Grimmelshausens Einstellung zum Hexenglauben. Untersucht am Courasche Roman


Seminararbeit, 2000

20 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Frauenbild und Hexenglaube in der frühen Neuzeit
2.1 Ehe oder Kloster weibliche Lebensgestaltung im Barock
2.2 Frauen des Teufels liebstes Opfer
2.3 Das frühneuzeitliche Verständnis von Hexerei
2.4 Kritik an der Hexenverfolgung durch zeitgenössische Autoren

3 Die Figur Courage und das Hexenwesen
3.1 Courage unter der Hexenanklage
3.1.1 Die Vergewaltigungsszene, XII. Kapitel
3.1.2 Springinsfelds Traum, XXII. Kapitel
3.2 Courages Verhältnis zur Hexerei
3.3 Courage als Abbild realer Hexen

4 Schluÿüberlegung

Kapitel 1 Einleitung

Der Roman Trutz Simplex: Oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Ertz- betrügerin und Landstörtzerin Courasche [1] - kurz Courasche - erschien im Herbst 1670 als siebentes Buch des simplicianischen Zyklus. Wie schon die ersten sechs Bücher, Der Abentheuer- liche Simplicissimus Teutsch Buch 1 - 5 und die Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi [2], stellt der Autor Johann Jakob Christo el von Grimmelshausen (1621 - 1676) die Schrift in die Tradition des satirischen Schelmenromans. Ungewöhnlich ist hier aber, daÿ eine Frau die Hauptperson ist. Libuschka, so lautet Courages eigentlicher Name, den sie erst am Ende ihres Lebensweges wieder für sich in Anspruch nehmen kann, ist adeliger Herkunft, wird aber isoliert von einer Amme erzogen. Sie gerät in die Wirren des Dreissigjährigen Krieges und muÿ sich darin behaupten. Sie scha t dies durch Anpassungsfähigkeit, Tüchtigkeit und List, indem sie sich einen für eine Frau ungewöhnlichen Platz in der soldatischen Gesellschaft erobert. Hier bekommt sie gleich zu Beginn den Spitznamen Courage. Als Ich-Erzählerin schildert sie rückblickend ihren Lebensweg und Ereignisse, die ihren Charakter formten. In ihrem Bestreben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, kommt sie nicht selten in Kon ikt mit den Verhaltensnormen, die in der frühen Neuzeit für Frauen gelten. Sie ndet schlieÿlich ihre Rolle fernab gesellschaftlicher Konventionen als Matriarchin einer Zigeunerhorde.

Grimmelshausen wählt für den Roman eine besondere Erzählperspektive. Die Hauptperson Courage diktiert rückblickend einem ktiven Autor, dem Lohnschreiber Philarchus Grossus von Trommenheim, ihre Lebensgeschichte, um durch die Darstellung ihres unmoralischen Lebenswan- dels den Simplicissimus bloÿzustellen. Anlaÿ für diese Revancheschrift ist, daÿ Courage sich durch einen Passus in Simplicius' Biographie gekränkt fühlt, in der ihrer beider Verhältnis beschrieben wird.

Die doppelte Verschachtelung der Erzählperspektive erschwert die heutige Interpretation des Romans, da nicht eindeutig bestimmt werden kann, ob Grimmelshausen nun durch Courage oder von Trommenheim spricht, oder ob er noch eine übergeordnete Warte einnimmt. Die Meinungen dazu sind in der Forschung sehr kontrovers, besonders in Zusammenhang mit der Frage, wie Grimmelshausen zum weiblichen Geschlecht steht. Die Bandbreite der Einschätzungen geht vom dem Frauenbild seiner Zeit verhafteten Weiberfeind (vgl. Feldges [10], Teuscher [19]) vertreten durch die Personen von Trommenheims und Springinsfelds bis zum liberalen Fürsprecher weiblicher Selbstverwirklichung, der geltende Normen weiblichen Verhaltens satirisch in Frage stellt (vgl. Battafarano [5], [6] oder Breuer in der kommentierten Werkausgabe [1]).

Ein interessanter Aspekt dieser Kontroverse ist die Frage, ob die Figur der Courage der zeitge- nössischen Vorstellung einer Hexe entspricht. Das Frauenbild der frühen Neuzeit betont stets die Anfälligkeit des weiblichen Geschlechts für die Verführungen des Teufels. Frauen sind aufgrund physischer und psychischer Minderwertigkeit dazu prädestiniert, zur Hexe zu werden und den Pakt mit dem Teufel zu schlieÿen. Courages Nonkonformität rückt sie in die Nähe des Hexenwe- sens, und sie wird auch im Roman explizit mit dem Hexenwerk in Zusammenhang gebracht. In welcher Form dies geschieht, soll im Laufe dieser Arbeit genauer untersucht werden. Hat Grim- melshausen, der sich in seinen Werken satirisch mit Dämonopathie und Wunderglauben seiner Zeit auseinandersetzt (vgl. Battafarano [7]), Courage als Abbild realer Hexen konzipiert, wie Andreas Solbach [18] herausgefunden haben will? Dies würde bedeuten, daÿ der Schriftsteller, der sonst stets eine ironisch-entlarvende Distanz zum Aberglauben einnimmt, das Hexenwesen als typisch weibliches Phänomen und Courage als typische Hexe porträtiert. Die Ergebnisse der Arbeiten von Battafarano ([6], [7]) und Jung ([15]) setzen dagegen einen Kontrapunkt. Sie beobachten an den Stellen, die Courage in die Nähe des Hexenhandwerks rücken, eine Kritik Grimmelshausens am Hexenwahn der Zeit und an der Art der Hexenanklage und Prozeÿführung. Dieser Interpretation schlieÿt sich auch Berns [8] an. Zwar stelle das Hexenmotiv eine Verbindung zwischen Courasche-Libuschka und dem böhmischen Libussa-Mythos her, es sei jedoch deutlich, daÿ Courage keine Hexe ist. Der Vorwurf werde stets von auÿen an sie herangetragen. In der fol- genden Arbeit wird die Untersuchung relevanter Textstellen zeigen, welche dieser Einschätzungen durch genaue Lesart eher bestätigt oder widerlegt werden können.

Um die untersuchten Textstellen besser in den historischen Zusammenhang einordnen zu können, soll zuerst eine kurze Darstellung des Frauenbildes der frühen Neuzeit mit besonderer Berücksichtigung des Hexenglaubens der Zeit gegeben werden. Dann werden Textstellen aus dem Courasche - und Springinsfeld -Roman unter der Fragestellung untersucht, was sie über Grimmels- hausens Einstellung zum zeitgenössischen Hexenglauben aussagen. Die Argumentationen Sol- bachs, Battafaranos und Jungs sollen dabei genau berücksichtigt werden. Abschlieÿend werden die Ergebnisse resümierend zusammengefaÿt, und es soll kurz versucht werden, eine Beziehung zwischen Grimmelshausens Einstellung zum Hexenglauben und seinem mutmaÿlichen Frauenbild herzustellen.

Kapitel 2 Frauenbild und Hexenglaube in der frühen Neuzeit

2.1 Ehe oder Kloster weibliche Lebensgestaltung im Barock

Im 17. Jahrhundert beschränkte sich der Wirkungskreis der Frauen auf den häuslichen Bereich, anders als noch im Jahrhundert davor, wo auch der Handel auf dem Markt zu ihren Aufgaben gehörte. Frauen waren dem Mann nach göttlichem und menschlichem Recht zur absoluten Un- terordnung verp ichtet, die Ehe galt neben dem Kloster als einzig akzeptable Form der Lebensgestaltung. Eine Au ehnung gegen das Rollenbild der Hausfrau und Mutter galt als Sünde und muÿte bestraft werden, um die Einhaltung der natürlichen Weltordnung zu sichern. Allein- stehende Frauen oder solche, die von der festgefügten sozialen Norm abwichen, gerieten schnell ins soziale Abseits und damit u.U. in den Ruf der Hexerei. Ein Leben in der Abgeschiedenheit des Klosters war die einzig gesellschaftlich akzeptierte Alternative. Das jungfräuliche Nonnendasein in der Tradition der Jungfrau Maria galt als vorbildhaft und damit als Aufwertung des von Natur aus wankelmütigen weiblichen Wesens.

