Sozialistische Zukunftsvisionen um 1900


Facharbeit (Schule), 2001

18 Seiten, Note: 13 Punkte


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1. Einleitung

Die Zeit um die Jahrhundertwende von 1900 bildete innerhalb der Geschichte Deutschlands eine Periode großer Veränderungen, Bewegungen und Ideen für das kommende Jahrhundert. Aus diesem Grund beschäftigt sich der Leistungskurs Geschichte in diesem Jahr mit den Menschen, die damals im ,,Deutschen Reich" gelebt haben, sowie mit ihren Vorstellungen und Wünschen bezüglich der Zukunft.

Dass das ,,Leben um 1900 in Deutschland" ein sehr weit gefächertes Thema ist, wird deutlich, wenn man die vielen verschiedenen Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft betrachtet. Diese reichen von der Wandlung der Rolle der Frau über die immer noch wachsende Industrialisierung bis hin zur von Deutschland betriebenen Flottenpolitik. Ein Punkt, den ich genauer betrachten werde, ist die soziale Bewegung im Deutschen Reich, die aus dem Elend der Arbeiterschaft entsprang. Theoretiker wie Karl Marx und Friedrich Engels hatten sich schon um 1850 Gedanken darüber gemacht, wie der Arbeiterklasse geholfen werden konnte und wie sich die Gesellschaft im Hinblick auf dieses Ziel entwickeln würde. Sie kamen zu dem Schluss, dass dem Arbeiter nur durch die ,,soziale Gleichstellung" aller Menschen geholfen werden könne. Diese würde im Kommunismus verwirklicht werden. Der Kommunismus ließe sich aber nur durch eine Vergesellschaftung aller Produktionsgüter und über den Umweg einer Machtübernahme durch das Proletariat erreichen. Eine Umwälzung der Gesellschaft durch eine Revolution des Proletariats müsste erfolgen. Diese Gedanken bezogen auch die zur Jahrhundertwende immer stärker und einflussreicher werdenden Sozialdemokraten in ihre Überlegungen ein.

In meiner Arbeit werde ich mich auf die Entwicklung des Sozialismus in Deutschland konzentrieren, der größtenteils von den Sozialdemokraten - oder der SPD - geprägt wurde.

Aus diesem Grund werde ich mein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der SPD und speziell auf das 1891 von der SPD verfasste ,,Erfurter Programm" richten. Hier bietet sich eine Untersuchung in drei Schritten an:

Im ersten Teil werde ich die Entwicklung der SPD bis zum Fall des Sozialistengesetzes anhand verschiedener Quellen aufzeigen. Die Entwicklung der SPD fungiert als hinleitender Teil, anhand dessen die Ziele der Sozialdemokraten verstanden und bewertet werden können. Diese werden in der darauf folgenden Darstellung des ,,Erfurter Programms" weiter erläutert. Das ,,Erfurter Programm" werde ich anhand des Originaltextes sowie der Kommentare und Stellungnahmen verschiedener Historiker näher erklären.

Die zeitgenössische Kritik an den programmatischen Aussagen der SPD wird im dritten Teil angesprochen, indem in erster Linie die Meinung des Revisionisten Eduard Bernstein dargestellt wird.

Im Schlussteil soll versucht werden, im Rückblick von der Gegenwart die damaligen Vorstellungen zu beurteilen. Dies soll vor allem unter der Fragestellung, ob es sich letztendlich um realistische oder utopistische Visionen handelte, geschehen.

2. Hauptteil

2.1. Der Weg zur SPD

Die deutsche Arbeiterbewegung hatte ihre Anfänge schon in der 1848 beginnenden Revolution. In diesem Jahr veröffentlichten Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) das Kommunistische Manifest, in dem sie ihre Theorien zur Lösung der sozialen Frage niederschrieben. Angetrieben von solchen Theorien, die ihnen das fehlende Selbstbewusstsein zurückgaben, und unter der Leitung des Buchdruckers Stephan Born schlossen sich zum ersten Mal Arbeiter zu einer festen Organisation zusammen, der ,,Arbeiterverbrüderung".1

Diese eigenständige politische Organisation bestand hauptsächlich aus Handwerkern und qualifizierten Facharbeitern, die sich noch deutlich vom eigentlichen Proletariat, den Handlangern und Tagelöhnern abhoben. Trotzdem gelang es ihnen, die Arbeiterschaft weiter zu vereinen und ihrer Organisation über 230 örtliche Vereine und Bezirksorganisationen beizufügen. Ihre Versuche, das in der Frankfurter Paulskirche tagende Reichstagsparlament zu einem Eingehen auf die konkreten Ziele der Arbeiterverbrüderung wie Krankenunterstützungskassen und Produktionsgenossenschaften zu drängen, blieben jedoch aussichtslos.

Nach dem Scheitern der Revolution und durch eine im Jahre 1854 folgende Auflösung aller Arbeitervereinigungen, erlitt die Arbeiterbewegung einen so starken Rückschlag, dass das Streben nach Freiheit, Demokratie und Gleichberechtigung erst einmal in Vergessenheit geriet.

Erst Anfang der sechziger Jahre wurden diese Ideen wieder aufgenommen. Als 1861 in Sachsen das Koalitionsverbot aufgehoben wurde, bildete sich ein Zentrum der Arbeitervereine. Diesem entsprang eine zunächst kleinere Gruppe, die Unabhängigkeit von den Liberalen Vereinigungen und eine Ausrichtung auf politische Zielsetzungen anstrebte und den Publizisten Ferdinand Lassalle mit der Ausarbeitung eines Programmentwurfs beauftragte.

Lassalle, der dem Bürgertum vorwarf, die Ideale von 1848 verraten zu haben, strebte ebenfalls die Unabhängigkeit von den Liberalen an: ,,Glauben sie mir, ic h habe die Fortschrittspartei (die Partei der Liberalen) hier aufs genauste studiert, ihr erster Hauptsatz ist: Nur keine Revolution von unten, lieber noch Despotismus von oben."2 Als er im März 1863 in einem Offenen Antwort schreiben von seinem Vorhaben berichtete, traf er auf Zustimmung, und kaum drei Monate später, im Mai 1863, wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) ins Leben gerufen. Dieser Tag wird seit dem als Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie gefeiert.

Obwohl der ADAV unter einer niedrigen Mitgliederzahl litt, übte er doch eine Faszination auf die Arbeiter aus, die ihnen das Gefühl von Einheit und Selbstbewusstsein vermittelte. Lassalle blieb etwa ein Jahr Präsident des ADAV, bis er in einem Duell starb. Doch gerade durch seinen Tod ist er zum Idol der deutschen Arbeiter geworden, die seine Ideen und Ziele übernahmen - nicht die von Marx und Engels: ,,Sie (die Arbeiter, d. V.) bewegte nicht die große Idee der internationalen proletarischen Revolution und die mit ihr verbundenen Aufgaben und Probleme, sondern ihnen ging es um die Not ihres Alltags, die Fragen ihrer eigenen Existenz."3

Schon 1869 wurde in Eisenach eine zweite Arbeitervereinigung gegründet. Das Bedürfnis nach einer weiteren derartigen Interessengruppe war durch aktuelle Probleme bedingt. Diese Sozialdemokratische Arbeiterpartei forderte die Abschaffung der Klassenherrschaft und die Errichtung eines freien Volksstaates. In Punkt 10 ihres Programms verlangte sie die ,,Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit für freie Produktivgenossenschaften".4

Obwohl sie mit dem ADAV konkurrierte und vom Marxismus geprägt war, erkannte sie doch gemeinsame Grundsätze beider Parteien. Als dann nach der Reichsgründung von 1871 vom Staat weiterhin eine Unterdrückungspolitik betrieben wurde, die ADAV und Sozialdemokratische Arbeiterpartei gleichermaßen traf, verständigten sich diese zu einem Zusammenschluss.

Auf dem Gothaer Einigungsparteitag von 1875 war es dann so weit. Die neu gegründete ,,Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" verabschiedete ihr von Wilhelm Liebknecht (1826-1900) verfasstes Parteiprogramm, welches einen Kompromiss zwischen den Vorstellungen des staatsbejahenden ADAV und der marxistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei darstellte. Liebknecht ist hierbei sehr stark auf Anliegen, die sich gegen die aus sozialen und politischen Auseinandersetzungen resultierenden Nöte richteten, eingegangen. Hierzu zählten z.B. die Forderung nach einem Verbot der Sonntags- und Kinderarbeit oder die nach einem unbeschränkten Koalitionsrecht.

In seinen Randglossen zum Programm der Deutschen Arbeiterpartei unterzog Karl Marx das Gothaer Programm einer vernichtenden Kritik. Er behauptete, dass die marxistische Grundlage im Gothaer Programm fehle. Dies begründete er damit, dass die Sozialdemokraten ihre Ziele mit gesetzlichen Mitteln durchzusetzen versuchten. Zu diesen Mitteln zählten das allgemeine Wahlrecht und ,,Sozialistische Produktionsgenossenschaften mit Staatshilfe".5 Auf diesem Weg zur sozialistischen Gesellschaft sei eine Revolution nicht mehr unbedingt erforderlich, und der Staat würde bestehen bleiben.

Diese Vorstellung lehnte Marx vehement ab. Er wollte ein Absterben des Staates, der, wie er in seinen Randglossen bemerkte, ,,nichts anderes als ein mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflusster, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismus" sei.6 Unter den Sozialdemokraten stießen Marx` Ansichten allerdings auf allgemeinen Widerstand. Obwohl einer der führenden Parteimänner, August Bebel (1840-1913), selbst einmal sagte, dem Staat dürfe ,,kein roter Heller bewilligt werden"7, so meinte er damit nicht, dass der Staat überflüssig sei. Er war der Meinung, die Aufgabe des Staates bestehe darin, den Menschen in seiner Entwicklung zu unterstützen, und nicht, ihn zu erdrücken.

Doch diese Streitigkeiten über die Mittel und Zielsetzungen der Sozialdemokratie mussten vorerst einem weitaus größeren Problem weichen. Im Oktober 1878 traf der Reichstag eine folgenschwere Entscheidung: Das von Bismark bereits im Mai eingebrachte ,,Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde mit einer knappen ZweiDrittel-Mehrheit angenommen.

Durch dieses Sozialistengesetz, das sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Vereine, Versammlungen und Druckschriften verbot, sollten die sozialdemokratische Parteiorganisation zerschlagen und die sozialistischen Gewerkschaften getroffen werden. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, die parlamentarische Arbeit wie auch die Teilnahme der Partei an Wahlen konnten allerdings nicht verboten werden. So nahmen nach einer vorübergehenden Schwächung der Partei die Anzahl ihrer Wähler und die Solidarität der Arbeiter zu. Ja, unter dem Druck des Gesetzes entwickelte sich ein Einheitsgefühl wie es vorher keines gegeben hatte.

Die Lehren Marx` gewannen für die Arbeiter eine starke Bedeutung, da sie von einem zwangsläufigen Zusammenbruch der Gesellschaft und einem Sieg der Sozialisten ausgingen. Das schenkte ihnen, die sich während der Zeit des Sozialistengesetzes als aus der eigenen Nation Ausgeschlossene verstanden, Glauben und neue Hoffnung.

Trotzdem blieben die Sozialdemokraten mit ihren Aktionen grundsätzlich im Rahmen der Gesetze. Gerade das war auch der Punkt, weshalb sie trotz des Sozialistengesetzes bestehen konnten. Denn es war ihre Gesetzestreue, die der Regierung keinen Vorwand bot, gegen sie einzuschreiten. So kam es, dass Macht und Einfluss der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands bis zum Fall des Sozialistengesetzes beständig zunahmen und sie ein Jahr nach dem Fall fast dreimal so viele Wählerstimmen verbuchen konnte wie vor dem Inkrafttreten des Gesetzes.

Hiermit hatte sich nicht bloß der Einfluss, sondern auch die Strategie der Sozialdemokratie geändert: Einerseits entwickelte sich diese in Richtung der durch die Gesetzmäßigkeit der Partei begünstigten Reformarbeit und andererseits kam es zu einer Radikalisierung der grundlegenden Theorien durch die wachsende Orientierung an der marxistischen Lehre.

2.2. Das Erfurter Programm

Im September 1890 wurde das Sozialistengesetz aufgehoben. Die Sozialistische Arbeiterpartei war nun, mit fast eineinhalb Millionen Stimmen, die stärkste Partei Deutschlands.

Nachdem sie während der Unterdrückung nur im Parlament öffentlich wirken konnte, hatte sie nun die Möglichkeit, im Rahmen der Legalität als Partei zu agieren. Die parlamentarische Arbeit hatte auch ihre Fähigkeit zu reformerischer Praxis gestärkt. Im Oktober 1891 gab sich die deutsche Sozialdemokratie auf dem Erfurter Parteitag einen neuen Namen und ein neues Programm. Sie nannte sich fortan SPD: Sozialdemokratische Partei Deutschlands, und schuf sich als Basis ein Programm, dessen offizielle Grundlage der Marxismus war. Karl Marx hatte nach dem ersten SPD-Programm von Gotha Lassalle vorgeworfen, dass das gesamte Programm kontrarevolutionär ausgerichtet sei. Die Sozialdemokratie beschränke sich hier auf die legalen, im Rahmen des Gesetzes liegenden Mittel. Diese würden aber letztendlich nicht zum radikalen Umsturz führen. Weiterhin hatte er die Ungenauigkeit des Gothaer Programms kritisiert. Ein Beispiel war die Gothaer Forderung eines ,,Normalarbeitstages". Hierzu sagte er: ,,Die Arbeiterpartei keines anderen Landes hat sich auf solch unbestimmte Forderungen beschränkt, sondern stets die Länge des Arbeitstages fixiert".8

Und er hatte Erfolg mit seiner Kritik. Nach seinem Tode 1883 entwickelten nun die

Sozialdemokraten unter der Wortführung von Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Friedrich Engels, Karl Kautzky und Eduard Bernstein eine neuen Programmvorschlag, der dem aktuellen politisch-ideologischen Entwicklungsstand der SPD entsprach und den ,,Zukunftsstaat" vorbereiten sollte. Nach mehrmonatiger Diskussion innerhalb der Partei wurde das Programm auf dem Parteitag von Erfurt angenommen.

Es war weitgehend marxistisch ausgerichtet und in zwei Hauptteile gegliedert, den theoretischen und den praktischen Teil.

Im ersten, dem theoretischen Teil, enthielt es die revolutionären Grundsätze und sozialistischen Ziele der Partei. ,,Die ökonomische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnotwendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebes," heißt es. ,,Sie trennt den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln und verwandelt ihn in einen besitzlosen Proletarier, indes die Produktionsmittel das Monopol einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Kapitalisten und Großgrundbesitzern werden." Die Entwicklung bedeutet für das Proletariat und die gesamten werktätigen Schichten ,,wachsende Zunahme der Unsicherheit ihrer Existenz, des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Erniedrigung, der Ausbeutung." Die Verfasser des Programms stellten fest: der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten wird immer schroffer, ,,immer erbitterter der Klassenkamp f zwischen Bourgeoisie und Proletariat." Sie folgerten, ,,dass das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar geworden ist mit deren zweckentsprechender Anwendung und voller Entwicklung ... Nur die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln - Grund und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel - in gesellschaftliches Eigentum, und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion kann es bewirken, das der Großbetrieb und die stets wachsende Ertragsfähigkeit der gesellschaftlichen Arbeit für die bisher ausgebeuteten Klassen aus einer Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der höchsten Wohlfahrt und allseitiger, harmonischer Vervollkommenheit werde."

Klar wurde im Erfurter Programm der Auftrag der Arbeiterschaft gekennzeichnet: ,,Diese gesellschaftliche Umwandlung bedeutet die Befreiung nicht bloß des Proletariats, sondern des gesamten Menschengeschlechts ... aber sie kann nur das Werk der Arbeiterklasse sein ... Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung ist notwendigerweise ein politischer Kampf ... Sie kann den Übergang der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit nicht bewirken, ohne in den Besitz der politischen Macht gekommen zu sein."

Aus der Aufgabe der Arbeiter auf dem Weg zur sozialistischen Gesellschaft heraus entwickelten die Autoren des Programms die Rolle der Arbeiterpartei: ,,Diesen Kampf der Arbeiterklasse zu einem bewussten und einheitlichen zu gestalten und ihm sein naturnotwendiges Ziel zu weisen - das ist die Aufgabe der Sozialdemokratischen Partei." Die Partei erklärte sich ,,eins mit den klassenbewussten Arbeitern aller übrigen Länder" und erweiterte somit ihre Perspektive über die nationalen Grenzen hinaus.

Schließlich bekannte sich die SPD zu einer Partei, die keine Vorrechte und Privilegien für die Arbeiterschaft erkämpfen wollte, sondern ,,für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst" kämpfte. Sie kämpfte gegen Unterdrückung jeder Art.9 Den im ersten Teil genannten Grundsätzen entsprechend stellte die SPD im praktischen Teil ihre politischen und ökonomischen Forderungen auf. Die politischen bestanden aus zehn Punkten, die im Grundsatz die Demokratie stärken sollten. Man forderte ein allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht für alle Reichsangehörigen über zwanzig Jahre ohne Unterschied des Geschlechtes, direkte Gesetzgebung durch das Volk und die Ablösung der stehenden Heere durch ein Volksheer. Weiterhin forderte man die Abschaffung aller Gesetze, welche einerseits die freie Meinungsäußerung, andererseits die Stellung der Frau gegenüber dem Mann unterdrückten. Die Religion sollte vom Staat gelöst werden, weil die Kirche als Instrument des Klassenstaates angesehen wurde, dementsprechend wurden die Weltlichkeit der Schule und freie Grundbildung gefordert. Im Sinne einer Demokratisierung müssen auch die Forderungen nach unentgeltlicher Rechtshilfe, medizinischer Versorgung und nach der Anpassung der Steuern und Abgaben an das Einkommen gesehen werden.10 In einem abschließenden Paket folgten die ökonomischen Forderungen, die den eigentlichen Charakter der Partei als Arbeiterpartei herausstellten. Es wurde eine wirksame nationale und internationale Arbeiterschutzgesetzgebung verlangt. In erster Linie hielt man einen Achtstundentag und das Verbot der Kinderarbeit für wesentlich, weiterhin die Überwachung der gewerblichen Betriebe. Außerdem forderte man die rechtliche Gleichstellung der verschiedenen Arbeitergruppen, die Sicherung des Koalitionsrechts und freie Arbeiterversicherung.11

Mit diesem Programm erwies sich die SPD als die einzige Partei, die ein detailliertes Programm bürgerlich-demokratischer und elementarer sozialer Forderungen ausgearbeitet hatte und um dessen Verwirklichung kämpfte. Der Sozialdemokratie gelang mit dem Erfurter Programm die Mobilmachung eines Großteils der Arbeiterschaft. Die Zahl ihrer Wähler nahm weiter zu und viele Arbeiter traten der SPD, den Gewerkschaften und anderen sozialistischen Organisationen bei. ,,Im Mai 1898 (hatte) die SPD zweimal so viel Stimmen im Reichstag wie im Jahr 1893."12 Dieser gewaltige Zustrom war zwar einerseits mit dem plötzlichen Fall des Sozialistengesetzes zu begründen, aber eine wichtige Rolle spielte auch das Erfurter Programm. Es enthielt die elementarsten Forderungen, die jeder Arbeiter stellte und die zudem nicht weltfremd, sondern durchaus durchsetzbar erschienen. Zudem weckten die im theoretischen Teil angeführten Vorstellungen die Sehnsucht nach Gleichberechtigung, Erlösung von der Unterdrückung durch den Unternehmer und die Hoffnung, dass die Entwicklung der Gesellschaft mit ,,Naturnotwendigkeit" zu einem Umsturz der bestehenden Gesellschaft führen werde. Diese Punkte bewegten die Arbeiter dazu, Vertrauen und Hoffnung in die SPD zu setzen und sie zu unterstützen.

2.3. Bernsteins Kritik

2.3.1. Seine Argumente

,,Es geht eine Revision der Vorstellungsweise in der Partei vor, wir haben aufgehört, die Partei allein des Industrieproletariats zu sein ... die Revision unserer Vorstellungen geht unaufhaltbar weiter, und der verbissene Fanatismus der Parteidogmatiker in der Partei fängt bereits an zu bröckeln".13 Dies sagte Bruno Schönlank 1895, vier Jahre nach der Entstehung des neuen, zukunftsweisenden Programms.

Schon vor dem Erfurter Parteitag hatte es zum Teil heftige Diskussionen um den richtigen Weg zum Sozialismus gegeben. Doch man ging davon aus, dass diese durch die allgemeine Akzeptanz des neuen Programmes beigelegt würden.

Trotzdem bahnten sich schon in den neunziger Jahren neue Diskussionen an. Sie basierten hauptsächlich auf den Äußerungen eines beliebten und angesehenen Mannes, des Sozialdemokraten Eduard Bernstein.

Eduard Bernstein (1850-1932) war seit 1872 in der Sozialdemokratie tätig. Wegen des Sozialistengesetzes musste er als Redakteur der sozialistischen Publikation ,,Sozialdemokrat" das Land verlassen. In London setzte er seine Arbeit fort. Außerdem arbeitete er dort eng mit Friedrich Engels zusammen.

In seiner 1896 bis 1898 veröffentlichten Artikelserie Probleme des Sozialismus. Eigenes und Ü bersetztes setzte er sich kritisch mit Marx` Theorien und dem SPD-Parteiprogramm auseinander. Zunächst wurden seine Theorien als anregend empfunden und blieben ,,ohne bedeutende innerparteiliche Resonanz".14 Erst sein Schreiben an den Stuttgarter Parteitag löste Widerspruch aus.

Hierin erläuterte er seine Ansichten und forderte den Parteitag auf, eine Stellungnahme abzugeben bzw. auf seine Forderungen einzugehen. Er kritisierte insbesondere den ersten, grundsätzlichen Teil des Erfurter Programms, in dem die revolutionären Grundanschauungen der Partei, von Kautzky verfasst, niedergelegt waren. Weitere Gedanken äußerte er in seiner Schrift Der Revisionismus in der Sozialdemokratie. Die nachfolgenden Ausführungen basieren auf Auszügen aus diesen zwei Schriften.

Der grundlegende Punkt Bernsteins Kritik war, dass er an der ,,Naturnotwendigkeit"15 der von der Partei dargestellten Entwicklung zweifelte. ,,Ich bin der Anschauung entgegengetreten, dassdaß wir vor einem in Bälde zu erwartenden Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft stehen", schrieb Bernstein. ,,Die Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich nicht in der Weise vollzogen, wie sie das ,Manifest' schildert. Es ist nicht nur nutzlos, es ist auch die größte Torheit, sich dies zu verheimlichen. Die Zahl der Besitzenden ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Die enorme Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums wird ... von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet. Die Mittelschichten ändern ihren Charakter, aber sie verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Stufenleiter."16 Weder für den Bereich der Industrie noch den der Landwirtschaft sah er die ,,Zusammenbruchstheorie"17 als reale Zukunftsperspektive an. Die Voraussage der wachsenden Verelendung konnte er nicht akzeptieren. Er hielt es für falsch, ,,dass die Armee der überschüssigen Arbeiter immer massenhafter" würde und konnte die ,,Bauern nicht als eine ,versinkende Mittelschicht' der Gesellschaft betrachten".18 Damit stellte er einzelne Prognosen von Marx in Frage, vor allem aber deren Ausdeutung durch die sozialdemokratischen Theoretiker.19

Der weltwirtschaftliche Aufschwung in den neunziger Jahren ließ Bernstein darauf schließen, die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft sei nicht durch die Verschärfung der Krisen bestimmt, sondern durch die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus. Auf diese Weise wäre der von der Partei prophezeite Zusammenbruch in weite Ferne gerückt.20 Er hatte darüber hinaus den Eindruck, es habe ,,eine gesellschaftliche Gegenaktion gegen die ausbeuterischen Tendenzen des Kapitals eingesetzt." - ,,Politisch sehen wir das Privilegium der kapitalistischen Bourgeoisie in allen fortgeschrittenen Ländern Schritt für Schritt demokratischen Einrichtungen weichen."21 So stellte Bernstein einen Entwicklungstrend im Kapitalismus fest, der der vorausgesagten Verelendung entgegengesetzt war.22 Seine Schlussfolgerung lautete: ,,Je mehr aber die politischen Einrichtungen der modernen Nationen demokratisiert werden, umso mehr verringern sich die Notwendigkeiten und Gelegenheiten großer politischer Katastrophen."23 Er fragte sich, ob es überhaupt noch Vorteile hätte, wenn die gegenwärtige Gesellschaft zusammenbräche. In seiner Artikelserie sprach er davon, dass die Gesellschaft in den Sozialismus Schritt für Schritt hineinwachsen müsse.24

Damit wollte er aber nicht sagen, dass die notwendigen Veränderungen zum Schutz der Arbeiterklasse tatenlos abgewartet werden sollten, sondern dass das Proletariat dafür kämpfen müsse. ,,Kein Mensch hat die Notwendigkeit der Erkämpfung der Demokratie für die Arbeiterklasse in Frage gestellt." Er war jedoch der Meinung, dass ,,im stetigen Vormarsch eine größere Gewähr für dauernden Erfolg liegt wie in den Möglichkeiten, die eine Katastrophe bietet."25

Das einzige Mittel zur Erkämpfung des Sozialismus war für Bernstein also die Demokratie. Inzwischen waren starke Gewerkschaften und Genossenschaften entstanden. Die Arbeiterklasse konnte mit diesen demokratischen Mitteln arbeiten, so schrittweise Verbesserungen erreichen und die Demokratie weiterführen. Ein besonderer Weg zur Durchsetzung von Interessen war für Bernstein der Massenstreik, da er sich noch im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten bewegte.26 In anderen Ländern hatten die Arbeiter damit schon Erfolge gehabt; auch die radikale Sozialdemokratin Rosa Luxemburg sah ihn als effektives Mittel an.27

Bisher hatte die Arbeiterklasse noch zu geringe Kenntnisse auf der Ebene der politischen Arbeit, um Reformen durchzusetzen. Darum habe die Sozialdemokratie die Aufgabe, ,,statt auf den großen Zusammenbruch zu spekulieren, die Arbeiterklasse politisch zu organisieren und zur Demokratie auszubilden, und für alle Reformen im Staate zu kämpfen, welche geeignet sind, die Arbeiterklasse zu heben und das Staatswesen im Sinne der Demokratie umzugestalten."28

Zwischen Bernstein und dem linken und mittleren Flügel der Sozialdemokratie bestand ein grundlegender Unterschied über ihre Ansicht, wohin die politische Arbeit führen sollte. Bernstein konnte die Bedeutung des so genannten Endziels, der Eroberung der Staatsgewalt, nicht anerkenne n. Er äußerte mehrfach die Meinung, dass ihm die Bewegung alles, hingegen das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nannte, nichts sei.29 Ein Endziel konnte er nicht anerkennen, da die menschliche Gesellschaft sich beständig entwickle.30 Sein Augenmerk lag auf realistischen, nahe liegenden Zielen. Wichtig war für ihn die allmähliche Durchsetzung von Teilen des Sozialismus.

Im Vordergrund stand die Auffassung von der gewaltlosen Lösung der sozialen Konflikte. ,,Überall in fortgeschritteneren Ländern sehen wir den Klassenkampf mildere Formen annehmen Wir setzen heute durch Stimmzettel, Demonstration und ähnliche Pressionsmittel Reformen durch, für die es vor hundert Jahren blutiger Revo lutionen bedurft hätte."31

So schwächte sich bei ihm auch der Gegensatz zwischen den verschiedenen Klassen ab, er Klassenkampf wird zunehmend durch den Kampf der Interessen ersetzt.32

2.3.2. Widerspruch aus der Partei

Mit Skepsis wurden Bernsteins Vorschläge und Forderungen von Kautzky und anderen Theoretikern aufgenommen. Es war immerhin ein Vorstoß gegen die offizielle Partei- ideologie, nämlich gegen das von den Massen akzeptierte Schlagwort vom naturnotwendigen Zusammenbruch. Zwar wußte in der Partei niemand, wann ernsthaft eine Revolution statt finden würde, aber die Zusammenbruchstheorie hatte sich im Bewusstsein der Parteianhänger festgesetzt und stützte die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

Die grundlegende Frage war, ob eine Revolution, eine plötzliche Umwälzung der Gesellschaft, zweckmäßig erscheinen konnte. Bernstein befürchtete, dass möglicherweise das ,,gesicherte stetige Wachstum der Sozialdemokratie durch eine politische Katastrophe unterbrochen werde".33 Außerdem waren die Parteianhänger eher unrevolutionär eingestellt. Niemand wollte ,,das Errungene ... wieder aufs Spiel ... setzen."34 Viele Sozialdemokraten hatten durch die zunehmende Stärke der SPD eine bessere soziale Stellung erworben und waren nicht daran interessiert, sie zu gefährden.

Bernsteins Weg war die Evolution, die schrittweise und allmähliche Veränderung. Dieser Gegensatz Revolution / Evolution charakterisierte die Auseinandersetzungen innerhalb der Partei. Die nun entfachte Diskussion um Revisionismus und Reformen führte zu heftigen Streitigkeiten.

Die Einen hielten eine Revolution für einen unvermeidlichen Schritt in der sozialistischen Bewegung, Bernstein dagegen argumentierte, dass sich der Klassenkampf in allen möglichen Formen abspielen würde.35

Er wehrte sich dagegen; Revisionist genannt zu werden. ,,Ja, nicht ich greife die Theorie an, die Verhältnisse selbst erweisen ihre Unzulänglichkeit."36 Für ihn bedeutete Revisionismus systematische Reformarbeit und nicht eine Politik, die auf eine revolutionäre Katastrophe wartete.

Karl Kautzky, der Wortführer der Gegenseite, veränderte im Zuge von Bernsteins Argumentation sogar seine These vom zwangsläufigen Zusammenbruch des Kapitalismus.37,,Eine besondere ,Zusammenbruchstheorie' ist von Marx und Engels nicht aufgestellt worden. Das Wort stammt von Bernstein, ebenso wie auch das Wort ,Verelendungstheorie' von Gegnern des Marxismus stammt", wehrt er ab. ,,In dem Passus des Erfurter Programms, das von den Krisen handelt, steht kein Wort von Zusammenbruch."38 Seiner Ans icht nach müsse die SPD ,,nicht eine Partei sein, die sich auf demokratisch-sozialistische Reformen beschränkt, sie mussmuß eine Partei der sozialen Revolution werden."39,,Nicht das Streben nach sozialen Reformen, sondern die ausgesprochene Beschr ä nkung auf sie unterscheidet den Sozialreformer vom Sozialrevolutionär."40

Die Tatsache, dass Bernstein der verantwortliche Verfasser des praktischen Teils des Erfurter Programms war, macht deutlich, wie wichtig ihm immer die konkret angestrebten Reformen waren.

Letztlich stimmte er den anderen Sozialdemokraten zu, dass der Sozialismus komme, doch ,,nicht als Resultat einer großen politischen Entscheidungsschlacht, sondern als Ergebnis einer ganzen Reihe von wirtschaftlichen und politischen Siegen der Arbeiterbewegung".41 Kautzky hielt dagegen, wenn das richtig sei, ,,dann wäre der Zeitpunkt unseres Sieges nicht nur sehr weit hinausgeschoben, sondern dann kämen wir überhaupt nicht ans Ziel."42 Noch wesentlich stärker wurden Bernsteins Ansichten von Rosa Luxemburg abgelehnt. Für sie hingen Sozialreform und soziale Revolution unzertrennlich zusammen. Als Antwort auf Bernsteins Beitrag zum Stuttgarter Parteitag schrieb sie sogar: ,,In der Auseinandersetzung mit Bernstein ... handelt es sich ... um die ganze Existenz der sozialdemokratischen Bewegung."43 Sie lehnte kategorisch die Vorstellung ab, dass die Ziele des Sozialismus in eine Reihe von Teilreformen aufgelöst werden könnten.

In seiner 1911 veröffentlichten Kritik des Erfurter Programms stellte Bernstein dann weitergehende Überlegungen an. Im sechsten Abschnitt des Erfurter Programms hieß es: ,,Diese gesellschaftliche Umwandlung ... kann nur das Werk der Arbeiterklasse sein."44 Seiner Erfahrung nach hatte die Partei aber inzwischen ,,ZuflussZuflu aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten"45 bekommen. Er formulierte nun stattdessen, die Umwandlung ,,mussmu in erster Linie das Werk der Arbeiterklasse sein."46 Dagegen wandte sich wiederum Kautzky. Er forderte, die SPD dürfe keine ,,demokratische Sammelpartei", ,,keine Volkspartei" werden.47

Kautzky kam es darauf an, ,,die Reinheit der marxistischen Lehre zu bewahren, damit dieser wertvolle Leitstern der Entwicklung nicht verloren gehe für ... das Sammeln und Organisieren der Massen."48 Schließlich war die Theorie ein Mittel, alle Strömungen in der Partei zu vereinen. Das war besonders wichtig, da sich mit der Zeit verschiedenartige Gruppierungen und Schichten innerhalb der Arbeiterklasse gebildet hatten, z. B. die höherstehenden Facharbeiter.

Der Revolutionsgedanke diente auch anderen Zwecken. Da die Arbeiterklasse immer noch eine diskriminierte Minderheit war, brauchte sie ein ,,kollektives Selbstbe-wusstsein".49 Dies erhielt sie aus der Hoffnung auf einen plötzlichen Umschwung. Außerdem hob die radikale Theorie die SPD vom Bürgertum ab, so dass sie nicht eine unter vielen Parteien war. Die Bedeutung der Revolutionstheorie konnte der praktisch orientierte Bernstein nicht nachvollziehen. Ihm war es wichtig, die marx`schen Methoden auf veränderte Verhältnisse anzuwenden. So bestand der Hauptunterschied zwischen den verschiedenen Ansichten in der SPD in einem unterschiedlichen Verständnis der Funktionen der sozialdemokratischen Theorie.50

Auf dem Parteitag von 1903 konnte Bernstein seine revisionistischen Vorstellungen nicht durchsetzen, doch behielt er beträchtlichen Einfluss in der Partei.51

3. Schluss

Im Rückblick von der Gegenwart kann man feststellen, dass sich zunächst weder die Anhänger des rechten noch die des linken Flügels der SPD durchsetzen konnten. Nach der Gesamtentwicklung zu urteilen, haben aber Bernsteins Vorstellungen die Oberhand gewonnen.

Bernstein hatte einige Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung fehleingeschätzt. Als er die in der Mitte der neunziger Jahre einsetzende Abnahme der Unterdrückung der Arbeiter, die sich in Reallohnsteigerungen, der allgemeinen Hebung des Lebensstandards und der Verringerung der industriellen Reservearmee abzeichnete, bemerkte, interpretierte er diese falsch. Seiner Meinung nach deutete sie auf eine Annäherung der Kapitalisten an die Arbeiterschaft hin. Tatsächlich waren diese Tendenzen aber historisch bedingt. Sie standen im Zusammenhang mit der imperialen Expansion der Wirtschaft. Durch diese verlagerte sich die Unterdrückung und Ausbeutung von der deutschen Arbeiterschaft auf die Bevölkerung der Kolonialländer, was im deutschen Reich zur Besserung der sozialen Lage der Arbeiterschaft führte. Keineswegs näherten sich die Kapitalisten den Arbeitern durch Zugeständnisse an. Die Arbeiter hatten lediglich vorübergehende Schonzeit.

Weiter unterschätzte Bernstein die Möglichkeiten, die der deutsche Reichstag für die Realisierung von Reformen für die Arbeiterschaft bot. Im deutschen Reich herrschte nach wie vor ein Scheinparlamentarismus. Der Reichstag hatte nur sehr geringe Einflussmöglichkeiten auf die Regierung, da der Kaiser nahezu absolutistisch regierte. ,,Der preußische Monarch kontrollierte nicht nur ... Heer, Bürokratie und Diplomatie, sondern auch als Reichsmonarch den Verwaltungsapparat der neuen Reichsbehörden, das Militär und die Außenpolitik."52 Der Kanzler war dem Reichstag nicht verantwortlich. So konnte die Partei so gut wie keinen direkten politischen Einfluss geltend machen.

Hierin liegt auch der Grund dafür, dass viele Sozialdemokraten während der Revisionismusdebatte weiter an der Revolutions theorie festhielten. Sie sahen, dass die SPD trotz klarer Mehrheit im Parlament stark eingeschränkt war: Das einzige wirksame politische Recht welches die Arbeiterschaft bisher errungen hatte, war das allgemeine Wahlrecht zum Reichstag, andere Reformen wurden erst nach dem 1. Weltkrieg realisiert., z.B. das Frauenwahlrecht und das Koalitionsrecht. Dringend notwendige Reformen wie die Arbeitslosenversicherung und die Festlegung eines Normalarbeitstages kamen nicht zustande.53 Als Lösung sahen die meisten nur noch einen Weg, den Weg der sozialistischen Revolution.

Bis heute haben sich die Vorstellungen derer, die den Revolutionsgedanken hochhielten, nicht bewahrheitet. Man muss ihn als eine utopistische Vorstellung beurteilen, der die Hoffnungen der Arbeiter auf eine bessere Zukunft schüren sollte. Weder ist es in Deutschland zum revolutionären Umsturz der Gesellschaftsordnung durch die Arbeiterschaft gekommen, noch haben sich die Klassengegensätze verschärft. Diese bestehen nur noch in stark reduzierten Ausmaßen. Die Mittelschicht ist nicht verschwunden, sondern zur dominierenden Schicht herangewachsen.

Die Revolutionstheorie hielt sich erstaunlich lange in den Zielvorstellungen der SPD. Erst 1959, mit der Annahme des Godesberger Programms, löste sich die Partei vom Revolutionsgedanken: ,,Wettbewerb soweit wie möglich - Planung soweit wie nötig! ... Wo mit anderen Mitteln eine gesunde Ordnung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse nicht gewährleistet werden kann, ist Gemeineigentum zweckmäßig und notwendig."54 Zu diesem Zeitpunkt bekennt sie sich auch dazu eine Volkspartei zu sein, ein Bestreben, was schon Bernstein eingeleitet hatte.

Abschließend kann man sagen, dass die von Bernstein vorgeschlagene Politik der praktischen kleinen Schritte im Rahmen der Demokratie die Realität der Entwicklung am deutlichsten vorausgesagt hat.

[...]


1 vgl. Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Deutscher Taschenbuchverlag, München, 1966, S.44ff.

2 Miller, Susanne u. Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Dietz, Bonn, 1991, S. 31f.

3 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 68

4,,Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Eisenach 1869" in: Miller, Susanne u. Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Dietz, Bonn, 1991, S. 330f

5,,Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Gotha 1875" in: Miller, Susanne u. Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Dietz, Bonn, 1991, S. 332f (siehe Anhang)

6 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 89

7 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 88

8 Sozialistische Dokumente. Das Erfurter Programm. Sein Werden und seine Kritik. (Hg. Nicht genannt) Bollwerk-Verlag Karl Drott, Offenbach, 1947, S. 31

9,,Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Erfurt 1891" in: Miller, Susanne u. Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Dietz, Bonn, 1991, S. 334ff.

10 vgl. Kleine Geschichte der SPD, S. 334ff.

11 vgl. Kleine Geschichte der SPD, S. 334ff.

12 http://www.ups.edu/faculty/tinsley/courses/germ250/Meisberg.htm, (siehe Anhang)

13 Grebing, Helga: Der Revisionismus. Von Bernstein bis zum ,,Prager Fr ü hling". Beck, München, 1977, S. 15

14 Grebing: Revisionismus, S. 17

15 Kleine Geschichte der SPD, S. 334ff.

16 Bernstein, Eduard: ,,Zuschrift Bernsteins an den Parteitag der sozialdemokratischen Partei vom 3. bis 8. Oktober 1898 in Stuttgart" und ,,Revisionistische Kritik des Erfurter Programms" in: Meyer, Thomas: Bernsteins konstruktiver Sozialismus. Eduard Bernsteins Beitrag zur Theorie des Sozialismus. Dietz, Berlin, Bonn-Bad Godesberg, 1977, S. 393

17 Bernstein, S. 395

18 Bernstein, S. 398

19 vgl. Grebing: Revisionismus S. 17

20 vgl. Steinberg, Hans-Josef: Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie: zur Ideologie der Partei vor dem 1. Weltkrieg. Dietz, Berlin, Bonn, 1979, S. 93

21 Bernstein, S. 394

22 Grebing: Revisionismus, S. 19

23 Bernstein, S. 394

24 Grebing: Revisionismus, S. 19

25 Bernstein, S. 395

26 vgl. Grebing: Revisionismus, S. 22

27 vgl. Grebing: Arbeiterbewegung, S. 117

28 Bernstein, S. 394

29 Bernstein, S. 395

30 Grebing: Revisionismus, S. 24

31 Bernstein, S. 396

32 Grebing: Revisionismus, S. 21

33 Bernstein, S. 394

34 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 114

35 vgl. Bernstein, S. 398

36 Grebing: Revisionismus, S. 24

37 Grebing: Revisionismus, S. 27

38 Kautsky, Karl: Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Eine Antikritik. Berlin, Dietz, Bonn-Bad Godesberg, 1976, S. 42

39 Kautsky, S. 181

40 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 110

41 Bernstein, S. 399

42 Grebing: Revisionismus, S. 30

43 Luxemburg, Rosa: ,,Sozialreform oder Revolution?" in Fenske, Hans (Hg.): Unter Wilhelm II. (dem Zweiten): 1890-1918. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1982, S. 160f

44 Kleine Geschichte der SPD, S. 334ff

45 Bernstein, S. 397

46 Bernstein, S. 397

47 Grebing: Revisionismus, S. 30

48 Grebing: Revisionismus, S. 38

49 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 111

50 Grebing: Revisionismus, S. 38

51 Grebing: Arbeiterbewegung, S. 119

52 Bernlochner, Ludwig (Hg.): Geschichte und Geschehen II, Ernst Klett, Stuttgart, 1995, S. 94

53 vgl. Steinberg, S. 147f.

54 http://www.informatik.uni-ulm.de/JusoHSG/socialis/demsoz05.html (siehe Anhang)

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Sozialistische Zukunftsvisionen um 1900
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V99899
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialistische, Zukunftsvisionen
Arbeit zitieren
Mortan Jacueline (Autor), 2001, Sozialistische Zukunftsvisionen um 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99899

Kommentare

  • Gast am 26.4.2001

    Methodische Besinnung.

    Ein methodische Besinnung sollte im Idealfall NIEMALS länger als drei bis fünf Sätze sein, sonst klickt der Leser, so wie ichh auch, sofort woanders hin!

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Titel: Sozialistische Zukunftsvisionen um 1900



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