Kunze, Rainer - Clown, Maurer oder Dichter


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

4 Seiten


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Rainer Kunze - Clown, Maurer oder Dichter

Die Erzählung "Clown, Maurer od er Dichter" von Rainer Kunze handelt von einem Mißverständnis zwischen einem Vater und seinem Sohn und dessen Folgen. Die Erzählung beginnt damit, daß der Ich-Erzähler, von dem der Leser erst in Zeile 43 erfährt, daß es sich dabei um den Vater handelt, seinem zehnjährigen Sohn eine Aufgabe erteilt. Dabei ist der Vater unpräzise in seinen Angaben, denn er sagt, daß der Junge den "Kartoffelkuchen" auf einen "Kuchenteller" legen soll, meint aber eigentlich eine "Kuchenplatte". Nachdem der Junge sich vergewissert, ob er "allen Kuchen auf den Teller legen solle" und sein Vater dies mit dem Wort "allen" bestätigt, führt der Sohn seine Aufgabe wortgetreu aus. Der Vater begrüßt währenddessen seine Freunde, die er offensichtlich zum Kartoffelkuchen-Essen eingeladen hat. Danach geht er wieder zurück in die Küche und ist empört, als er sieht, daß sein Sohn seine "Kartoffelkuchen-Delikatesse" in winzige Stücke geschnitten hat und daraus auf einem untertassengroßen Kuchenteller einen "Kartoffelkuchenturm" errichtet hat. Seinen Frust darüber, seine Rolle als Gastgeber nicht so ausfüllen zu können, wie er es sich wahrscheinlich gewünscht hätte, macht er Luft, indem er seinen Sohn in überspitzter Weise zurechtweist: "Ich sparte nicht mit Stimme"; " Er müsse doch sehen, daß der Kuchen nicht auf diesen Teller passe." Als er gerade laut vor seinem Sohn, dessen berufliche Zukunftschanchen in Frage stellt "Ich begann, mich laut zu fragen, was einmal aus einem Menschen werden solle...", unterbrechen ihn seine Freunde:"Da standen meine Freunde bereits in der Tür". Sein Sohn, der offensichtlich die Aufgabe des Vaters unterläuft, indem er seine unpräzisen Angaben (bewußt?) wörtlich nimmt, hält die Kritik des Vaters nicht für berechtigt. Dies kann man aus seiner Reaktion schließen: "Er legte seine Wange auf den Tisch, um den Teller unter diesem völlig neuen Gesichtspunkt zu betrachten" ; "er passe doch, entgegnete er". Nach der Art, wie der Junge die Aufgabe erledigt hat, werden ihm von den eingeladenen Freunden verschiedene kreative Berufe zugeordnet. Ihrer Meinung nach ermöglichen ihm seine "schöpferische Ausdauer" und "sein Mut zum Niegesehenen" Künstler zu werden. Sein "Gefühl für Balance" eröffnet ihm eine berufliche Laufbahn im "Zirkus" oder als "Maurer".

Wobei diese Aussage zweideutig ist, denn es könnte damit auch die Balance gemeint sein, die der Sohn zwischen der Kritik des Vaters und dem Unterlaufen der Anweisung herstellt.

Dadurch wird augenfällig, daß der Vater völlig überreagiert und seinen Sohn zurechtweist, obwohl eigentlich er derjenige ist der durch unpräzise Angaben eine absurde Aufgabe erteilt. Zuletzt bekommt der Sohn von einem der Freunde, aufgrund der Art, wie er seine Aufgabe bewältigt hat, den Beruf Soldat zugeordnet. Dabei hätte er nach Meinung des Freundes zwei Möglichkeiten: entweder ein "richtiger Soldat", "der auch den idiotischsten Befehl ausführt" oder ein"genialer Soldat", "der ihn so ausführt, daß das Idiotische des Befehls augenfällig wird". Nach der Armeeerfahrung des Freundes fügt dieser noch hinzu, daß "ein Mensch wie er(=der Sohn) kann zum Segen der Truppe werden". Durch diese Einmischung der Freunde wird die Kritik des Vaters und damit seine Autorität, die der Vater für den Sohn offensichtlich darstellen will, lächerlich gemacht. Auch die Hoffnung des Vaters, daß "sein Sohn das meiste nicht verstanden haben würde", wird zerschlagen, denn am Abend bekommt er mit, wie sein Sohn seine Schwester fragt, "was zu werden sie ihm rate: Clown, Maurer oder Dichter." Daß der Sohn sich im Zirkus die Rolle des Clowns zuordnet, zeigt, daß er sich seiner Fähigkeit "Balance herzustellen" bewußt ist. Denn von den Freunden bekommt er nur den Zirkus generell zugeordnet, der Beruf Clown wird selbst von dem Jungen gewählt. Ein Clown ist jemand, dem man nichts übelnehmen kann und der die Menschen dadurch zum Lachen bringt, daß er Dinge wörtlich nimmt, die man nicht wörtlich nehmen kann. Der Sohn nimmt ebenso die unpräzisen Angaben des Vaters wörtlich und macht durch die Art der Ausführung der Aufgabe deutlich, daß durch die ungenauen Angaben des Vaters ein absurder Befehl entsteht. Das Ende der Erzählung bildet die kritische Selbstreflektion des Vaters. Darin nimmt er die Entscheidung seines Sohnes, kein Soldat zu werden, "um nicht mit Vorgesetzten, wie seinem Vater" konfrontiert zu werden, auf. Der Vater schließt diese Entscheidung offensichtlich daraus, daß der Sohn diesen Beruf als einzigen nicht in seine Frage an die Schwester aufnimmt. Mit dieser Erkenntnis zählt sich der Vater außerdem zu diesen "Vorgesetzten" und gibt somit indirekt zu, daß er auch die damit verbundenen Eigenschaften, wie Dominanz und Autorität besitzt. Am Ende des Textes steht der Satz:" Seitdem bedenke ich, wer bei uns zu Gast ist, bevor ich eines meiner Kinder kritisiere." Diese Konsequenz des Vaters paßt zu seiner überzogenen Darstellung der Reaktion dem Sohn gegenüber, die sich besonders in dem Satz: "Ich sparte nicht mit Stimme" zeigt. Es ist meiner Meinung nach ungewöhnlich sich zu überlegen, wen man einlädt, nur um auszuschließen, daß sein Gast seine Kritik nicht in Frage stellt. Der Titel "Clown, Maurer oder Dichter dieser Erzählung findet sich im Text in Zeile 42 wieder, in der Frage des Sohnes an seine Schwester über seine berufliche Zukunft. Wobei die Berufe Maurer und Dichter dem Sohn von den Freundn zugeordnet werden, entsprechend seiner Anlagen, die sie aus der Art der Ausführung der Aufgabe schliessen. Die Rolle des Clowns ordnet sich der Sohn jedoch selbst zu, denn in einer der Aussagen der Freunde ist ja wie bereits erwähnt, nur von Zirkus allgemein die Rede. Demnach muß er sich seiner Fähigkeiten bewußt sein und zudem die Aufgabe extra unterlaufen haben. Die Textsorte dieser Erzählung ist eine literarische Gattung, die Denkbild genannt wird und die Mitte der sechziger Jahre dazu benutzt wurde, auf die dortige gesellschaftliche Situation auf besondere Weise einzugehen. Die Erzählung weist nämlich folgende Merkmale auf, die zu der Gattung des Denkbildes passen: Sie ist ein kurzer Text in Prosa, der einen Sachverhalt in knapper Form umreißt und bei der der Leser den