Minnesang (Rudolf von Fenis vs Heinrich von Veldeke)


Seminararbeit, 1995

25 Seiten


Gratis online lesen

Inhalt

1 Einleitung - Überlegungen zu den Begriffen
1.1minneundminnen sanc
1.2minnen sanc- das Wort
1.3minnen sancundminne

2 Die Autoren
2.1 Rudolf von Fenis
2.1.1 Zur Biographie
2.1.2 Das literarische Werk
2.2 Heinrich von Veldeke
2.2.1 Zur Biographie
2.2.2 Das literarische Werk
2.3 Die beiden Autoren im Vergleich

3 Die Texte - Übersetzung und Interpretation
3.1 Rudolf von Fenis, "Mit sange wânde ich mîne sorge krenken"
3.1.1 Übersetzung
3.1.2 Die Situation
3.1.3 Die Personen
3.1.4 Die Konstellation
3.1.5 Was sindgrôze güeteundschoener lîp?
3.1.6 Minnesang, Minneleid und Klage
3.1.6.1 Minnesang 1: die Reflexion über diesorge
3.1.6.2 Minnesang 2: Klage beiFrau Minne
3.2 Heinrich von Veldeke, "Schoeniu wort mit süezem sange"
3.2.1 Übersetzung
3.2.2 Die Situation
3.2.3 Die Personen
3.2.4 Die Konstellation
3.2.5 Drei Funktionen von Minnesang
3.2.5.1schoeniu wortundsüezer sang
3.2.5.2 Werbung um Liebe
3.2.5.3 Retrospektive und Melancholie

4 Zur Funktion von Minnesang: ein Vergleich
4.1 Ort, Zeit und Personen
4.2 Perspektive der Minnesituation
4.3 Minnesang und Minnewerbung
4.4 Minnesang und psychologische Steuerung

5 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einleitung - Überlegungen zu den Begriffen

1.1minneundminnen sanc

Die Dichter des mittelhochdeutschen Minnesangs thematisieren nicht nur die Liebe oder minne in den Variationen über Dienst, Versprechen und Enttäuschung. Neben dem Thema der ewig unerfüllten Minne ist das Dichten über dieses Thema selbst wiederum Gegenstand der Dichtung. Innerhalb der Liebesdichtung ist das Dichten selbst nicht nur das Mittel zum Zweck, nämlich die erotische Beziehung zurvroweanzuknüpfen, sondern scheint auch eine Art der Steuerung der erotischen Befindlichkeit des dichtenden (lyrischen)Ichzu sein.

Wir können bei der Interpretation also nicht nur nach den Inhalten und Werten von minnefragen, sondern auch danach, was nach Ansicht des Verfassers Minnesang leisten soll, was seine Funktion ist. Natürlich verweisen diese Fragen und Antworten immer nur auf den Text mit seinen verteilten Rollen des minnenden und dichtendenIchund der angebeteten Dame, seiner vrowe. Wir erhalten dabei keine Antworten irgendwie sozial-geschichtlicher Art zum Themaerotische Beziehungen im Mittelalter.

1.2 minnen sanc- das Wort

Bei minnen sanc und Minnesängern liegt der seltene Fall vor, daß schon die Zeitgenossen für eine literarische Erscheinung einen Gattungsnamen kannten. Allerdings sind mit diesem Namen noch überhaupt keine Erklärungen des Phänomens verbunden. Es sind also zuerst die lexikalischen Bedeutungen des Wortes zu untersuchen.

Natürlich heißtminne:Liebe, oder wird wenigstens auch in Zusammenhängen verwendet, in denen wir heute das WortLiebeverwenden könnten.

Nach der Auskunft des Lexikons1 meint das Wort aber auch erinnerung, gedenken, freundschaft zuneigung.

Schon die Art derzuneigungist aber problematisch. Diezuneigungkann nämlich die Liebe zwischen den Eltern und ihren Kindern sein, und sie kann auch die Liebe zwischen den beiden Partnern eines Liebespaares bedeuten, wo eben nur dieminneund kein verwandtschaftlicher Zusammenhang die Beziehung herstellt.

Dann aber bedeutetminneauchdie geschlechtliche liebe (oft geradezu für beischlaf), weshalb in der mittelalterlichen Jägersprache das Wort auch die Brunftbezeichnet. Das mittelhochdeutsch Wort minne ist also genauso problematisch wie das neuhochdeutsche WortLiebe. Das Wort informiert uns nicht darüber, was sich da zwischen zwei Menschen nun wirklich ereignet hat. Zwischen harmloser Freundschaft und Ehebruch scheint alles möglich zu sein.

Es ist also sinnlos, minne mit Liebe übersetzen zu wollen, denn wir erfahren damit nur etwas über die Vorstellungen des modernen Übersetzers, aber nichts über die Bedeutung des mittelalterlichen Wortes.

M. WEHRLI meint zur Problematik semantischer Äquivalente:

Das neuhochdeutsche Wort "Minne" ist eine romantische Entlehnung aus dem Mittelalter, hat in den andern Sprachen keinÄquivalent und insinuiert zu Unrecht einen scharf abgegrenzten Begriff. Es empfiehlt sich zwar vielleicht, die Vielheit der Erscheinungen an einem solchen Modell höfischer Liebe zu messen, aber nur insofern der Blick frei bleibt für die Bewegungen und Diskussionen, in denen sich die Minnetheorie stäund Diskussionen, in denen sich die Minnetheorie ständig befindet.2

Die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung des Wortes wird zusätzlich erschwert, da das Mittelhochdeutsche auch die Worteliebeundliepkennt3.

