Das Motiv der Schuld in Kafkas "Proceß". Schuld und Unschuld des Josef K.


Hausarbeit, 2019

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dimensionen des Schuldbegriffs

3. Das Schuldmotiv in Franz Kafkas „Der Proceß“
3.1 Das Fehlverhalten Josef K.s
3.2 Josef K.s Schuldgefühle

4. Fazit und Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Bereits im ersten Satz des Romans wird verdeutlicht, dass der Aspekt der Schuld in Franz Kafkas „Proceß“ eine zentrale Rolle spielt: So wird dem Protagonisten Josef K. bereits von Anfang an die Rolle des Ange-klagten zugeordnet. Im Laufe der Handlung wird dem Leser jedoch schnell bewusst, dass sich diese Frage nach der Schuld möglicherweise nicht so leicht beantworten lässt, wie es zunächst scheint. Das Gericht, welches den Prozess gegen Josef K. führt, stellt dessen Schuld zu keinem Zeitpunkt infrage, was den stets auf Unschuld plädierenden K. letztlich das Leben kostet. Daher ist es in der Tat sinnvoll, sich mit dieser Frage noch einmal näher zu beschäftigen, welche eine bedeutende Rolle für die Interpretation von Kafkas Werk und seinem Protagonisten spielt. In der vorliegenden Hausarbeit wird das Motiv und die Schuldfrage näher untersucht, um so herauszufinden, worin dessen Funk-tion für die Gesamthandlung liegt und ob Josef K. am Ende tatsächlich als „schuldig“ oder „unschuldig“ bezeichnet werden kann.

Dazu werde ich mich zunächst allgemein mit den verschiedenen Bedeutungen und Di-mensionen des Schuldbegriffs auseinandersetzen und diese erläutern. Im darauffolgenden Kapitel folgt die Analyse des Schuldmotivs in Kafkas Proceß, wobei ich im Besonderen auf das juristische, religiöse und moralische Fehlverhalten des Protagonisten eingehen werde. Anschließend liegt mein Fokus auf den Schuldgefühlen, von denen K. trotz seiner vermeintlichen Unschuld geplagt wird, zu beschäftigen. Die aus meiner Arbeit gewonnenen Ergebnisse werden abschließend nochmals zusammenfassend und in Form eines Fazits dargelegt.

2. Dimensionen des Schuldbegriffs

Der Begriff der „Schuld“ ist in der Welt der Literatur ein beliebtes und universales, jedoch auch sehr komplexes Motiv. Oftmals ist die Frage, inwieweit sich die jeweiligen Protagonisten schuldig machen, von Schuldgefühlen geplagt werden oder sogar bereits einer Sache schuldig sind, für die Handlung und Interpretation von Relevanz. Doch zunächst ist zu klären, was dieses Motiv eigentlich bedeutet und aus welchen Facetten dieses aufgebaut ist. Der Schuldbegriff ist eng verknüpft mit einer Reihe von religiösen, moralisch-ethischen und juristischen Vorstellungen.

Unter religiöser Schuld versteht man das Fehlverhalten oder Verstoßen eines Gläubigen gegen religiöse Richtlinien und Vorstellungen, wie beispielsweise im Fall des Christentums die zehn Gebote. Ein symbolisches Beispiel für religiöse Schuld in der christlichen Theologie stellt der Sündenfall dar. In diesem verzehren Adam und Eva, die ersten Menschen der Welt, eine verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis und begehen so-mit die Mutter aller Sünden. Durch den Vorgang der Absolution kann man sich von seiner religiösen Schuld befreien, indem man vor Gott um Vergebung bittet.

Eine weitere, wichtige Dimension der Schuld ist der Verstoß gegen die Gesetze unserer Justiz. Jeder Staat veranlasst eine Reihe von verbindlichen Vorschriften, deren Einhaltung jeder Bürger verpflichtet ist. Bei einem Verstoß gegen diese Gesetze genügt es, im Gegensatz zu einem religiösen Vergehen, nicht, um Vergebung zu bitten, sondern man erfährt Sanktionierung durch den Staat.

Betrachtet man den Schuldbegriff auf philosophischer Ebene, so ist die moralisch-ethische Schuld nicht zu vernachlässigen. Diese bezieht sich auf die Missachtung unserer moralischen Richtlinien, die ein soziales und humanes Miteinander ermöglichen sollen. Die einzige Möglichkeit, ein moralisches Vergehen zu kompensieren, ist um Verzeihung zu bitten und sich von Grund auf zu charakterlich zu bessern.

