Soziale Bewegungen. Care-Revolution

Utopie einer sozialen und geschlechtergleichstellenden Gesellschaft?


Essay, 2021

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Care-Revolution - Utopie einer sozialen und geschlechtergleichstellenden Gesellschaft?

Die Diskussion um den Wert von Care-Arbeit, die hauptsächlich von Frauen geleistet wird, ist nicht neu. Heute wird im breiten gesellschaftlichen und gleichstellungspolitischen Kontext diskutiert, was früher eher Debatten von Frauenbewegungen darstellte. Dabei ist klar festzuhalten: Care-Arbeit ist systemrelevant. Besonders jetzt in Corona-Zeiten zeigt sich sehr eindrucksvoll, dass einige Fertigungsprozesse und ganze Branchen stillstehen können, ohne dass unser Leben davon abhängig ist. Ohne Sorgearbeit - die Menschen, die Unterstützungsbedürftigen helfen, Kinder erziehen, und Kranke pflegen - ist der Alltag jedoch nicht möglich. Dazu gehören Tätigkeiten wie das Betreuen, Versorgen, Erziehen, Zuwenden und Pflegen anderer, ebenso wie die Selbstfürsorge. Care-Arbeit bezieht alle Arten von Sorgetätigkeiten, emotionales Umsorgen und die zwischenmenschliche Haltung mit ein. Sie zieht sich, jeden betreffend, quer durch die Gesellschaft und prägt Staat, Markt und Privatleben (vgl. Alischer, 2018, S.18). So bildet die Care-Arbeit die gesellschaftliche Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Es lässt sich sogar weiter behaupten, dass Erwerbstätigkeit ohne vorher geleistete Sorgearbeit nicht möglich ist.

Jedoch findet im Bereich der Care-Arbeit in unserer Gesellschaft eine mehrfache und systematische Degradierung statt. In unserer kapitalistisch denkenden Gesellschaft wird dort hinein investiert, wo Profite zu erwarten sind. Sorgetätigkeiten lassen dabei meist eher Kosten entstehen, die aus kapitalistischer Sicht lieber zu minimieren sind (vgl. Winker, 2015, S. 10). Doch dieser Umgang mit der Sorgearbeit, wird der eigentlichen, wie zuvor beschriebenen Bedeutung dieser Berufe und auch unentgeltlichen Tätigkeiten nicht gerecht. All die Sorgetätigkeiten, die einen hohen Grad an pädagogischem, psychologischem und medizinischem Wissen sowie einen guten Umgang mit Menschen voraussetzen und sowohl körperlich als auch seelisch herausfordernd sind, unterzubezahlen und damit geringer zu bewerten als Jobs in der Industrie oder Wirtschaft ist somit schlichtweg nicht logisch.

In der Sorgearbeit tätig sein, bedeutet Zeit zu investieren.

Die Vereinbarkeit von Familie, als die unentgeltliche-, und Beruf, als die bezahlte Arbeit sind zeitlich oft schwierig zu vereinbaren. Die private Care-Arbeit hat keine geregelten Arbeitszeiten. Auch Care-Arbeit als Erwerbsarbeit endet nicht einfach mit der Erfüllung einer gewissen Aufgabe, die man mal beiseiteschieben und später fortführen kann. Sie ist zusätzlich meist geprägt von Personalmangel und schwierigen Arbeitszeiten durch Schichtarbeit. Die starke Doppelbelastung und Überforderung, die eigene Erwerbstätigkeit, Sorge und Selbstsorge zu bewerkstelligen, bringt das andauernde Gefühl mit sich, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein (vgl. ebd., S 10). Ob und wie die Care-Arbeit in Familien abgedeckt werden kann, wird dabei von der Politik kaum beachtet. Diese Schwierigkeiten, immer mehr Aufgaben in der gleichen Zeit zu erledigen, das Zusammenfließen von Arbeitszeit und Freizeit, dass sich gerade jetzt in Corona-Zeiten durch das Arbeiten von zu Hause ergibt ist immanent in unserer Gesellschaft und verbindet Menschen, die Care-Arbeit übernehmen.

Dabei ist jede Diskussion über Sorgearbeit, wie schon zu Beginn angedeutet, immer auch eine Debatte über das Geschlechterverhältnis, da die Care-Arbeit meist immer noch vornehmlich von Frauen übernommen wird. Es lässt sich von einer Gender-Care-Lücke sprechen, die trotz sich wandelnder Gesellschaftsstrukturen relativ stabil zeigt (vgl. Alischer, 2018, S.18).

Care-Arbeit ist weiblich

Trotz der Entkoppelung von Erwerbstätigkeit als männlich- und Sorgearbeit als weiblich konnotiert, sind es weiterhin gerade Frauen, die von einer starken Doppelbelastung durch die Vereinbarkeit von beidem betroffen sind (vgl. Winker, 2015, S. 12; sowie Alischer, 2018, S. 21). Einen Zusammenhang mit der sozialen Konstruiertheit von Geschlecht ist eindeutig zu erkennen. Besonders die Zuschreibung von unentgeltlicher Haus- und Sorgearbeit als Arbeit der Frau ist dabei nicht biologisch, sondern vor allem historisch begründbar und eng mit dem Kapitalismus und der Aufteilung in produktive und reproduktive Arbeit verknüpft (vgl. Alischer, 2018, S. 20). Die binäre Aufteilung der Geschlechter, das Bild der häuslichen Mutterrolle und die Rolle von Privat und Öffentlich setzte sich fest. Immer noch hält sich das Bild der feministischen Fürsorgeethik als biologisch typisch „frauliche“, ableitbare Werte wie besonders viel Empathie und Mitverantwortung, schlichtweg also eine bessere Eignung für die Care- Arbeit. Zwar bricht diese strikte Rollenzuweisung durch zunehmende Emanzipation immer weiter auf, allerdings lässt sich das Vereinbarkeitsproblem in besonderem Maße bei Frauen finden. Dass weiterhin vorrangig Frauen die Sorgetätigkeiten in der Familie übernehmen und auch mehr Frauen in diesem Bereich ihrem Erwerb nachgehen, zeigt deutlich, dass die Frage der Geschlechtergerechtigkeit noch nicht geklärt ist und sich etwas ändern muss.

Care Revolution - Es muss sich was verändern!

Die Stimmen in unserer Gesellschaft, die sich gegen die Schwierigkeiten wehren, die bei der Bewältigung des Alltags im Spannungsfeld von Erwerbstätigkeit und Sorgearbeit und einer angemessenen Work-Life-Balance im Weg stehen, werden immer lauter. Die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse setzt den Übergang von einer kapitalistisch geprägten zu einer sozialeren, solidarischeren Gesellschaft auf die Agenda, angefangen durch eine gesellschaftliche Mobilisierung von unten (vgl. Winker, 2015, S. 119). Die Care-Revolution kämpft darum, sowohl die Sorge in der Familie als auch die erwerbsmäßige Sorge in ihrer systemrelevanten Bedeutung anzuerkennen und aufzuwerten. In einer solchen Bewegung, die grundlegende Bedürfnisse von Menschen ins Zentrum ihrer Debatte stellt, können denke ich wichtige Ansatzpunkte für Gesellschaftsveränderung entwickelt werden. Schließlich geht es doch auch darum, anzuerkennen, dass jeder Mensch zu irgendeiner Zeit verletzlich, sei es seelisch oder körperlich, und hilfsbedürftig und somit auf Führsorge angewiesen ist. Die Gesellschaft muss daher meiner Meinung nach Wege finden, mit der menschlichen Bedürftigkeit besser umzugehen. Es geht um einen Perspektivwechsel, eine Transformation, die materielle und vor allem auch zeitliche Bedingungen für die Care-Arbeit zur Verfügung stellt und dies ins Zentrum der Politik rückt (vgl. Winker, 2016, S. 14). Viele Initiativen wie auch das Netzwerk Care Revolution, ein Zusammenschluss von über 80 Gruppen und Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch Gewerkschaften wie ver.di aber beispielsweise auch Aktionen wie die Aktionskonferenz „Care Revoultion“ machen auf die Problematik aufmerksam und setzen sich für bessere und eine qualitativ hochwertige soziale Infrastruktur und für eine existentielle Absicherung aller Menschen ein. Forderungen hierzu sind außerdem die Verkürzung der allgemeinen Erwerbsarbeitszeit, weiterer Ausbau des Sozialstaats in Form von Gesundheits- und Bildungsinstitutionen, Erhöhung des Mindestlohns oder das Einsetzen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber auch die Forderung nach „Caring Masculinities“, also einer Verschiebung des Geschlechterverhältnisses in der Sorgearbeit abseits von traditionellen Geschlechterbildern gehört zum Perspektivwechsel auf die Gesellschaft, die durch entsprechende Unterstützungsangebote und der Arbeits- und Sozialpolitik, Betrieben und Unternehmen gestärkt werden kann.

Die Schwierigkeit dieser Bewegung im sozialen Bereich ist eben genau das soziale Berufsethos, die Verantwortung für die EmpfängerIn der Care-Arbeit, die einem radikalen Streiken oder Protestieren entgegensteht. Notwendig ist allerdings, dass soziale Initiativen, die den Missständen in der Sorgearbeit entgegenstehen, an politischer Kraft gewinnen, sich zusammenschließen und damit sichtbarer werden. Eine solidarische und geschlechtergleichstellende Gesellschaft, ist momentan eher noch Utopie als Wirklichkeit, „die sich jedoch auf bereits jetzt schon vorhandene Möglichkeiten und reale AkteurInnen bezieht“ (Winker, 2018, S.14). Ob diese Utopie überhaupt umsetzbar wäre und nicht auch wieder weitere Probleme mit sich bringt, ist zu hinterfragen. Festzustellen ist allerdings, dass eine Veränderung der Bedingungen im Care-Sektor unabdingbar notwendig ist.

Diskussionsfragen:

1. Inwieweit kommt es durch die Corona-Krise zur „Re-traditionalisierung“ von Care-Arbeit? Oder begünstigt diese ein gleichgestelltes Geschlechterverhältnis in der Sorgearbeit sogar?
2. Steht das „Outsourcen“ von Care-Arbeit einer Gleichstellung von Geschlechtern gegenüber?
3. Könnte es zu einer Aufwertung von Care-Tätigkeiten führen, wenn der Care-Arbeit schlichtweg mehr Zeit zugesprochen werden würde?

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Soziale Bewegungen. Care-Revolution
Untertitel
Utopie einer sozialen und geschlechtergleichstellenden Gesellschaft?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
5
Katalognummer
V998112
ISBN (eBook)
9783346372529
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Bewegungen, Care-Arbeit, Sorgearbeit, Gesellschaftswandel, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Felina Lehmann (Autor:in), 2021, Soziale Bewegungen. Care-Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/998112

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