1.3 minnen sancundminne

Was hat derminnen sancmit der Liebe zu tun, und wenn: mit welcher Art von Liebe? Natürlich geht es imminnensancimmer um das Problem der Liebe oder um die Liebe als Problem: wir haben ein Ich, das dichtet, wir haben dievroweals Objekt dieser Liebe -aber keineswegs immer als Adressatin des Gedichts- und wir haben dieminne, die den Dichter im Dienst an dievrowebindet.

Wo aber findet diese Art von Liebe denn statt? In der großen höfischen Versromanen ist zwar viel von der minnedie Rede, doch für ihre vrowe begehen die Ritter zum Beweis mehr oder weniger unvernünftige Heldentaten oderaventiuren. Liebeslyrik, ob nunöffentlich oder heimlich vorgetragen, spielt da überhaupt keine Rolle.

BUMKE behandelt in Höfische Kultur Bd.2 die Höfische Liebein mehreren ausführlichen Kapiteln. Auch dort, wo dem Liebenden Empfehlungen gegeben wurden, wie denn Liebe zu erwerben oder erworbene Liebe zu erhalten sei, kommt derminnen sancfreilich nicht vor4. BUMKE schließt:

Höfische Liebeslehre ist hier zur Gesellschaftslehregeworden. Das scheint der wichtigste Punkt zu sein, wenn es um das Verständis der höfischen Liebe geht. Höfische Liebe war ein gesellschaftlicher Wert, der sich in der Praktizierung höfischer Tugenden und inder Beachtung höfischer Umgangsformen verwirklichte.Höfische Liebe war die Liebe eines Menschen, der nachhöfischer Vollkommenheit strebte.5

In diesem System des höfischen Benehmens scheint man zwar durchaus über die Liebe zu sprechen, aber eben auch keinen minnen sanc zu dichten. BUMKE gibt aber auch zu bedenken, daß Liebe in der höfischen Literatur auf ganz verschiedene Weise dargestellt worden ist und daß dabei gattungsspezifische Besonderheiten eine entscheidende Rolle gespielt haben. Höfische Liebe war in der Lyrik anders als in der Epik, im Tagelied anders als in der Minnekanzone, wieder anders im Kreuzlied und in der Pastourelle, im höfischen Epos anders als in der Versnovelle oder im Schwank.6

Das heißt also: Jede literarische Gattung hat ihre eigene Art der Liebe und weiter ihre eigene Art der Regeln, wie denn diese Liebe dargestellt werden darf und welchen Spielregeln Liebender und Geliebte folgen müssen.

Daraus könnte sich erklären, weshalb im höfischen Roman geliebt wird, ohne Minnesang zu treiben, während - teilweise zeitgleich und von den selben Autoren verfaßt - in der Minnelyrik nicht nur die vroweund derdienstum die minne, sondern auch und vor allem das Dichten über Minne zum Thema wird und von den ritterlichen Heldentaten der liebenden Herren überhaupt keine Rede ist.

Im folgenden soll das Problem "minnen sanc- welche Funktion hat Minnesang, und was soll er leisten" - exemplarisch an zwei Gedichten von Repräsentaten des frühen Minnesangs untersucht werden.

Die Gedichte "Mit sange wânde ich mîne sorge krenken"vonRudolf von Fenis7 und"Schoeniu wort mit süezem sange"vonHeinrich von Veldeke8 wurden zum Vergleich ausgewählt, da hier zwei Dichter aus geographisch wie kulturell sehr weit auseinanderliegenden Räumen und abhängig von ebenso unterschiedlichen literarischen Einflüssen ein gemeinsames Motiv behandeln: "Wie wirkt sich Minnesang auf den notwendig unbefriedigt Liebenden aus?".

2 Die Autoren

2.1 Rudolf von Fenis

2.1.1 Zur Biographie

Rudolf von Fenis9 oder auch Graf Rudolf von Fenis-Neuenburgist als historische Persönlichkeit biographisch durch Urkunden und Erwähnungen recht gut dokumentiert. Er stammt aus dem hochadeligen Haus der Grafen von Neuenburg (heute: Neuchâtel in der Schweiz), deren Grafschaft deutsches und romanisches Gebiet umfaßte. Durch Urkunden ist Rudolf zwischen 1158 und 1192 belegt. Seine Lieder dichtete er vermutlich zwischen 1180 und 1190. Er starb kurz vor 1196.

2.1.2 Das literarische Werk

Rudolf von Fenis ist uns nur als Verfasser von Minneliedern überliefert. Über seine literarische Ausbildung ist nichts bekannt. Es ist aber sicher, daß er neben der deutschen Muttersprache auch (Alt-)Französisch beziehungsweise Provenzalisch beherrschte, da er in seinen Liedern den engsten Anschluß der gesamten deutschen Minnelyrik an romanische beziehungsweise provenzalische Vorbilder zeigt. Er bearbeitete Vorlagen der provenzalischen Modedichter Folquet de MarseileundPeire Vidal, und verwendete selbst deren Reimtechnik und Versbau.

2.2 Heinrich von Veldeke

2.2.1 Zur Biographie

Heinrich von Veldeke10, richtiger aber Heinric van Veldeken, stammt aus dem niederdeutschen Kulturraum.

Wahrscheinlich war er Mitglied einer urkundlich mehrfach belegten Ministerialenfamilie im Limburgischen, die im Dienst der Grafen von Loon stand. Die vorbildhafte höveschheitfür Ritter und Adelige wurde im ausgehenden 12. Jahrhundert als Mode im benachbarten französischsprachigen Brabant festgelegt.