3. Das Schuldmotiv in Franz Kafkas „Der Proceß“

Wie einleitend beschrieben, beschäftigt sich diese Hausarbeit insbesondere mit dem Schuldmotiv in Franz Kafkas Werk „Der Proceß“. Dem Roman gelingt es nicht nur, den Protagonisten in seiner komplexen Situation der Verhaftung im völligen Unklaren stehen zu lassen, sondern es fällt ebenso dem Leser schwer zu beurteilen, ob Josef K. nun tatsächlich schuldig ist oder nicht. Denn der Begriff der „Schuld“ lässt sich im Rahmen der Handlung nicht so einfach definieren, wie es unter normalen Umständen gelingen würde, denn es „[…] ist keine nach den geltenden Rechtsnormen, sondern nur unter der Voraussetzung eines "höheren" Gesetzes faßbare Schuld, die sich Geltung verschafft; es ist eine diffuse, nicht genau beschreibbare Schuld; es ist verdrängte, aber nicht verdrängbare Schuld; sie wird durch das Hinzutreten merkwürdiger Umstände und Instanzen zum Gegenstand der Selbstausei-nandersetzung des Helden und des Lesers.“

Es ist eindeutig, dass das Gericht Josef K. für schuldig hält, denn sein Schuldigsein -oder zumindest der dringliche Verdacht darauf- ist Voraussetzung, dass eine Verhaftung, wie sie der Protagonist an seinem dreißigsten Geburtstag überraschend erleben muss, vollzogen werden darf. Mit anderen Worten bedeutet dies, „[…] daß die Schuld schon da ist im Augenblick der Verhaftung. […] Denn seine Schuld hat das Gericht an-gezogen, zur Verhaftung genötigt.“ Doch es scheint, als halte selbst Franz Kafka, der Erschaffer Josef K.s, seinen eigenen Helden für schuldig. In einem Tagebucheintrag bringt er diese Überzeugung auf Papier, indem er sagt: „Karl Roßmann (der Held des verschollenen Amerika-Fragments) und Josef K. der Schuldlose und der Schuldige- […]“ Doch selbst wenn man die Frage, ob Josef K. nun schuldig ist oder nicht, dadurch als vorerst beantwortet erklärt, so stellt sich dadurch automatisch die nächste, nicht we-niger schwierige: Worin besteht seine Schuld?

3.1 Das Fehlverhalten Josef K.s

3.1.1 Juristische Schuld

Obwohl eine Vielzahl wichtiger juristischer Begriffe in Kafkas „Proceß“ verwendet wer-den, ist K.s Verfahren von unserer rechtsstaatlichen Gerichtsbarkeit weit entfernt. Bereits im ersten Satz des Werkes fällt das Wort „verhaftet“ , welches von Anfang an impliziert, dass Josef K. im Verdacht steht, einer juristischen Angelegenheit schuldig zu sein. Dennoch ist die Justiz in der Welt von Kafkas Proceß keinesfalls mit der unseren vergleichbar. „Der Roman beginnt wie ein Kriminalroman mit den üblichen Sequenzen eines juristischen Verfahrens: K's Verhaftung, sein Verhör, seine Verteidigung durch den Advokaten Huld, sein Todesurteil und die Hinrichtung. Doch in diesem augenscheinlich normalen Verfahren bemerkt man das Fehlen oder die Abänderung einiger wichtiger Bindeglieder.“ In der Tat lässt sich diese Normalsequenz in K.s Prozess nicht vollständig auffinden, da wichtige Bestandteile schlichtweg ausgelassen werden: „Auffallend ist zunächst, daß die Anklage gegen K. von ihm selbst erstmals und überhaupt allein ins Spiel gebracht wird.“ Trotz der Verhaftung kommt es nie zu einer tatsächlichen Anklage, wie es der Aufseher persönlich K. gegenüber betont: „Ich kann Ihnen auch durchaus nicht sagen, daß Sie angeklagt sind oder vielmehr ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht.“ Auch eine Bestätigung des Urteils findet nie statt, stattdessen wird Josef K.s Urteil, die Hinrichtung, lediglich vollstreckt. Die Frage nach dem Vergehen des Protagonisten sowie insbesondere nach dessen Schuld, bleibt offen und unbeantwortet. Doch obwohl wir als Leser nie konkret erfahren, weshalb er verhaftet und zu Ende sogar hingerichtet wird, so hat Josef K. sich dennoch im Laufe der Handlung einige juristische Fehltritte erlaubt. Bei seiner ersten Untersuchung beschwert sich K. öffentlich und lautstark über die vermeintliche Korruption der Beamten des Gerichts, er bezeichnet diese sogar als eine „korrupte Bande“ . Trotz dieses Vorwurfs lässt sich Josef K. zu einem späteren Zeitpunkt dasselbe sogar zweimal zu Schulden kommen. Als er kurz darauf in einer Rumpelkammer einen Prügler er-wischt, der sich an zwei Wächtern vergeht, bietet er diesem Geld, wenn er im Gegenzug dafür aufhöre: „Gibt es keine Möglichkeit den zwein die Prügel zu ersparen […] Ich wür-de Dich gut belohnen, wenn Du sie laufen läßt.“ Auch als Josef K. die Hilfe des Malers Titorelli in Anspruch nimmt, kauft er dessen Gemälde im Gegenzug zu dessen guten Beziehungen zu den Richtern, was ebenfalls als Korruption bezeichnet werden kann. Nachdem der Maler ihm durchaus hilfreiche Informationen zukommen ließ, möchte K. ihm dies entlohnen: „, Packen Sie alle Bilder ein´, rief er, dem Maler in die Rede fallend, ,morgen kommt mein Diener und wird sie holen.‘“ Doch auch wenn man von K.s korruptem Fehlverhalten absieht, so gibt es noch einen weiteren juristischen Aspekt, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Denn laut unserer Justiz schützt Unwissenheit letztlich nicht vor Strafe. Josef K. gibt an einer Stelle des Werkes direkt zu, dass er die Gesetze nicht gut kennt: „Dieses Gesetz kenne ich nicht.“ , worauf ein Wächter ihm erwidert: „Sieh Willem er gibt zu, er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig schuldlos zu sein.“ Man könnte also sagen, dass K.s Unkenntnis des Gesetzes Ein-fluss auf seine Schuld hat. Es wäre also durchaus möglich, dass K. gegen eine Vor-schrift verstoßen hat, sich jedoch nur aus dem Grund für unschuldig hält, weil er von diesem Gesetz keine Kenntnis besitzt.

