Analyse der Judenausgrenzung in Axel Cortis Film "An uns glaubt Gott nicht mehr"


Seminararbeit, 1999

20 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis:

Zum ersten Teil der Trilogie ,,Wohin und Zurück" mit dem Titel ,,An uns glaubt Gott nicht mehr"

INHALT

AXEL CORTI; DE VITA

GEORG STEFAN TROLLER; DE VITA

Sequenzanalyse
Begründung der Sequenzenauswahl
Aufbau der Sequenz ,,Keller"
Schnitt
Kamera
Licht
Ton
Schauspiel
Aufbau der Sequenz ,,Knödelsuppe"
Schnitt
Kamera
Licht
Ton
Schauspiel

Interpretation
Vergangenheitsbewältigung und Charakteristika der Hauptpersonen
Der Polizist
Gandhi Fehler! Textmarke nicht definiert.
Ferry
Nationalitäten - und Sprachgebrauch im Film
Einflüsse des Dokumentarfilmes

Weitere, in dieser Zeit in Österreich produzierte Filme

Literaturverzeichnis

Zum ersten Teil der Trilogie ,,Wohin und Zurück" mit dem Titel ,,An uns glaubt Gott nicht mehr"

Beinahe zehn Jahre lang dauerten die Vorbereitungen zu dem dreiteiligen Emigranten-Epos ,,Wohin und Zurück" nach dem Drehbuch von Georg Stefan Troller, der darin sehr viel autobiographisches Material verarbeitet hat.

Der 1981 gedrehte erste Teil hieß ursprünglich ,, Ferry oder wie das war", hatte aber schließlich am 16.Mai 1982 unter dem Titel ,, An uns glaubt Gott nicht mehr" im ORF Premiere. Damals dachte Axel Corti noch nicht an eine Fortsetzung.1 Vor ,,Santa Fe", dem zweiten Teil der Trilogie, wurden noch ,,Herrenjahre" und ,,Eine blaßblaue Frauenschrift" hergestellt. Der letztere Film setzt sich ebenfalls mit dem Thema Antisemitismus in Österreich auseinander.

,,An uns glaubt Gott nicht mehr" war gleichzeitig Beitrag einer TV-Trilogie, die sich unter dem Sammeltitel ,,Ausgestoßen" aus österreichischer, schweizer und deutscher Sicht mit den verschiedenen Formen der Emigration und Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich befaßt. Der Schweizer Beitrag ,,Das Boot ist voll" entstand unter der Regie von Markus Imhoff, und der ZDF produzierte mit dem Regisseur Eberhard Itzenplitz den Film ,,Einer von uns"2

,,Der ORF-Beitrag zeigt die Stationen der Flucht eines Juden, der dem Rassenwahn nach dem Anschlu ß Ö sterreichs entkommen kann"3, wie das Neue Volksblatt zum Inhalt von ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" schrieb. Der Film, der sich mit dem Schicksal einer Gruppe deutscher, österreichischer und tschechischer Flüchtlinge, die versuchen, vor den Nazis ihr Leben zu retten, beschäftigt, behandelt wie schon erwähnt Trollers eigene Erfahrung; die Geschichte ist eine autobiographische, sogar einige Namen sind authentisch. Ferrys Geburtstag deckt sich zum Beispiel mit dem des Autors.

Die Hauptrolle spielte der junge Steirer Johannes Silberschneider, der eben erst das Max Reinhardt Seminar abgeschlossen hatte, Alena verkörperte Barbara Petritsch, Mehlig wurde von Fritz Muliar dargestellt und Gandhi von Armin Müller-Stahl. Zur Wahl Silberschneiders meinte der Regisseur: ,,Mir gefiel er auch, weil er sehr komisch sein kann." 4

Der Schwarzweißfilm - Axel Corti meinte er habe diese Zeit in Schwarzweiß in Erinnerung - wurde fast zur Gänze in Österreich gedreht. Niederabsdorf im Weinviertel wurde in eine französische Stadt umgewandelt, da eine Reise des Filmteams nach Frankreich zu teuer gekommen wäre. Auch Prag und Paris wurden hierzulande nachgestellt, was den Film um die Hälfte billiger machte, als ursprünglich kalkuliert wurde. Die Gemeinschaftsproduktion von ORF, ZDF und SRG wurde von der Team Film-Produktion Wien hergestellt. An der Kamera stand Gernot Roll, für den Schnitt war Ulrike Pahl, für den Ton Herbert Koller und für die Kostüme Barbara Baum verantwortlich. Die Produktionsleitung hatte Kurt Kodal über, Redakteure waren Werner Swossil, Klaus Riemer und Lutz Kleinselbeck.

Auch zu dieser Arbeit Cortis äußerte sich die Presse positiv:

,,...Troller und Corti haben auch nicht eine neuartige Geschichte erzählt, aber sie haben sie anders als die anderen erzählt: Nüchterner und gleichwohl berührender, dramaturgisch raffinierter "5

Der Film besticht, wie auch der zweite und dritte Teil, neben einer spannend inszenierten Handlung, erstklassigen schauspielerischen Leistungen durch brillante, humorvolle Dialoge.6 Axel Corti meinte zu seinen Figuren, daß sie, weil sie österreichische Juden darstellen, sowieso eine eigene Form der Selbstbespiegelung haben.7

Zur Entstehung des Drehbuchs meinte Georg Stefan Troller, daß es mit Axel Corti oft nicht leicht gewesen sei, und es einige Versionen gebraucht hat, bis der Regisseur Corti zufrieden gewesen sei. Corti entdeckte in den Drehbuchversionen immer etwas, was noch fehlte, während der Autor ziemlich beglückt war von dem, was schon da war. Mit jeder Version, so Troller, entstanden neue Personen und Handlungsstränge. Troller sah Corti als einen Realisten, der die Wirklichkeit auf ein sehr geschliffenes, genau bemessenes Bild komprimierte, und dem auch eine starke poetische Kraft zugeschrieben wurde.8

Cortis Filme handeln auch stets von Individuen und ihren Beziehungen zueinander.

INHALT

Im Mittelpunkt von Axel Cortis Film steht der 16-jährige Jude Ferry (Johannes Silberschneider), der in den Wirren der Reichskristallnacht auf tragische Weise seinen Vater verloren hat. Ferry erkennt daraufhin den Ernst der Situation und beschließt zu flüchten. Mit Hilfe von ,,echten" und ,,falschen" Freunden gelingt es ihm über die tschechische Grenze nach Prag zu kommen. Er schließt sich dem deutschen Widerstandskämpfer Gandhi (Armin Müller-Stahl) und der leicht zu verführenden Alena (Barbara Petritsch) an, mit welchen er eine, für Ferry sexuell unerfüllte, Dreierbeziehung eingeht.

Da in der Tschechei die Situation für die Juden immer beängstigender wird, beschließen sie die risikoreiche Flucht ins noch sichere Frankreich. Dabei macht er die Bekanntschaft mit einer Reihe von anderen vertriebenen Juden, die er an weiteren Stationen seiner Flucht immer wieder trifft.

Aber auch in Frankreich werden sie mit der Ausgrenzung der Juden konfrontiert und in geschlechtsgetrennte Arbeitslager abgeschoben. Durch den Einmarsch der deutschen Truppen sehen sie sich genötigt, über Umwege nach Marseille zu kommen, bis auf Gandhi, der einen vorhersehbaren Märtyrertod erleidet. Marseille ist für die Juden die letzte Möglichkeit auf illegale Weise Europa zu verlassen, und um das vor Hitlers Schergen sichere Ufer (Amerika) zu erreichen.

Im zweiten und dritten Teil der Trilogie kommt die Hauptfigur Ferry nicht mehr vor, und auch die Ausgrenzung der Juden steht in der weiteren Handlung nicht im Vordergrund. Der zweite Teil von ,,Wohin und Zurück" trägt den Titel ,,Santa Fe" und beschreibt das Emigrantenmilieu in den USA. Protagonist ist der junge Freddy Wolff9, der sich weigert, Amerikaner zu werden und sich anzupassen. Ferry, der sich in Marseille an Bord schmuggeln konnte, ertrinkt bei dem Versuch eine Jüdin, die kein Visum erhalten hat und aus Verzweiflung ins Wasser gesprungen ist, zu retten. Freddy beschließt, nach einigen mißlungenen Jobs, sich nach dem Eintritt der USA in den Krieg für die Armee zu melden. Er möchte einerseits dem Land, das ihn aufgenommen hat, seine Dankbarkeit erweisen, andererseits aus seiner Situation ausbrechen und nach Europa zurückkehren. Abgeschlossen wird das Emigrantendrama mit dem dritten Teil ,,Welcome in Vienna", in welchem die Geschichte deutscher und österreichischer Emigranten, die nach Amerika ausgewandert sind und jetzt als amerikanische Soldaten in ihre Heimatländer zurückkehren, gezeigt wird. Im Herbst 1945 findet sich alles in Wien wieder, wo jeder mit dem Überleben beschäftigt ist. Für Gewissensbisse bleibt keine Zeit, und auch ,,alte Nazis" sind, z.B. am Schwarzmarkt, wieder gefragt. Die Österreicher halten sich für die ersten Opfer der Nationalsozialisten. In dieses Klima muß sich jeder fügen, der vorankommen will. Freddy ist dazu unfähig und endet als Außenseiter.

Zum Thema Österreich als Opfer der Nationalsozialisten meinte Axel Corti:

,,Wohl auch in der Hoffnung, daß es in Österreich zu einem Aufstand der Widerstandsgruppen kommen werde, hatten sich die Alliierten in der Moskauer Deklaration 1943 darauf eingelassen, Österreich zum ersten Opfer Hitlers zu erklären. Daß man nur gezwungen am Hitler Krieg teilgenommen habe, davon sind noch heute viele Österreicher überzeugt. Dabei aber waren zehn Prozent aller Österreicher Mitglied der Nazipartei, verglichen mit sieben Prozent in Deutschland:"10

Mit diesem Zitat wird deutlich, daß Axel Corti auch das Thema Vergangenheitsbewältigung in seinen Filmen anspricht. Doch dies wird noch genauer in dem Kapitel Interpretation behandelt.

Schließlich ist noch zu erwähnen, daß jeder Teil der Trilogie abgeschlossen, das heißt ein eigener Film ist, und man braucht die anderen Teile nicht gesehen zu haben.

AXEL CORTI; DE VITA

Axel Corti wurde 1933 als Sohn eines deutschen Kaufmanns mit altösterreichisch- italienischer Herkunft und einer Berlinerin mit polnischen Vorfahren in Paris geboren, wo sich seine Eltern 1928 niedergelassen hatten.

Während des Krieges schickte der Vater die Mutter und die drei Kinder nach Davos in die Schweiz.

Als er drei Monate vor Kriegsende starb und die regelmäßigen Geldüberweisungen aufhörten, mußte die Familie nach Italien übersiedeln, wo Corti seinen ersten Paß bekam und die erste von insgesamt dreizehn Schulen seines Lebens besuchte.

1948 begann er auf Anraten eines Onkels in der Schweiz Landwirtschaft zu lernen, mußte sein Vorhaben aber abbrechen, als er an Knochenschwund erkrankte. Danach besuchte Corti ein Gymnasium, scheiterte jedoch an Mathematik und ließ sich im Alter von siebzehn Jahren, weil es unentgeltlich war, in eine Arbeitermittelschule einschreiben, wo er vier Jahre lang abends lernte. Tagsüber begab er sich auf Arbeitsuche. In der Folge verdiente er sein Geld u.a. als Journalist, als Sägewerksarbeiter, als Inseratenwerber und in einem Restaurant und begann Germanistik und Romanistik zu studieren. Als er sich zusätzlich in eine Schauspielschule einschreiben ließ und mit anderen Schülern an Leseaufführungen teilnahm, ergab es sich, daß Corti vom französischen Kulturinstitut eingeladen wurde, in dessen Radiosender französische Nachrichten zu lesen - die französischen Besatzer suchten für zweisprachige Sendungen Sprecher.

Dann wurde Corti eine Stelle beim Sender RIAS Berlin angeboten, vorausgesetzt, er könne für deren Leitende ein Probeband sprechen. Auch Radio Innsbruck genehmigte Studioaufnahmen und bald nahm man Corti als Nachrichtensprecher, aber auch als Sprecher für anderer Dinge.

Nachdem Corti Bekanntschaft mit dem österreichischen Rundfunk in Wien gemacht hatte, entschloß er sich in der Bundeshauptstadt zu bleiben. Ein Angebot Friedrich Torbergs, zum ,,Forum" zu kommen, lehnte er ab, weil er nicht mehr Journalist werden wollte. Statt dessen trägt er sich Ernst Haeussermann, dem Direktor des Burgtheaters, trotz der niedrigen Bezahlung, als Regieassistent an. Dieser willigte ein, und Corti arbeitete in den nächsten eineinhalb Jahren unter Günther Rennert, Gustav Rudolf Sellner, Leopold Lindtberg und Werner Düggelin. Daneben unterrichtete er 1961 bis 1964 am Max-Reinhardt-Seminar. Als Düggelin vor einer geplanten Inszenierung erkrankte, schlug er seinen Assistenten Corti als Ersatz vor.

Daraufhin bekam der Regisseur auch Angebote von bundesdeutschen Theatern. Corti arbeitete als Gastregisseur in Westdeutschland und als Dramaturg am Burgtheater.1964 ging er als Oberspielleiter nach Oberhausen bei Köln, dort heiratete er Cecily, eine geborene Herberstein, 1967 in derselben Funktion nach Ulm. An der Burg wurde ihm keine Regiearbeit mehr übertragen, aber genügend Urlaub zugebilligt, um für das deutsche Fernsehen Filme machen zu können; er drehte in Wien ,, Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter" nach

Herzmanovsky-Orlando. Sechs Wochen nach seinem Antritt in Ulm kam es zu einem Eklat, im Zuge dessen Corti das Theater verließ: er führte Bertold Brechts ,,Mann ist Mann" ,,in einer imaginären DDR" auf, worauf Brechts Witwe Helene Weigl sich telegraphisch empörte, und unter den Kritikern heftige Debatten ausbrachen. Das Stück wurde nach der Premiere abgesetzt. Nachdem seine Frau Zwillinge zur Welt gebracht hatte, verließen die Cortis Deutschland und gingen nach England.

1968 fragte der damalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher Corti, ob dieser nicht wieder eine Radiosendung machen wolle. Corti sprach seine Vorstellungen, aber auch seine Bedenken auf ein Band. Bacher gefiel es, und so wurde es eine Woche später gesendet; Cortis Bedingung war, daß er den Inhalt seiner Sendung niemand zur Genehmigung vorlegen müsse. So entstand der ,,Schalldämpfer", der seither Woche für Woche von Corti gestaltet und gesprochen wurde. Bald danach wurde er vom damaligen ORF-Unterhaltungschef Kuno Knöbl darauf angesprochen, ob er nicht eine TV-Show machen wolle. Corti sagte zu und inszenierte mit einem bescheidenen technischen, aber hohen personellen Aufwand die erste filmisch geschnittene Fernsehshow Österreichs, das ,,Gogoscope". Der Erfolg war sensationell.

1972 begann er eine Lehrtätigkeit an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst, Abteilung Film und Fernsehen, Klasse für Regie.

Axel Corti nahm bis zum Schluß gerne Herausforderungen an; er inszenierte zahlreiche Theaterstücke und Opern, unter anderem in Wien, bei den Salzburger Festspielen, in Berlin, Brüssel, Hamburg und Stuttgart. Er drehte eine Reihe von Spiel-und halbdokumentarischen TV-Filmen für den ORF und ausländische Fernsehanstalten.

1990 hatte seine erste internationale Kinoproduktion ,,Die Hure des Königs" in Cannes Premiere. Corti gilt als Miterfinder der bekannten ,,Humanic"-Werbung, drehte ab 1970 selbst einige Spots. Seit 1969 wurde Axel Corti für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, 1986 wurde er in Peter Orthofers ,,Wer ist who in Österreich?" verewigt.

GEORG STEFAN TROLLER; DE VITA

Georg Stefan Troller wurde 1921 in Wien geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums und einer Buchbinderlehre emigrierte er 1938 über Frankreich und Nordafrika in die USA. Seit 1941 arbeitete er in den USA als Buchbinder, bevor er im März 1943 Soldat in der US-Armee wurde. Die letzten Kriegsjahre in Europa erlebte er bei einer Einheit, die mit Kriegsgefangenenvernehmungen befaßt war. Die Ereignisse rund um seine Flucht, das Engagement als amerikanischer Soldat und die Rückkehr nach Europa dienten Troller als Vorlage für das Drehbuch zur Trilogie ,,Wohin und Zurück". Zu seiner Zusammenarbeit mit Axel Corti hatte Troller jedoch seine eigene Einstellung:

,,... Zwar hat Corti eine mir ganz ähnliche Lust am Erzählen, an Spannung, an dreidimensionalen Figuren, am Atmosphärischen eines Ortes und einer Epoche. Aber mir gelingt es doch regelmäßig, mich in romantische Stimmungen und tiefgründige Spekulationen zu verlieren und in Dialoge voll herzergreifender Innerlichkeit..."11

Sequenzanalyse

Begründung der Sequenzenauswahl

Die Beginnsequenz ,,Keller" wurde nicht nur deswegen ausgewählt, weil sie, wie der Name schon sagt am Beginn des Filmes steht und man sich somit erspart den restlichen Film anzusehen12, sondern weil sie ein Exempel für die Ausgrenzung der Juden darstellt, was das vordergründige Thema dieser Arbeit sein soll. Die Flucht Ferrys vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten steht symptomatisch für die Flucht der Juden, welche sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Doch nicht nur inhaltlich überzeugte sich unser Intellekt von dem Gehalt dieser Szene, auch die visuellen Eindrücke waren so beeindruckend- aufdringlich, daß sie an einer Analyse nicht unbeschadet vorbeikommen konnten. Ein weiterer Grund waren die ersten Sekunden des Filmbeginns, in welchen vom Zuschauer seine gesamte Konzentration verlangt wird (oder auch nicht). Dieser direkte Einstieg ins Geschehen war die Überlegung wert, wie die Zuschauer darauf reagieren und welchen Zweck die verschiedenen, angewandten Elemente haben könnten. Dazu jedoch später.

Auch die zweite Sequenz ,,Knödelsuppe" wurde nach diesem, diese Arbeit beherrschenden, Aspekt ausgewählt. Die Ausgrenzung der Juden kann hier natürlich nur am Beispiel Ferrys nachvollzogen werden, doch steht dieser ja für die große Allgemeinheit, wie auch viele andere Personen die Allgemeinheit ihrer Gruppe repräsentieren und nicht zu Individuen heraus gearbeitet werden. Außerdem beinhaltet diese Sequenz einen Hauch von hintergründigen, aber auch provozierenden Humor, welcher diesen Film gleichfalls auszeichnet. Wie dieser Humor sich jedoch auch ins Gegenteil verkehren kann, war ein weiterer Analysegrund.

Aufbau der Sequenz ,,Keller"

Dauer:1' 20"

Schnitt

Die Sequenz besteht aus drei Szenen, wobei in der ersten Szene weder Schnitt noch Kamerabewegung vorkommt. In den zwei weiteren Szenen finden sich insgesamt zehn Einstellungen, davon zwei in der zweiten und acht in der dritten Szene. Diese Einstellungen sind jedoch durch die Schnitte aneinandergefügtes Material, aus gleichen Einstellungen. So ist die letzte Einstellung der dritten Szene die Fortsetzung der letzten Einstellung der zweiten Szene. In der dritten Szene kommt es zu einer Abfolge von Einstellungen, welche jedoch nur durch Schnitte unterbrochene Grundeinstellungen sind, in welche die anderen Einstellungen der zweiten Grundeinstellung eingeschnitten wurden.

Die zweite Szene ist mittels Bewegungsschnitten zusammengefügt. Die einzige Kamerabewegung erfolgt in der zweiten Szene, zweite Einstellung, als die Kamera den Bewegungen Ferrys folgt.

Kamera

In der ersten Szene ist die Kamera fest stationiert. Sie zeigt einen Bildausschnitt, in welchem die linke Seite von einem dunklen Gegenstand abgedeckt wird. Damit wird der Eindruck erweckt, daß die Kamera sich ,,versteckt" und ein heimlicher Beobachter des Geschehens ist. Der Bildausschnitt ist eine Totale.

In der zweiten Szene ist die Kamera wiederum so positioniert, daß man den Bereich im linken Blickwinkel nicht erkennen kann. Wiederum erfolgt keine Bewegung, es bewegt sich der Schauspieler auf die Kamera zu und an ihr vorbei.

In der zweiten Einstellung der zweiten Szene kann die einzige Bewegung der Kamera in dieser Sequenz beobachtet werden. Allerdings folgt diese Bewegung nur den Handlungen des Schauspielers, sie fährt weder auf ihn zu noch von ihm weg. Man bewegt sich dadurch mit dem Schauspieler mit. War man zuvor der heimliche Beobachter, so ist man jetzt an den Aktionen des Schauspielers beteiligt und identifiziert sich mit ihm.

Das Ende dieser Einstellung wurde ans Ende der letzten Einstellung in der dritten Szene gefügt, wo die Kamera bereits wieder ihre Fahrt beendet hat und das Geschehen beobachtet. Durch dieses Einfügen wird jedoch auch die gesamte Sequenz abgerundet und abgeschlossen und die folgende Sequenz beginnt auch nach einem harten Schnitt mit einer bis jetzt fremden Einstellung.

Die restlichen Einstellungen der dritten Szene sind eine Abfolge von Schuß und Gegenschuß, jeweils zwischen Beobachteten und Beobachtenden. Begonnen wird diese Abfolge mit der Sicht Ferrys aus dem Kellerfenster. Der Bildausschnitt ist in Bodennähe angebracht und durch die Gitterstäbe des Fensters begrenzt, womit sich eine subjektive Kameraführung aus Ferrys Sicht ergibt.

Dadurch wird ein eingeengter Blickwinkel erzeugt, welcher sowohl Gefangenheit, als auch Ausgrenzung symbolisiert, da Ferry zu Füßen der SS spioniert. Wir sehen die Situation aus der Rolle Ferrys heraus, versteckt im Keller. Der Gegenschuß auf Ferry ist eine Nahaufnahme seines Gesichts, jedoch wiederum durch die Gitterstäbe begrenzt.

Licht

Die Beleuchtung folgt allgemein sehr naturgetreu der Handlung. In der ersten Szene, wird der Zuschauer sekundenlang im Dunkeln gelassen, obwohl er aus dem Off bereits Stimmen vernehmen kann. Die erste Lichtquelle kommt durch die sich öffnende Tür, der Raum selbst wird erst durch die eingeschaltene Lampe erhellt. Man erkennt, daß es sich um einen Keller handeln muß. In der zweiten Szene wird diese Erkenntnis bestärkt, da Ferry durch ein typisches Kellergewölbe rennt. Obwohl diese Szene, mit ihren gemauerten Rundbögen und dem schräg von oben einfallenden Licht stark an ,,Der dritte Mann" erinnert, kann man die Beleuchtung trotzdem noch als realistisch werten.

In der dritten Szene wird dann das normale Tageslicht nachempfunden und kein besonderer Effekt mehr mittels den Lichtquellen herausgearbeitet. Abgesehen von dem Gemäuer in der ersten Einstellung der dritten Szene, welches wiederum detailgetreu ausgeleuchtet ist.

Ton

Der Ton in dieser Sequenz war einer der Hauptgründe, warum sie zur Analyse ausgewählt wurde. Der Einstieg erfolgt mitten ins Geschehen, obwohl der Zuschauer noch nicht wissen kann worum es geht. Während man von den visuellen Eindrücken im Stich gelassen wird, und nur die schwarze Leinwand sieht, hört man in der ersten Szene bereits Stimmen aus dem Off. Diese reden jedoch so undeutlich und in so starkem Wiener Dialekt, daß man nach Ablauf dieser Szene fast nichts verstanden hat. Erst nach mehrmaligen Betrachten, konnten Fragmente dieser Verlautbarungen identifiziert werden.

Mit unvoreingenommenen Personen getestet, wurden wir darin bestätigt, daß man aus dieser ersten Einstellung nur sporadische Wörter verstehen kann. Diese sind ,,LKW". ,, haust eam ane eine" und noch einmal ,,LKW". Mit diesen Bruchstücken kann man aber nicht allzuviel anfangen. Viel wichtiger ist jedoch die Art wie diese Sätze gesprochen werden, da sie aggressiv, aber auch gelangweilt, wirken; der typische Wiener also (Zum Problem der Klischeedarstellung siehe weiter unten).

Das Gesprochene selbst ergibt also rein logisch gesehen keinen Sinn, da man soundso nicht vermuten kann worum es geht. Jedoch bewirkt, diese aggressive, unverständliche Sprache, von Anfang an jenen beklemmenden Eindruck, welchen man während der gesamten Sequenz hat. Dies bestätigten uns auch jene Personen, welchen wir diese Sequenz vorgeführt hatten. Ein weiteres interessantes Detail, welches jetzt aber nur durch Spekulationen unsererseits belegt werden kann, ist die zweimalige Erwähnung des Namens ,,Doppler" in diesem Stimmengewirr. Obwohl man ihn nur schwer heraus hören kann, und selbst wenn man ihn hört, kann man nicht viel damit anfangen, haben wir uns doch überlegt, warum er zweimal eingebaut wurde, obwohl der Zuschauer noch nichts mit diesem Namen verbindet. Gibt es im akustischen Bereich ein ähnliches Phänomen wie im visuellen, daß das Hirn unbewußt Daten speichert und bei der richtigen Gelegenheit wieder erinnert? So wie jene Studie, welche belegt, daß wenn man in einen Film, welcher 24 Bilder in der Sekunde abspult, ein Bild von etwas Trinkbaren einfügt, der Rezipient mit der Zeit Durst bekommen wird. Und hier haben wir nun das Beispiel, daß der Zuseher den Namen Doppler mit diesen negativen Stimmen aufnimmt und gleich weiß, daß dieser Name nichts Gutes bedeutet für den der ihn trägt. Aber das sind reine Spekulationen, die jetzt auch nicht näher ausgeführt werden sollen. Interessantes zum Ton zu sagen, wäre, daß die Sequenz mit Sirenengeheul beginnt, was auch kein gutes Klima erzeugen kann. Ebenso der Unterschied zwischen den Stimmen der SS- Männer, welche Hochdeutsch reden und den Stimmen aus dem Off, welche einen bereits erwähnten Wiener Dialekt haben.

Schauspiel

Gleich in der ersten Szene bekommen wir ein eingehendes Bild von Ferry. Er kommt in den Keller herein, macht sofort Licht und schließt die Tür ab. Obwohl er auf der Flucht ist, behält er einen klaren Kopf und reagiert nicht panisch. Seine Handlungen sind überlegt und ohne Hektik.

Um so eher fällt mit dieser ersten Vorstellung Ferrys sein nächstes Handeln als Kontrast auf. Als er die Stimmen der SS hört, läuft er unkontrolliert in diese Richtung und als er versucht sie durch das Kellerfenster zu beobachten, fällt er bei seinem ersten Versuch von seiner Behelfsleiter. So gefaßt Ferrys erstes Auftreten ist, so hektisch ist sein weiteres Benehmen. Er zeigt eine Mischung aus Angst und Neugierde, welche er nicht kontrollieren zu können scheint. Auch während er beobachtet, duckt er sich immer wieder weg, obwohl er sonst sein Gesicht auf dem Silbertablett serviert. Es macht mehr den Anschein, als wäre dieses Wegducken eher für den Cutter bestimmt, damit er weiß, wo er seine Schere ansetzen soll. In der vorletzten und letzten Einstellung bleibt dann Ferry ungeschützt vor dem Kellerfenster stehen, obwohl die SS immer noch im Hof patroulliert.

Auch die anderen Figuren zeigen eine interessante Tätigkeit. Die im Hof zusammengetrommelten Juden müssen sich unter der Aufsicht der Nationalsozialisten demütigen, wobei mit jedem Schnitt eine Steigerung erfolgt. Müssen sie erst nur im Kreis laufen, so steigert sich diese Bewegung zu Kniebeugen und Liegestütz. Vor jeder neuen Steigerung folgt wieder der Schnitt auf Ferry, in dessen Mimik man aber keine Gefühlsregung ausmachen kann. Vielmehr steigert sich der Eindruck, daß auch die veränderte Demütigung der Juden nur dem Cutter helfen soll.

Ein Wort zum Einsatz von Requisiten. Die Juden sind alle mit Hut und Mantel ausstaffiert und einer dieser Hüte fällt während der Liegestütze zu Boden. Als die Juden weiterlaufen hört man Motorengeräusch und eine Stimme aus dem Off, welche mitteilt, daß die LKWs angekommen seien. Mit diesen Geräuschen wird der Hut von einem Soldaten weggetreten und die Juden zum Ausgang getrieben. Diese Symbolik ist so offensichtlich, daß sie kein Zufall sein kann. Das Zusammenspiel zwischen Ton und Bild gibt ein so klares Bild von der Internierung der Juden, daß man es gar nicht übersehen kann. Und der weggetretene Hut gibt seinen subtilen Senf dazu. Diese erste Sequenz, mit ihren Andeutungen und subtilen Hinweisen hat uns dazu bewogen, diesen Film viel kritischer zu sehen als wir vielleicht vorhatten.

Weiters sollte noch die allgemein negative Assoziation zu dieser Sequenz erwähnt werden. Ferrys Schlupfloch ist dunkel, kalt und kahl. Wenn er aus dem Fenster schaut sieht man seinen Atem, womit einem bewußt wird, daß die Luft dementsprechend kalt sein muß. Auch durch die Datumseinblendung zu Beginn der ersten Szene erfährt man, daß das folgende in Winter spielt. Doch ein Keller im Winter hinterläßt beim Zuschauer keine angenehmen Gedanken. Somit ist man mit Beginn des Filmes in einer unbehaglichen Grundeinstellung und harrt dem das da kommen mag.

Aufbau der Sequenz ,,Knödelsuppe"

Länge: 2' 20"

Schnitt

Auch die zweite ausgewählte Sequenz besteht aus drei Szenen. Während in der ersten Szene sechs Einstellungen erfolgen, ist es in der dritten Szene nur noch eine einzige. Die zweite Szene stellt praktisch die Zäsur dar und auch die Katharsis der gesamten Sequenz. In der ersten Szene erfolgt wieder Schuß und Gegenschuß, und wieder werden gleiche Einstellungen nacheinander geschnitten. In der zweiten Szene sind es nur noch fünf Einstellungen, wobei während der Kamerafahrt immer der Gegenschuß auf Ferry erfolgt. Die letzte Szene besteht aus einer 52" Sekunden langen Einstellung und womit sie die längste Szene dieser ganzen Sequenz ist.

Kamera

Mittels den Kameraeinstellungen werden in diesen Szenen interessante Effekte, welche durch die anderen technischen Elemente verstärkt werden, erzielt. In der ersten Szene wechselt die Kamera von der Halbnahen des Polizisten zum Gegenüber Ferrys, welcher ebenso in einer Halbnahen dargestellt wird. Diese Gleichberechtigung der Partner endet aber bereits in der nächsten Einstellung, wenn die Kamera von Links Oben auf den Polizisten blickt. Damit nimmt der Zuschauer wieder die Beobachterrolle ein, da er den einen Teil des Raumes überblicken kann. Mit dem Wechsel des Gespräches wechselt auch wieder die Kameraeinstellung auf die Halbnahe von Ferry. Dieser Wechsel erfolgt auch in den nächsten beiden Einstellungen. Wenn Ferry spricht, so spricht wegen der Kameraeinstellung nur er, spricht jedoch der Polizist, so sehen wir ihn mit der Linse eines Zuschauers, welcher das Geschehen beobachtet.

In der zweiten Szene erfolgt dann die Zäsur dieser Sequenz. Es kommt zu einer Kamerafahrt, welche den Bewegungen des Polizisten folgt. Wiederum wird immer auf die Halbnahe Ferrys zurückgeschnitten, während der Polizist sich sein Essen nachschenkt. Die Fahrt findet ihr Ende mit dem Erscheinen des Sohnes des Polizisten. Mit einem Schnitt, welcher das Radio in der Bildmitte zeigt, ist die Zäsur abgeschlossen und als der Sohn sich wieder zurückzieht, geht das Gespräch seinen normalen Gang weiter.

Allerdings hat sich dieser wieder durch die Kameraeinstellung verändert. Wir sehen jetzt die beiden Hauptakteure im Profil. Die Kamera bewegt sich nicht mehr und beide Schauspieler sind gleich weit von ihr entfernt. Es ist eine amerikanische Einstellung entstanden, welche beiden Akteuren gleich viel Platz läßt. Der gleichberechtigte Zustand des Anfangs wurde wieder hergestellt, obwohl der Zuschauer ihn jetzt mit anderen Augen sieht.

Licht

Die Beleuchtung verstärkt die durch die Kamera gesetzten Effekte. In der dritten Einstellung der ersten Szene, wenn die Kamera von Links Oben beobachtet, wird der Polizist von einer unwirklich starken Lichtquelle angestrahlt. Dieser Lichtstrahl trifft nicht mehr auf Ferry, welcher nur noch ein Schemen ist. Durch diesen Effekt wird der Polizist erhöht und herausgehoben, Ferry hingegen wird zu einem Anonymus. Er könnte jetzt jeder andere auch sein, er stellt nicht mehr spezifisch Ferry dar. Die ganze Einstellung wirkt durch das Schwarzweiße fast schon kafkaesk, wenn man den namenlosen Juden und den allmächtigen Polizisten betrachtet. Dies ist auch sicherlich beabsichtigt, da somit vermutlich dargestellt werden soll, daß Ferry kein Einzelschicksal ist, sondern daß es vielen Ausgegrenzten 1938 nicht anders erging.

Mit der Kamerafahrt ist dieser Effekt jedoch wieder vorbei. Man ist wieder mitten im Geschehen und sieht mit den Augen Ferrys oder des Polizisten. Die Beleuchtung ist wieder normal gesetzt und erinnert in nichts mehr an die vorigen Einstellungen.

Ton

So wie bereits in der Sequenz ,,Keller", spielt auch hier der Ton in einem Gesichtspunkt eine wichtige Rolle. Und auch hier bekommt der Zuseher nur schwer mit, worum es sich handelt. Während meine Kollegin sofort einen Rückschluß zu dem nun Beschriebenen fand, ging es an mir völlig vorbei.

Bereits mit Beginn der Sequenz hören wir im Hintergrund Geräusche, welche aus einem Radio stammen könnten. Da man sich aber eher auf die Konversation zwischen Ferry und dem Polizisten konzentriert nimmt man diese Geräusche nicht wirklich war. Erst in der zweiten Szene wird deutlich, weshalb die ganze Zeit im Hintergrund das Radio lief. Als der Sohn des Polizisten die Küche betritt, hört man den Radiolärm stärker und auch die Konversation ist unterbrochen.

Damit kann man sich darauf konzentrieren, was im Radio gesprochen wird. Bloß, man versteht es nicht. Meiner Kollegin war sofort bewußt, daß es sich hierbei um eine Originalansprache Hitlers handelt, wohingegen meine Wenigkeit, diesen Schulterschluß überhaupt nicht nachvollziehen konnte.

Da ich mich viel mehr auf die optische Zäsur konzentriert hatte, wurde mir die akustische nicht gewahr. Doch wie bereits in ,,Keller", wird hier der Zuseher durch die Geräuschkulisse überfordert. Es sind zu viele Dinge, welchen einen bestürmen, daß man nicht auf alle achten kann. Jene Personen, welchen der Film gezeigt wurde und welche mit der Analyse nichts am Hut hatten, hatten alle diesen kleinen Signale übersehen. Damit wirkt der Film überladen und zu affektiert auf das Subtile konzentriert. Das gibt ihm aber einen moralischen Touch, wie ihn auch Sigrid Löffler bekrittelt hat.

Schauspiel

Wie kommen wir nun aber darauf, daß die zweite Szene eine Zäsur innerhalb der Sequenz darstellt? Fügt man das bisher Beschriebene zusammen so kann man zwar ersehen, daß sich zwischen erster und dritter Szene etwas ändert, was das aber für einen Sinn haben soll weiß man nicht.

Ferry kam in die Wohnung des Polizisten, weil er sich von ihm Hilfe für seine Flucht erhoffte. Bereits in den ersten Einstellungen wird klar, daß Ferry kein Gast sondern ein Bittsteller ist. Während der Polizist ißt und trinkt, sieht ihm Ferry dabei zu und bekommt nichts angeboten. Ferry wird zu einem Schemen, zu einem Niemand in der dritten Einstellung der ersten Szene, jegliche Persönlichkeit seinerseits verschwindet. Auch die Schauspieler könnten konträrer nicht sein. Der Polizist ist groß und dick, während Ferry schmal und kantig ist. Durch das Gespräch findet man schnell heraus, daß der Polizist nicht ehrlich zu Ferry ist, doch erst in der zweiten Szene wird man bestätigt.

Der Sohn des Polizisten, feist und groß, erscheint in HJ- Uniform und grüßt mit ,,Heil Hitler". Gleichzeitig hört man Hitler aus dem Radio sprechen und Ferry fällt demonstrativ das Gesicht herunter. Jetzt muß auch dem letzten Zuseher klar sein, daß Ferry sich keine vertrauenswürdigen Helfer ausgesucht hat. Doch wie in jedem billigen Horrorfilm, wenn der örtliche Sheriff als Letzter merkt, was passiert, ist es hier auch Ferry, der in Prag sehr erstaunt ist über die Gaunerein des Polizisten. Das Publikum weiß längst schon was gespielt wird und auch der unsensibelste Zuschauer muß mit dem Erscheinen des Sohnes verstehen, auf was Ferrys Mäzene aus sind. Diese Offensichtlichkeit hat auch mich so perplex gemacht, daß mir die Rede Hitlers im Radio völlig entgangen ist.

Interpretation

Vergangenheitsbewältigung und Charakteristika der Hauptpersonen

Axel Corti versuchte in seinen Filmen nicht nur eine Geschichte zu erzählen, er sah sich auch selbst als Zeithistoriker, welcher auch Erinnerungen an die jüngste Vergangenheit aus der Sicht der Involvierten locker einstreute. Dies titulieren die Kritiker als ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Dieses Vorgehen brachte ihm sowohl Lob als auch Kritik ein, je nachdem wie das Individuum im Publikum diese Sichtweise verträgt.

Da Corti diese realhistorischen Gesichtspunkte realistisch versuchte in einem unrealistischen Film unterzubringen, entsteht ein Konflikt in den Gedankengängen des Zusehers, welcher diese beiden Komponenten nicht zusammenfügen kann.

Corti selbst wollte in seinen Filmen die Wirklichkeit jedoch nicht nachstellen, sondern eine neue Wirklichkeit erfinden. So sagte er selber in Aussagen bei Elisabeth Zacharia.13 Damit widerspricht er sich aber, unserer Meinung nach, gegenüber früher getätigten Aussagen. Für ihn bedeutete Realismus Präzision in der Wahrheitssuche und Wirklichkeits(re)konstruktion. Seine Filme weisen zwar stets protokollarisch- dokumentarischen Charakter auf und sind in der filmischen Umsetzung genau recherchiert, jedoch negiert sich dieser Realismus, wenn Georg Stefan Troller seine selbsterlebten Erinnerungen nach dem Willen Cortis umschreiben mußte und neue Charaktere eingeführt wurden, welche in der originalen Handlung sonst nicht vorgekommen wären. Dadurch wird jedoch das Fach des Spielfilmes betont, welcher von Dramen, Liebesbeziehungen und Komik lebt. Wenn Corti auf seine eigene Intuition zur Vergangenheitsbewältigung angesprochen wurde so erhielt man nur sehr vage Aussagen. Interessanter ist es diese Vergangenheitsbewältigung in seinen Filmen zu suchen.

Corti war einer der ersten, der sich wieder mit dem Thema des zweiten Weltkriegs beschäftigt hat, Ausnahmen gibt es hier natürlich auch, doch gibt ihm diese Tatsache keine Narrenfreiheit. Worin lag nun für Axel Corti die Motivation zu einer filmischen Verarbeitung der Thematik des Antisemitismus?

Mich interessiert, was die Menschen dazu bewegen kann ihr Leben so laufen zu lassen wie sie es laufen gelassen haben. Dieses Geschehenlassen ist etwas, was mich sehr erschreckt und dadurch sind wir alle gefährdet.14

Demnach wollte Corti jetzt gar nicht menschliche Verbrechen in all ihrer Grausamkeit anprangern, sondern vielmehr die Entwicklung zu diesen Auswüchsen zeigen und versuchen zu erklären. Wieweit man jetzt jedoch in ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" von einem Geschehenlassen der Entwicklung der Figuren gesprochen werden kann ist fraglich. Der Film sollte nach Corti keine offensichtliche politische Aussage haben und bezweckt keine vordergründige sozialkritische Absicht.15 Demnach müßte es sich bei ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" um einen gewöhnlichen abendfüllenden Spielfilm handeln, welchen man sich ansieht, sich dabei unterhält und früher oder später wieder vergißt. Dem ist jedoch nicht so, da man den moralisch gehobenen Zeigefinger in allen Szenen spüren kann.16

Da sich die Österreicher schon immer gerne als erstes Opfer des nationalsozialistischen Regimes gesehen haben, ist nicht weiter verwunderlich, daß dieser Standpunkt auch hier deutlich zum Tragen kommt.

Es geht hier vor allem um die Haltung der österreichischen Bevölkerung während der Verfolgung und Flucht der Juden.

Der Polizist

Jener Polizist, welcher in ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" Ferry den Weg über die tschechische Grenze zeigt und nur eine Nebenrolle einnimmt, steht jedoch exemplarisch für die Haltung der Österreicher zu jener Zeit.

Er präsentiert jene gespaltene Persönlichkeit, welche vermutlich viele Österreicher an den Tag legten. Einerseits will er den verfolgten Juden, in diesem Fall Ferry, tatsächlich helfen, auf der anderen Seite denkt er aber auch an seinen eigenen Profit. Dies läßt sich besonders in jener Szene herauslesen, als er Ferry seine Hilfe anbietet, bevor er von seinen vererbten Schmuckstücken erfährt. Zwar wollte er nicht vorsätzlich in eigennütziger Absicht handeln, doch läßt er sich diese, sich bietende Möglichkeit nicht entgehen, da auch er selber nicht zu den Privilegierten dieser Zeit gehört. Hier wird ein für die Allgemeinheit sprechendes Exempel des zwar hilfsbereiten, aber hinterlistigen Österreichers gezeichnet, was jedoch eine Individualisierung der Österreicher in jener Zeit verhindert.

Es verweist vielmehr auf jene Bemerkungen, in welchen alle am Rande des Regimes Beteiligten, nach Ende des Krieges behaupteten eine jüdische Familie in ihrem Dachboden versteckt zu haben.

Nachdem der Polizist der einzige Österreicher ist, welcher dem Publikum halbwegs nähergebracht wird, muß es von diesem Charakter auf die Restbevölkerung schließen. Wegen diesem negativen Bild, welches den Österreicher um 1938 zeigt, wurde Corti während der Recherche auch als Nestbeschmutzer bezeichnet. Symptomatisch für eine breite Öffentlickeit erscheint dabei Christl Stadlers Artikel zum Film Axel Cortis der, wenn gleich er dem Werk eine hohe Qualität bescheinigt, gleich eingangs mit dem Titel ,,Nicht alle waren so!" ein Abwehrhaltung einnimmt.17 Ganz ungerechtfertigt ist jener Vorwurf jedoch nicht, da man als Regisseur eines Filmes seine Figuren nicht in eine vorgefertigte Form pressen sollte. Zumindest nicht in einem Film, der von sich beansprucht mehr als nur ein billiger Krimi-, oder Actionstreifen zu sein.18

Eine Fortsetzung des Polizisten stellt Herr Kron dar, welcher auch nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Herr Kron ist jedoch als Jude in der gleichen Situation wie die anderen Vertriebenen, und durch diesen Kampf ums nackte Überleben scheinen seine Aktionen gerechtfertigt zu sein. Der Polizist handelt hingegen nur aus den niederen Gründen der Selbstbereicherung. Cortis Film hinterläßt damit jedoch den Eindruck, daß es den Österreichern 1938 an nichts mangelte, und sie sich in keiner potentiellen Gefahr befanden - dies soll aber keine patriotische Aussage sein.

Die Sequenz ,,Knödelsuppe" spielt genau auf diese Problematik an. Der Polizist und sein Sohn sind beide gut genährt und schmausen genüßlich in Anwesenheit von Ferry, der ein Schatten seiner selbst ist. Dieser schon beim Casting gesetzte Kontrast kann kein Zufall sein. Mit einem dicken Menschen assoziiert man eher Selbstsicherheit und Gemütlichkeit, als man das bei einem hageren Schauspieler empfunden hätte. Diese Gemütlichkeit, die durch den Polizisten unterstrichen wird, repräsentiert das Klischee des Österreichers im Ausland. Diese Repräsentation wird noch unterstrichen durch den harten Schnitt zur vorigen Sequenz. Jene Sequenz ist mit ihrer Hektik und Nervosität, in welcher die Juden bei Schnee und Kälte versuchen ein Visum zu erlangen, der krasse Gegensatz zum trauten Heim des Polizisten. Mit diesen psychologischen Mitteln konstruiert Corti ein negatives Bild der österreichischen Seele.

Der Zuschauer soll sich betroffen fühlen und sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Hier ist vielleicht der Vorwurf des ,,Nestbeschmutzers" verständlich, da Corti dieses Betroffenheitsgefühl auf sehr plumpe Art und Weise produziert.

Gandhi

Diese plumpe Art eine Figur zu charakterisieren, trifft auch auf den einzigen Deutschen (Gandhi) zu, der dem Zuschauer vorgestellt wird. Dieser ist zwar kein Jude dafür ein Widerstandskämpfer19, der gerade deswegen als deutscher Staatsbürger zu den Ausgegrenzten zählt. Obwohl Gandhi das gleiche Schicksal erleben muß wie seine jüdischen Leidensgenossen, unterscheidet er sich von jenen durch seine fatalistische Lebenseinstellung. Dieser Unterschied beruht darauf, daß Gandhi sich sein Schicksal selbst gewählt hat, während die Juden unfreiwillig damit leben mußten.

Gandhi repräsentiert im Film jene Schicht der Bevölkerung, welche versucht hat, sich gegen das Regime aufzulehnen, und nach Ende des Krieges zu Helden stilisiert wurden. Damit ist er das Gegenstück zum Polizisten, der zwar den Juden seine Hilfe anbietet und Mitleid für sie zu empfinden scheint, jedoch als Marionette des Dritten Reiches gezwungen ist, mit der breiten Masse mitzuschwimmen. Nun hat der Zuschauer einen Deutschen und einen Österreicher kennengelernt, deren Rollen klar festgelegt werden: Hier wird ein Deutscher als Widerstandskämpfer gezeigt. Auch Axel Cortis Meinung war:

,,Der Antisemitismus ist in Österreich nicht größer als anderswo. Ich wollte mit meinem Film zeigen, wie die Österreicher ihren Nazismus verdrängten, indem sie sich als Opfer der Deutschen und damit unschuldig fühlten."20

Diese Aussage bestätigt die Rolle Gandhis, welcher vermutlich bewußt deutscher Nationalität ist, wohingegen der Polizist jenen ,,verdrängenden Österreicher" symbolisiert.

Ferry

Ferrys Situation wird bereits in der Eingangssequenz ,,Keller" so problematisiert, daß sie die Ausgrenzung der Juden für den gesamten Film repräsentiert. Durch Ferrys Charakter wird das Schicksal eines ,,durchschnittlichen" Juden gezeichnet. Aber wie ,,durchschnittlich" ist Ferry eigentlich?

In der Sequenz ,,Keller" wird die diabolische Mischung zwischen Angst und Neugierde gezeigt, da Ferry, obwohl auf der Flucht, es sich nicht verbeißen kann, durch das Kellerfenster zu spionieren. In dieser Position aber, zu Füßen der SS, wird Ferry zum unterdrückten Individuum, sowohl symbolisch als auch tatsächlich. Die Neugier zeigt sich bereits darin, daß er nicht panisch reagiert, sondern wohlweislich die Tür versperrt und erst dann zu seinem Spion läuft.

Die schnelle Schnittweise, mit welcher die Sequenz jedoch versehen ist, stellt wiederum die Angst dar, das Ausweglose dieser Situation, in welcher man um Schutz sucht.

Doch obwohl Ferry eindeutig ein Ausgegrenzter ist, erfährt man im Laufe des Filmes, daß er gar nicht dem jüdischen Glauben folgt. Er folgt keiner politischen oder religiösen Einstellung und kann mit seinen früheren Leben leichter abschließen, als dies vielen anderen möglich war. Schon beim Tod seines Vaters zeigt er keine besondere Gefühlsregung und wenn er vor seiner Flucht aus Wien seinen Wohnungsschlüssel wegwirft, wird klar, daß ihn nichts mehr an dieses Leben bindet.

In den folgenden Szenen kristallisiert sich zunehmend sein Desinteresse gegenüber den Problemen der anderen heraus, seine einzige Gefühlsregung ist sein unerfülltes Verlangen nach Alena. Doch auch hier stößt er nur auf Ablehnung, wie ihm dies schon öfter passiert ist. Wenn er sich im französischen Arbeitslager darum bemüht in der Armee aufgenommen zu werden, so bekommt er nur als Antwort, daß die französische Armee keine unzuverlässigen Elemente benötigt. Ferry grenzt sich durch sein Verhalten selbst aus und wird deshalb von jenen, welchen er auf seiner Reise begegnet, nicht für voll genommen.

Ferry ist kein selbstständiger Charakter, er hängt sich nur an diejenigen an, von welchen er sich verspricht, daß sie sein Leben ändern könnten. Aus eigener Kraft wäre er niemals nach Marseille gekommen, er schafft dies nur, weil er sich an den Rockzipfel Alenas hängt. Ferry ist kein Held, er ist nur einer aus der breiten Masse, welche zur Flucht genötigt waren, diese Nötigung aber selbst nicht begriffen haben. Er verläßt sich anfangs darauf, daß seine nihilistische Einstellung zum Leben ihn unbeschadet gegenüber den politischen Umbrüchen läßt und erkennt den Ernst der Situation erst, als Frankreich zum Opfer Hitlerdeutschlands wird. Alle seine Entscheidungen fällt er aber nur mit Rücksicht auf sein Verlangen nach Alena und wäre dieses nicht gewesen, hätte er vermutlich Prag nie verlassen. Auf die Hauptpersonen dieser Trilogie (Ferry=Freddy?)21 angesprochen, meinte der Autor Troller, daß vieles von seinem damaligen Selbst enthalten sei.

Auch er war sich seiner momentanen Situation soweit nicht bewußt, daß er sich nicht entscheiden konnte, wohin ihn seine Flucht bringen würde und ob er sein Heimatland wiedersehen wollte.22

Nationalitäten - und Sprachgebrauch im Film

Wie bereits erwähnt, werden die Hauptfiguren oft mit sehr plumpen Mitteln charakterisiert. Zu diesen Mitteln zählt auch der Einsatz von altbekannten Klischees und Mitteln welche diese Klischees provozieren. Wenn wir vom Polizisten behaupten, daß durch sein Agieren die wienerische Komponente ins Spiel kommt, so festigt sich diese Behauptung, daß er ausgeprägten Wiener Dialekt redet. Die Intention des Regisseurs, oder zumindest des Produzenten, kann nur darin liegen, daß der Zuschauer, durch diesen expliziten Sprachgebrauch, auf die Restbevölkerung rückschließt, und sich selbst angesprochen fühlt. Damit wird sowohl Vergangenheitsbewältigung, als auch schlechtes Gewissen provoziert. Natürlich sprechen in Wien die meisten Leute wienerisch, aber warum tut das im Film außer dem Polizisten niemand? Ferry redet ja auch nicht wienerisch und ist doch dort aufgewachsen. Aber nicht nur der Polizist wird durch diesen Spracheinsatz abgestempelt. In der Sequenz ,,Keller", reden die ersten Stimmen, welche man vernimmt ebenfalls wienerisch. Und das, was sie reden, sofern man es versteht, ist nichts Nettes. Die Sequenz ,,Keller" wurde auch unvoreingenommenen Personen gezeigt, welche danach einen sehr negativen Eindruck äußerten.

Dieser negative Eindruck läßt den Zuschauer in sämtlichen Wiensequenzen nicht los, und ändert sich erst merklich, als Ferry die Flucht nach Prag gelingt. Die dort neu hinzukommenden Personen werden viel positiver gezeigt, als jene Personen in Wien. Sie wirken hilfreicher und facettenreicher als die ohne Nuancen ausgestatteten Wiener.

Mit den in Prag eingeführten Personen kommen Elemente wie Liebe, Witz und Hoffnung ins Spiel, welche Ferry in Wien vergeblich suchen muß. Alena, die der Zuschauer in Prag kennenlernt, hilft den flüchtenden Juden (sie bietet ihnen zum Beispiel Unterschlupf), sie steht damit im Gegensatz zu einem Freund von Ferry, welcher bei dessen Flucht mit Zuversichtlichkeit geizt.

Den Humor bringt die neu eingeführte Person des Herrn Mehlig, welcher mit seiner selbstironischen Art den typischen Juden verkörpert. Troller meinte, daß dieses Gefühl der Ironie sein dauernder Eindruck während der Emigration war und auch geblieben ist.23 So wie der Polizist wienerisch redet, redet Fritz Muliar deutsch mit jiddischen Einflüssen. Dieses geschieht aber auf so brachiale Art und Weise, daß es einem als Zuschauer unangenehm auffällt.

In Frankreich, wo zwei Drittel des Filmes spielen, verwandelt sich das erhoffte Paradies Paris in ein zweites Wien. Die Aufnahmefreundlichkeit der flüchtenden Juden geht zurück, je näher die Gefahr des Angriffs durch Hitlerdeutschland rückt. Die Franzosen zeichnen sich hauptsächlich dadurch aus, unkontrolliert und voller Angst herumzuirren, was durch die Einspielung originaler Wochenschauaufnahmen bestärkt wird. Mittels dieser Wochenschauaufnahmen wird wiederum die Nähe zum Dokumentarfilm betont.

Einflüsse des Dokumentarfilmes

Seit den frühen 80er Jahren betreibt der österreichische Dokumentarfilm Geschichtsarchäologie, was soviel bedeutet, daß in dieser Zeit dieses Genre wieder auflebt und beginnt das Vergangene für die Gegenwart zu erschließen.24

Vielleicht war dies auch ein Anlaß für Axel Corti, seinen Film ,,An uns glaubt Gott nicht mehr", mit Elementen des Dokumentarfilms auszustatten. Dazu gehören solche Mittel, wie die Einblendungen am Bildrand, welche den Zuschauer über Datum und Ort in Kenntnis setzen. Ebenso die zuvor erwähnten Wochenschau-einblendungen geben den Film eine realistische Note.

Diese Vermischung von Fiktion und Wirklichkeit mag dazu dienen, den Zuschauer die jüngste Vergangenheit näherzubringen und ihn daran zu erinnern, daß diese Zeit real war und nicht nur im Film existiert. Bei neueren Produktionen, wie ,,Schindlers Liste" oder ,,La vita e bella" ist der Märchencharakter im Vordergrund und der Zuschauer wird nicht so sehr mit der tatsächlichen Vergangenheit konfrontiert.

Axel Cortis Intention war hingegen den Film so genau wie möglich zu machen. Darum wurde er auch in Schwarzweiß gedreht, weil Corti die damalige Zeit so in Erinnerung hat. Das Schwarzweiße gibt den Film einen authentischeren Bezug und erst mit Roberto Benigni konnte sich jemand über dieses ungeschriebene Gesetz hinwegsetzen. Eine Komödie in Farbe war bis zum letzten Jahr über den Holocaust noch nicht denkbar gewesen. Selbst Spielbergs pathetisches Drama ,,Schindlers Liste" fiel über diesen Stolperstein und versuchte mittels schwarzweißen Szenen Realität zu heischen. Ist Corti auch nur einer, welcher sich solcher Mittel bedient, um den Zuschauer klar vor Augen zu bringen, was er eigentlich will. Verstehen es wir, die Zuschauer nicht besser, als wenn wir mit der Nase genau darauf gestoßen werden? Immerhin gibt es aus dieser Zeit auch bereits Farbaufnahmen. Wenn Corti mit seinem Film die Zuschauer zum Nachdenken anregen wollte und Realität darstellen wollte, dann hat er es mit Datumseinblendungen versucht. ,,Saving private Ryan" hat es mit Gewalt versucht und das Echo der amerikanischen Kriegsveteranen war stürmisch.

Der Soldat James Ryan spricht beide Generationen an. Heute vergißt man gerne, daß die meisten der Soldaten damals junge Burschen , die voll Energie und Plänene steckten. Das waren keine mythischen Superhelden, sondern ganz normale Menschen, die von der Liebe träumten, die abends ein gutes Essen haben wollten, morgens einen starken Kaffee und dazwischen eine ungestörte Nachtruhe. Diese Generation - und das kann ich mit vielen Briefen beweisen - freut sich, daß es in Hollywood endlich jemanden gibt, der sie so zeigt wie sie wirklich waren.25

Von den Rezipienten von ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" liegen uns leider keine Rückmeldungen vor und es ist auch zu bezweifeln, wie sehr man der Aussage Tom Hanks' trauen kann. Jedoch ist es verblendet die großen Hollywood Produktionen ad hoc zu verteufeln, wenn sie nur mit den gleichen Mitteln arbeiten, wie kleinere Produktionen in Österreich.

Alle drei Filme sind in Schwarzweiß gedreht, ein Tribut an einen realistischen Grundton, den die historische Epoche einzufordern scheint.26

Es scheint also tatsächlich so zu sein, daß es bis 1998 dauern hatte müssen, bis diese Grundregel gebrochen wurde und man diese Zeit in Farbe darstellen durfte.27

Weitere, in dieser Zeit in Österreich produzierte Filme

Die österreichische Filmindustrie zeigte in den frühen 80er Jahren eine breite Bandbreite an Themen, welche produziert und auch verfilmt wurden. Neben so seltenen österreichischen Juwelen wie ,,Exit...nur keine Panik", wurden auch weniger sehenswerte Filme wie Antels ,,Love-Hotel in Tirol" oder ,,Tod im November" von Helmut Pfandler produziert. Erst Antels Neuverfilmung von ,,Der Bockerer" belebte die Beschäftigung mit diesem Thema wieder. 1982, als ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" im ORF ausgestrahlt wurde, gab es nur einen weiteren mit ähnlicher Thematik, Walter Bannerts ,,Die Erben", welcher das Problem des Neonazismus behandelt. Da genau in jener Zeit der Rechtsruck in Österreich wieder beängstigend zu nahm, können solche Filme sehr wohl als Mahnung an die Vergangenheit verstanden werden. Cortis Trilogie fällt genau in jene Zeit hinein und die drei Filme erstrecken sich über jenen Zeitraum, als dieses Thema am akutesten war. Als 1986 ,,Welcome in Vienna" als einziger Film der Trilogie in die heimischen Kinos kam, mußte er sich gegenüber zwei anderen österreichischen Filmen dieser Thematik behaupten.28 Wolfram Paulus ,,Heidenlöcher" und Wolfgang Glücks ,,38-Auch das war Wien", beschäftigen sich genauso intensiv mit Vergangenheitsbewältigung, was in den schlimmsten Phasen des Rechtsextremismus in Österreich ein klares Gegenbeispiel war. Daß 1986 auch Jörg Haider Obmann der FPÖ wurde, soll hier nicht als politisches Statement verstanden werden hat und sicherlich nichts mit der Entwicklung des österreichischen Films zu tun.

Während ,,38-Auch das war Wien" in seinem Inhalt sehr an ,,An uns glaubt Gott nicht mehr" erinnert, beschäftigt sich ,,Heidenlöcher" mehr mit der Vergangenheitsbewältigung und läßt auch kein gutes Haar an der österreichischen Seele im dritten Reich. ,,38" zeigt eben so das Schicksal unpolitischer Menschen und hat mit seinem, an Politik nicht interessierten Hauptdarsteller einen Charakter, welcher frappant an Ferry erinnert.

Auffallend ist jedoch, daß nach 1986 dieser Trend wieder abreißt. Otto Muehl startet mit ,,Back to fucking Cambridge" den kabarettistischen Film, welcher mit ,,Müllers Büro", ,,Indien" und ,,Muttertag" seine Höhepunkte erreichte und jetzt mit ,,Hinterholz 8" in seltsame Irrwege abgleitet.

Literaturverzeichnis

Austrian Films 1981/86...and ten selected films 1976-80. Wien [u.a] 1988

E. Büttner/Chr. Dewald. Anschluß an Morgen. Geschichte des österreichischen Films von 1945 bis Gegenwart. Salzburg 1997.

Rene Freund. Dicht an Menschen 'ran. Axel Corti, Aushängeschild des österreichischen Films, ,,Stimme der Nation" in mancherlei Hinsicht, spricht über seine Arbeit, über dieses Land und über sich. In: Wann Was Wo. Wien o.J.

Wolfgang Kindermann. Der Paradigmenwechsel im österreichischen Nachkriegsfilm am Beispiel von Axel Corti. Wien 1992.

Neue Kronen Zeitung. Mit Selbstironie auf die Emigration zurückgeblickt. 9.10.1985.

Neue Kronen Zeitung. Die Menschheit auf der Flucht, 18.4.1982.

Sigrid Löffler. Lehrstück vom Einverständnis. In: Profil, 22.10.1984.

Brigitte Oberleitner: Axel Cortis Anliegen. In: Neue Zeit. Graz. 5.4.1987.

Oberösterreichischen Tagblatt. Sprich nicht von Antisemitismus... Axel Cortis ,,Welcome in Vienna" nun auch in heimischen Kinos. 28.3.1987.

ORF. Pressedienst Spezial: "Welcome in Vienna". Offizielle Auswahl o.J.

Profil. 22.5. 1982.

Profil. Lebenslang in Gewissenhaft. 12.5.1986.

Skip. Das Kinomagazin. Klosterneuburg. Oktober 1998.

Thomas Thieringer. Mit Geduld zwischen den Zeilen lesen. Axel Corti - Portrait eines erfolgreichen Regisseurs gegen die ununterbrochene Anpassung. In: Süddeutsche Zeitung. 7.10.1985

Georg Stefan Troller. Axel Corti- Portrait eines poetischen Realisten. In: Rezensionsmappe Österreichisches Filmarchiv

Neues Volksblatt. Auf der Flucht vor den Nazis. 15.5.1982

Elisabeth Zacharia. Das Leben neu erfinden. Österreichisches Filmarchiv. Rezensionsmappe ,,Axel Corti".

[...]


1 Interview mit Axel Corti. In: Wolfgang Kindermann. Der Paradigmenwechsel im österreichischen Nachkriegsfilm am Beispiel von Axel Corti. Wien 1992.

2 a.a.O.

3 Neues Volksblatt. Auf der Flucht vor den Nazis. 15.5.1982.

4 Neue Kronen Zeitung. Die Menschheit auf der Flucht. 18.4.1982.

5 a.a.O.

6 So ging es zumindest durch die nationale Presse. Anm. d. Verfasser.

7 Interview mit Axel Corti in: Wolfgang Kindermann. Der Paradigmenwechsel im österreichischen Nachkriegsfilm am Beispiel von Axel Corti. Wien 1992.

8 vgl. Profil. April 1982.

9 Anmerkung: Die Namen Ferry und Freddy sind sehr ähnlich. Obwohl Ferry am Beginn des zweiten Teiles stirbt, könnte dieser Freddy eine Art Fortsetzung des Ferry sein.

10 Profil. Lebenslang in Gewissenhaft. 12.5.1986

11 Georg Stefan Troller: Axel Corti- Portrait eines poetischen Realisten. In: Rezensionsmappe Österreichisches Filmarchiv

12 Wir verbürgen uns dafür den Film ganz gesehen zu haben. Anm. d. Verf..

13 Elisabeth Zacharia. Das Leben neu erfinden. Rezensionsmappe österreichisches Filmarchiv.

14 Rene Freund. Dicht an Menschen 'ran. In: Wann Was Wo. Wien.o.J.

15 Vgl. Thomas Thieringer. Mit Geduld zwischen den Zeilen lesen. Axel Corti-Portrait eines erfolgreichen Regisseurs gegen die ununterbrochene Anpassung. In: Süddeutsche Zeitung. 7.10.1985.

16 Vgl. Sigrid Löffler in Profil. 22.10.1984.

17 Vgl. Oberösterreichischen Tagblatt. Sprich nicht von Antisemitismus. 28.3.1987.

18 Obwohl in sehr vielen Kriminalfilmen die Figuren eine regelrecht ungehörige Tiefe haben, man denke nur an die Filme des Film noir, oder auch nur an Columbo.

19 Zitat Herr Mehlig (Fritz Muliar) im Film: ,,A Held!"

20 Oberleitner Brigitte: Axel Cortis Anliegen. In: Neue Zeit. 5.4.1987.

21 Anm. d. Verf.; Ferrys und Freddys Rollen in den drei Teilen ähneln sich so stark, daß man davon ausgehen kann, daß sie ein und dieselbe Person darstellen. Wieweit sie diese auch tatsächlich sind und der Namens- und Personenwechsel nur durch den Ausstieg (oder Rauswurf) des eigentlichen Ferry Darstellers erfolgte, kann hier nur gemutmaßt werden.

22 Vgl.: ORF. Pressedienst Spezial: "Welcome in Vienna".

23 Kronen Zeitung. Mit Selbstironie auf die Emigration zurückgeblickt. 9.10.1985

24 E. Büttner/Chr. Dewald. Anschluß an Morgen. Geschichte des österreichischen Films von 1945 bis Gegenwart. Salzburg 1997.

25 Interview mit Tom Hanks. Skip Oktober 1998.

26 Büttner. S. 39

27 Natürlich gab es auch davor schon Filme über den zweiten Weltkrieg in Farbe, aber diesen waren eher Actionreißer, ohne wirklichen Bezug zur Thematik. Anm. d. Verfasser.

28 Austrian Films 1981/86...and ten selected films 1976-80. Wien [u.a] 1988

19 von 20 Seiten

Details

Titel
Analyse der Judenausgrenzung in Axel Cortis Film "An uns glaubt Gott nicht mehr"
Note
2
Autoren
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V99824
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Judenausgrenzung, Axel, Cortis, Film, Gott
Arbeit zitieren
Oskar Ters (Autor)Martina Planer (Autor), 1999, Analyse der Judenausgrenzung in Axel Cortis Film "An uns glaubt Gott nicht mehr", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99824

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