Die mentalen Verarbeitungsprozesse von Schuld im Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Schuldfrage

3 Die Verarbeitungsprozesse im Zuge der Schuldbelastung

4 Die Schuldthematik und die mentalen Verarbeitungsprozesse im Roman 'Der Vorleser'

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Aber wenn die Täter immer Monster wären, wäre die Welt einfach. Sie sind es nicht. Meine Generation hat das vielfach erlebt, beim Lehrer oder Professor, beim Pfarrer oder Arzt, beim Onkel oder sogar Vater, über deren Vergangenheit eines Tages offenbar wurde, was ganz und gar nicht zum Respekt, zur Bewunderung oder sogar zur Liebe passte, die das Verhältnis bestimmt hatte.“ (Kilb 2009).

Mit diesen Worten, die aus einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) aus dem Jahre 2009 anlässlich der Verfilmung seines Romans Der Vorleser (1995) stammen, macht Bernhard Schlink deutlich, dass es sich bei seinem bekanntesten Roman in der Hauptsache nicht um eine Holocaust-Lektüre handelt – sondern um ein Buch, das aufzeigt, wie seine Generation im Vergleich zur Elterngeneration und zu dem, was die Elterngeneration getan habe, mit den Geschehnissen aus der NS-Zeit umgehe.

Wie in allen literarischen Texten Bernhard Schlinks dreht es sich auch hier um das fundamentale Verhältnis zwischen Schuld, Sühne und Identität. Einen Diskurs, den die Literatur stets aufs Neue aufgreift und in den entsprechenden zeitgeistlichen historischen und kulturellen Rahmen setzt (vgl. Bluhm 2019: 144).

Schlink vermeidet hierbei „eindeutige Festschreibungen von Schuld und Unschuld, Täter und Opfer, Böse und Gut.“ (Möckel 2010: 16). Indem die Motive und Denkschemas sowie die Umstände der Verstrickungen in Schuld der Täter nachskizziert werden, bricht Schlink das latent-typische Schwarzweißdenken der Erinnerungsliteratur auf und rückt die Schuldthematik sowie den individuellen als auch den kollektiven Verarbeitungsprozess vom Schuldigwerden in den Vordergrund (vgl. Möckel 2010: 16f.).

Schlink löst hier ergo keine Probleme, sondern legt sie offen und überlässt so dem Rezipient die Einstufung der entstehenden moralischen Grundfragen (vgl. Bluhm 2019: 155).

Schlink verleiht dem undefinierten Bösen mit dieser Art und Weise der literarischen Encodierung ein menschliches Antlitz. Köster (2000: 7) merkt hierzu an: „Indem der Roman die Tätergeneration nicht in einer Vaterfigur repräsentiert, sondern in der Figur der Geliebten eines Angehörigen der zweiten Generation, werden Vertrautheit und Fremdheit anders konkretisiert als in der Väterliteratur.“. Mit diesen bewusst initiierten Tabubruch fordert Schlink den Rezipienten auf, sich aktiv mit den evidenten moralischen Grundfragen auseinander zu setzen. Schlink provoziert – er möchte, dass der Rezipient aufbegehrt und entschieden gegen diese Denkmuster Opposition bezieht. Er schafft sozusagen „eine ungewöhnliche Nähe zu den Tätern“ (ebd.)1. Schlink hebt sozusagen die Graustufen des menschlichen Daseins hervor, er bricht mit Vereinfachungen, löst sich vom dipolaren Verhältnis zwischen Gut und Böse und rückt die Verworrenheit und Komplexität des menschlichen Denkens in den Vordergrund. Bluhm (2019: 164) schreibt hierzu: „Der Begriff der Schuld verliert in der Komplexität der literarisch jeweils nachskizzierten Verhältnisse seine Eindeutigkeit.“.

