Vergleich der Frauenrolle in der "niederen" und in der "hohen" Minne. Am Beispiel von Walther von der Vogelweide und Reinmar dem Alten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frauenlieder und die Rolle der Frau im Minnesang

3. Hohe Minne
3.1 Frauenbild der hohen Minne
3.2 Beispielgedicht „ Swaz ich nu niuwer maere sage “ von Reinmar der Alte

4. Niedere Minne
4.1 Frauenbild der niederen Minne
4.2 Beispielgedicht „ Under der linden “ von Walther von der Vogelweide

5. Fazit und Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die mittelalterliche Liebeslyrik sowie deren Motive und die Beziehung zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht beschäftigte nicht nur zeitgenössische Dichter und Lyriker, sondern fasziniert die Autoren bis zur heutigen Zeit. Die verschiedenen Formen des Minnesangs thematisieren die höfisch-ritterliche Liebe in zahlreichen Facetten, welche nicht nur von den vorherrschenden Idealen der jeweiligen Zeit, sondern insbesondere auch durch die Gesellschaft und deren soziale Regeln und Normen geprägt sind. Die Unterscheidung zwischen „hoher Minne“ und „niederer Minne“ stellt ein bedeutendes und reichlich untersuchtes Thema dar und bietet bezüglich der Liebesthematik und der Frauenrolle einen großen Interpretationsspielraum.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Frau im Minnesang, wobei ein Vergleich zwischen der niederen und hohen Minne gezogen wird. Auch die sogenannten „Frauenlieder“ werden benannt und zur Interpretation herangezogen. Dazu werde ich mich zunächst, zur Einführung in das Thema, allgemein mit den Frauenliedern und der Rolle der Frau in der mittelalterlichen Liebeslyrik auseinandersetzen. Im Anschluss daran liegt der Fokus auf der hohen Minne, wobei die Merkmale dieser Minneform und deren Frauenbild analysiert und daraufhin anhand des Beispielliedes „Swaz ich nu niuwer maere sage“ von Reinmar dem Alten aufgezeigt werden. Im nächsten Kapitel folgt der Übergang zur niederen Minne, wobei insbesondere das in dieser Minneform vorherrschende Frauenbild von Relevanz ist. Dies wird anschließend durch das Lied „Under der linden“ von Walther von der Vogelweide veranschaulicht. Die aus meiner Arbeit gewonnenen Ergebnisse werden abschließend nochmals zusammenfassend und in Form eines Fazits dargelegt.

