Diese Arbeit analysiert, welche Machtverhältnisse zwischen den Paschtunen und den Hazara in der afghanischen Gesellschaft vorliegen. Die zentrale Fragestellung lautet: Lässt sich das Verhältnis der Hazara und Paschtunen in der afghanischen Gesellschaft als 'Außenseiter-Etablierten-Beziehung' nach Norbert Elias darstellen? Hierfür wird zuerst dessen Figurationstheorie vorgestellt sowie detaillierter auf die 'Außenseiter-Etablierten-Beziehung' eingegangen. Anschließend werden Hazara und Paschtunen als ethnische Gruppen kurz vorgestellt und analysiert, ob ihr Verhältnis auf eine 'Außenseiter-Etablierten-Beziehung' übertragbar ist.
Der Menschenwissenschaftler und Soziologe Norbert Elias hat einen neuen Blickwinkel auf die Beziehung zwischen Gesellschaft und dem Individuum eröffnet. Elias ist auf eine allgemein bedeutende Grundfiguration des Sozialen gestoßen. In einer Fallstudie analysierten er und John L. Scotson machtbasierende zwischenmenschliche Interdependenzen zwischen einer Personengruppe. Sie stellten fest, wie sich die Etablierten und Außenseiter-Konstellationen in einer englischen, fiktiven Ortschaft manifestieren und ausdrücken.
Die gewonnenen Erkenntnisse nutzte Elias, um ein Erklärungsmodell in der Analyse sozialer Ein- und Ausschlussprozesse herauszuarbeiten. Jedoch kann dieser Figurationsansatz heute als eurozentrisch kritisiert werden, weil sie außereuropäische Gesellschaften empirisch vernachlässigt und normative Kriterien der europäischen Kultur universalisiert. Um einer subjektivistischen Wissenschaftstheorie entgegenzuwirken und von einer eurozentralisierten Sichtweise zu befreien, nimmt diese Arbeit zwar Bezug auf das angeführte Beispiel von Elias, befasst sich aber mit einer außereuropäischen Problematik, dem ethnisch-gesellschaftlichen Verhältnis zwischen Paschtunen und Hazara in Afghanistan.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1 Das Figurationsmodell
2.2 Macht in Figurationen
2.3 Die Etablierte und Außenseiter- Figuration
3. Anwendung auf den ethnischen Konflikt zwischen Hazara und Paschtunen in Afghanistan
3.1 Die Paschtunen
3.2 Die Hazara
3.3 Paschtunen und Hazara als Etablierte und Außenseiter
3.4 Rache der Außenseiter?
4. Kritik am Modell
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das Machtverhältnis zwischen der ethnischen Mehrheit der Paschtunen und der Minderheit der Hazara in Afghanistan unter Anwendung des soziologischen Außenseiter-Etablierten-Modells von Norbert Elias und John L. Scotson.
- Norbert Elias’ Figurationstheorie und das Außenseiter-Etablierten-Modell
- Ethnische Identitäten und Machtstrukturen in Afghanistan
- Stigmatisierung und Ausgrenzung von Minderheiten
- Anwendung soziologischer Modelle auf außereuropäische Konflikte
- Kritik an eurozentrischen wissenschaftlichen Erklärungsansätzen
Auszug aus dem Buch
3.3 Paschtunen und Hazara als Etablierte und Außenseiter
Die Grundannahme von Norbet Elias um die Etablierten und Außenseiter zu analysieren war, dass er davon ausgegangen ist, dass das einzelne Individuum in wechselseitigen abhängigen Interdependenzgeflechten zu seinen Mitmenschen eingebunden ist. Als Ausgangslage meiner Analyse möchte ich davon ausgehen, es sich bei den einzelne ethnischen Gruppierungen um Figurationen handelt: Dies drückt sich bei den Paschtunen in ihrer Verwurzelung in Stammesstrukturen aus, die in der Anthropologie als "eine wenig komplexe gesellschaftliche Organisationsform, deren Mitglieder durch das Verständnis von einer gemeinsamen Abstammung und durch gegenseitige Verwandtschaftsbeziehungen zusammengehalten werden.“ definiert wird. Die einzelnen Mitglieder stehen in Abhängigkeit von der Interaktion mit anderen Zugehörigen der Ethnie aufgrund ihrer Tradition, der gemeinsamen Vorfahren, Sprache, Kultur und Ideologie. Die Machstellung eines Paschtunes innerhalb seiner Gruppierung basiert auf einen teilweise schriftlich fixierten Normenwerk, dass man als eine Mischung aus Ehrenkodex, Gewohnheitsrecht und Stammesverfassung betrachten wird, das Paschtunwali. Es stellt eine Sammlung von Werten und Normen dar, welche das Zusammenleben in den Paschtunengebieten regelt. Die Inhalte des Paschtunwali können von Stamm zu Stamm variieren, aber bei allen sind zentrale und prägende Begriffe bekannt. Die paschtunischen Angehörigen stehen auf Grundlage des Paschtunwali in abhängigen Interdependenzen zueinander. Während sich der gesellschaftlichen Machtschwerpunkte auf die traditionellen afghanischen Tugenden und Einhaltung des Kodex bezieht, gewinnt der militärische Erfolg unter den Bedingungen des Krieges an Bedeutung. Wegen der unterschiedlichen Machtverteilung werden auch Kämpfe innerhalb der paschtunischen Gruppe (zb. Zwischen den Durani und den Ghilzai) ausgetragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Forschungsthema sowie Darstellung der zentralen Fragestellung, ob das Außenseiter-Etablierten-Modell auf den Konflikt zwischen Paschtunen und Hazara übertragbar ist.
2. Theorie: Theoretische Grundlegung durch das Figurationsmodell von Norbert Elias, inklusive der Konzepte von Interdependenz, Machtbeziehungen sowie der spezifischen Etablierten-Außenseiter-Figuration.
3. Anwendung auf den ethnischen Konflikt zwischen Hazara und Paschtunen in Afghanistan: Empirische Anwendung des Modells auf die afghanische Gesellschaft, inklusive einer detaillierten Beschreibung der beiden Ethnien sowie der Machtdynamiken und Diskriminierungsprozesse.
4. Kritik am Modell: Reflexion über die Grenzen des Modells, insbesondere hinsichtlich der Problematik einer ethnischen Kategorisierung und der Gefahr eines eurozentrischen Blicks.
5. Schlussfolgerung: Fazit zur Anwendbarkeit des soziologischen Modells auf den afghanischen Kontext unter Einbeziehung der aktuellen politischen Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Afghanistan, Norbert Elias, Etablierte und Außenseiter, Figurationstheorie, Paschtunen, Hazara, ethnische Konflikte, Machtstrukturen, Diskriminierung, Interdependenz, Sozialisation, Ethnizität, Identität, Stigmatisierung, Machtbalance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Machtverhältnis zwischen den Ethnien der Paschtunen und Hazara in Afghanistan unter Verwendung soziologischer Konzepte der Prozesssoziologie.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Theorie der Etablierten-Außenseiter-Figuration, der Rolle ethnischer Identitäten in Afghanistan und den Mechanismen sozialer Ausgrenzung.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet, ob sich das Verhältnis der Hazara und Paschtunen in der afghanischen Gesellschaft als Außenseiter-Etablierten-Beziehung nach Norbert Elias darstellen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor führt eine theoretische Einordnung durch und verknüpft diese mit einer qualitativ orientierten Fallstudie, die das afghanische Dorf als fiktives soziales Netzwerk zur Analyse nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von einer detaillierten ethnischen Charakterisierung und der Anwendung des Modells auf die spezifischen Machtverhältnisse in Afghanistan.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Figurationstheorie, Machtbalance, ethnische Diskriminierung und den spezifischen soziologischen Kontext der afghanischen Gesellschaft beschreiben.
Wie unterscheidet sich die soziale Organisation von Paschtunen und Hazara laut Arbeit?
Während die Paschtunen stark durch stammesbasierte Strukturen und den Ehrenkodex Paschtunwali geprägt sind, basieren die Strukturen der Hazara stärker auf Solidarität und religiösem Zusammenhalt.
Warum wird das angewandte Modell kritisch hinterfragt?
Das Modell wird kritisiert, weil es von einer Homogenität der Gruppen ausgeht, die in der komplexen Realität Afghanistans kaum gegeben ist, und zudem eurozentrische Sichtweisen auf fremde Gesellschaften projizieren könnte.
- Arbeit zitieren
- Sophia Khatri (Autor:in), 2019, Die Außenseiter-Etablierten-Beziehung nach Norbert Elias. Ethnischer Konflikt zwischen Paschtunen und Hazara in Afghanistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997574