Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Spitzensportler. Zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der psychologischen Resilienz in Hinblick auf die Bewältigung der Krise als Stresssituation


Masterarbeit, 2020

73 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

2 GEGENWÄRTIGER KENNTNISSTAND
2.1 Persönlichkeitsforschung
2.1.1 Definition und Forschung
2.1.2 Big-Five Modell- Hauptdimensionen der Persönlichkeit
2.1.3 Persönlichkeit im Sport
2.1.3.1 Sportlich aktive Menschen
2.1.3.2 Spitzensport
2.2 Resilienz
2.3 Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Resilienz und Sport
2.4 Stand der Forschung zu Persönlichkeit und Resilienz im Umgang mit der Corona-Krise
2.5 Definition zusätzlicher Items

3 ZIELSETZUNG UND HYPOTHESEN

4 METHODIK
4.1 Untersuchungsdesign
4.2 Beschreibung des Onlinefragebogens
4.2.1 Das NEO-Fünf-Faktoren Inventar (NEO-FFI)
4.2.2 CD-Risc-10 / Connor - Davidson Resilienz Skala
4.2.3 Corona-Fragebogen
4.2.4 Statistische Überprüfung
4.2.4.1 NEO-FFI
4.2.4.2 CD-Risc 10
4.2.4.3 Corona-Fragebogen
4.3 Datenauswertung und statistische Verfahren
4.3.1 Deskriptive Statistik
4.3.2 Inferenzstatistik
4.4 Stichprobenzusammensetzung

5 ERGEBNISSE
5.1 Deskriptive Auswertung
5.1.1 Soziodemograpische Daten
5.1.2 Auswertung NEO-FFI
5.1.3 Auswertung CD-Risc 10
5.1.4 Auswertung Corona-Fragebogen
5.2 Hypothesenüberprüfung
5.2.1 Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Resilienz
5.2.2 Zusammenhang zwischen Resilienz und der Einstellung/ dem Umgang mit der Corona - Pandemie
5.3 Weitere Ergebnisse
5.4 Zusammenfassung der Ergebnisse

6 DISKUSSION
6.1 Betrachtete Persönlichkeitsdimensionen
6.2 Persönlichkeitsfaktoren als Prädiktoren für Resilienz
6.3 Resilienz im Umgang mit der Corona-Pandemie
6.4 Handlungsempfehlungen
6.5 Limitationen und weiterer Forschungsbedarf

7 ZUSAMMENFASSUNG

8 LITERATURVERZEICHNIS

9 ABBILDUNGS-, TABELLEN-, ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
9.1 Abbildungsverzeichnis
9.2 Tabellenverzeichnis
9.3 Abkürzungsverzeichnis

ANHANG
Anhang 1: Corona Fragebogen
Anhang 2: Verteilung der Sportarten
Anhang 3: Persönlichkeitsdimensionen von Athletinnen für jede Dimension der Big-Five wird mittels Histogramm inklusive Normalverteilungskurve

1 Einleitung und Problemstellung

In der gegenwärtigen globalen Situation mit Einschränkungen aufgrund der COVID-19- Pandemie sind die meisten Menschen einer noch nie dagewesenen Stresssituation von unbekannter Dauer ausgesetzt. Sie befinden sich im Zentrum von Stress, Angst, Furcht und Depressionen. Besorgniserregende Gedanken durch eine negative Bewertung der Situation können Schlafprobleme verursachen.

Eine der Bevölkerungsgruppen, die stärker unter den Einschränkungen leiden könnte, sind Sportlerinnen, insbesondere SpitzensportlerInnen. Angefangen bei abgesagten Wettkämpfen, über geschlossene Trainingsstätten und nur noch möglichem Einzeltraining bis hin zur Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio 2020. Normalerweise ist der Alltag von Leistungssportlern klar strukturiert und durchgeplant. Alles ist auf ein kurz- oder langfristiges Ziel ausgerichtet, bei vielen auf den Tag X bei den Olympischen Spielen. Die Entbehrungen für diese Ziele sind groß: tägliches Training, Physiotherapie, Trainingslager, Ernährungsberatung, Wettkampfreisen bestimmen ihren Alltag. Freunde oder Familie kommen meist zu kurz und die sonstigen Lebensplanungen, wie eine Ausbildung, ein Studium oder die Gründung einer Familie werden meist auf die Zeit nach der Sportkarriere verschoben. Alles was für die Sportlerinnen bisher selbstverständlich erschien, ihre tägliche Routine, ist nun aufgrund der Pandemie eingeschränkt oder teilweise zum Erliegen gekommen. Diese Tatsache könnte den Erwerb neuer Fähigkeiten limitieren, zu Leistungsstagnation oder sogar zu Leistungseinbußen führen. Innerhalb dieser Gruppe leiden die olympischen und paralympischen AthletInnen wohl am meisten unter dieser Situation. Die Verschiebung der Olympischen Spiele in den Sommer 2021 ist ein zusätzlicher Stressfaktor für die Athleten, da sie sich bereits seit vier Jahren vorbereiten. Dieser Rückschlag und die Bedrohung durch das Coronavirus können dazu führen, dass die AthletInnen die Konzentration, die Motivation und den Willen verlieren, die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele mit der gleichen Energie wie bisher fortzusetzen. Die Olympischen Spiele sind für die AthletInnen das wichtigste Sportereignis und für einen Großteil der Sportlerinnen hängen Sportstipendien und Sponsorengelder von diesem Ereignis ab. Daher ist die Bedeutung dieses sportlichen Großereignisses für diese Bevölkerungsgruppe extrem hoch.

