschichtliche Analyse der Naturkatastrophen
3.1. Verlauf und Ausmaß der Burchardiflut 1634
3.2. Verlauf und Ausmaß der Weihnachtsflut 1717
4 Deutungsmuster der beiden Katastrophen
4.1. Die Burchardiflut als Strafgericht Gottes
4.2. Die Weihnachtsflut als Zeitenwende?
5 Auswirkungen der Flutkatastrophen auf den Deichbau
5.1. Das Deichbauwesen zu Beginn der Frühen Neuzeit
5.2. Veränderungen in Folge der Weihnachtsflut
6 Die Weihnachtsflut von 1717 als Zeitenwende? – ein Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel im Umgang mit und der Deutung von Naturkatastrophen in der Frühen Neuzeit am Beispiel der Burchardiflut von 1634 und der Weihnachtsflut von 1717, um zu prüfen, ob letztere eine Zäsur in der Küstengeschichte und im Deichbauwesen markiert.
- Vergleichende Analyse der Naturkatastrophen von 1634 und 1717
- Deutungsmuster: Wandel von göttlicher Strafe hin zu wissenschaftlich-pragmatischen Ansätzen
- Entwicklung des frühneuzeitlichen Deichbauwesens als Reaktion auf Sturmfluten
- Rolle von Theologie und aufkommender wissenschaftlicher Rationalität
- Küstenschutz und gesellschaftliche Risikowahrnehmung im 18. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
3.1. Verlauf und Ausmaß der Burchardiflut 1634
Der 11. Oktober 1634 sollte als Schicksalstag Nordfrieslands und der gesamten schleswig-holsteinischen Westküste in die Geschichte eingehen. Die damalige Sturmflut zählt bis heute zu den größten Naturkatastrophen der europäischen Geschichte. In den Tagen vor der Katastrophe herrschte noch sonniges und ruhiges Herbstwetter. Selbst am Morgen des 11. Oktober konnten Augenzeugen noch lieblichen Sonnenschein an der nordfriesischen Küste beobachten. Gegen Mittag setzte dann aber Regen ein, bis sich am frühen Abend ein immer stärker werdender Sturm aus Südwesten erhob, der sich später auf Nordwest drehen sollte. „... und Gott der Herr ließ donnern, regnen, hageln, blitzen und den Wind so kräftig wehen, dass die Grundfeste der Erde sich bewegten.“, schrieb der Chronist Peter Sax, der die Flut im Eiderstedter Dorf Koldenbüttel erlebte.
Nach der Drehung des Südweststurms auf Nordwest nahm dieser die Stärke eines Orkans an und drückte in Folge ungeheure Wassermassen gegen die Deiche. Gegen 10 Uhr Abends brach als erster Seedeich der Stintebüller Deich in der Nähe von Gaikebüll. Daraufhin trat eine Überflutung ein, welche zwei Stunden nach Mitternacht ihren Höhepunkt erreichte. Die Angaben über die Fluthöhe weichen dabei erheblich voneinander ab. Auf dem Festland erreichte das Wasser wohl eine Höhe von 4m über dem mittleren Tidehochwasser. Die Burchardiflut, benannt nach dem Heiligen Bischof Burkhard von Würzburg, richtete an der Küste der Herzogtümer Schleswig und Holstein verheerende Schäden an. Die Deiche, welche in Folge der vorangegangenen von 1612 und der Eisflut von 1625 bereits in einem miserablem Zustand waren, konnten den Wassermassen nicht Stand halten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, des methodischen Vorgehens und des aktuellen Forschungsstandes zu Sturmflutkatastrophen in der Frühen Neuzeit.
2 Zur Entstehung von Sturmfluten: Erläuterung der meteorologischen und geografischen Bedingungen, die im Nordseeraum zur Entstehung von Sturmfluten führen.
3 Geografiegeschichtliche Analyse der Naturkatastrophen: Detaillierte Schilderung der Ereignisse, Schäden und Opferzahlen der Burchardiflut 1634 und der Weihnachtsflut 1717.
4 Deutungsmuster der beiden Katastrophen: Untersuchung des religiösen Verständnisses als göttliche Strafe und der einsetzenden, durch Wissenschaft geprägten Skepsis gegenüber theologischen Erklärungsmodellen.
5 Auswirkungen der Flutkatastrophen auf den Deichbau: Analyse der technischen Fortschritte im Deichbauwesen und des Wandels hin zu einer Risikoabwägung unter dem Einfluss von Fachleuten.
6 Die Weihnachtsflut von 1717 als Zeitenwende? – ein Fazit: Zusammenfassende Bewertung, inwiefern die Katastrophe von 1717 einen Wendepunkt in der gesellschaftlichen und technischen Auseinandersetzung mit Naturgefahren darstellte.
Schlüsselwörter
Frühe Neuzeit, Sturmflut, Burchardiflut, Weihnachtsflut 1717, Nordseeküste, Deichbauwesen, Deutungsmuster, Gottesstrafe, Wissenschaftsgeschichte, Umweltgeschichte, Risikowahrnehmung, Küstenschutz, Naturkatastrophen, Aufklärung, Geografiegeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der vergleichenden Untersuchung zweier schwerer Sturmflutkatastrophen in der Frühen Neuzeit und deren Auswirkungen auf das gesellschaftliche und technische Denken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Umweltgeschichte, der historischen Deutung von Naturphänomenen sowie der Entwicklung der Deichbautechnik und des damit verbundenen staatlichen Handelns.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die Weihnachtsflut von 1717 eine Zeitenwende einleitete, die den Übergang von rein theologisch-fatalistischen Deutungsmustern zu einem wissenschaftlich-pragmatischen Umgang mit Naturgefahren begünstigte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die Primärquellen (Chroniken, Berichte) und einschlägige Sekundärliteratur vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Verlauf der Fluten, die zeitgenössische religiöse Deutung als „Strafgericht Gottes“ und die Transformation hin zu technischen Lösungen im Deichbau durch Pioniere wie Albert Brahms.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Frühe Neuzeit, Sturmflut, Deichbauwesen, Deutungsmuster, Wissenschaftsgeschichte und Katastrophenforschung.
Inwiefern unterschied sich die Wahrnehmung der Fluten?
Während die Flut von 1634 nahezu ausnahmslos religiös als göttliche Strafe gedeutet wurde, führte die Katastrophe von 1717 zu einer ersten, wenn auch kontroversen Debatte über die menschliche Verantwortung und technische Präventionsmöglichkeiten.
Welche Rolle spielte die Religion bei der Bewältigung?
Die Religion diente einerseits der mentalen Sinnstiftung durch die Einbettung in göttliche Ordnungen, andererseits hemmte sie durch ihre strikte Ablehnung wissenschaftlicher Eingriffe in die Natur den notwendigen technischen Ausbau des Küstenschutzes.
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- Philip Sell (Author), 2019, Die Burchardiflut 1634 und die Weihnachtsflut 1717. Deutung zweier Naturkatastrophen in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/994739