Im Roman 'Der Vorleser', verfasst aus der Perspektive der ersten Nachkriegsgeneration, verkörpert durch den Ich-Erzähler Michael Berg, steht sinnbildlich der Konflikt zwischen Nachkriegs- und Kriegsgeneration sowie die damit verbundenen psychischen Bewältigungsstrategien dieser beiden Akteure im Vordergrund. Es geht hier in erster Linie um die Frage, wie diese mentalen Verarbeitungsprozessen von individueller und kollektiver Schuld literarisch bearbeitet werden. Es soll ergo betrachtet werden, um welche speziellen mentalen Muster es sich handelt und wie diese das individuelle Moraldenken von den negativen Folgen der Schuldbelastung befreien sollen. Von daher gesehen werden in der vorliegenden Hausarbeit folgende schematische psychische Mechanismen betrachtet: Selbstbetrug und Verständnis – sowie letztendlich als Resultat der zwei vorausgegangenen Schritte – die Vergebung.

2 Die Schuldfrage

Unter Schuld versteht man grundsätzlich den bewussten und zielgerichteten Verstoß gegen eine sittliche, ethisch-moralische oder gesetzliche Wertvorstellung. Schuld setzt also die Freiheit des Individuums sowie die Einsicht in die entsprechende ethische Verantwortung voraus.

In seiner strafrechtlich-rechtsphilosophischen Abhandlung über das Schuldprinzip aus dem Jahre 1976 schreibt der renommierte deutsche Rechtsphilosoph Arthur Kaufmann bezüglich der Schuld: „Strafe setzt Schuld voraus. Schuld ist Vorwerfbarkeit. Mit dem Unwerturteil der Schuld wird dem Täter vorgeworfen, dass er sich nicht rechtmäßig verhalten, dass er sich für das Unrecht entschieden hat, obwohl er sich rechtmäßig verhalten, sich für das Recht hätte entscheiden können. Der innere Grund des Schuldvorwurfs liegt darin, dass der Mensch auf freie, verantwortliche und sittliche Selbstbestimmung angelegt und deshalb befähigt ist, sich für das Recht und gegen Unrecht zu entscheiden […]. Voraussetzung dafür […] ist die Kenntnis von Recht und Unrecht. Wer weiß, dass das, wozu er sich in Freiheit entschließt, Unrecht ist, handelt schuldhaft, wenn er es gleichwohl tut.“ (Kaufmann 1976: 129).

Es geht demnach bei schuldhaftem Handeln im Kern um das Bewusstsein über die Unrechtmäßigkeit des individuellen Verhaltens.

Analog lässt sich hier auch die Definition von moralischer Schuld durch Karl Jaspers in seiner Schrift 'Die Schuldfrage: Von der politischen Haftung Deutschlands' anwenden2.

Moralische Schuld ist nach Jaspers lediglich einem Individuum und nicht einer Gemeinschaft zuzuschreiben (vgl. Jaspers 1987: 48). Es ist demnach bei der Beurteilung von Schuld stets der Einzelfall zu betrachten. Moralische Schuld resultiert aus vielerlei psychischer Phänomene.

Gerade in Bezug auf die NS-Zeit lassen sich hier besonders Selbstbetrug bzw. Selbsttäuschung gegenüber den Zielen und der menschenverachtenden Politik des NS-Regimes identifizieren. Hiermit ging eine Billigung, eine innere Angleichung und Abfindung mit dem Nationalsozialismus einher (vgl. Jaspers 1987: 48f.). Aufgrund individuell wahrgenommener Machtlosigkeit und der daraus resultierenden Handlungsunfähigkeit kam es nur in Ausnahmefällen zu einem Aufbegehren gegen das Regime. Grundbedürfnisse wie Sicherheit, die Verfügbarkeit von Lebensmitteln sowie der Schutz vor Kälte hatten Vorrang gegenüber moralischen Bedenken. Hinsichtlich der moralischen Schuld kam es zu mentalen Verarbeitungsprozessen, die besonders in der Aufarbeitung der Kriegsschuld zum Vorschein kamen und Bernhard Schlink als ein Hauptmotiv in seinen zahlreichen Werken über die Schuldthematik dienten.

Über die Mitgliedschaft in der NSDAP schreibt Jaspers: „Es ist für den Sinn des Mitgehens entscheidend, in welchem Zusammenhang und aus welchen Motiven jemand Parteimitglied wurde. Jedes Jahr und jede Situation hat seine eigentümlichen Entschuldigungen und eigentümlichen Belastungen, die nur im je individuellen Fall unterschieden werden können“ (Jaspers 1987: 48).

Jaspers tritt somit einer pauschalen Verurteilung von NSDAP-Parteimitgliedern entgegen und spricht sich seiner Auslegung von Schuld folgend für eine differenzierte Einzelfallentscheidung aus.

Um den Komplex der moralischen Schuld nicht zu weit zu fassen, differenziert Jaspers zusätzlich den Begriff der metaphysischen Schuld heraus. Er spricht von ihr an der Stelle, an der die „Solidarität mit dem Menschen als Menschen“ verloren geht, „wenn ich überlebe, wo der andere getötet wird“ (ebd.).

3 Die Verarbeitungsprozesse im Zuge der Schuldbelastung

Kaum ein Mensch würde von sich behaupten, ein ‚schlechter Mensch‘ zu sein – nahezu jeder Mensch sieht sich als ‚guten Menschen‘, da er sich sein schuldhaftes Handeln, sei es auch objektiv noch so verwerflich, erklären und schließlich so vor seiner eigenen moralischen Instanz rechtfertigen kann.

Schuld ist als eine gewisse Art von Überlebensinstinkt anzusehen, sein Handeln persönlich so zu bewerten, dass man es vor seiner persönlichen moralischen Instanz rechtfertigen kann.

Jaspers greift bei seiner Ausarbeitung über die moralische Schuld diesbezüglich das Beispiel des Mitläufertums in der NS-Zeit auf. Spätestens ab dem Jahre 1944 war es wohl allen mündigen deutschen Staatsbürgern bewusst, welche Verbrechen das Regime begeht. Man war sich ergo dem unmoralischen Handeln bewusst; hat aber nichts dagegen unternommen. Feigheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit3 hinderten den Großteil der deutschen Bevölkerung daran, gegen das Regime tätig zu werden. Man hat sich demnach also schuldig gemacht – dies jedoch damit gerechtfertigt, machtlos zu sein und daher den Taten des Regimes keinen Einhalt gebieten zu können. Man war sozusagen gefangen bzw. betäubt im Status Quo und hat die individuelle moralische Schuld vor dem eigenen Gewissen dadurch gerechtfertigt, keinen wirksamen Einfluss auf die Herrschenden zu haben. Es wird hierbei ergo auf eine Form der Unmündigkeit abgezielt, die es dem Individuum unmöglich macht, aktiv Widerstand zu leisten – und demnach das Individuum von einer moralischen Schuld befreien würde.

In dieser Hausarbeit wird nun der Frage nachgegangen, wie Schlink diese drei obligatorischen Elemente der Schuldverarbeitung – den Selbstbetrug, das Verständnis und die Vergebung – literarisch darstellt und sie analog in Beziehung zu den Protagonisten Michael und Hanna setzt.

Darüber hinaus wird erläutert, wie diese oben genannten Mechanismen im Roman Der Vorleser in Auseinandersetzung mit der Schuldthematik literarisch verarbeitet, miteinander verzahnt und auf diese Art und Weise in ein Interdependenzverhältnis gesetzt werden.

4 Die Schuldthematik und die mentalen Verarbeitungsprozesse im Roman 'Der Vorleser'

Hierbei soll nun zunächst aufgezeigt werden, wie Michael und Hanna sich schuldig gemacht haben. Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird nachskizziert, wie die individuellen Verarbeitungsprozesse literarisch erläutert werden.

Im Folgenden soll zunächst erörtert werden, inwiefern die Begriffe Selbstbetrug, Verständnis und Vergebung auf die beiden Hauptfiguren des Romans, Michael Berg und Hanna Schmitz, angelegt werden können.

