Sündige Fastnacht?


Essay, 2001
5 Seiten

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Sündige Fastnacht ?

Narrheit zwischen Ausgelassenheit und Ausschweifung

Es ist nicht neu, dass Narren während der "Fünften Jahreszeit" ihre ausgelassene Freude auch in Ausschweifungen ausarten lassen, so dass deshalb das Klischee einer sündigen Fastnacht entstand, welches sich bis heute hartnäckig hält, und sei es, wenn man nur an der Theke oder im Flur über den hemmungslosen Nachbarn oder die geile Nachbarin klatscht und tratscht. Nicht wenige behaupten sogar, dass Frauen oder Männer, besonders während der Fastnacht, über die Stränge schlagen, weil es ihnen während der übrigen Jahreszeit nicht gelingt und die Möglichkeiten für einen Fehltritt hinter der Maske, oder im tolerierten Alkoholrausch, einfach optimaler sind.

Der Streit zwischen Tugenden und Sünden

In der Tat belegen zahlreiche Bilder und Texte bereits im ausgehenden Mittelalter, wie Menschen den zahlreichen Versuchungen, den sogenannten "fleischlichen" Trieben während den närrischen Tagen nachgegeben haben.

Nicht von ungefähr sagt der Volksmund gar verächtlich über närrische Rheinländer , dass diese bei Festen ,,suffe, poppe, Karte kloppe."

Gar manche Ehefrau, heute zunehmend auch der Ehemann sind über die Eskapaden und Ausfälle ihrer Liebsten während den Tagen zwischen Weiberfastnacht(Donnerstag) und Aschermittwoch entsetzt und tragen oftmals schwer an diesen Fastnachtssünden. Die Liste der Verfehlungen ist bekannt und lang: Der Knutschfleck am Hals, der zu heiße Flirt an der Theke, die Sauftour mit der Clique, der heftige Klammerblues auf der Tanzfläche, die Hotelquittung in der Hosentasche, der beobachtete ,,One-Night-Stand" im Auto in der Seitenstraße oder der vergessene Slip auf dem Rücksitz des Firmenwagens.

Doch durchgängig sind diese Ausschweifungen mit Sicherheit nicht, da es zu viele schöne Fastnachtserlebnisse gibt, die Frauen und Männer, Kinder wie Jugendliche gleichermaßen erfreuen.

Wie viele Paare haben sich auf Fastnachtsbällen kennen- und lieben gelernt, oftmals später dann geheiratet, wie oft berichten Fastnachter über tolle Flirts, großartige Stimmungen in Sälen und auf Sitzungen, wie viele Male wird gelacht und geschäkert, gestaunt auf Umzügen oder wie viele tausende Erinnerungen von aufregenden Sessionen bleiben bei den aktiven wie zuschauenden Teilnehmern haften.

Tragendes Grundmotiv für das ,,System" Fastnacht ist wohl das Zweistaaten-Modell von Augustinus, des wohl bedeutendsten Kirchenlehrers der Christenheit aus dem 4./5. Jahrhundert nach Christus, das entscheidenden Einfluss auf das theologische Denken des Mittelalters und seiner Auswirkungen auf das närrische Festleben in den Dörfern und Städten hatte. Demnach stand sich die Gemeinschaft der Gläubigen, die sich nach Gott orientierten, dem Volk von Gottlosen, Gangstern und Ganoven - zu denen auch die Narren zählten - gegenüber. Die frommen Menschen verübten dabei Werke der Nächstenliebe, die Sünder dagegen verfielen den zahlreichen Lastern der Fress- und Sauflust, der Unzucht und Geilheit, der hemmungslosen Spiel- und Streitlust. Der Gottesliebe (durch Werke der Caritas bezeugt) stand die Selbstliebe (durch Ausführen von Lastern gekennzeichnet) gegenüber.

Dieser Kontrast ist bis heute das Wesensmerkmal der Fastnacht auf der ganzen Welt.

Als das bekannteste Bildmotiv über diesen Gegensatz gilt das im Wiener Kunsthistorischem Museum befindliche, 1559 entstandene Gemälde von Pieter Brueghel, "Kampf der Fastnacht mit den Fasten". Es zeigt auf der linken Bildhälfte alle Formen fastnächtlicher Ausschweifungen mit den Symbolen des Fettwanstes, der u.a. einen Schweinskopf am Spieß vor sich hinhält. Dagegen sitzt rechts fast wie im Duell die hagere Frau Fasten mit einer Brotschaufel, auf denen zwei Fische(sie gelten als Christussymbole) liegen. Als weiterer Gegenpol steht das Gotteshaus dem Wirtshaus gegenüber, Rosenkranz gegen Würste, Almosen spendende Menschen konträr zu Gauklern und Dirnen.

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Kein anderes Bild demonstriert so deutlich den Kontrast des Narrentums zur österlichen Botschaft bzw. vorösterlichen Buße.

Am ausgeprägtesten zeigte sich damals dieser Gegensatz in den kurzen Tagen einer ausgelassenen närrischen Zeit, die in den kirchlichen Kalender fest eingebunden war und im Gegensatz zu heute eine weitaus strengere terminliche wie moralische Regulierung ausübte.

Umso heftiger - so belegen es viele erhaltene schriftliche Verbote und Anordnungen von Fürsten wie von Kirchenleitungen - waren die häufigen Übertritte der Teilnehmer bei den verschiedenen Vergnügungen jener Zeit. Dies betraf besonders die geselligen Orte des Tanzbodens, der Bälle und Umzüge wie privaten Begegnungen am Rande des offiziellen Treibens.

Daher rührt auch die volkstümliche Rede von der Untreue in der Fastnacht.

Die Aktualität von Begierden - gestern und heute

Die Bildquellen des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert belegen auch die Deftigkeit der sexuellen Begierden der Narren damals, die den heutigen Formen entsprechender Ausschweifungen keineswegs nachstanden. Insbesondere die mittelalterliche Schaulust hat sich als tragendes Element bis in die heutige Fastnachtskultur hinübergerettet. Verdeckte wie offene Triebe werden wie damals in Verkleidungen, fastnächtlichen Tanz- und Spielformen, Liedern und Sprachregelungen (Ausrufe, Fastnachtsreime, Spottverse) sowie in verschiedenen persönlichen Verhaltensmustern gezeigt und vorgeführt. Der noch heute in Elzach(Schwarzwald) vom Nachtwächter am Fastnachtsmontag verkündigte Text lässt das Ausmaß vergangener wie aktueller Vergnügungen erahnen:

"Ihr Mütter, wenn der Narren Zeit rückt an, Hängt euern Töchtern Schlösser an. Und wenn der Narr den Schlüssel hat, So denket, was ich euch gesagt !"

Selbst wenn aus mündlichen Überlieferungen entstandene Übertreibungen von sexuellen Ausschweifungen die Runde in Frauen- und Männergesprächen machen, ist die Bedeutung sexueller Aktivitäten und erotischer Darstellungen während der Fastnachtstage nicht zu unterschätzen, zumal der Rahmen der "Tollen Tage" einen günstigen Nährboden anbietet: Die Narrenherrschaft übernimmt nämlich kurzzeitig andere Regeln (u.a. sogenannte "11 Paragraphen") und setzt die Gebote und Verordnungen der Alltagsgesellschaft außer Kraft. Die Schlüsselübergabe der Stadtoberen an die jeweiligen Narrenherrscher versinnbildlicht diese ,,Verkehrte Welt" in einer realen Welt.

Man mag dies als Ventilfunktion der Fastnacht erklären, jedoch sprechen die Symbole und Rituale der Fastnachtskultur hinsichtlich von Ausschweifungen und Gelüsten eine eigene Sprache, deren Motive und Formen jenem augustinischen Gedankenmodell entspringen, das noch heute auch ohne kirchliche und moralische Bindungen Fest prägend ist. Der Vergleich vergangener lokaler oder regionaler Fastnachtskulturen mit den heutigen Erscheinungen auf dem Lande und insbesondere in den Narrenhochburgen am Rhein ist besonders in der Schwäbisch-Alemannischen bzw. Tiroler Fastnacht augenfällig. Teufel- und Hexenmasken als negative Narrenfiguren gelten beispielsweise als die ältesten Verkleidungen, die heute aktueller denn je sind - ergänzt durch neuzeitliche Monsterfiguren. Neck -und andere Anmachrituale zwischen Frauen und Männern, heutzutage verstärkt auch unter gleichen Geschlechtern, sind nahezu überall hoffähig.

Schließlich belegen auch historische wie gegenwärtige Empfängnisstatistiken(trotz Pille) im Februar leichte Erhöhungen und darüber hinaus heutzutage manche Krisen oder Trennungen von Paaren nach einer närrischen Session.

Und nach wie vor stellen sich Frauen wie Männer in verschiedensten Formen(beispielsweise als Barmädchen bzw. als Pirat)und Bewegungen (u.a. grapschend bzw. knutschend) - leichtbekleidet wie stimulierend - den Zuschauern zur Schau und verhehlen nicht - wie vor 500 Jahren - ihre Lüste und Begehrlichkeiten. Der Volksmund "Narren sagen die Wahrheit" könnte durchaus ergänzt werden durch "Narren zeigen ihre Wahrheit" und belegt gestern wie heute die Hinfälligkeit des Menschen während und außerhalb der Fastnachtstage. Er aktualisiert und verdeutlicht den augustinischen Grundgedanken, dass der Mensch sein Leben lang zwischen Gut und Böse kämpft und ständig mit der Entscheidung für abgrundtiefe Abhängigkeiten oder paradiesische Sehnsüchte konfrontiert wird.

Fastnacht als Läuterung

Selbst gut gemeinte Parolen für eine "saubere Fastnacht" oder wohl formulierte Zunftordnungen und Vereinssatzungen ersparen dem Narren - auch den Vorständen, Sitzungspräsidenten wie anderen Aktiven - nicht den Spagat zwischen akzeptabler Ausgelassenheit und Ausschweifung, weil das System der Fastnacht stets ein polarisierendes Gegensatzmodell war und ist. Sie lebt sogar zwingend von der Gegensätzlichkeit einer "Verkehrten Welt" in einer realen Welt. Dieser so mögliche dramaturgische Reiz bewirkt erst die Faszination der Fastnacht als individuelles und gemeinschaftliches Erleben.

Kein Fest im Jahr macht dem Menschen diesen Dualismus von Unsterblichkeit und Vergänglichkeit, von Glück und Verderben, von Tugenden und Sünden so bewusst. Es ermöglicht ihm aber auch, aus den persönlichen tollen wie unschönen Erfahrungen, aus den Ekstasen wie Räuschen während einer Fastnacht zu lernen und aus mancher Tragik, aus dem einen oder anderen Fehltritt, geläutert herauszukommen. Der Aschermittwoch antwortet symbolisch: ,,Bedenke, Mensch dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst."

Wie wahr, es trifft eines Tages jeden Narren wie Nichtnarren gleichermaßen. Heinz Amann Der Autor ist Religionssoziologe und Direktor der Volkshochschule Bingen

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Details

Titel
Sündige Fastnacht?
Autor
Jahr
2001
Seiten
5
Katalognummer
V99496
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sündige, Fastnacht
Arbeit zitieren
Heinz Amann (Autor), 2001, Sündige Fastnacht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99496

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