Aber nicht nur Ziele und Träume müssen in Frage gestellt werden, sondern auch das Wegbrechen von sozialen Kontakten und der Tagesstruktur, sowie eventuelle Existenzängste müssen kompensiert werden. Bei manchen Sportlerinnen steht möglicherweise ein ungewolltes Karriereende im Raum. Jede Sportlerin/jeder Sportler versucht sich bestmöglich mit den aktuellen Gegebenheiten zu arrangieren. Dem einen gelingt dies besser, dem anderen weniger gut. Aber woran könnte es liegen, dass es Sportlerinnen gibt, die mit belastenden Situationen und Stress besser umgehen können als andere und zum Beispiel eine Krise als Herausforderung ansehen?

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu untersuchen, inwiefern die Persönlichkeitsmerkmale im Zusammenhang mit psychologischer Resilienz stehen. In der vorliegenden Untersuchung wird durch das „Kriterium Spitzensport“ eine besondere, hochspezifische Bevölkerungsgruppe in den Fokus der Arbeit gerückt.

In diesem Kontext wird weiterhin beleuchtet, welche Bedeutung Resilienz für die Athletinnen im Umgang mit der Pandemie hat.

2 Gegenwärtiger Kenntnisstand

2.1 Persönlichkeitsforschung

Im Folgenden soll auf die Entwicklung der Persönlichkeitstheorien eingegangen werden. Dabei wird der Persönlichkeitsbegriff definiert und ein bekannter Ansatz zur Beschreibung der Persönlichkeit, das Big-Five Persönlichkeitsmodell, vorgestellt.

2.1.1 Definition und Forschung

Im alltäglichen Leben wird der Begriff Persönlichkeit oftmals zu einer subjektiven Bewertung einer Person. Beispielsweise schreiben wir Personen, die wir mögen, eine gute Persönlichkeit zu. Auf der anderen Seite ordnen wir langweiligen Personen eher keine Persönlichkeit zu. Laut Amelang, Bartussek, Stemmler und Hagemann (2006), Salewski & Renner (2009) sowie Carducci (2009) ist „Persönlichkeit“ ein Begriff, der nicht differenzierter betrachtet werden könnte. Die Persönlichkeitspsychologie kennt eine Vielzahl theoretischer Zugänge, in denen Persönlichkeit in jeweils spezifischer Weise definiert wird. Laut Herrmann (1991) kann man die Gemeinsamkeiten der vielfältigen Definitionen wie folgt zusammenfassen: Persönlichkeit ist „ein bei jedem Menschen einzigartiges, relativ stabiles und den Zeitablauf überdauerndes Verhaltenskorrelat“. Unter Verhaltenskorrelat versteht er dabei, dass unser alltägliches Verhalten durch unsere Persönlichkeit beeinflusst wird. Das Wissen über die von Individuum zu Individuum einzigartige Persönlichkeitsstruktur gestattet uns, tendenzielle Verhaltensvorhersagen über verschiedene Situationen hinweg und mit einer bestimmten zeitlichen Stabilität zu machen. Beispielsweise zeigt eine ängstliche Person, weitgehend unabhängig von der Situation, dass sie tendenziell mehr Angst hat, ganz egal ob es beim Mountainbiken im Gelände ist oder im Beruf bei einer Präsentation vor einer Gruppe ist. Dies zieht ein spezifisches Verhalten nach sich, wie zum Beispiel ein Vermeiden oder nur zögerliches Ausprobieren neuer, noch unbekannter Sportarten. Situationsstabilität sollte allerdings immer als relativ aufgefasst werden, bedeutet im Sinne einer Tendenz. Darunter ist zu verstehen, dass es sicherlich Personen gibt, die keine Ängste vor Präsentationen, dafür aber riesigen Respekt vor Mountainbiken im Gelände haben und umgekehrt. Ebenfalls relativ zu sehen ist die Zeitstabilität. Gleichbedeutend damit, dass sich unsere Persönlichkeit nicht permanent verändert, sondern sie über Monate oder wenige Jahre und somit mittelfristig stabil bleibt. Über längere Zeit hinweg kann sie sich allerdings auch verändern. Demzufolge kann man die Persönlichkeit eines Menschen einerseits aus einer strukturellen Perspektive und andererseits aus einer prozessualen Perspektive (Persönlichkeitsentwicklung) betrachten.

Von den in der Psychologie diskutierten unterschiedlichen Persönlichkeitskonstrukten (z.B. von Asendorpf & Neyer, 2012) sind für die sportwissenschaftliche Persönlichkeitsforschung besonders Persönlichkeitseigenschaften und selbstbezogene Kognitionen von Interesse.

Im Eigenschaftsparadigma wird unter „Persönlichkeit“ die organisierte Gesamtheit der Eigenschaften (traits) verstanden, die wir einem Menschen zuordnen können (Stemmler et al., 2010). Traits sind hierbei über die Zeit hinweg relativ stabile Persönlichkeitsmerkmale, die für verschiedene Situationen und längere Zeiträume relativ genaue Erlebens- und Verhaltensvorhersagen ermöglichen. Das Anliegen dieser Forschungsrichtung ist es, die menschliche Persönlichkeit durch eine überschaubare Zahl an (unabhängigen) Persönlichkeitsdimensionen zu beschreiben (Conzelmann & Schmidt, 2020).

Die faktorenanalytisch ermittelten Dimensionierungen führen von Cattells 16 Persönlichkeitsfaktoren (Catell, 1946) über Eysencks zwei- bzw. dreidimensionale Lösungen (Extraversion, Neurotizismus und weniger eindeutig Psychotizismus; Eysenck & Eysenck, 1969) zu den seit mehr als zwei Jahrzehnten favorisierten und empirisch gut bewährten Big-Five-Modellen, die die menschliche Persönlichkeit anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen beschreiben (Costa & McCrae, 1992). Das Big-Five Modell gilt aktuell als das beste Modell zur Beschreibung der Persönlichkeit in der Persönlichkeitspsychologie. Die Persönlichkeitstests auf Basis der Big-Five messen das menschliche Verhalten am verlässlichsten.

Die in den 1980er- und 1990-er Jahren entwickelten Fragebögen NEO-PI-R und NEO- FFI von Costa und McCrae finden zur Bestimmung der Big-Five gegenwärtig oft Anwendung (Amelang et al., 2006). Der NEO-FFI ist die verkürzte Version des NEO- PI-R. Für ihn existiert eine deutsche, neu normierte Übersetzung von Borkenau und Ostendorf (2008).

Ein weiterer Persönlichkeitstest ist der 16PF von Cattell, der neben den 16 Persönlichkeitsfaktoren von Cattell auch die fünf globalen Big-Five-Faktoren misst. Er wird aber aufgrund von methodischen Schwächen kaum noch eingesetzt und wurde weitgehend durch den Big-Five-Persönlichkeitstest von Satow (B5T) abgelöst. Dieser bietet eine Alternative zu den international gebräuchlichen Tests von Costa & McCrae und wird im deutschsprachigen Raum sehr häufig angewandt.

2.1.2 Big-Five Modell- Hauptdimensionen der Persönlichkeit

Zur Beschreibung von Persönlichkeitszügen wird heute häufig das Big-Five Modell verwendet. Dabei werden fünf Dimensionen benutzt, um die Persönlichkeit von Menschen zu beschreiben (in Anlehnung an Borkenau & Ostendorf, 2008):

Offenheit für Erfahrungen Die Offenheit für Erfahrungen ist eine der Big-Five-Traits. Sie steht dafür, dass Personen mit einer hohen Ausprägung an neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken interessiert sind. Weiterhin werden sie als wissbegierig und neugierig eingeschätzt und besitzen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Gefühl für Kunst und Kreativität.

Personen mit einer geringen Ausprägung in diesem Merkmal sind gegenüber Neuem eher verschlossen und orientieren sich lieber an Bekanntem und Bewährtem.

Gewissenhaftigkeit Gewissenhafte Menschen gelten als gut organisiert und verlässlich. Ihre Disziplin zeigt sich auch darin, dass sie geplante Tätigkeiten einem spontanen Verhalten bevorzugen. Menschen mit einer hohen Ausprägung in dieser Persönlichkeitsdimension gelten als zielstrebig, willensstark und entschlossen. Ihnen werden starke Leistungen in Schule, Studium und Beruf nachgesagt.

Personen mit einer niedrigen Ausprägung des Merkmals Gewissenhaftigkeit werden als spontan und flexibel charakterisiert. Sie sind aber auch nachlässig und verfolgen ihre Ziele mit eher geringerem Engagement.

Extraversion Das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion weist bei hoher Ausprägung auf Geselligkeit, Gesprächigkeit und einen ausgeprägten Optimismus hin. Extravertierte Menschen mögen Menschenansammlungen, suchen Aufmerksamkeit und werden manchmal als autoritär beschrieben.

Personen mit einer niedrigen Ausprägung sind eher zurückhaltend, in sich gekehrt und pessimistisch. Sie sind tendenziell lieber allein und unabhängig, aber nicht unbedingt sozial ängstlich.

Verträglichkeit Die Persönlichkeitsdimension „agreeableness“ wird auf Deutsch mit „soziale Verträglichkeit“ übersetzt. Menschen mit einer hohen Ausprägung in diesem Merkmal gelten als einfühlsam und kooperativ. Sie werden als hilfsbereit, entgegenkommend und vertrauensvoll beschrieben, manchmal aber auch als naiv und unterwürfig. Verträgliche Personen zeigen sich anderen Personen gegenüber wohlwollend und gutmütig und sind bereit in Auseinandersetzungen nachzugeben.

Eine niedrige Ausprägung hingegen spiegelt eher Misstrauen gegenüber anderen und Wettbewerbsorientierung in einer Person wieder. Die Bereitschaft, die eigenen Interessen durchzusetzen, ist bei ihnen größer.

Neurotizismus Neurotizismus kann als Anfälligkeit für negative Emotionen beschrieben werden. Die Bezeichnung dieses Persönlichkeitszuges darf nicht mit den ähnlich bezeichneten psychischen Störungen verwechselt werden. Es geht lediglich um die Unterschiede in den Persönlichkeiten verschiedener Menschen. Personen mit einer hohen Ausprägung neigen beispielsweise eher zu Ängstlichkeit. Sie lassen sich durch Stress leichter aus dem Gleichgewicht bringen. Emotional sehr stabile und ruhige Menschen haben dagegen eine niedrige Ausprägung. Sie sind ausgeglichener und geraten in Stresssituationen nicht so leicht aus der Fassung. Eine niedrige Ausprägung im Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus wird auch mit emotionaler Stabilität interpretiert.

2.1.3 Persönlichkeit im Sport 2.1.3.1 Sportlich aktive Menschen

Hinter jeder sportlichen Ausnahmeleistung steht ein Mensch mit seinen individuellen Neigungen, Stärken und Schwächen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die fünf Persönlichkeitsdimensionen mit einer Reihe von persönlichen, zwischenmenschlichen und sozialen Verhaltensweisen verbunden sind. Dazu gehören zum Beispiel Motivation (Judge & Ilies, 2002), Bewältigungsstrategien (Connor-Smith & Flachsbart, 2007), akademische Leistung (Poropat, 2009, 2011) und Teamleistung (Bell, 2007; Peeters, Van Tuijl, Rutte & Reymen, 2006).

Die Mehrheit der Forschungsbeiträge beschäftigt sich mit der Erfassung von Persönlichkeitsunterschieden zwischen Sportlerinnen und Nicht-SportlerInnen. So zeigen mehrere Forscher, dass AthletInnen ein höheres Maß an Extraversion und eine geringere Ausprägung an Neurotizismus im Vergleich zu Normstichproben zu haben (Egan & Stelmack, 2003; Hughes, Case, Stuempfle & Evans, 2003; Kajtna, Tusak, Baric & Burnik, 2004). Weiterhin gibt es zahlreiche Beweise dafür, dass Persönlichkeitsmerkmale mit dem Grad der körperlichen Aktivität zusammenhängen. Studien zum Sitzverhalten von Erwachsenen haben zum Beispiel gezeigt, dass ein geringes Maß an Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Offenheit für Erfahrungen sowie ein hohes Maß an Neurotizismus eine höhere Sitzzeit in der Freizeit vorhersagen (Ebstrup, Aadahl, Eplov, Pisinger & Jorgensen, 2013). Auch Kajtna et al. (2004) sind der Ansicht, dass Athletinnen eine höhere Ausprägung der Dimensionen Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen haben und emotional stabiler sind als Nicht-AthletInnen.

Rhodes und Smith (2006) verdeutlichen in ihrer Meta-Analyse, dass körperliche Aktivität einen mittleren positiven Zusammenhang mit Extravertiertheit, einen mittleren positiven Zusammenhang mit Gewissenhaftigkeit und einen geringen negativen Zusammenhang mit Neurotizismus hat. Insbesondere Fleiß (eine Komponente der Gewissenhaftigkeit) und Aktivität (eine Komponente der Extraversion) werden wichtige Zusammenhänge mit körperlicher Aktivität zugeschrieben (Rhodes & Pfäffli, 2012). Weitere Meta-Analysen haben auch gezeigt, dass ein positiver Zusammenhang zwischen einem hohen Maß an Extravertiertheit und Gewissenhaftigkeit in Kombination mit einem geringen Maß an Neurotizismus und der körperlicher Aktivität besteht (Stephan, Boiché, Canada, & Terracciano, 2014).

2.1.3.2 Spitzensport

Im Bereich Leistungssport sind die Forschungen noch nicht so weit vorangeschritten. Es gibt nur eine Handvoll von Studien, die die Beziehung zwischen den fünf Persönlichkeitsdimensionen und der Leistung im Sport untersucht haben. Dennoch gibt es gute Beweise dafür, dass sportlicher Erfolg und die Teilnahme an körperlicher Aktivität durch die Persönlichkeit vorhergesagt werden kann und die Persönlichkeit Auswirkungen auf den sportlichen Erfolg hat.

Mehrere Studien zeigen, dass es Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen gibt, die an organisiertem Sport teilnehmen, und Menschen, die an nicht-organisiertem Sport teilnehmen. AthletInnen zeigen eine durchweg höhere Ausprägung an Extravertiertheit als Nicht-SportlerInnrn (Egloff & Gruhn, 1996; Paunonen, 2003).

Einige ältere Studien mit großen Stichproben haben Unterschiede gefunden, die darauf hindeuten, dass ElitesportlerInnen extravertierter und emotional stabiler sind als FreizeitsportlerInnen (Egloff & Gruhn, 1996; Kirkcaldy, 1982). Weitere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass extravertierte AthletInnen auch ein höheres Maß an emotionaler Stabilität aufweisen (Egan & Stelmack, 2003; McLevie, Lemieux & Stout, 2003) und offener für neue Erfahrungen sind (Hughes, Case, Stuempfle & Evans, 2003; Kajtna, Tusak, Baric & Burnik, 2004).

In einer aktuelleren Studie zeigen Allen, Greenlees, & Jones (2011) auf, dass AthletInnen, die an nationalen oder internationalen Wettkämpfen teilnehmen, ein geringeres Maß an Neurotizismus und ein höheres Maß an Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit aufweisen als AthletInnen, die an Vereins- oder Regionalwettbewerben teilnehmen. Dies deckt sich mit den Beobachtungen von Steca, Baretta, Greco, D’Addario und Monzani (2018), die den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit, der Sportteilnahme und dem sportlichen Erfolg untersucht haben. Sie vertreten die Meinung, dass besonders erfolgreiche SportlerInnen in den Dimensionen Gewissenhaftigkeit, Extraversion, soziale Verträglichkeit und emotionaler Stabilität (hohe emotionale Stabilität entspricht niedrigem Neurotizismus) signifikant höhere Durchschnittswerte haben als Nicht-SportlerInnen. Des Weiteren zeigen sie im Vergleich zwischen EinzelsportlerInnen und TeamsportlerInnen, dass EinzelsportlerInnen höhere Ausprägungen in den Dimensionen Extraversion und Offenheit für Erfahrungen haben.

Zwei weitere Studien haben den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Leistungsindikatoren über die gesamte Saison untersucht. Dabei haben sie AthletInnen, die zum Profi-Niveau aufgestiegen sind, mit AthletInnen, die nicht das Profi-Niveau erreicht haben, verglichen. Es sind geringe, aber signifikante, Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen und der Leistungsfähigkeit über die gesamte Saison beobachtet worden (Piedmont, Hill, & Blanco, 1999; Sindik, 2010). Desweiteren sind große Effekte zwischen der Persönlichkeit und dem Aufstieg zum Elite-Niveau festgestellt worden (Gee, Marshall & King, 2010; Martin, Malone & Hilyer, 2011; Morgan & Johnson, 1978). Diesen Zusammenhang verdeutlicht Aidman (2007) in seiner Studie mit Elite-Juniorenfußballern. Auch seine Ergebnisse deuten darauf hin, dass langfristige Erfolge im Sport teilweise im Zusammenhang mit der Persönlichkeit stehen.

Eine Studie, die bei britischen Turnern durchgeführt worden ist, zeigt, dass Gewissenhaftigkeit positive Effekte auf die Vorbereitung der Athleten im Vorfeld eines Wettkampfes hat. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Extraversion in einem positiven Zusammenhang mit der Konzentration steht und emotionale Stabilität sich positiv auf eine effektive Bewältigung kritischer Situationen im Wettkampf auswirkt (Woodman, Zourbanos, Hardy, Beattie & McQuillan, 2010). Auch das Ausmaß in dem die sportliche Leistung durch Anwesenheit eines Publikums beeinflusst wird (Graydon & Murphy, 1995), sowie das Ausmaß, in dem Emotionen positive oder negative Auswirkungen auf die sportliche Leistung haben (Woodman et al., 2009), wird durch das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion beeinflusst. Zusammenfassend bedeutet dies, dass besonders extravertierte SportlerInnen vor Publikum bessere Leistungen zeigen als eher introvertierte SportlerInnen. Ärger wirkt sich nur positiv auf die Leistung von Sportlerinnen mit einer besonders hohen Ausprägung von Extraversion aus.

In anderen Forschungsarbeiten wurde der Effekt der Persönlichkeit auf psychologische Zustände wie Aggressivität (Trninic, Barancic & Nazor, 2008) und Copingfunktionen betrachtet (Allen, Frings & Hunter, 2012; Allen et al., 2011; Kaiseler, Polman & Nicholls, 2012). Diese Studien zeigen, dass AthletInnen mit einer geringen Ausprägung an Verträglichkeit, Extraversion und/oder emotionaler Stabilität anfälliger für aggressives Verhalten sind. AthletInnen mit einer geringen Ausprägung an Offenheit für Erfahrungen und/oder emotionaler Stabilität neigen eher zum Gebrauch von vermeidungsorientierten Copingstrategien und AthletInnen mit einer hohen Ausprägung an Gewissenhaftigkeit, Extraversion und/oder emotionaler Stabilität neigen eher zum Gebrauch problemorientierter Copingstrategien.

Ein weiterer Ansatzpunkt in der sportbasierten Persönlichkeitsforschung ist die Untersuchung, ob es Unterschiede in den Persönlichkeitsmerkmalen zwischen SportlerInnen verschiedener Sportarten gibt. Dabei ist beobachtet worden, dass MannschaftssportlerInnen ein höheres Maß an Extraversion und ein geringeres Maß an Gewissenhaftigkeit als EinzelsportlerInnen aufweisen (Allen et al., 2011; Nia & Besharat, 2010; Eagleton, McKelvie & deMan, 2007). Auch ein geschlechtsspezifischer Unterschied im Zusammenhang mit den Persönlichkeitsmerkmalen ist wahrgenommen worden. So haben Allen et al. (2011) in ihrer Studie gezeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern ein höheres Maß an Neurotizismus, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit aufweisen.

Den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit, der Sportteilnahme und dem sportlichen Erfolg haben Steca, Baretta, Greco, D’Addario und Monzani (2018) beleuchtet. Sie zeigen auf, dass besonders erfolgreiche SportlerInnen in den Dimensionen Gewissenhaftigkeit, Extraversion, soziale Verträglichkeit und emotionaler Stabilität (hohe emotionale Stabilität entspricht niedrigem Neurotizismus) signifikant höhere Durchschnittswerte hatten als Nicht-SportlerInnen. Desweiteren haben sie im Vergleich zwischen EinzelsportlerInnen und TeamsportlerInnen festgestellt, dass EinzelsportlerInnen höhere Ausprägungen in den Dimensionen Extraversion und Offenheit für Erfahrungen hatten.

Insgesamt zeigen die verfügbaren Daten, dass die Persönlichkeit eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Leistungssport spielt. Die Persönlichkeit hat das Potenzial, wichtige Beziehungen im Sport zu beeinflussen. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie sich die Persönlichkeit in den einzelnen Sportlerpopulationen (unter Berücksichtigung weiterer Variablen, wie zum Beispiel Alter, Geschlecht und Sportart) unterscheidet, um daraus die richtigen Schlussfolgerungen ableiten zu können.

2.2 Resilienz

Resilienz ist die Fähigkeit, sich sowohl an neue als auch an belastende Situationen anzupassen, sich von Schicksalsschläge zu erholen und ihnen wirksam zu begegnen. Die Resilienz ist ein Soft Skill, das besondere Aufmerksamkeit geweckt hat (Fraser, Galinsky & Richman, 1999; Luthar Cicchetti & Becker, 2000; Richardson, 2002). In der Theorie wurde Resilienz mit Persönlichkeit in Verbindung gebracht (Luthar, Cicchetti & Becker, 2000) und als Persönlichkeitsmerkmal betrachtet, obwohl es darüber einige Diskussionen gibt (Caza & Milton, 2012). Vereinfacht ausgedrückt, bezieht sich psychologische Resilienz auf die Fähigkeit, persönliche Stärken zu nutzen, um Druck standzuhalten. Wie Fletcher & Sarkar (2013) und auch weitere Autoren hervorgehoben haben (vgl. McMurry, 2010; Reghezza-Zitt, Rufat, Djament-Tran, Le Blanc & Lhomme, 2012), hat sich die Bedeutung des Wortes Resilienz von seinem lateinischen Ursprung von „resilire“, das mit "zurückspringen" übersetzt wird, bis zu seinem heutigen psychologischen Gebrauch einer „Schutzwirkung“ (Luthar, 1993), die die Aufrechterhaltung der individuellen Leistungsfähigkeit einer Person einschließt, (Bonanno, 2004) weiterentwickelt. Shatte et al. (2017) zeigen in ihrer Untersuchung, dass Resilienz einen schützenden Effekt auf Stress, Depressionen, Burnout und Schlaf hat.

Neurotizismus und Extraversion sind zwei der fünf Big-Five Persönlichkeitsmerkmale, die speziell mit Resilienz in Verbindung gebracht werden (Lu, Wang, Liu, & Zhang, 2014). Ein erhöhtes Maß an Neurotizismus ist mit größerer Angst und Traurigkeit und einem geringeren Maß an Resilienz verbunden (z.B. Campbell-Sills, Cohan, & Stein, 2006; Zeb, Naqvi & Zonash, 2013). Die durch eine erhöhte Ausprägung des Neurotizismus schwache Reaktion auf Stress (Klein, Kotov & Bufferd, 2011) führt dazu, dass dieses einzelne Persönlichkeitsmerkmal bis zu 35 Prozent der Varianz des Resilienz-Scores ausmacht (Nakaya, Oshio & Kaneko, 2006). Dies kann auf die Extraversion zurückzuführen sein, die im Gegensatz zum Neurotizismus zu einer positiveren Wirkung als Reaktion auf Stress führt (Schneider, Rench, Lyons, & Riffle, 2012) oder auf die für Resilienz entscheidende soziale Unterstützung (Erdem, 2017).

Aufgrund sich ständig ändernder Arbeitsumgebungen, kann Resilienz ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein und demzufolge den beruflichen Erfolg positiv beeinflussen (Luthans et al, 2005; Avey, Nimnicht, & Graber Pigeon, 2010).

Diese Zusammenhänge sind für Elite-AthletInnen von ähnlicher Bedeutung, da sie verschiedenen Stressfaktoren begegnen und täglich einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Aufgrund dessen sollte ein hohes Maß an Resilienz auch für sie von Vorteil sein, um mit solchen Situationen erfolgreich umgehen zu können (Fletcher & Sakar, 2014). Da Soft Skills schwer zu erkennen sind, schlägt Goelden (2014) vor, den Status des "Spitzensportlers" als Kriterium bei der Personalauswahl mit zu berücksichtigen. Laut Goelden (2014) zeichnen sich SpitzensportlerInnen durch viel mehr als nur sportliche Fähigkeiten aus und verfügen über ein großes Potenzial für die Arbeitswelt. Weitere Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Resilienz und Sport folgen im Kapitel 2.3.

Eine aktuelle Studie von Arslan und Yildirim (2020) hat Resilienz als Unterstützer im Zusammenhang mit den positiven oder negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit während der COVID-19-Pandemie untersucht. Dabei zeigen sie auf, dass Resilienz negative Auswirkungen reduziert und positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit verstärkt. Darüber hinaus senkt Resilienz die Effekte der COVID-19-bezogene Ängste auf Depression, Angst und Stress (Yildirim, Özaslan & Arslan, 2020).

2.3 Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Resilienz und Sport

Trotz seiner Relevanz besteht ein Mangel an empirischer Forschung auf dem Gebiet der Resilienz im Bereich der Sportpsychologie. Obwohl sich Theorie und Praxis darüber einig sind, dass die Fähigkeit zur Stressbewältigung eine Voraussetzung für sportliche Spitzenleistungen ist, muss die psychologische Resilienz bei Sportlerinnen noch intensiver untersucht werden.

Fletcher und Sarkar (2012) versuchen mit ihrer Studie die Beziehung zwischen psychischer Belastbarkeit und optimaler sportlicher Leistung zu erforschen und zu erklären. In jüngster Vergangenheit haben sich aufgrund wachsender Relevanz mehrere Arbeiten mit Resilienz von AthletInnen (Fletcher & Sarkar, 2012; Galli & Vealey, 2008; Machida, Irwin, & Feltz, 2013; Martin-Krumm, Sarrazin, Peterson, & Famose, 2003; Mummery, Schofield, & Perry, 2004; Schinke & Jerome, 2002; Seligman, Nolen- Hoeksema, Thornton, & Thornton, 1990) und Teams (Morgan, Fletcher, & Sarkar, 2013, 2015) beschäftigt. Die Arbeiten von Galli & Vealey (2008) und Machida et. al (2013) weisen darauf hin, dass sozio-kulturelle Faktoren einen wichtigen Einfluss auf Resilienz von Sportlerinnen haben.

Auch Fletcher & Sarkar (2012) vertreten in ihrer „Grounded Theory“ die Ansicht, dass zahlreiche psychologische Faktoren, wie positive Persönlichkeit, Motivation, Selbstvertrauen, Fokus und soziale Unterstützung, auf die „Stress-Resilienz-Leistungs- Beziehung“ einwirken. Unter positiven Persönlichkeitseigenschaften von SpitzenathletInnen, die die Bewertung von Herausforderungen prägen, verstehen sie Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extravertiertheit, emotionale Stabilität (hohe emotionale Stabilität entspricht niedrigem Neurotizismus) und Optimismus. Aus ihren Interviews mit zwölf OlympiasiegerInnen verschiedener Sportarten (Fletcher & Sarkar 2012) geht hervor, dass es zahlreiche Gründe für die Konkurrenzfähigkeit auf internationaler Ebene gibt. Für den Beginn einer sportlichen Karriere zählen sie die Leidenschaft zum Sport und soziale Anerkennung zu den Motiven. Im weiteren Verlauf der Karriere rücken das „Sich-Messen“ mit anderen und „das Maximum aus sich selber herausholen“ in den Vordergrund. Die befragten AthletInnen sind auch der Meinung, dass es im Zusammenhang mit psychologischer Resilienz besonders von Bedeutung ist, dass eine Entscheidung für oder gegen eine herausfordernde Situation, wie zum Beispiel die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele, von ihnen selbst aktiv beeinflusst werden kann.

Fletcher & Sarkar (2016) haben auf Grundlage der gegenwärtigen Forschung ein Trainingsprogramm zur Entwicklung psychologischer Resilienz von Spitzensportlerinnen vorgestellt. Auf der Basis der Resilienztheorie und -forschung sind sie der Meinung, dass die Entwicklung psychologischer Resilienz für dauerhaften sportlichen Erfolg auf einem Zusammenspiel von mehreren Einflussfaktoren beruht. Dafür nennen sie folgende drei Hauptaspekte, auf die ihr Trainingsprogramm aufbaut:

- Persönlichkeitseigenschaften
- förderliches Umfeld/soziale Unterstützung
- herausfordernde Denkweise/ Herausforderungen stellen

Die Grundlage ihres Trainingsprogramms bilden die Persönlichkeitseigenschaften. Fletscher und Sarkar (2016) haben die wichtigsten Persönlichkeitseigenschaften, die laut aktuellem Forschungsstand für die Entwicklung psychologischer Resilienz von Bedeutung sind, wie folgt kategorisiert und zusammengefasst (Tab.1 ).

Tab.1: bedeutende Persönlichkeitsmerkmale für psychologische Resilienz (Fletcher & Sarkar, 2016)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiterhin führen sie an, dass die Bedeutung und Relevanz der Eigenschaften je nach Zeit und Kontext variieren. Darunter ist für den Sportbereich zum Beispiel zu verstehen, dass Resilienz gegenüber Stressfaktoren im Training eine andere Kombination von Persönlichkeitseigenschaften erfordert als jene, die erforderlich sind um wettkampfbedingtem Stress zu widerstehen. Als weiteren wichtigen Punkt führen sie an, dass Persönlichkeitseigenschaften schwerer zu verändern sind als psychologische Eigenschaften.

Im späteren Verlauf ihrer Arbeit machen Fletscher und Sarkar (2016) darauf aufmerksam, dass die psychologische Resilienz von einer Vielzahl von Umweltfaktoren, die zum Beispiel sozialen, beruflichen, wirtschaftlichen und/oder politischen Ursprungs sein können, stark beeinflusst wird. Aus diesem Grund sind sie der Meinung, dass jedes Trainingsprogramm zur psychologischen Resilienz auch das Umfeld berücksichtigen sollte, in dem die Person tätig ist (vgl. Fletcher & Sarkar, 2012).

2.4 Stand der Forschung zu Persönlichkeit und Resilienz im Umgang mit der Corona-Krise

Eine aktuelle Studie von Yildirima und Solmazc (2020) zeigt, dass ein höherer COVID- 19-bedingter Stress in schwierigen Zeiten, in denen mit Veränderungen, Rückschlägen, Herausforderungen, Enttäuschungen und Misserfolgen zu rechnen ist, mit einer verminderten Fähigkeit zur raschen Erholung einhergeht. Dieses Aussage stimmt mit den Ergebnissen von Arslan et al. (2020) überein, die betonen, dass Personen mit charakterlichen Stärken wie Optimismus, psychologischer Flexibilität, Belastbarkeit und adaptiven Bewältigungsstrategien besser in der Lage sind, auf widrige Situationen zu reagieren. Weiterhin finden Yildirima et al. (2020) Belege, die die Schlüsselrolle der Resilienz bei der Reduzierung der Auswirkungen von Stress auf Burnout im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie nachweisen. Sie haben eine Skala, die COVID-BS, für die Beurteilung des Burnouts im Zusammenhang mit der COVID-19- Pandemie entwickelt. Auch wenn die COVID-19-BS für den Einsatz im Kontext der aktuellen Pandemie validiert worden ist, könnte es in Zukunft leicht zur Bewertung des Burnout, also psychischem Stress, bei anderen möglichen Krisen eingesetzt werden. Barzilay et al. (2020) führten zu Beginn der COVID-19 Pandemie (6.-15. April 2020) eine Umfrage durch, um Resilienz zu untersuchen. Dabei analysieren sie den Zusammenhang von Resilienz mit COVID-19 bedingten Sorgen, wie „Sterben an COVID-19“, „Erkranken an COVID-19“, „Erkranken von Familienmitgliedern an COVID-19“ und „finanzielle Sorgen nach der Pandemie“. Das Ergebnis ihrer Studie zeigt, dass Teilnehmer mit einem höheren Resilienz-Score weniger Sorge vor den COVID-19 bedingten Konsequenzen haben.

