Die Rolle der Weiblichkeit in Maria Stuart. Das Scheitern der beiden Königinnen als Ausdruck der Weiblichkeitskonzeption von Friedrich Schiller


Essay, 2021

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Im ausgehenden 18. Jahrhundert beschäftigten sich zahlreiche Schriftsteller an einem literarischen Diskurs über die Weiblichkeit und diskutierten eine „natürliche“ Rolle der Frau. Dabei nahm auch Friedrich Schiller an diesem Diskurs teil und verfasste zahlreiche Werke, die seine Geschlechterrollenerwartungen ausdrückten. So auch sein Drama Maria Stuart1. Inwiefern sich Schiller in Maria Stuart nun jedoch zu dieser „Diskussion über die Wesensbestimmung der Frau2 “ und die Rolle der Weiblichkeit positioniert, wird bis heute in der Literaturwissenschaft debattiert. Die folgende Arbeit soll hierzu einen Beitrag leisten und nach einer Betrachtung der Geschlechterrollenerwartung Ende des 18. Jahrhunderts besonders Schillers Position in dieser Debatte ins Zentrum stellen. Anschließend soll anhand einer Analyse des Dramentextes, mit einem Fokus auf die Szenen I/1 und II/1, die Rolle der Weiblichkeit für Maria Stuart und Elisabeth Tudor, unter Berücksichtigung des litertaturwissenschaftlichen Diskurses, herausgearbeitet werden. Woraufhin in einem abschließenden Schritt Schillers Intention dieser Darstellung diskutiert wird.

Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass Schiller durch die komplementäre Darstellung der beiden Königinnen und deren Scheitern die emanzipatorischen Bewegungen des 18. Jahrhunderts kritisieren wollte, um damit die patriarchalischen Strukturen und die übergeordnete Rolle des Mannes zu festigen.

2. Historischer Kontext

2.1 Geschlechterrollenerwartung des ausgehenden 18. Jahrhunderts

Um ein tieferes Verständnis für die Bedeutung der Weiblichkeit zu erhalten, soll nun der historische Hintergrund näher beleuchtet werden. Der Ursprung der literarischen Weiblichkeitsdebatte sei dabei vor allem die Bildung eines neuen Typus der Frau gewesen, der im Zusammenhang mit der frühaufklärerischen Gleichheitsvorstellung entstanden sei3. Aus dieser Emanzipationsbewegung, welche als eine Fortsetzung der „Querelle des Femmes“ gesehen werden könne4, habe sich eine intensive Diskussion über die Wesensbestimmung der Frau ergeben2. Zahlreiche Schriftsteller haben dabei das Ziel verfolgt die Weiblichkeit und die Natur der Frau neu zu definieren, um die Vormachtstellung des Mannes im patriarchalischen System zu festigen5. Die Natur der Frau sei davonausgehend auf ihre Schönheit, Religiosität, Hingebung und eine allgemeine Passivität zurückgeführt worden. Sie solle dem Mann untergeordnet werden. Sinnlich, gefühls-/ und aufopferungsvoll seien dabei ideale weibliche Attribute gewesen6. Das sogenannte public-private Konzept habe den Mann dabei der Öffentlichkeit, mit der Aufgabe kultureller und politischer Gestaltung und der Frau dem Privaten, mit der Aufgabe der Kinderzucht zugewiesen7.

2.2 Friedrich Schillers Idealbild der Weiblichkeit

Um die Rolle der Weiblichkeit vor dem historischen Hintergrund analysieren zu können, ist auch eine Betrachtung von Schiller Position nötig. An dieser Stelle sei gesagt, dass die Argumentation auf den Erkenntnissen der „Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers8 " von Zhang Fan aufbauen soll. Demnach seien für Schiller Ruhe, Liebe, Sanftheit, Heiterkeit9 Sinnlichkeit, Ruhe und Passivität10 schöne weibliche Attribute gewesen. Die Aufgaben der Geschlechter waren dabei klar getrennt, so dürfe sich die Frau nicht am öffentlichen Leben beteiligen und ein Streben nach Ruhm und Proft habe katastrophale Folgen. Außerdem schreibe Schiller ihr die Rolle als Haus-/ Ehefrau und Mutter zu und bringe zum Ausdruck, dass die Frau keine männliche Rolle einnehmen dürfe11.

