Die Identitäre Bewegung und die Alternative für Deutschland auf Twitter. Eine Inhaltsanalyse


Projektarbeit, 2018

56 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsleitendes Interesse

2. Zentrale Themen und Vorgehen

3. Forschungsfrage

4. Forschungsstand und Relevanz

5. Untersuchungseinheiten und Sample auf Twitter
5.1. Die Microblogging Plattform Twitter
5.2. IB und AFD als Teil des Rechtspopulismus und der Neuen Rechten
5.3. Sample

6. Theoretische Verankerung
6.1. Drei-Ebenen-Modell und Mediatisierung der Politik
6.2. Gegenöffentlichkeiten und Echtzeit-Öffentlichkeiten
6.3. Filter Bubbles

7. Methode

8. Auswertung
8.1. Politiker der AFD
8.1.1. Beatrix von Storch
8.1.1.1. Art und Weise des Twitterns
8.1.1.2. Themenkategorien und Quellen
8.1.2. Georg Pazderski
8.1.2.1. Art und Weise des Twitterns
8.1.2.2. Themenkategorien und Quellen
8.1.3. Martin Reichardt
8.1.3.1. Art und Weise des Twitterns
8.1.3.2. Themenkategorien und Quellen
8.1.4. Petr Bystron
8.1.4.1, Art und Weise des Twitterns
8.I.4.2. Themenkategorien und Quellen
8.2. Mitglieder der IB
8.2.1. Martin Sellner
8.2.1.1. Art und Weise des Twitterns
8.2.1.2. Themenkategorien und Quellen
8.2.2. Robert Timm
8.2.2.1. Art und Weise des Twitterns
8.2.1.2. Themenkategorien und Quellen

9. Zusammenfassung
9.1. Art und Weise des Twitterns
9.2. Themenkategorien und Quellen
9.3. Fazit

10. Literaturangabe

11. Quellenangabe

12. Abbildungsverzeichnis

1. Forschungsleitendes Interesse

Die Partei ,Alternative für Deutschland‘ ist als rechtspopulistische Partei einzuordnen. Doch achtet sie stets darauf sich von Organisationen der rechtsradikalen Szene zu distanzieren. So unter anderem von der ,Identitären Bewegung‘ (IB). Im Juni 2016 ließ der Bundesvorstand der AFD verlauten, „dass es keine Zusammenarbeit der Partei Alternative für Deutschland‘ und ihrer Gliederungen mit der so genannten ,Identitären Bewegung' gibt" (vgl. Geißler et al. 2017, Zeit). AFD-Politiker stellen ihre Partei in Interviews meist als gemäßigte Demokratische Partei, ähnlich den etablierten Parteien, dar und hüten sich davor, vor der breiten Masse der gemäßigten Wählerschaft einen extremen - vor allem einen rechtsextremen - Eindruck zu hinterlassen (Maischberger, 28.2.2018). Dadurch möchten und müssen sie sich von bestimmten Teilen des rechten Spektrums distanzieren. AFD-Chef Jörg Meuthen erklärte, dass seine Partei sich nicht mit einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet werde, gemein mache. Doch von gemeinsamen Aktionen zwischen Mitgliedern der AFD-Jugendorganisation Junge Alternative (vgl. Geißler et al. 2017, Zeit) einem Hausprojekt der IB in Halle, bei der der Vermieter ein AFD- Funktionär ist (Jäger & Sammler, 2017) und Personen, die in beiden Organisationen tätig sind, lassen sich gewisse Überschneidungspunkte nicht verleugnen. Über die Thematik einer offenen Zusammenarbeit hinaus stellt sich des Weiteren die Frage, inwieweit beide Organisationen tatsächlich ideologisch voneinander entfernt sind. Gibt es in den politischen Ansichten der Mitglieder der beiden Organisationen Überschneidungspunkte oder sind sie sich gar sehr ähnlich? Werden Online die gleichen Quellen gepostet und dadurch die gleichen Medien zur Meinungsbildung der Mitglieder von beiden Organisationen herangezogen? Aufschluss darauf soll eine Inhaltsanalyse der Twitterkanäle von Mitgliedern beider Organisationen geben.

2. Zentrale Themen und Vorgehen

Methode der Arbeit ist eine Inhaltsanalyse von repräsentativen Kanälen der ,Identitären Bewegung‘ und der AFD. Bei der Frequenzanalyse wurden über einen Zeitraum von sieben Tagen hinweg Tweets gesammelt und kategorisiert. Damit die Ergebnisse nicht durch ein bestimmtes Ereignis verzerrt werden, wurde der Zeitraum willkürlich gewählt. Kategorisiert wurden dabei alle Tweets, die vom 19. Februar 2018 nach 00:01 Uhr bis einschließlich dem 25. Februar 2018 vor Mitternacht gepostet wurden. Wie im Methodenteil genauer erklärt. wurden die Tweets auf mehreren Ebenen kategorisiert. Die Arbeit diente zwei Erkenntniszielen: Erstens um zu untersuchen, wie die Personen beider Organisationen tweeten um daher einen Einblick zu bekommen auf welche Art und Weise Mitglieder von beiden Organisationen die Social Media Plattform Twitter nutzen um Informationen und vor allem Meinungen an ihre Follower weiterzugeben. Dazu wurde zum einen die Form der Tweets untersucht: Werden eher Fotos, Videos oder einfache Text Tweets gepostet? Von welcher Art sind die geposteten Fotos und Videos? Handelt es sich um Fotomontagen und satirische Videos oder sind diese eher neutral gehalten und von informeller Natur. Zweitens wurde der Twitter-Stil untersucht: Werden Stilmittel wie Komik, Übertreibung oder Sarkasmus verwendet? Werden Emoticons verwendet? Welche Hashtags werden verwendet und wie werden diese genutzt? Wie ist der Tonfall in den Tweets und wie ist der Umgang mit den Followern? Ist er sehr direkt, wird persönliches preisgegeben oder aus dem Alltag erzählt? Wird direkt mit den Followern interagiert, beispielsweise durch Fragen an diese oder durch Abstimmungen? Schließlich wurden die Tweets noch in Meinungsfunktionale und Informationsfunktionale Tweets kategorisiert, wodurch die Art und der Tonfall des Users hervorgehoben werden soll, das heißt ob dieser eher beispielsweise sachlich-informierend oder emotional-meinungsbildend ist. Wichtig ist hierbei auch, wie die User Hashtags verwenden, also ob sie diese beispielsweise ironisch setzen, in die Sätze einbauen, oder auch gar keine Hashtags setzen.

Das zweite Erkenntnisziel der Arbeit dient, wie bereits im Forschungsleitenden Interesse erwähnt, der inhaltlichen Dimension der Tweets. Es sollte herausgefunden werden, ob die Untersuchten eine ähnliche politische Sichtweise zu bestimmten Themen teilen und ob sie die gleichen medialen Quellen nutzen. Dazu wurden die Quellen der geposteten Links und Retweets verzeichnet und überprüft, ob es hier Überschneidungen bei den genutzten Medien beziehungsweise den ge- retweeteten Usern gibt. Außerdem wurden die Tweets in Themenkategorien einsortiert um hervorzuheben, wenn über die gleichen Themen und Geschehnisse getweetet wird. Dadurch soll eine inhaltliche und ideologische Nähe zwischen der Identitären Bewegung und der Alternativen für Deutschland überprüft werden.

Bei der Analyse auf Twitter handelt es sich um eine qualitative Inhaltsanalyse. Tweets sind öffentlich und authentisch, eine Analyse dieser bietet daher den Vorteil, dass es zu keinen methodischen Verzerrungen kommt, „wie dies bei der Verwendung reaktiver Befragungsmethoden der Fall wäre" (Taddicken; Bund 2010: 167).

3. Forschungsfrage

Auf welche Art und Weise verfassen Mitglieder der Partei Alternative für Deutschland‘ und der Organisation ,Identitäre Bewegung‘ Tweets auf der Plattform Twitter und welche thematischen und inhaltlichen Überschneidungen oder Unterschiede gibt es?

4. Forschungsstand und Relevanz

Twitter ist eine in der Wissenschaft viel untersuchte Plattform: „Zwischen Januar 2007 und August 2015 finden sich auf Scopus allein 737 Forschungsarbeiten der Sozialwissenschaften, deren Titel den Begriff Twitter beinhalten, wobei die Anzahl an Artikeln in einem Jahr kontinuierlich ansteigt“ (Pfaffinger 2016: 15). Es befassen sich die unterschiedlichsten Forschungszweige damit. Daher ist Twitter auch für die Sozialwissenschaften interessant. Vor Allem durch die Funktion des Hashtags ist Twitter zu einer viel untersuchten Plattform geworden. Es lassen sich dort gesellschaftliche Kategorien erforschen, wie Gender, Alter und Profession der User (vgl. Shabunina et al. 2016: 352 ff.). So werden Frauen weniger oft als Quellen angegeben (vgl. Artwick 2014) und Blogs posten Quellenmaterial öfter unbearbeitet als professionelle Journalisten (vgl. Simmons et al. 2011). In diesem Zuge ist auch untersucht worden, inwiefern Posts zu verschiedenen Themen eine unterschiedliche Verbreitung der Information nach sich ziehen (vgl. Romero et al. 2011).

In allen sozialwissenschaftlichen Forschungsgebieten hat sich Twitter vor allem für die politische Kommunikation als fruchtbarer Boden für zahlreiche Studien erwiesen. Nicht erst seit Donald Trump ist bekannt, dass Twitter eine von Politikern vielfach genutzte Plattform ist. Bereits Barack Obama nutzte Twitter stark während seines Wahlkampfes (vgl. Kreiss 2012) und ist die Person mit den drittmeisten Followern auf der Plattform (Friend or Follow; 2018). Aber auch deutsche Politiker nutzen Twitter sehr stark, vor allem in Wahlkämpfen. 60 Prozent der deutschen Bundestagsabgeordneten sind im Social Web aktiv (vgl. Meckel et al. 2011: 58). Thimm et al. konnten während der Untersuchung von ausgewählten Landtagswahlkämpfen im Jahr 2011 individuell ausgeprägte Nutzungsfrequenzen sowie unterschiedliche Stile der Twitternutzung, die sich in ,persönlich-interaktiv‘ und ,thematisch-informativ‘ aufgliedern, nachweisen (vgl. Thimm et al. 2012: 293 ff). Meckel et al. teilten die Politiker in ihrer Studie in „professionelle Nutzer", „skeptische Nutzer" und „begeisterte Nutzer" auf (Meckel et al. 2011: 6). Die letzte Gruppe bildeten rund ein Viertel der User. Sie sind aktive Netzpolitiker, die geschickt Kommunikationsstrategien nutzen, um den aktiven Austausch mit der Online-Community zu pflegen.

Gegenöffentlichkeiten im Internet und konkreter die strategischen Funktionen von Websites und Web 2.0-Angebote für rechtsextremistische Organisationen sind ein Forschungsbereich, der in den letzten Jahren verstärkt erforscht wurde. So bieten rechte Musikgruppen und deren Musikvideos, sowie Videoplattformen wie Youtube eine ideale Möglichkeit neue Mitglieder, vor allem Jugendliche, anzuwerben. Geringe Kosten, Breitenwirkung und gute Vernetzung bieten ideale Bedingungen für rechte Bewegungen in den sozialen Medien (vgl. Pfeiffer 2012: 262: ff). Konkret die Selbstdarstellung der ,Identitären Bewegung‘ und ihre Strategien in den sozialen Medien sind bisher noch wenig erforscht worden. Sieber hat erstmalig 2012 die Ideologie einer kollektiven abendländischen Identität und einer ethnopluralistischen Weltsicht der ,Identitären Bewegung‘ und ihrer Selbstdarstellung im Internet und den sozialen Medien genauer ausgeführt (vgl. Sieber 2012). Hentges et al. haben sich ausführlich der ,Identitären Bewegung‘ und deren Selbstinszenierung gewidmet, denn „charakteristisch für das Phänomen der ,Identitären Bewegung‘ ist - weitaus stärker als bei bisherigen rechtsextremen Jugendkulturen - die Nutzung von Web 2.0 bzw. der Social Media" (Hentges et al. 2014: 9). Besonders sei hier die Stilisierung von Aktionen zum idealisierten Event und das damit beabsichtigte virale Marketing sowie ein ausgesprochen starkes Prosumer- tum in der Szene - also viele Mitglieder sind sehr aktiv in den sozialen Medien, da viel eigener Content gepostet wird. (Hentges et al. 2014: 9 f.)

Während die Wählerschaft der AFD (vgl. Niedermayer/ Hofrichter 2016), die zivilgesellschaftlichen Hintergründe ihrer Popularität (vgl. Plehwe/ Schlögl 2014) und allgemein ihre Wahrnehmung in den Medien bereits analysiert wurde (vgl. Schweiger 2017), konnte noch keine Literatur, die speziell ihren Auftritt in den sozialen Medien analysiert, gefunden werden.

5. Untersuchungseinheiten und Sample auf Twitter

5.1. Die Microblogging Plattform Twitter

„[...] Twitter is a microblogging platform where the discussion around a given topic can be easily identified and tracked by means of the so called hashtags. This allows to easily crawl a thread of tweets, which can offer a good repository to perform various kinds of analysis, related to different characteristics of both the content and the users generating it." (Shabunina et al. 2016: 350). Aufgrund der sehr übersichtlichen API und der hohen Anzahl an Politikern und Aktivisten, eignet sich Twitter sehr gut für diese Analyse. Tweets waren bis zum Jahr 2017 auf 140 Zeichen beschränkt und sind nun auf 280 Zeichen erweitert. Der Twitter-Nachrichtenfeed einer Person „kann von anderen Twitterern abonniert werden, um dadurch jeder neuen Nachricht eines Nutzers automatisch zu folgen (Follow)" (Pfaffenberger 2016: 25). Auf jeden Tweet kann man auch direkt antworten (Reply) sowie diesen markieren, dass er einem gefällt (Favourite). Außerdem lassen sich auf der Seite Links, Fotos, Videos und die Tweets anderer User (Retweet) teilen. Zudem ist „eine explizite Nennung und Verknüpfung anderer Nutzer/-innen in Nachrichten (Mention)" möglich sowie das Versenden von direkten Nachrichten an einen anderen User, sofern dieser einem ebenfalls folgt - sie sind dann ,Friends‘. Außerdem lassen sich noch von Nutzer verwaltete Listen mit Abonnements von anderen Accounts folgen (Lists) (vgl. a.a.O: 31). Den untersuchten Kanälen ist gemein, dass sie über eine für ihre Organisation sehr hohe Followeranzahl von mehr als tausend bis mehreren zehntausend Followern verfügen und dass sie aktive Nutzer von Twitter sind. Twitter definiert einen Nutzer dann als aktiv, wenn er mindestens einmal im Monat seinen Account zum Lesen oder aktiv Posten verwendet. Andere Quellen definieren einen Nutzer dann als aktiv, wenn mindestens zwei, beziehungsweise zehn Tweets seit Erstellung des Accounts abgegeben wurden (vgl. a.a.O: 116).

Wie sämtliche Kommunikation, die durch die Vermittlung von Computern erfolgt, zeichnet sich auch die Kommunikation auf Twitter durch Asynchronität, Alokalität, Anonymität und Textualität aus (vgl. Früh 2000: 5). Der Punkt der Anonymität enfällt beim Untersuchungsgegenstand, da Politiker der AFD sowie Mitglieder in höheren Positionen der IB durch ihre vollen Namen und Bilder klar zu identifizieren sind. Der Punkt der Textualität wird hier ergänzt durch die Möglichkeit, Videos und Fotos zu posten.

5.2. IB und AFD als Teil des Rechtspopulismus und der Neuen Rechten

Wenn man sich auf Uwe Backes und Eckhart Jesses Extremismustheorie beruft, definiert sich der Begriff ,Rechtsextrem‘ auf einem klarem antidemokratischem Opponieren (vgl. Backe/ Jesse in Geisler et al. 2016: 13). Dieses betreiben die Organisation ,Identitäre Bewegung‘ und die Partei ,Alternative für Deutschland‘ nicht, beziehungsweise wenigstens nicht bisher erkennbar. Die Alternative für Deutschland‘ ist als Partei nun auch im deutschen Bundestag vertreten und versucht sich von anderen Organisationen im rechten Spektrum, wie eben der IB, zumindest offiziell abzugrenzen. Allerdings gibt es auch in der AFD extreme Flügel, die durchaus antidemokratisch eingestellt sind, weshalb es schwer ist, die politische Richtung einer Partei zu verallgemeinern. Auch bei der ,Identitären Bewegung‘ ist ein klares antidemokratisches Bestreben bisher noch nicht erkennbar. Allerdings ist dies weit weniger klar, als dies bei der AFD der Fall ist. Beispielsweise wenn Martin Sellner, eine der wichtigsten Führungsfiguren der IB im IB-Imageclip fordert „unser Ziel ist die Beendigung des Diskurses als Konsensform“, könnte dies durchaus als antidemokratische Forderung ausgelegt werden (vgl. Youtube 2016). Denn für Habermas ist ein deliberativer, öffentlicher Diskurs essentiell für eine funktionierende Demokratie (vgl. Thimm et al. 2012: 295). Außerdem wird die Identitäre Bewegung vom Verfassungsschutz beobachtet, was allerdings für sich allein noch keine Demokratiefeindlichkeit beweist (vgl. Jäger & Sammler 2017). Da der Begriff der ,extremen Rechten‘ aufgrund seiner unklaren Definition und unklaren Abgrenzung zum ,Rechtsextremismus‘ (vgl. Geisler et al. 2016: 13) auch unpassend ist, eignet sich der Begriff der ,Neuen Rechten‘ am besten zur Beschreibung der sozialen Bewegung, dem die Alternative für Deutschland‘ und die , Identitäre Bewegung‘ zugehörig sind. Während Sydow unter dem Begriff lediglich eine „Spielart des Rechtsextremismus“ (Sydow 2014: 32) versteht, bezeichnen Bruns et al. die ,Neue Rechte‘ als „eine nicht klar zu umreißende Anzahl an Personen, Medien und Gruppen, die sich im Gegendiskurs zu 1968 verstehen und ihr ideologisches Vorbild in der ,Konservativen Revolution’ finden.“ (Bruns/Glösel/Strobl 2014: 29). Sie verstehen darunter eine Erneuerung und Verharmlosung des , Rechtsextrem ismus‘, deren Ziel es ist, „die politische Hegemonie durch Beeinflussung kultureller Eliten zu erreichen.“ (a.a.O.: 29). Die ,Neue Rechte ist nach Hentges eine in Frankreich der 1970er Jahren entstandene Bewegung, die „eine positive Bezugnahme auf den Begriff der nationalen Identität durch das Substantiv Identität“ austauschte und „je nach politischer Opportunität - beliebig mit den Adjektiven europäisch, national, regional, kulturell oder kollektiv kombinieren“ (Hentges 2014: 2). Zentral ist in dieser Bewegung auch der Begriff des ,Ethnopluralismus‘ (vgl. Winter 2017, profil). Kulturen sollen sich hierbei nicht vermischen, sondern in den ihnen „ursprünglichen“ Gebieten bleiben. Das Selbstverständnis als ,Gegendiskurs zu 1968‘ ist vor allem bei der ,Identitären Bewegung‘ interessant, da sie der 68er Bewegung zum einen in der Demographie ähneln - in der IB befinden sich Studenten und vor allem junge Leute - und zum anderen, da sie sich der gleichen politischen Methoden bedienen, wie beispielsweise Banneraktionen an bekannten Gebäuden oder dem Stören von kulturellen Veranstaltungen der ,Gegenideologie‘. Die ,Identitäre Bewegung‘ ist eine Organisation, die seit Ende 2012 in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geraten ist. Sie ist in Österreich und Deutschland vertreten, ihr Vorbild ist die französische ,Génération Identitaire‘. „[...] die Selbstbeschreibung als „Bewegung" (erschwert) aufgrund mangelnder Hintergrundinformationen und ihrer überwiegend im Internet stattfindenden Mobilisierung eine nähere Bestimmung und Einschätzung dieses Phänomens" (Hentges et al. 2014: 1). Außerdem trägt die IB all Merkmale einer Empörungsbewegung. Dabei handelt es sich um eine Protestbewegung, bei der Menschen ihre Gefühle in Handlungen überführen. Die Organisation erfolgt dabei maßgeblich mittels sozialer Medien (vgl. Scharf, Pleul 2016: 83 ff.). Es erfolgt dabei eine Identifizierung als Gruppe emotional und ideologisch Gleichgesinnter (ebd.).

Die AFD ist eine 2013 gegründete Partei, die im Europaparlament, in mehreren Landtagen und seit Herbst 2017 auch als drittstärkste Partei im Bundestag sitzt. Geisler et al. fassen ihre Ideologie und Politik folgendermaßen zusammen: „In ihrer Außendarstellung verbindet die AfD EU- und eurokritische Positionen mit nationalistischen und wohlstandschauvinistischen Anklängen und verquickt sozio-ökonomische Problemlagen gezielt mit dem Thema Zuwanderung, das primär als Quelle interkultureller Konflikte interpretiert wird (Geisler et al. 2016: 25). Außerdem spielen rechtspopulistische Argumentationsmuster eine zentrale Rolle im strategischen Werkzeugkasten der AfD (vgl. ebd.). Wodurch sie zusätzlich zur Partei der ,Neuen Rechten‘ auch als ,rechtspopulistische‘ Partei einzustufen ist. Nach Priester bezeichnet Rechtspopulismus eine Form von „Protesthandeln nur eine dünne Ideologie (vertritt) und [...] personalisierend, moralisierend und vergangenheitsorientiert auf (-tritt)" (Priester 2016: 533). Er besetze dabei den Raum zwischen „bürgerlichen Mainstream und dem Rechtsextremismus [...] Die Gefahr, die von Rechtspopulismus ausgeht, ist eine neue Form von Autoritarismus durch Abbau und Unterminierung rechtsstaatlicher Strukturen [...]" (ebd.).

Grundpfeiler für den Rechtspopulismus seien dabei eine „[...] Kombination von Ethnopluralismus und Anti-Establishment-Protest [...]“ (a.a.O.: 536). Durch die Zugehörigkeit der AFD und der IB zum ,Rechtspopulismus‘ und zur ,Neuen Rechten‘ zeigen sich also schon viele ideologische Überschneidungspunkte, die sich auch in den Twitter-Posts von Mitgliedern beider Organisationen zeigt, wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll.

5.3. Sample

In einer der Untersuchung vorangehenden Sichtung von mehreren Accounts von AFD- und IB- Mitgliedern stellte sich heraus, dass eine willkürliche Auswahl der Stichprobe zu keinen Ergebnissen führen würde. So eignen sich offizielle Accounts der Organisationen nicht für die Untersuchung, da sie oft anonym geführt werden und die dahinterstehenden Personen oft nicht kenntlich gemacht werden und aufgrund der Annahme, dass hinter diesen Accounts öfter geschulte PR- Leute stecken, was zu weniger impulsiven, emotionalen und allgemein (auch politisch) weniger extremen sowie auch weniger persönlichen Inhalten führt.

Bei der ,Identitären Bewegung‘ stellte sich die Sichtbarkeit von vielen Mitgliedern als problematisch heraus. Nur Mitglieder, die in der Organisationsstruktur weit oben sind, geben sich oftmals als solche zu erkennen. Außerdem sind auch nur diese Mitglieder regelmäßig auf Twitter aktiv und posten wenigstens ein paar Tweets pro Tag. Daher eigneten sich lediglich die Accounts von Martin Sellner und von Robert Timm für die Analyse, da sie die einzigen waren, die ein Minimum von zwei oder mehr Tweets beziehungsweise Retweets pro Tag abgaben, während andere Accounts, die vormals für die Analyse vorgesehen waren, wie die von Philipp Huemmer oder von Patrick Lennart für die Analyse wegfielen, da sie lediglich ein paar oder weniger Tweets pro Woche posteten. Martin Sellner ist ,Co-Leiter‘ der IB- Österreich (vgl. twitter.com/Martin_Sellner) und das prominenteste Mitglied der Identitären Bewegung im deutschsprachigen Raum. Auf Twitter hat er 21 800 Follower und 26 600 Tweets (Stand 12.9.2018). Robert Timm ist nach Sellner der zweitaktivste User der Identitären Bewegung und ,Regionalleiter‘ der IB-Berlin-Brandenburg (vgl. twitter.com/schinkel_ib). Er verfügt über 3829 Follower und 4736 Tweets (Stand 12.9.2018).

Politiker und Politikerinnen der AFD sind zwar klar als Mitglieder ihrer Organisation zu erkennen und viele von ihnen tweeten auch regelmäßig, auch wenn es klare Unterschiede in der Regelmäßigkeit der Tweets gibt. Jedoch gibt es klare Abweichungen in der Qualität der Tweets. So posten einige AFD-Politiker kaum originalen Content, sondern retweeten hauptsächlich andere AFD-Politiker, was sich für die Analyse wenig eignet. Daher wurden hier jene Politiker ausgewählt, die hauptsächlich eigenen Content posten, sei es lediglich in Form von Links zu Medienbeiträgen oder eben in Form von Text Tweets.

Bei der Auswahl der AFD-Politiker wurde darauf geachtet, dass ein möglichst breites Parteienspektrum wiedergegeben wird. Beatrix von Storch ist eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Sie ist ein sehr prominentes Mitglied der AFD und wurde aus dem Grund, dass sie zur Führungsriege der Partei gehört und dadurch diese stellvertretend abbildet, für die Analyse ausgewählt. Von Storch hat 35 100 Follower und 7123 Tweets (Stand 12.3.2018). Georg Pazderski ist Landesvorsitzender der AFD Berlin und erster stellvertretender Sprecher der AFD. Er postet vielen eigenen originären Content, oft in aufwendigen Fotomontagen und wurde deshalb für die Analyse ausgewählt. Pazderski hat 10 200 Follower und 786 Tweets (Stand 12.3.2018).

Gerade bei Social-Media-Accounts bekannterer Persönlichkeiten, wie Politkern, steht oft nicht nur die eigene Person, sondern ein Team aus Social-Media- und PR-Beauftragten hinter dem Account. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es von dem Account-Inhaber ausschließlich selbst geschriebene Tweets gibt, die nicht der Parteilinie oder der sogenannten political correctness‘ entsprechen. Weil der Rang des Amtes (Von Storch), beziehungsweise die Art der Tweets (Pazderski) den Schluss zulassen, dass ihre Accounts nicht nur von ihnen allein geführt werden, wurden zusätzlich Accounts von AFD- Politiker und Politikerinnen ausgewählt, deren Art zu Tweeten im Pre-Test die Annahme nahelegten- zum Beispiel durch einen emotionaleren, weniger sachlichen Stil- dass diese ihren Account allein ohne eine Social Media Team führen. Diese Annahmen werden auch dadurch unterstützt, dass die nun folgenden Accounts auch kleiner sind und über weniger Follower verfügen.

Petr Bystron ist Bundestagsabgeordneter der AFD und einer der wenigen Politiker, die an die Aktivität der IB- Mitglieder Timm und Sellner in Hinsicht auf die Frequenz der Tweets und Retweets herankommen, weshalb er für diese Untersuchung ausgewählt wurde. Bystron hat 7032 Follower und 4850 Tweets (Stand 12.3.2018). Martin Reichhardt ist ebenfalls Bundestagsabgeordneter und verfügt über 1946 Follower und 705 Tweets (Stand 12.3.2018).

6. Theoretische Verankerung

6.1. Drei-Ebenen-Modell und Mediatisierung der Politik

Das Internet wird zu einer neuen Plattform der Öffentlichkeit und vor allem soziale Medien wie Twitter werden zum politischen Handlungsraum. Das Internet wird immer wichtiger für Meinungs- und Willensbildungsprozesse und daraus hervorgehende kollektiv verbindliche Entscheidungsprozesse - zum Teil wichtiger als Parteiapparate, Interessengruppen, Experten oder internationale Beziehungen (vgl. Vowe 2006: 441). Grundlegendes Konzept ist hierbei die Mediatisierung des Politischen, welches davon ausgeht, „dass medien- und kommunikationstechnische Entwicklungen politische Kommunikationsformen auch strukturell verändern" (Thimm et al. 2012: 294). Thematisiert werden hierbei Einflüsse der Mediennutzung auf die individuelle politische Kommunikation, auf medieninduzierte Veränderungen in der organisationalen Kommunikation sowie allgemeine Wandlungsprozesse des politischen Systems und des politischen Handlungsrahmens (vgl. ebd.) Im Rahmen dieser Arbeit soll der Fokus vor allem auf die Mikroebene gelegt werden, also wie Politiker und Aktivisten einer politischen Bewegung individuell Twitter nutzen und welche gemeinsamen Quellen sie dabei nutzen. Nach Drüeke eignet sich hierbei das Drei-Ebenen-Modell von Klaus zur Analyse politischer Kommunikation im Internet: „Öffentlichkeiten können in unserer Konzeption nach der Komplexität der Kommunikationsforen differenziert werden; entsprechend unterscheiden wir zwischen drei Ebenen, auf denen Öffentlichkeit entsteht [...] Diese drei Ebenen sind nicht überschneidungsfrei [...]“ (Drüeke, Klaus 2014: 61). Im Drei-Ebenen-Modell bewegen sich damit einzelne User und ihre Twitter-Posts sowie deren Antworten auf der einfachen Öffentlichkeitsebene. Da aber die in dieser Arbeit untersuchten User auch Aktivisten in Organisationen beziehungsweise Parteien sind, sind die Übergänge zur mittleren und komplexen Ebene fließend. Die Twitter- Kommunikation von den zu untersuchenden führenden Mitgliedern der IB ist beispielsweise bereits auf der mittleren Ebene anzusiedeln, wenn über Twitter Informationen über anstehende Demonstrationen gepostet werden oder Videos von Protestaktionen gepostet werden. Es findet hier „eine erste Rollendifferenzierung in Sprecherinnen und Zuhörer_innen, in bedeutende und einfache Mitglieder statt“ (Drüeke, Klaus 2014: 62). Stärker ist dies noch der Fall bei den offiziellen Organisationsaccounts der IB. Wenn Politiker der AFD über Twitter kommunizieren, kann gar die Grenze zur komplexen Ebene überschritten werden, vor Allem wenn sie Abgeordnete sind oder einen anderen Posten innehaben. Denn die auf dieser Ebene „agierenden Rollenträger_innen, z.B. Ministerinnen oder Journalistinnen, sind Mitglieder hoch komplexer und funktional ausdifferenzierter Institutionen und handeln stellvertretend für andere“ (ebd.). Am stärksten sind Posts von Politikern auf Twitter auf der komplexen Ebene zu verorten, wenn diese Nachrichten zuallererst über Twitter an die Öffentlichkeit weitergeben und sich dann die Medien auf den Tweet als Quelle beziehen. Dann wird der Tweet an sich zum Gegenstand des öffentlichen Diskurses. Dies war beispielsweise bei AFD-Politiker Jens Maier der Fall, der Noah Becker in einem Tweet rassistisch beleidigt hatte (Zeit, b 2017), was medial hohe Wellen schlug.

6.2. Gegenöffentlichkeiten und Echtzeit-Öffentlichkeiten

Die ,Identitäre Bewegung‘, aber auch Wähler der AFD und Mitglieder anderer „rechter" Gruppen bilden mit ihren eigenen Publikationen, geschlossenen Facebook-Gruppen und internen Kanälen eine Gegenöffentlichkeit. Auf Twitter kommt es dann jedoch zu Berührungspunkten zwischen dieser Gegenöffentlichkeit und der restlichen Gesellschaft, wenn es zu Streitgesprächen mit anderen Usern in Form von Tweets kommt und dabei Quellen sogenannter „alternativer Medien" herangezogen werden. Die Mitwirkung von Gegenöffentlichkeiten durch freie Medien und Kommunikationsforen wie Twitter ist zentral für den Erfolg eines deliberativen Diskurses nach Habermas, da sie zur Wahrnehmung von Problemen und öffentlich relevanten Themen beitragen (vgl. Thimm et al. 2012: 295). Auch Mouffe hat die Bedeutung von „agonistischen Öffentlichkeiten" und die „Bedeutung des Dissens für die demokratische Gesellschaft" hervorgehoben (vgl. Mouffe 2007: 42, zit n. Drüeke, Klaus 2014: 60 f.). In sozialen Medien wie Twitter treffen dann beispielsweise rechtsextreme Gegenöffentlichkeiten mit ihren eigenen Medien und geschlossenen Kanälen auf die restliche Gesellschaft. Durch Interaktion zwischen Aktivisten einer politischen Bewegung und politischen Entscheidungsträgern wie Abgeordneten der AFD, wie sie auf Sozialen Medien wie Twitter zum Beispiel durch das Beteiligen an gemeinsamen Debatten erfolgt, kommt es so zu einem neuen Typen politischer Partizipation (vgl. Siedschlag 2002: 2). Die Kommunikation auf Plattformen wie Twitter ist aber keineswegs immer deliberativ, sondern oft auch agonistisch. Das Internet kann so zum „Kampffeld für hegemoniale und gegenhegemoniale Kommunikationen" werden (Drüeke, Klaus 2014: 61). Ein Beispiel hierfür ist das Anfang 2018 eingeführte NetzDG - ein Gesetz, das bei Hatespeech die Betreiber von Internet-Plattformen in die jursitische Verantwortung zieht, sofern sie die gemeldeten Posts nicht in einem bestimmten Zeitraum löschen. Die Folge davon sind viele, wenig begründete und auch zum Teile präventive Löschungen von Posts, die Kritik vieler User aus dem rechten Spektrum, aber auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen, nach sich zog. Vor allem User aus dem rechten Spektrum fühlen sich wegen des Gesetzes und der daraus folgenden unterdrückt und sprechen von einem Überwachungsstaat (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem bilden auch rechte Bewegungen auf Twitter sogenannte ,Echtzeit-Öffentlichkeiten‘: „Mit Echtzeit-Öffentlichkeiten werden Phänomene öffentlicher Foren und Agenden bezeichnet, die unmittelbar, in „Echtzeit“ aufgrund verschiedenartiger Rahmenbedingungen entstehen" (Altmeppen et al. 2015: 382). Dies ist der Fall, wenn beispielsweise Demonstrationen über das Twitter-Plug-In ,Periscope‘ live übertragen werden und sich User unter dem Video über das Event unterhalten und informieren (siehe Abb. 2). Auch ist dies der Fall, wenn Neuigkeiten bei einer Demo unter einem bestimmten Hashtag weitergegeben werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb.2)

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Die Identitäre Bewegung und die Alternative für Deutschland auf Twitter. Eine Inhaltsanalyse
Hochschule
Universität Salzburg
Veranstaltung
Öffentlichkeit und Rechte Bewegungen
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V998949
ISBN (eBook)
9783346390097
ISBN (Buch)
9783346390103
Sprache
Deutsch
Schlagworte
qualitative Inhaltsanalyse, Kategorien, Twitter, kollektive Identität, Frequenzanalyse, filter bubble, filter bubbles, Gegenöffentlichkeiten, Drei-Ebenen-Modell, Mediatisierung der Politik, Leitfadenanalyse, tweets, retweets, Themenkategorien, Inhalt, Meinungsfunktion, Informationsfunktion, hashtags
Arbeit zitieren
Florian Mühlbacher (Autor), 2018, Die Identitäre Bewegung und die Alternative für Deutschland auf Twitter. Eine Inhaltsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/998949

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