Friedrich Dürrenmatts "Der Winterkrieg" als konsequente Weiterentwicklung seiner Erzählung "Aus den Papieren eines Wärters"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
24 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aus den Papieren eines Wärters
2.1. Einordnung in Dürrenmatts Schaffen
2.2. Handlung und Struktur der Erzählung
2.3. Die Sinnfrage

3. Der Winterkrieg
3.1. Struktur und Handlung der Erzählung
3.2. Parallelen und Zuspitzung zu ,,Aus den Papieren eines Wärters"
3.3. Das Weltgleichnis

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

,,Mir ist gleichgültig, ob ich Deutscher oder Schweizer bin, ich folge einem philosophischem Blickwinkel." 1 Friedrich Dürrenmatt, 1990

1. Einleitung

Friedrich Dürrenmatts autobiographisch-esseyistischen Erzählungen: ,,Stoffe I-III" und ,,Stoffe IV-IX" werden neun Jahre vor seinem Tod veröffentlicht. Als er an den Stoffen zu arbeiten beginnt, ist er 48 Jahre alt und erholt sich nach schwerer Krankheit auf einer Kur. Vielleicht war die diese Dürrenmatts Grund, sich an die ,,ungelösten Erzählprobleme"2 zu setzen und diese ,,zu erledigen."3

Denn Dürrenmatt schrieb für sich; er war sein eigenes ,,Publikum". Schreiben war für ihn ,,ein Sich-Klarwerden".4

Friedrich Dürrenmatt war nicht nur Schriftsteller und Maler, er war auch ,,Philosoph". Dieses Fach hat er (zwar ohne Abschluss) an der Universität studiert. Und im weiteren Leben spielten bei ihm Philosophen immer eine herausragende Rolle. Er spricht von dem philosophischem Blickwinkel, dem er beim Schreiben seiner Werke folge. Diese zwei Dinge: das Lösen von Erzählproblemen und der philosophische Blickwinkel gehören eng zusammen, sind eigentlich eins. Dürrenmatt will nicht Geschichten erzählen, sondern philosophische Grundfragen wie beispielsweise: ,, Wie ist das Zusammenleben der Menschen möglich?" 5 in seinen Stoffen beantworten. Aber dies führt ihn immer wieder zu den Erzählproblemen. Diese Frage beschäftigt ihn von den Anfängen seines Schreibens und lässt ihn nie wieder los. Sie ist nicht nur in den ,,Stoffen I-III" zentral, auch im Frühwerk findet sie sich angedeutet immer wieder. Aber Dürrenmatt konnte in jungen Jahren noch keine befriedigende Anwort geben und hat daher nur die Frage in seiner Literatur verarbeitet. Diese These gilt es in meiner Hausarbeit zu untersuchen. Die Erzählung ,,Aus den Papieren eines Wärters" schreibt Dürrenmatt 1952 und ist somit Teil der frühen Prosa. Er veröffentlicht sie aber erst 1980 in seinem Gesamtwerk. Wie er selbst sagt, weil es ein Zwischendokument war. In ,,Labyrinth. Stoffe I-III" (1981) folgt dann die Bewältigung des Stoffes in der fiktiven Erzählung: ,,Der Winterkrieg in Tibet"6. Die Frage nach dem Zusammenleben von Menschen entsteht bei Dürrenmatt aus dem Wunsch heraus, Ordnung in seine Gedankenwelt zu bringen. Dabei kommt er um das Motiv des Labyrinths genauso wenig herum wie um die Sinnfrage. Die Arbeit daran und die Bewältigung sollen im Vergleich der Erzählungen ,,Aus den Papieren eines Wärters" und ,,Der Winterkrieg in Tibet" in meiner Hausarbeit herausgearbeitet werden. Ich werde in einem ersten Abschnitt die Erzählung ,,Aus den Papieren eines Wärters" in Dürrenmatts Schaffen einordnen. Sie dann auf Handlung und Struktur hin untersuchen und schwerpunktmäßig die Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Zusammenlebens herausstellen. Im zweiten Abschnitt werde ich bei der Erzählung ,,Der Winterkrieg in Tibet" ebenfalls kurz Handlung und Struktur untersuchen. Der Kern der Hausarbeit stellt das Aufzeigen von Parallelen und die Zuspitzung der möglichen Aussagen von ,,Aus den Papieren eines Wärters"7 zum ,,Der Winterkrieg in Tibet"8 dar. Von besonderem Interesse war für mich das Gespräch zwischen dem Beamten der Verwaltung und dem Erzähler im ,,Wärter" und der Abschnitt ,,Staat und Sterne"9 im ,,Winterkrieg". Es soll die Zuspitzung der Aussage vom ,,Wärter" zum ,,Winterkrieg" aufgezeigt werden. Dies bezieht sich ebenfalls auf das Motiv des Labyrinths, das in beiden Erzählungen eine Rolle spielt.

2. Aus den Papieren eines Wärters

2.1. Einordnung in Dürrenmatts Schaffen

,,Zu meiner Prosa ist nachträglich zu bemerken, daßmich vor allem ,,Die Stadt" nicht losließ. Bevor ich sie 1952 veröffentlichte, versuchte ich sie umzuschreiben, ,,Aus den Papieren eines Wärters", ein Stoff, dem ich mich damals nicht gewachsen war. Es ist ein Zwischendokument." 10

Mit diesen Worten ordnet Dürrenmatt die Erzählung in sein Gesamtwerk ein. Sie erscheint erst in diesem Gesamtwerk und nicht bereits 1952, in ihrem Entstehungsjahr. Inwiefern es sich bei der Veröffentlichung 1980 wirklich um die Fassung der fünfziger Jahre handelt, ist ungewiss. Aber wahrscheinlich hat Dürrenmatt vor dem Druck noch Änderungen vorgenommen. Denn auch seine anderen Erzählungen und Stücke hat er bei der Durchsicht für sein Gesamtwerk noch an manchen Stellen geändert. Dürrenmatt fühlte sich dem ,,Stadt- Stoff" noch nicht ,,denkerisch gewachsen".11 Die Erzählung ,,Die Stadt" bildet die Grundlage für den ,,Wärter" und dieser wiederum für den ,,Winterkrieg". Der ,,Stadt-Stoff" ist aber mehr als der Inhalt der Erzählung, er ist ein Gedankengeflechts Dürrenmatt, eine Ansammlung und Verstrickung von philosophischen Ideen und Beobachtungen. Diese einheitlich darzustellen, ist das Problem, an dem Dürrenmatt viele Jahre scheitert. Wenn ,,Aus den Papieren eines Wärters" ein Zwischendokument ist, müssen sich Ansätze finden lassen, die im ,,Winterkrieg" deutlich ausgebaut und verschärft wurden.

Im Jahre 1946 bricht Dürrenmatt sein Philosophiestudium ab und beschließt Schriftsteller zu werden. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerei schreibt er vor allem Erzählungen, Dramen und Hörspiele. Seine Erzählungen erscheinen 1952 zusammen unter dem Titel: ,,Der Tunnel". Die Zeit ist geprägt vom Kalten Krieg, den Dürrenmatt bewusst verfolgt und in dem er die politische Hoffnung hegt, dass die Russen die Atombombe bauen. Denn damit könnte das ,,Gleichgewicht des Schreckens" den Frieden zwischen der USA und der UdSSR sichern.12 Dürrenmatt distanziert sich von der Schweiz, die sie sich selbst als neutral versteht, aber aufgrund ihrer Angst vor dem Kommunismus nicht ist. Er versucht in seinen Werken ein ideologischen Gleichgewicht zu finden; er kritisiert sowohl den sowjetischen Kommunismus als auch die westlichen Demokratien. Dies scheint der Anlass oder Auslöser für Dürrenmatt zu sein, sich mit den Möglichkeiten des Zusammenlebens der Menschen auseinanderzusetzen. In seinen frühen Erzählungen und in dem Hörspiel: ,,Herkules und der Stall Augias" spielen sie eine wichtige Rolle.

2.1. Handlung und Struktur der Erzählung

Nach dem Titel der Erzählung ist ein scheinbarer Herausgeberkommentar eingefügt, der erklärt, dass es sich bei diesem Bericht um die ,,hinterlassenden Papiere eines Wärters, herausgegeben von einem Hilfsbibliothekar der Stadtbibliothek" handelt.13 Es wird dadurch eine kleine Distanz zwischen Leser und Erzähler aufgebaut. Man kann als Leser nicht wissen, was der Hilfsbibliothekar alles geändert hat, bevor er die Papiere herausgegeben hat. Die Glaubwürdigkeit nimmt beim Lesen aber schnell wieder zu, denn die Erzählung ist im Präsens geschrieben. Nähe und Überzeugungskraft des Ich-Erzählers, ein Wärter, entstehen durch die Beteuerung ,,die Wirklichkeit der Stadt"14 darzustellen und seiner distanzierten Art von der Stadt zu berichten. Er scheint ein neutraler Beobachter zu sein. Aber dies ist er nicht, wie sich an folgende Stellen erkennen lässt: ,,Doch drang auch nie das Lachen der Kinder an mein Ohr"15 und im Widerspruch dazu ,,Draußen im Hof ertönte plötzlich Kindergelächter."16 So wird im ,,Wärter" nur die ,,weltanschauliche Position des Erzählers"17 transparent. Der Leser sieht die Stadt durch dessen Augen. Schnell drängt sich der Eindruck eines Gleichnisses auf, dass das Leben aller Menschen beschreiben soll. Dennoch ist es nur die Unmöglichkeit des Erzählers in der Stadt zu leben, die von ihm selbst geschildert wird.

Der Ich-Erzähler beschreibt seinen eigenen Weg dorthin mit den Worten: ,,Auch fing ich an, die Menschen zu hassen, weil ich sie verachten lernte."18 Er verachtet die Menschen, weil sie in dieser Welt leben können. Er wird zum dostojewskischen19 Einzelgänger, der wie ,,ein Wahnsinniger [...] durch die Straßen"20 eilt. Auch der Wärter plant einen Mord, um seine Lebenslage zu verbessern. Er will aber kein Geld erbeuten, sondern durch ,,das Verbrechen einen Sinn"21 in sein Leben bringen.

Zum Mord fest entschlossen, wird der Ich-Erzähler von einem Beamten der Verwaltung eingeladen. Dieser hat die Aufgabe sich um ihn zu kümmern, weil der Erzähler mit dem Leben nicht klar kommt. Das Gespräch zwischen ihnen bildet den Kernteil der Erzählung. Von tragender Bedeutung ist darin die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Macht des Einzelnen. Der Beamte versucht dem Erzähler die Sichtweise der Verwaltung zu erklären, aber der Erzähler hat ,,die Welt immer noch nicht begriffen"22. So bleibt dem Beamten der Verwaltung nur noch die Möglichkeit, dem Erzähler einen Posten als Wärter, der eventuell im Winterkrieg im Tibet eingesetzt wird, anzubieten. Warum dieser Krieg geführt wird und wer ihn führt, wird nicht weiter erklärt.

Der Beamte sieht sich gescheitert und bedauert es: ,,wieder einmal [... hat er] verloren."23 Er weist den Erzähler noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass er freiwillig ein Wärter wird und freiwillig wieder austreten kann: ,,Die Türe ist offen."24 Dieser Satz wird vom Beamten so stark betont und wiederholt, dass dem Leser angedeutet wird, dass die Wärter es später nicht mehr wahrhaben wollen und können. Der Hinweis bleibt wie auch die Abschlussszene der Erzählung undurchsichtig und die mögliche Aussage damit im Ansatz stecken. Dann beginnt das zweite Kapitel, es beschreibt die Aufnahme des Erzählers in den Stand der Wärter. Dies geschieht in einem unterirdischem Labyrinth. Der Erzähler wird von einem Offizier begrüßt, der ihn als ehemaligen Soldaten des 3. Weltkrieges wiedererkennt. Mit rüden und verwahrlostem Ton und Benehmen weist der Offizier den neuen Wärter ein. Die Erzählung endet mit der Bestrafung eines Wärters, der ,,sich einbildet, er sei kein Wärter"25, sondern ein Gefangener.

Die zeitliche Ebene der Erzählung lässt sich auf die Zukunft festlegen. Jahreszahlen werden nicht genannt, aber der Erzähler hat in früheren Jahren bei Kriegen mitgemacht und ,,die großen Atombombenangriffe"26 erlebt. Es bleibt offen, ob es noch im 21. Jahrhundert spielt oder viel später, denn es ist nicht von Bedeutung. Die Vision von Kriegen und Atombombenabwürfen, die Dürrenmatt zeichnet, könnte ihren Anfang nehmen, wenn der verbitterte Religionskrieg des Islams ,,eines Tages mit Atomwaffen ausgetragen wird."27 Eine räumliche Einordnung ist nur sehr grob möglich; es handelt sich um eine Stadt auf der Erde. Sie hat große Ähnlichkeit mit Bern, wird aber nicht benannt. Da sind die verwinkelten Straßen, der Fluss und die Wohnung des Erzählers. Wie Dürrenmatt selbst, lebt der Ich- Erzähler in einer Mansarde und bemalt seine Wände mit Bilder seiner Träume. Wer Bern nicht kennt, dem wird die Ähnlichkeit nicht auffallen.

2.3. Die Sinnfrage

Die Stadt, die im ,,Wärter" beschrieben wird, ist so allgemein gehalten, dass es auf sehr viele Städte zutreffen kann und dadurch ein Bild für die undurchschaubare Wirklichkeit ist.28 Die Undurchschaubarkeit entsteht zum einen durch die Größe der Stadt und der Anordnung ihrer Straßen, die wir nicht überblicken können. Und zum anderen durch die Unplanbarkeit des Lebens. Es ist von Zufällen bestimmt und das System des Zusammenlebens der Menschen ist uns schleierhaft. So können die Menschen in der Stadt keinen ,,Einblick in die Entwicklung der Stadt erlangen" denn ihnen ist ,,der Einblick in ihre [der Stadt] Ordnung verwehrt".29 So wie man keine Ordnung für die Stadt finden kann, kann man kein (naturwissenschaftliches) Gesetz finden, nach dem das Zusammenleben der Menschen verallgemeinert werden kann. Durch die Unvorhersehbarkeit des Lebens stellt sich dem Erzähler (und uns) die Frage nach dem Sinn des Lebens: Wo ist der Sinn unseres Lebens, wenn wir nicht wissen, wie (also warum) unser Leben funktioniert und wir es dadurch nicht planen können?!

Im ,,Wärter" werden zwei Antworten angedeutet: die Lebensweise der Menschen in der Stadt und die des Erzählers. Wobei uns Erstere durch den Erzähler und dem Beamten der Verwaltung aus deren Sicht dargestellt werden. Der Erzähler sieht die Menschen leben in einer ewigen Tristesse aus Arbeiten, Schlafen, Essen und wieder Arbeiten. Er liest ,,in den Falten der Gesichter ihre alltäglichen und trostlosen Schicksale."30 An den Wochenenden erholen sie sich an den von der Verwaltung dafür vorgesehenen Orten, wie Fußballplatz und Park. ,,Die Verwaltung hat nur eine Aufgabe, die beiden Welten der Macht und der Machtlosigkeit zu trennen und Übergriffe zu verhindern."31 Dies macht sie, indem sie Beschäftigungen für die Menschen findet und ihnen ,,das Brot und die Gerechtigkeit"32 gibt. ,,Die Abenteuer des Geistes, der Liebe und des Glaubens [... vermag] allein der Einzelne zu finden."33 Und dies kann der Erzähler nicht, denn er sieht keinen Sinn in seinem Leben, bis er zu der Erkenntnis kommt, ,,daß es nur noch eine Möglichkeit [... gibt], zu leben, ohne schon lebend zu den Toten zu zählen: die Möglichkeit der Macht."34 So will er der Trostlosigkeit und Leere des Alltags durch Träumen entfliehen. In seinen Träumen scheint es egal zu sein, ob der Sinn des Lebens in der Forschung, dem Fortschritt und dadurch möglichen Exkursionen auf entfernte Planeten oder der Zerstörung durch Krieg liegt. Aber die Träume helfen dem Erzähler nicht weiter und so glaubt er, dass ,,in dieser Welt [...] nur noch das Verbrechen einen Sinn"35 hat.