Heinrich selbst ist allerdings nicht historisch dokumentiert und nur dudrch seine Dichtung beziehungsweise die Erwähnung durch Dichterkollegen nachweisbar.

Heinrichs Muttersprache war also Niederdeutsch.

Vermutlich hatte er an einer Kloster- oder Kathedralschule auch eine gelehrte Ausbildung genossen. Er beherrschte auch das Französische; aus dieser Sprache übersetzte er seine Versromane, die LegendeServatiusund den MinneromanEneit. Wegen der fehlenden biographischen Nachweise kann Heinrichs literarische Tätigkeit nur indirekt auf ca. 1160-1190 festgelegt werden.

2.2.2 Das literarische Werk

Heinrich verfaßte zwei große Verserzählungen, die Legende Servatius und den Minneroman Eneit; in beiden Fällen bearbeitete er eine französische Vorlage. Daneben verfaßte er noch Minnelieder, von denen 37 in den drei großen Sammelhandschriften überliefert sind.

Problematischerweise ist Heinrichs Werk zum größeren Teil in mittelhochdeutscher Literatursprache überliefert.

Verschiedene moderne Herausgeber haben die Rückübersetzung in ein vermutetes Altlimburgisch oder Niederrheinischversucht11. Diese Experimente sollen aber hier nicht berücksichtigt werden.

2.3 Die beiden Autoren im Vergleich

Ein Vergleich der beiden Autoren weist mit Ausnahme einer gewissen Nähe der Zeit auf mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten hin.

Heinrichauf der einen Seite wird von seinen Dichterkollegen zwarmaistergenannt, aber das heißt noch nicht viel. Auch wenn er einem belegten Ministerialengeschlecht angehört, ist er doch Dienstmann im Gefolge eines Grafen. Sein Rang in der Gesellschaft ist also eher weiter unten.

Rudolf dagegen ist für mittelalterliche Verhältnisse biographisch gut dokumentiert. Als Adeliger und Graf gehört er zu den Mächtigen der Gesellschaft. Seine Stammburg liegt an einer der Nahtstellen zwischen germanischer und romanischer Kultur. Heinrichist in der Hauptsache Verfasser von umfangreichen Versromanen. Damit verglichen, ist der Umfang seiner Liederdichtung eher gering, aber dennoch mit 37 Stücken gegenüber nur acht beiRudolfviel zahlreicher. Die Überlieferung beschränkt sich auf die drei großen Sammelhandschriften.

Rudolfscheint nur über einen relativ kurzen Zeitraum gedichtet zu haben. Sein Werk ist, soweit erhalten, ausschließlich auf Lyrik, genauer: Minnelyrik, beschränkt. In der handschriftlichen Überlieferung erscheinen seine Lieder als eher weiter verbreitet. Möglicherweise war er beliebter als Heinrich.

Auch wenn die Minnelyrik als eine dem Adel und seinem höfischen Zeitvertreib zugeordnete Kunstform gilt12, so übten doch sehr unterschiedliche Schichten vonAdeldiese Kunstform aus. Rudolf ist Adeliger und politisch mächtiger Graf, Heinrich gehört zu einer Ministerialenfamilie, und ist nach der Bezeichnung als maisteraber möglicherweise sogar ein Kleriker und also nicht einmal Mitglied der höfischen Gesellschaft.

3 Die Texte - Übersetzung und Interpretation

3.1 Rudolf von Fenis, "Mit sange wânde ich mîne sorge krenken"

3.1.1 Übersetzung

Ich habe mir eingebildet, durch Gesang (lyrische Dichtung) meine Sorgen verringern zu können.

Deshalb singe ich: um sie los zu werden.

Aber je mehr ich singe und je intensiver ich an sie denke so wollen sie durch den Gesang leider nicht zergehen. Denn dieminnehat mich zu einer solchen Vorstellung gebracht, der ich so leicht nicht entkomme, ich bin ihr (dieser Vorstellung) nämlich schon seit langem nachgefolgt.

Da mich aber dieminnederartig ehren wollte, daß sie mir befahl, diejenige im Herzen zu tragen die mir mein Leid sicher zu Freude verwandeln kann, dann wäre ich ein Narr, wenn ich ihrer entsagen wollte. Meinen Kummer werde ich auch vor derMinneklagen, denn wenn sie mir das Herz so sehr verletzen konnte, dann kann sie mich auch in das Haus der Freude einladen.

Ich verstehe nicht, wie mich meinevroweso in der Gewalt hat, wenn ich weit weg von ihr bin; Ich denke mir deshalb -und das ist mein Plan-, daß meine Sorgen dann beseitigt wären, wenn ich sie sehen dürften.

'Wenn ich erst einmal bei ihr bin', so tröstet sich mein Verstand und ich bilde mir ein, daß ich dann Erfolg habe.

Aber jetzt vermehrt sich erst einmal nur mein Verlust.

Bin ich aber bei ihr, dann ist meine Sorge nur umso gröper, ebenso wie einer, der sich der Gluthitze nahe aussetzt, sich völlig zu recht sehr verbrennt.

Ihre absolute Vollkommenheit tut mir das an.

Bin ich bei ihr, dann tötet mir das den Lebensgeist, und ich sterbe aber wirklich, wenn ich von ihr wieder weggehe, denn sie zu sehen, erscheint mir so gut zu sein.

Die Schönheit ihrer Gestalt habe ich schon vorher erkannt Sie wirkt auf mich, wie das Licht auf den Nachtfalter. Der fliegt dagegen, bis er sich völlig verbrannt hat. Ihre absolute Vollkommenheit hat mir diesen falschen Rat gegeben, mein blödes Herz hat mir das dann nicht zugelassen: ich habe mich so weit von ihr abgewandt, daß mir das schließlich ganz recht geschieht.

3.1.2 Die Situation

Das Gedicht geht sofort in medias res. Nirgendwo sind Hinweise auf einen realen oder fiktiven Ort; wir haben nicht einmal - wie im Minnesang so häufig - einen sogenannten Natureingang, also zum Beispiel das Blühen der Pflanzen im Frühling und den Gesang der Vögel. Der Raum des Gedichtes ist abstrakt, rein auf das lyrischeIchund seine Reflexionen begrenzt. Weder die geliebtevrowe, noch irgendwelche anderen Personen sind präsent.

3.1.3 Die Personen

Wir kennen Rudolf von Fenis als Verfasser dieses Minnelieds nur, weil die Überlieferung seinen Namen mit dem Text verbindet. Das Ich des Gedichts bleibt aber anonym. Auch die geliebte vrowe hat keinen Namen; sie ist nicht einmal direkte Adressatin des Gedichtes, denn sie scheint weit vom dichtenden Ich entfernt zu sein; vgl. Strophe 3: Mich wundert des, wie mich mîn vrowe twinge so sêre, swenne ich verre von ir bin.(3,1-2) Weder nach Situation noch nach den Personen sind hier Ansätze zu einer biographischen Identifikation möglich. Wie die Situation, so muten auch die als Subjekt oder Objekt thematisierten Personen sehr abstrakt an.

3.1.4 Die Konstellation

Die Geometrie der Liebe ist sehr einfach. Wir haben dasIchals dichtendes Subjekt der Liebe, und insofern es dieminneerleidet, auch als deren passives Objekt.

Es gibt also eine vrowe, und das Ichnimmt sie wahr.

Dies bewirkt - freilich ohne irgendwelche aktive Koketterie - bei demIchdieminne, die dasIchwiederum an die vrowe bindet. Das auslösende Moment für die Reaktion minnesindir grôze güeteundir schoener lîp(4,4; 5,1; 5,4).

3.1.5 Was sindgrôze güeteundschoener lîp?

Diegüetehat nichts mit modernen Nebenbedeutungen wie Milde oder Sanftmut etc. zu tun, sondern beutet Qualität in dem Sinn, wie wir noch den Begriff als Materialgüte oderGütesiegel verwenden. Der schoene lîpist natürlich nicht der nackte Körper, sondern ist die Schönheit der physischen Gestalt. Es ist kaum möglich oder nötig,güete und schoene sauber voneinander zu trennen. Es genügt festzustellen, daß diese vrowe das denkbare Optimum darstellt, und dieses bewirkt im System der Minne nun einmal die Liebe.

Damit können wir die Konstellation etwas erweitert darstellen.

Die denkbar optimale vrowe wird von dem Ich wahrgenommen. Diese Wahrnehmung ruft bei dem Ich im tumben herze die minne hervor. Diese minne bewirkt eine zwanghafte Bindung des Ich an die vrowe.

Rudolf faßt den Sachverhalt in ein Bild:

Ir schoenen lîp han ich dâvor erkennet er tuot mir als der viurstelîn das lieht.

diu vliuget dâr an, unze sîsich gar verbrennet. ir grôziu guete mich alsôverriet.

Mîn tumbez herze dáz enlie mích niet: [...].(5,1-5)

ImIchgibt es also mehrere Instanzen. Eine davon ist das herze, auch als das tumbe herzequalifiziert. Hier findet dieminnestatt, und der Rest desIchmuß einfach mit:

Mich wundert des, wie mich mîn vrowe twinge[...] (3,1)

Worin besteht jetzt das Problem? Das Ich hat sorge, aber dahinter steckt kein richtiges Liebesleid. Weder ist dievroweungerecht, noch werden mißgünstige Neider oder eine erzwungene Trennung genannt. Tatsächlich besteht diesorgein der Zwanghaftigkeit derminneund den sich daraus ergebenden paradoxen Problemen.

Dasherzehat also für die minnegesorgt. Weil es ein liebendes Subjekt und ein davon verschiedenes geliebtes Objekt gibt, entsteht also ein Begehren. Den Unterschied zwischen Subjekt und Objekt stellt Rudolf räumlich dar:

Mich wundert des, wie mich mîn vrowe twinge so sêre, swenne ich verre von ir bin.(3,1-2) Hier greift dersindesIch, in etwa der Verstand und als Gegensatz zum tumben herzezu denken, ein. Er sieht diesorge, erkennt das Problem der räumlichen Trennung des liebenden Subjekts vom geliebten Objekt. Die Überbrückung der Trennung wird zum erklärten Ziel:

'Sôich bîir bin', des troestet sich mîn sin unde waene des, daz mir wol gelinge.(3,5-6) Der Verstand schließt: Wird die Trennung aufgehoben, verschwindet auch die Sorge. Dies aber ist ein Irrtum, denn jetzt greift das zweite Paradox.

Auch die Anwesendheit beim geliebten Objekt bedeutet sorge, nur ist es jetzt nicht das Entbehren, sondern die zu große Nähe, welche jetzt dieminnewieder anheizt:

Sôich bîir bin, mîn sorge ist deste mêre, alse der sich nâhe biutet zuo der gluot, der brennet sich von rehte harte sêre.(4,1-3) Dieses Dilemma ist logisch nicht auflösbar, und also taumelt das liebende Subjekt in diesem Irrgarten der Liebe hin und her.

3.1.6 Minnesang, Minneleid und Klage

An diesem Punkt greift das Dichten, also: der Minnesang, selbst an. Der Aufbau des Gedichts ist freilich retrospektiv und zieht also das Ergebnis, nämlich das Dichten von Minnesang, als Zeit der Gegenwart vor die Ursachen, nämlich die Minne. Rudolf unterscheidet zwei Arten von Minnedichtung, nämlich die Reflexion über diesorgeals Folge erfolgloser Minnebindung und die Klage vor einer personifizierten Frau Minne.

3.1.6.1 Minnesang 1: die Reflexion über diesorge

Der Anlaß für den Minnesang ist diesorge, also ein Zustand der Depression, der notwendig aus der mangelnden Befriedigung im Rollenspiel der Minne folgen muß.

Diesorgekonnte als Folge des logisch nicht auflösbaren Minneparadox bestimmt werden. Nähe wie Ferne brachten ja nicht das gewünschte Ergebnis, nämlich die Aufhebung dersorge. Gattung und Thema des sangsind nur indirekt bestimmbar. Die Dichtung hat aber die angebetetevroweund die Reflexion über die zum Gegenstand.

sô ich ie mêre singe und ir ie baz gedenke, [...] (1,3) Dabei bleibt aber unklar, ob das Pronomen sî wirklich nur die sorge meint und sich nicht ambivalent im Sinne des Minnedilemmas sowohl auf die sorge wie auf die verehrte vrowe verweist. Schließlich ist es ja die eigentlich positiv bewertete Minne, die das Ich zu wân und sorge bringt.

In diesem Dichten wird die angebetete vrowe wieder repräsentiert, und also führt das gedenken wieder zur geliebten vroweund als innere Annäherung keineswegs zu dem gewünschten Ergebnis. Tatsächlich wiederholt sich hier im Bereich des Dichtens das Minneparadox, denn sômugent si[i.e.: diesorge]mit sange leider nihtzergân,[...].

Der Minnesang als Dichtung über das Minneleid führt also zu einer Intensivierung der Bindung und also zu einer Intensivierung dersorgedesIchin seinem Minnedienst.

3.1.6.2 Minnesang 2: Klage beiFrau Minne

Das dichtende Ichwendet sich deshalb an eine übergeordnete Instanz, nämlich die Minne selbst.

Schließlich war es nicht irgendein unanständiges Begehren des Ich, sondern eine Initiative der Minne, die zur Bindung desIchan dievroweführte. Zwar war dies einerseits eine Auszeichnung des Ich, doch folgt andererseits auch das leit daraus, weil die vrowe auf diese Minnebindung desIchnicht befriedigend reagiert.

Sît daz diu minne mich wolte alsusêren, daz si mich hiez in dem herze tragen, diu mir wol mac mîn leit ze vröiden kêren,[...] (2,1- 3) Durch das Dichten eines Minneliedes will dasIchseinen Kummer jetzt der personifizierten Minne selbst klagen. Beiklagenspielt die juristische Bedeutung ihre Rolle: Hier wird Beschwerde geführt, ein Recht eingefordert. Deshalb argumentiert dasIch: Ich wil mînen kumber ouch minnen klagen, wan diu mir kunde daz herze alsôversêren, diu mac mich wol zu vröiden hûs geladen.(2,5-7) Die Minne ist also schuld an der sorge des Ich, dem sie das herze versêrt hat. Hier liegt also ein Fall von Körperverletzung vor. Deshalb soll zur Kompensation die Minne das Ich ze vröiden hûs laden. Dieser Ausdruck ist freilich problematisch. Ganz sicher handelt es sich nicht um ein Freudenhaus. Möglicherweise hat dasHaus der Freude einen biblischen Bezug, vielleicht zum Alten Testament.

Vröideist aber auch einer der Leitbegriffe der mittelalterlichen höfischen Gesellschaft. Da im Kontext die Minne personifiziert angesprochen wird, kann vermutet werden, daß vröiden hûsdas Haus oder besser der Palast ist, wo die Freude residiert. Der gesamte Ausdruck meint freilich als Metapher, daß die Minne das liebende Subjekt und das geliebte Objekt jetzt an einem Ort zusammenführen soll. Dieser Ort ist das utopische Ziel des Minnesangs, denn er liegt außerhalb der realen Welt des Dichters wie außerhalb der poetischen Welt des minnesingenden Ich, da in dieser, wie an Rudolfs Gedicht gezeigt, die konfliktträchtige Trennung von liebendem Subjekt und geliebtem Objekt ein konstitutives Motiv ist.

3.2 Heinrich von Veldeke, "Schoeniu wort mit süezem sange"

3.2.1 Übersetzung

Schöne Worte zusammen mit süßem Gesang trösten das mit Sorgen belastete Gemüt sehr. An diese möchte man gerne lange erinnern, denn sie sind durch und durch wertvoll. Ich singe mit einem verdüsterten Gemüt für die schöne und wertvollevrowe. Um von ihr getröstet zu werden, habe ich einst gesungen, Aber sie hat das Gegenteil vonTrostbewirkt, und das dauert schon lange.

3.2.2 Die Situation

Auch Heinrichs Minnelied kommt ohne Umwege über Rahmenmotive sofort zur Sache selbst. Überhaupt ist das Gedicht in seiner Kürze von nur acht Versen viel kürzer und pointierter als Rudolfs Gedicht mit fünf Strophen zu jeweils sieben Versen. Der Versbau hat das Muster: a / b / a / b / c / c / d / d. Diese Kürze läßt einen noch höheren Grad an topischer Abstraktion erwarten als die eher diskursive Erörterung bei Rudolf.

