Die montenegrinisch-russischen Beziehungen 1878-1918


Seminararbeit, 2001

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die russische Balkanpolitik

3. Russland und der Balkan nach dem Berliner Kongress 1878

4. Montenegros Entwicklung 1878 – 1914
4.1. Die ersten Jahre
4.2. Die Balkankrisen 1908 – 1912/

5. Die Vielfältigkeit der montenegrinischen Beziehungen
5.1. Dynastie und Orthodoxie
5.1.1. Die dynastische Heiratspolitik König Nikolas
5.1.2. „Moli se bogu i derži se Rusije“
5.2. Politische und finanzielle Beziehungen
5.3. Militärische Zusammenarbeit

6. Die montenegrinisch-russische Entfremdung

7. Schlussbemerkungen

8. Literatur

1. Einleitung

Das kleine Montenegro verbanden mit Russland seit Jahrhunderten vielfältige Beziehungen. Das Verhältnis war oft ambivalent, im großen und ganzen kann es jedoch als traditionell gut und eng bezeichnet werden. Sowohl die montenegrinische Bevölkerung, als auch ihre Stammesvertreter waren mehrheitlich slavophil bzw. russophil orientiert.[1]

Das ferne Russland galt über Jahrhunderte hinweg als das einzige freie slavische und christlich-orthodoxe Zarenreich. Im Kampf gegen die ungläubigen Osmanen richteten die Montenegriner große Hoffnungen auf das ferne Moskau bzw. das spätere St. Petersburg. Bereits „1697 kündigte der „Vladika“ (Fürstenbischof) Danilo Petrović die Abhängigkeit von Konstantinopel auf. Danilos Besuch beim russischen Zaren Peter dem Großen brachte die Anerkennung Montenegros durch das Russische Reich sowie wirtschaftliche Hilfe. Für Russland wurde Montenegro im Gegenzug ein Stützpunkt auf dem Balkan.“[2] Um 1710 stellte der russische Zar Peter der Große das kleine Montenegro unter den Schutz seines Reiches. Moskau sah sich als der legitime Vertreter der christlich-orthodoxen Völker im Osmanischen Reich und setzte sich für diese sowohl diplomatisch, als auch militärisch ein. Montenegro war über längere Zeit, ein fester und verlässlicher Bestandteil im Mosaik der russischen Balkanpolitik, im Kampf um Einfluss und die Vorherrschaft in der Region. Primär richtete sich die russische Balkanpolitik gegen das Osmanische Reich, später jedoch auch gegen die mit ihr rivalisierende Habsburger Monarchie.

Während der Orientalischen Krise von 1875-78 konnte die Verdopplung des montenegrinischen Territoriums erreicht werden. Die Richtung der Expansion bestimmten die Großmächte. Österreich-Ungarn verhinderte die Annexion der Herzegowina durch Montenegro, das sich als Folge nach Süden ausrichtete. Auf dem Berliner Kongress 1878 erreichte das kleine Fürstentum Montenegro, insbesondere durch die Unterstützung Moskaus, die völkerrechtliche Anerkennung als unabhängigen Staat und erhielt „die Städte Bar und Ulčinj zugesprochen“.[3]

An dieser Stelle möchte der Verfasser noch darauf hinweisen, dass alle fremdsprachigen Zitate in der ursprünglichen Form in den fortlaufenden Text eingebunden worden sind. Zitate bzw. Textstellen, die aus dem südslawischen Raum stammen, wurden sowohl in kyrillischer, als auch lateinischer Schrift originalgetreu wiedergegeben.

2. Die russische Balkanpolitik

Die russische Balkanpolitik hatte in ihrer über dreihundert Jahre zurückreichenden Geschichte, verschiedenste Formen und unterschiedliche Intensität angenommen. Die ältesten nachweisbaren Kontakte zwischen den slawischen Balkanchristen und den Herrschern des von Mongolen und Tartaren befreiten und wieder erstarkenden Russlands, stammen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. In einer schriftlich erhaltenen Ansprache des Zaren Alexej Mihajlovič Romanov (1645-76), die er zu Ostern 1655 gegenüber griechischen Abgesandten hielt, äußerte sich der Zar wie folgt: „seit den Tagen meines Großvaters und Vaters sind unaufhörlich Patriarchen, Bischöfe, Mönche und arme Teufel gekommen und hatten über die Leiden geseufzt, die ihre Unterdrücker ihnen auferlegen“.

Der junge und unermüdliche - gen Westen orientierte – russische Zar Peter I., Sohn des Zaren Alexej, verfolgte eine anti-osmanische Außenpolitik. Nach dem erfolgreichen Asov-Feldzug[4] im Juli 1696 beabsichtigte er die Schaffung bzw. Festigung einer anti-osmanischen Koalition der christlichen Reiche Europas.[5] Im Zuge der berühmt gewordenen „Großen Gesandtschaft“ beabsichtigte er u.a. Verhandlungen mit den wichtigsten Herrschern Europas zu führen. Die offizielle Ankündigung vom 6. Dezember 1696 bezeichnete als Ziel und Zweck der Gesandtschaft: „Angelegenheiten, die der ganzen Christenheit gemeinsam sind, Schwächung der Feinde des Kreuzes – des türkischen Sultans, des Krim-Chans und aller muselmanischen Horden – und dauernde Mehrung der christlichen Herrscher“[6]. Seine außenpolitischen Ziele waren daher damals primär im Süden gegen die Osmanen zu sehen. Während seiner Reise musste der 26 Jahre alte Peter erfahren, dass seine Vorhaben zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu verwirklichen waren. Die christlichen Staaten Europas waren aus unterschiedlichsten Beweggründen an ein Vorgehen gegen die muslimischen Osmanen nicht interessiert. Sogar die Habsburger, auf die sich große Hoffnungen des Zaren gerichtet hatten, arrangierten sich mit dem Sultan. Russlands expansionistische Politik richtete sich daher nicht länger gegen die Osmanen, sondern durch neue Bündnispartner gestärkt gegen die Schweden. Peter strebte einen Zugang zur Ostsee und die Hegemonie in der Ostsee an.

Als Prinzip bzw. Kennzeichen der russischen Balkanpolitik ist hier festzuhalten, dass sich die russische Balkanpolitik, so u.a. auch die Politik gegenüber den Montenegrinern, stets von den Beziehungen Russlands zu den anderen Großmächten in Europa, besonders zum Osmanischen Reich und Österreich, abhängig war. Diente ein Aufstand der kleinen Völker gegen die Pforte den russischen Interessen, dann mobilisierte man sie.

„Већ на почетку црногорско-руских политичких односа уочило се да Русија хоће да помоћу балканских хришћана олакша себи положај у рату с Турском, док они сами очекивали да их Русија ослободи турског ропстба.“[7]

Inwiefern sich eine negative Entwicklung abzeichnete, oder aber sich eine günstige Situation für die russische Außenpolitik ergab, einigten sie sich mit den jeweiligen gegnerischen Parteien und opferten die Balkanvölker. Diese realpolitische Praxis, geht bereits auf die Anfänge der montenegrinisch-russischen Beziehungen zur Zeit Peter des Großen zurück.[8]

3. Russland und der Balkan nach dem Berliner Kongress 1878

Der auf dem Berliner Kongress erreichte „Kompromiss“ zwischen den Großmächten stellte für Russland[9] eine diplomatische Niederlage dar. In den Fürstentümern Serbien, Montenegro[10] und Rumänien, überwog trotz der „formellen Unabhängigkeit und bescheidenen Landgewinne, die Enttäuschung über die unbefriedigende Berücksichtigung der nationalen Interessen und Erwartungen unter diesen Völkern.“[11] „Für kurze Zeit ist es gelungen, durch Opferung der Balkanvölker auf dem Altar des europäischen Gleichgewichts ihre Mächtekonstellation zu erhalten. Aber auch hier zeigten sich Sieger und Besiegte: Der eigentliche Nutznießer des Kongresses ist das imperialistische England.“[12] Montenegros Unabhängigkeit, die bereits im Vorfeld durch bilaterale russisch-osmanische Verträge, de facto realisiert worden war, wurde auf dem Berliner Kongress – so Raspopović - durch die anderen Großmächte de jure anerkannt.

„Ресултати до којих је Конгрес у Берлину дошао током својих сједница редиговани су у виду завршног акта познатог под називом Берлински уговор. Он је потписан од представника шест великих сила 13. јула 1878, а ратификован 3. августа 1878. На Црну Гору су се односиле одредбе садржане у члановима 26-32.

Одлуке о признању независности Црне Горе од Високе Порте и свих осталих „Високих Страна Уговорница“ које је још нијесу признале (чл. 26) и одлуке о новим међународно признатим границама (чл. 28) представљале су за Црну Гору правно најзначајнији дио одлука. Признање незабисности, претходно дато на билатералном плану, у споразуму између Русије и Турске, овим је добило потврду и од других великих сила.“[13]

In den folgenden dreißig Jahren orientierte sich Montenegro in Fragen der eigenen Außenpolitik primär nach St. Petersburg. Die Beziehungen Russlands zu Montenegro hingen von der politischen Großwetterlage ab, d.h. inwieweit sich nicht andere außenpolitische Prioritäten, aufgrund von politischen Situationen, die die jeweils aktuellen „vitalen“ bzw. imperialistischen Interessen Russlands betrafen, ergaben, in sofern unterstützte man die Etablierung des „neuen“ montenegrinischen Staates, sowohl in materieller Hinsicht, als auch durch politisch-diplomatische Schritte. Montenegro kann in diesem Kontext, durchaus provokativ formuliert, als ein vom guten Willen Russlands abhängiges „Protektorat“ oder gar eine „russische Filiale“ bezeichnet werden. Im nachfolgenden Abschnitt zum Thema der finanziellen Beziehungen wird versucht mit entsprechenden Zahlenbeispielen dies zu verdeutlichen.

Montenegros finanzielle Abhängigkeit von St. Petersburg nahm im Vorfeld der sich verschärfenden politischen Lage im Südosten Europas zu. Sowohl die finanziellen Zahlungen, wie auch die militärische Unterstützung seitens Russlands vervielfachten sich gravierend. Allein die finanzielle Unterstützung für das Militärwesen in Montenegro hatte sich in den folgenden knapp dreißig Jahren seit dem Berliner Kongress 1878 mehr als verdreifacht.[14]

Um die Jahrhundertwende stellte Russland „die imperialistische Landmacht par excellence dar“[15]. Die außenpolitischen Misserfolge Russlands - nach der militärischen Niederlage im Krimkrieg und der politischen Zurücksetzung auf dem Berliner Kongress 1878 - setzten sich auch im Fernen Osten, im Krieg gegen Japan 1905 fort. Russlands Prestige war grundlegend erschüttert. Die innenpolitische Lage verschlechterte sich, die Revolution von 1905 drängte nach Veränderungen. Das marode Zarenreich war in einer existentiellen Krise.

„Aber auch während der Gewichtsverlagerung der russischen Außenpolitik nach Ostasien bleibt die Zwangsläufigkeit der österreichisch-russischen Konfrontation auf dem Balkan bestehen.“[16] Die Lage verschärfte sich erneut nachdem sich die russische Führung erneut mit großem Engagement in Südosteuropa einsetzte. Russlands Einfluss konnte sich auf dem Balkan – besonders nach der Ermordung König Alexanders Obrenović in Serbien und die Inthronisierung Petar Karađorđevićs, der sich von Wien abwand und sich außenpolitisch nach St. Petersburg orientierte – erweitert werden. Montenegro war traditionell nach Russland orientiert, Bulgarien[17] ebenfalls. Ein pro-russischer orientierter Gürtel zog sich von der Adria, dem westlichen Balkan, bis ans Schwarze Meer im Osten. Unterbrochen wurde diese Linie nur durch den de jure (noch) osmanischen Sandžak von Novi Pazar, der Montenegro von Serbien trennte.[18]

[...]