Er will daher einen Beamten der Verwaltung ermorden, wird aber von diesen zu einem Gespräch geladen. In dem Gespräch stellt der Beamte das Zusammenleben der Menschen in der Stadt dar. Es funktioniert, weil es von wenigen Wärtern kontrolliert und gelenkt wird. Der Beamte versucht den Erzähler davon zu überzeugen, dass die Verwaltung nur die Grundlagen für das Leben der Menschen bereitstellen kann, ihm aber keinen Sinn verleihen. Wer damit nicht klar kommt, kann die Verwaltung den Beruf des Wärters anbieten, also Macht über Gefangene geben. Damit hat ihr Leben doch noch einen Sinn und ihre Aggressionen, ihre Mordgedanken und ihr Machthunger werden gezielt eingesetzt. Die Verwaltung stellt die totale Kontrolle dar, die auch für die Aussteiger ein Sammelbecken bereit hält. Ein Aussteiger ist der Erzähler, er ist Maler oder Schriftsteller. Er und seine Kollegen scheinen ebenfalls mit dem Leben nicht klarzukommen, denn wie er ,,malten sie ohnmächtig ihre Träume nieder. Die Dichter und Musiker glichen Gespenster aus längst untergegangenen Zeiten."36 Es scheint absurd, dass gerade die Künstler, die einzig benannten Aussteiger sind. Wo doch ihr Lebensinhalt vor allem das Umsetzen von Kreativität und Neuem ist. Viele Jahrzehnte haben Künstler neue Visionen gezeichnet und durch ihre Phantasien die Gedanken der Menschen beflügelt. Aber im ,,Wärter" stellen sie die Verlierer da. Vielleicht soll damit ebenfalls gezeigt werden, dass das Leben nicht vorhersehbar ist und all die Fiktionen der Künstler unnütz.

Die Verwaltung sieht in der Aufgabe eines Wärters die letzte Möglichkeit einem Aussteiger zu helfen. Dürrenmatt gibt der Verwaltung einen allmächtigen undurchsichtigen Charakter. Sie ist ein Gebilde, dass sich nicht fassen lässt und nur über seine Funktion erklärt, ähnlich wie ,,der Staat". Die Verwaltung kann alle Menschen lenken, selbst die, die das Verbrechen suchen. Damit werden die ,,Verbrecher" unter sich gebracht und stören, die anderen Menschen nicht. Dürrenmatt hat in einem Aufsatz die Funktion eines Staates wie folgt erläutert: ,,Der Staat der nur noch Staat ist [...], hat die Aufgabe ein möglichst gutes Hilfsmittel für das Zusammenleben der Menschen zu sein."37 Der Staat wird im ,,Wärter" von der Verwaltung verkörpert und stellt ein Hilfsmittel dar und keinen Diktator. Die für jeden einzelnen lebenswichtige Frage nach dem Sinn, kann die Verwaltung nicht beantworten. Sie kann nur die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ein jeder sie bewältigen kann. Der Einzelne braucht dazu einen Glauben, von dem auch der Beamte immer wieder spricht. Es kann nur der Glaube sein, da er ja nichts mit hundertprozentiger Sicherheit wissen kann. Selbst die Wahrheit und die Wirklichkeit sind keine objektiven Größen. Mit Glaube ist dennoch nicht allein die Religion gemeint, sondern ,,das Vertrauen in die Möglichkeit [...], in einer absurden Welt wenigstens bedingten Sinn zu stiften, vielleicht in seinem Inneren die verlorene Weltordnung wiederherzustellen."38

Dürrenmatts Darstellung des Zusammenlebens der Menschen in der Stadt widerspricht dem Bekannten. Die Menschen lassen sich im ,,Wärter" einteilen und verwalten, weil sie allein nicht fähig dazu sind. Es kann eine Konsequenz aus der Unplanbarkeit unseres Lebens sein oder eine Kritik an die Menschen ohne Lenkung keine eigenen Plänen und Ziele entwickeln zu können. Diese Unfähigkeit kann eine zwangsläufige sein, da dass Leben an sich immer undurchschaubarer wird. Im ,,Wärter" wird diese Tatsache beschrieben und dem Leser, wie dem Erzähler stellt sich dadurch die Frage nach dem Lebenssinn.

Diese ist für Dürrenmatt nicht nur im ,,Wärter" ein zentrales Thema. In dem Hörspiel:

,,Herkules und der Stall Augias" sind die Schlussworte des Augias zum Sohn Phyleus:

,,Gewiss, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist die Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die man auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre das Nichtverzweifeln, der Entschluß etwa, die Welt zu bestehen."39 Und diese Antwort haben sich die Menschen in der Stadt vielleicht unbewusst gegeben. Denn die des Verzweifeln, ist eher die Antwort der Intellektuellen. Denn sie stellen sich die Frage und sehen das Absurde. Wer versucht in die Absurdität Ordnung zu bringen, kann nur verzweifeln oder bewusst sagen: Es kann keine Ordnung geben, weil es keine geben muss. Diese Antworten bleiben im ,,Wärter" ungenannt, sie sind durch den Erzähler nur angedeutet. Denn er findet im Stand eines Wärters noch einen Lebenssinn.

3. Der Winterkrieg

3.1. Struktur und Handlung

Die fiktive Geschichte ,,Der Winterkrieg" gleicht einem Labyrinth, in dem man sich etwas unbewusst verirrt und es daran merkt, dass man zum einen immer mal wieder an schon bekannte Stellen gelangt und zum anderen keine Übersicht hat. Daher weiß man nie, was einem als nächstes erwartet. Auch die Struktur des Textes ist labyrinthisch. Ein Herausgeber ordnet und kommentiert die fragmenthaften Berichte eines Söldners, der sie in einen Gebirgsstollen geritzt hat. Dies merkt der Leser aber erst nach einem Viertel der Erzählung durch einen kursiv gedrucktem Einschub. Durch den Kommentar tritt ein fiktiver Herausgeber zwischen dem Leser und dem Ich-Erzähler. Dessen Darstellungen verlieren dadurch an Unmittelbarkeit und werden vom Leser durch die entstandene Distanz kritischer aufgenommen.40 Damit zeigt Dürrenmatt dem Leser, dass es keine allgemein gültige Wahrheit gibt, sondern nur Sichtweisen. Außerdem scheint es Zufall zu sein, in welcher Reihenfolge wir die Vergangenheit wahrnehmen. So hinterfragt Dürrenmatt die Geschichtsschreibung der Menschen in ihrer Glaubwürdigkeit.

Der Winterkrieg besteht aus mehreren Teilen41: Im ersten erzählt eine Ich-Figur von der Situation des Winterkrieges und von der vorausgegangenen Zeit. Dabei reflektiert sie über die Notwendigkeit des Feindes. Diese Ich-Figur ist ein Söldner, der die Rolle eines Kommandanten übernommen hat. Sie schildert und interpretiert die fiktive Geschichte. Am Ende des ersten Teils steht eine kurze kommentierende Notiz des Herausgebers. Der zweite Teil besteht aus mehreren Sinnabschnitten. Im ersten reflektiert der Erzähler über das Verhältnis von astronomischen und gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Und er mündet in einer Erzählung, die den dritten Weltkrieg beschreibt. Auch der zweite Teil wird immer wieder für Kommentare des Herausgebers unterbrochen. Diese weisen darauf hin, dass die Erzählung aus Inschriften aus verschiedenen Stollen von ihm zusammengesetzt wurden. Im dritten und letzten Teil stellt der Erzähler die Situation, in der er lebt weiter dar. Er endet mit grundsätzlichen Gedanken über seinen Feind in sich. Die gesamte Erzählung schließt mit einem längeren Herausgeberkommentar.