Denkprozeß selber leisten muß. Zwar weist die Erzählung auch Merkmale der Kurzgeschichte auf, wie die kurze Prosaform und die Zusammendrängung eines in sich gerundeten Geschehens und die unvermutete Pointe, doch stellt sie nicht die Summe eines Menschenlebens dar und der unmittelbare Einstieg ins Geschehen ist ebenfalls nicht wirklich vorhanden, das Thema ist nicht existentiell, sondern eher die Darstellung eines Mißstandes in der DDR. Zudem wird weder die Summe eines Menschenlebens, nicht mal die Summe eines Lebensabschnittes dargestellt. Am meisten wird jedoch an der Art, wie der Text geschrieben ist deutlich, daß es sich hierbei nicht um eine Kurzgeschichte handelt. Diese erinnert eher an eine Parabel. Insofern paßt das Denkbild, das der Parabel in vielem nahe kommt, als eine besondere Form der Erzählung besser. Rainer Kunze wendet dieses Verfahren in seinen Texten auf die Situation der DDR an. Er benutzt in seiner Erzählung, bzw. seinem Denkbild, die Übertreibung als sprachliches Mittel, um die gesell- schaftlichen Situation, die er offensichtlich darstellen will zu verdeutlichen. Meiner Meinung nach, beabsichtigt der Autor mit seinem Denkbild die Mißstände der DDR zu zeigen. Diese Mißstände entstehen dadurch, daß die SED-Funktionäre unsinnige, bzw. absurde Befehle erteilen. Somit wäre der Vater in der Rolle des SED-Funktionärs, der absurde Aufgaben an seine Genossen verteilt. Der Junge wäre somit in der Rolle eines spitzfindigen Genossen, der die erteilte Aufgabe so ausführt, daß dessen Absurdität augenfällig wird. Die Freunde hätten dann die Funktion, die Kritik des SED- Funktionärs an seinen Genossen in Frage zu stellen. Die Konzequenz, die der SED-Funktionär daraus schließt wäre dann, daß er sich durch diese Erfahrung mit dem spitzfindigen Genossen überlegt, wen er in seiner Gegenwart duldet, wenn er einen seiner Genossen kritisiert. Zu dieser Absicht des Autors würde zudem die Erziehungssituation passen, denn die DDR war ein Erziehungsstaat. Rainer Kunze benutzt in seiner Erzählung die Alltagssprache, sowie viele kurze und einfache Sätze, um das Geschehen darzustellen. Dies besteht aus einer Aneinanderreihung von Tatsachen, die durch relativ viele Absätze voneinander getrennt sind. Teile des Textes stehen in der erlebten Rede, wie in Zeile 16: "er müsse doch sehen, daß der Teller zu klein sei". Andere Teile stehen in der indirekten Rede, wie in Zeile 19:"Ich begann mich laut zu fragen, was einmal aus einem Menschen..." Zudem enthält der Text einen relativ ungewöhnlichen Anfang, der durch die Formulierungen, wie "ich gebe zu"; "ich stelle nicht in Abrede", wie ein Verhör wirkt.

Diese Verteidigungssituation zeigt, daß der Vatrer zugeben muß, das seine Formulierungen ungenau bis falsch sind. Wobei nicht eindeutig geklärt ist, wem gegenüber der Vater sich verteidigt, entweder dem Leser, den Freunden oder dem Sohn oder sogar sich selbst gegenüber. Letzteres würde einen Bogen zum Schluß bilden. Ein weiteres besonderes sprachliches Mittel des Autors ist die Arbeit mit Vergleichen, wie in Zeile 10: "Kartoffelkuchenturm, neben dem der schiefe Turm zu Pisa senkrecht gewirkt hätte."

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Details

Titel
Kunze, Rainer - Clown, Maurer oder Dichter
Autor
Jahr
2000
Seiten
4
Katalognummer
V99687
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunze, Rainer, Clown, Maurer, Dichter
Arbeit zitieren
Marina Gerwien (Autor), 2000, Kunze, Rainer - Clown, Maurer oder Dichter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99687

Kommentare

  • Gast am 25.3.2007

    cool;-).

    Hatt mir sehr bei meiner Interpretation geholfen! ich habe zu danken...

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