Die strenge Disziplinierung der Frau sollte dazu dienen, deren angeblich maÿlosen Begierden zu bändigen. Weit verbreitet war die Ansicht, Frauen hielten die Männer davon ab, Gott angemessen zu dienen. Überhaupt wurde das weibliche Geschlecht als eine minderwertige Variante des männlichen aufgefaÿt. `Wissenschaftliche Untersuchungen' von Geistlichen, Juristen und Medizinern der Zeit zeigten auf, daÿ Frauen unvollkommene Menschen seien, in der Hierarchie der Schöpfung etwa zwischen Mann und Tier anzusiedeln. Begründet wurde dies auf vielfältige Weise. Es wurden physiologische, theologische und sogar sprachetymologische `Beweise' geliefert. Von der Minderwertigkeit der weiblichen Natur ausgehend lag der Schluÿ nahe, die Frau als die Schwachstelle im Kampf gegen teu ische Mächte auszumachen. Machten es geistige und körperliche De zite den Frauen nicht nur unmöglich, dem Satan den entsprechenden Widerstand entgegenzusetzen, prädestinierten ihre maÿlose Natur und ungezügelter Sexualtrieb sie gerade dazu, seine Opfer und vor allem seine Komplizinnen zu werden.

2.2 Frauen des Teufels liebstes Opfer

Die Vorstellung von der minderwertigen Natur der Frau führte dazu, diese als die Grundlage des Hexenwesens zu brandmarken. Der Teufel hatte schlieÿlich ein leichtes Spiel mit ihnen. Als unvollkommenes Tier 1 hatte die Frau nicht das physische und psychische Rüstzeug, um sich gegen die Verführungen des Satans zur Wehr zu setzen. Dessen Angri e setzten an der gröÿ- ten Schwachstelle des weiblichen Geschlechts an, seiner maÿlosen Sinnlichkeit. Sexual xierte und moralisch nicht gefestigte Frauen gaben nach frühneuzeitlicher Vorstellung nur zu gerne den Annährungsversuchen des Satans nach und lieÿen sich auf eine geschlechtliche Beziehung mit ihm ein. Die Buhlschaft mit dem Teufel galt somit auch als das Hauptdelikt der Hexerei. In durch Folter erwzungenen Geständnissen schilderten angebliche Hexen, wie der Akt mit dem Teufel vollzogen wurde und gaben akribische Auskünfte über anatomische Details. Diese Aus- sagen, Antworten auf entspechende Fragen, wurden dann von Hexenrichtern und Theologen in ernsthaften wissenschaftlichen Erörterungen verwendet, was heutzutage obskur erscheint.

Die Verteufelung weiblicher Sinnlichkeit und Körperlichkeit hatte geradezu paranoide Züge. Sexualität wurde als maÿlos, unkontrollierbar und damit als bedrohliche Antithese christlicher Werte empfunden. Die Verdorbenheit der Frau war schon in der Abstammung von der Urmutter Eva angelegt, die im Garten Eden schamlos den unschuldigen Adam verführte und ins Unglück riÿ. Damit folgte logisch, daÿ Hexerei in der frühen Neuzeit ein typisch weibliches Delikt war. Zwar wurden mitunter auch männliche Hexer und Ketzer verurteilt, dies war aber die Ausnahme. Die strenge Maÿregelung des weiblichen Lebens und insbesondere der Sexualität resultierte aus diesen Vorstellungen.

2.3 Das frühneuzeitliche Verständnis von Hexerei

Die Vorstellung von Hexerei im 16. und 17. Jahrhundert unterscheidet sich von derjenigen, die man heute intuitiv hat. Wesentliches Merkmal des Hexenwesens war der Pakt mit dem Teufel, die bewuÿte Abwendung von Gott und Kirche, die durch den Geschlechtsverkehr mit dem Satan besiegelt wird. Dagegen wurden magische Praktiken und Zaubereien nicht per se als Hexerei emp- funden. Obwohl von Dämonologen versucht wurde, auch die sogenannte `weiÿe' oder `natürliche' Magie zu kriminalisieren, gelang dies nicht. Zur natürlichen Magie zählten etwa Liebeszauber und Wa enbann Praktiken, die auch Courage erlernt haben will. Diese magischen Handlun- gen galten, anders als der hexische Schadenszauber, sogar als christliche Zauber. Es erschienen in der frühen Neuzeit zahlreiche Bücher, die derartige Fähigkeiten, wunderbare Phänomene durch genaue Kenntnis der Natur und ihrer Gesetze zu bewirken, vermitteln sollten.

Bei der Untersuchung von Courages Verhältnis zum Hexenwesen ist es daher wichtig, genau zwischen Teufelspakt und natürlicher Magie zu di erenzieren. Maÿstab der Beurteilung soll die zeitgenössische Vorstellung von Hexerei sein. Es sollen nicht vielleicht nutzlose, so doch harmlose Zaubereien Courages als Indizien für ihr Hexentum interpretiert werden.

2.4 Kritik an der Hexenverfolgung durch zeitgenössische Autoren

Trotz des weit verbreiteten Hexenwahns und Frauenhasses in der frühen Neuzeit gab es Personen, die sich kritisch mit diesen Phänomenen auseinandersetzten. Friedrich von Spees Cautio Crimi- nalis 2 (1631-32) problematisiert die Hexenprozesse. Spee vermeidet zwar Grundsatzdiskussionen und zweifelt nie die Möglichkeit der Existenz von Hexen und Hexenwerk an, jedoch geht er scharf mit der Art der Prozeÿführung ins Gericht. Ob Hexe oder nicht, unter der Folter würde laut Spee jeder Mensch alles gestehen. Gerade besonders ehrbare und fromme und damit von der Norm abweichende Frauen würden durch übelwollende Mitmenschen oder korrupte Hexenrichter des Paktes mit dem Teufel verdächtigt, denunziert und angeklagt. Ohne die Existenz von Hexen in Frage zu stellen, kommt Spee zu dem Schluÿ , daÿ in Hexenprozessen unschuldige Menschen ver- urteilt werden. Die Hexe vor dem Richter ist nicht real, sie wird erst durch die Anklage und durch mit der Folter erzwungene Geständnisse dazu gemacht. Laut Spee ist somit ein typischer Hexen- prozeÿ vom Verfahren her juristisch unkorrekt und dient nicht der Wahrheits ndung, sondern meist eigennützigen, niederen Motiven.

Gegen die allgemein übliche Frauenverachtung wendet sich Georg Philipp Harsdör er in sei- nen Frauenzimmer Gesprächsspielen (1641-49)3. Beeindruckt von der kulturell und literarisch hochentwickelten Gesellschaft in Italien, hat er die Vision eines sittlich und kulturell fortgeschrit- tenen Deutschlands. Diese Kultivierung soll über die Integration der Frau in die literarische Welt geschehen. Frauen sollen nicht ausschlieÿlich als Muse des geistig scha fenden Mannes dienen, sie sollen gleichberechtigt und gleich gebildet an der Produktion von Literatur und Poesie beteiligt werden. Harsdör er geht sogar so weit, eine neue Art von Frauenbild und Geschlechterverhältnis zu entwerfen. Nicht nur physische Attribute sollen eine Frau ausmachen. Die gebildete und kulti- vierte Frau übt geistige Anziehungskraft aus. In einer Episode der Frauenzimmer Gesprächsspiele parodiert Harsdör er die in Deutschland übliche Haltung: Ein junger Mann ieht in Angst vor einer intelligenten und ra nierten Dame, fürchtet sie sogar als Hexe, weil er ihr intellektuell nicht gewachsen ist.