4.1. Die Analogie zum Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit der Schuldthematik

Der Protagonist und Ich-Erzähler Michael Berg ist die Hauptfigur des Romans. Durch seine Perspektive arbeitet Schlink sinnbildlich den Umgang der Bundesrepublik mit Nationalsozialismus und Holocaust auf.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Hans-Fallada-Preises 1997 merkte Schlink hierzu Folgendes an: „Bei der ersten Generation gehe es um Verdrängung und Offenlegung, um Offenlegung als Bewältigung, bei der zweiten darum, sich zur ersten ins Verhältnis zu setzen, in ein wieder offenlegendes, aber auch anklagendes und verurteilendes Verhältnis und um die Verhältnisbestimmung als Bewältigung.“

Hiermit unterstreicht Schlink das problematische Beziehung zwischen den beiden Generation sowie vor allem den Umgang mit der Schuld der Kriegsgeneration. Zudem macht er hier deutlich, wie problematisch es für die Nachkriegsgeneration ist, einen Weg bzw. das richtige Maß zwischen dem Verstehen und dem Verurteilen zu finden.

Michael Berg steht im Roman für die zweite Generation, jene Nachkriegsgeneration, die durch ihre enge Beziehung zur Kriegsgeneration in deren Schuld gewissermaßen involviert wird (vgl Köster 2000: 55). Im Roman wird dieses problematische Verhältnis jedoch nicht durch eine Eltern-Kind-Beziehung, sondern durch eine libidinöse Beziehung zur einundzwanzig Jahren älteren Protagonisten Hanna Schmitz konzipiert (ebd.).

Hanna Schmitz, die Geliebte des pubertären Michael Bergs, verkörpert die Kriegsgeneration. Das Motiv des Analphabetismus wird im Roman mit Unmündigkeit in Verbindung gebracht und wird von Michael im Zuge seiner Reflexion über Hannas Schuld stets als entlastendes Element herangezogen.

4.2. Michael Bergs Umgang mit Schuld

Schlink konzipiert seine Hauptfigur als eine Person, die sich an enorm hohen moralischen Grundwerten orientiert und diese entsprechend auf das eigene Handeln anlegt. An dieser Stelle muss jedoch auch betont werden, dass Michael sein gesamtes Handeln, sei es seine sexuelle Begierde gegenüber Hanna, das Leugnen der Beziehung in der Öffentlichkeit und das Verschweigen ihres Analphabetismus zwar ausgiebig reflektiert, das tatsächliche Handeln jedoch nicht von der Reflexion, sondern vielmehr von Feigheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit beeinflusst wurde. Ergo lässt sich beispielsweise Michaels Schweigen hinsichtlich Hannas Analphabetismus als moralisch nachvollziehbar bewerten; es resultierte in der Hauptsache jedoch nicht aus moralischen Abwägungen, sondern in erster Linie schlicht aus eben jener von Karl Jaspers diesbezüglich analog4 erwähnten Feigheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit.

[...]


1 Im weiteren Verlauf wird in einem Exkurs tiefgehend auf den Appellcharakter des Romans 'Der Vorleser' eingegangen.

2 Karl Jaspers unterscheidet hier vier Arten der Schuld: kriminelle Schuld, politische Schuld, moralische Schuld und metaphysische Schuld (Jaspers 1987).

3 Analogie zu Michael Berg. Feigheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit kennzeichneten auch sein Verhalten im Roman.

4 Analoge Beziehung zur Kriegsgeneration, deren Untätigkeit ebenfalls in Feigheit, Unsicherheit und Unentschlossenheit begründet war.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die mentalen Verarbeitungsprozesse von Schuld im Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V997147
ISBN (eBook)
9783346369581
ISBN (Buch)
9783346369598
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bernhard Schlink Schuld Schuldfrage Verarbeitungsprozess
Arbeit zitieren
Diplom-Verwaltungswirt Robert Guth (Autor), 2020, Die mentalen Verarbeitungsprozesse von Schuld im Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997147

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