Der Eulenspiegelstoff und seine produktive Rezeption. Darstellung der 38. Historie am Beispiel von Hans Sachs und Johann Fischart


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

35 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

1 Einleitung

2 Der Eulenspiegelprätext: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel
2.1 Der Prosaroman als literarische Gattung des 15. und 16. Jahrhunderts
2.2 Handlungselemente und –aufbau
2.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung
2.4 Elemente der Komik

3 Produktive Rezeption des Eulenspiegelstoffes
3.1 Hans Sachs: Eulenspiegel und des Pfaffen Haushälterin
3.1.1 Das Fastnachtsspiel – die wichtigste dramatische Form der Reformationszeit
3.1.2 Handlungselemente und –aufbau
3.1.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung
3.1.4 Elemente der Komik
3.1.5 Eulenspiegel und des Pfaffen Haushälterin – Ein lutherischer Propagandatext?
3.2 Johann Fischart: Eulenspiegel reimenweis
3.2.1 Handlungselemente und –aufbau
3.2.2 Figurenkonstellation und –charakterisierung
3.3.3 Elemente der Komik

4 Resümee: Konstanten, Variationen und Innovationen der produktiven Rezeption des Eulenspiegelstoffes

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Till Eulenspiegel – Narr, Schelm, Schalk, Erzieher, Zeitkritiker – gehört zu den bekanntesten Figuren der deutschen Literatur. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Stoff des vor mehr als 500 Jahren entstandenen Prosaromans diverse Male adaptiert und rezipiert wurde.

Um den Rezeptions- und Adaptionsprozess des Eulenspiegelstoffes exemplarisch an einer Episode zu verdeutlichen, wurden bestimmte Varianten für diese Arbeit ausgewählt, dazu zählen der Eulenspiegelprätext sowie Modifikationen von Hans Sachs und Johann Fischart. Diese wurden aus dem Grund selektiert, als dass sich die produktive Rezeption der Autoren sowohl auf die Gattung als auch auf das Medium auswirkt.1 Hierbei wird der Ausgangstext, welcher in Prosa verfasst und als Buch gedruckt ist, bei Sachs als Drama, welches auf einer Bühne aufgeführt wird, transformiert. Bei Fischart bleibt das Zielmedium dasselbe wie beim Prätext (gedrucktes Buch), jedoch ändert sich die Gattung zu einem Versepos.

Gegenstand dieser Arbeit ist der Vergleich zweier produktiver Rezeptionen des Eulenspiegelstoffes mit dem Eulenspiegelprätext. Ziel ist es, Konstanten, Variationen oder gar Innovationen dieses literarischen Stoffes zu identifizieren. In einem ersten Schritt der systematischen Untersuchung wird der Prosaroman als literarische Gattung des 15. und 16. Jahrhunderts näher betrachtet, indem zunächst kurz auf den Entstehungskontext eingegangen wird, worauf ein Überblick über zentrale Merkmale dieser literarischen Gattung folgt. In den nachfolgenden Unterkapiteln 2.2 bis 2.4 wird die 38. Historie des Eulenspiegelprätextes untersucht, indem die Handlungselemente und der Handlungsaufbau, die Figurenkonstellation und die Figurencharakterisierung sowie Elemente der Komik analysiert werden. Das anschließende Kapitel umfasst zwei Varianten der produktiven Rezeption des Eulenspiegelstoffes von Hans Sachs und Johann Fischart. Da es sich bei Sachs’ Fassung um eine der wichtigsten literarischen Gattungen der Reformationszeit – das Fastnachtsspiel – handelt, soll diese vor der eigentlichen Analyse erläutert werden, indem ihre wesentlichen Merkmale überblicksweise dargeboten werden. Die Analyse erfolgt analog wie bei dem Prätext. Im Anschluss an die Untersuchung soll diskutiert werden, inwiefern es sich bei vorliegendem Fastnachtsspiel um einen lutherischen Propagandatext handelt. Die Analyse von Fischarts Fassung erfolgt ebenfalls analog zu den vorherigen. Das abschließende Kapitel resümiert und akzentuiert die wichtigsten Erkenntnisse der unterschiedlichen Fassungen sowie Konstanten, Variationen und Innovationen des Eulenspiegelstoffes.

2 Der Eulenspiegelprätext: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel

2.1 Der Prosaroman als literarische Gattung des 15. und 16. Jahrhunderts

Der Prosaroman entsteht Mitte des 15. Jahrhunderts und wird allgemein definiert als „längere Erzählungen des 15. und 16. Jahrhunderts ohne Versbindung“.2 Die im Mittelalter vorherrschende Erzählliteratur in Reimpaaren wurde ab dem 15. Jahrhundert nach und nach von der Prosa abgedrängt, wobei durchaus weiterhin Verserzählungen entstanden.3 Zunächst entstanden Adaptionen bzw. Übersetzungen aus französischer Versepik wie bspw. Hug Schapler von Elisabeth von Nassau-Saarbrücken oder Melusine von Thüring von Ringoltingen.4 Des Weiteren wurden ältere Werke bearbeitet oder es wurde auf Motive bzw. Erzählmuster früherer Werke zurückgegriffen.5 Mehrheitlich erschienen die Prosaromane anonym.6 Formal betrachtet handelt es sich bei einem Prosaroman – wie bereits erwähnt –um einen Erzähltext in Prosa, der von relativ großem Umfang ist. Ferner haben Prosaromane eine episodenhafte, in sich geschlossene Struktur und weisen Kapitelüberschriften sowie kurze Zusammenfassungen der jeweiligen Episode auf.7 Zudem sind den Episoden Illustrationen beigefügt, was der größeren Verbreitung sowie der Anschaulichkeit dient. Im Zentrum des Prosaromans steht eine Hauptfigur, deren Leben chronologisch erzählt wird.8 Jedoch ist die Figurenkonstellation meist sehr kompliziert und neben der an sich schon verflochtenen Handlung gibt es häufig Nebenhandlungen. Was die Gattung an sich betrifft, kann konstatiert werden, dass Interferenzen mit anderen Gattungen vorliegen. Hierzu zählen u.a. der (Liebes-, Helden-, Ritter-) Roman, der Reisebericht, die Sage, die Legende, das Märchen, der Schwank oder das Exempel.9 Thematisch betrachtet spielen somit auch ältere Erzähltraditionen mit herein, wie bspw. Elemente der ritterlichen Versepik oder phantastische Elemente (Drachen, Riesen, Chimären). Jedoch erheben die Texte den Anspruch, eine wahre Geschichte, eine historia zu sein.10 Sprachlich betrachtet weisen Prosaromane eher einen schlichten Erzählstil (genus humilie) auf, um ein breiteres Publikum zu erreichen und dieses zu erfreuen. Durch die Erfindung des Buchdruckes um 1450 und die somit verbundene Möglichkeit die Prosaromane zu vervielfältigen und eine breitere Leserschaft zu erreichen, verhalf der Gattung zu ihrem Aufstieg.

Die in den folgenden Kapiteln 2.2 bis 2.4 zu analysierende Episode ist dem Prosaroman Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel entnommen. In Bezug auf die Gattung divergieren jedoch die Meinungen hinsichtlich der Gattungsbezeichnung. Müller und von Ertzdorff sehen im Eulenspiegelbuch bereits einen Vorläufer des Schelmen- bzw. Picaroromans.11 Kipf fügt hinzu, dass es beim Eulenspiegelbuch auch Schnittmengen mit dem Schwankroman gibt.12 Er definiert den Schwankroman als „eine Sammlung von komischen Erzählungen in Vers und/oder Prosa, die durch die Anbindung an eine Kristallisationsfigur und eine chronologische Anordnung zu einer sujethaften, gleichwohl episodischen Großerzählung verbunden werden“13. Es ist evident, dass diese Definition auf das Eulenspiegelbuch zutrifft. Das Eulenspiegelbuch kann also nicht eindeutig einer einzigen Gattung zugeordnet werden, da es Elemente mehrerer Gattungen aufweist.

2.2 Handlungselemente und –aufbau

Bei der zu untersuchenden Historie handelt es sich um die 38. von insgesamt 96. Historien. Die Überschrift „Die 38. Histori saget, wie Ulenspiegel dem Pfarrer zu Ryßenburg sein Pferd abred mit einer falschen Beicht“14 fasst die Pointe der Historie prägnant zusammen und fungiert als Vorwegnahme des Inhalts. Der nachfolgende Holzschnitt illustriert zudem die Pointe des Schwankes, nämlich wie der Pfarrer Ulenspiegel die Beichte abnimmt. Dies diente als Hilfe und zur Anschaulichkeit für die zur damaligen Zeit unkundigen Leser bzw. Rezipienten.

Formal betrachtet kann die Episode in drei Teile gegliedert werden: Einleitung, Hauptteil und Schluss. In der Einleitung werden die handelnden Personen (Ulenspiegel, der Pfarrer, die Magd, der Herzog von Braunschweig), der Ort, an dem das Geschehen stattfindet (Ryßenburg) sowie der Grund für Ulenspiegels falsche Beichte dargestellt. Als der Herzog von Braunschweig in das Dorf des Pfarrers kommt, bittet er mehrere Leute darum, den Pfarrer zu überzeugen, ihm das Pferd abzugeben. Der Pfarrer bekäme im Gegenzug, was er sich wünsche. Jedoch möchte der Pfarrer dem Herzog nicht sein Pferd überlassen. Ulenspiegel hat von diesem Ereignis gehört, geht zum Fürsten und fragt ihn, was er ihm schenken würde, wenn er ihm das Pferd des Pfarrers bringen würde. Der Herzog willigt ein und verspricht Ulenspiegel seinen mit Perlen bestickten Kamelhaarrock, den er trägt.

Nachfolgend soll der Hauptteil der Episode, nämlich Ulenspiegels Aufenthalt im Hause des Pfarrers, näher betrachtet werden. Da Ulenspiegel schon mehrmals zu Gast bei dem Pfarrer war, heißt dieser ihn willkommen. Nach drei Tagen gibt Ulenspiegel vor, krank zu sein, indem er laut ächzt und jammert. Der Pfarrer und seine Magd sorgen sich um Ulenspiegel. Daraufhin kommt es zu einem Gespräch zwischen dem vermeintlich todkranken Ulenspiegel und dem Pfarrer. Der Pfarrer möchte Ulenspiegel die letzte Beichte abnehmen, damit Gott ihm seine Sünden vergibt, bevor er stirbt. Ulenspiegel erinnert sich angeblich an kein Vergehen, „sunder ein Sünde, die [...] er ihm nit beichten [dorft].“15 Aus diesem Grund wolle er diese Sünde einem anderen Pfarrer beichten, denn wenn er sie ihm beichten würde, würde es ihn erzürnen. Der Pfarrer entgegnet, dass die Zeit zu knapp sei, einen anderen Priester zu holen, und er verweist auf sein Schweigegelöbnis, damit Ulenspiegel ihm beichtet: „Auch waz hulf es, daz ich böß würd, ich muß doch die Beicht nit melden.“16 Ulenspiegel willigt ein, zu beichten, jedoch beteuert er immer wieder, dass die Beichte den Priester wütend machen würde. Dadurch, dass Ulenspiegel den Pfarrer neugierig macht, und dieser Interesse zeigt, wird Spannung erzeugt. Die Spannungskurve erreicht ihren Höhenpunkt durch die folgende Aussage Ulenspiegels: „Ich hon mit Euwer Magt geschlaffen.“17 Der Pfarrer fragt, wie oft das geschehen sei; Ulenspiegel antwortet: „Nur fünffmal.“18 Danach bittet der Pfarrer seine Magd zu sich und konfrontiert sie mit Ulenspiegels Aussage. Sie widerspricht, denn „es wär gelogen“.19 Der Pfarrer ist nicht in der Lage der Magd, die ihre Unschuld beteuern möchte, zuzuhören, sondern greift sie körperlich an, indem er sie „brun und bla“20 schlägt. Währenddessen amüsiert sich Ulenspiegel über das Verhalten des Pfarrers gegenüber seiner Magd. Am nächsten Tag bezahlt Ulenspiegel den Pfarrer für die Unterkunft; dieser erfreut sich an Ulenspiegels Abreise. Jedoch wirft Ulenspiegel ihm vor, das Beichtgeheimnis verletzt zu haben, denn er habe seiner Magd davon erzählt. Deshalb werde er zum Bischof gehen, um den Pfarrer dort anzuzeigen. Der Pfarrer bittet ihn, zu schweigen und bietet Ulenspiegel Geld an, damit er ihn nicht verrät. Ulenspiegel lehnt diesen Vorschlag jedoch ab, denn er möchte das Pferd des Pfarrers haben, ansonsten würde er ihn beim Bischof melden. Hier geht Ulenspiegels Plan, dem Pfarrer mit einer falschen Beichte sein Pferd abzureden, auf, denn dem Pfarrer bleibt keine andere Möglichkeit in dieser Situation. Ulenspiegel reitet mit dem Pferd zurück nach Wolfenbüttel zum Herzog von Braunschweig. Der Schluss der Episode besteht darin, dass Ulenspiegel seine Belohnung sowie ein zusätzliches Pferd vom Herzog erhält. Der Pfarrer, wütend über den Verlust seines Pferdes, schlägt seine Magd wiederholt. Schließlich verlässt sie ihn und am Ende hat der Pfarrer beides verloren: seine Magd und sein Pferd.

Im Folgenden soll eine knappe Analyse der Episode nach der Erzähltheorie von Martinez/ Scheffel in Bezug auf Zeit, Modus und Stimme durchgeführt werden.21 Zunächst soll ermittelt werden, in welcher Ordnung bzw. Reihenfolge die Ereignisse erzählt werden.22 Die Abfolge der Ereignisse dieser Episode stimmt in der Zeit und in der Abfolge ihrer Darstellung im Rahmen der Erzählung überein, es ist also evident, dass chronologisch erzählt wird. Die Dauer, die der Erzähler zur Darstellung der Ereignisse der story benötigt, sieht wie folgt aus:23 Es wird überwiegend raffend erzählt, bspw. zu Beginn der Episode, als man erfährt, dass schon mehrere Leute den Pfarrer darum gebeten hatten, sein Pferd dem Herzog zu übergeben. Bei dem Gespräch zwischen Ulenspiegel und dem Pfarrer bzw. bei fast allen Dialogen wird annähernd isochronisch erzählt. Nachfolgend soll der Modus näher betrachtet werden.24 In Bezug auf die Distanz kann gesagt werden, dass es sich bei der Darstellung von Worten und Gedanken oft um transponierte Figurenrede handelt. In Bezug auf den Standpunkt des Erzählers ist anzuführen, dass die Erzählung durchgehend nullfokalisiert ist. Zudem kann konstatiert werden, dass es sich weder um einen stark wertenden noch didaktischen Erzähler handelt. Hinsichtlich des Zeitpunktes der Erzählung kann gesagt werden, dass es sich um rückblickendes Erzählen handelt, da die Episode im Präteritum erzählt wird. Abschließend ist zu nennen, dass es sich um einen extradiegetisch-heterodiegetischen Erzähler handelt.25

2.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung

An der ausgewählten Episode sind vier Figuren beteiligt, wobei konstatiert werden kann, dass es sich bei Ulenspiegel und dem Pfarrer um die Protagonisten handelt, was bereits an dem Titel der Episode zu erkennen ist, da beide namentlich genannt werden. Die Magd des Pfarrers und der Herzog von Braunschweig sind als Nebenfiguren anzusehen. Nachfolgend sollen die soeben genannten Figuren charakterisiert werden.

Bereits in der Überschrift der Historie ist eine diametrale Relation zwischen Ulenspiegel und dem Pfarrer zu erkennen, da Ulenspiegel, ein sozial niedrig gestellter Vagabund, einen vermeintlich weisen Geistlichen, höheren Standes, mit einer falschen Beichte überlistet. Dies impliziert bereits die mentale Inferiorität des Pfarrers im Vergleich zu Ulenspiegel. Zunächst soll jedoch Ulenspiegels Charakter näher betrachtet werden. Schon der Pleonasmus „[b]öser Schalckheit“26 expliziert Ulenspiegels Wesen als arg und hinterlistig. Als er davon erfährt, dass der Herzog daran gescheitert ist, das Pferd des Pfarrers zu bekommen, bietet er ihm seine Hilfe an, jedoch nicht ohne Hintergedanken, denn er hat „die ding wol gehört und verstanden“27 und erwartet deswegen eine Gegenleistung: „Gnädiger Her, waz wöllen Ihr mir schencken, daz ich daz Pferd zuwegen bring“28. Hier wird deutlich, dass Ulenspiegel das Pferd nicht aus Nächstenliebe zum Herzog herbeibringen möchte, sondern dass er sich etwas Materielles erhofft, in diesem Falle den Rock des Herzogs. Da der Pfarrer Ulenspiegel bereits früher bei sich beherbergt hatte, wird Ulenspiegel freundlich von diesem empfangen. Nach drei Tagen beginnt Ulenspiegels List, denn „da gebärt er, als ob er kranck wär, und achzet lut und legt sich nider“.29 Die fingierte Krankheit zeigt Wirkung, denn der Pfarrer und seine Magd sorgen sich um Ulenspiegel.30 Als der Pfarrer, im Irrglauben Ulenspiegel sei todkrank, ihm die Generalbeichte abnehmen möchte, simuliert Ulenspiegel „gantz kränklichen“31, dass er keine Sünde begangen habe, außer einer einzigen, die er ihm jedoch nicht beichten könne, da der Pfarrer dadurch erzürnen würde. Hier und im weiteren Verlauf des Gesprächs mit dem Pfarrer, wird Ulenspiegels immense Intelligenz sichtbar, denn er weiß genau, wie er das Interesse des Pfarrers und dessen Neugier wecken kann. Mehrfach wiederholt er, dass er die Beichte nicht ablegen könne, denn es „wär [ihm] leid, daz er [der Pfarrer] böß würd, dann es treff ihn an“32 und er wisse, dass er „darumb zürnen werde[...]“33. Dadurch potenziert sich die Neugier des Pfarrers, denn er möchte nun unbedingt wissen, welche Sünde Ulenspiegel begangen hat. Als Ulenspiegel letztlich antwortet, dass er mit der Magd des Pfarrers geschlafen habe, vergibt der Pfarrer ihm nicht seine Sünde, sondern fragt nach, wie oft das geschehen sei. Bereits hier ist Ulenspiegels Plan aufgegangen, denn der Pfarrer geht unmittelbar zu seiner Magd, konfrontiert sie damit und offenbart ihr Ulenspiegels Beichte. Währenddessen lacht Ulenspiegel und amüsiert sich, denn „[n]un wil daz Spil gut werden“34. Am nächsten Tag ermahnt Ulenspiegel den Pfarrer, dass er gegen das Beichtgeheimnis verstoßen habe, und dass er ihn beim Bischoff melden werde.35 Als der Pfarrer ihm Schweigegeld geben möchte, beruft sich Ulenspiegel auf christliche Werte, denn er „wil das fürbringen, als sich das gebürt“36. Nun folgt Ulenspiegels Erpressung, denn er würde den Pfarrer nur dann nicht melden, wenn er ihm das Pferd gäbe. Da dies die letzte Möglichkeit für den Pfarrer ist, willigt er ein und somit ist Ulenspiegels Plan, dem Pfarrer das Pferd mit einer perludierten Beichte abzureden, aufgegangen. Schließlich erreicht Ulenspiegel sein Ziel, nämlich den Rock des Herzogs, dessen Dankbarkeit und noch ein eigenes Pferd zu bekommen. Insgesamt kann gesagt werden, dass Ulenspiegels überragende Intelligenz in dieser Historie sehr deutlich wird, und dass er als die mental superiore Figur angesehen werden kann.

Nun soll die Figur des Pfarrers näher betrachtet werden. Gleich zu Beginn der Episode wird impliziert, dass der Pfarrer den Zölibat bricht, da er mit seiner Magd in einem Haushalt lebt und mit jener er ein Liebesverhältnis zu haben scheint, denn er hat die „schöne Kellerin [...] lieb“37. Als er dem Fürsten sein Pferd verweigert, wird die Naivität des Pfarrers deutlich, denn der Fürst „wolt ihm darfür geben, daz ihn begnügt“.38 Er hätte also durchaus etwas Wertvolleres als das Pferd haben können. Am Anfang des Gesprächs mit Ulenspiegel wirkt der Pfarrer vertrauensvoll, denn die Beichte „wär etwaz under verborgen, und daz wolt er auch wissen“39. Zudem verweist er auf sein Schweigegelöbnis, denn er „muß doch die Beicht nit melden“40. Dadurch, dass Ulenspiegel mehrfach wiederholt, dass die Beichte den Pfarrer wütend machen würde, wird Neugier beim Pfarrer evoziert, denn er möchte unbedingt von der Sünde erfahren: „Da verlangt der Pfarrer noch serer, daz der daz wissen solt, [...], daz er es ihm beicht.“41 Nachdem Ulenspiegel die Sünde gestanden hat, vergibt ihm der Pfarrer nicht, sondern „fragt, wie offt das geschehen wär“42. Dadurch, dass diese Tatsache ihm nicht egal ist, ist erneut der Bruch des Zölibats zu erkennen, da er Gefühle für seine Magd hat. Er reagiert emotional und will sie mit „5 Drüßen“43 schlagen. Als er sie mit der Anschuldigung konfrontiert und sie ihm widerspricht, denn „es wär gelogen“44, lässt er sie nicht ausreden und meint, es sei wahr denn „er hät ihm doch daz gebeichtet und er glaubt es auch“45. Hier wird nochmal die Naivität und Dummheit des Pfarrers deutlich, denn anstatt sich mit der Magd auszusprechen und sich ihre Aussage anzuhören, wird er handgreiflich, indem er sie „brun und bla“46 schlägt. Ein weiterer Punkt, den Pfarrer als negativ konnotierte Figur zu identifizieren, ist die Tatsache, dass er Ulenspiegel erpressen will: „Der Pfaff vergaß seiner Boßheit, da er hort, daz Ulenspiegel ihn wollte in Beschwerniß bringen, und bat ihn mit großem Ernste, das er schwig. Es wär geschehen in gähem Mut, er wollte ihm 20 Guldin geben, daz er ihn nit verklagte.“47 Schließlich übergibt er Ulenspiegel sein Pferd, „dann die Not bracht ihn darzu“.48 Jedoch gibt er seiner Magd die Schuld dafür und schlägt sie so oft, bis sie ihn verlässt. Insgesamt kann gesagt werden, dass die Figur des Pfarrers negativ einzuordnen ist, und dass diese Figur genau entgegen der normalen Lebensform eines Pfarrers agiert und lebt. Denn er begeht den Bruch des Zölibats, bricht sein Schweigegelöbnis, indem er Ulenspiegels Beichte offenbart, verhält sich entgegen christlicher Werte, indem er Ulenspiegel erpresst und schlägt seine Magd, obwohl er gnädig sein und Nächstenliebe zum Ausdruck bringen sollte. Ferner ist er als dumm und naiv zu charakterisieren, da er sich von Ulenspiegel provozieren lässt und auf dessen falsche Beichte hereinfällt.

In Bezug auf die Figur der Magd kann gesagt werden, dass sie dem Pfarrer geistig überlegen ist, denn sie versucht, die Anschuldigung, sie habe mit Ulenspiegel geschlafen, mit einer Diskussion zu dementieren. Jedoch kommt es gar nicht erst so weit, da der Pfarrer, ohne sie ausreden zu lassen, sogleich gewalttätig wird. Ihre Überlegenheit zeigt sich außerdem in der Tatsache, dass sie den Pfarrer verlässt.

2.4 Elemente der Komik

Nachfolgend soll die 38. Historie auf komische Elemente untersucht werden. Bezugnehmend auf das im vorherigen Kapitel erläuterte polare Verhältnis hinsichtlich der Intelligenz der Protagonisten, kann der These Bollenbecks, dass eine „besondere Komik, in der ein sozial Unterlegener als Überlegener auftritt“49, zugestimmt werden. Eine weitere These Bollenbecks, die für alle Historien gültig ist, nämlich, dass „die Überschriften der Historien [...] als Objektsätze den Inhalt tragen [können], ohne die Komik zu lädieren“50, und dass dadurch „nicht das Vergnügen des Lesers [...] beeinträchtigt“51 wird, kann bestätigt werden, denn der Leser erfährt nur, dass Ulenspiegel dem Pfarrer das Pferd mit einer falschen Beichte abredet, jedoch nicht wie.

Zunächst sollte erwähnt werden, dass die Komik der zu untersuchenden Episode dadurch evoziert wird, dass ein Wissensunterschied zwischen den Figuren und dem Leser besteht, denn dieser ist sich darüber bewusst, dass Ulenspiegel zu einer List greift, indem er simuliert „als ob er kranck wär“52. Weiterhin ist anzuführen, dass sich die komischen Elemente nicht eindeutig einem Typus zuordnen lassen, sondern dass es sich vielmehr um eine Mischung aus Situations-, Figuren-, Sprach- und Ideenkomik handelt. Als Ulenspiegel kurz davor ist, dem Pfarrer zu beichten, wird Komik erzeugt, da Ulenspiegel übertreibt, indem er „entpfind und förcht, das [er] bald von hinnen muß scheiden“53 und da er den Pfarrer provoziert, indem er permanent betont, dass der Pfarrer wütend werden würde54. Des Weiteren wird Komik mit Ulenspiegels Aussage, er habe „[n]ur fünffmal“55 mit der Magd geschlafen, effiziert. Das Gespräch zwischen dem Pfarrer und seiner Magd kann als der wohl amüsanteste Passus der Historie angesehen werden, da beide Figuren während des Gesprächs das Gegenteil behaupten und der Pfarrer ein für seinen Stand unangemessenes Verhalten zeigt: Der Pfaff [...] hiesch sein Magt zu ihm ze kummen und fragt, wa sie bei Ulenspiegeln geschlaffen hät. Die Kellerin sprach, nein, es wär gelogen. Der Pfaff sprach, er hät ihm doch daz gebeichtet und er glaubt es auch. Sie sprach nein, er sprach ja und erwuscht ein Stecken und schlug sie brun und bla.56

Währenddessen ergötzt sich Ulenspiegel daran, dass sein Plan aufgegangen ist.

[...]


1 Vgl hierzu Ralf Georg Bogner: Medienwechsel. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hg. v. Ansgar Nünning. Vierte, aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart; Weimar 2008, S. 478.

2 Jan-Dirk Müller: Prosaroman. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Gemeinsam mit Georg Baumgart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller u.a. hg. v. Jan-Dirk Müller. Bd. 3. P-Z. Berlin; New York 2003, S. 174-177, hier S. 174.

3 Vgl. ebd., S. 175.

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd., S.174.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd., S.174f.

10 Vgl. ebd., S. 174. Vgl. auch Xenja von Ertzdorff: Romane und Novellen des 15. und 16. Jahrhunderts in Deutschland. Darmstadt 1989, S. 2.

11 Vgl. Müller (2003), S. 175; von Ertzdorff (1989), S. 51. Vgl. hierzu auch Jürgen Jacobs: Schelmenroman. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Gemeinsam mit Georg Baumgart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller u.a. hg. v. Jan-Dirk Müller. Bd. 3. P-Z. Berlin; New York 2003, S. 371-374.

12 Vgl. Johannes Klaus Kipf: Schwankroman – Prosaroman – Versroman. Über den Beitrag einer nicht nur prosaischen Gattung zur Entstehung des frühneuzeitlichen Prosaromans. In: Eulenspiegel trifft Melusine. Der frühneuhochdeutsche Prosaroman im Licht neuer Forschungen und Methoden. Akten der Lausanner Tagung vom 2. bis 4. Oktober 2008 in Zusammenarbeit mit Alexander Schwarz. Hg. v. Cathrine Drittenbass und André Schnyder. Amsterdam; New York 2010, S. 145-162 (= Chloe 42), hier S. 146.

13 Ebd. S. 160.

14 Anonym: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515. Mit 87 Holzschnitten. Hg. v. Wolfgang Lindow. Stuttgart 1966 (= RUB 1687), S. 113. Nachfolgend zitiert als Ulenspiegel

15 Ulenspiegel, S. 114.

16 Ebd., S. 115.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Vgl. hierzu Matias Martinez; Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 7. Auflage. München 2007, S. 30- 89.

22 Vgl. ebd., S. 32.

23 Vgl. ebd., S. 39f.

24 Vgl. ebd., S. 62.

25 Vgl. ebd., S.81.

26 Ulenspiegel, S. 113.

27 Ebd., S.114.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Vgl. ebd.

31 Ebd.

32 Ebd., S.115.

33 Ebd.

34 Ebd.

35 Vgl. S. 115f.

36 Ebd., S. 116.

37 Ebd., S. 113.

38 Ebd., S. 114.

39 Ebd.

40 Ebd., S. 115.

41 Ebd.

42 Ebd.

43 Ebd.

44 Ebd.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Ebd., S. 116.

48 Ebd.

49 Georg Bollenbeck: Till Eulenspiegel. Der dauerhafte Schwankheld. Zum Verhältnis von Produktions- und Rezeptionsgeschichte. Stuttgart 1985 (= Germanistische Abhandlungen 56), S. 6.

50 Bollenbeck (1985), S. 129.

51 Ebd.

52 Ulenspiegel, S. 114.

53 Ebd., S. 115.

54 Vgl. ebd., S. 114f.

55 Ebd., S. 115.

56 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Eulenspiegelstoff und seine produktive Rezeption. Darstellung der 38. Historie am Beispiel von Hans Sachs und Johann Fischart
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
35
Katalognummer
V995951
ISBN (eBook)
9783346377692
ISBN (Buch)
9783346377708
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eulenspiegelstoff, rezeption, darstellung, historie, beispiel, hans, sachs, johann, fischart
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Der Eulenspiegelstoff und seine produktive Rezeption. Darstellung der 38. Historie am Beispiel von Hans Sachs und Johann Fischart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/995951

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