Papst Gregor VII. und sein Platz im "Investiturstreit"

Die Kirchenreform im 11. Jahrhundert


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von Hildebrand zu Papst Gregor VII

3. Die Verschärfung des Investiturstreits

4. Canossa als Wende?

5. Die Zeit bis Gregors VII. Tod

6. Gregors Amtsverständnis

7. Fazit

8. Literatur- und Quellenverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Spricht man von dem hochmittelalterlichen Verhältnis von Papst- und Kaisertum im Kontext des sogenannten Investiturstreits, dann sind zwei Namen zu nennen, von denen insbesondere zum Höhepunkt des Konflikts eine zentrale Wirkung ausgegangen ist. Gemeint sind König Heinrich IV., der die weltliche Dimension repräsentierte, und Papst Gregor VII., der für die geistliche Seite einstand. Auch wenn letzterer zu Beginn seines Pontifikats keine Auseinandersetzung ansteuerte, haftete seinem Kurs ein zunächst latenter, schrittweise offen werdender Konflikt an.

Gregor VII war ein Papst, der sich als apostolischer Sukzessor ganz der Verbesserung der kirchlichen Bedingungen verschrieben hatte, was jedoch mit den Interessen König Heinrichs IV. kollidierte. Es handelte sich schließlich um ein Novum, als Papst Gregor den König mit dem Kirchenbann belegte. Bonizo von Sutri sagte über die Geschehnisse, dass die Kunde vom Bann den ganzen römischen Erdkreis habe erzittern lassen1. Der Bruch mit den Gewohnheiten machte für viele geistliche Zeitgenossen aus Gregor einen Radikalen, den es in seine Schranken zu weisen galt. Das Verhältnis zwischen regnum und sacerdotium sollte auf die Probe gestellt werden.

Diese Arbeit dient dem Ziel, das Leben Papst Gregors VII. zu zeichnen, während seine Beteiligung am sogenannten Investiturstreit geschildert wird. Die Biographie soll dabei Rückschlüsse auf die Hintergründe und den Auslöser des Konfliktes geben. Dabei gilt es die Reaktionen der Gegenpartei nicht unbeachtet zu lassen. Abschließend gilt es ein Urteil darüber zu fällen, ob die Bezeichnung "Investiturstreit" zutreffend ist und ob Gregors geistliches und weltpolitisches Handeln scheiterte.

Die Biographie ist dabei in vier Abschnitte, Zeit bis zum Pontifikat, Verschärfung des Investiturstreits, Canossa als Wende und Zeit bis zum Tod unterteilt. Am Ende sollen noch Aspekte seines Amtsverständnisses beleuchtet werden, die in der Biographie keinen Platz hatten. Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen.

2. Von Hildebrand zu Papst Gregor VII.

Gregor VII., der mit Geburtsnamen Hildebrand hieß, soll in der Spanne von 1020 bis 1025 in der Toskana, expliziter wird das Bistum Sovana vermutet, geboren sein2. In seiner Jugend wurde er unter anderem von Erzbischof Laurentius von Amalfi geschult, unterbrach diese kanonikale Karriere jedoch nicht für die Aufnahme in ein Mönchskonvent, so wie die polemische Etikettierung Gregors durch die Opposition als "falscher Mönch" es vermuten ließe3. Nachdem es mit der Niederlegung des Papsttums von Benedikt IX. zur Simonie durch Gregor VI. gekommen war, intervenierte Heinrich III. in die römischen Verhältnisse und drängte 1046 darauf, einen der mitgereisten Bischöfe zu installieren4. Trotz dieser Umstände verlor Hildebrand nie ein abträgliches Wort über den Kaiser und so bewahrten die Reformer ihm auch ein dankbares Andenken5. Von der Zeit, die Hildebrand seitdem als persönlicher Kaplan des ehemaligen Papstes im Exil in Köln verbrachte, ist wenig bekannt, weshalb nicht gesagt werden kann, warum Hildebrand fortan die Verdrängung des einheimischen Adelspapsttums und den Transfer auswärtiger Bischöfe, die vom Kaiser gestützt wurden, billigte6. Zurück in Rom weihte Hildebrand der 1049 kanonisch gewählte Papst Leo IX. zum Subdiakon, setzte ihn als Kustoden des Petersaltars und als Rektor von San Paolo fuori le mura ein, womit ihn nur der Lateran mit der Salvator-Kirche an Würde übertraf7. Hatte unter Kaiser Heinrich III. das Reformpapsttum einen eher improvisierten Anfang genommen, fing Leo IX. an, diesem Anliegen Konturen zu geben, und so sollte der Simonie und dem laxen Umgang mit den Normen des Kirchenrechts durch Synoden unter pästlicher Leitung einhalt geboten werden8. In seiner Frühphase war das Reformpapsttum auf die Reform des Klerus fixiert und somit fing es erst später an auch die Laienwelt und Vorrechte der Herrscher anzugehen9. Im Anschluss an den Tod von Papst Leo IX. im April 1054 kam Hildebrand mit zwei Kardinalbischöfen zum Hof Heinrichs III., um sich in die Wahl des Papstes einzuschalten10. Dass das Pontifikat des neu gewählten Papst Viktors II. nach zwei Jahren enden sollte, nachdem einige Monate zuvor der Kaiser verstorben war, stellte für die Kontinuität des Reformpapsttums eine Krise dar, die, ohne dass der deutsche Hof oder Hildebrand einbezogen wurden, mit einer unmittelbaren Installation Friedrichs von Lothringen als Papst Stephan IX. einherging, um eine Reokkupation durch den römischen Adel zu vermeiden11. Mit dieser Entscheidung begann die Verselbstständigung des Papsttums gegenüber dem salischen Königshof und der deutschen Reichskirche, was seinen Ursprung jedoch weniger in einer programmatischen Umorientierung als im Wandel der politischen Rahmenbedingungen besitzt12. Der nachfolgende Papst wurde 1058 schließlich nicht mehr durch die kaiserliche Regenschaft benannt, sondern wurde eine Gesandtschaft zu Kaiserin Agnes geschickt, die lediglich eine Bestätigung des Kandidaten einholte13. Überdies verließ man mit dieser Wahl die altkirchlichen Normen, den Bischof der "Ewigen Stadt" in Rom unter Einbezug des Klerus und des Volks der Diözese zu erheben14. Das Mitwirken an der Inthronisation von Nikolaus II. in der Zeit zwischen den beiden Pontifikaten soll Hildebrand zudem den Rang eines Archidiakons eingebracht haben15. Die nächste Legation an den deutschen Hof tätigte im Jahr 1060 nun nicht mehr Hildebrand, sondern der Bischof Anselm I. von Lucca, welcher der Investitur des Fuldaer Abts Siegfried durch Kaiserin Agnes zum Erzbischof von Mainz beiwohnte16. Ohne die genaue Ursache zu kennen wurde Kardinal Stefan von San Grisogono ein Jahr später tagelang am deutschen Hof warten gelassen, wodurch er von der Verurteilung einiger Entscheidungen des Papstes erfuhr, eines Umstands, den der Klerus in Rom auf Treiben Hildebrands zum Anlass nahm, um die folgende Papstwahl ohne Verständigung mit dem deutschen Hof zu beschließen17. Das Schisma war schließlich geboren, als sich Kaiserin Agnes mit dem durch Heinrich III. verdrängten römischen Adel verbündete und einen Gegenpapst aufstellte, der dem inzwischen stark gewachsenen Wunsch nach kirchlicher Reformation entgegenstand18. Auf eine positive Wendung hoffte die römische Kirche, als Kaiserin Agnes nach Italien zog, um ein klösterliches Leben zu beginnen, und Heinrich der IV. 1065 mit der Mündigkeitserklärung die Regierungsgewalt erhielt19, doch mehrten sich mit seinem Amtsantritt die Klagen simonistischer Misstände, sodass das Reichsepiskopat sukzessiv aufhörte, sich aus römisch-reformistischer Perspektive von anderen Reichen abzuheben20. Die Weichen zur Eskalation des Investiturstreits waren spätestens dann gestellt, als Alexander II. zur Fastenzeit 1073 wegen des Konflikts mit Heinrich IV. um die Investitur des mailändischen Bischofssitzes mehrere königliche Gehilfen wegen simonistischer Machenschaften mit dem Kirchenbann belegte, nachdem Hildebrand, der über die Jahre zunehmend an Ansehen gewann und Simonieklagen strenger zu beurteilen pflegte als Alexander II., aufgrund seines Einflusses die besten Aussichten auf die Nachfolge des Papstes hatte21. Als Alexander II. im April verstarb, wurde Hildebrand einen Tag später wegen seiner Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, Gerechtigkeitsliebe und seines Sinns für Fairness zum Papst gewählt, ausgerufen und akklamiert22.

Zieht man in Betracht, dass es am Anfang des 11. Jahrhunderts zu einer erhöhten Sakralisierung des Königsamt unter Otto III. und einer Zentralisierung der Herrschaft unter Heinrich II. kam, sich die allgemeine Verfügungsgewalt des Königs also verfestigte, so erscheint es als kein Zufall, dass die frühesten Belege des Verbs investire (als kennzeichnender Ausdruck der Vergabe eines kirchlichen Amtes durch einen deutschen König) in diesen Zeitraum fallen23. Wenn nun Hildebrand den sich bis zur Eskalation anbahnenden Konflikt nicht entschärfte, dann ließe es sich darauf zurückführen, dass er im Schoß der Kirche groß geworden ist und damit die zur Krone dissonanten Entwicklungstendenzen vom kirchlichen Verständnis von regnum und sacerdotium weitergetragen hat, weil sie aus seiner Perspektive einer überindividuellen und somit objektiv wirkenden Ordnung Rechnung trugen24. Ein geschärftes Bewusstsein für die Diskrepanz von kirchlichem Alltag und kanonistischen Sammlungen, in denen es mehrere rechtliche Bestimmungen gab, die einer verstärkten Sakralisierung des Königsamtes und der herrscherlichen Verfügungsgewalt über Bistümer und Abteien grundsätzlich entgegenstand, war dafür verantwortlich, die bestehenden Verhältnisse in Frage zu stellen25. Wenn Hildebrand ins Exil geschickt wurde, weil sich Heinrich III. für die Absetzung des alten Papstes und die neue Übertragung des Papstamtes im regnum Italiae maßgebend verantwortlich zeichnete, ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um eines der einschneidenden Ereignisse gehandelt haben könnte, die das allgemeine Bewusstsein, aber umso mehr das Bewusstsein Hildebrands für die Diskrepanz verschärft haben dürfte. Dementsprechend erhoffte man nach diesen Ereignissen mit Heinrich IV. nicht zu der Abhängigkeit von Heinrich III. zurückzukehren, sondern lediglich in der päpstlichen Reformpolitik bekräftigt zu werden26.

3. Die Verschärfung des Investiturstreits

In den ersten Jahren päpstlichen Handelns trat Gregor nicht in Konflikte mit Herrschern und Fürsten ein, weil er ein kanonischeres Besetzungsverfahren durchsetzen wollte, um die weltliche Macht einzuschränken, sondern weil sein Anspruch auf Mitwirkung bei umstrittenen Nachfolgeregelungen mit den Absichten der jeweiligen Machthaber kollidierten27. Er wollte den Einfluss der Machthaber bei der Kandidatenauswahl auf die Zustimmung zu einer korrespondierenden (kanonischen) Wahl durch Volk und Klerus beschränkt wissen, um die Grundforderung bei Kirchenbesetzungen, den Verzicht auf Simonie, gewährleistet zu wissen28. Obwohl nun das Verhältnis zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. zum Beginn des Pontifikats unter einer gewissen Anspannung stand, hatte Alexander zuvor noch nahe Vertraute des Königs exkommuniziert, schickte der König dem Papst eine Ergebenheitsadresse zu, die jedoch nicht als Ausdruck seiner tatsächlichen Ergebenheit, sondern als Ausdruck seines dilatorischen Geschicks zu verstehen ist, da er sich bis zur Niederschlagung des sächsischen Aufstands 1075 keinen Konflikt mit Rom leisten wollte29. In Rom konnte man sich über das Verhalten Heinrichs keine Klarheit verschaffen, wie ein Brief Gregors an den König von 1075 erkennen lässt: Im übrigen scheint es uns höchst sonderbar, daß Du uns so zahlreiche Briefe voll Ergebenheit [...] übermitteln läßt, Dich einen Sohn der heiligen Mutter Kirche und unseren nennst, in Treue untergeben [...], und Du Dich schließlich mit Worten der Liebe und Ehrerbietung empfiehlst, in der Sache selbst aber und im Handeln als trotzig, den kanonischen und apostolischen Verfügungen in dem, was die kirchliche Religiosität am meisten fordert, als widerspenstig zeigst30.

In diesem Brief tritt das Verhalten Heinrichs also bereits als ein ambivalent Wahrgenommenes in Erscheinung, da der König trotz seiner Ergebenheitsbeteuerungen noch immer mit den Exkommunizierten zu verkehren schien und er entgegen seiner Rechte zwei Bischöfe in Mittelitalien investiert hatte, obwohl diese dem Papst als Metropoliten unterstanden, womit die Rechte Roms verletzt waren, er sich aber auch unkanonischen Handelns schuldig machte31. Die Investituren in Reichsitalien führten bei Gregor VII. erstmals zu prinzipiellen Überlegungen darüber, ob die königlichen Kompetenzen bei Kirchenbesetzungen berechtigt waren32. Obwohl sich am Ende des Briefes noch versöhnliche Worte und eine Versicherung, zu Verhandlungen bereit zu sein, finden, ist der Brief als Ultimatum zu verstehen33. Es war ein Brief, an dem der König nicht Anstoß nahm, weil die Bischofserhebungen in Frage gestellt wurden, sondern weil grundsätzliche Erwägungen getätigt wurden, die die Unterordnung des Königtums unter den Stellvertreter Petri beinhalteten, was von Heinrich IV. als ein Angriff auf seine Königswürde verstand34. Da die Sachsen alsbald kein Hindernis für eine offene Konfliktaustragung mehr waren, hielt Heinrich Anfang 1076 eine Reichssynode ab, in der ein Schreiben aufgesetzt wurde, in dem Hildebrand als "falscher Mönch" bezeichnet und zur Pontifikatsabgabe aufgefordert wurde35. Die Reaktion Gregors VII. bestand in einem Bannspruch gegenüber Heinrich, welcher die Fürsten des Landes dazu bewegte, sich vom exkommunizierten König zu trennen und ihm sein Königtum abzusprechen, sollte er nicht binnen Jahresfrist vom Bann befreit sein36. Dadurch war Heinrich IV. zum Gang nach Canossa gezwungen, um in seinem honor wieder hergestellt werden zu können37. Eine grundsätzliche Einschränkung seiner Kirchenherrschaft hatte Heinrich in keinem seiner Schreiben bekämpft38, war die Investitur nur mehr ein Auslöser für ein Zerwürfnis um die metaphysischen Grundlagen von regnum und sacerdotium 39.

[...]


1 Weinfurter 2006, 109.

2 Blumenthal 2001, 16f.

3 Schieffer 2010, 11f.

4 Ebd., 12f.

5 Ebd., 47.

6 Ebd., 13.

7 Blumenthal 2001, 67.

8 Schieffer 2010, 14f.

9 Ebd., 15.

10 Ebd., 17.

11 Ebd., 18f.

12 Ebd., 19.

13 Blumenthal 2001, 87.

14 Goez 2000, 104.

15 Blumenthal 2001, 96.

16 Schieffer 2010, 25.

17 Ebd., 25f.

18 Ebd., 26.

19 Struve 2006, 82f.

20 Schieffer 2010, 27.

21 Ebd., 28f.

22 Blumenthal 2001, 136f.

23 Laudage 1993, 12.

24 Vogel 1983, 3.

25 Laudage 1993, 16.

26 Schieffer 2010, 27.

27 Englberger 1996, 214.

28 Ebd., 215.

29 Fuhrmann 2016, 17.

30 Brief Gregors VII. an Heinrich IV., ed. Laudage/Schrör 2006, Nr. 29, 107.

31 Goez 2000, 124.

32 Englberger 1996, 224.

33 Goez 2000, 124.

34 Englberger 1996, 224.

35 Fuhrmann 2016, 17f.

36 Ebd., 18.

37 Hehl 2019, 94.

38 Englberger 1996, 225.

39 Ebd., 115.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Papst Gregor VII. und sein Platz im "Investiturstreit"
Untertitel
Die Kirchenreform im 11. Jahrhundert
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Die Kirchenreform im 11. Jahrhundert
Note
2,3
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V994834
ISBN (eBook)
9783346364432
ISBN (Buch)
9783346364449
Sprache
Deutsch
Schlagworte
papst, gregor, platz, investiturstreit, kirchenreform, jahrhundert
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Papst Gregor VII. und sein Platz im "Investiturstreit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/994834

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