Herausforderungen rechtlicher Betreuung bei Demenzerkrankung. Ist ein Umzug ins Pflegeheim unumgänglich?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Demenz als Diagnose
2.1 Definition, Klassifikation und Diagnosekriterien
2.2 Das Krankheitsbild Demenz im Verlauf

3 Versorgung
3.1 Ziel der Versorgung
3.2 Wohnen in der Häuslichkeit
3.2.1 Alleinstehende Betroffene im Single Haushalt
3.2.2 Angehörigenversorgung
3.2.3 Betreutes Wohnen
3.3 Teilstationäre und ambulante Versorgung
3.3.1 Ambulanter Pflegedienst
3.3.2 Tagesstätte und Tagespflege
3.3.3 Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege
3.3.4 Tagesklinik
3.4 Stationäre und vollstationäre Versorgung
3.4.1 Krankenhaus / Psychiatrie / Gerontopsychiatrische Station
3.4.2 Alzheimertherapiezentrum Bad Aibling
3.4.3 Pflegeheime
3.4.4 Wohngemeinschaft, Demenz – WG
3.4.5 Demenzdorf
3.4.6 Mehrgenerationswohnen

4 Möglichkeiten und Grenzen der Betreuungsarbeit

5 Fallbeschreibungen
5.1 Herr E
5.2 Frau R
5.3 Frau K
5.4 Frau F
5.5 Frau D

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Reisberg-GDS-Skala

Abbildung 2 Übersicht Versorgungsmöglichkeiten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Alzheimer und Demenz sind keine unbekannten Begriffe mehr. Irgendwie kann jeder zu diesem Thema berichten. Die Großeltern, Onkel oder Tante, die eigenen Eltern oder jemand aus dem Bekanntenkreis, vielleicht auch aus der beruflichen Perspektive heraus: der Mensch mit dieser Erkrankung verändert sich und ist im Laufe dieser irgendwann nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen und somit auf Hilfe angewiesen.

Doch wie sieht diese Hilfe aus? Die Meinungen in meinem Umfeld sind doch sehr unterschiedlich, vor allem, wie nah jemand durch dieses Thema betroffen ist und wieviel Zeit und Mittel er sogar selbst aufbringt bzw. kann und muss, um an der Versorgung beizutragen.

Meine Vorstellung zu Beginn der Betreuungstätigkeit, wie Menschen mit einer Demenzerkrankung zu versorgen sind, entwickelte sich in der Zeit, in der ich noch im Gesundheitswesen arbeitete.

Zugleich erkrankte auch eine Angehörige meiner Familie, als ich ein Teenager war. Das war in den 1990ern, als die ambulante Versorgung noch lange nicht den pflegerischen Umfang bot wie heute. Der Ehepartner schaffte die Versorgung nicht mehr nur mit dem Pflegedienst, der ein- bis zweimal täglich vorbeikam. Er selbst war überlastet und überfordert, auch aufgrund der 10 Jahre, die er älter war. Der Umzug in ein Heim war damals noch die wohlverstandene beste Perspektive für meine Angehörige. Sie selbst wäre wohl lieber in ihrer gewohnten Umgebung und im eigenen Zuhause geblieben.

Ich fragte mich damals schon, ob es nicht auch anders möglich ist, für Lebensqualität zu sorgen und den Wusch des Erkrankten zu respektieren.

Heute ist die ambulante Versorgung wesentlich besser. Den Menschen mit dieser Erkrankung solange wie möglich in seinem häuslichen Umfeld zu belassen und dafür alle notwendigen Mittel zu nutzen, war deshalb mein Ziel zu Beginn meiner Betreuertätigkeit.

Fragen, die sich im Laufe der Betreuerarbeit ergaben, waren:

Wie kommt es, dass die meisten Betreuten, mit dieser Diagnose, meiner Kolleginnen im Betreuungsverein doch im Heim leben?

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?

Verkämpfe ich mich als Betreuerin, wenn ich gefühlt gegen Windmühlen antrete, um Betroffenen das weitere Leben in der Häuslichkeit zu ermöglichen?

Warum und woran scheitern letztendlich doch solche ersthaften Bemühungen?

Hier entstand der Wunsch, über dieses Thema eine Praxisarbeit zu schreiben, um mich intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen.

1 Einleitung

Die Zahl der Menschen mit Demenzerkrankungen erhöht sich zunehmend aufgrund des demografischen Wandels und dem hohen zu erreichenden Alter. Denn je älter die Menschen werden, umso mehr steigt auch das Risiko an einer Form der Demenz, vor allem der Alzheimer Krankheit, zu erkranken.

Die Demenz lässt sich bereits bei 5% der über 65-jährigen Menschen feststellen. Je älter die Menschen sind, umso höher steigt auch die Rate der Demenzfälle an: bereits 30% der über 90-jährigen sind von einer Demenz betroffen1.

In Deutschland sind es laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft im Jahr 2020 geschätzt insgesamt über 1,7 Millionen Menschen über 65 Jahre, die an der Erkrankung leiden. Jährlich kommen über 300.000 Neuerkrankungsfälle hinzu2, wobei sich die angenommenen Zahlen nicht zwingend bewahrheiten müssen3.

Mit der pflegerischen Versorgung sind über 3 Millionen Angehörigen der Betroffenen betraut. Daneben gibt es professionell Pflegende in den Gesundheitsberufen und andere Berufsgruppen wie Ärzte, Physiotherapeuten und weitere soziale Berufe, wie die rechtlichen Betreuer, die mit den Betroffenen zu tun haben4.

Der Betreuungsverein Dessau, in dem der Referent als rechtlicher Betreuer beschäftigt ist, ist in der Stadt Dessau-Roßlau ansässig. Laut der aktuellen Statistik5 der hiesigen Betreuungsbehörde waren von den 1422 Betreuungen dieser Stadt, allein 274 Betreuungen gesichert6 aufgrund einer Demenz eingerichtet worden. Belegt waren von 189 Neuanregungen, 43 von einer Demenz betroffen. Außerdem kam es auch zu einstweiligen Anordnungen, wovon 12 aufgrund einer Demenz eingerichtet werden mussten. Im Betreuungsverein Dessau werden derzeit7 insgesamt 166 Menschen betreut, davon haben 37 Menschen eine diagnostizierte Demenz.

Das Augenmerk dieser Arbeit ruht auf der Versorgung der Menschen mit Demenz und der Frage, wie diese auszusehen hat. Denn aufgrund vielfältiger Ursachen gibt es Probleme bei der Versorgung: Angehörige, die in pflegerischer und versorgender Verantwortung stehen, fühlen sich durch das Fortschreiten der Erkrankung zunehmend überlastet. Sie schaffen die Versorgung irgendwann nicht mehr.

Oder mit steigendem Alter leben die Menschen eher allein und sind in ihrer Versorgung auf sich gestellt8.

Auch in der Betreuerpraxis leben die Betroffenen der aufgeführten Neubetreuungen oftmals allein und die Anregung zur Betreuung erfolgte durch einen Pflegedienst oder Nachbarn, welche die Symptomatik als folgenschwer und hilfsbedürftig erkannten.

Die von der Erkrankung betroffenen Menschen wünschen sich, in der vertrauten Wohnung oder Haus zu bleiben. Es gibt zahlreiche Hürden und Herausforderungen, um diesem Wusch entsprechen zu können, auf die im Laufe dieser Arbeit näher eingegangen werden soll.

Aufgrund der demografischen Veränderungen und den Anforderungen an die Gesellschaft rücken die Erkrankung und die Versorgung dieser Menschen mehr und mehr in den Mittelpunkt des Interesses der Öffentlichkeit. Die Möglichkeiten der ambulanten Versorgung sind heute mittlerweile dergestalt vielfältig, dass Betroffene auch in der Häuslichkeit weiterleben können.

Und doch, obwohl 80% der an Demenz Erkrankten in ihrem Zuhause gepflegt werden9, findet die professionelle Pflege meistens im Heim statt10.

Die vorliegende Arbeit möchte dazu folgende Fragen stellen und versuchen zu beantworten: Mit welchem Grad der Demenzerkrankung kann ein Betreuter11 in der Häuslichkeit leben?

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Welche Herausforderungen können sich ergeben?

Gibt es Alternativen zum Pflegeheim?

Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Im nächsten Abschnitt soll das Krankheitsbild der Demenz näher beschrieben werden.

Der dritte Teil zeigt die verschiedenen Versorgungsmöglichkeiten auf und erläutert diese.

Auch der Aspekt der Betreuungsarbeit soll im anschließenden Kapitel einbezogen und diskutiert werden. Es soll herausgearbeitet werden, mit welchen Herausforderungen sich der Betreuer bei der Wahl der Hilfen konfrontiert sieht und welche Überlegungen anstehen.

Die persönlichen Erfahrungen des Referenten, als rechtlicher Betreuer in einem Betreuungsverein, werden dabei in diese Arbeit einfließen, um die Hintergründe der Versorgung aus der Praxis näher zu beleuchten. Ziel der vorliegenden Arbeit ist die persönliche Reflexion der bisherigen Arbeit als rechtlicher Betreuer12 in Bezug auf die Versorgung der Klienten mit einer demenziellen Erkrankung, um so in einem abschließenden Fazit einen Ausblick auf die weitere Arbeit im Betreuungsverein zu gewinnen.

2 Demenz als Diagnose

Im Folgenden soll die Krankheit, bezogen auf die in Erscheinung tretenden Symptome, näher beleuchtet werden. Dabei versucht diese Arbeit weniger die medizinischen Klassifikationen und Krankheitsbeschreibungen darzulegen, als vielmehr das Bild eines an Demenz Erkrankten und seine Wirkung zu beschreiben. Hintergrund ist, die Herausforderungen, welche in der Pflege und Betreuung auftreten, näher zu beleuchten. Es soll verdeutlicht werden, weshalb die sorgfältige Auswahl der Versorgungsstrukturen so bedeutend ist.

2.1 Definition, Klassifikation und Diagnosekriterien

Mit dem Begriff Demenz kann eine Hirnfunktionsstörung beschrieben werden, welche sich aus dem lateinischen Begriff „de mens“ ableitet und mit „ohne Geist“ übersetzt werden kann. Dieser Definitionen nach wird bereits das Hauptsymptom deutlich: das Auftreten und Voranschreiten kognitiver Einschränkungen13. Die ICD-1014 formuliert das Bild der Demenz als ein „Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns“, einhergehend mit Störungen zahlreicher kortikaler Funktionen.

Hauptmerkmale ihrer Krankheitszeichen sind in ihrer Reihenfolge dann:

1. Die Abnahme des Gedächtnisses als Leitsymptom
2. Beeinträchtigung und Rückgang weiterer kognitiver Fähigkeiten und Funktionen wie Planen, Organisieren, Verstehen von Sprache und Wortfindung, Verschlechterung der emotionalen Kontrolle.
Einhergehend kommt es zu Beeinträchtigungen bis hin zum Verlust von sozialen, beruflichen oder gesellschaftlichen Fertigkeiten und Kompetenzen, im Vergleich zum bisherigen bestehenden Leistungsniveau und gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt.
3. Keine Trübung des Bewusstseins
4. Begleitend treten Veränderungen der emotionalen Kontrolle, einhergehend mit Zunahme eines gestörten Sozialverhaltens und der Motivation auf.

Außerdem müssen die schwerwiegenden Symptome über einen Zeitraum von 6 Monaten gesichert festgestellt worden sein und zudem zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung geführt haben, um die Diagnose gesichert zu stellen15.

Heute sind mindestens 50 Formen der Demenz bekannt16, die am häufigsten diagnostizierte Form ist die Alzheimer-Demenz. Relevant für die Bestimmung, ist die zugrundeliegende Ursache für die Demenz. Zudem lässt sich zwischen primären und sekundären Demenzen unterscheiden17:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz der Unterscheidung der Formen, sind die klinischen Symptome, die für das Krankheitsbild charakteristisch sind, doch in der Regel gleich und lassen sich in Primär- und Sekundärsymptome18 unterscheiden. Unter Primäsymptome werden all jene zusammengefasst, welche sich aus der Erkrankung des Kortex erklären lassen. Sekundärsymptome beschreiben alle weiteren Symptome psychischer und körperlicher Art des demenziellen Abbaus.

Weissenberger-Leduc zieht eine Unterteilung in 3 Störungsgruppen19 vor:

- Die bereits genannten kognitive Störungen,
- Somatische Störungen, die die Demenz begleiten, wie z. B. eine veränderte Mobilität, Schmerzwahrnehmung, Inkontinenz oder Schluckbeschwerden, sowie
- Verhaltensstörungen, welche das Krankheitsbild hauptsächlich ausmachen und auf medizinisch-somatische oder psychiatrische Ursachen zurückzuführen sind.

Störungen, wie z. B. Antriebssteigerung oder -minderung bis hin zur Apathie, Unruhezustände und aggressives Verhalten treten bei über 50% der Betroffenen auf.20

Zur Diagnostik der Demenz gehören u. a. eine umfassende ärztliche Anamnese, neurologische und internistische Untersuchungen, technische Befunde und psychologische Testverfahren. Die Diagnosestellung erfolgt bei Alzheimer z. B. im Ausschlussverfahren.

Wichtig für eine eindeutige Diagnose sind der Ausschluss anderer Hirnerkrankungen, wie z. B. Tumore Epilepsie, Enzephalitis oder auch vorübergehende Phasen psychischer Erkrankungen, wie beispielsweise Depression, Manie oder auch Schizophrenie21.

Aufgabe des rechtlichen Betreuers ist es, auf eine entsprechende Diagnosestellung und Behandlung der behandelnden Ärzte hinzuwirken. Wie Förstl22 betont, ist die Primärversorgung entscheidend für den weiteren Verlauf der Erkrankung. Für ihn liegt hierin „die Chance zu einer Verbesserung der Früherkennung, zu rechtzeitigen und richtigen Weichenstellungen hin zu weiteren diagnostischen und therapeutischen Schritten. Hier liegt die Verantwortung zur Einleitung und Überprüfung angemessener Behandlungspläne“.

2.2 Das Krankheitsbild Demenz im Verlauf

Die Demenz verläuft in den meisten Fällen chronisch, was bedeutet, dass die Krankheitszeichen nicht abnehmen oder rückläufig sind. Trotz der Progredienz können die Symptome z. B. tagesformabhängigen Schwankungen unterliegen. Förstl beschreibt, dass die Alzheimer-Demenz „akut beginnen und einen wechselhaften Verlauf mit zeitweisen Plateaus oder vorübergehender funktioneller Verbesserung aufweisen“ kann.23

Im Verlauf betrachtet, schreitet die Erkrankung schließlich weiter voran und es kommt neben der Ausprägung der Gedächtnisstörungen zu einer Ausdehnung der Beeinträchtigungen und allmählichen Reduzierung der Fertigkeiten und Fähigkeiten des Betroffenen.24

Der an Demenz Erkrankte erlebt anfangs Schwierigkeiten, welche in ihrer Ausprägung erheblich werden, bis zum Verlust wichtiger Fähigkeiten, wie z. B. Rechnen, Sprechen und Denken.25

Aufgrund der Sozialisation, des früheren Lebensstils, des Charakters, also der Persönlichkeitszüge des Betroffenen, und vor allem auch abhängig von seinem sozialen Netz, äußern sich die Krankheitszeichen bei jedem unterschiedlich in Ausprägung und dem Verlauf der Erkrankung. Auch aktuelle Gegebenheiten wie Belastungen durch Stress, Verlust eines Angehörigen und personelle oder räumliche Veränderungen, können erhebliche Auswirkungen haben. Und das, selbst wenn sich die körperlichen Voraussetzungen nicht in gleicher Weise verändert haben. Daraus wird deutlich, wie wichtig Orientierung gebende Stabilität und Konstanz ist.

Es kommt zu krankheitsbedingten Auffälligkeiten, die vom Umfeld als eine Veränderung der Person erlebt werden können. Der Betroffene kann als störrisch und jähzornig, vielleicht sogar als verbal oder körperlich aggressiv erlebt werden. Auch Wimmern oder „Weinerei“, Singsang-ähnliches Klagen, kann beobachtet werden. Solche Veränderungen können in Abhängigkeit von der Grundpersönlichkeit des Betroffenen auftreten26.

Werden depressive Züge beim Betroffenen beobachtet, sollte diese abgeklärt werden. Nicht selten entwickelt sich im Laufe der Erkrankung zusätzlich eine Depression27, welche bei rechtzeitiger Diagnose gut behandelt werden kann. Diese Symptome weisen etwa 80% der Betroffenen auf.28

Eine psychomotorische Unruhe, im Sinne einer Umtriebigkeit oder eines verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus, bei dem die Betroffenen vor allem in den Abendstunden gefühlt wacher werden, kann zur Herausforderung bei der Betreuung und Pflege werden.29

Bei schwerer Demenz ist der Erkrankte hilflos und kann sich nicht mehr orientieren, weder zeitlich noch räumlich, später auch nicht zur Person und Situation. Somit wird die vollständige Übernahme von ADL und Betreuung unumgänglich.

Auch wenn die Erkrankungen bei jedem einzelnen Betroffenen einem individuellen Verlauf hat, so können die Symptome allgemein kategorisiert werden. So lassen sich der weitere zu erwartende Verlauf und das Stadium der Erkrankung bestimmen.30

Hierbei sei darauf hingewiesen, dass sich in der Literatur unterschiedliche Einteilungen des Verlaufs und der Dimensionen der Erkrankung finden lassen, je nachdem ob die Einteilung aus medizinischer, sozialer oder auch aus milieutherapeutischer Sicht vorgenommen wird. Dies liegt daran, dass die Einteilung nach Art und Schweregrade Symptomatik sich in Diagnostik und Behandlung zu den jeweils bestehenden Interventionsmöglichkeiten unterscheiden kann.31

Die Reisberg-GDS-Skala folgt beispielsweise einer Einteilung, die nicht ausschließlich nach dem Schweregrad und den Symptomen vorgenommen wird. Sie dient zur Orientierung, wann Hilfe erforderlich ist und lässt abschätzen in welchem Umfang.32

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Reisberg-GDS-Skala

Die zu implementierenden Hilfen und die Versorgung sollten bei allen an Demenz erkrankten Menschen individuell an die vorhandenen tatsächlichen Bedürfnisse des Betroffenen angepasst sein. Eine reine Bestimmung der Hilfen nach der GDS-Skala, würde dem individuellen Verlauf der Erkrankung und der persönlichen Individualität und der Lebensführung einer betroffenen Person nicht gerecht werden.

Außerdem gibt es bei den sekundären Demenzen Aussicht und Chancen einer Besserung des Zustandes, wenn die ursächliche Erkrankung behandelbar ist.33 Somit sollte die Hilfe auch flexibel genug sein, bei positiver Prognose angepasst werden zu können.

Das Stigma Demenz34 lässt leicht Zuschreibungen vermeintlicher geeigneter Hilfen zu. Ein Zuviel an Hilfe kann bei einem Betroffenen jedoch die Passivität fördern sowie seine Selbstfürsorge bremsen. Im Gegenteil also: wenn der an Demenz Erkrankte täglich seine noch bestehenden kognitiven, alltagspraktischen und körperlichen Ressourcen nutzt, so kann dies dazu beitragen, die Entwicklung der Krankheitssymptome so zu beeinflussen, dass diese später eintreten.35

3 Versorgung

Immer wieder stellen Pflegeaufwand und die damit in Zusammenhang stehende Bewältigung der Beeinträchtigungen und Erscheinungen der Erkrankung, die größte Herausforderung für alle Betroffenen der Erkrankung und die Beteiligten der Versorgung dar.

Hinzu kommt, dass je älter der Mensch ist, auch das Risiko und die Wahrscheinlichkeit für weitere Erkrankungen, welche die die Demenz begleiten können, steigt.36

Durch den Verlust der Selbstständigkeit ist der Betroffene zunehmend auf die Hilfe anderer Personen angewiesen.

Je frühzeitiger die Diagnose gestellt und die weitere Behandlung und Versorgung festgelegt wird, umso besser lassen sich neue und weniger invasive Strukturen in das bestehende Lebenskonzept des Betroffenen integrieren.

Das Integrieren der Hilfen ist bei Betreuten mit Demenzerkrankung daneben noch aus einem Blickwinkel zu betrachten. Die Betreuung wird in der Regel nicht zu Beginn bzw. einem leichten bis mittelschweren Grad der Erkrankung eingerichtet. Oftmals ist die Erkrankung weiter fortgeschritten.

Bei hochbetagten Demenzkranken kann es auch vorkommen, dass bisher pflegende Angehörige inzwischen selbst schwer erkrankt und auf Hilfe angewiesen oder gar verstorben sind. Manchmal gibt es einfach auch niemandem im Umfeld, der die Versorgung und Pflege übernehmen kann – dann erst wird die Betreuung angeregt und eingerichtet.

Liegt eine Form der Demenzerkrankung vor, bei der der Betroffene noch recht jung ist, so kann die Angehörigenversorgung zwar gewährleistet sein, es können sich aber weitere notwendige Versorgungsformen ergeben, auf die im nächsten Abschnitt eingegangen werden soll.

Wichtig ist vielmehr, dass die Versorgung nicht ausschließlich nach den objektiven Symptomen bestimmt wird. Bei der Wahl der geeigneten Versorgung sollte entscheidendes Kriterium sein, dass soziale Kontakte und Beziehungspflege nicht nur ermöglicht, sondern in Vordergrund gestellt werden37. In der Literatur wird aus ethischer Sicht dafür plädiert, eine „lebendige Beziehung“ zum Betroffenen zu ermöglichen, wie sie beispielsweise Steinmetz beschreibt. Durch beständige Kontakte und einfühlende Pflege kann der Betroffene in seiner Demenz besser erreicht, sein Wohlbefinden gesteigert, sein Personensein ermöglicht38 und seine Bedürfnisse nach sozialer Partizipation als Teil der persönlichen Identität befriedigt werden.39

Ein Wechsel in neue Umgebungen, vor allem institutionell geprägte Einrichtungen, sollten solange wie möglich vermieden werden. Aufgrund der Veränderungen kann sich ein Patient mit Demenz immer weniger orientieren, denn die bereits vorhandenen kognitiven Symptomen beschränken die Aufnahme- und Verarbeitung der Flut an neuen Informationen und Reizen. In Folge dessen kommt es zu einer Verstärkung der Symptome, vor allem im Bereich der Verhaltensstörungen.40

Lebt der Betroffene allein in einem Singlehaushalt, könnten zusätzlich hinzugezogene ambulante Maßnahmen ein Wohnen im vertrauten Zuhause weiterhin ermöglichen.

Um die vielfältigen Versorgungsmöglichkeiten aufzuzeigen, soll das folgende Schema einen ersten Überblick bieten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Übersicht Versorgungsmöglichkeiten

3.1 Ziel der Versorgung

Ziel der Versorgung soll sein, dass der Betroffene entsprechend seinen Bedürfnissen und dem Bedarf ausreichend Hilfe erhält. In jedem Fall ist zur Behandlung und Beratung die Hinzuziehung eines Facharztes, bestenfalls für Gerontopsychiatrie, empfohlen.

Unter Beachtung ethischer Gesichtspunkte sollte die Lebensqualität trotz der Erkrankung des Betroffenen nach dessen eigenen Wünschen verwirklicht werden. Als Basis beschreibt Kruse dazu vier Kategorien, die er als „Kern eines guten Lebens“ beschreibt:

- Selbstständigkeit,
- Selbstverantwortung,
- bewusst angenommene Abhängigkeit und
- Mitverantwortung.41

Bei der Wahl der zu integrierenden Hilfen kann es nützlich sein, die Erfüllung dieser vier Prinzipien zu prüfen, ehe eine Entscheidung getroffen wird.

Allgemein sollte auf Lebensqualität und Wohlbefinden geachtet werden und gegebenenfalls eine Steigerung dieser ermöglicht werden. Bestehende Beziehungen sollten aufrechterhalten oder aufgebaut werden können, denn das soziale Netz sollte nicht ausschließlich aus professionellen Helfern bestehen.

[...]


1 Vgl. Weissenberger-Leduc 2009, S.10, Trescher 2013, S.57

2 Deutsche-Alzheimer.de

3 Vgl. Kruse 2017, S. 332

4 Vgl. Schumacher 2017, S. 2

5 Siehe Anlage Betreuungsbehörde Dessau-Roßlau, Erhebung 2019

6 Da nicht immer die eindeutige Diagnose bereits bei der Einrichtung der Betreuung gesichert ist, ist davon auszugehen, dass die Zahlen der Demenzerkrankten höher liegen, hier vorerst allgemein aber unter „seelisch behindert“ zusammengefasst wurden.

7 Stand: 19.02.2020

8 Vgl. Infoblatt 15

9 Vgl. Schaade 2009, S.3

10 Vgl. Schuhmacher 2017, S.104

11 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in den Abschnitten 1-4 der vorliegenden Arbeit die männliche Form bei personenbezogenen Bezeichnungen gewählt. Es sind indes beide Geschlechter gleichermaßen gemeint.

12 In Abstimmung mit dem betreuenden Dozenten wurde in Abschnitt 5 die „Ich-Form“ verwendet, um das Leseerlebnis und -verständnis zu verbessern und in den Fallbeschreibungen den persönlichen Eindruck des Themas, basierend auf den Erfahrungen des Autors dieser Arbeit, hervorzuheben.

13 Deutsche-Alzheimer.de

14 Vgl. Internetlink icd-code.de

15 Förstl 2009

16 Vgl. Weissenberger-Leduc 2009, S.12

17 Vgl. Grebe 2019, S.118

18 Vgl. Stoffers 2016, S. 13

19 Vgl. Weissenberger-Leduc 2009, S. 16 ff.

20 Vgl. Steinmetz, S. 54 f.

21 Vgl. Förstl 2009, S.133, 143

22 Vgl. Förstl 2009, Vorwort

23 Vgl. Förstl, S. 226

24 Vgl. Stoffers 2016, S. 12, s. a. Steinmetz, 2016, S. 53

25 Vgl. Weissenberger-Leduc 2009, S. 12

26 Vgl. Stoffers 2016, S. 14

27 Vgl. Kruse 2017, S. 330

28 Vgl. Stoffers 2016, S. 31

29 Vgl. Schaade 2009, S.3, s. a. Steinmetz 2016, S. 54 f.

30 Vgl. Steinmetz 2016, S. 54

31 Vgl. Kruse 2017, S. 326

32 Vgl. Neubart 2018, S. 127 f., Stoffers 2016, S. 302

33 Vgl. Steinmetz 2016, S. 52

34 Vgl. Trescher 2013, S.59, 62

35 Vgl. Kruse, 2017, S. 318

36 Vgl. Stoffers 2016, S.11 f.

37 Vgl. Trescher 2013, S.58

38 Vgl. Steinmetz 2016, S. 56 ff.

39 Vgl. Kruse 2017, S. 345 ff.

40 Vgl. Stoffers 2016, S. 76

41 Vgl. Kruse 2017, S. 334

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen rechtlicher Betreuung bei Demenzerkrankung. Ist ein Umzug ins Pflegeheim unumgänglich?
Hochschule
Hochschule Wismar  (Wings)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V999063
ISBN (eBook)
9783346373724
ISBN (Buch)
9783346373731
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demenz, Wohnform, rechtliche Betreuung, Berufsbetreuung
Arbeit zitieren
Mandy Zunder (Autor), 2020, Herausforderungen rechtlicher Betreuung bei Demenzerkrankung. Ist ein Umzug ins Pflegeheim unumgänglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/999063

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