3.1.2 Moralische und religiöse Schuld

Gesetzesverstöße sind jedoch nicht die einzigen Vergehen, aufgrund derer eine Person schuldig werden kann. Moralische Vergehen können genauso gravierend sein und sind daher nicht zu vernachlässigen. Auch der bereits erläuterte Bereich der religiösen Schuld ist für Gläubige durchaus bedeutend, weshalb auch dieser durchaus von Relevanz ist. Während K.s Verhaftungsszene zu Beginn des Romans, beteuert dieser stets unschuldig zu sein und keinesfalls zu wissen, was man ihm vorwerfen könne. Als er sich dann, auf Befehl der Wächter, entrüstet in sein Zimmer zurückzieht, „nahm [er] vom Nachttisch einen schönen Apfel […]“ . Obwohl man das Essen eines Apfels keinesfalls als Vergehen bezeichnen kann, könnte man dies jedoch auf religiöser Ebene deuten. Es stellt nämlich im Christentum ein Motiv für die Sünde dar, da es an den Sündenfall Adam und Evas erinnert. Daher könnten die besondere Betonung und Schilderung da-von, wie K. diesen Apfel isst, ein Hinweis auf dessen Schuld sein. Doch zudem finden sich auch tatsächliche moralische Vergehen, welche sich Josef K. zuschulden kommen lassen hat. Ein Beispiel hierfür ist sein Verhalten gegenüber Frauen, insbesondere Fräu-lein Bürstner. Als er diese nach der Verhaftung in ihrem Zimmer aufsucht, um sich für mögliche Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, endet dies damit, dass er sie bedrängt und küsst „[…] wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quell-wasser hinjagt.“ Einer Frau körperlich nahe zu kommen, obwohl man merkt, dass sie dies eigentlich nicht möchte, ist moralisch verwerflich. Auch gegenüber seiner Familie verhält sich Josef K. nicht gänzlich korrekt. „Wir wissen von Josef K. (das ist seine Schuld!), daß er die Familienbindungen vernachlässigt hat, daß er bis zu seinem dreißigsten Jahr eigentlich nichts verfolgt hat als seine Karriere […]“ Sein Onkel, der ihn aufgezogen hat und extra anreist, bezeichnet K. als „Das Gespenst vom Lande“ . Dieser hat bei seinem Besuch die alleinige Intention, K. behilflich zu sein, indem er ihm einen Termin bei einem Advokaten beschafft, denn „K. ist allein gar nicht auf den Ge-danken gekommen, sich einen Verteidiger zu nehmen.“ Trotzdem ist „[D]der Versuch, K. Gutes zu tun, [ist] gescheitert; K. hat sich mit dem Dienstmädchen des Advokaten vergnügt, statt sich ernsthaft für seine Verteidigung zu interessieren.“ ´

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Schuld in Kafkas "Proceß". Schuld und Unschuld des Josef K.
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
9
Katalognummer
V997764
ISBN (eBook)
9783346371263
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, schuld, kafkas, proceß, unschuld, josef
Arbeit zitieren
Jennifer Paatsch (Autor), 2019, Das Motiv der Schuld in Kafkas "Proceß". Schuld und Unschuld des Josef K., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997764

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Motiv der Schuld in Kafkas "Proceß". Schuld und Unschuld des Josef K.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden