Norbert Elias Zivilisationstheorie und ihre Rezeption


Skript, 2001
5 Seiten, Note: sehr gut

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Lars Hübner

Essay 1: Norbert Elias` Zivilisationstheorie und ihre Rezeption -

Warum Elias` Zivilisationstheorie aus heutiger Sicht noch Gültigkeit hat

In seinem „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“ aus dem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ erklärt Norbert Elias den Begriff „Zivilisation“ anhand der Monopolisierung der Gewalt eines Staates und der daraus resultierenden Verhaltensregulierung der Individuen infolge der Herausbildung allgemein gültiger Konventionen einer sich immer mehr differenzierenden Gesellschaft.

Seit den Anfängen der europäischen Geschichte bis zur Gegenwart wird der Einzelne bewusst oder unbewusst gezwungen sein individuelles Verhalten anhand der sich immer mehr differenzierenden Gesellschaft stabiler zu regulieren, damit seine Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Den Unterschied von einer Verflechtung des Einzelnen in einer weniger differenzierten und derjenigen innerhalb einer differenzierten Gesellschaft macht Elias in einem Gleichnis deutlich. Auf einer „holprigen Straße“ einer „natural wirtschaftenden Kriegergesellschaft“ muss sich der Mensch weniger vor dem kaum vorhandenen Verkehr denn vor eventuellen Überfällen in Acht nehmen, während hingegen auf einer ausgebauten Straße heutiger Zeit die Aufmerksamkeit vorwiegend dem Verkehr gilt. Eine „äußere Regulierung“ in Form von Polizeibeamten hat in diesem Szenario lediglich einen Scheincharakter, denn das System setzt darauf, dass die beteiligten Menschen die Kontrolle über sich selbst nicht verlieren, sich also selbst regulieren. Durch die „Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalt“, die auf einer „Differenzierung des gesellschaftlichen Apparates“ beruht, wird also die „psychische Selbstkontrollapparatur“ des Individuums komplexer und stabiler.

Das Vakuum einer durch das Gewaltmonopol hervorgerufenen sich zurückziehenden, direkten körperlichen Gewalt wird durch andere Zwänge, zum Beispiel der wirtschaftlichen Gewalt, ausgefüllt. Diese anderen Gewaltformen sind es, die an der „Züchtung von Gewohnheiten“ am meisten Einfluss haben. Dies lässt sich folgendermaßen erklären: Die körperliche Gewalt ist in einer durch das Gewaltmonopol gezeichneten Gesellschaft normalerweise aus dem öffentlichen Leben gebannt. Sie tritt nur noch als Kontrollinstrument in der Hand von Spezialisten im Alltag in Erscheinung. Diese implizite Gewaltandrohung zwingt die Menschen zu einer permanenten Selbstkontrolle durch vorausschauendes Denken. Dieser ständige Selbstzwang, hervorgerufen durch die Überwachung der Triebe, führt somit zu einer Herausbildung eines durch die Gesellschaft definierten „Über-Ich“.

Die Folgen sind zweierlei. Zum einen droht dem Menschen weniger Gefahr, zum anderen wird das Leben „affekt- und lustloser“. Dieser Verlust kann durch entsprechende gewalt- und liebeslastige Fantasien in den Medien kompensiert werden. Andere, an martialische Aktivitäten der Vergangenheit erinnernde Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Benutzen des Messers bei Tisch, werden stark reglementiert. Der Mensch ist durch seinen gesellschaftlichen Kontakt also ständig gezwungen sein Verhalten anhand seiner in dem Über-Ich verfestigten gesellschaftlichen Gewohnheiten zu reflektieren. Der nunmehr antike äußere Kampf zwischen Mensch zu Mensch findet auf andere Art und Weise in den Individuen selbst statt. Das Ergebnis dieses „halb automatische Ringen des Menschen“ um ein korrektes Verhalten angesichts der Konventionen der Gesellschaft ist für das Individuum nicht immer befriedigend, was oft genug zu einem Ungleichgewicht des „Triebhaushaltes“ führen kann.

Bilanziert man nun das Resultat dieser „Zivilisation“, so konstatiert man folgendes: Einerseits lassen sich Genüsse angesichts mangelnder Gefahr von außen unbeschwerter genießen als in einer kämpferischen Gesellschaft, andererseits ist die Gefahr einer Störung der Psyche des Individuums bei der dauerhaften Reflektion von Tätigkeiten auf deren Gesellschaftskonform größer.

Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias ist, trotz oder gerade wegen ihrer weitreichenden Rezeption, immer wieder Ziel mehr oder weniger fundamentaler Kritik. Es lassen sich dabei zwei Hauptströme ausmachen.

Die Geschichtswissenschaft, in meinem Fall repräsentiert durch Gerd Schwerhoff, kritisiert vor allen Dingen die selektive Verwendung bzw. falsche Interpretation historischer Quellen, die daran anknüpfende Kritik an falschen Rollenzuweisungen bestimmter historischer Figurationen sowie insgesamt den daraus resultierenden unschlüssigen konzeptionellen Aufbau (S. 567).

Als Beispid). Elias hätte wider besseres Wissen eine einseitige parteiische Darstellungsweise bestimmter höfischer Szenarien des 15. Jahrhunderts als Veranschaulichung für das böse Mittelalter benutzt um dann später die historische Rolle des Ritters von „der Figur des zivilisierten Höflings“ abzugrenzen. An diesem Beispiel manifestieren sich gleich mehrere Kritikpunkte der Historiker: Neben der bereits genannten Selektivität hinsichtlich eines bestimmten Wirkungsgrades sei das Beispiel historisch unzureichend recherchiert, sei doch das Werk als Auftragsarbeit eines „bürgerlichen Ingenieurs“ bekannt und sogar in sich durch entsprechende erklärende Untertexte der Darstellungen schon damals als „moralische Verurteilung“ bestimmter Verhaltensweisen erkennbar. Die von diesem Beispiel ausgehende Rollenzuweisung, Ritter = böse, Höfling = gut, sei somit fehlerhaft, was natürlich negativ auf das gesamte Konzept Elias` ausstrahle.

Von Seiten der Soziologie ist nicht minder schwerwiegende Kritik zu vernehmen, jedoch mit einer anderen Gewichtung. Ziel soziologischer Beanstandungen ist vorwiegend die Schlüssigkeit der Theorie anhand der tatsächlichen Realität. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer steht hier stellvertretend für das Fach.

Neben der grundsätzlichen Problematisierung der Annahme, dass gewalttätige Affekte durch die Selbstbeherrschung der Individuen mehr und mehr rückläufig seien, in Anbetracht „moderner Phänomene“ wie den nationalsozialistischen Holocaust, gilt der vorherrschende Kritikpunkt der „Unilinearität“ von Elias` Zivilisationstheorie.

Elias habe demnach zum einen, was „soziogenetische Prozesse“ angeht, wie auch zum anderen in „psychogenetischen Fragen zum Verhältnis von Ich und Über-Ich“ eine zu strikte Linie hinsichtlich der Analysierung von gesellschaftlichen Prozessen eingeschlagen (S. 232). Die Beschränkung auf „Integration, Zentralisierung und Angleichung“ schließe somit gegenläufige Prozesse wie „Verhandlung, Ausgleich und Gewährung von Rechten“ aus. Die Zivilisationstheorie von Elias sei somit „nicht offen genug für eine Sicht auf Modernisierungsprozesse, deren Differenzierung zu einer zunehmenden Vielfalt von Wahlmöglichkeiten führt“. Optionen, die neben Gegenläufigkeiten in Prozessen auch zu Bereicherungen hinsichtlich einer Zivilisation führen könnten, würden somit ausgeschlossen.

Was bleibt somit noch von einer Theorie, die bezüglich ihrer historischen Schlüssigkeit sowie ihrer theoretischen Konzeption offenkundig beträchtliche Mängel aufweist?

Schauen wir uns zuerst den methodischen Ansatz der Theorie an. Bemerkenswert ist, dass Elias im historischen Kontext und über einen langen Zeitraum hinweg, nämlich von den „frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart“ (Elias) nach langfristigen Veränderungen des Individualverhaltens fragt. Diese Herausbildung von Verhaltensstandards setzt er in Bezug auf die Veränderungen der europäischen Gesellschaft, also zum Beispiel im Vergleich von ritterlichen Kämpfen des Mittelalters mit den strengen Sitten am Hofe Ludwig IVX. Darüber hinaus deckt Elias mit dem Einbezug der Triebregulierung einen Zusammenhang zwischen der „Psychostruktur des Individuums und der Soziostruktur der Gesellschaft“ auf; er versucht somit deutlich zu machen, dass über die Jahrhunderte hinweg linear eine Wandlung von Trieb- und somit Affektäußerung hin zu Trieb- und Affektkontrolle stattgefunden hat. Der Prozess der Zivilisation ist demnach eine Verhaltensregulierung, die notwendig ist, damit das öffentliche Leben in komplexen Gesellschaften überhaupt möglich ist. Alles, was nicht gesellschaftskonform ist, und somit durch das „gesellschaftliche Über-Ich“ sanktioniert wird, ist im Privaten angesiedelt.

(Dieser These kann ich nur zustimmen. Mit dieser Theorie kann man zumindest den reißenden Absatz von gewaltverherrlichenden Medien erklären.)

Doch die Bedeutung von Elias Zivilisationstheorie liegt sicherlich in der „Verbindung von psycho- und soziohistorischer Wissenschaft“. Die Triebregulierung erhielt ihre Notwendigkeit aus der Zentralisierung der Herrschaftsformen, d.h. der Bildung von Macht- und somit Gewaltmonopolen, einerseits und der gesellschaftlichen Differenzierung andererseits. Als Folge dieser Regulierung kann eine gewisse Standardisierung der Verhaltensweise einer Gesellschaft konstatiert werden, was das jeweilige Verhalten zumindest bis zu einem Grad vorhersagbar macht. Diese Standardisierung von Verhaltensweise kann also als das bezeichnet werden, was wir Zivilisation nennen.

Wenn schon Elias` Theorie bezüglich der Qualität ihrer Konzeption und somit ihrer Aussagefähigkeit zumindest anfechtbar ist, so ist doch ihre Methodik weiterhin mustergültig. Der Begriff der „Zivilisation“ wird so von drei Seiten beleuchtet, so dass einseitige, Allgemeingültigkeitsanspruch erhebende Definitionen aus einer der drei Fachrichtungen Geschichtswissenschaft, Soziologie oder Psychoanalytik wenigstens in Frage gestellt werden können.

Quellen:

Norbert Elias: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, aus: Über den Prozeß der Zivilisation Band II, S. 312-336, Frankfurt 1977 Wolfgang Ludwig-Meyerhofer: Disziplin oder Distinktion? - Zur Interpretation der Theorie des Zivilisationsprozesses von Norbert Elias aus: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Band ?, Seite 217-237

Gerd Schwerhoff: Zivilisationsprozeß und Geschichtswissenschaft - Norbert Elias` Forschungsparadigma in historischer Sicht aus: Historische Zeitschrift Band 266 (1998), S. 561-592 http://www.tu-bs.de/institute/allg-paedagogik/elias3.htm (01.11.00)

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Details

Titel
Norbert Elias Zivilisationstheorie und ihre Rezeption
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
5
Katalognummer
V99892
Dateigröße
331 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norbert, Elias, Zivilisationstheorie, Rezeption
Arbeit zitieren
Lars Hübner (Autor), 2001, Norbert Elias Zivilisationstheorie und ihre Rezeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99892

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