Wandel der Pflege im Krankenhaussektor. Einfluss der Ökonomisierung auf die Pflegeentwicklung


Bachelorarbeit, 2020

58 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problembeschreibung und Definition
1.1.1 Zum Begriff „Ökonomisierung“
1.1.2 Zum Begriff „Professionalisierung“
1.2 Aktualität des Themas und Stand der Forschung
1.3 Zielsetzung und Forschungsfrage

2. Methodik

3. Theoretischer Teil
3.1 Ausgewählter historischer Überblick
3.1.1 Die Ökonomisierung des Krankenhauswesens
3.1.2 Die Entwicklung des Pflegeberufes
3.2 Vom Hilfsberuf zur Profession
3.2.1 Die Notwendigkeit der Akademisierung des Pflegeberufes in Deutschland
3.2.2 Aktuelle Professionsentwicklungen
3.3 Herausforderungen der Ökonomisierung für den Pflegealltag
3.3.1 Berufsethos und ökonomische Arbeitsweise im Widerspruch
3.3.2 Professionelles Selbstverständnis

4. Ergebnisse
4.1 Die Interdependenzen zwischen Ökonomisierung und Professionalisierung
4.2 Neue Aufgaben für die Pflegenden
4.3 Ausblick: Perspektiven der Pflegeentwicklung

5. Diskussion und Fazit
5.1 Diskussion: Corona Krise als Chance für die Pflegeentwicklung
5.2 Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abstract

Die zunehmende betriebswirtschaftliche Orientierung im Krankenhauswesen ist für einen tiefgreifenden Wandel in der Pflegelandschaft verantwortlich. Den daraus resultierenden Herausforderungen für die Arbeit sämtlicher Pflegekräfte gilt es gerecht zu werden. Zeitgleich streben diese nach mehr Anerkennung, vor allem in Form einer eigenständigen Berufsautonomie und einer besseren Bezahlung. Die Professionalisierung wird daher von vielen Experten gefordert und stellt zugleich einen Lösungsansatz dar, zwischen ökonomischen Herausforderungen und einer patientenorientieren Pflege Schritt zu halten.

Zu der Frage, ob die Ökonomisierung eine Chance für die Entwicklung der Professionalisierung bietet, wurden anhand einer Literaturanalyse mehrere Zusammenhänge erkannt. Es konnte gezeigt werden, dass der komplexe Prozess der Ökonomisierung viele Herausforderungen bereithält, an welchen die Pflege wachsen kann. Diese erfordern allerdings ebenso tiefgreifende Reformen im praktischen Bereich. Im theoretischen Setting ist die Pflege durch die Akademisierung der Professionalisierung schon einen wesentlichen Schritt nähergekommen. Dennoch werden im Moment mehr akademisch ausgebildete Pflegekräfte in der Praxis benötigt, um auf der gleichen Stufe mit weiteren Akteuren des Gesundheitswesens, unter anderem für eine eigenständige Berufsautonomie und mehr Verantwortung, zu kämpfen.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl deutscher Krankenhäuser nach ihrer Trägerschaft

Abbildung 2: Kosten und Verweildauer stationärer Fälle in deutschen Krankenhäusern

Abbildung 3: Studierende und Studienabschlüsse im Bereich der Pflege

Abbildung 4: Veränderung ausgewählter Bedingungen aus Sicht von Pflegekräften

1. Einleitung

„Für zukünftige Herausforderungen des Gesundheitswesens ist die Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe neu zu justieren und den Gesundheitsberufen mehr Verantwortung zu übertragen.“

(Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD 2018)

Mit den zukünftigen Herausforderungen des Gesundheitswesens steht dabei jener Wandel im Fokus, welcher in den letzten Jahren im deutschen Gesundheitssystem beobachtet werden konnte (Wehkamp K.-H., Naegler H. 2017). Nicht nur die zunehmende demographische Entwicklung, welche einen erhöhten Bedarf an Pflege fordert, sondern auch die professionelle Entwicklung des Pflegeberufes stehen unter einer Veränderung. Zeitgleich schreitet die Ökonomisierung der Gesundheitsbranche, vor allem des Krankenhauswesens weiter voran (Robert Bosch Stiftung 2018).