Auch für die Sparte Sport und Leistungssport gibt es bereits Forschungen im Bereich Persönlichkeit und Resilienz während der Corona-Pandemie. So haben Mon-Lopez et al. (2020) eine Studie mit Handballspielerinnen durchgeführt, um die Auswirkungen von Covid-19 auf den Trainings- (Intensität und Dauer) und Erholungszustand (Länge und Qualität des Schlafs) im Hinblick auf psychologische Faktoren zu untersuchen. Sie sind zu der Erkenntnis gekommen, dass die COVID-19-Isolationsperiode zu erheblichen negativen Auswirkungen auf den Trainings- und Erholungszustand der HandballspielerInnen geführt hat, was zu einer Verschlechterung der Form und des Schlafs nach sich gezogen hat. Es werden den mit der Persönlichkeit verbundenen psychologischen Eigenschaften, wie Resilienz und emotionale Intelligenz, negativer Einfluss auf die Trainingsintensität und den Trainingsumfang, sowie die Stimmung (Müdigkeit, Depression), zugewiesen.

Clemente-Suarez et al. (2020) verfolgten mit ihrer Forschung im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio das Ziel, den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und der Wahrnehmung der COVID-19-Krise als persönliche und berufliche Bedrohung von olympischen und paralympischen AthletInnen zu analysieren. Sie stellen keine Auswirkungen der Quarantäne auf das Angstlevel fest, was damit zusammenhängen kann, dass HochleistungssportlerInnen Erfahrung mit der Bewältigung von Angst im Zusammenhang mit Wettkämpfen haben. Diese Eigenschaft kann laut Clemente-Suarez et al. (2020) auch eine Erklärung für die hohe Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Gewissenhaftigkeit sein, das zum Beispiel mit der Analyse von Training, Ernährung, und allem was schließlich den Wettkampf beeinflussen kann, in Verbindung gebracht wird. Weiterhin sind sie der Ansicht, dass die COVID-19- Pandemie eine neue Komponente für Unsicherheit und mangelnden Kontrolle darstellt, die zu einem neuen Stressfaktor für olympische und paralympische AthletInnen wird. Hierbei zeigen die Einschränkungen durch die Pandemie auf neurotische Persönlichkeiten drastischere Folgen. Zum Beispiel wurden negative Auswirkungen auf die Trainingsroutine festgestellt. Im Gegensatz dazu zeigt eine hohe Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Offenheit für Erfahrungen einen flexibleren Umgang mit der Situation.

Resilienz kann daher eine wichtige Variable für Interventionen sein, die darauf abzielen, die psychische Gesundheit von jeder/jedem Einzelnen vor COVID-19-bedingtem Stress zu schützen und ihr/ihm nicht nur bei der Bewältigung dieser Krise zu helfen, sondern in Zukunft auch mit anderen aufkommenden Stressoren besser umgehen zu können.

2.5 Definition zusätzlicher Items

Zum eindeutigen Verständnis werden nachfolgend einige für die vorliegende Masterarbeit wichtige Begrifflichkeiten definiert:

- Spitzensportlerinnen

SpitzensportlerInnen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie auf internationaler Ebene das Ziel der absoluten Höchstleistung verfolgen und dadurch der Zeitaufwand so hoch ist, dass der Sport wesentlicher Bestandteil ihres Tagesablaufs sind (Goelden, 2014). In der Arbeit werden die Begriffe Spitzen-, Leistungssportlerin und Athletin zur besseren Lesbarkeit als Synonym verwendet.

- Kaderstatus (DOSB, 2017)

- Olympiakader (OK) - Athletinnen mit nachgewiesenem Medaillen- oder Finalplatzniveau bei Olympische Spielen (OS), Weltmeisterschaften (WM) im Hinblick auf die nächsten Olympischen Spiele.
- Perspektivkader (PK) - Athletinnen mit Finalpotenzial für die nächsten Olympischen Spiele und/oder Medaillen- und Finalperspektive für die darauffolgenden Olympischen Spiele.
- Nachwuchskader (NK 1/NK 2) - Athletinnen mit einer mittel- bis langfristigen Perspektive für die integration in die Nationalmannschaften der Männer/Frauen. Der Nachwuchskader ist disziplinspezifisch altersgemäß begrenzt.

- Team Tokio-Long List

Die Team Tokio Long-List umfasst den erweiterten Kaderkreis, der für die Olympischen Spiele in Tokio in Frage kommt. Aus diesem Kaderkreis werden vom Deutschen Olympischen Sportbund die endgültigen Teilnehmerinnen der Olympiamannschaft nominiert.

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Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Spitzensportler. Zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der psychologischen Resilienz in Hinblick auf die Bewältigung der Krise als Stresssituation
Hochschule
Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement GmbH
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
73
Katalognummer
V995117
ISBN (eBook)
9783346365798
ISBN (Buch)
9783346365804
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Spitzensport, Leistungssport, COVID-19, Resilienz, Stress, Krise, Sportpsychologie, Olympia, Tokio, Pandemie
Arbeit zitieren
Romy Kasper (Autor:in), 2020, Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Spitzensportler. Zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der psychologischen Resilienz in Hinblick auf die Bewältigung der Krise als Stresssituation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/995117

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