2. Frauenlieder und die Rolle der Frau im Minnesang

In der frühen Literaturforschung ist der Begriff „Frauenlieder“, wie er in der heutigen Zeit verwendet wird, nicht vorzufinden, da zur damaligen Zeit davon ausgegangen wurde, dass alle Lieder der mittelalterlichen Liebesdichtung ausschließlich von männlichen Sängern stammen. Erst später, als William Scherer die These aufstellte, dass einige Lieder durchaus auch von weiblichen Interpreten stammen könnten und erstmals die Gattung „Frauenlieder“ in die wissenschaftliche Diskussion einführte1, trat die Rolle der Frau in den Vordergrund. Seit dem 19. Jahrhundert ist der Terminus als Gattungsbezeichnung geläufig und wird immer dann verwendet, wenn das singende bzw. sprechende Ich eines lyrischen Werkes weiblich ist oder der Interpretation zufolge als weiblich erachtet wird.2 Unter die Gattung der „Frauenlieder“ zählen auch einzelne „Frauenstrophen“, bei welchen ein weibliches Ich nur in einzelnen Strophen, statt im gesamten Lied, zu Wort kommt. Ebenso sind die Begriffe „Frauenklage, Frauenmonolog oder Frauenrede“3 im selben Kontext gebräuchlich. In der gallego-portugiesischen Lyrik des Mittelalters werden Frauenlieder auch als „Freundeslieder“4 bzw. „Cantiga de Amigo“5 bezeichnet. Im Gegensatz dazu heißen die Lieder mit männlicher Stimme „Cantiga de Amor“6, was übersetzt „Liebeslied“ bedeutet und somit alle Lieder, welche sich um die Liebe drehen, einschließt. Obwohl Frauenlieder dieser begrifflichen Abgrenzung zufolge also nur eine Ausnahme von zahlreichen Liebesliedern mit männlicher Stimme darstellen, nehmen sie einen großen Teil der lyrischen Produktion ein und sind heutzutage sehr bekannt und in der Forschungsliteratur gefragt. Da das Geschlecht des Sprechers nicht immer direkt deutlich wird, sondern oftmals interpretatorischen Spielraum lässt, bedarf es „der ausdrücklichen verbalen Indizierung“7, damit eine Strophe bzw. ein Lied mit Sicherheit als Frauenrede bezeichnet werden kann. Daher gibt es einige Merkmale, wie beispielsweise erzählerische Ergänzungen, welche das Geschlecht für den Leser offenbaren: „So sprach die Frau.“8 Die Gattungsbezeichnung „Frauenlieder“ bringt jedoch auch eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich, vor allem bei der Interpretation der Lieder: Zum einen darf eine weibliche Stimme nicht mit einem weiblichen Verfasser gleichgesetzt werden, denn meist werden Frauenlieder als sogenannte „Rollenlieder“9 interpretiert. Diese haben einen männlichen Autor, der in die Rolle einer Frau schlüpft und dieser seine Stimme verleiht. Dies bedeutet, dass von der inhaltlichen Aussage des weiblichen, lyrischen Ichs nicht ohne Weiteres Rückschlüsse auf die Frauen und deren Rolle gezogen werden können. Es ist vielmehr zu beachten, dass alles, was die weibliche Stimme sagt, von den Wahrnehmungen und Meinungen eines Mannes geprägt sein könnte. Des Weiteren ist „Männerlied“ im Gegensatz zu den Frauenliedern keine gebräuchliche Gattungsbezeichnung, sondern stellt die Regel dar: „Offenbar fungiert […] das ‚Männliche‘ als eine Norm, so daß es im Unterschied zum Abweichenden, zum Partikularen – zum Weiblichen – nicht eigens benannt werden muß“10. Es ist also davon auszugehen, dass alle Lieder, die nicht explizit als Frauenlied gekennzeichnet sind, eine männliche Stimme haben. Die männliche Stimme und das männliche Geschlecht allgemein sind dominant, was sich auf die Rolle der Frau im Mittelalter zurückführen lässt: Dass die Frau dem Mann in der gesellschaftlichen Norm untergeordnet war, wirkt sich ebenso auf die Literatur und Dichtung aus, denn weibliche Dichterinnen waren infolge der damaligen Zeit und gesellschaftlichen Ordnung eher selten. Von den semantischen Motiven in Frauenliedern sowie der Bedeutung der weiblichen Stimme für den Inhalt des Liedes lassen sich Rückschlüsse auf das Frauenbild der damaligen Zeit ziehen: Ingrid Kasten zufolge weist die weibliche Stimme kaum inhaltliche Grenzen auf, sondern ist diesbezüglich sehr offen und vielseitig einsetzbar.11 Was zunächst wie ein Zuspruch für die Frauenlieder klingt, stellt sich als problematisch heraus, da die Frauenstimme in der mittelalterlichen Liebeslyrik nur für sehr homogene und inhaltlich flache Themen eingesetzt und verwendet wird. So lassen sich in Frauenliedern bzw. Frauenstrophen stets wiederkehrende Motive herausfiltern: Schwärmereien von dem Liebsten, Trennungsschmerz, Sehnsucht nach dem Geliebten, Klage über die Untreue des Mannes und die Sorge, ihn an eine andere Frau zu verlieren.12 Die Frauenstimme wird also eher für oberflächliche und als „weiblich“ erachtete Motive verwendet, wobei komplexere oder tiefer gehende Themen fast ausschließlich durch eine männliche Stimme ausgedrückt werden. Dies könnte daran liegen, dass Männer in der damaligen Zeit als intellektueller und gebildeter betrachtet wurden und demzufolge von der Gesellschaft in ernstzunehmenden Themen eher angehört wurden als Frauen. Die Frauenstimme ist der Männerstimme also gesellschaftlich untergeordnet.