Ein weiterer aktuell sehr bedeutender Punkt, in diesem Zusammenhang, ist die gegenwärtige Corona Krise. Auch wenn der Pflege im Moment viel Aufmerksamkeit im positiven Sinne geschenkt wird, wird die Kritik gegen die Ökonomisierung des Krankenhauswesens immer lauter (Wirtz D.C., Stöckle U. 2020).

Um welche der oben genannten zukünftigen Herausforderungen es sich dabei im Zusammenhang zwischen Ökonomisierung und Professionalisierung handelt und inwieweit Gesundheitsberufen mehr Verantwortung zugeschrieben werden kann, soll dabei Thema dieser Arbeit sein. Abschließend wird hierbei auch auf die aktuelle Situation der Corona – Pandemie eingegangen, indem diese anhand der beiden relevanten Themen Ökonomisierung und Professionalisierung diskutiert wird.

Im folgenden Kapitel werden die zentralen Begriffe dieser Arbeit „Ökonomisierung“ und „Professionalisierung“ genauer definiert und eingegrenzt, wobei zugleich ein erster Einblick in die Problematik der beiden Themen gegeben wird. Dabei soll ebenso auf den aktuellen Forschungsstand eingegangen werden. Abschließend werden die Zielsetzung und Forschungsfrage dieser Arbeit formuliert.

1.1 Problembeschreibung und Definition

Neben dem Prozess der zunehmenden wirtschaftlichen Orientierung des Krankenhauswesens, welcher Rationalisierungs-, Rationierungsmaßnahmen, sowie Kostensteigerungen zur Folge hat, verschlechtert sich die pflegerische Versorgung zunehmend (Blaudszun A. 2000). Der Komplex aus Pflegemangel, wachsenden Aufgabenbereichen und daraus resultierendem steigenden Zeitdruck ist für viele Pflegekräfte Ausdruck der Ökonomisierung in ihrem Arbeitsbereich. Unter dem Gesichtspunkt der wachsenden Aufgaben wird auch ein Wandel in der Ausbildung der Pflegeberufe angestrebt. Die Akademisierung schreitet für Teile des Pflegepersonals weiter voran. Durch den Ausbau von Studiengängen sollen neue Wege für die Erreichung akademischer Abschlüsse eröffnet werden (Darmann-Fink I., Friesacher H. 2009).

Die folgenden zwei Kapitel sollen erste Einblicke in die Problematik der Ökonomisierung und Professionalisierung geben. Dabei werden beide Begriffe einzeln genauer beleuchtet und definiert.

1.1.1 Zum Begriff „Ökonomisierung“

Das Krankenhauswesen zeigt in den letzten Jahren eine Veränderung im Anforderungsprofil. Es wird zunehmend von einer Markt- beziehungsweise Wettbewerbsorientierung gesprochen (Blaudszun A. 2000). Die leistungsorientierte Krankenhausfinanzierung, eine damit verbundene Zunahme des Wettbewerbs und Umorientierungen in Bereichen des Managements, aber vor allem auch im Bereich des stationären Alltags sind Folgen der sogenannten Ökonomisierung.

Im alltäglichen Gebrauch birgt das Wort „Ökonomisierung“ häufig einen kritischen Unterton der Besorgnis. Viele Mitarbeiter im Krankenhaus sind der Meinung, dass Patienten vielmehr nur noch Kunden in einem Dienstleistungsunternehmen sind (Braun B. 2014). Gegenwärtig ist ein betriebswirtschaftliches Handeln im Krankenhaussektor nicht abzustreiten, welches im Extremfall vorsieht, dass medizinische beziehungsweise pflegerische Tätigkeiten durch ökonomische Argumente überlagert und demnach diagnostische oder therapeutische Maßnahmen ausschließlich nach ökonomischer Orientierung durchgeführt werden. Dies stellt zweifelsfrei den Berufsethos von Pflegenden und Ärzten in Frage (Schimank U., Volkmann U. 2008).

Bereits Karl Marx definiert die Ökonomisierung als Vorgang der Produktionssteigerung und sieht dabei gleichzeitig eine Verschlechterung der Arbeit für den Menschen (Marx K. 2013). Dem Effekt der Wirtschaftlichkeit, welchen die Ökonomisierung erzeugen soll, folgen Maßnahmen wie Bettenabbau und eine zunehmende Arbeitsbelastung für die Pflegekräfte. Dies zeigte das Pflege-Thermometer bereits 2007. Erbrachte Überstunden stiegen hierbei um 13% im Zeitraum von 2005 bis 2006. Zunehmende Krankheitszahlen im stationären als auch ambulanten Sektor entsprechen hierbei ebenso einem weiteren Indiz für die hohe physische und psychische Arbeitsbelastung (Isfort M., Weidner F. 2007). Es handelt sich also bei der Ökonomisierung im Krankenhausbereich um einen „Prozess des Vordringens ökonomischer Rationalität in Bereiche […], die zuvor nicht von ökonomischen Prinzipien, Denk- und Handlungsmustern beherrscht wurden“ (Simon M. 2014, S. 158).

Nach den bisherigen Aufführungen stellt sich die Frage, wieso ein solcher Prozess überhaupt im Gesundheitswesen vollzogen wird. Schimank und Volkmann beschreiben dazu folgendes: „Ökonomisierung, wie sie sich im Rahmen wettbewerblicher Regulierung im Gesundheitswesen vollzieht, muss vielmehr verstanden werden als das Eindringen einer teilsystemfremden Logik in ein anderes gesellschaftliches Teilsystem“ (Schimank und Volkmann 2008, S. 383). Das heißt, im Gesundheitssystem geht es nicht nur um die soziale beziehungsweise meist finanzielle Absicherung verschiedener Lebensrisiken durch die gesetzlichen Krankenversicherungen, sondern vielmehr zusätzlich um die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, welche auf ärztlicher, pflegerischer als auch therapeutischer und diagnostischer Ebene erbracht werden. Aus diesem Grund eignet sich dieses System sehr gut um marktwirtschaftlich zu handeln, da sich diese Güter und Dienstleistungen EU-weit und auf globalem Markt vertreiben und anbieten lassen (Manzei A., Schnabel M., Schmiede R. 2014). Diese wirtschaftliche Abhängigkeit auf der Makroebene schlägt sich, über die organisatorisch-institutionelle Mesoebene, bis zur Mikroebene (Manzei A. et al. 2014, S. 19). Veränderungen zeigen sich beispielsweise auf der Mesoebene durch die Übernahme neuer Management- und Steuerungsverfahren, welche „dann sukzessive auch zum Eindringen in die Handlungen und Entscheidungen der einzelnen Akteure auf der Mikroebene […]“ führen (Manzei A. et al. 2014, S. 20).

Mit der beginnenden Ökonomisierung in den 1980er und 1990er Jahren und den daraus resultierenden wachsenden Aufgaben begann auch die Debatte um die Frage, ob Pflegekräfte akademisiert werden und damit einen Schritt in die Richtung zur Professionalisierung gehen sollten.

1.1.2 Zum Begriff „Professionalisierung“

In den letzten Jahrzehnten haben sich nicht ausschließlich Krankenhausabläufe nach ökonomischen Prinzipien verändert, sondern auch der Bedarf an pflegerischer Versorgung steht infolgedessen unter einem starken Wandel. Nicht nur demografische und epidemiologische Entwicklungen, sondern auch die zunehmende Technisierung der Krankenhäuser und die steigende Autonomie der Patienten führen zu neuen beziehungsweise anderen Anforderungen. Diese Akkommodation der Pflegeberufe an die sich wandelnden Aufgabenbereiche stellt einerseits eine Herausforderung dar, andererseits ist sie aber auch eine Chance, welche es unter Umständen ermöglicht, dass sich die Pflege als Berufsbild im Gesundheitswesen anders positionieren kann (Blaudszun A, 2000).

Seit Beginn der 1990er Jahre gibt es Professionalisierungsentwicklungen der Pflege in Deutschland. Harald A. Mieg definiert den Begriff wie folgt:

Professionalisierung im engen Sinn bedeutet den Prozess der Entwicklung einer Berufsgruppe in Richtung einer Profession, d.h. einer Berufsgruppe mit einer gewissen Autonomie in der Leistungsdefinition und -kontrolle. In einem weiten Sinn bedeutet Professionalisierung den Übergang zu selbstständiger bezahlter Arbeit, die gewissen, potenziell einklagbaren Leistungsstandards unterliegt. In diesem weiten Sinne können sowohl Personen als auch Tätigkeiten sich professionalisieren. (Mieg H.A. 2018, S. 11)

Die Pflege befindet sich seit ihrer Existenz in einem ständigen Prozess der Entwicklung. Von der früher geschlechtsspezifischen christlich beziehungsweise humanistisch orientierten Berufsmotivation sowie der Eigenschaft zur Aufopferung und zum Dienen kann heutzutage nicht mehr gesprochen werden. Ursachen für diese Veränderung sind zum einen Entwicklungen im Gesundheitswesen, als auch steigende Erwartungen am Beruf selbst und zum anderen die fortschreitende Entstehung eines neuen Selbstverständnisses in der Pflege. Es findet zunehmend eine Orientierung an neuen Pflegemodellen statt, die erhaltende und fördernde Potenziale von Patienten in den Vordergrund stellen. Bei diesem Ansatz stößt die traditionelle Medizin an ihre Grenzen (Blaudszun A., 2000). Genau aus diesem Grund, um ein umfassenderes Pflegeverständnis mit neuen pflegerischen Konzepten, in denen „präventive Aspekte, Gesundheitsförderung, Rehabilitation, Probleme der Versorgung sowie kommunikative und interaktive Aspekte eine zentrale Rolle spielen“ wird die Professionalisierung der Pflege gefordert (Blaudszun A. 2000, S. 39). Pflegende sollten in Zukunft selbstständig und adäquat auf die genannten Anforderungen reagieren können.

Häufig wird schon die bloße Akademisierung der Pflege als Professionalisierung bezeichnet, dies gilt es zu differenzieren. Professionalisierung geht mit Qualifikations- und Kompetenzentwicklung einher, weshalb die Akademisierung des Pflegeberufs nur als ein Schritt zur Professionalisierung bezeichnet werden kann. Insgesamt genießen Professionen ein Sozialprestige und sind „gekennzeichnet durch die Herausbildung berufsspezifischer Werte und Verhaltensstandards in Form eines Berufsethos bzw. einer Berufsethik und der verbandsmäßigen Organisation ihrer Mitglieder […]“ (Friesacher H., 2009).

1.2 Aktualität des Themas und Stand der Forschung

Besonders das Gesundheitssystem strebt fortlaufend nach Veränderungen. Dabei stellt die Ökonomisierung einen äußerst relevanten und dynamischen Prozess dar, welcher noch nicht abgeschlossen ist beziehungsweise aufgrund immer weiterer Neuerungen und Erkenntnisse nicht abgeschlossen werden kann und daher immerzu zu einem präsenten Thema gehört.

Schon in den letzten Jahren, aber auch aktuell werden Studien zu diesem Thema betrieben. Unter dem Gesichtspunkt, wie unter 1.1.1 erwähnt, dass medizinische beziehungsweise pflegerische Handlungen durch Wirtschaftlichkeit beeinflusst werden könnten, stellten sich Karl-Heinz Wehkamp und Heinz Naegler 2017 die Frage, inwieweit Ärzte als auch Geschäftsführer in Kliniken diese Entwicklung in ihrem Berufsalltag beobachten. Dabei wurden im Rahmen einer qualitativen Studie Geschäftsführer und Ärzte von 2013 bis 2016 interviewt. Es wurde festgestellt, dass sich die Sichtweisen von den Geschäftsführern teils sehr deutlich von denen der Ärzte unterschieden. Nach Meinungen der Geschäftsführer hat ein gewinnorientiertes Agieren nach gesetzlichen Vorgaben keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Mediziner, allerdings räumten sie ein, dass es das Handeln der Ärzteschaft dennoch beeinflussen könne. Andererseits berichten Ärzte von einem wachsenden Druck bei patientenbezogenen Entschlüssen aufgrund der zu berücksichtigtenden betriebswirtschaftlichen Interessen. Dies führe zu „Unter-, Über- und Fehlversorgung der Patienten, aber auch zu ethischen Konflikten, Stresssituationen und Frustration […]“ (Wehkamp K-H., Naegler H. 2017, S. 797). Jene übertragen sich weiter auf die in der Pflege arbeitenden Personen. Letztendlich kommen Wehkamp und Naegler zu der Schlussfolgerung, dass durch den wirtschaftlichen Druck auf Krankenhäuser die Unabhängigkeit für medizinische Entscheidungen beeinträchtigt werden könnte. Sie sind der Meinung, dass wirtschaftliche Rahmenbedingen, welche aktuell zulasten der Patienten, Ärzte als auch der Pflegekräfte liegen, nach dieser Ausgangslage hin zu verändern sind (Wehkamp K-H., Naegler H. 2017).

Mit der Frage, wie man diese Prozesse optimieren und damit Ärzte sowie Pflegekräfte physisch und psychisch entlasten könnte, beschäftigen sich viele Wissenschaftler der Betriebswissenschaften, als auch der Pflegewissenschaft.

Der Drang, in der Pflege etwas zu verändern, ist aktuell enorm. Trotz der bereits mehr als 50 etablierten Pflegestudiengänge an Hochschulen und Universitäten in Deutschland wird die Pflege immer noch als ärztlicher Assistenzberuf mit nur geringen eigenverantwortlichen Handlungsspielräumen angesehen. Durch die sich zunehmend ändernde Komplexität in den medizinischen Versorgungsstrukturen und dem steigenden Ärztemangel sind auch Veränderungen im Feld der Pflege erstrebenswert. Weiterhin sollte vor allem der Pflegeberuf selbst ein neues Ansehen bekommen. Durch die Etablierung der Pflegeforschung beziehungsweise -wissenschaft und einen akademischen Abschluss mit internationaler Anerkennung könnte die Attraktivität des Berufes gesteigert werden.

Schon seit Beginn der Professionalisierungstendenzen werden Untersuchungen zu diesem Thema betrieben. Interessant ist dabei, dass in vielen Studien Ausblicke auf die Entwicklung des Pflegeberufs mit neuen Aufgabenbereichen gegeben werden (Weidner F. 1995; Friesacher H. 2009b; Manzei A., Schmiede R. 2014). Angesichts dessen wurden schon in verschiedenen Einrichtungen Modellversuche durchgeführt, welche beinhalteten, dass Pflegekräfte Aufgaben von Ärzten übernahmen (Lüder S. 2013).

Zu erwähnen ist hierbei auch die Initiative der Robert Bosch Stiftung „Mit Eliten pflegen“, welche 2018 erstmalig in Berlin vorgestellt wurde. Ziel dessen ist es, professionelle Pflege zu entwickeln, welche Aufgaben in interprofessioneller Zusammenarbeit übernehmen kann. Es soll sich dabei um Aufgaben handeln, die heute noch mehrheitlich im Tätigkeitsfeld der Hausärzte liegen, wie zum Beispiel die Versorgung von Bagatellerkrankungen, Verschreibungen, Assessments und die Triagierung von Patienten. Dabei wird eine optimale Gesundheitsversorgung vor allem in Struktur schwächeren Räumen angestrebt (Robert Bosch Stiftung, 2018). An dieser Stelle muss dennoch angebracht werden, dass diese Methode in vielen anderen Ländern, vor allem im angloamerikanischen Raum, bereits so praktiziert wird. Es liegen aussagekräftige Untersuchungen zu diesem Thema vor, welche belegen, dass die Gesundheitsversorgung geradezu von dieser Arbeitsstrukturierung profitieren kann (Görres S. 2009).

Es ist zu sehen, dass die Ökonomisierung und deren Auswirkungen auf die Pflegekräfte für mehrere sozialwissenschaftliche Bereiche ein relevantes Thema sind. Dazu zählt zum einen die Berufssoziologie, welche sich mit der gesellschaftlichen Bildung und Entwicklung von verschiedenen Berufen beschäftigt (Jäger W. 1997). Hierbei könnte sich die Ökonomisierung vor allem auf das Berufsverständnis, die Ausbildungen, die Berufsmoral und die generelle Berufswahl auswirken. Ein weiterer Bereich ist zum Beispiel die Soziologie der Pflege. Diese befasst sich mit dem gesellschaftlichen Einfluss auf die Pflege und von der Pflege auf die Allgemeinheit (Schroeter K. 2016). Die Ökonomisierung hat dabei von Seiten der Pflege her, vor allem durch den Pflegemangel und die verkürzten Liegezeiten etc. negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ein weiterer Punkt zu diesem Thema ist die allgemeine Kritik am Kapitalismus. Hierbei stellt die Ökonomisierung der Pflege ein Paradebeispiel für die Ausdehnung des kapitalistischen Netzwerkes dar (Durtschi A. 2015).

Zusammenfassend zeigt sich, dass aktuell, vor dem Hintergrund der Ökonomisierung, gleichermaßen viele Prozesse im Hinblick auf die Professionalisierung der Pflege ablaufen. Ebenso ist die Ökonomisierung, vor allem auch im Zusammenhang mit der Privatisierung, ein hochaktuelles Thema, welches im Kontext der aktuellen Corona Krise kritisch diskutiert wird.

1.3 Zielsetzung und Forschungsfrage

Dr. med. Arndt Dohmen und Manfred Fiedler beschreiben in ihrem Artikel zur Ökonomisierung des Krankenhauswesens „Betriebswirtschaftlicher Erfolg als Unternehmensziel“, welcher im Februar 2015 im deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde folgendes:

„Patienten und Mitarbeiter sind die Verlierer dieser Entwicklung. Patienten merken das allenthalben, sind in ihrer Rolle als Hilfsbedürftige aber nicht in der Lage, sich gegen die Missstände zu wehren. Mitarbeiter versuchen, durch enormen Einsatz und unter Verteidigung ihres persönlichen Berufsethos trotz aller widrigen Umstände ein Mindestmaß an menschlicher Zuwendung für die ihnen anvertrauten Patienten aufrecht zu erhalten.“ (Dohmen A., Fiedler M. 2015, S. 366)

In diesem Zusammenhang soll die vorgelegte Arbeit zeigen, ob Pflegekräfte wirklich die „Verlierer“ in dem Prozess der Ökonomisierung sind oder ob sich durch diesen Schritt, der zunehmenden Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens, eventuell auch Chancen für eine neue Entwicklung im Berufsbild Pflege ergeben könnten.

Zum besseren Verständnis wird zu Beginn der Arbeit, im Rahmen eines historischen Überblicks, ein ausgewählter Einblick in den Verlauf der Ökonomisierung als auch der Entwicklung des Pflegeberufs in Deutschland gegeben. Anschließend wird die Notwendigkeit der Akademisierung der Pflege erläutert und infolgedessen aktuelle Professionsentwicklungen geschildert. Welche Herausforderungen die Ökonomisierung, in Bezug zum Arbeitsalltag und dem professionellen Selbstverständnis der Pflegekräfte mit sich bringt, wird abschließend noch aufgezeigt, bevor die Ergebnisdarstellung folgt. Dabei werden die beiden Hauptthemen dieser Arbeit noch einmal in Relation gesetzt und nachfolgend neue Aufgaben für die Pflegekräfte beschrieben. Abschließend werden in Form eines Ausblicks Perspektiven für die Pflegeentwicklung dargestellt, bevor die Diskussion „Corona Krise als Chance für die Pflegeentwicklung“ folgt. Schließlich folgt das Fazit, in welchem alle wichtigen Ergebnisse zusammengefasst erläutert werden.

Intention der vorliegenden Arbeit ist es, qualitative und quantitative Beiträge zur Arbeitswirklichkeit von Pflegenden zu bündeln, sie durch praxisnahe Berichte zu ergänzen und so einen Eindruck über die Realität des ökonomisch gesteuerten Gesundheitswesens zu bekommen.

Dabei soll sich zeigen, ob die Ökonomisierung, vor allem im Krankenhaussektor, ein ausschlaggebender Punkt für die Professionalisierung der Pflege sein könnte.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich daher literaturbasiert mit der Fragestellung: Gibt es Entwicklungschancen für die Professionalisierung der Pflege im Rahmen der Ökonomisierung?

2. Methodik

Angesichts des Themas und der aufgestellten Forschungsfrage dieser Arbeit wurde eine Literaturanalyse als Methode gewählt. Diese erfolgte mittels eines systematischen Reviews der theoretischen und empirischen Arbeiten in dem, zum relevanten Themengebiet, eingegrenzten Bereich.

Dabei wurde zunächst nach allgemeiner Forschungsliteratur recherchiert, um einen ersten Einblick in die Thematik zu bekommen. Hierfür wurde zu Beginn vor allem die Bibliothek der Ernst-Abbe-Hochschule verwendet. Die Suche begrenzte sich zunächst hauptsächlich auf die Begriffe „Professionalisierung der Pflege“ und „Ökonomisierung des Krankenhauswesens“. Dabei konnte schon festgestellt werden, dass sich die Recherche nach Literatur, in welcher beide Fachgebiete thematisiert beziehungsweise untersucht werden, schwierig gestalten wird. Weiterhin problematisch zu beurteilen galt bis dahin die Aktualität bei der gesichteten Literatur. Schlussendlich konnten hierbei nur zwei Primärquellen für diese Arbeit ausfindig gemacht werden. Aus diesem Grund wurde die Recherche über online Datenbanken fortgesetzt. Verwendet wurden hierfür folgende Datenbanken: PubMed, Academia.edu, CNE Thieme, GoogleScholar, SpringerLink. Besonders hilfreich für die Literaturrecherche war dabei Academia.edu. Mithilfe der zentralen Schlüsselbegriffe „Ökonomisierung und Pflege/Krankenhaus“, „Professionalisierung und Pflege“, „Pflegeentwicklung“ und „Akademisierung und Pflege“ wurden hier die meisten Treffer erzielt.

Nach reichlicher Sichtung der Literatur und nach Eingrenzung der Erscheinungsjahre ab 2014 wurden anhand der Titel, Inhaltsverzeichnisse und des Abstracts 24 der insgesamt 166 Treffer näher in Betracht gezogen. Dabei wurde „20 Jahre Wettbewerb im Gesundheitswesen - Theoretische und empirische Analysen zur Ökonomisierung von Medizin und Pflege“, welches 2014 von A. Manznei und R. Schmiede herausgegeben wurde, als zentrales Werk für die weitere Literaturrecherche verwendet. Anhand der darin verwendeten Literatur der verschiedenen Autoren wurde mittels der oben aufgeführten Datenbanken die Recherche fortgesetzt. Dabei konnten insgesamt weitere 13 aussagekräftige Primärquellen für das Literaturverzeichnis berücksichtigt werden, welche jedoch auch vor dem Jahr 2014 entstanden sind.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit und nach dem Entschluss auf die aktuelle Corona Situation mit einzugehen, wurden mittels der drei Schlüsselwörter „Corona, Ökonomisierung und Pflegekräfte“, hauptsächlich in der Datenbank GoogleScholar, drei weitere ausdrucksstarke Quellen von insgesamt neun Treffern ausgewählt.

Bei der weiteren expliziten Auswahl der erschlossenen Literatur wurde beim Lesen vor allem auf folgende Kriterien genauer geachtet: Relevanz für die Forschungsfrage, Glaubwürdigkeit und Transparenz. Nach der anschließenden Inhaltsanalyse, bei welcher vor allem die wichtigsten Ergebnisse im Sinne der Forschungsfrage herausgearbeitet wurden, wurde die Literatur für eine bessere Überschaubarkeit aufgrund des breiten Spektrums in einzelne Kategorien eingeteilt. Demnach wurden Texte, in denen es ausschließlich um die Ökonomisierung beziehungsweise Professionalisierung geht, voneinander getrennt, ebenso erhielt Literatur, in der bereits auf beide Themen eingegangen wurde, eine Kategorie, genauso wie die Literatur zum Themengebiet der Corona Krise.

Mehrheitlich konnte bereits Literatur in Betracht gezogen werden, welche sich kritisch mit den beiden Themen „Ökonomisierung im Krankenhauswesen“ und „Professionalisierung der Pflege“ auseinandersetzt. Ebenso konnte in der weiteren Recherche bestätigt werden, dass vergleichsweise wenig Literatur vorhanden ist, in welcher schon beide Problematiken miteinander verknüpft sind. International gesehen gibt es hierfür allerhand aussagekräftige Quellen, welche allerdings im Rahmen dieser Arbeit nicht verwendet werden konnten, da diese sich ausschließlich auf das deutsche Gesundheits- und Bildungssystem der Pflege beziehen soll. Aus diesem Grund wurde lediglich deutsche Literatur verwendet.

Grundsätzlich lässt sich anhand der Recherche feststellen, dass beides Themen sind, welche in Fachzeitschriften zur Genüge diskutiert werden, allerdings ist der Forschungsgegenstand „Gesundheit“ trotz vieler Anknüpfungspunkte bisher vergleichsweise wenig präsent. Dazu zeigt sich, dass Gesundheitswissenschaften, welche in der Regel sehr anwendungsbezogen arbeiten, die sozialwissenschaftlich verfügbare Expertise kaum ernsthaft ausschöpfen.

Weiterhin problematisch zu beurteilen gilt, dass die bereits vorhandenen Publikationen in Deutschland häufig aus den Jahren vor beziehungsweise während der DRG-Einführung (Diagnosis Related Groups) stammen und daher nicht mehr aktuell genug sind.

Die Herausforderung besteht demnach darin, nach Sichtung der recherchierten Literatur, eine Verbindung zwischen den beiden Problematiken „Ökonomisierung“ und „Professionalisierung“ herzustellen, um die Fragestellung beantworten zu können.

3. Theoretischer Teil

Veränderungen und Entwicklungen bieten Chancen, aber auch Gefahren. Der Veränderungsprozess im Krankenhauswesen, vor allem im Bereich der Pflege, wurde durch den ökonomischen Druck angestoßen. Die, unteranderem in diesem Zusammenhang entstandenen, Pflegestudiengänge bieten eine große Chance für das Berufsbild. Änderungen im Arbeitsalltag, beispielsweise durch eine hohe Anzahl von Überstunden aufgrund des Pflegenotstandes, bringen jedoch ein negatives Image und daher Gefahren für die Pflegeentwicklung. Seit mehreren Jahren steht die Pflege daher schon zwischen der Ökonomisierung und der Professionalisierung.

Im folgenden Teil der Arbeit sollen insofern die historischen Entwicklungsprozesse der Ökonomisierung und des Pflegeberufes aufgearbeitet werden. Im weiteren Verlauf wird der Wandel, den der Pflegeberuf vollzogen hat, genauer erläutert, wobei auf die Notwendigkeit der Akademisierung und aktuelle Professionsentwicklungen eingegangen wird. Abschließend werden Herausforderungen, welche die Ökonomisierung für den Pflegealltag mit sich bringt, aufgezeigt. In diesem Zusammenhang soll auch beschrieben werden, wieso es für Pflegekräfte so schwierig ist, ein professionelles Selbstverständnis zu entwickeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Wandel der Pflege im Krankenhaussektor. Einfluss der Ökonomisierung auf die Pflegeentwicklung
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
58
Katalognummer
V997497
ISBN (eBook)
9783346375001
ISBN (Buch)
9783346375018
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomisierung, Pflegemanagement, Gesundheitsmanagement, Pflegewissenschaft, Pflegenotstand, Professionalisierung, Akademisierung, Corona Pandemie, Krankenhaus, Pflege, Fachkräftemangel, Klinikum, Altenpflege, Krankenpflege, Studium, Ausbildung, Berufsautonomie, Forschung, Entwicklung des Plegeberufes, Vom Hilfsberuf zur Profession, Profession, Notwendigkeit der Akademisierung, Pflegeberuf, Zukunft der Pflege, Medizin, Berufsethos, Berufsethos in der Pflege, ökonomische Arbeitsweise, Ökonomisierung und Professionalisierung, Perspektiven der Pflegeentwicklung, Pflegeentwicklung, Gesundheitswesen, Gesundheitsfachberufe
Arbeit zitieren
Nadine Schönherr (Autor:in), 2020, Wandel der Pflege im Krankenhaussektor. Einfluss der Ökonomisierung auf die Pflegeentwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997497

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