Sozialer Einfluss der Mehrheit auf die Meinungsbildung der Minderheit

Eine experimentelle Studie


Bachelorarbeit, 2020

55 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Theorieteil
2.1 Sozialpsychologie
2.2 Sozialer Einfluss
2.3 Urteile
2.4 Urteilsheuristiken
2.5 Sozialer Einfluss durch Konformität
2.6 Bedeutende Faktoren im Konformitätsverhalten
2.7 Experimente zur Konformitätsforschung
2.8 Forschungsfrage und Hypothese

3 Versuchsplanung
3.1 Kontrolle der Störvariablen
3.2 Durchführung des Experiments

4 Auswertung der Daten
4.1 Deskriptive Statistik
4.2 Mittelwertvergleich t-Test für unabhängige Stichproben

5 Diskussion

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Einfluss der Mehrheit auf die Minderheit auseinander. Es gibt mehrere Arten von Einflüssen. Der Einfluss der Konformität (Mehrheit) kommt vor allem in der Sozialpsychologie. Mit der Mehrheit sind mehrere Personen, mit der Minderheit ist eine Person gemeint. Die zentrale Frage ist, ob die Mehrheit die Minderheit beeinflusst. Anlehnend an vorangehende Experimente wird angenommen, dass die Mehrheit einen Einfluss auf die Minderheit hat. Dabei gibt es zwei Motive, die hinter dem Einfluss stehen können. Es wird zwischen dem informativen,- und dem normativen Einfluss unterschieden. Beim informativen Einfluss handelt es sich um den Willen zum Wissen. Beim normativen Einfluss stellen die Akzeptanz und die Anerkennung durch die Gruppe das Motiv dar. Beide Formen können kumulativ auftreten. Es gibt jedoch Fälle, bei denen eine der beiden Ursachen dominieren, und die andere vernachlässigbar ist.

In dieser Arbeit werden beide möglichen Formen erarbeitet. Wie bereits erwähnt, gibt es Fälle, die die Wahrscheinlichkeit für eine Form erhöhen. Beispielsweise ist bei Urteilsgegenständen, die als relevant vermittelt werden, der informative Einfluss höher. Aber auch in Metaanalysen zeigt sich, dass der normative Einfluss bei kollektivistischen Kulturen höher ist als bei individualistischen. Dies spiegelt sich auch bei den Geschlechtern wider. Im Experiment von Sherif hatte der informative Einfluss einen besonderen Stellenwert. Es ist bekannt, dass beim normativen Einfluss die Meinung sich nur hinsichtlich des Verhaltens ändert (um von der Gruppe akzeptiert zu werden), aber nicht internalisiert wird. Beim informativen Einfluss hingegen, wird die Gruppe als zuverlässige Quelle angesehen, wie Sherifs Experiment zeigt. Diese Meinung wird auch ohne eine Anwesenheit der Gruppe beibehalten.

In der Arbeit wurde ein Online-Laborexperiment durchgeführt. Es wurde versucht, alle Störvariablen durch Randomisierung, Standardisierung und andere Faktoren zu kontrollieren. Für einen Durchgang wurden vom Versuchsleiter fünf Personen ausgewählt, von denen vier jedoch angewiesen wurden, sich konform zu verhalten. In dieser Experimentalgruppe sollten alle Teilnehmer ihre Antworten laut vortragen. Überprüft werden sollte, ob sich der siebte Befragte an die Mehrheit anpasst. Bei jeder Durchführung wechselte der fünfte Teilnehmer, der vom Hintergrund des Experiments nichts wusste. Den Beteiligten wurde jedes Mal mitgeteilt, dass sie an einer Umfrage zum Verkauf von Textilien teilnehmen. Neben der oben erläuterten Experimentalgruppe gab es die Kontrollgruppe. In der Kontrollgruppe sollten die Teilnehmer die Antworten schriftlich festhalten. Im Gegensatz zur Experimentalgruppe hatten die Befragten kein Motiv, sich an andere anzupassen oder sich beeinflussen zu lassen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Minderheit sich durch die Minderheit beeinflussen lässt. Die Mittelwerte beider Gruppen wurden hierzu verglichen und es wurde ein signifikanter Unterschied erzielt. Dabei war der Einfluss nicht normativ, sondern informativ.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Normativer Einfluss - Informativer Einfluss