Spees und Harsdör ers liberale Ansätze zeigen, daÿ es auch in der frühen Neuzeit Menschen gab, die sich kritisch mit den gesellschaftlichen Phänomenen ihrer Zeit auseinandersetzten. Für die weitere Untersuchung ist dies nicht unwesentlich, da die Existenz solch liberaler Tenden- zen auch die Interpretation des Courasche -Romans in anderem Licht erscheinen lässt. Es ist also nicht abwegig, daÿ Grimmelshausen über den Weg der Satire kritisch mit Hexenwahn und Frauenverachtung umgeht. Dennoch ist es wichtig, beide Themenbereiche zu di erenzieren. Die vorliegende Arbeit wird sich mit Grimmelshausens Einstellung zur Dämonopathie beschäftigen. Aussagen oder Interpretationen zum Frauenbild sollen so weit wie möglich unberücksichtigt blei- ben, da sie den Rahmen sprengen würden.

Kapitel 3 Die Figur Courage und das Hexenwesen

3.1 Courage unter der Hexenanklage

Bezeichnend für die Textstellen des Romans, an denen Courage mit dem Hexenhandwerk in Verbindung gebracht wird, ist, daÿ sie meist von anderen Personen im besonderen von Männern als Hexe bezichtigt wird. Man kann unterscheiden zwischen Stellen, an denen Dritte sie als Hexe beschimpfen oder stilisieren, und solchen, an denen Courage selber sich auf Zauberei oder Hexerei bezieht. Sie selbst behauptet jedoch nie von sich, die Hexenkunst erlernt, ausgeübt oder auch nur das Verlangen danach gehabt zu haben. Während ihres Aufenthaltes in Wien habe sie zwar Liebeszauber und Büchsenbann gelernt, daÿ ihr bei längerem Bleiben auch noch die Hexerei beigebracht worden wäre, vermutet sie jedoch nur.

In mehreren Episoden wird sie dagegen von anderen Personen als Hexe bezeichnet, etwa im IX. Kapitel, als ihr Mann als Überläufer umkommt:

...Jch bekam aber so ein hau en Feinde / die da sagten: die Strahl-Hex hat den armen Teufel umbs Leben gebracht /... ([1], S.53),

im XII. Kapitel, als ein von ihr früher gefangen genommener Major die Möglichkeit zur Rache bekommt:

...`Du Blut-Hex! sagte er / jetzt will ich dir den Spott wider vergelten ... ([1], S.67), im XIV. Kapitel, als sie sich erfolgreich gegen zwei Vergewaltiger und Räuber zur Wehr setzt:

...wir hatten unter währendem Gefecht ein wildes Geschrey; er hiese mich eine Hur / eine Vettel / eine Hex / und gar einen Teu el; ... ([1], S.81).

Im XXII. Kapitel wird sie von Springinsfeld zur Hexe stilisiert, der angeblich geträumt hat:

...seine Courage wäre überall mit gi tigen Schlangen umgeben gewesen / derowegen er sie seinem Einfall nach / zu erretten und davon sich zu befreien / entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen / vors beste gehalten ... ([1], S.122), und im XXV. Kapitel wird ihr mit der Folter gedroht, damit sie über ihren Lebenswandel vor dem Stadtrat aussagt.

An diesen Beispielen wird deutlich, daÿ Courage gerade dann als Hexe bezeichnet wird, wenn ihr Verhalten mit den geltenden Verhaltensnormen für Frauen in Kon ikt gerät. Dies entspricht den Darstellungen Friedrich von Spees. Sozial au ällige Menschen, ob in positiver oder negativer Hinsicht, machen sich verdächtig und angreifbar. Courage führt ein durchweg unkonventionelles Leben und setzt sich damit Verdächtigungen und Anschuldigungen aus. Als sie einen Major auf dem Schlachtfeld gefangennimmt und somit unweibliches Verhalten zeigt, kann dieser nicht anders reagieren, als sie im Bunde mit teu ischen Mächten zu vermuten:

der Teufel möchte mit so einer Hexen etwas zu scha en haben ([1], S.52).

Dennoch ist klar, daÿ die Gefangennahme nichts mit übernatürlichen Mächten zu tun hatte, sondern nur mit Courages kriegerischen Talenten. Für die Tat wird sie zwar später von ihren Neidern wie von ihren Gönnern bewundert und gelobt, es klingt aber schon an, daÿ dieses untypische Verhalten nicht ganz geheuer ist:

...beyde Theil sagten / ich wäre der Teufel selber ([1], S.52).

Eine andere Episode im Kriegslager führt schlieÿlich dazu, daÿ Courage das Feld räumt, weil ihr die Situation zu gefährlich wird. Ihr italienischer Ehemann hatte in der Hochzeitsnacht von ihr gefordert, sich mit ihm um die Vormachtstellung in der Ehe zu schlagen. So wollte er vor deröentlichkeit seine Herrschaft über sie bekunden. Er unterlag bei diesem Kampf und war aus Scham über die Niederlage gegen seine Frau zur gegnerischen Armee übergelaufen, wo er schlieÿlich als Überläufer gefangen genommen und hingerichtet wurde. Obwohl Courage den Kampf um jeden Preis vermeiden wollte und dem Mann vernünftig dargelegt hatte, daÿ der Sinn einer Ehe doch in Partnerschaft und nicht in einem Herr-Knecht-Verhältnis bestehe, richtet sich die Stimmung deröentlichkeit gegen sie. Sie sei schuld an seinem Tod, weil ihr Verhalten ihn um seine männliche Herrschaftsstellung in der Ehe habe fürchten lassen müssen. Es wird vergessen, daÿ sie den Kampf nicht wollte.

Battafarano merkt hier an [6], daÿ Grimmelshausen an dieser Stelle durch Courage eine fortschrittliche Ehevorstellung anspricht, die auf gegenseitiger Achtung beruht. Der zweite Schöpfungsbericht wird in dieser Szene von Courage neu interpretiert, insofern die Frau aus der Seite des Mannes genommen wurde und ihm daher auch zur Seite stehen solle statt unter ihm. Diese Deutung der Bibelstelle ist der von Dämonologen diametral entgegengesetzt, die unter anderem damit die Minderwertigkeit der Frau begründeten.

Insgesamt wird in der oben geschilderten Episode deutlich, daÿ Courage keine Schuld am Tod ihres Mannes tri t. Es tritt auÿerdem ein klarer Kontrast zu Tage zwischen der Ereignissen, wie sie Courage berichtet und der Version, wie sie schlieÿlich zur `Realität' für ihre Lagermitbewoh- ner wird. Die Ereigniskette der Schuldzuweisung erinnert an den Verlauf von Hexenprozessen. Nicht norm- oder rollengerechtes Verhalten wird von der Gesellschaft nicht akzeptiert, es löst Ängste und Unsicherheiten aus. In dieser Episode ist es die Furcht, traditionelle Geschlechter- hierarchien in Frage gestellt zu sehen. Das probate Mittel, um dieser Bedrohung Herr zu werden, ist die Dämonisierung der Frau, die Beschuldigung der Hexerei. Eine Frau, die die gottgegebenen Verhältnisse in irgendeiner Weise unterminiert, muÿ mit dem Teufel im Bunde sein. So wird Courage zur ...Strahl-Hex [die] den armen Teufel umbs Leben gebracht [hat] /... ([1], S.53). Die Ungerechtigkeit dieser Verdächtigung liegt jedoch auf der Hand. Dies ist nicht die einzige Episode, die das Thema der Anklage ähnlich strukturiert aufgreift.