3. Hohe Minne

3.1 Frauenbild der hohen Minne

Die hohe Minne wird als klassische Form des Minnesangs betrachtet und daher oftmals „mit dem Minnesang schlechthin gleichgesetzt“13. Der Begriff „hohe Minne“ wird in der Lyrik selbst nur selten als solcher erwähnt, er fiel erstmals bei Friedrich von Hausen, welcher als erster Vertreter des hohen Minnesangs gilt.14 In der hohen Minne gibt es keine Frauenstrophen oder Frauenlieder, da sich klassischerweise nur ein männliches lyrisches Ich äußert. Der Frau selbst wird keine eigene Stimme verliehen, sie übernimmt den passiven Part als Objekt der Begierde des Mannes. Die hohe Minne betrachtet eine „vollkommene Frau als Wunschbild“15, teilweise wird die Frau sogar als „Minneherrin“16 bezeichnet, welcher sich der Mann unterwirft und zu der er aufschaut: „Es ist das Bild der vollkommenen, unerreichbaren frowe, die von einem Mann hoffnungslos angebetet wird.“17 Sie erscheint als kühl, distanziert und hochmütig. Zudem handelt es sich bei der Dame der hohen Minne meist um eine hochadlige, verheiratete Frau, da sie durch den Bund der Ehe erstmalig ins höfische Geschehen tritt und sich nun in unmittelbarem Umfeld von den anderen Männern befindet, welche dadurch die Gelegenheit haben, sie näher zu betrachten und zu umwerben.18 Die Tatsache, dass die von dem Minnesänger begehrte Frau meist bereits vergeben ist, verstärkt die Distanz und lässt sie noch unerreichbarer wirken. Die hohe Minne kann auch als Liebesform per se betrachtet werden. Dem Autor Friedrich Neumann zufolge gibt es drei Liebesformen, die voneinander differenziert werden müssen: Die erste Liebesform ist die sogenannte „geistige Liebe“19, welche auch als „echte Liebe“20 bezeichnet werden kann. In diesem Fall handelt es sich um eine gegenseitige Liebe, welche bis ins tiefste Innere, also bis zur Seele, reicht. Diese Liebesform hat die Ehe als Ziel und endet auch in den meisten Fällen mit einer Heirat und einem gemeinsamen Leben. Die zweite Liebesform ist die „rohe Triebminne“21, welche im Gegensatz zur geistigen Liebe keine seelische Verbundenheit, sondern lediglich Lust und Sexualität als Motiv hat. Denn die Triebminne basiert ausschließlich auf Körperlichkeit und oberflächlicher Liebe. Das Innere des Menschen spielt in diesem Fall keine Rolle. Auch eine Ehe ist ausgeschlossen, denn die Liebe endet dann, wenn der Wunsch nach Befriedigung der Lust, erreicht wurde.22 Der Autor bezeichnet dies als „niedere Minne“23. Ob und inwieweit dies mit der niederen Minne, welche als Minneform in dieser Hausarbeit behandelt wird, übereinstimmt, wird später geklärt. Als dritte Liebesform gilt nun die hohe Minne. Diese ist in jeder Hinsicht von Distanz geprägt, sowohl körperlich als auch geistig. Allerdings kann man eine gewisse Gemeinsamkeit mit der echten Liebe feststellen: Auch die hohe Minne ist ein „Akt der Seele“24, da der Minnesänger die Frau aus tiefster Seele für sich möchte und ihr all seine Treue und Liebe verspricht. Jedoch basiert die echte Liebe auf Gegenseitigkeit; man begehrt und liebt den Partner mit all seinen Fehlern und schlechten Eigenschaften. In der hohen Minne dagegen kommt die Liebe nur von Seiten des Mannes, die Frau tritt passiv und distanziert auf. Zudem liebt der Mann ein Idealbild der Frau, das nicht der Realität entspricht. Die Frau wird nicht so betrachtet, wie sie tatsächlich ist, sondern idealisiert und perfektioniert. Man könnte sie vielmehr als eine „Idee der Frau“25 bezeichnen, denn jegliche Individualität verschwindet und wird ausgeblendet. Der Mann liebt ein realitätsfernes Wunschbild, sieht zu diesem auf und ist sich kläglich über dessen Unerreichbarkeit bewusst. Er unterwirft sich dieser Frau und hofft darauf, dass seine Treue belohnt wird, indem jene sich ihm zuwendet und seine Liebe erwidert.26 Die Gefahr der hohen Minne besteht paradoxerweise in genau dem, was sich der männliche Sänger kläglich wünscht und worum er bettelt: die Überwindung der Distanz zur Frau. Denn durch diese Überwindung würde der Mann die Frau näher kennenlernen – mit all ihrer Individualität und ihren Schwächen, wodurch sich das selbstgeschaffene Idealbild, je näher er die Frau kennenlernt, nach und nach auflösen würde. An dieser Stelle würde die hohe Minne enden und in Abhängigkeit davon, wie gut die beiden miteinander harmonieren, entweder zur Triebminne oder zur echten Liebe werden.27 Die hohe Minne ist also darauf ausgelegt, dass der Mann klagt und leidet – eine Erfüllung seiner Wünsche und Liebe ist nicht vorgesehen. Aus diesem Grund kann die hohe Minne auch als „Werbeminne“28 bezeichnet werden, da sie sich lediglich um den werbenden Mann dreht, nicht um eine tatsächliche Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Der Dichter Reinmar der Alte, dessen Lied im folgenden Kapitel analysiert wird, gilt ebenfalls als Vertreter der hohen Minne. Er beschreibt seine Minneklage als ein „schönes Leid“29, ein künstlerisches Erlebnis, welches das Leid und das nicht endende Klagen erträglich macht. Man bezeichnet diese Art des Euphemismus als „Ästhetisierung der Minne“30, da er seinen Schmerz und seine Sehnsucht nach seiner Herzensdame ästhetisch darstellt und beschönigt, als würde er es stückweise genießen. Es ist auffällig, dass in der hohen Minne die Geschlechterrollen im Vergleich zu der gesellschaftlichen Ordnung scheinbar umgekehrt werden, denn der Mann unterwirft sich der Frau und stellt sich dadurch unter sie, obwohl die Frau im Mittelalter dem Mann gesellschaftlich und sozial untergeordnet war.

3.2 Beispielgedicht „ Swaz ich nu niuwer maere sage “ von Reinmar der Alte

Die im vorherigen Kapitel gewonnenen Kenntnisse über die hohe Minne sollen nun an dem Beispielgedicht „ Swaz ich nu niuwer maere sage “ von Reinmar dem Alten veranschaulicht werden. Reinmar der Alte ist einer der bedeutendsten Minnesänger zum Ende des 12. Jahrhunderts und einer der bekanntesten Vertreter der hohen Minne, weshalb seine Lieder für das Behandeln dieser Minneform besonders geeignet sind. In dem für diese Arbeit ausgewählten Gedicht sind die Schlüsselmotive zum einen das Lob und die Verherrlichung der Frau und zum anderen die immerwährende Klage und das nicht endende Leid über die Unerreichbarkeit der Dame. Dies sind die leitenden Motive der hohen Minne, weshalb sich das Lied deutlich dieser Minneform zuordnen lässt.31 Bereits in der ersten Zeile der ersten Strophe, welche zeitgleich namensgebend für das Lied war, bezeichnet der männliche Sänger sein Leid als einen konstanten Zustand, denn bevor er mit seiner Klage beginnt, weist er darauf hin, dass es nichts Neues zu sagen gebe: „Swaz ich nu niuwer maere sage“ (MF 165,10). Damit betont er den endlosen Zustand seiner Minneklage. Direkt im Anschluss an diesen einleitenden Hinweis beginnt sich das männliche Ich zu rechtfertigen und zu verteidigen. Er legt offenkundig Wert auf die Meinung der „vriunt“ (MF 165, 12) und auch des Publikums, welches zur damaligen Zeit meist aus dem Adel bestand und dem Dichter gegenüber eine wertende Position einnahm. Der Sänger betont, dass die Dame die alleinige Schuld an seinem Leid trägt, er selbst zieht sich hierfür vollständig aus der Verantwortung, indem er sagt, dass er „âne schult“ (MF 165, 16), also ohne Schuld, sei. Daraufhin wird inhaltlich direkt zu dem eigentlichen Thema des Liedes gelenkt: der „herzeliebe“ (MF 165, 17) bzw. der Dame seines Herzens. Das Wohlbefinden des Sängers ist abhängig von seiner Angebeteten und deren Verhalten; er weiß selbst, dass seine Klagelieder dem Publikum keine Freude bringen: „sône hât an mîner vröude nieman niht“ (MF 165, 18). Die zweite Strophe des Liedes beginnt mit einer Kritik bzw. einem Vorwurf an die Gesellschaft. Mit den „hochgemuoten“ (MF 165, 19) meint er den gesellschaftlichen Adel, welcher seiner Liebe gegenüber der Frau kein Verständnis zeigt und diese in Frage stellt. Das männliche Ich verteidigt sich und seine Gefühle sofort, indem er klarstellt, dass dies eine Lüge sei: „si liegent und unêrent sich“ (MF 165, 21). Es wird an dieser Stelle deutlich, dass er dazu bereit ist, gesellschaftlichen Spott für die Liebe in Kauf zu nehmen; auch in der ersten Strophe spricht er bereits davon, dass er das Gerede und Gespött seiner Freunde über sich ergehen lässt. Anschließend kommt er thematisch wieder auf seinen Herzschmerz zurück und beklagt sich darüber, dass die Dame ihm für sein Leid keinen Trost spendet, sondern sich kalt und lieblos verhält: „Nie getrôste sî dar under mir den muot“ (MF 165, 23). Trotz allem bewahrt er Geduld – so gut er es kann: „muoz ich […] erbeiten, als ich mac.“ (MF 165, 24f.). Die Strophe endet mit einem Ausruf der Verzweiflung, welcher zugleich einen Appell an die Dame darstellt, sein Leid zu beenden und ihm endlich wieder ein bisschen Freude zu verschaffen. In der dritten Strophe wird die Zugehörigkeit zur hohen Minne besonders deutlich, da sich nun alles um das Lob der Dame und deren Idealisierung dreht, was für die hohe Minne besonders charakteristisch ist. Der Sänger verfällt in eine Schwärmerei und will seinem Publikum vor Augen führen, weshalb er seine Herzensdame so sehr liebt: „ Sô wol dir wîp, wie rein ein nam!“ (MF 165, 28) - mit diesem Ausruf beginnt er die Strophe und es wird deutlich, dass sich seine Stimmung hebt, sobald er über sie spricht. Allerdings fällt auf, dass er seinen vorher getroffenen Aussagen zum Teil widerspricht, da er die Frau in der vorigen Strophe als kaltherzig beschrieben hat, nun aber über ihre perfekte und lobenswerte Art schwärmt: „Ez wart nie niht sô lobesam […]“ (MF 165, 30) . Das männliche Ich hat offensichtlich ein verzerrtes, perfektioniertes Bild von ihr; sie tut angeblich stets das Richtige und Gute, ist jedoch andererseits kalt und distanziert zu ihm. Es scheint beinahe so, als würde er sein Leid genießen und somit ästhetisiert darstellen, wofür Reinmar der Alte und seine Version der hohen Minne bekannt ist. Die Strophe endet erneut mit der Bitte an die Dame, seine Liebe zu erwidern und ihm Zuneigung und Freude zu schenken. Die vierte Strophe unterscheidet sich von den Bisherigen, denn nun klagt der Sänger nicht mehr nur über die unerwiderte Liebe zu seiner Angebeteten, sondern befindet sich in einem emotionalen Dilemma. Er ist zwiegespalten, da er einerseits, wie bereits vorher erläutert, auf ihre Liebe hofft, andererseits jedoch wünscht er sich, dass die Dame ihre Tugend behält und unbefleckt beziehungsweise rein bleibt: […] sî vil saelic wîp besté mîn und áller manne vrî“ (MF 165, 42) . Da die Strophe damit endet, dass er abermals um die Liebe der Frau bittet, ist davon auszugehen, dass er dies ihrer Tugend vorzieht. Die ausweglose Situation besteht darin, dass der Sänger nur zwei Möglichkeiten hat: Die erste Möglichkeit besteht darin die Tugend und Makellosigkeit der Frau zu bewahren und sie wie bisher von der Ferne zu bewundern, wodurch er allerdings zu endloser Klage und Leid verdammt wäre. Die Alternative bestände darin, der Frau näherzukommen und ihr somit ihre Tugend zu nehmen, wodurch das idealisierte Bild verändern werden würde. Aus diesem Grund bleibt die hohe Minne in der Regel eine Werbeminne und keine tatsächliche Liebesbeziehung. In der letzten Strophe wird abschließend noch einmal die Verzweiflung des Mannes betont, welche er in Form von einer Frage formuliert. Er kann nicht verstehen, warum er trotz seiner Mühen nicht ihre Gunst gewinnen kann und stattdessen von ihr sichtlich vergessen wird. Er hebt sogar hervor, dass er sie lieber habe als die ganze Welt: „ und sî vor aller werlde hân “ (MF 166, 9). Wie bereits in der zweiten Strophe setzt der Sänger an dieser Stelle seine Liebe zu der Dame über seinen gesellschaftlichen Status, da mit der „Welt“ hier insbesondere die höfische Gesellschaft gemeint ist. Dies verdeutlicht erneut, wie wichtig die Liebe für ihn ist. Am Ende der Strophe wehrt er sich, ähnlich wie in der zweiten Strophe, gegen Vorwürfe, dass seine Liebe und sein daraus resultierendes Leid nicht echt seien, sondern er aus „ spotte “ (MF 166, 11) klagen würde. Es wird abschließend betont, dass all seine Klagelieder und Worte von Herzen kommen: „ wâ ich ie spreche ein wort, ezn lige, ê i’z gespreche, herzen bî. “ (MF 166, 14f.).

[...]


1 Vgl. Kasten, Ingrid: Zur Poetologie der ‚weiblichen Stimme‘. S. 6.

2 Vgl. ebd.

3 Nagasawa, Ikue: Frauenlieder im Minnesang bis Walther von der Vogelweide. S. 5.

4 Kasten, Ingrid: Zur Poetologie der ‚weiblichen Stimme‘. S. 5.

5 Ebd.

6 Ebd. S. 7.

7 Cramer, Thomas: Was ist und woran erkennt man eine Frauenstrophe? S. 20.

8 Ebd.

9 Kasten, Ingrid: Zur Poetologie der ‚weiblichen Stimme‘. S. 7.

10 Ebd. S. 8.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Schweikle, Günther: Minnesang. S. 171.

14 Vgl. ebd.

15 Neumann, Friedrich: Hohe Minne. S. 184.

16 Schweikle, Günther: Minnesang. S. 171.

17 Sievert, Heike: Die Konzeption der Frauenrolle in der Liebeslyrik Walthers von der Vogelweide. S. 136.

18 Neumann, Friedrich: Hohe Minne. S. 188.

19 Ebd. S. 184.

20 Ebd.

21 Ebd. S. 185.

22 Vgl. ebd.

23 Ebd.

24 Ebd.

25 Ebd. S. 186.

26 Vgl. Schweikle, Günther: Minnesang. S. 171.

27 Vgl. Neumann, Friedrich: Hohe Minne. S. 187.

28 Ebd. S. 188.

29 Schweikle, Günther: Minnesang. S. 173.

30 Ebd.

31 Alle mhd. Zitate aus diesem Kapitel stammen aus dem Gedicht „ Swaz ich nu niuwer maere sage “ von Reinmar dem Alten und sind mit „MF“ gekennzeichnet. Die vollständige Literaturangabe befindet sich im Literaturverzeichnis unter „Primärliteratur“.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Frauenrolle in der "niederen" und in der "hohen" Minne. Am Beispiel von Walther von der Vogelweide und Reinmar dem Alten
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V997768
ISBN (eBook)
9783346370846
ISBN (Buch)
9783346370853
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, frauenrolle, minne, beispiel, walther, vogelweide, reinmar, alten
Arbeit zitieren
Jennifer Paatsch (Autor), 2020, Vergleich der Frauenrolle in der "niederen" und in der "hohen" Minne. Am Beispiel von Walther von der Vogelweide und Reinmar dem Alten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997768

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