Abbildung 2: Experiment von Sherif

Abbildung 3: Experiment von Asch

Abbildung 4: Häufigkeitsverteilung Experimentalgruppe vs. Kontrollgruppe

Abbildung 5: Häufigkeitsverteilung Geschlechter

Abbildung 6: Häufigkeitsverteilung Geschlechter in EGund KG

Abbildung 7: Deskriptive Statistik - Alter der Probanden

Abbildung 8: Minimum und Maximum EG und KG

Abbildung 9: Häufigkeitsverteilung kultureller Hintergrund EG und KG

Abbildung 10: Häufigkeitsverteilung EG KG - Frage 3

Abbildung 11: Häufigkeitsverteilung EG KG - Frage 8

Abbildung 12: Mittelwerte Experimentalgruppe und Kontrollgruppe

Abbildung 13: t-Test für unabhängigen Stichproben - Vergleich der Mittelwerte

Abbildung 14: Gruppenstatistik EG - Kollektivismus und Individualismus

Abbildung 15: Gruppenstatistik KG - Individualismus und Kollektivismus

Abbildung 16: Gruppenstatistiken - Kollektivismus EGund KG

Abbildung 17: t-TestKollektivismus

Abbildung 18: Gruppenstatistiken-Individualismus EGKG

Abbildung 19: t-Testlndividualismus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Fragenund Antwortoptionen

1 Problemstellung

Die soziale Umwelt übt in mehreren Bereichen einen Einfluss auf die Meinung vieler Menschen aus. Das Spektrum reicht vom Tischsitten, Bekleidung, Politik bis hin zum idealen Partner (Vgl. Kessler & Fritsche, 2018, S. 137).

Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, das oft beobachtet werden kann, sei es als Beeinflussung bei der Partnerauswahl durch Freunde, beim Einkäufen durch Verkäufer/-innen, bei der Sichtweise auf ein Themengebiet oder bei der Vermittlung einer Einstellung durch die Medien. Überall ist der soziale Einfluss anzutreffen. Natürlich sind die soeben beschriebenen Einflüsse nicht immer gleich. Eine Beeinflussung durch den Verkäufer kann durch persuasive Kommunikation, oder durch mehrere Verkäuferinnen oder Freunde stattfinden, die ebenfalls anwesend sind und für das jeweilige Produkt stimmen. Hierbei übt die Mehrheit einen Einfluss aus. Im Fernsehen kann mitunter ein einziger Politiker (Minderheit) das ganze Volk (Mehrheit) beeinflussen.

Das Hauptmotiv an dieser Thematik besteht darin, herauszufinden, ob sich aktuell viele Menschen beeinflussen lassen. Da viele Menschen dieses Thema persönlich für wichtig und lebensbestimmend halten ist es relevant, Ergebnisse zu erhalten.

Zudem wurde die Fragestellung mit einem Experiment bereits in einem anderen Modul bearbeitet. Der Unterschied bestand darin, dass die Planung und Durchführung differenzierten. Es wurden zwei Fragebögen für zwei Gruppen veröffentlicht und die Manipulation erfolgte durch Prozentzahlen hinter den Antwortoptionen (Ankereffekt). Die Antwort mit den höchsten Prozentzahlen, diente dabei als Ankereffekt. Es wurde jedoch kein statistisch bedeutsamer Unterschied festgestellt. Das ist ebenfalls ein Grund, wieso die Fragestellung erneut aufgegriffen werden soll. Für die Ablehnung der Alternativhypothese wurde vermutet, dass diese sich daraus ergab, dass die Mehrheit nicht real anwesend war, sondern nur durch Prozentzahlen repräsentiert wurde. Daher soll diese mit einer realen Anwesenheit erneut überprüft werden.

Nach Asch gehört zu den Steuerpunkten des sozialen Einflusses die körperliche und zeitliche Anwesenheit der Mehrheit (Vgl. Fischer, Jander & Krüger, 2020, S. 166).

Es steht fest, dass es mehrere Formen der Beeinflussung gibt. Diese Bachelorarbeit befasst sich jedoch nur mit einer Art der Beeinflussung: Der Einfluss der Mehrheit auf die Minderheit.

Bisher gibt es zahlreiche Experimente, die den Einfluss der Mehrheit auf die Minderheit belegen können. Die bekanntesten Forschungen basieren auf dem Konformitätsexperiment von Asch und dem Experiment zum sozial-informativen Einfluss von Sherif.

In dieser Arbeit wird angestrebt, die Minderheit durch die Mehrheit zu beeinflussen, ohne dass es der Minderheit bewusst wird.

Der Einfluss der Konformität wird anhand eines Laborexperiments untersucht. Die Entscheidung liegt darin begründet, dass diese Methode intern sehr valide ist und Kausalhypothesen überprüft, d. h. die Untersuchung findet nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip statt. Dabei stellen sich die Mehrheit als Ursache und die Beeinflussung der Minderheit als Wirkung dar. Es sollen die Fragen beantwortet werden, ob die Mehrheit ursächlich für die Beeinflussung der Minderheit ist und ob sich die Mehrheit auf die Urteilsbildung der Minderheit auswirkt? Das Experiment findet im Labor und nicht auf dem Feld statt, da die Ergebnisse möglichst (intern) valide sein sollen. Da insbesondere im Labor Störvariablen kontrolliert werden können, eignet sich das Laborexperiment am besten.

Die vorliegende Projektarbeit konzentriert sich auf den Einfluss der Mehrheit auf die Meinungsbildung der Minderheit. Im Titel wird von der Meinungsbildung gesprochen. Synonym zum Begriff „Meinung“ wird oft das Wort „Urteil“ verwendet. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Konformität, d.h. auf dem sozialen Einfluss, den die Mehrheit auf die Minderheit ausübt. Das Ziel ist es, herauszufinden, ob die soziale Umwelt (Mehrheit) einen Einfluss auf die Meinung einer Person (Minderheit) hat.

Zunächst werden in Kapitel 2 die theoretischen Hintergründe zum Fachgebiet Sozialpsychologie erläutert. Hierbei wird kurz auf die Forschungsinteressen der Sozialpsychologie eingegangen. Anschließend folgt eine Erläuterung des sozialen Einflusses. Hierbei werden die unterschiedlichen Einflüsse erwähnt. Im Folgenden werden die Begriffe Urteil (Kapitel 2.3) und Urteilsheuristiken (Kapitel 2.4) nähergebracht. Anschließend wird im Unterkapitel 2.5 der soziale Einfluss mit dem Schwerpunkt „Konformität“ umfangreich erklärt. Darauf folgen wichtige Faktoren, die das konforme Verhalten von Personen begünstigen. Zuletzt werden Forschungen hinsichtlich des Themas Einfluss der Mehrheit auf die Meinungsbildung der Minderheit präsentiert.

Aus dem zusammengefassten Theorieteil können die Hypothese abgeleitet und die Forschungsfrage gestellt werden.

Kapitel 3 umfasst die Versuchsplanung mit der Operationalisierung, Kontrolle der Störvariablen, Beschreibung der Stichprobe und Durchführung des Experiments. In Kapitel 4 erfolgt die Auswertung und in Kapitel 5 werden die Ergebnisse diskutiert. Die Arbeit findet ihren Schluss mit einem Fazit.

2 Theorieteil

2.1 Sozialpsychologie

Der Fokus der Sozialpsychologie liegt auf der Stabilisierung des Menschen mit der sozialen Umwelt. Dabei werden das Erleben und Verhalten einer Person im gesellschaftlichen Rahmen untersucht. Untersuchungsgegenstand sind die Identität, das soziale Bewusstsein, die Einstellung, die Vorbehalte, das soziale und unsoziale Verhalten und die Konformität (Gruppenbildung). Die Sozialpsychologie hat viele Gemeinsamkeiten mit anderen Disziplinen, z. B. Mit den Kultur oder - Naturwissenschaften. Auch in den Anwendungsfächern taucht die Sozialpsychologie in vielen Bereichen auf, z. B. In der Wirtschafts- Markt- und Konsumpsychologie (Vgl. Kühn & Langer, 2020, S. 362).

Die Sozialpsychologie setzt sich auch damit auseinander, welche Meinungen sich Individuen übereinander bilden, wie sie sich wechselseitig beeinflussen und welches Verhältnis sie zueinander haben. Hierbei geht es um Themen wie Aggression, sozialen Einfluss, Bildung einer Einstellung, Macht, Vorbehalte und unterstützendes Verhalten.

Ein wichtiges Themengebiet für die vorliegende Arbeit ist dabei der soziale Einfluss. Dieser kann in mehreren Formen auftreten. Der soziale Einfluss kann durch die Mehrheit, durch die Minderheit, aber auch gezielt stattfinden (Vgl. Orth, Koch & Kunnig, S. 13, 2017, S.156- 158).

Doch bevor genauer auf die unterschiedlichen Formen eingegangen wird, muss vorerst der Begriff sozialer Einfluss näher erklärt werden.

2.2 SozialerEinfluss

Sozialer Einfluss tritt meist unbewusst durch soziale Normen auf. Der soziale Einfluss hat Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen und kann absichtlich oder nicht absichtlich stattfinden. Mit sozialem Einfluss sind die Beeinflussung und somit die Verformung der Ansicht, der Meinung, der Denkweise, der Einstellung und der Handlungsweise gemeint, die durch das soziale Umfeld hervorgerufen werden (Vgl. Hewstone & Martin, 2014, S. 270 -271).

Die soziale Umwelt übt in mehreren Bereichen einen Einfluss auf die Meinung vieler Menschen aus. Das Spektrum reicht von Tischsitten, Bekleidung, Politik bis hin zum „idealen“ Partner (Vgl. Kessler & Fritsche, 2018, S. 137).

In der Forschung werden zwei Bereiche des sozialen Einflusses untersucht. Zum einen der Einfluss, den die Mehrheit auf die Minderheit hat, und zum anderen der Einfluss, den die Minderheit auf die Mehrheit hat. Der Einfluss kann also von mehreren Personen (Mehrheit) auf eine Person oder auch anders herum stattfinden (Vgl. Fischer, Jander& Krueger, 2018, S. 164, 168).

Fokus dieser Arbeit istjedoch nur der Einfluss der Mehrheit auf die Minderheit. Daher ist dementsprechend der Untersuchungsgegenstand die Konformität. Doch bevor der soziale Einfluss der Konformität erläutert wird, muss vorerst auf den Begriff Urteil eingegangen werden. Wie bereits erwähnt kann der soziale Einfluss in mehreren Bereichen im Leben stattfinden, von politischen Einstellungen, bis hin zu der Partnerwahl und einfachen Tätigkeiten im Alltag. Der Einfluss kann vielfältig sein. In dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt auf der Urteilsbildung der Minderheit durch den sozialen Einfluss der Mehrheit. Die Beeinflussung der Urteilsbildung eines Menschen soll veranschaulicht werden.

2.3 Urteile

Die Begriffe Entscheidung und Urteil werden in der Literaturen teilweise als diverse, teilweise jedoch auch als identische Begriffe verwendet. In der vorliegenden Arbeit werden beide Begriffe synonym verwendet.

Der Begriff Urteil wird folgendermaßen erklärt: Einem Urteilsgegenstand wird unter Berücksichtigung einer Urteilsdimension ein bestimmter Wert zugeordnet. Dabei kann es sich bei den Urteilsobjekten um verschiedenes handeln: Gegenstände, Situationen, Menschen oder andere Reize sind möglich. Urteile können sich auf Objekte beziehen, wie die Schwere eines Steins, die Schönheit einer Person oder das Risiko einer Situation. Der Standpunkt zu einem Urteilsgegenstand tritt durch die Äußerung des Urteils in Erscheinung. Fehlt es an Information zur Beurteilung eines Urteilsgegenstandes, so kann sich an einem Hinweis orientiert werden, um den richtigen Wert zu ermitteln. Die Äußerung eines Urteils ist auf verschiedene Weise möglich. Das Urteil kann kategorial (die Tasche ist schwer), als Vergleich (die kleine Tasche ist schwerer als die große) oder quantitativ (die Tasche hat ein Gewicht von 3 kg) stattfinden (Vgl. Bröder & Hilbig, 2017, S. 621).

Es besteht allgemein das Bedürfnis beim Individuum, richtig zu entscheiden und zu urteilen. Diese Motivation existiert bereits seit der Evolutionsgeschichte der Menschheit. Egal ob Organisationen, Gruppen oder einzelne Personen, das Ziel besteht immer darin, Fehler so klein wie möglich zu halten.

Trotz der Motive können doch Urteile entstehen, die nicht korrekt sind. Die zentrale Frage, die beantwortet werden muss ist, wie bei Gruppen, Organisationen und einzelnen Personen etc., Urteile entstehen (Vgl. Fischer, Jander& Krueger, 2018, S. 36).

2.4 Urteilsheuristiken

ln den meisten Fällen existiert eine Unsicherheit bezüglich des Urteils und Entscheidungsbildung bei vielen Menschen. So werden viele Urteile mit Unsicherheit gefällt. Diesen Situationen sind des Öfteren im Alltag zu begegnen. Eine Einzelperson, die eine neue Spülmaschine braucht, oder ein Unternehmer, der ein neues Produkt entwickelt hat, und dieses zu einer bestimmten Zeit im Markt präsentieren möchte jedoch nicht weiß, ob es der richtige Zeitpunkt ist, stehen vor einer Unsicherheit. Die Gründe dafür sind, dass die Gegebenheiten kaum abschätzbar sind, eine Prognose über die Entwicklung erstellt werden muss, Informationen für einen Urteil nicht vorhanden oder die Zeit zu knapp ist. Es wurde belegt, dass Menschen oft in Situationen, in denen sie unsicher sind, die Urteilsheuristiken in Anspruch nehmen.

Urteilsheuristiken bilden sich aus mühelos nutzbaren, generellen und größtenteils unbewussten Regeln, die es den Menschen ermöglichen unter Informationsmangel, schnell und vermeintlich sichere Urteile zu treffen. Die negativen Punkte hierbei sind jedoch, dass sie oft mit Fehlern haften (Vgl. Raab, Unger&Unger, 2016, S. 131 - 132).

Individuen treffen oft Urteile oder Entscheidungen anhand Heuristiken. Bei einer Unsicherheit in Bezug auf den Urteilsgegenstand orientieren sich die meisten Menschen an der Expertise einer anderen Person. Experten erscheinen als sichere Quelle, da sie über alle Informationen verfügen. Da Menschen nicht in allen Bereichen wissend sind und das Erlangen dieser Informationen sehr zeitaufwendig ist, bedienen sich viele an das Wissen der Experten.

Eine weitere Urteilsform ist das kollektive Urteil, das als Konformität sowie als Massenpsychologie bezeichnet wird. Hierbei orientieren sich Individuen bei der Urteilsbildung an der Mehrheit. Diese kann Fehlinformationen vermitteln, aber hat dennoch eine starke Vorhersagekraft.

Beide Formen können auch zusammen auftreten. Hierbei würde sich eine Person sowohl an einem Experten, als auch an der Mehrheit orientieren (Vgl. Fischer, Jander & Krueger, 2018, S. 36 - 37).

Es ist also für Menschen wichtig, ein Urteil so korrekt wie möglich zu treffen. Da nicht in allen Bereichen ausreichend Wissen, Zeit usw. vorhanden ist, orientieren sich viele Menschen an Heuristiken. Dabei wurde zum einen die Heuristik durch Experten und zum anderen die Heuristik durch die Mehrheit erklärt. Diese zwei Heuristiken können aber auch gleichzeitig auftreten.

Für die vorliegende Arbeit istjedoch lediglich die Heuristik durch die Konformität relevant. Daher stellt sich die Frage, was Konformität bedeutet und was diese mit dem sozialen Einfluss gemeinsam hat. Dies sollte im nächsten Unterpunkt erläutert werden.

2.5 SozialerEinfluss durch Konformität

Die Verhaltens- und Denkweisen nach der Majorität umzuformen kann auch ohne einen Druck von außen geschehen. Diese Art von Einfluss wird als Konformität bezeichnet. Zu diesem Thema gibt es ein bekanntes Experiment von Asch (Vgl. Kessler& Fritsche, 2018, S. 145).

Wie bereits erwähnt, gehört die Konformität zum Forschungsgebiet der Sozialpsychologie. Von Konformität ist dann die Rede, wenn das Verhalten und die Überzeugungen einer Person mit den Überzeugungen und Meinungen der Vertrauensgruppe korrespondieren (übereinstimmen). (Vgl. Femers-Koch, 2018, S. 55).

Allgemein wird erwartet, dass der Konformität eine hohe Kraft an Überzeugung innewohnt. Diese kann in verschiedenen Lebensbereichen beobachtet werden. Hierzu dient als Beispiel die Angst der Eltern, wenn ihr Kind sich eine neue riskante Freundesgruppe sucht. Es könnte sein, dass die Mehrheit in der neuen Gruppe raucht, und die Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind sich durch die Konformität beeinflussen lassen könnte und ebenfalls anfangen würde zu rauchen (Vgl. Werth, Seibt & Mayer, 2020, S. 94).

Die Mehrheit hat also einen bedeutenden Einfluss auf die Minderheit. Eine zentrale Frage, die beantwortet werden soll ist, welche Motive hierbei eine Rolle spielen. Darauf soll im Folgenden nähereingegangenwerden.

Die wesentlichen Motive, die dazu führen, dass sich Menschen von der Mehrheit beeinflussen lassen, sind der Wille nach Akzeptanz und der Wunsch nach Richtigkeit im Antwortverhalten (Vgl. Werth, Seibt & Mayer, 2020, S. 94).

Beim normativen Einfluss geht es um die Anpassung einer Person an die Mehrheit, aufgrund der positiven Impression, die vermittelt wird. Wichtig ist hierbei die Anpassung an die Norm der Gruppe, um kein nachteiliges (negatives) Bild zu hinterlassen. Die Personen wollen akzeptiert und sympathisiert werden.

Ein weiterer Grund für die Anpassung an die Mehrheit ist der informelle soziale Einfluss. Hierbei verfolgt eine Person das Ziel, richtige Informationen aufzufassen. Insbesondere bei Sachpunkten, bei denen Unklarheiten herrschen, orientiert sie sich an der sozialen Gruppe, weil die meisten davon ausgehen, dass die Mehrheit richtig liegt. Dieses Verhalten belegen Untersuchungen von Sherif zum autokinetischen Effekt, (informativer sozialer Einfluss) (Vgl. Fischer, Jander& Krueger, 2018, S. 164, 168).

Wie bereits erwähnt, ist das Motiv, das hinter dem informativen Einfluss steckt, das Bedürfnis nach Richtigkeit, d. h. der Wunsch danach richtig zu handeln, richtig zu denken etc. Dieser Einfluss tritt meist dann auf, wenn die Gegebenheiten schwer durchschaubar sind. Hier suchen Individuen automatisch nach Hinweisen, da sie sich korrekt verhalten möchten. Ist die Unsicherheit bezüglich der Korrektheit der Entscheidung groß, so sind das Bedürfnis an Information und somit der sozial-informative Einfluss, ebenfalls groß (Vgl. Werth, Seibt & Mayer, 2020, S. 95-97).

In aktuellen Befunden wurde herausgearbeitet, dass es drei Faktoren gibt, die dazu führen, dass der soziale Einfluss wirkt. Dabei verfolgen Individuen folgende Ziele: effizientes Agieren, Erstellen und Bewahren sozialer Verhältnisse und Behalten eines positiven Selbstkonzepts.

Bei Ersterem geht es um die schnell erreichbare Information durch die Mehrheit. Personen müssen nicht selbst überlegen, welches Urteil richtig oder falsch ist, sondern schließen sich der Mehrheit an und gelangen dadurch schnell an Informationen.

Bei der Erhaltung der sozialen Beziehungen geht es um die Beziehungen zur sozialen Umwelt. Der Wunsch nach sozialen Beziehungen kann dazu führen, dass Personen mit einer Gruppe konform gehen, was wiederum dazu führt, dass sie ein ähnliches Verhalten zeigen. Diese Ähnlichkeit sorgt letztendlich dafür, dass die sozialen Beziehungen positiv werden. Eine Unstimmigkeit kann hingegen dazu beitragen, dass Problematiken entstehen und sogar mit einer Ausgrenzung enden können.

Die Bewahrung des Selbstkonzeptes wird durch die Annahme erfüllt, dass die Ausrichtung zur sozialen Norm mit dem Selbstwert positiv in Verbindung steht. Mit einer erhöhten Anpassung an die soziale Norm steigt auch das Selbstwertgefühl. Dieses kann dadurch erhöht werden, dass die Vertrauensgruppe positiv bewertet wird und zur sozialen Identität beiträgt, oder die Verhaltensbeschaffenheit mit einem positiven Selbstkonzept in Beziehung steht (Vgl. Dorsch, o. J., o. S.).

Abbildung 1: Normativer Einfluss - Informativer Einfluss

Quelle: S. 165

Die Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.

Im Experiment könnte der Einfluss normativ aber auch informativ sein. Die Minderheit könnte sich aufgrund des Wunsches nach Akzeptanz der Gruppe anpassen, aber dennoch innerlich eine differenzierte Antwort auf die Frage haben. Es ist jedoch auch möglich, dass die Gruppe als zuverlässige Informationsquelle gesehen wird. In diesem Fall würden die Teilnehmer die Antworten verinnerlichen.

Aus diesem Grund wurden beide Einflüsse umfangreich erklärt. Zudem wurden noch andere Motive gefunden z. B. der positive Erhalt des Selbstkonzeptes, das Aufrechterhalten sozialer Beziehungen oder die schnelle Informationsbeschaffung. Diese Motive sind sehr wichtig, da sie die Ursachen für ein konformes Verhalten erklären. Verhält sich beispielsweise bei der Durchführung die Mehrheit konform, so können diese Motive als Erklärungsansätze genutzt werden. Bei den letztgenannten Punkten weist der Punkt soziale Beziehungen enge Verbindungen mit den normativen Einflüssen auf. Aus dem Grund wird eine Differenzierung hier schwer fallen.

Bisher wurde die Konformität und deren Motive erläutert. Es ist jedoch auch sehr wichtig, in welchen Fällen ein konformes Verhalten gezeigt wird. Es gibt wichtige Punkte, die dazu führen, dass ein Individuum sich konform verhält. Diese sollen im nächsten Punkt geschildert werden.

Bisher wurden die Konformität und deren Motive erläutert. Es ist jedoch auch von Bedeutung, in welchen Fällen ein konformes Verhalten gezeigt wird. Es gibt zentrale Punkte, die dazu führen, dass ein Individuum sich konform verhält. Diese sollen im nächsten Punkt erläutert werden.

2.6 Bedeutende Faktoren im Konformitätsverhalten

Nach Asch gibt es folgende Steuerpunkte des sozialen Einflusses:

- die Relevanz der Gruppe für den Teilnehmer
- die körperliche und zeitliche Anwesenheit der Mehrheit
- die Teilnehmeranzahl der Gruppe (Je höher die Zahl, desto höher der Einfluss) (Vgl. Fischer, Jander& Krüger, 2020, S. 166).

Faktoren nach Werth und Mayer, die bedeutsam für den informativen und normativen Einfluss sind:

Art des Objektes das beurteilt werden soll:

Der Einfluss der Konformität wird dann wirksam, wenn ein Urteil eines Themengebietes richtig und adäquat bewertet werden kann. Gibt es keine richtige Antwort,- bzw. hängt diese den Interessen, oder dem Geschmack der Teilnehmer ab, so kann auch hier keine falsche Antwort erwartet werden. Dadurch sinkt der Druck der Konformität, da die Motive sich nach der Richtigkeit und der Annahme richten.

Wichtigkeit:

Bei Entscheidungen, die für das Individuum selbst oder für seine moralischen Werte wichtig sind, ist der informative Einfluss größer als der normative.

Relevanz der Angehörigkeit zur einer Gruppe:

Ist die Gruppe für eine Person und deren Selbstwertgefühl sehr relevant, so ist hier der normative Einfluss ausschlaggebender als der informative Einfluss.

Glaubwürdigkeit und Sachkenntnis einer Person:

Der informative Einfluss ist auch dann hoch, wenn andere Personen als glaubhaft und als Experten erscheinen.

Größe einer Gruppe:

Durch große Gruppen kann der normative Einfluss gesteigert werden. Dabei wird die Gruppengröße nicht näher definiert.

Einheit:

Gibt es bei der Mehrheit der Gruppe einige Abweichungen, so kann dies zu einer Ermutigung der Personen führen und die Zahl der Minderheit steigern, so dass sich die Meinung und damit die Aussage verändert. (Vgl. Femers-Koch, 2018, S. 57)

Der Mensch wird in Abhängigkeit des kulturellen Hintergrundes unterschiedlich konzipiert. Hierzu werden zwei Arten beschrieben:

- Der Individualismus, bei dem die Unabhängigkeit und die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Dieser tritt vor allem in den westlichen Staaten (z. B. In den USA).
- Der Kollektivismus, bei dem das friedliche Miteinander und die Orientierung an den gesellschaftlichen Normen die oberste Priorität sind. Dies trifft vor allem auf die asiatische Kultur zu.

Eine statistisch bedeutsame Verbindung wurde bezüglich der beiden Faktoren soziale Beschaffenheit einer Gesellschaft und soziale Einstimmigkeit hergestellt (Vgl. Genkova, 2018, S. 245).

Es zeigten sich Differenzen zwischen den Kulturen hinsichtlich der sozial normativen Beeinflussbarkeit. In Afrika und Asien spielt der Kollektivismus eine bedeutende Rolle. Im Kollektivismus sind die Gruppe und deren Werte den Werten des Individuums übergeordnet. In westlichen Kulturen hingegen steht das Individuum im Mittelpunkt. Kollektivismus wird hier als Nachgiebigkeit und Schwachheit angesehen. Das führt wiederum dazu, dass die kollektivistische Orientierung sich konformer verhält als die individualistische (Vgl. Werth, Seibt & Mayer, 2020, S. 102).

[...]

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Sozialer Einfluss der Mehrheit auf die Meinungsbildung der Minderheit
Untertitel
Eine experimentelle Studie
Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
55
Katalognummer
V996060
ISBN (eBook)
9783346366559
ISBN (Buch)
9783346366566
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialer, einfluss, mehrheit, meinungsbildung, minderheit, eine, studie
Arbeit zitieren
Emine Topal (Autor:in), 2020, Sozialer Einfluss der Mehrheit auf die Meinungsbildung der Minderheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/996060

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