Löst man sich von dem Motiv der Hexenanklage, so fällt auf, daÿ Grimmelshausen in seinen Werken das oben geschilderte Stilmittel oft benutzt, um satirisch Aberglauben, Naivität oder Dummheit seiner Zeitgenossen bloÿzustellen. Es werden die realen Umstände einer Situation und dann die kurzschlüssigen Interpretationen und von Aberglauben geleiteten Reaktionen der Leute (vgl. Battafarano [7]) geschildert. Für die Protagonisten unmögliche empirische Realitä- ten werden von ihnen animistisch-magisch ausgelegt. Die tatsächlichen Ursachen sind für den Leser jedoch o ensichtlich. Scheinbar magische Vorfälle werden so entzaubert und ins rechte Licht gerückt. Der Leser wird gleichsam gezwungen, die natürlichen Ursachen der Situation zu registrieren und das dämonopathische und naive Alltagsdenken der Protagonisten zu re ektie- 1 ren . Dieses erzähltechnische Verfahren, Ereignis und kurzschlüssiges Urteil gegenüberzustellen, kann zu einer Entdämonologisierung des Alltagsdenkens beitragen. Es relativiert aber auch das menschliche Urteil, welches sich somit auf eine subjektive Meinungsäuÿerung reduziert, die dem objektiven Sachverhalt oft nicht gerecht wird.

Im Courasche -Roman wird dieses Stilmittel unter anderem verwendet, wenn Courage von ih- ren Schelmenstücken erzählt. Detailliert führt sie aus, wie die Vorbereitungen und physikalischen Hintergründe ihrer Streiche und Betrügereien sind, die dann von den Opfern mit Magie und Zauberei erklärt werden2. Sie macht sich also die Schlichtheit und den Aberglauben der Leute zunutze. Es scheint schlüssig, daÿ Grimmelshausen auf die gleiche Weise die Hintergründe von Hexenanklagen und -prozessen verdeutlichen will. Weitere Textstellen, die diese These stützen, sind die Vergewaltigungsszene in Kapitel XII und die Traumsequenz aus der Springinsfeldepisode (Kapitel XXII).

3.1.1 Die Vergewaltigungsszene, XII. Kapitel

Diese Szene beschreibt das Zusammentre en Courages mit dem Major, den sie einige Zeit zuvor auf dem Schlachtfeld gefangen genommen hatte, und der sie aus Wut über diese Schmach schon damals als Verbündete des Teufels beschimpft hatte. Diesmal nimmt er sie gefangen und macht sofort klar, was sie nun zu erwarten hat:

`Du Blut-Hex! sagte er / jetzt will ich dir den Spott wider vergelten / den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast / und dich lehren / daÿ du hinfort weder Wehr noch Wa en mehr führen / noch dich weiters unterstehen sollest / einen Kavalier gefangenzunehmen.' ,([1], S.67).

Courage wird einem Fahnenjunker zur Bewachung übergeben und erfährt von ihm, daÿ der ehemalige Major, jetzt Obristleutnant, über seine damalige Gefangennahme schier den Kop / oder wenigst sein Major Stell verlohren haette ([1], S.67), daÿ in den Truppen über dieses Ereignis Unordnung entstanden sei und daÿ er sich schlieÿlich damit zu rechtfertigen versuchte, daÿ er durch Zauberey verblendet ([1], S.68) gewesen sei. Courage wird von den Truppen mitgenommen und über mehrere Nächte einer systematischen Vergewaltigung unterzogen, zunächst durch den Obristleutnant alleine, der Revanche für seine Schmach nehmen will. Dabei betont Courage, daÿ es ihm dabei nicht um Lust noch Freud seyn konte ([1], S.68), weil er sie schlägt, obwohl sie sich nicht sonderlich wehrt. In der nächsten Nacht übergibt er sie seinen O zieren und in der dritten nochmals der gesamten Truppe inklusive der Knechte, was dann sogar der sonst unersättlichen Courage zu viel wird. Jetzt erst beginnt sie zu lamentiren / zu schmälen / und Gott um Huel und Rach anzuru en ([1], S.68). Sie ndet jedoch keine Gnade, sondern wird darüber hinaus noch gedemütigt und gequält. Zum Finale wird überlegt, sie den Reiterjungen preiszugeben, oder ihr als Zauberin den Prozeÿ machen zu lassen. Der Anklage als Hexe entgeht Courage nur dadurch, daÿ der bereits vollzogene Geschlechtsverkehr der Truppen mit ihr, als einer Zauberin, auch die Männer selbst ins Zwielicht gezogen hätte. Zu weiteren Plänen kommt es dann nicht mehr, Courage wird aus ihrer miÿlichen Lage erlöst. Ein Rittmeister hat von ihrer Gefangenschaft gehört und befreit sie aus der Hand der Truppen. Interessanterweise ist es genau der Rittmeister, den sie gleichfalls während einer Schlacht gefangengenommen hatte, der jedoch ganz andere als Gefühle der Rache für sie hegt.

In dieser Szene ist der erste Satz, den der Major zu Courage sagt, geradezu Programm. Sie wird mehr als deutlich in ihre Schranken gewiesen. Es ist jedoch zu bezweifeln, daÿ Grimmels- hausen hier lediglich beschreibt, wie eine von Natur aus verworfene und minderwertige Frau respektive Hexe die gerechte Strafe für ihr Tun erhält. Battafarano bemerkt zu dieser Episode, daÿ ein solches Verständnis weder aufgrund des Textes noch aufgrund eines angeblich im 17. Jahrhundert noch vorhandenen homogenen Weltbildes zu rechtfertigen ([6]) ist. Er betont, daÿ auch für Grimmelshausen, als einen zum Katholizismus konvertierten Schriftsteller, die misogyne Hexenlehre nicht als alleiniges Credo unterstellt werden könne. Vor allem in der beschriebenen Szene zeige sich deutlich eine antimännliche weil antimartialische Tendenz. Die vom Krieg verrohten Männer vergessen jegliche Grundsätze der christlichen Nächstenliebe und lassen ihren perversen Instinkten freien Lauf, als sich ein geeignetes Opfer ndet. Das bestialische der Situa- tion wird deutlich herausgearbeitet, besonders als zum Schluÿ Courages Retter die Szene betritt und mitleidig mit dem Kopf schüttelt und das, obwohl er das gleiche Erlebnis mit Courage hatte, das die anderen Männer zu ihren Taten motivierte.

Daÿ hier eine Hexe bestraft wird, mag auf den ersten Blick so erscheinen, weil Courage von den erbosten Männern so tituliert wird. Bei genauerer Betrachtung wirkt die Beschimpfung je- doch eher wie eine zeittypische Alltagsmetapher. Eine Frau mit nonkonformen Verhaltensweisen wird schnell als Hexe bezeichnet, hier besonders, um das eigene Versagen gegenüber dem angeb- lich minderwertigen Geschlecht zu relativieren. Die Bestrafung gilt nicht der Hexe, sondern der ungehorsamen Frau, die die göttliche Ordnung durch ihr Verhalten unterminiert. Die Vermutung, daÿ Courage hier tatsächlich eine Hexe verkörpert, wird durch zwei weitere Fakten gänzlich ad absurdum geführt. Zum einen hätte Courage als kundige Zauberin in ihrer bedrängten Situation Satan um Beistand anrufen können tatsächlich ruft sie Gott um Hilfe an oder sich mit ihren schwarzen Künsten aus der Hand der Männer befreien können. Zum anderen zeigt die spontane Idee, sie dem Richter auszuliefern, daÿ die Männer keineswegs daran glauben, daÿ sie tatsächlich eine Hexe ist. In anderen Falle hätten sie sie nicht vergewaltigt. Vielmehr ist die Hexereianklage eine willkommene Möglichkeit, sich an ihr zu rächen, ohne sich eines Mordes schuldig zu machen.

Offensichtlich will der Autor hier keine Hexe darstellen, sondern eine Frau, die innerhalb der Roman ktion von einem Männer-Kollektiv, das einen mehr oder weniger guten Grund hat, dazu gemacht wird. Auÿerdem zeigt Grimmelshausen hier, wie willkürlich Hexenanklagen entstehen können: Daÿ Niedertracht, Miÿgunst, Haÿ oder auch Geldgier die Motivation sein können. Im XXV. Kapitel muÿ Courage sich beispielsweise von einer drohenden Anklage freikaufen. Hier betont Grimmelshausen, daÿ die Verdächtigung Mittel zum Zweck war, um sich an ihr zu bereichern. Courage selbst sagt: die meiste Ratsherrn hielten darfor / man solte mich an die Folter wer en / so würde ich vielmehr dergleichen Stücke bekennen [...] Jch hingegen liesse mich vernehmen / man suche nicht so sehr / der lieben Gerechtigkeit und den Gesetzen ein Genügen zu thun / als mein Gelt und Gut zu con scieren. ([1], S.137).

3.1.2 Springinsfelds Traum, XXII. Kapitel

Auch in dieser Episode referiert Grimmelhausen auf die zeitgenössischen Praktiken im Umgang mit angeblichen Hexen. Diesmal wird Courage von ihrem eigenen Partner mit Zauberei in Verbindung gebracht.

Nach den schlechten Erfahrungen, die Courage mit einigen ihrer vorherigen Ehemänner gemacht hat, geht sie mit einem in sie verliebten Musketier eine kalkulierte Zweckgemeinschaft ein. Im Rahmen eines berechnenden Partnerschaftsvertrages wird dem Musketier der demütigende Spitzname Springinsfeld verpasst. Springinsfeld soll für dieöentlichkeit das Heft in der Hand halten, tatsächlich hat aber Courage das absolute Sagen und wirtschaftet im Hintergrund in aller Ruhe als Marketenderin. Rechte hat Springinsfeld keine, dank Courages Tüchtigkeit bietet ihm die Situation wirtschaftlich aber nur Vorteile.

Ein Vertrag, der die traditionellen Geschlechterrollen umkehrt und Courage freie Hand ge- währt, ihr Leben zu gestalten, scheint für sie eine radikale, aber wirksame Methode, sich vor dem ewigen Kampf der Geschlechter zu schützen. Kurzfristig funktioniert das Arrangement auch recht gut. Trotzdem kann Springinsfeld auf Dauer die feminine Herrschaft nicht ertragen. Er wird von seinen Kameraden verspottet und aufgehetzt, und so wächst schlieÿlich sein Groll gegen Courage. Um die Herrschaft über sie wiederzuerlangen, versucht er, wie schon der italienische Ehemann, seine körperliche Überlegenheit als Mann auszuspielen. Zweimal versucht er Courage im Schlaf zu schlagen. Beim ersten Mal, als sie daraufhin aus dem Zelt üchtet, entschuldigt er seinen Gewaltausbruch mit einem schlechten Traum. Schon hier begreift Courage aber, daÿ Spring- insfeld zu einem der zwei probaten Mittel männlicher Machtausübung über Frauen physische Gewalt oder ökonomische Abhängigkeit gegri en hat, weil er ihrer Herrschaft müde ist. Der zweite Versuch Springinsfelds, Courage zu unterwerfen, stilisiert den Musketier jedoch gleich- sam als Hexenrichter und Henker in einem. Des Nachts packt er Courage und versucht, sie ins Wachtfeuer des Obristen zu werfen. Als sie sich wehrt und befreit, entschuldigt er sein Verhalten abermals mit einem Traum: da antwortet er / ihm hätte geträumt / seine Courage wäre ueberall mit gi tigen Schlangen umgeben gewesen / derowegen er sie seinem Einfall nach / zu erretten und davon sich zu befreyen / entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen / vors beste gehalten / ... ([1], S.122). Courage lehnt an dieser Stelle den Wahrheitsgehalt von Träumen kategorisch ab. Nach diesem Erlebnis entledigt sie sich Springinsfelds so schnell wie möglich.

Der reale Tathergang folgt der Logik, die schon bei der Interpretation der Vergewaltigungs- szene beschrieben wurde. Springinsfeld kann seine Unterlegenheitsgefühle gegenüber der starken, nonkonformen Frau nicht anders kompensieren als durch Gewalt. Die natürliche Ordnung wird durch Courage bedroht und muÿ wiederhergestellt werden. Um die Tat als solche jedoch zu rechtfertigen und zu legitimieren, bedient sich Springinsfeld geschickter als der Major im XII. Kapitel des Hexenmotivs.

Springinsfeld stilisiert Courage zur Hexe und zur biblischen Eva. Die Schlangen, die er im Traum an ihrem Körper sieht, gelten analog zur biblischen Schöpfungsgeschichte als Tiere des Satans. Schon seit Beginn der Zeit sind nach diesem Mythos Frauen als die Töchter Evas anfällig für die Verführungen des Teufels. Gleichzeitig implementiert die Verbindung des Eva- mit dem Hexenmotiv eine starke sexuelle Komponente. Eine Hexe ist zugleich eine Hure, so wie Evas Sinn- lichkeit und Fleischlichkeit sie dem Teufel anheimfallen haben lassen. Das angebliche Hexenwesen der Courage steht ebenfalls in enger Verbindung mit ihrer Sexualität. Getreu dem Eva-Motiv ist ihr Fleisch die eigentliche Schuld, ihre sinnliche Ausstrahlung der Glanz des teu ischen Reiches, ihr Körper Satans Feld. [6]. Dafür stehen die Schlangen, die Springinsfeld im Traum an Cou- rages Körper gesehen haben will. Seine Reaktion folgt dann auch weiter dem Motiv. Er will sie ins Feuer werfen, also wie eine Hexe verbrennen und das um sie aus den Fängen des Teufels zu befreien. Der weibliche Körper muÿ bestraft werden, um die Seele zu retten. Springinsfeld Hinweis auf die andere Rettungsmöglichkeit, die ihm sein Traum nahelegte, nämlich Courage ins Wasser zu werfen, belegt dann eindeutig, daÿ hier eine vermeintliche Hexe geprüft werden soll. Der Musketier bezieht sich damit nämlich auf die Wasserprobe, mit der festgestellt wurde, ob eine Frau eine Hexe ist oder nicht3

Gleichwohl hat Springinsfeld mit dieser Geschichte keinen groÿen Erfolg bei seinen Zuhörern im Lager. Er wird ausgelacht, bleibt allerdings stra os. Dem Leser des Romans wird jedoch wie schon in der oben interpretierten Episode deutlich, was Springinsfeld mit dieser Geschichte bezweckt. Er stilisiert Courage nicht zur Hexe, weil er sie tatsächlich dafür hält. Das hätte sicher in einem der vorigen Kapitel Erwähnung gefunden, oder Springinsfeld hätte sich entsetzt von ihr abgewendet. Die Vorgeschichte führt dem Leser detailliert die wahren Hintergründe vor Augen und legt ihm nahe, die Sichtweise Courages zu übernehmen. Der charakterschwache Mann wird von seinen Kumpanen gehänselt, weil er `unter dem Panto el' steht. Als Gewaltanwendung allein nicht weiterhilft, greift er zum wirkungsvollsten Argument, der Dämonisierung, die das Opfer der Willkür von Anklägern und Richtern ausliefert. Egoistische, niedere Motive verleiten also auch hier den Ankläger, eine Frau als Hexe darzustellen. Auch ein Passus im Seltzamen Springinsfeld [3], in dem dieser dem Simplicissimus von seinen Erlebnissen mit Courage berichtet, stützt diese These. Springinsfeld wird als neidisch, nachtragend, verbittert und kleingeistig dargestellt, wenn es um seine ehemalige Partnerin geht.

Battafarano merkt darüber hinaus an [6], daÿ Courages Betonung, Träume haben keinerlei Wahrheitsgehalt, eine weitere Komponente beinhalte. Er sieht hier eine Anspielung Grimmels- hausens auf den niederrheinischen Arzt Johannes Weyer (1515-1588), der schon 1563 in der Schrift De praestigiis daemonum (Basel) den angeblichen Hexensabbat als Trugbild, Wahnvorstellung oder Traum interpretierte.

Insgesamt decken sich Grimmelhausens Aussagen zu Hexerei und Hexenprozessen weitestge- hend mit denen Friedrich von Spees. Auch er schlieÿt die Möglichkeit der Existenz von Hexen erst einmal nicht aus. In diesem Zusammenhang bleibt interessant, in welchem Verhältnis Coura- ge nach eigener Aussage zur Hexerei steht. Dieser Frage soll im folgenden Absatz nachgegangen werden, gerade weil hier oft angebliche Indizien für eine Hexentätigkeit Courages gefunden wer- den.

3.2 Courages Verhältnis zur Hexerei

Courage bezeichnet sich selbst nie ernsthaft als Hexe oder auch nur als an Hexerei interessiert. Redewendungen wie im XXV. Kapitel wir [sie und ihr Liebhaber, Anm. d. Aut.] leugneten aber beyde wie die Hexen ([1], S.136) sollten eher als Alltagsmetaphern gewertet werden.

Zwei Stellen im Roman werden jedoch oft als Beleg für das Hexenwesen Courages angeführt. Eine ist die Episode in Wien, wo sie hinkommt, nachdem ihr erster Mann gestorben ist. Dort erlernt sie von ihrer Wirtin das Handwerk der Prostitution und allerhand feine Kuenste ([1], S.41) wie Liebeszauber und Büchsenbann. Courage vermutet dann, daÿ sie bei längerem Ver- bleiben auch gar Hexen gelernt haette ([1], S.41). Intuitiv liegt das Gegenargument nahe, daÿ sie es eben nur beinahe gelernt hat oder hätte lernen können, den entscheidenden Schritt aber hat sie nicht getan. Die Bemerkung kann jedoch auch als ein selbstironischer Kommentar zu der vorangegangenen Äuÿerung, sie habe allerhand feine Künste gelernt, interpretiert werden. Diese Künste stehen zwar in der Nähe magischer Praktiken, und Courage erwähnt an anderer Stelle noch zwei Mal ihre angebliche Unverwundbarkeit, es ist jedoch der im 2.Kapitel umrissene Begri von Hexenwerk zu beachten. Courage spricht hier von natürlicher oder weisser Magie, die sie gelernt haben will, einen Schadenszauber oder einen bewuÿten Pakt mit dem Teufel, wesent- liches Merkmal des Hexenwesens nach frühneuzeitlicher Vorstellung, erwähnt sie nicht. Sie läÿt auÿerdem kein besonderes Verlangen danach oder nach zauberischer Macht erkennen. Fügt sie anderen Schaden zu, so ist das immer auf natürliche Vorgänge zurückzuführen, die auch akri- bisch dargelegt werden. Die Zauber, die sie anwendet, z.B. den Büchsenbann, ermöglichen ihr dagegen das Überleben in den rauhen Zeiten des Dreissigjährigen Krieges. Es bleibt allerdings o en, inwieweit diese Zauber nützen, völlige Unverwundbarkeit scheinen sie jedenfalls nicht zu garantieren, schlieÿlich fällt Courage oft genug in die Gewalt von Männern, die sie bedrohen und vergewaltigen.

Ein zweites Argument für Courages Hexenwesen könnte der Spiritus familiaris sein, den sie von einem alten Soldaten erwirbt (XIIX. Kapitel). Dieses Utensil soll besondere magische Fähigkeiten haben:

...es ist ein dienender Geist / welcher dem jenigen Menschen / der ihn erkau t / und bey sich hat / groÿ Glück zu wegen bringt; Er gibt zu erkennen / wo verborgene Sachen liegen; Er verscha t zu jedwederer Handelscha t genugsame Kau eute und vermehret die prosperität: Er macht daÿ seine Besitzer von seinen Freunden geliebt: und von seinen Feinden geförchtet werden; ein jeder der ihn hat / und sich auf ihn verläst / den macht er so fest als Stahl / und behütet ihn vor Gefängniÿ ; Er gibt Glück / Sieg und Uberwindung wider die Feinde / und bringt zu wegen / daÿ seinen Besitzer fast alle Welt lieben muÿ . ([1], S.102).

Einzige Bedingung ist, den Spiritus familiaris, eine Art Wurzelmännchen, für weniger Geld weiterzuverkaufen, als sie ihn selbst erworben hat. Denn derjenige, der ihn bis zum Tod behält, der soll zur Hölle vedammt sein. Letztere Tatsache erfährt Courage jedoch erst später. Auch als sie den Spiritus familiaris erwirbt, ist sie sich zuerst nicht über seine magischen Fähigkeiten im klaren. Vielmehr scheint sie in recht betrunkenem Zustand den Geist als eine Art Schnäppchen, aus dem man eventuell noch Kapital schlagen kann, angesehen zu haben. Pragmatisch wie sie ist, nutzt sie die Kraft des Wurzelmännchens, da sie ihn nun einmal hat, und tatsächlich laufen ihre Geschäft mehr als gut.

Ein Argument für ihr Hexentum oder die tatsächlichen magischen Fähigkeiten des Spiritus familiaris ist das jedoch nicht. Schlieÿlich war Courage schon von Beginn an sehr geschäftstüchtig. Von den anderen förderlichen Ein üssen, etwa, daÿ er beliebt und geschätzt machen soll, kann Courage dagegen nicht berichten, im Gegenteil, Springinsfeld beginnt, gegen sie aufzubegehren. Zu einem weiteren moralischen Abstieg Courages oder zu Ambitionen in Hexerei und Magie trägt er im übrigen auch nicht bei. Auÿerdem verkauft Courage den Geist an Springinsfeld, als sie sich trennen. Als Teufelsdienerin hätte sie den Geist sicher behalten, eine besondere A nität zum Teufel kann ihr damit also nicht bewiesen werden. Schlieÿlich verbrennt Springinsfeld den Spiritus familiaris im Backofen, aus Angst, in die Hölle zu kommen. Tatsächlich hat die Tat dann keine Folgen, der Hausgeist endet ganz unspektakulär im Feuer. Möglicherweise zielt die Episode erneut auf die Entlarvung von Aberglauben und des Vertrauens in Amulette. Frank Jung [15] schätzt den Spiritus familiaris als eine Art kapitalistischen Hausgeist ein und vermutet in ihm ein Symbol für das Laster der Gewinnsucht und die Verwer ichkeit des Eigennutzes. Die Einschätzung als hexisches Utensil oder Sinnbild des Teufelspaktes läÿt sich mit den Vorstellungen von Hexerei im Barock nicht vereinbaren.

3.3 Courage als Abbild realer Hexen

Wenn Courage in der Forschung eine Hexenähnlichkeit unterstellt wird, so meistens als Beleg für Grimmelshausens moraldidaktischen Absichten. Ihre Dämonisierung innerhalb des Romans wird als Allegorie der `Frau Welt'4 interpretiert. Einen noch radikaleren Ansatz vertritt Andreas Solbach [18]. Er will die Figur der Courage als Abbild realer Hexen der frühen Neuzeit verstehen. Damit soll in Bezug auf das Hexenmotiv der Zusammenhang aller Bücher des simplicianischen Zyklus in neuem Licht erscheinen.

Solbachs Gedankengang basiert im wesentlichen auf der Verknüpfung von Hexenhandwerk und ungezügelter Sexualität. Sinnlichkeit wird identi ziert mit einer Teufelsverfallenheit, wie es in den dämonologischen Vorstellungen der frühen Neuzeit auch durchaus üblich war. Es ist jedoch fraglich, ob Grimmelshausen hier nicht explizit eine Trennung vornehmen wollte.

Solbach zeigt zuerst eine Parallele der Lebenswege des Simpicissimus und der Courage auf. Der erste setzt sich nach einigen Wirrungen schlieÿlich gegen sexuelle Verführungen zur Wehr ([2], Kapitel VXX - IIVXX) und bewahrt seine sexuelle Unschuld und damit seine moralische Integrität. Courage dagegen macht die Sexualität zum treibenden Element ihres Charakters und des Romans ([18]) und quali ziert sich damit als Hexen gur. Solbach geht soweit zu behaupten, daÿ für Grimmelshausen die Sexualität per se der Grund für den sündhaften Charakter der Frauen ([18]) ist. Die Frau als Gattungswesen werde von Grimmelshausen als unkeusch und damit als zum Hexendasein prädestiniert dargestellt. Zum Beleg werden Textstellen aus dem Satyrischen Pilgram [4] herangezogen, z.B. Auÿ diesem Ubel der Unkeuschheit folget ein grössers /nemblich die Zauberey / welche sie ergrei en und lernen / wann sie sich zuvor mit dem Teu el vermischt haben /... ([4], S.84). Den letzten Teil des Zitats erwähnt Solbach nicht. Dabei macht gerade diese Aussage nochmals deutlich, welche `Voraussetzungen' das Hexenwesen hat. Von einem Geschlechtsakt Courages mit dem Teufel ist im Roman nie die Rede. Darüber hinaus ist es nicht angebracht, Bruchstücke aus einem Text zu zitieren, wie hier aus dem Satyrischen Pilgram. Die Schrift beschäftigt sich mit verschiedenen Problematiken des Lebens, unter anderem mit der Natur der Frau. Dies geschieht in Form extremer Pro- und Contra-Argumentationen, die dann in einem Nachklang synthetisiert werden. So werden auch überaus lobende und hehre Aussagen über Frauen getro en und der Nachsatz schlägt ebenfalls versöhnlich-di erenzierende Töne an. Es ist also fragwürdig, polemische Aussagen aus dem Text herauszulösen und sie als Meinung Grimmelshausens darzustellen. Wie schon im simplicinischen Zyklus kann auch hier nicht ohne weiteres der ktive Autor mit Grimmelshausen gleichgesetzt werden.

Nach Solbachs Interpretation von Courages Sexualität entspricht die Zeichnung der Figur al- lerdings dem Hexenmuster der Dämonologen im 16. und 17. Jahrhundert. Er entdeckt weiterhin in ihrem Lebenswandel die für Hexen typischen Machenschaften im Dunkeln und Verborgenen. Weitere Eigenschaften der Hexen gur sollen der Schadenszauber sein, das Motiv der Impotenz, der Rache und des sich `Fest-Machens' gegen Wa en. Dabei sollen die Betrügereien Courages als Schadenszauber aufgefaÿt werden und die natürlich-magische Praktik des Büchsenbanns als hexische Tat, eine Interpretation, die sich so nicht am Text belegen läÿt. Schlieÿlich sei auch Courages A nität zu Macht und Geld ein typisches Merkmal ihrer Hexenexistenz, ebenso die Tatsache, daÿ sie durch Transvestitismus und unweibliches Verhalten das göttliche ordo -Prinzip pervertiere. Dort wo sie ihre Identität ins Männliche verkehre, ihre Sexualität zum Machtgewinn einsetze und damit erfolgreich sei, erscheine sie als Hexe und Teufelsweib. Auch dieser These wird durch den Text widersprochen, man denke nur an die Vergewaltigungsszene, in der sie durch- aus nicht erfolgreich scheint. Diese Szene wird von Solbach dagegen als exemplarsiche Richtig- und Wiederherstellung der realen Machtverhältnisse von Mann und Frau interpretiert. Im dar- auf folgenden Kapitel kann Courage sich vor erneuter Vergewaltigung angeblich nur durch ihre Hexenkunst retten auch ein Sachverhalt, der so im Text nicht steht.

Solbach verweist weiterhin auf die von Dämonologen beschriebene Fähigkeit der Hexe, auÿer- gewöhnliche Liebe zu erregen und sieht dies als einen wesentlichen Charakterzug Courages. Das Verhältnis zu Springinsfeld interpretiert er folglich als teu ische Behexung [18], was durch den Abhängigkeitsvertrag dokumentiert werde. Courage habe für Springinsfelds aufrichtige Gefühle nur Hohn und Spott über, alle ihre Liebesverhältnisse seien vom Kampf um Macht geprägt und dem Wunsch, das Verhältnis von Mann und Frau umzukehren wider die Bestimmungen der christlichen Ehe. Auch hier liegt eine eindimensionale Betrachtung des Textes vor. Schlieÿlich hatte Courage durchaus Ehepartner, denen sie in Liebe und gegenseitigem Respekt zugetan war. Die schlechten Erfahrungen, die sie zu dem Vertrag mit Springinsfeld motivieren, werden im Roman ausführlich dargelegt und kommentiert. Ihrem italienischen Ehemann schlägt Courage eine Partnerschaft in Achtung und gegenseitiger Unterstützung vor; er besteht auf den Kampf um die Herrschaft in der Ehe.

Angeblich soll die Hexe Courage ihre Opfer, respektive Ehemänner, dem doppelten Tod über- antworten, da die Berührung mit ihr, der personi zierten Sünde, nicht nur physischen Tod, son- dern auch ewige Verdammnis nach sich ziehe. Die Springinsfeld-Episode soll diese Interpretation besonders belegen. Springinsfeld sei das bevorzugte Opfer von Courages Hexenkunst, er erkennt in seinem Traum ihre wahre Natur, und der Spiritus familiaris, Manifestation von Courages Hexenwesen, wird ihm als Symbol der bevorstehenden ewigen Verdammnis überlassen.

Solbach meint mit der Einschätzung der Courage als Hexen gur, deren Vorsatz, ihre Le- bensgeschichte aufzuschreiben, erklärt zu haben. Die Lebensbeschreibung sei somit Selbstinter- pretation und Bekenntnis zur Hexenkunst der Landstörtzerin. Dieses Bekenntnis rücke dann die Sauerbrunnen-Episode mit Simplicissimus in neues Licht, weil dieser sich dort als standhaft gegenüber der Sexualität der Hexe Courage erwiesen habe und sich dem Tod und der Verdamm- nis entziehen habe können. Simplicius selbst erkenne und entlarve die Hexe Courage, weil er im Kampf mit ihrer Sexualität die Oberhand behält. Fragwürdig ist bei dieser Beurteilung der Szene das spätere Verhalten Simplicius' Courage gegenüber. Im Springinsfeld schlägt er rückblickend gegenüber Courage eher versöhnliche und maÿvolle Töne an. Eine Verurteilung der gefährlichen Hexe und Zauberin ndet dort nicht statt: .../ Antwortet ihm Simplicius, wünsche doch der armen Tröp n nichts böses mehr / hörestu nicht daÿ sie albereits ohne das der Verdamnus nahe / bis über die Ohren im Sündenschlamm: Ja allerdings schon gar der Höllen im Rachen steckt; bette darvor ein paar andächtiger Vatter unser vor sie / daÿ die Güte GOttes ihr Hertz erleuchten und sie zu wahrer Busse bringen wollen... ([3], S.193). Zwar spricht Simplicius hier vom Höl- lenrachen, in dem Courage bereits steckt, er bezieht sich damit jedoch auf ihren unmoralischen Lebenswandel, nicht auf Hexerei.