Wie diese Geschlechterkonzeptionen in Beziehung zu den beiden Königinnen in Maria Stuart zu setzen sind und welche Rolle die Weiblichkeit dabei spielt, soll nun analysiert werden.

3. Die Rolle der Weiblichkeit bei Elisabeth Tudor.

In Szene II/1, der Einführungsszene von Elisabeth, nutzt Kent in seinem Botenbericht die Formulierung „keusche Festung der Schönheit"12, womit er offensichtlich Elisabeth meint. Dabei gibt die Aussage bereits in gewisser Weise Aufschluss über ihren Charakter.

Erstens lässt sich hieraus nämlich erkennen, dass Elisabeth keusch ist. So habe sie „dem Anschein nach, keinen Sinn für amouröse Ausschweifungen"13.

Zweitens wirft diese Aussage jedoch die Frage auf, inwieweit die Bezeichnung „Schönheit", gemessen an dem weiblichen Schönheitsideal zur Entstehungszeit des Dramas, auf Elisabeth zutrifft. Dies soll nun im Folgenden untersucht werden

Zunächst soll Elisabeth nun auf der Dimension der Privatheit/ Öffentlichkeit analysiert und mit der Geschlechterrollenerwartung in Beziehung gesetzt werden. Diesbezüglich lässt sich erkennen, dass Elisabeth das Gegenteil der Geschlechterkonzeption verkörpert. Elisabeth muss nämlich in einem „aus patriarchalen Strukturen erwachsenen Gesellschaftsbild"14 regieren. Damit verkörpert sie die öffentlichste Rolle ihres Landes und widerspricht damit dem „public-private-Konzept". Folglich ergibt sich, dass Elisabeth gegen das Frauenbild jener Zeit verstößt und sich ihr Verhalten nicht als passiv, wie es das Bild der Frau verlangte, sondern als aktiv beschreiben lässt, was sie ebenfalls weniger weiblich macht.

Des Weiteren scheint Elisabeth auch nicht über eine hohe weibliche Anziehungskraft zu verfügen, was sich unter anderem in der Aussage Kents: „Im Ernste denk ich, wird sich die Festung endlich doch ergeben"15 widerspiegelt. Hier lässt sich abermals aus der Bezeichnung „Festung" ableiten, dass Elisabeth eher einem wenig reizvollem Objekt gleiche, welches sich erst ergeben müsse, als einer attraktiven, anziehenden Frau.

Dies wird auch im weiteren Dramenverlauf des Öfteren bestätigt. So erhalte sie auf ihr sexuelles Angebot an Mortimer eine Abweisung und auch Leicester, welchen Elisabeth begehre erwidere dies nicht16. Dies lässt sich daraus ableiten, dass Leicester vor Marias Hinrichtung in einem Monolog seine Gefühle für Maria offenbart17 und Elisabeth nach Marias Tod verlässt18. Elisabeth wirkt somit nicht attraktiv auf das männliche Geschlecht, was wiederum zeigt, dass sie nicht dem weiblichen Schönheitsideal entsprach.

Auch im Hinblick auf Elisabeths Charakter lässt sich festhalten, dass sie eher der männlichen Geschlechterrollenerwartung, als der weiblichen zuzuordnen ist. So lege Elisabeth „Sultanslaunen an den Tag"14, womit nach dem deutschen Wörterbuch die Stimmung eines tyrannischen, grausamen und gewalttätigen Wesens gemeint sei19. Außerdem weise Elisabeths Erscheinung eine maskuline Härte auf, wobei Elisabeth sogar selbst betone, dass ein Herrscher hart sein müsse und folglich keine Schwäche zeigen dürfe14. Interessant wird diese Aussage vor allem dann, wenn man berücksichtigt, dass Elisabeth in einem sehr persönlichen Gespräch mit Leicester zugibt, dass sie Maria um die Erfahrungen mit Männern beneide, sich jedoch dem politischen Zwang beugen müsse und diese daher nicht selbst ausleben könne20. Sie steht also in einem Konflikt, in dem sie zwischen Auslebung ihrer Weiblichkeit oder ihrer Funktion als Regentin entscheiden muss.

Elisabeth entscheidet sich schließlich für letzteres und damit gegen ihre weiblichen Neigungen. Sie müsse den Verlust ihrer Weiblichkeit in Kauf nehmen, um in dem patriarchalischen Gesellschaftsbild und der Politik bestehen zu können14. Diese Entscheidung bewirkt, dass Elisabeth ihre Macht, aufgrund Marias Hinrichtung und ihrer nicht zustande kommenden Hochzeit weiterhin erhalten kann. Auf der privaten/weiblichen Dimension jedoch verliert, da sie ihre weiblichen Neigungen unterdrücken muss und am Ende des Dramas sogar allein dasteht, da sie all ihre engeren Bezugspersonen verlassen18.

4. Die Rolle der Weiblichkeit bei Maria Stuart.

Auch in diesem Abschnitt soll das Bild der Frau mit der Darstellung Maria Stuarts in Beziehung gesetzt werden. So beschreibt Paulet sie unmittelbar vor ihrem ersten Auftritt: „Den Christus in der Hand, Die Hoffart und die Weltlust in dem Herzen"21 22. Paulet betont durch den „Christus" ihre Religiosität, durch die „Weltlust in dem Herzen" aber auch ihre Sinnlichkeit. Zwei Attribute, die dem Idealtypus der Frau Ende des 18. Jahrhunderts zugeordnet werden können.

Ihre Sinnlichkeit beruhe sich unter anderem auf ihrer „wollüstigen Hingabe"13 gegenüber dem männlichen Geschlecht. Sogar Maria selber erkenne diese sinnlich-naive Hingabe und ihre triebhaften Neigungen an13 und auch ihre Vergangenheit bestätigt dieses Bild. So erfährt man in einem Dialog zwischen Maria und Kennedy, dass sie mehrere Ehen hatte, wobei sie selbst zugibt, dass sie sich leicht von der „Männerkraft" verführen lasse22. Die zahlreichen Ehen und ihre Verführbarkeit zeigen die intensive Auslebung ihrer weiblichen Neigungen.

Dies verhält sich in gewisser Weise konträr zum Idealbild der Frau aus der Entstehungszeit des Dramas, da dieses die volle Hingabe zu nur einem Mann verlange23. Zwar scheint Maria über eine hohe Anziehungskraft zu verfügen, jedoch hatte sie bereits drei Ehen und scheitert offensichtlich daran die weibliche Rolle der patriarchalischen Gesellschaft einzunehmen. Interessant ist hierbei vor allem aber auch, dass Maria ihr Scheitern in den Ehen auf ihre weibliche Schwäche zurückführt24, sich aber dennoch um ihre Schönheit und verführerische Kraft im Klaren zu sein scheint. So verbietet Paulet ihr einen Spiegel zu besitzen, da sie der Anblick ihres eitlen Bildes Hoffnung gebe25 26. Die Tatsache, dass Maria von mehreren Figuren im Drama begehrt und als äußerlich schön erachtet wird, beispielsweise von Mortimer, der ihr offen seine Liebe gesteht26, oder Burleigh, der sogar als ihr Feind ihre Schönheit anerkenne27 bestärkt dies. Paulet hebt diesbezüglich sogar hervor, dass es zahlreiche Männer gebe, die sich „wetteifernd, Um ihrentwillen in den Abgrund stürzen"28. Ihre äußerliche Schönheit ist damit wohl auch ihre weiblichste Eigenschaft und entspricht damit auch dem weiblichen Ideal. Abschließend soll nun Elisabeths Konflikt auf politischer und weiblicher Ebene, auch auf Maria übertragen werden. Beide sind nämlich Königinnen, wenngleich Marias Zeiten als Königin Schottlands schon vorbei sind, müsse auch sie zwischen „politischer Konvenienz" und Auslebung ihrer triebhaften Sinnenlust entscheiden13. Das Maria dabei ersteres priorisiert, wir sowohl durch die hohe Zahl an Ehen, aber auch durch Aussagen von Elisabeth bestärkt20.

[...]


1 Schiller, Friedrich: Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Mit Anmerkungen von Christian Grawe und einem entstehungsgeschichtlichen Anhang von Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam 2015.

2 Becker-Cantarino, Barbara: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche - Werke - Wirkung. München 2000, S. 44.

3 Vgl. Stephan, Inge: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Köln: Böhlau 2004. S. 116.

4 Vgl. Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik, S. 44.

5 Vgl. Stephan: Inszenierte Weiblichkeit, S. 118.

6 Vgl. Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik, S. 47 ff.

7 Vgl. Hausen, Karin: Öffentlichkeit und Privatheit. Gesellschaftspolitische Konstruktionen und die Geschichte der Geschlechterbeziehungen. In: Dies. und Heide Wunder (Hrsg.): Frauengeschichte - Geschlechtergeschichte. Frankfurt a.M. und New York 1998. S. 85.

8 Fan, Zhang: Die Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers. In: Literaturstraße. Chinesisch-deutsche Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 11 (2010). S. 183-192.

9 Vgl. Fan: Die Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers, S. 183.

10 Vgl. Fan: Die Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers, S. 190.

11 Vgl. Fan: Die Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers, S. 185 f.

12 Schiller: Maria Stuart, S.39.

13 Wellnitz, Philippe: Die weibliche Natur‘ in Maria Stuart. In: Georg Braungart und Bernhard Greiner (Hrsg.): Schillers Natur. Leben, Denken und literarisches Schaffen. Hamburg 2005. S. 247.

14 Immer, Nikolas: Die schuldig-unschuldigen Königinnen. Zur kontrastiven Gestaltung von Maria und Elisabeth in Schillers Maria Stuart. In: Euphorion 99 (2005). Sonderheft. S. 140.

15 Schiller: Maria Stuart, S. 39.

16 Vgl. Wellnitz: Die weibliche Natur in Maria Stuart, S. 251.

17 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 137 f.

18 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 145 ff.

19 Vgl. Grimm, Jacob u.a. (Hrsg.): Art. sultan. In: Deutsches Wörterbuch. Hrsg. von Jacob und Wilhelm Grimm. Online-Version der Aufl. Leipzig: S. 1854-1961. http://woerterbuchnetz.de/DWB/ (Abruf: 27.01.2021).

20 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 68 f.

21 Schiller: Maria Stuart, S. 9.

22 Schiller: Maria Stuart, S. 15.

23 Vgl. Fan: Die Charakterisierung der Frauenbilder in Gedichten Friedrich Schillers, S. 188.

24 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 13.

25 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 6.

26 Vgl. Schiller: Maria Stuart, S. 85 f.

27 Vgl. Wellnitz: Die weibliche Natur in Maria Stuart, S. 248.

28 Schiller: Maria Stuart, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Weiblichkeit in Maria Stuart. Das Scheitern der beiden Königinnen als Ausdruck der Weiblichkeitskonzeption von Friedrich Schiller
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
8
Katalognummer
V995142
ISBN (eBook)
9783346365675
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maria, Stuart, Weiblichkeit, Geschlechter, Elisabeth, Tudor, Szenenanalyse, Textanalyse, Schillers, Weiblichkeitskonzeption, Geschlechterrollen, Gender, Studies, weiblich, Herrschaft, Interpretation, Analyse, Emanzipation, Drama, Friedrich, Rolle
Arbeit zitieren
Michael Grünjes (Autor:in), 2021, Die Rolle der Weiblichkeit in Maria Stuart. Das Scheitern der beiden Königinnen als Ausdruck der Weiblichkeitskonzeption von Friedrich Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/995142

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