[1] Јовановић, Радоман: Црногорско-руски политички односи (1771-1917). Ориентација на Русију и сваранје њеног култа у Црној Гори. In: Историјски институт СР Црне Горе (Hrsg.): Црна Гора у међународним односима. Титоград 1984. S. 15ff.

[2] Boeckh, Karin: Montenegro. Historische Grundzüge. In: Roth, Harald (Hrsg.): Studienbuch Östliches Europa. Band 1. Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Wien u.a. 1999. S. 284.

[3] Boeckh, Karin: Montenegro. Historische Grundzüge. In: Roth, Harald (Hrsg.): Studienbuch Östliches Europa. Band 1. Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Wien u.a. 1999. S. 284.

[4] Stökl, Günther: Russische Geschichte. Stuttgart 1997. S. 343.

[5] Vgl.: Бескровний, Л. Г., u.a.: История СССР. Том 3. Москва 1967. S. 156-158.

[6] Siehe: Stökl, Günther: Russische Geschichte. Stuttgart 1997. S. 345.

[7] Јовановић, Радоман: Црногорско-руски политички односи (1771-1917). Ориентација на Русију и сваранје њеног култа у Црној Гори. In: Историјски институт СР Црне Горе (Hrsg.): Црна Гора у међународним односима. Титоград 1984. S. 15.

[8] Ebenda. S. 15.

[9] Siehe: Hösch, Edgar: Geschichte der Balkanländer. München 1999. S. 176.

(„Der englische Premier Disraeli mochte sich auf dem Berliner Kongreß als der eigentliche Sieger über den russischen Imperialismus im Nahe Osten fühlen – eine dauerhafte Lösung des Balkanproblems wurde freilich auch während der erhitzten Debatten in Berlin nicht gefunden.“)

[10] Распоповић, Радослав: Дипломатија Црне Горе 1711-1918. Подгорица 1996. S. 281-282.

[11] Vgl.: Hösch, Edgar: Geschichte der Balkanländer. München 1999. S. 177.

[12] Weithmann, Michael W.: Balkan Chronik. Graz, Wien, Köln 1995. S. 298.

[13] Распоповић, Радослав: Дипломатија Црне Горе 1711-1918. Подгорица 1996. S. 281.

[14] Јовановић, Радоман: Црногорско-руски политички односи (1771-1917). Ориентација на Русију и сваранје њеног култа у Црној Гори. In: Историјски институт СР Црне Горе (Hrsg.): Црна Гора у међународним односима. Титоград 1984. S. 43.

[15] Weithmann: Michael W.: Balkan Chronik. Graz, Wien, Köln 1995. S. 311.

[16] Ebenda. S. 307.

[17] Anmerkung des Verfassers: Das bulgarisch-russische Verhältnis verlief seit der internationalen Anerkennung und der Etablierung des Fürstentum Bulgariens 1885 nicht völlig harmonisch. Die Regierung und Elite Bulgariens wandte sich in der Ära des Ministerpräsidenten Stefan Stambolov (1895 ermordet) zeitweilig von Russland ab. Die detaillierten bulgarisch-russischen Beziehungen sollen an dieser Stelle ausgeklammert wenden. Vgl. hierzu: Weithmann: Michael W.: Balkan Chronik. Graz, Wien, Köln 1995. S. 308-311.

[18] Vgl.: Magosci, Paul Robert: Historical Atlas of East Central Europe. Band I. Seattle, London 1998. S. 85.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die montenegrinisch-russischen Beziehungen 1878-1918
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Seminar: Montenegro 1878 - 1918
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V9970
ISBN (eBook)
9783638165440
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montenegro, Rußland, 1878-1918, Berliner Kongreß, Balkan, Südosteuropa
Arbeit zitieren
Magister der Philosophie Stefan Dietrich (Autor), 2001, Die montenegrinisch-russischen Beziehungen 1878-1918, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9970

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