Der Strophenbau teilt das Gedicht in drei Teile.

1. Die vier kreuzgereimten Verse a / b / a / b
2. Die paarig gereimten Verse c / c
3. Die paarig gereimten Verse d / d.

Heinrich beginnt mit einer Art Sprichwort oder allgemeingültigem Topos.

Schoeniu wort mit süezem sange diu troestent dicke swaeren muot.(1-2)

Die ästhetischen Qualitäten von Sprache und Gesang, die aber über Adjektive aus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmung, nämlich das visuelleschoenund das auditive süez beschrieben werden, sollen auf den muot, also die psychologische Stimmung desIch, einen positiven Einfluß haben. Eine Ursache für den swaren muotwird noch nicht genannt; die psychologische Wirkung wird aber alstrost bezeichnet.

Heinrich gibt eine kurze begründende Erläuterung für die Richtigkeit oder wenigstens die allgemeine Richtigkeit des Topos. diu mac man gerne halten lange, wan siu sint alzoges guot.(3-4)

Auch hier ist es wieder diese Eigenschaftguot, welche die entscheidende Wirkung auf einIchhat. Es ist also der Gesang selbst, der denswaeren muottrösten soll.

Soweit die allgemein aufheiternde Wirkung von künstlerisch hochwertiger - gesungener - Lyrik.

DasIchhier singt - und dichtet - zwar auch, doch im Unterschied zum allgemeinen mit trüeben muoten(5).

Offenbar gibt es eine Ausnahmesituation, in welcher die übliche Wirkung vonschoenen worten mit süezem sangenicht greift.

Nach diesem allgemeinen Satz wechselt die Perspektive. Jetzt äußert sich das lyrische Ich, in Unterscheidung seiner Ausnahmesituation vommander Allgemeinsituation.

Ich singe mit trüeben muoten der schoenen und der guoten(5-6).

3.2.3 Die Personen

Die Personen bleiben namenlos: einIchund einevrowe, die alsschoenundguotbezeichnet wird. In der Kürze des Gedichts wirken diese Personen noch wesentlich abstrakter.

Vrowe und Ich sind wie die Namen von Rollen, oder - mathematisch ausgedrückt - wie Konstanten in einer Gleichung.

3.2.4 Die Konstellation

Die Minnesituation, die dasIchan dievrowebindet, ist nicht explizit. Nicht einmal das Wort minne wird genannt, sondern kann nur auf einem Umweg erschlossen werden. Dieser Umweg sind die Qualitäten der vrowe, nämlichschoenundguot, und die Befindlichkeit desIch, nämlich der swaere beziehungsweise trüebe muot. Der Verlust der höfischen Heiterkeit,blîscaftbei Heinrich, ist wieder nur indirekt angesprochen.

Aus dieser psychischen Melancholie folgt dann das Bedürfnis nachtrost. Heinrich setzt also stillschweigend voraus, daß es dem Leser oder Hörer bekannt ist, daß diese Qualitäten einervrowebei einem männlichenIcheben Minne auslösen, und daß aus dieser Minne ein Bedürfnis entsteht, das nicht sofort befriedigt werden kann, weshalb dann das männlicheIchan einem Unbehagen leidet, das durch trôst gemildert werden soll.

Diese Serie von Spielregeln wird nicht argumentativ dargelegt, sondern ihre Kenntnis ist beim Rezipienten stillschweigend als Kulturwissen ("Wie funktioniert das SystemMinne?") vorausgesetzt.

3.2.5 Drei Funktionen von Minnesang

Heinrich unterscheidet wenigstens drei Arten von Lyrik.

3.2.5.1 schoeniu wortundsüezer sang

Was dieschoeniu wort mit süezem sangefür eine Gattung von Lyrik sind, bleibt völlig offen. Außer den Qualitäten erfahren wir nichts, die Thematik und der Inhalt bleiben verborgen. Diese Art von Lyrik hat aber mit ihren ästhetischen Qualitäten schoen und süez eine heilende Wirkung auf die angeschlagene Psyche. diu troestent dicke swaeren muot.

Die ästhetischen Qualitäten wirken deshalb positiv, weil sie alzoges guot(4) sind. Guot ist in seiner Bedeutung freilich schwerwiegender als die mögliche Übersetzunggut: Es handelt sich um einen Wert im Sinne vonrichtigem Handelnin Abgrenzung vomschlechten. Es ist dabei völlig offen, ob die angeschlagene Psyche nun dem Subjekt oder einem Objekt eignet, ob nur das Hören oder auch das eigene Dichten diese Wirkung hervorbringt.

3.2.5.2 Werbung um Liebe

Dann gibt es einen Gesang um Minne, das heißt, mit dem Zweck, das aus der Minne entstandene Bedürfnis zu befriedigen. Heinrich nennt das in diesem Gedicht wie auch in anderen trôst. Dieser Trost setzt aber eine Vorgeschichte voraus, nämlich die Verelendung des Ichim Minnedienst für die Dame.

DasIchberichtet über diesen Gesang retrospektiv, mit dem Blick auf die vergangenen Zeiten, als es versuchte, eine Befriedigung seiner Minne durch die vrowe zu erreichen: ûf ir trôst ich wîlent sang(7).

Es war dies also eine Situtation, in der sich dasIchetwas von dervroweerhoffte. Diese Hoffnung aber wurde nicht erfüllt.

Das Ich wurde von der vrowe aber missetroestet, und also die Hoffnung auf Befriedigung nicht erfüllt; in dieser Situation befindet sich das Ich jetzt schon längere Zeit. si hât mich missetroestet, des ist lanc(8).

3.2.5.3 Retrospektive und Melancholie

Die dritte Art von Lyrik ist das Dichten desIchin der Gegenwartmit trüeben muoten. Die verdüsterte, melancholische Psyche eignet hier eindeutig dem dichtenden Subjekt. Der trüebe muotist das Ergebnis einer unbefriedigten Minnebindung des Ich an die vrowe, und mithin ein Ergebnis ihrer bindungsstiftenden Qualitäten schoenundguot. Diese Qualitäten dervrowesind analog zu den Qualitäten von wortund sang. Was im einen Fall zum trôst führen soll, führt paradoxerweise im Fall der Minnebindung zum genauen Gegenteil, nämlich dem missetrôst.

Es ist anzunehmen, daß das vorliegende Gedicht eben ein Ergebnis dieser verdüsterten Stimmung darstellen soll. Die Adressatin ist dabei dievrowe.

Ich singe mit trüeben muoten der schoenen vrowen und der guoten(5-6).

Es ist nicht eindeutig klar, ob das Ich nun direkt mit dervroweals Zuhörerin rechnet oder ob hier gemeint ist zu Ehren von. Im letzteren Fall wäre der Minnesangmit trüeben muotenein Teil des aufgrund der Definition der Spielregeln hoffnungslosen Minnedienstes. Für diese Annahme spricht, daß der Zustand desmissetrôstfür dasIchschon lange andauert. si hât mich missetroestet, des ist lanc.

4 Zur Funktion von Minnesang: ein Vergleich

4.1 Ort, Zeit und Personen

Beide Gedichte sind nach Ort, Zeit und Personen völlig anonym. Weder das liebende Ichnoch die angebetetevrowe haben so etwas wie einen Namen, über den sie identifizierbar wären. Beide erscheinen als abstrakte Rollen, an die jeweils ein Verhalten nach festgelegten Spielregeln geknüpft ist. Es ist damit anzunehmen, daß in beiden Fällen die Minnebeziehung im Text sich nicht auf reale Vorgänge bezieht. Die Funktion der Dichtung ist in beiden Fällen also nicht, eine reale Beziehung anzubahnen oder wiederzubeleben.

4.2 Perspektive der Minnesituation

Die Perspektive des Ichist in beiden Fällen retrospektiv. Aus seiner Gegenwart blickt dasIchauf eine Vergangenheit zurück, in der eine Minnebeziehung angebahnt wurde oder sich als Schlüsselverhalten einfach beim Anblick der vrowe durch grôze güete und schoenen lîp (Rudolf) oder durch die Qualitäten schoen und guot (Heinrich) ganz von selbst angebahnt wurde. Diese Minnebeziehung verlief erfolglos, so daß dasIchjetzt an sorgeund kumber(Rudolf) bzw.trüeben muoten(Heinrich) leidet.

Rudolf erweitert diesen Blickwinkel durch eine Perspektive auf die Zukunft: Die Klage vorFrau Minnesoll ihm auf einem freilich nicht näher ausgeführten Weg in den Palast der Minne verhelfen. Heinrich hält dagegen nurmittrüeben muotenRückschau. In dieser Retrospektive aus dem Anlaß einer unbefriedigten Gegenwart entsteht Minnesang als eine Dichtung, welche die Minnesituation mehr oder weniger komplex analysiert.

4.3 Minnesang und Minnewerbung

Der Ausgangspunkt der Betrachtung ist die melancholische Befindlichkeit des im Minnedienst erfolglosenIch. Rudolf entwickelt - wie bereits dargelegt - seine Perspektive auf die Zukunft, indem er mit seinem sang vor Frau Minne Klage führt und die tatsächliche Gewährung von Liebe auf dem Gnadenweg fordert. Diese Forderung richtet sich natürlich indidirekt an die verehrte vrowe und macht also die Klage zu einer Werbung. Der Minnesang hat hier - nach nur vermutbaren ersten Schritten der Werbung - eine anbahnende Funktion. Bei Heinrich hatte eine Art Minnesang in der Vergangenheit diese anbahnende Funktion. Dersangsollte dem Ich den trôst der vrowe vermitteln. In dieser werbenden Funktion blieb der Minnesang jedoch über lange Zeit hin bis zur Gegenwart der Dichtung erfolglos.

4.4 Minnesang und psychologische Steuerung

Wir kommen immer wieder auf die Minnesituation des vergeblichen - positiv gesehen: zweckfreien - Minnedienstes des Ich zurück. Die Vergeblichkeit, das zweckfreie Begehren, ist eine der Spielregeln der sogenannten hohen Minne. Dennoch leidet dasIchan dieser Vergeblichkeit, denn auch dies gehört zu den Spielregeln. Diesem Leidensdruck soll durch Dichtung begegnet werden bzw. er soll durch Dichtung kanalisiert werden.

Die Absicht scheint bei beiden Dichtern einheitlich. Im Eingangsargument meint Rudolf Mit sange wânde ich mîne sorge krenken, und schoeniu wort mit süezem sang/ diu troestent dicke swaeren muot, meint Heinrich. Die Sorge soll abgeschwächt, die Belastung gelindert werden, und dersang soll beiden - irgendwie - dazu helfen. Ebenso "entlarven" aber auch beide Dichter in der Retrospektive das Argument als trügerisch.

Darüber hinaus sind die mit dem sang verbundenen Strategien und damit die Funktionsbestimmungen sehr unterschiedlich.

Rudolf beginnt mit demsangerst, als er bereits im Minnedilemma unentrinnbar feststeckt. Hier soll dersang dersorgeihre Kraft nehmen, indem über das baz gedenken quasi die Präsenz der - abwesenden - Minnedame imaginiert wird. Diese Imagination führt aber nicht zu einer Befriedigung, sondern zu einer Intensivierung des Bedürfnisses.

Für Heinrich gehört - wie ausgeführt - der sang zuerst einmal ganz eindeutig zu den Instrumenten der Werbung um die vrowe. Erst in der Melancholie der Erfolglosigkeit greift er - scheinbar - auf die ästhetischen Qualitäten des sang zurück: diu troestent dicke swaeren muot. Tatsächlich gilt diese allgemeine Regel aber nicht für das lyrischeIch, denn dieses singtoder dichtet fortgesetzt und ungetrösetet in trüeben muoten, freilich immer als Minnedienst für dievrowe, nämlichder schoenen und der guoten. DasIchbleibt trotz dessangimmerungetroestet. Wenigstens in diesem Gedicht behandelt Heinrich die Minne nur unter der Perspektive desswaeren muot; diese Haltung desIchim Minnedienst scheint dann durch densangnicht gelindert, sondern geradezu fortgesetzt zu werden.

5 Zusammenfassung

Beim Minnesang handelte es sich um ein literarisch- künstlerisches Spiel, an dem zwar - in seiner frühen Phase - nur Angehörige der gesellschaftlichen Oberschicht engagiert waren, doch diese Gruppe ist sozial gesehen absolut nicht homogen, da sowohl unfreie Ministeriale wie Grafen oder auch ein König mit dabei sind. Auch die durchgängige und auch von den beiden untersuchten Gedichten exemplarisch belegte Anonymität der Texte legt nahe, daß die Dichtung hier nicht die erotische Moral einer Gesellschaft wiederspiegelt, sondern als abstraktes Spiel nach festgelegten Regeln funktioniert. Regeln dieses Spiels sind nach den untersuchten Gedichten:

- wie Minne entsteht
- Werbung um dievrowe/ Verehrung dervrowe
- Erfolglosigkeit der Werbung
- retrospektive Betrachtung
- gegenwärtige Befindlichkeit desIch/ Perspektive auf die Zukunft

Der Minnesang bzw. die lyrische Dichtung im Kontext der Minne wird auf allen Stufen dieser Spielschritte immer wieder thematisiert. Entsprechend erscheint der sang auch weder unter einheitlichem Namen noch in einheitlicher Funktion. Aufgeführt werden:

- Werbung um dievrowe(Rudolf / Heinrich)
- ästhetisch-erotisches Ersatzprodukt fürminne(Rudolf)
- Verehrung dervrowe(Heinrich)
- Reflexion über das Minneleid (Rudolf)
- trotz Erfolglosigkeit fortgesetzter Minnedienst in der Haltung des melancholischenIch(Heinrich).

Innerhalb der lyrischen erotischen Dichtung ist der Minnesangalso keine einheitliche Gattung mit ebenso einheitlicher Funktion. Vielmehr läßt die Analyse der Verwendung des Begriffssangdurch die Dichter im Kontext der Minnesituation auf sehr unterschiedliche Bedeutungen schießen. Demnach ist praktisch jeder Spielschritt der Minnevon einem ihm entsprechendensangbegleitet.

Bibliographie

- BUMKE, JOACHIM:Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 2 Bde. München 1986.

-Des Minnesangs Frühling. H. MOSER u. H. TERVOOREN (Bearbeiter),Des MinnesangsFrühling. Stuttgart. 1977, S.169 f.

- RÄKEL, HANS-HERBERT S.: Der deutsche Minnesang. Eine Einführung mit Texten und Materialien.München 1986.

- WAPNEWSKI, PETER:Waz ist minne. Studien zur Mittelhochdeutschen Lyrik.München 1975.

- WEHRLI, MAX:Geschichte der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zu Ende des 16. Jahrhunderts.

= Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd.1, Stuttgart ²1984.

- WILLMS, EVA:Liebesleid und Sangeslust. Untersuchungen zur deutschen Liebeslyrik des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts.Zürich und München.1990.

[...]


1 LEXER, S.140, art. minne

2 MAX WEHRLI,Geschichte der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zu Ende des 16. Jahrhunderts, = Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd.1, Stuttgart ²1984, S.328.

3 LEXER, S.126 u. 127

4 J. BUMKE,Höfische Kultur, Bd.2 (1986), S.524-525

5 id., S.525

6 id., S.504

7 H. MOSER u. H. TERVOOREN (Bearbeiter),Des Minnesangs Frühling. Stuttgart. 1977, S.169 f.

8 Des Minnesangs Frühling, 1977, S.140

9 Verfasserlexikon. Bd.8, 345-351, H. TERVOOREN, Art.Graf Rudolf von Fenis-Neuenburg

10 Verfasserlexikon Bd.3, 899-918, L. WOLFF u. W. SCHRÖDER, Art. Heinrich von Veldeke

11 durch THEODOR FRINGS.

12 J. BUMKE, Höfische Kultur, Bd.2 (1986), S.685-691, besonders S.686f.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Minnesang (Rudolf von Fenis vs Heinrich von Veldeke)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
1995
Seiten
25
Katalognummer
V99731
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Fenis, Heinrich, Veldeke)
Arbeit zitieren
Martin Obermüller (Autor), 1995, Minnesang (Rudolf von Fenis vs Heinrich von Veldeke), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99731

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Minnesang (Rudolf von Fenis vs Heinrich von Veldeke)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden