G. W. Leibniz - Dialogus de connexione inter res et verba


Hausarbeit, 2000

11 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. «Dialogus de connexione inter res et verba»
2. 1 Aufbau
2. 2 Systematik des Dialoges von Leibniz

3. Leibniz im Vergleich zu Aristoteles

4. Schlusswort

Bibliographie

1. Einleitung

Wahrheit ist in der Philosophie ein sehr wichtiger Bereich, der schon seit Jahrhunderten zu Diskussionen führt. Die einen Philosophen empfinden die Wahrheit als nicht erreichbar und als nicht erkennbar (Skeptiker), die Anderen denken, dass die Wahrheit auf jeden Fall erkennbar ist und die Dinge deshalb aufeinander hingerichtet seien (Dogmatiker). Dabei stellt sich erst einmal die Frage, was man unter Wahrheit versteht... doch auch in diesem Punkt sind die Philosophen weit davon entfernt, sich einig zu sein. So entstanden im Laufe der Zeit viele verschiedene Wahrheitstheorien.

In unserem Proseminar haben wir einige Grundlagen dieser Wahrheitstheorien erörtert. Dabei haben wir Texte von Aristoteles, Thomas von Aquin, Leibniz, Frege, Quine und Wahrheitstheorien des 20. Jahrhunderts genauer betrachtet. Ich möchte in meiner Arbeit versuchen, einen Einblick in einer dieser Wahrheitstheorien zu geben und einen dieser Vertreter anhand seines Textes genau zu analysieren. Leibniz erscheint mir als ein sehr wichtiger Philosoph in dieser Reihe von Wahrheitstheoretikern. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, sein „Dialogus de connexione inter res et verba“, welches aus dem Jahr 1677 stammte, unter verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren.

Im ersten Teil möchte ich den Aufbau von Leibniz’ Dialog erarbeiten. Welchen Schluss zieht er aus seinem Dialog und wie kommt er zu demselben? In einem zweiten Teil werde ich den Text genauer betrachten und überprüfen, wie Leibniz systematisch vorgeht. Ich werde dabei folgenden Fragen nachgehen: wo liegt der Unterschied zwischen Dingen und Zeichen? Ist der Text logisch aufgebaut und gibt es Widersprüche oder unklare Schluss- folgerungen? Als Abschluss werde ich versuchen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Aristoteles und Leibniz herauszuarbeiten und sie zu vergleichen.

Um noch einen kurzen Überblick über die Jahrhunderte zu geben, möchte ich einige Vertreter von den im Proseminar behandelten Theorien kurz darstellen. Für Aristoteles ist die Wahrheit das oberste Ziel und Kernstück der Philosophie. Es gilt also, die Wahrheit zu finden. Sie wird für ihn implizit definiert durch wahr oder falsch. Wahres wird dann wahr, wenn man sagt, dass Seiendes sei. Es ist die Korrelation zwischen Aussage und Tatsache. Dabei gibt es aber bestimmte Grundprinzipien, die nicht in Frage gestellt werden dürfen, und von denen alle anderen Sätze deduziert werden.

Thomas von Aquin stellt das Wahre und das Seiende als Synonyme dar. Sie haben bei ihm dieselbe Extension (Umfang), aber nicht dieselbe Intention (Bedeutung). Verum bedeutet zwar ens (seiendes), ens aber nicht nur verum. Der Mensch erkennt, weil die Welt auf die Seele hingerichtet ist.

Frege untersucht den Unterschied zwischen der Logik und der Psychologie. Die Logik erforscht die Gesetze des Wahrseins, während die Psychologie die Gesetze des Denkaktes und des Fürwahrhaltens analysiert. Die Logik gilt als Mittel zur Ergründung des Denkgegenstandes, während die Psychologie etwas über die Natur des Denkens beim Menschen aussagt. So ist Wahrheit also durch logische Gesetze definiert und wird von Sätzen gesagt.

Der Pragmatismus des 20. Jahrhunderts knüpft die Wahrheit an einen stetigen Prozess an. Dieser Prozess verändert die Wahrheit und den Prozess selbst. Wir Handeln so, wie die Theorien es uns sagen. In diesem Prozess aber kann die Wahrheit durch demokratische Abstimmung in Falschheit übergehen. Führt eine Überzeugung ans Ziel, so ist sie wahr, bzw. nützlich, führt diese Überzeugung jedoch nicht ans Ziel, ist sie falsch.

Nun möchte ich aber auf Leibniz näher eingehen.

1. « Dialogus de connexione inter res et verba » (G.W. Leibniz, 1677)

2. 1 Aufbau

Leibniz erforscht in seiner Arbeit „ de connexione inter res et verba “ die Wahrheit. Dies tut er anhand eines Dialoges zwischen A - dem Lehrer und B - dem Schüler. A leitet seinen Schüler durch diesen Dialog hindurch und stellt gemeinsam mit ihm verschiedene Thesen auf. Durch diese Thesen wird schliesslich das Verhältnis zwischen den Gedanken (cogitatio), der Wahrheit (verum) und den Sachen (res) herausgearbeitet.

Der Text von Leibniz kann in zwei Teile getrennt werden. Zuerst sucht er nach dem Wahrheitsträger. Wo ist die Wahrheit zu finden? Dieses Problem versucht er anhand des Beispiels mit dem Faden einzuleiten. Auf dieses Beispiel folgt die eigentliche Frage des

Dialogs: Hoccine verum esse putas, etiamsi a te cogitetur.

Auf diese folgen drei Thesen, welche den Teil des Truth bearer abschliessen. Die erste These besagt, dass hoc (hier als res gemeint) schon wahr ist antequam Geometrae demonstant und antequam homines observant. Daraus wird geschlossen, dass wahr beziehungsweise falsch in den Dingen (in rebus) liegen. Darauf wird aber festgestellt, dass wahr oder falsch in cogitatio liegt, und dass wahr und falsch denselben Träger haben müssen. Somit widerspricht die dritte These aber der zweiten, wo festgestellt wird, dass wahr oder falsch in den Dingen liegt. Um einen Ausweg aus diesem Widerspruch zu finden, kommt A auf die cogitatio possibilis zu sprechen, das heisst, dass wenn etwas möglicherweise gedacht wird, so kann dieser Gedanke wahr oder falsch sein.

Leibniz geht an diesem Punkt zum zweiten Teil über. Dieser beschäftigt sich mit dem Truth maker. Leibniz will in seinem Dialog einen Grund angeben, weshalb ein Gedanke wahr oder falsch ist (causa veritatis), und diesen sucht er nun zu erforschen. Auch in diesem Teil stellen die beiden Dialogführer verschiedene Thesen auf. Die erste These legt als Truth maker die Natur der Dinge fest. Jedoch kann auch die Natur des Menschen der Grund für wahr beziehungsweise falsch sein. Die rationale Seele besteht aus dem intellectus und der voluntas. Hier kann der Truth maker also in zwei Teilen der menschlichen Natur sein. Die nächste These legt fest, dass die natura rerum und die natura homines aufeinander hingerichtet sind, sodass durch das logische Schliessen die Wahrheit erreicht werden kann. Da nun die Natur des Menschen zwei Teile hat, kann die Wahrheit auf zwei verschiedene Weisen erkannt werden. Die Deduktion ist die Methode des Intellekts, von einer Wahrheit zur nächsten zu gelangen. Die Methode zur Erreichung der Wahrheit kann aber auch durch die voluntas sein. Im Text steht:

Quidam viri docti putant veritatem oriri ab arbitrio humano et ex nominibus seu characteribus.

Hier spricht er vor allem Hobbes an, der die Theorie vertritt, dass der Wille des Menschen die Methode steuert und sie daher vom Menschen abhängig ist. Der Beweis der Theorie wird im Dialog direkt angehängt. Da die Definition zur Beweisführung verwendet wird, hängt die Wahrheit von der Definition ab, und diese werden durch die voluntas des Menschen formuliert. Der Schüler bringt darauf das Gegenargument, dass der Prozess des Denkens auch ohne Wörter vollzogen werden kann. Dabei ist aber zu beachten, dass es verschiedene Zeichen (signis ) gibt. Es gilt, zwischen den Wörtern, den Zahlen und den Symbolen zu unterscheiden. Gedanken sind sehr wohl ohne Wörter möglich, jedoch nicht zum Beispiel das Addieren oder Subtrahieren. Wenn die Wahrheit also von den Zeichen abhängig ist, die von uns willkürlich ausgewählt werden, so ist sie auch von der voluntas abhängig. Jedoch ist zu beachten, dass 2 + 2 überall 4 ergibt, egal in welcher Sprache oder auf welchem Erdteil gerechnet wird.

Dieser Widerspruch zwischen den willkürlich gewählten Gedanken, und der Tatsache, dass 2 + 2 überall 4 ergibt, also unwillkürlich ist, muss nun beseitigt werden. Leibniz löst dieses Problem, indem er ausführt, dass wir zwar die signis willkürlich wählen, diese aber in einer bestimmten Ordnung stehen, wenn wir sie zur Beweisführung gebrauchen. Die Zeichen sind für unser Denken deshalb eine Notwendigkeit, wenn wir zur Wahrheit gelangen wollen. Diese Ordnung stellt ein Verhältnis zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten her. Wichtig ist, dass das Verhältnis zwischen den Zeichen dem Verhältnis zwischen den Dingen entspricht und genau darin liegt für Leibniz die Wahrheit. Ist 2 + 2 = 4 als Zeichen wahr, so ist auch wahr, wenn ich zum Beispiel zwei Äpfel in einen Korb lege und ein Anderer zwei Stück in denselben Korb legt, dann vier Stück darin liegen. Die Wahrheit liegt nun nach Leibniz weder in den Zeichen, noch in den Äpfeln, sondern im Verhältnis zueinander.

Et haec proportio sive relatio est fundamentum veritatis.

Es ist also unabwendbar, dass wir Zeichen gebrauchen und sie willkürlich wählen. Dies kann Hobbes zugestanden werden, denn die Bedeutung der Zeichen setzt das Verhältnis bereits voraus. Dabei ist es egal, ob wir 4 durch (6 - 2) ausdrücken oder durch (3 + 1), es bedeutet im Endeffekt immer 4. So wählen wir zwar die Zeichen willkürlich, jedoch beruhen diese Zeichen nicht auf der Willkür, sondern auf dem Verhältnis zwischen den Zeichen und den Dingen, worauf die voluntas keinen Einfluss hat und welches beständig ist. Werden die Zeichen zu bestimmten Schlussfolgerungen gebraucht, so ändern sich die signis zwar, jedoch sind die Verhältnisse bekannt und sie haben eine feste Bindung zu den vorhergehenden Zeichen. Schlussfolgerungen kann ich nicht willkürlich wählen, sie werden nach bestimmten Regeln gezogen. Stimmt das Verhältnis des Ausgangspunktes zwischen Zeichen und Dingen, und gehe ich nach den logischen Gesetzen vor, komme ich von einer Wahrheit zur nächsten.

2. 2 Systematik des Dialoges von Leibniz

Der Dialog von Leibniz zwischen dem Lehrer und dem Schüler geht darauf hinaus, dass die Wahrheit darin liegt, dass das Verhältnis zwischen den Zeichen und den Dingen wahr sein muss. Welcher Unterschied aber liegt zwischen Zeichen und Dingen? Gibt es Widersprüche oder unklare Schlussfolgerungen?

Der Lehrer beginnt damit, dass er seinen Schüler absichtlich in einen Widerspruch hineinführt. Zuerst behauptet er, die Wahrheit liege in den Dingen, schon ein paar Sätze später kommt er zum Schluss, dass sie in den Gedanken liegt. Diesen Widerspruch gilt es nun irgendwie aufzuheben und eine Verbindung zu finden. Bereits hier ist die Grundvoraussetzung für Leibniz’ Definition von Wahrheit gegeben, nämlich die Gedanken und die Dinge. Den Ausweg aus diesem Gegensatz macht der Lehrer, indem er auf die cogitatio possibilis zu sprechen kommt. Diese besagt, dass:

veritatem esse propositionum seu cogitationum, sed possibilium , ita ut illud saltem certum sit, si quis hoc aut contrario modo cogitet, cogitationem ejus veram aut falsam fore.

Somit liegt die Wahrheit in den Gedanken, aber nicht nur in den Existierenden, sondern auch in den Möglichen. Aber kann man tatsächlich sagen, dass es mögliche Gedanken gibt? Ist so der Widerspruch tatsächlich aufgehoben? Wenn es mögliche Gedanken gibt, so gibt es auch mögliche Dinge, geht man konsequent nach seiner Theorie vor. Denn sind die Gedanken möglich, das heisst sie können gedacht werden, oder auch nicht, und muss das Verhältnis zwischen Dingen und Gedanken stimmen, so muss es auch mögliche Dinge geben. Diese Aussage aber steht in einem Widerspruch zu Artistoteles’ Theorie des Tertium non datur. Danach kann etwas existieren, oder auch nicht. Ein möglicherweise existentes Ding ist nicht beweisbar und deshalb auch nicht existent, solange nicht das Gegenteil nachgewiesen wurde. Das einzige, was mit Sicherheit gesagt werden kann ist, dass dieser Gedanke wahr oder falsch sein wird.

Nun ist aber ein Grund zu suchen, weshalb etwas wahr beziehungsweise falsch ist. Dieser Grund liegt einerseits in der Natur der Dinge, das heisst er ist bereits vorgegeben. Andererseits ist er in der Natur des Menschen zu finden. Hier werden zwei verschiedene Theorien angesprochen. Die Eine stellt den Intellekt als dazu fähig dar, zu erkennen, was wahr und falsch ist, weil der intellectus des Menschen logisch schliessen und so die Wahrheit erkennen kann. Die andere Theorie vertritt die Ansicht, dass der Mensch durch seinen Willen die Zeichen und Ausdrücke wählt, und deshalb die Wahrheit von der voluntas des Menschen abhängig ist. Diese Theorie hat aber nach Leibniz einen Widerspruch in sich. Warum nämlich ist die Geometrie oder andere Wissenschaften überall gleich, egal in welcher Sprache sie geführt werden, wenn die Wahrheit von den Zeichen abhängt, und auch wenn sie andere Namen haben? Leibniz versucht nun diesen Widerspruch aufzuheben und entwickelt diese Theorie weiter. Dies tut er folgendermassen:

Für Leibniz genügt das Für wahr halten. Das heisst, es reicht, dass wir ein Dreieck auf ein Papier zeichnen, und es für ein wirkliches Dreieck gehalten wird. Dabei sind die Figuren die geeignetsten Zeichen, da sie der Wirklichkeit am ehesten entsprechen. Diese Zeichen und Figuren haben nun, wenn sie zur Beweisführung verwendet werden, eine Verbindung, welche derjenigen in den Wörtern oder zumindest den Verbindungen der Dinge entspricht. Diese Verbindungen sind in allen Sprachen zu finden, und ihr Gebrauch ist nicht willkürlich. So findet Leibniz in dieser Erkenntnis das Fundament der Wahrheit, denn sie bewirkt, dass die Folge immer dieselbe bleibt, egal welche Zeichen wir nun verwenden, denn sie sind aufeinander hingerichtet, solange nach gewissen Regeln vorgegangen wird. Dadurch, dass die Regeln angewandt werden, bleibt eine feste Beziehung zu den vorangehenden Zeichen bestehen.

Die Regeln bestimmen also die Ordnung der Zeichen. Dies ist der nichtbeliebige Teil dieser Theorie. Woher soll man nun aber wissen, welche Regeln gut und legal anwendbar sind, und welche nicht? Sind die Regeln, nach denen man vorgehen soll, nicht auch beliebig? Geht man nach Leibniz vor, so ist die Natur des Menschen (intellectus) auf die Natur der Dinge hingerichtet. Aufgrund dieser Beschaffenheit ist es dem Intellekt möglich, die Natur der Dinge dadurch zu erkennen, dass er methodisch richtig vorgeht und so eine Aussage als schlüssig bzw. wahr erkennt. Unser Intellekt sollte also merken, welche Aussagen wahr und schlüssig sind. Eine Grundvoraussetzung ist, dass das Grundverhältnis wahr sein muss. Stelle ich also fest „es regnet heute“, so mag das zwar stimmen, was aber ist, wenn ich nach Paris gehe und es dort nicht regnet? Dann ist diese Aussage nicht mehr wahr. Wahrheit ist bei Leibniz die Übereinstimmung vom Verhältnis zwischen den Zeichen mit dem Verhältnis zwischen den Dingen. Komme ich zu so einem Problem, so könnte man meinen, Wahrheit sei relativ. Denn mache ich eine Aussage, so muss diese Zeit- und Personenunabhängig wahr / falsch sein. Dieses Problem ist vor allem durch eine Präzisierung der Formulierung aufgebbar. Denn sage ich „es regnet heute in Zürich“ so ist dies Aussage mit Sicherheit entweder wahr oder falsch. So muss man immer fragen, unter welchem System oder unter welchen Umständen man eine Aussage macht (so auch in der Logik), denn wahr bzw. falsch eines Systems kann auch von den Umständen, unter denen sie verwendet werden, abhängen. So kann etwas wahr sein, nicht weil es der Wirklichkeit entspricht, sondern weil es für uns nützlicher ist. Auch wenn wir für uns lediglich nützliche Systeme verwenden, so braucht es zumindest einige wahre Grundsätze, von denen wir ableiten können.1

Wir verwenden auch nützliche Systeme, wenn wir die Zeichen gebrauchen. Jedoch muss das Verhältnis zwischen den Zeichen als wahrer Grundsatz gelten, um das System als gültig anzuerkennen. Das angewandte System oder der Weg spielt also keine Rolle, sondern das Resultat und der Ausgangspunkt sind die wichtigen Faktoren. Das Resultat zwischen den Zeichen muss dann dem der Dinge entsprechen.

Leibniz versteht die Dinge als bereits vorhandene Gegenstände. Es gilt nun also für den Intellekt des Menschen, diese Dinge zu erfassen und zu erkennen. Dies kann nur so geschehen, dass wir die Dinge als auf uns wirkend erkennen, das heisst dort, wo der Übergang zwischen Psyche und Physis liegt. Wir erfassen so das Verhältnis zwischen den Dingen und unserem Körper. Der Intellekt selbst schafft also nur insofern etwas, dass er die Dinge, die auf ihn wirken und die ausserhalb seines Körpers bereits existieren, erfasst und kombiniert. So entsteht diese Übereinstimmung von dem Verhältnis zwischen den Dingen und demjenigen zwischen den Zeichen. Die Zeichen gehen dabei von den Gedanken aus, während die Dinge der Wirklichkeit entsprechen, und genau hier liegt der Unterschied zwischen den Zeichen und den Dingen.

2. Leibniz im Vergleich zu Aristoteles

Ich habe bereits in der Einleitung einen kleinen Überblick über Aristoteles gegeben, möchte aber, bevor ich einen Vergleich ziehe, noch kurz näher darauf eingehen. Aristoteles sieht die Wahrheit unmittelbar an das Seiende gekoppelt. Seiendes definiert er durch drei verschiedene Faktoren:

1. Alles wovon man spricht und wofür man Begriffe hat
2. Das was dem Menschen gegenübersteht (Objekt)
3. Das was Substanz ist, d.h. das, was für sich selbst und unabhängig vom Menschen existiert (Subjekt)

Wahres ist nun sagen, dass Seiendes sei, oder anders ausgedrückt, man sagt, dass der Fall ist, was der Fall ist. Aristoteles versteht die Wahrheit als Korrelation zwischen Aussage (ausgesagter Sachverhalt) und Tatsache (bestehender Sachverhalt). Wenn ich also sage: „Dieser Berg ist 3200 Meter gross“, und es ist tatsächlich so, dann habe ich Wahres gesagt. Aristoteles hat verschiedene Prinzipien aufgestellt, welche nicht beweisbar sind und auch nicht in Frage gestellt werden dürfen. Der Satz vom Widerspruch besagt, dass es nicht sein kann, dass etwas ist und nicht ist. Es gibt also nichts, dass war und nicht wahr zugleich sein kann. Die Plausibilität der Wahrheitsdefinition stellt das Tertium non datur dar. Sie besagt, dass Wahrheit implizit definiert wird durch wahr oder falsch. Das heisst, dass jede Aussage, die gemacht wird entweder wahr oder falsch sein wird.

Vergleichen wir nun Leibniz mit Aristoteles, so sehen wir einige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Während Aristoteles das Seiende in den Vordergrund rückt, um die Wahrheit zu definieren, benützt Leibniz die Zeichen und die Dinge. Wie wir gesehen haben, werden die Zeichen willkürlich ausgewählt vom Menschen. Die Zeichen werden folgendermassen definiert. Man unterteilt die signis in vocabula - die Wörter, in signa numeralis - die Zahlen und die figurae - Figuren oder Symbole. Leibniz definiert aber in seinem Text nicht genau, was er unter den Dingen versteht. Das Seiende deutet Leibniz ähnlich wie Aristoteles. Er unterscheidet einen subjektiven Teil (womit er die Vorstellung meint), einen objektiven Teil (das Wahrnehmbare) und die Gegenstände, die wir alle gleich erfassen (geometrische Sätze, Sachverhalte, Tatsachen). Ich nehme nun also an, dass die Dinge, von denen er in seinem Dialogus spricht, diejenigen Gegenstände sind, welche wir alle gleich erfassen.

Während bei Aristoteles die Korrelation zwischen der Aussage und der Tatsache für eine wahre Aussage ausreicht, formuliert es Leibniz etwas komplizierter. Für ihn ist eine Aussage dann wahr, wenn das Verhältnis zwischen den Zeichen mit dem der Dinge übereinstimmt. Es spielt dann keine Rolle, wie ich das ausdrücke beziehungsweise, welche Zeichen ich dafür benutze, solange das Verhältnis stimmt. Denkt man aber genauer darüber nach, so zeigt sich, dass diese beiden Theorien sich sehr ähnlich sind.

Eine Gemeinsamkeit ist auch beim Satz des Widerspruches zu finden. Auch Leibniz geht davon aus, wenn er einen Gedanken hat, auch wenn er nur möglicherweise da ist, dieser mit Sicherheit wahr oder falsch sein wird. Bei beiden Philosophen gibt es also keine vielleicht wahren Sätze. Was bei Leibniz aber noch zu beachten ist, sind seine möglichen Gedanken. Kommen wir nämlich zum Tertium non datur von Aristoteles, so erfüllt Leibniz diese Theorie nur teilweise. Die möglichen Dinge sind meiner Meinung nach mit dieser Theorie nicht vereinbar und sehr unterschiedlich. Betrachtet man sie aber im Hinblick auf die Definition von Wahrheit als implizit bestimmt durch wahr oder falsch, so kann man wieder sagen, dass sie fast gleich sind.

Wir haben also gesehen, dass Leibniz möglicherweise einiges von Aristoteles übernommen hat, aber auch daraus seine eigene Theorie entwickelt hat. Somit möchte ich meinen kurzen Versuch, einen Vergleich zu ziehen abschliessen.

3. Schlusswort

Die Wahrheit zeigt, wie wir gesehen haben, verschiedene Probleme auf, welche wir lösen müssen. Sehr wichtige Fragen sind dabei, wo die Wahrheit liegt, und was der Grund dafür ist, dass etwas wahr oder falsch ist? Diese Fragen versucht Leibniz in seinem Dialog zu klären. Er erörtert zuerst, welches der Truth bearer ist, und in einem zweiten Teil den Truth maker. Als Wahrheitsträger legt er alle Gedanken fest, die bereits Existenten und die noch Möglichen. Das einzige, was man über diese aber sagen kann, ist, dass sie wahr oder falsch sein werden. Der Truth maker ist nun nicht so schnell zu ermitteln. Einerseits liegt er in der Natur der Dinge, andererseits in der Natur des Menschen. Da diese aber aus dem intellectus und der voluntas besteht, gibt es zwei Arten, die Natur der Dinge zu erkennen.

Der Intellekt ermöglicht es uns, durch logisches Schliessen die Natur der Dinge zu erkennen, da er auf sie hingerichtet ist. Sucht man die Wahrheit im Willen des Menschen, so ist die Wahrheit willkürlich, da die voluntas die Zeichen beliebig auswählt. Diese Willkür muss nach Leibniz beseitigt werden, da die Wahrheit ja nicht von Mensch zu Mensch anders sein kann. Diese Zeichen und Figuren haben aber, wenn sie zur Beweisführung verwendet werden, eine bestimmte Ordnung, welche den Verhältnissen zwischen den Dingen entspricht. Dieses Verhältnis ist nun der Schlüssel zur Wahrheit, denn entspricht das Verhältnis zwischen den Zeichen dem Verhältnis zwischen den Dingen, so kann man sagen, dass es wahr ist. Die Dinge sind für unser Verständnis von Wahrheit sehr wichtig. Die Zeichen sind für uns die Hilfsmittel, damit wir Wahrheit oder Falschheit ausdrücken können. Unser Intellekt muss die Dinge erfassen, sie erkennen und sie kombinieren, damit wir dazu imstande sind, wahres auszusagen.

Diesen Dialog von Leibniz könnte man insofern noch weiter bearbeiten, wenn man ihn mit anderen Wahrheitstheorien vergleichen würde, zu Beispiel mit einer aus dem 20. Jahrhundert. Sehr spannend wäre sicher auch, Leibniz’ Einfluss auf die nachfolgenden

Philosophen zu erforschen. Dies hätte aber, so glaube ich, den Rahmen einer Proseminararbeit bei weitem überschritten.

Bibliographie

- Leibniz, Gottfied Wilhelm : Dialogus de connexione inter res et verba (1677), in ders.: Philosophische Schriften, Bd. 4: Schriften zur Logik und zur philosophischen Grundlegung von Mathematik und Naturwissenschaft, hg. U. übers. Von Herbert Herring, Darmstadt 1992, Seite 26 - 37.

- Aristoteles : Metayphysica, hg. W. Jaeger, Oxford 1978, IV, 7, 101 1b 23 - 29.

- Bochenski, J. M. : Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe, Freiburg im Breisgau 1967, Seite 35 - 57.

[...]


1 Bochenski, Wege zum Philosophischen Denken, S.46 - 57 (Siehe auch Bibliographie)

11 von 11 Seiten

Details

Titel
G. W. Leibniz - Dialogus de connexione inter res et verba
Hochschule
Universität Zürich
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V99782
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leibniz, Dialogus
Arbeit zitieren
Natalie Aguiar (Autor), 2000, G. W. Leibniz - Dialogus de connexione inter res et verba, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99782

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