Nach Arnold sind die ,,äußere[n] Strukturmerkmale [...] funktional zu denken, sie repräsentieren verschiedene Stadien der menschlichen Geschichte und machen in ihrem ausgesprochenen oder bewußt offen gelassenen Zusammenhang auf bestehende, hypothetische und unbekannte Verbindungsursachen dieser Stadien aufmerksam."42 Die Eigenschaften eines Labyrinths werden somit über die Struktur des Textes auf das menschliche Leben projiziert. Die Textstruktur gibt das Thema und die Denkrichtung vor: Wie findet sich der Leser (der Mensch) in einem denkerischen wie räumlichen Labyrinth zurecht?

Der ,,Winterkrieg" ist sowohl im Präsens als auch im Präteritum geschrieben. Dies macht die Erzählung für den Leser labyrinthischer und das Verstehen komplizierter. Denn die Erzählung folgt nicht der chronologische Reihenfolge der Geschichte. Aber es ist möglich diese nachzuvollziehen, da zeitliche Angaben von dem Erzähler gemacht werden. Das Präteritum schafft Abstand zwischen Erzähler und Leser und täuscht so Objektivität vor. Die philosophischen Abhandlungen sind im Präsens geschrieben, die Distanz geht verloren und der Leser begibt sich mit dem Erzähler in ein Labyrinth aus Gedanken, Logik und Steinfelsen. Die Erzählung macht keinen vollendeten und einheitlichen Eindruck. Und das aus gutem Grund. Denn wie schon erwähnt, schreibt Dürrenmatt, um Ordnung in sein Denken zu bringen und dadurch Stoffe zu bewältigen. Bewältigen heißt nicht, dass er ihn zu Ende gedacht hat. Gerade bei den philosophischen Themen scheint dies gar nicht möglich zu sein. Denn mit jedem Tag lernt der Mensch dazu und sieht die Welt mit anderen Augen.

Dürrenmatt versucht im ,,Winterkrieg" seine Weltsicht und -erkenntnis in einem Gleichnis darzustellen. Und da sich diese immer wieder ändern, ist das Schreiben an den Stoffen ein andauernder Prozess. Der Stoff kann nicht fertig sein und er kann keine lineare Struktur mit Anfang und Ende haben. Der Einstieg in den ,,Winterkrieg" ist daher an vielen Stellen möglich. Die Form, in der Dürrenmatt seinen Stoff einbettet, ist genauso wichtig wie der Inhalt. Denn die Sinnfrage und die nach dem menschlichen Zusammenleben sind so komplex, dass man sie nicht einfach mit einer Geschichte darstellen, beantworten und erklären kann. Eine komplexe Struktur und eine labyrinthische Geschichte bilden zusammen das Weltgleichnis. Und das kann keine Stoff- und Formkonzeption beinhalten, die eine Vorstellung von einem vollendeten und einheitlichen Kunstwerk hat.43 Nur in dieser offenen Weise kann Dürrenmatt die menschlichen Handlungen und Zustände beschreiben und deuten. Es scheint der schnelllebigen heutigen Zeit zu entsprechen, dass es keine endgültige Wahrheit und kein absolutes Wissen gibt: Alles ist Entwicklung und Fortgang. Und vielleicht findet sich im Nachlass in Bern sogar noch eine weitere Version des ,,Winterkrieges".

3.2. Parallelen und Zuspitzung zu ,,Aus den Papieren eines Wärters"

Das ,,Weltlabyrinth ist geblieben, [...], es ist noch labyrinthischer geworden, und so, wie es als Urmotiv blieb in mir, der ich ihm etwas entgegensetzen mußte, immer neue Bilder abnötigte, ist denn auch an meiner ursprünglichen Konzeption nur der Untertitel zuändern, statt ,Aus den Papieren eines Wärters` nun ,Der Winterkrieg in Tibet`, und das, weil ich jetzt den sehe, den ich vorher nicht sah, den Erzähler."44 Er ist ein Söldner, der seine Geschichte in ein unterirdisches Stollenlabyrinth ritzt. Das Labyrinth sorgt dafür, dass später die Reihenfolge des Geschriebenen nicht mehr feststellbar ist und jede Menge von dem Geschriebenen wohl verloren geht, weil man es nicht wieder finden kann, beziehungsweise übereinander geschrieben wurde. Es kann aber genauso gut von verschiedenen Söldnern, wie dem taubstummen Söldner Jonathan in den Stollen geritzt worden sein. Schon der Erzähler ist dem zufolge keine eindeutige Figur. Das Weltlabyrinth scheint allumfassend zu sein. Mit der Wahl eines ,,unbekannten" Erzählers und dessen Art sich mitzuteilen, eröffnet sich Dürrenmatt die Möglichkeit ohne eindeutiger Reihenfolge und logischer Kausalität seine Geschichte erzählen zu lassen. Im ,,Wärter" erklärt sich der Übergang von der Stadt in das unterirdische Labyrinth nicht aus der bisherigen Geschichte. Es ist nicht logisch, warum Teile der Verwaltung unter der Erde in einem Labyrinth leben und was sie dort machen. Ein Krieg in Tibet wird nur angedeutet, man erfährt aber nicht einmal, ob er auf oder unter dem Gebirge ausgetragen wird. Was im ,,Wärter" unglaubwürdig wirkte, weil die Sprünge zu undurchsichtig waren, wird im ,,Winterkrieg" als möglich verstanden, weil die Erzählstruktur es uns sinnvoll erscheinen lässt. Dürrenmatts Idee von einem unmenschlichen und sinnlosen Krieg verbindet er mit dem Motiv des Labyrinths. Beide ergänzen sich einander. Darauf werde ich im nächsten Abschnitt noch genauer eingehen.

Vergleicht man den Inhalt der einzelnen Erzählungen, erkennt man, dass die Lage der Menschen in der Stadt des Winterkrieges wesentlich drastischer ist als in der ,,Wärter'schen" Stadt. Die Welt ist durch Atombombenabwürfe, Kriege und den Reaktionen der Menschen aus den Fugen geraten. Sie ,,machten die ganze Technik und Bildung für den 3. Weltkrieg verantwortlich"45 und zerstörten alles Fortschrittliche. Aber im Anschluss scheint sich wieder ein ,,normales" Leben aufgebaut zu haben. Zum Ende der Erzählung gelangt der Söldner in einen Teil des Stollens, der bereits ein Museum zum Winterkrieg ist. Außerdem zeigt die Tatsache, dass es einen Herausgeber der Inschriften gibt, dass wieder so etwas wie Geschichtsforschung existiert. Im ,,Wärter" ist das Bild der Stadt trostlos und grau in grau gezeichnet und die Zerstörung durch den Krieg ist noch nicht überwunden. Aber das Leben ist nicht gänzlich aus den Fugen geraten, wie in der ,,Winterkrieg'schen" Stadt. Als Dürrenmatt den ,,Wärter" in den 50er Jahren schreibt, dauert der Kalte Krieg erst wenige Jahre an. Atombomben besitzen zu diesem Zeitpunkt die USA, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien. Die Zukunft ist ungewiss, jeder scheint mit dem Aufbau seines Systems in Europa beschäftigt zu sein. Das Wettrüsten ist noch im Anfangsstadium. Daher ist Dürrenmatts Vision vielleicht noch nicht ganz so drastisch wie in den 80er Jahren im ,,Winterkrieg". Nach der Kubakrise 1962, den immer mehr werdenden Atommächten und dem Wettrüsten auf beiden Seiten des eisernen Vorhanges sieht nicht nur Dürrenmatt46 damals in eine schwarze Zukunft und spitzt die Darstellung der Stadt zu. So leben im ,,Wärter" ein Großteil der Menschen in der Stadt zusammen und der Erzähler ist der Außenseiter. Wir erfahren das Schicksal eines Einzigen. Die Geschichte des Erzählers im ,,Winterkrieg" wirkt allgemeiner und drastischer. Denn dem Leser wird von einem unmenschlichen und allgegenwärtigen Krieg berichtet, in dem die Mehrheit der noch lebenden Menschen verwickelt ist. Erst später stellt sich die Frage nach dem Grund des Krieges. Und durch die Überlegungen des Erzählers wird dem Leser verständlich, dass im ,,Winterkrieg" der ,,Krieg [...] ein Nichtbewältigen des Friedens [ist]. Das Problem liegt nicht im Krieg, sondern im Frieden!"47 Denn einige Menschen erweisen sich nach dem 3. Weltkrieg und den Atombombenabwürfen als lebens- und gesellschaftsuntauglich.48 Sie kommen mit der völlig veränderten Situation nicht klar und brauchen Macht oder Abenteuer als Auffangbecken. Im ,,Wärter" wird ihnen Macht über Menschen angeboten und im ,,Winterkrieg" als Steigerung dazu ein Krieg um Leben und Tod. Wie groß die Zahl dieser Menschen ist, kann nur geschätzt werden. Im ,,Wärter" scheint es die Minderheit zu sein, im ,,Winterkrieg" lässt es sich nicht mehr genau feststellen, da der Krieg im Labyrinth ausgetragen wird. Und da spielt die wirkliche Anzahl keine Rolle, sondern allein die Wirkung. Denn der Krieg dient nur dem Beantworten der Sinnfrage der Söldner und muss bis zu ihrem Tode andauern. Das wird durch den Kriegsschauplatz (einem Labyrinth) und durch die Ununterscheidbarkeit von Freund und Feind erreicht.

Die soeben angesprochene Sinnfrage beschäftigt beide Erzähler. Zentral ist dabei im ,,Wärter" das Gespräch zwischen Erzähler und dem Beamten der Verwaltung und im ,,Winterkrieg" die Abhandlung ,,Staat und Sterne". Während im ,,Wärter" die Frage im Verlauf der Erzählung immer eindringlicher gestellt wird, wird sie im ,,Winterkrieg" beantwortet. Im ,,Wärter" wird die Sinnfrage aufgeworfen, weil der Erzähler von sich behauptet, dass er nur noch weiterleben kann, wenn er das Gefühl von Macht bekommt oder wieder in einen Krieg ziehen kann. Im ,,Winterkrieg" besteht die Steigerung darin, dass die Söldner nur noch im Morden und im Überlebenskampf den Sinn des Lebens sehen können. Das Paradoxon lautet daher: Ein Krieg, um zu leben. Söldner, die dies hörbar hinterfragen, werden hingerichtet. Denn sie fänden im Krieg keine Aufgabe mehr und würden ihn in seinem Fortgang behindern. Aber der Krieg muss für die weitergeführt werden, die nur in ihm noch einen Lebenssinn finden können. Der Erzähler unterscheidet sich von den übrigen Söldnern darin, dass er die Sinnlosigkeit erkannt hat. Aber er weiß, dass der Mensch immer nach einem Sinn im Leben und in seinem Dasein sucht und gesteht sich daher die Sinnlosigkeit nicht ein und kämpft weiter. Als kein Feind mehr zu existieren scheint, konstruiert er sich einen neuen Sinn: das Schreiben für ,,Raumfahrer einer anderen zukünftigen Welt. [...Die] Inschrift wird das einzige sein, was sie von der Menschheit wissen."49 Damit ist er theoretisch wieder gesellschaftsfähig, denn er kann ohne Krieg leben und sich mit Geschichtsschreibung befassen. Aber als er im Museum die Chance hat ,,zu entfliehen", ist er körperlich und geistig zu sehr Kind des Winterkrieges, als dass er sie nutzen könnte50. Im ,,Wärter" scheint der Beamte aus diesem Grunde den Erzähler immer wieder darauf hinzuweisen, dass er frei ist und die Türe offen steht. Aber in dieser Erzählung ist die Andeutung zu schleierhaft und scheint in der Luft zu hängen. Durch die Umsetzung in eine ungenutzte Gelegenheit wird im ,,Winterkrieg" die Gefangenheit des Söldners in sich selbst besser und deutlicher gezeigt.

Im ,,Wärter" reicht es Dürrenmatt aus, die Sinnfrage zu stellen, im ,,Winterkrieg" hinterfragt er sie auf mehreren Wegen. Warum brauchen die Menschen immer einen Lebenssinn und warum ist die Antwort dann Krieg? Eine Antwort bringt das Höhlengleichnis, das der Erzähler vornimmt und dem platonschen angelehnt ist. Er kommt zu der erschreckenden Erkenntnis, dass der Fluch in der ,,Sinnlosigkeit des Leidens [besteht], [...] den die Verwaltung nicht von dem Menschen nehmen konnte, es sei denn, sie gäbe ihm den alten Sinn wieder, von dem sie ihn, grotesk genug, befreit hat: den Feind."51 So scheint für diese Menschen die Suche nach dem Sinn des Lebens ausweglos zu sein, denn ein Krieg kann nicht des Sinnes wegen geführt werden. Versucht er es dennoch wird ,,der Mensch [...] nur als Raubtier möglich"52, das um zu leben, töten muss. Diese Antwort ist unbefriedigend, weil sie keine annehmbare Lösung für die Sinnfrage darstellt.

Eine andere Denkrichtung ist, einen erklärenden Zusammenhang in den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Thermodynamik und Statistik zu suchen. Mit ihnen soll die prinzipielle Absurdität der Situation der Menschen geklärt werden.53 Im ,,Wärter" wird sie nur beschrieben und der Beamte versucht eine Erläuterung zu finden. Er setzt dem Erzähler auseinander, wie die Verwaltung, die das Zusammenleben der Menschen organisiert, aufgebaut ist. Im ,,Winterkrieg" bleibt die Funktion und Identität der Verwaltung vom Leser unerkannt. Der Erzähler scheint es als bekannt vorauszusetzen. Die Verwaltung tritt damit in den Hintergrund und die Menschen und ihr Zusammenleben noch mehr in das Zentrum der Erzählung. Während im ,,Wärter" offensichtlich die Verwaltung aus Menschen besteht, kann sie im ,,Winterkrieg" sogar eine allgemeine Gesetzmäßigkeit (ähnlich wie in der Physik) darstellen.

Die naturwissenschaftliche Erklärung (wie das Zusammenleben der Menschen möglich ist) geht vom Gesetz der großen Zahl aus. Das ist Teil der theoretischen Thermodynamik, nach dem sich Teilchen in großen Mengen nur noch nach Wahrscheinlichkeiten verhalten. Keine Bewegung eines Teilchens ist hundertprozentig vorhersehbar, dennoch kann man von Gesetzmäßigkeiten sprechen, die sich durch die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten ergeben. In engem Zusammenhang mit der Thermodynamik und Statistik steht dadurch die Quantenmechanik mit Heisenberg'scher Unschärferelation und Schrödinger Gleichung. Im ,,Winterkrieg" beschreibt der Erzähler eine utopische Entwicklung im Weltall. Ausgehend von der Loschmidschen Zahl54 folgen Überlegungen zur theoretischen Entwicklung der Sonne. Über Millionen Jahre lang dauert der Untergang der Sonne, getragen von einem Auf und Ab zwischen Gravitationskräften und Inneren Druck, Temperaturausgleich und Energieerhaltung. ,,Das Leben auf der Erde erlischt"55 und irgendwann wird die Sonne zu einem Schwarzen Loch, zu unendlich dichter Materie, ,,die durch ihre Schwerkraft ihre Umgebung in sich"56 saugt. Erst wird das Leben der Menschen mit mikrophysikalischen Gesetzmäßigkeiten verglichen, dann wird gezeigt, wo diese makrophysikalisch hinführen. Der Schluss kann hier nur sein, dass sich aus dem zwangsläufigen Untergang der Sonne, der zwangsläufige Untergang der Menschen erklärt. Denn das Zusammenleben der Menschen ist ebenfalls naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Dies und das daraus entstehende Zusammenleben wird vom Erzähler dargelegt und er kommt zu dem Schluss: ,,Der Tod und die Entropie sind das gleiche Weltgesetz". Denn die Entropie ist ein Maß für die Unordnung und jedes System kann nur an Unordnung zunehmen.57 Theoretisch gibt es viele Möglichkeiten mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten für das Leben eines Menschen. Aber durch die Tatsache, dass er Sterben muss, wird die eine Wahrscheinlichkeit (dass das Leben nicht endlos ist) zur Gewissheit, sie wird hundertprozentig. So wie die Entropie die Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten in der Physik einschränkt, bestimmt letzten Endes der Tod über die Möglichkeiten des Zusammenlebens der Menschen. Denn durch seinen Tod kann der Mensch sich in seiner Fähigkeit des Zusammenlebens nicht endlos weiterentwickeln. Und somit nie eine wirklich gute Art und Weise dafür finden. Die einzige Gewissheit, die es somit aufgrund statistischer Überlegungen gibt, ist die des Todes eines jeden Menschen. Damit führen diese Überlegungen ebenfalls nicht zu einer befriedigenden Antwort und die Frage nach dem Lebenssinn stellt sich erneut. ,,Früher bescherte uns der Glaube an den Fortschritt der Menschheit den Lebenssinn."58 Aber selbst der Fortschritt ist in Frage gestellt, weil er nicht immer mit dem Erhalt und der Verbesserung vom Leben einherging. Und er nach den physikalisch-statistischen Überlegungen folglich zur Vernichtung führen muss.

Wenn man die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht beantworten kann, wie es im ,,Wärter" angedeutet ist und im ,,Winterkrieg" trotz der einst unumstößlichen Naturwissenschaft und der platonschen Philosophie Tatsache ist, muss man einen anderen Zugang zur Sinnfrage finden. Das muss ein jeder Leser für sich tun. Dürrenmatt selbst gibt sich folgende Antwort: ,,Für mich ist die große Befreiung, daß ich sage: Das Sein an sich, die Existenz, das Leben an sich, das Weltall - das alles benötigt keine Sinnfrage. Das Sinnproblem ist ein menschliches Problem."59 Die ,,große Befreiung" deutet darauf hin, dass Dürrenmatt sich Jahre lang mit der Sinnfrage herumquälte, bis er zu dieser Antwort fand. Im ,,Wärter" steht er noch am Anfang und sucht nach der Antwort und im ,,Winterkrieg" weiß er schon, dass sie auch in der Physik nicht zu finden ist. Es ist nicht wichtig, ob ein Sinn vorhanden ist oder nicht, sondern die Sinnfrage an sich wird negiert, beziehungsweise einfach als rein menschliches, unwichtiges Axiom gesetzt.

3.3. Das Weltgleichnis

Dürrenmatt wollte mit dem ,,Winterkrieg" ein Weltgleichnis schaffen. Sein Antrieb ist mit zunehmendem Alter die Suche nach ,,Ordnung". Er ,,will Ordnung in seine Vorstellungswelt hineinbringen."60 Dafür muss er zum einen das Verhalten der Menschen genau beobachten und zum anderen für das Beobachtete ein System finden. Aber der ,,Mensch ist der Faktor, der nie ganz aufgeht."61 Er und das Leben sind unplanbar und unberechenbar. Die Menschen aber ignorieren diese Tatsache und versuchen immer wieder ein planbares Leben zu führen. Das Ergebnis: Das Zusammenleben der Menschen ist grotesk und absurd.

Dürrenmatt sucht nach einer Möglichkeit, das unvorhersehbare Leben der Menschen und ihren Umgang damit zu beschreiben. Er findet es im Weltgleichnis. Dieses soll hier nicht erklärt werden, denn wie er selbst sagt, ist dies ein unmögliches beziehungsweise ein unfruchtbares Unterfangen. ,,Ich glaube, daß jede Erklärung [...] den Sinn eines Gleichnisses zerstört, weil dieser Sinn eins mit dem Gleichnis ist, genauer vielleicht, sich nur im Gleichnis unzerlegt widerspiegelt, und daß darum alle Erklärungen mehrdeutig sind [...]."62 Es soll hier diese Mehrdeutigkeit dargestellt, sich auf Gedankenexperimente eingelassen und Teile des Gleichnisses gezeigt werden. Denn viele Teilgleichnisse verengen sich zu einem Weltgleichnis. Allein in Inhalt und Struktur lassen sich erstaunlich viele Deutungsmöglichkeiten finden. In seiner Komplexität und Undurchschaubarkeit in Inhalt, Struktur und dessen Verstehensmöglichkeiten kommt ,,Der Winterkrieg in Tibet" der vermeintlichen Wahrheit unglaublich nahe.

Vielleicht kann man das Ganze eher als ein Gefühl beschreiben. Denn in dem Moment, in dem man glaubt, eine Erkenntnis gefunden zu haben, wird diese durch die Sicht einer weiteren Meta-Ebene relativiert. Diesen Prozess versucht Dürrenmatt zu greifen, nicht in dem er ihn erklärt oder darstellt, sondern in dem er den Leser in ein Labyrinth schickt, in dem hinter jeder Ecke eine neue Erkenntnis liegen kann. Welche Erkenntnisse der Leser letzten Endes mitnimmt, hängt von seinem ganz persönlichem Verständnis und seinen Voraussetzungen ab.63 Das Weltgleichnis soll also keine Antworten geben, sondern die zentralen Fragen des Lebens (nach dem Sinn und der Möglichkeit des Zusammenlebens der Menschen) stellen.

,, Das Labyrinth ist ein Gleichnis, das überhaupt auf sehr vieles paßt. Zum Beispiel: Wir leben in einer Welt des Nichtvorhersehbaren."64 Denn sie setzt sich zusammen aus einem unüberschaubar gewordenen Ich, aus unüberschaubar gewordener Politik, aus unüberschaubar gewordener Wirtschaft, aus unüberschaubar gewordener Technik und aus einem unüberschaubar gewordenen Kosmos.65 Fortschritt, Forschung und Wissenschaft zeigt dem Menschen immer mehr, wie wenig er doch weiß. Denn je mehr er weiß, desto mehr weiß er, dass er nichts weiß66 und nicht wissen kann. Diese Tatsache lässt sich am besten mit dem Bild des Labyrinths beschreiben. Denn ,,es ist eine Unbegreiflichkeit, die uns allein durch diese ihre Eigenschaft gefangenhält und deshalb keine verschlossenen Türen braucht, die unzähligen Tore des Labyrinths stehen offen, ein jeder kann sich in ihm verirren."67 Verirren kann sich nur der, der nach Antworten sucht, der denkt. Aber er wird nie am Ende sein, denn das Denken ist unendlich verzweigt, wie das Labyrinth. Außerdem weiß man nie, was als nächstes passieren wird, was hinter der nächsten Ecke wartet. Also ist das Labyrinth auch ein Bild für die ,,Welt des 20. Jahrhunderts [, sie] ist unberechenbar und unplanbar geworden."68 Lebenswichtige Dinge sind nicht mehr vorhersehbar, die Welt(politik) ist mehr und mehr Theater.69 All diese Dinge passen in das Bild des Labyrinths. Es ist sehr vielfältig und kann auch sehr verschieden beschrieben und dargestellt werden.

Im ,,Winterkrieg" finden wir dieses Labyrinth sowohl im Stollensystem als Kriegsschauplatz, in der Geschichte, die sich in verschiedenen Reihenfolgen der einzelnen Abschnitte lesen lässt, als auch in der Struktur der Erzählung wieder. Im ,,Wärter" entspricht die Struktur der Erzählung noch einem Labyrinth des monokursalem Typs70. Es gibt nur einen Eingang und wenn man den vorgegebenen Weg verfolgt, findet man sich zum Zentrum, dem Ende und Ziel hin. Ein einfaches Labyrinth, in dem man nur Ausdauer benötigt. Und wahrlich scheint der Erzähler nach langem ,,Warten" und Hoffen auf eine Aufgabe, auch eine von der Verwaltung zu bekommen. Damit stimmen Inhalt und Struktur mit dem Ariadnefaden-Labyrinth überein. Die Erzählstruktur des ,,Winterkrieges" gleicht mehr einem komplexen Labyrinth (Rhizom). Es gibt mehrere Zentren und der Begeher sucht sich sein eigenes Ziel aus, damit wird der Weg zum Ziel und ein Einstieg ist an vielen Stellen möglich. Die einzelnen Abschnitte der Erzählung71 können auch in einer anderen Reihenfolgen aneinander gesetzt werden und trotzdem bleibt der Inhalt verständlich. Inhaltlich wird die Möglichkeit damit begründet, dass ein Herausgeber die Stolleninschriften auch nach eigenem Ermessen anordnen musste, wobei diese nicht einmal vollständig waren. Außerdem muss der Begeher eines Rhizom- Labyrinthes72 ebenfalls Ausdauer besitzen und an jeder Kreuzung eine neue Entscheidung treffen. In der Erzählung ist die Ausdauer des Söldners unwahrscheinlich hoch. Er ist bald nur noch ein menschliches Wrack in einem Rollstuhl, dessen Arme in Maschinenpistole und Werkzeug übergeht und dem beide Beine fehlen Dennoch lebt und kämpft der Söldner in seinem Labyrinth weiter.

Neben dem Labyrinth als Ausgangspunkt des Weltgleichnisses lassen sich verschiedene Teilbilder erschließen. So kann der Söldner im endlosen Krieg mit einem Feind, der ihm gleich aussieht, für das Zusammenleben der Menschen stehen. Die Menschen sind unfähig in Frieden mit- oder nebeneinander zu leben. Sie brauchen einen Lebenssinn und das ist der Feind. Wenn es keinen Feind gibt, sind sie selbst ihr Feind. Aber diese Erklärung kann natürlich nicht alles sein, sie ist eine erste, die bei dem Leser entstehen kann. Denn es gibt auch noch Menschen außerhalb des Krieges. Sie könnten für eine andere Schicht stehen, denn ihnen ist es möglich ohne den Krieg zu leben. Damit wird dem Wissen Ausdruck verliehen, dass (wider aller Grundgesetze und Verfassungen) in der Realität nicht alle Menschen gleich sind. Es gibt arm und reich, es gibt gebildet und ungebildet, es gibt Mächtige und Beherrschte und so weiter. Im ,,Wärter" werden die Menschen in Wärter und Gefangene unterteilt. Es findet sich also auch in dieser Erzählung der Ansatz der Ungleichheit wieder, der immer und überall herrscht. Und diese Ungleichheit setzt sich in der Fähigkeit des Zusammenlebens der Menschen fort. Daher muss es bei Dürrenmatt eine Verwaltung geben, die die Menschen nach ihrem ,,Können" einteilt, sie wie Grundstücke und Häuser nach ihrem Nutzen ,,verwaltet". Wichtig scheint dabei zu sein, dass die Menschen das Gefühl von Selbstbestimmung haben und sich dennoch nicht gegenseitig vernichten. Denn die ,,größte Aufgabe der Menschen besteht darin, sich zu erhalten."73 Daher ist der Winterkrieg und die Aufgabe des Wärters ein von der Verwaltung geschaffenes Auffangbecken für die Menschen, die in der normalen Welt nicht mehr klarkommen. Die Wärter scheinen sich ebenso selbst zu bewachen, wie die Söldner sich selbst bekämpfen. Der Übergang vom Bewachen zum Bekämpfen stellt eine Zuspitzung dar.

Eine weitere mögliche Sichtweise auf den ,,Winterkrieg" stellt die Situation der Schweiz 1944/45 und im Kalten Krieg dar.74 So beschreibt Dürrenmatt im Prätext zum ,,Winterkrieg" einer seiner Absichten für die Erzählung: ,, Der Winterkrieg in Tibet ist [...] ein erster Versuch, mich in die Wirklichkeit, von der ich und mein Land ausgeschlossen waren, durch eine erfundene Unwirklichkeit zu integrieren, eine Gesamtdarstellung zu wagen."75 Auch hier sind Parallelen zum ,,Wärter" zu erkennen. Denn das Grundmotiv des ,,Nicht-dazu-Gehörens" findet sich in beiden Erzählungen. Die Schweiz wollte ein neutraler Beobachter des 2. Welt- und des Kalten Krieges sein. Und wie die Erzähler fühlte sich die Schweiz als Außenstehender, der die Situation richtig einschätzen kann und den dennoch ein Sinn, eine Aufgabe zu fehlen scheint. Die anderen europäischen Länder führten Krieg oder waren in ihn verwickelt, ihre Aufgaben und Ziele waren klar definiert. Die Schweiz war in ihrer eigenen Neutralität gefangen. Und so sieht Dürrenmatt auch die Rolle der Schweiz nach dem 2. Weltkrieg. Sie ,,wagt es nicht, außenpolitisch Verantwortung zu übernehmen und feiert dies als Neutralität"76,,Um sich [...nun] zu beweisen, daß sie freiwillig in ihrem Gefängnis säßen, habe jeder Schweizer auch noch die Rolle des Gefängniswärters übernommen. In der Schweiz bewacht jeder sich selbst." Diese paradoxe Situation beschreibt Dürrenmatt sowohl im ,,Wärter" als auch im ,,Winterkrieg". Freund und Feind tragen die gleichen Uniformen und sind damit eins. Die Schweiz und ihre Bewohner leben in einem selbst aufgebautem Labyrinth, mit Machtverhältnissen, die sie schon lange nicht mehr durchschauen. Dies kann man auch an der geringen Wahlbeteiligung erkennen.77 Dieses Bild passt auf die ,,Bewohner" des Stollensystems im ,,Winterkrieg". Denn ihr Krieg und die Verwaltungsstruktur sind unverständlich. Im Herausgebertext erfährt der Leser zudem, dass das Stollensystem letzten Endes zusammenstürzte, weil es von den Söldnern zu sehr ausgehöhlt wurde. Wenn dies als Zukunftsvision für die Schweiz verstanden wird, kann es Folgendes heißen. Zum einen schaffen sich die Schweizer eine Aufgabe, in dem (irrelevant für den Rest der Welt) einen Krieg gegen sich selbst führen können, beispielsweise durch gnadenloser gegenseitiger Überwachung und harten Gesetzen. Und zum anderen wird diese selbstgeschaffene Aufgabe eines Tages sich selbst auflösen, weil sie erfüllt ist. Wenn dann keine neue Aufgabe gefunden oder konstruiert werden kann, geht die Schweiz unter, weil es ihr Bestehen keinen Sinn ergibt.

4. Schlussbemerkungen

Da die Erzählung ,,Der Winterkrieg in Tibet" ein sehr komplexes Werk darstellt, konnte in der Hausarbeit primär nur auf die Parallelen zu der Erzählung ,,Aus den Papieren eines Wärters" eingegangen werden. Es wurde dabei herausgearbeitet, dass der ,,Wärter" die Grundlage für den ,,Winterkrieg" bildet. Und das nicht nur durch die teilweise exakt übernommenen Textpassagen, sondern vor allem wegen der angedeuteten Gedanken und Probleme Dürrenmatts. Diese finden sich im Spätwerk weitaus komplizierter und dennoch konkreter wieder. Denn der ,,Winterkrieg" steckt voller philosophischer Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigen. Die allumfassende Frage nach dem Sinn des Lebens wurde im ,,Wärter" aufgebracht und im ,,Winterkrieg" verworfen. Aber zu dieser Erkenntnis muss der Leser selbst gelangen. Wenn die Erzählungen als nette kleine utopische Geschichten gelesen werden, bleibt die Deutung möglicherweise unerkannt. Dürrenmatt suchte in seinem ,,Winterkrieg" nach einem Weltgleichnis, um das Zusammenleben der Menschen beschreiben zu können. Eine schöne, einfache und konkrete ,,Formel" konnte er nicht finden. Sein Weltgleichnis ist so komplex und bestehend aus vielen kleinen Gleichnissen und Elementen, dass es den einzelnen Hauptsätzen und Axiomen der Physik ähnelt. Alle zusammen beschreiben die Phänomene der Physik, aber die Weltformel: ,,Theorie of evrything" (TOE) ist noch nicht gefunden. Wobei sich natürlich fragt, ob es überhaupt eine solche geben muss und kann.78 Der ,,Wärter" war noch der Versuch eine gesellschaftswissenschaftliche Formel zu finden, der ,,Winterkrieg" ist das Weltgleichnis, das schon per Definition mehrere Deutungsmöglichkeiten beinhaltet. Dazwischen werden die Jahre des Suchens und die Erkenntnis gelegen haben, dass es auch für das Zusammenleben der Menschen keine TOE geben muss.

5. Literaturverzeichnis

5.1. Primärliteratur:

Dürrenmatt, Friedrich: Gesamtausgabe in 30 Bänden. Band 24. Diogenes Verlag AG, Zürich 1980.

Dürrenmatt, Friedrich: Erzählungen. Verlag Volk und Welt, Berlin 1986.

Dürrenmatt, Friedrich: Labyrinth. Stoffe I-III. Diogenes Verlag AG, Zürich 1994.

5.2. Sekundärliteratur:

Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Friedrich Dürrenmatt. Text+Kritik. Verlag edition text+kritik GmbH, München 19842.

Arnold, Heinz Ludwig: Querfahrt mit Dürrematt. Wallstein Verlag, Göttingen 19912 .

Burkhart, Martin: Dürrenmatt und das Absurde. Gestalt und Wandlung des Labyrinthischen in seinem Werk. Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 1991. Dürrenmatt, Friedrich: Gespräche 1961-1990. Band 4. Diogenes Verlag AG, Zürich 1996. Eco, Umberto: Semiotik und Philosophie der Sprache. Wilhelm Fink Verlag, München 1985. S. 125f.

Knopf, Jan: Friedrich Dürrenmatt. Verlag C. H. Beck, München 1988, 4. neubearbeitete Auflage.

[...]


1 Dürrenmatt (1996), S. 153f. Dürrenmatts Antwort auf die Frage, warum er die Schweizer Identitätskrise nicht literarisch verarbeite.

2 Arnold (1990), S. 75

3 Ebd.

4 Dürrenmatt (1996), S. 184

5 Dürrenmatt (1996), S. 171

6 Die Analyse bezieht sich nur den fiktiven Text ,,Der Winterkrieg in Tibet".

7 Im Folgenden wird der Titel der Erzählung ,,Aus den Aufzeichnungen eines Wärters" der Lesbarkeit wegen mit ,,Wärter" abgekürzt.

8 Im Folgenden wird der Titel der Erzählung ,,Der Winterkrieg in Tibet" der Lesbarkeit wegen mit ,,Winterkrieg" abgekürzt.

9 Im Gesamtwerk (?) trägt dieser Abschnitt eine eigene Überschrift.

10 Dürrenmatt (1980), Bd. 18, S. 198

11 Ebd.

12 vgl. Knopf, S. 31

13 Dürrenmatt (1986), S.108

14 Ebd.

15 Dürrenmatt (1986), S. 110

16 Dürrenmatt (1986), S. 119

17 Burkhart, S. 85

18 Dürrenmatt, (1986), S. 112

19 Meint die Hauptfigur Rodion Raskolnikow aus dem Roman ,,Schuld und Sühne" von Fjodor M. Dostojewski. Denn die Ähnlichkeiten zu diesem Roman sind in diesem einen Punkt sehr deutlich.

20 Dürrenmatt (1986), S. 115

21 Dürrenmatt (1986), S. 118

22 Dürrenmatt (1986), S. 119

23 Dürrenmatt (1986), S. 132

24 Ebd.

25 Dürrenmatt (1986), S. 137

26 Dürrenmatt (1986), S. 111

27 Dürrenmatt (1996), S. 143

28 vgl. Burkhart, S. 87

29 Dürrenmatt (1986), S. 109

30 Dürrenmatt (1986), S. 112

31 Dürrenmatt (1986), S. 131

32 Dürrenmatt (1986), S.126

33 Dürrenmatt (1986), S.129

34 Dürrenmatt (1986), S.108

35 Dürrenmatt (1986), S.118

36 Dürrenmatt (1986), S. 113

37 vgl. Burkhart S. 98, nach Dürrenmatt: ,,Zum Beginn meiner Arbeit an den Basler Theatern" in: Werkausgabe in 30 Bänden, Bd. 24, S. 145

38 Burkhart, S. 103

39 Dürrenmatt (1980), Bd. 24, S. 63

40 vgl. Burkhart, S. 121

41 vgl. Arnold (1984), S.21

42 Arnold (1984), S.21

43 vgl. Arnold (1984), S.13

44 Dürrenmatt (1994), S. 66

45 Dürrenmatt (1994), S. 119

46 Andere Autoren schreiben Bücher, die die Menschen bewegen und wachrütteln sollen. Zum Beispiel Gudrun Pausewang: Die Kinder von Schewenborn. Ravensburger Buchverlag. 1985 oder Schweitzer, Albert: Friede oder Atomkrieg. Vier Schriften. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, C. H. 1984 und im HAAG & HERCHEN Verlag 1981 erschien: ,,Atomwaffen werden auch Hamburg zerstören, wenn wir den Atomkrieg nicht abschaffen. Die Wirkungen eines Atomkrieges; warum auch Hamburg atomares Ziel ist; was die Folgen eines Atomschlages gegen Hamburg sind; und was wir tun können, Atomkriege zu verhindern und abzuschaffen." Außerdem entsteht eine Protestwelle gegen Atomkraftwerke. Und mit dem Unglück in Tschernobyl 1986 ist allen die lebensbedrohliche Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung bewusst geworden.

47 Dürrenmatt (1996) S. 167

48 vgl. Burkhart, S. 119

49 Dürrenmatt (1994), S. 106

50 Oder hier bestätigt sich abermals die Theorie, dass die Inschriften von mehreren Söldnern stammen.

51 Dürrenmatt (1994), S. 154

52 Ebd.

53 Burkhart, S. 108

54 entspricht der Advogadro Konstanten, die die Anzahl der Teilchen unter gleichen äußeren Bedingungen (Temperatur und Luftdruck) in einem Molvolumen (V0=22,41l) eines idealen Gases angibt.

55 Dürrenmatt (1994),S. 104

56 Ebd.

57 2. Hauptsatz der Thermodynamik. Damit wird beispielsweise die theoretischen Möglichkeit, dass beim Zusammenschütten von heißem und kaltem Wasser, Wärme vom kalten zum warmen übergeht, ausgeschlossen.

58 Dürrenmatt (1996), S. 161 (Frage des Interviewers Haller)

59 Dürrenmatt (1996), S. 164

60 Dürrenmatt (1996), S. 200

61 Dürrenmatt (1996), S. 153

62 Dürrenmatt in: Dramaturgie des Labyrinths. bei Arnold (1984), S.7

63 So ist ein jeder das, was er aus sich macht.

64 Dürrenmatt (1996), S. 174

65 vgl. Burkhart, S. 64f.

66 vgl. Cicero: ,,Scio me nihil ecire." Ich weiß, dass ich nichts weiß.

67 Dürrenmatt in: Dramaturgie des Labyrinths. bei Arnold (19984), S.5

68 Dürrenmatt (1996), S. 142

69 vgl. Dürrenmatt (1996), S. 140

70 vgl. Eco, S. 125

71 Die Abschnitte sind durch eine Leerzeile von einander getrennt.

72 vgl. Eco, S. 126; Auch als Kretischer Typ oder Ariadnefaden-Labyrinth benannt.

73 Dürrenmatt (1996), S. 169

74 vgl. Arnold (1984), S. 16

75 Dürrenmatt (1994), S. 62

76 Dürrenmatt (1996), S. 147

77 vgl. Dürrenmatt (1996), S. 153

78 An dieser Stelle lässt sich über die Grundsätzlichkeit der Gesetzmäßigkeiten der Physik diskutieren. Werden sie von den Wissenschaftlern ge- oder erfunden?

23 von 24 Seiten

Details

Titel
Friedrich Dürrenmatts "Der Winterkrieg" als konsequente Weiterentwicklung seiner Erzählung "Aus den Papieren eines Wärters"
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Hauptseminar Friedrich Dürrenmatt
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V99504
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Dürrenmatts, Winterkrieg, Weiterentwicklung, Erzählung, Papieren, Wärters, Hauptseminar, Dürrenmatt
Arbeit zitieren
Antje Leisner (Autor), 2000, Friedrich Dürrenmatts "Der Winterkrieg" als konsequente Weiterentwicklung seiner Erzählung "Aus den Papieren eines Wärters", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99504

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