Solbachs Argumentation, daÿ die Figur der Courage als Abbild ganz realer Hexen konzipiert wurde, scheint in Bezug auf dämonologische und misogyne Vorstellungen in der frühen Neuzeit vielleicht erst schlüssig. Der Text belegt diese Einschätzung allerdings nicht. Eine eindimen- sionale, ober ächliche Betrachtung liefert hier Pseudoargumente für das gewünschte Ergebnis. Man kann den Eindruck gewinnen, daÿ Solbach dem Text die `richtigen' Belege um jeden Preis abringen will.

Kapitel 4 Schluÿüberlegung

Die vorangegangenen Überlegungen haben gezeigt, daÿ es sehr unwahrscheinlich ist, daÿ die Courage-Figur eine Hexe darstellt. Grimmelshausen macht im Roman immer deutlich, daÿ Cou- rage keine Hexe im frühneuzeitlichen Sinne ist, d.h. er läÿt sie weder mit dem Teufel kopulieren noch an Hexensabbaten teilnehmen. Es ist möglich, daÿ er so aufzeigen wollte, wie eine Hexenan- klage zustandekommt: durch au ällige, nicht rollenkonforme Verhaltensweisen und eigennützige Motive der Ankläger. Der moralische Aspekt bleibt bei dieser Darstellung erst einmal unberück- sichtigt. Zwar ist Courage sexuell aktiv, hat eine lockere Moral und bestätigt jedes Vorurteil über die Frau als loses, geldgieriges und maÿloses Wesen, aber es wird dennoch deutlich, daÿ diese Eigenschaften sie nicht notwendigerweise zur Hexe machen. Grimmelshausen portraitiert eine völlig `typische', fehlerhafte Frau, die aber keine Hexe ist. Die Frage, welche Wertung von Frauen der Autor damit im allgemeinen vornehmen will, soll an dieser Stelle o en gelassen werden. Die Forschung diskutiert sehr kontrovers darüber, ob Grimmelshausen nun ein misogynes oder eher emanzipatorisch-liberales Frauenbild vertrat. Wesentlich im Rahmen dieser Arbeit ist jedoch, daÿ diese Frage unabhängig davon zu betrachten ist, welche Stellung der Autor zum Hexenwe- sen einnimmt. Mag Grimmelshausens Frauenbild konservativ oder fortschrittlich sein, er vertrat sicher nicht die Au assung, daÿ Weiblichkeit und Hexenwesen einander gleichzusetzen sind. Im Gegenteil, eher wird im Text Kritik laut an Motivation und Verfahren von Hexereianklagen. Sündhaftes und unmoralisches Verhalten sind nicht gleichzusetzen mit einer Teufelsverfallenheit. Die Bewertung dieses Verhaltens steht auf einem anderen Blatt, aber es ist nicht angebracht, die entsprechende Person zu dämonisieren, also Vorwürfe zu erheben, die mit den tatsächlichen Verfehlungen und Taten nichts zu tun haben. Somit kann gesagt werden, daÿ Grimmelshausen gegenüber dem Hexenglauben seiner Zeit eine kritisch-skeptische Haltung einnimmt und dies im Courasche Roman auch deutlich macht.

Literaturverzeichnis

[1] Grimmelshausen: Trutz Simplex: Oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschrei- bung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche. In: D. Breuer (Hrsg.) Grimmelshausen: Werke. Bd I/2. Frankfurt 1992. (Deutscher Klassiker Verlag).
[2] Grimmelshausen: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch Buch 1 - 5 und Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi. In: D. Breuer (Hrsg.) Grimmelshausen: Werke. Bd I. Frankfurt 1992. (Deutscher Klassiker Verlag).
[3] Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld. In: D. Breuer (Hrsg.) Grimmelshausen: Wer- ke. Bd I/2. Frankfurt 1992. (Deutscher Klassiker Verlag).
[4] Grimmelshausen: Satyrischer Pilgram. In: W. Bender (Hrsg.) Grimmelshausen. Gesammel- te Werke. Tübingen 1970. (Max Niemeyer Verlag).
[5] I.M. Battafarano: Barocke Typologie femininer Negativität und ihre Kritik bei Spee, Grim- melshausen und Harsdör er. In: W. Kühlmann (Hrsg.): Literatur und Kultur im deutschen Südwesten zwischen Renaissance und Aufklärung. Festschrift für Walter E. Schäfer. Amsterdam 1995 (Chloe 22), S. 245-266.
[6] I.M. Battafarano: Erzählte Dämonopathie in Grimmelshausens Courasche. In: Simpliciana XIX (1997), S. 55-89.
[7] I.M. Battafarano: Grimmelshausens Kritik an der Ideologie seiner Zeit. Ungleichzeitigkeit und Alltagsdenken in Simplicissimus und Courasche . In: Daphnis 5 (1976), S. 295-302.
[8] J.J. Berns: Libuschka und Courasche. Studien zu Grimmelshausens Frauenbild. Teil I in: Simpliciana XI (1989), S. 215-260. Teil II in: Simpliciana XII (1990), S. 417-441.
[9] D. Breuer: Grimmelshausen. Handbuch. München 1999, S. 79-88.
[10] M. Feldges: Grimmelshausens Landstörtzerin Courasche . Eine Interpretation nach der Methode des vierfachen Schriftsinns. Bern 1969 (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur 38).
[11] L.E. Feldman: The rape of Frau Welt . Transgression, Allegory and the Grotesque Body in Grimmelshausen's Courasche. In: Daphnis 20 (1991), S. 61-80.
[12] G. Hillen: Warumb das, Courasche? Grimmelshausens Misogynie in Text Kontext und Kritik. In: Der Buchstab tödt der Geist macht lebendig. Festschrift für Hans-Gert Rolo Bern 1992, S. 849-861.
[13] R. Hillenbrand: Courasche als moderne Frau. Einige erstaunliche Modernitäten bei Grim- melshausen. In: Daphnis 27 (1998), S. 185-195.
[14] J.W. Jacobson: A Defense of Grimmelshausen's Courasche. In: The German Quarterly 41 (1968), S. 42-54.
[15] F. Jung: Magisch-moralische Deutungsmuster und empirische Naturanalyse? Der Hexen- glaube in Grimmelshausens Courasche. In: Simpliciana XVI (1994), S. 287-309.
[16] V. van Ornam: No time for mothers. Courasche's infertility as Grimmelshausen's criticism of war. In: Women in German. Yearbook 8 (1992), S. 21-45.
[17] R.E. Schade: Thesen zur literarischen Darstellung der Frau am Beispiel der Courasche. In: W. Brückner, P. Blickle und D. Breuer (Hrsg.): Literatur und Volk im 17. Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutschland. Wiesbaden 1995 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 13), S. 227-243.
[18] A. Solbach: Macht und Sexualität der Hexen gur in Grimmelshausens Courasche. In: Sim- pliciana VIII (1986), S. 71-87.
[19] G. Teuscher: Fromme tugentha te Frauen oder arglistiges Weiber-Volck ? Das Frauenbild Grimmelshausens im simplicianischen Zyklus. In: Jahrbuch für internationale Germanistik 16 (1984), S. 94-115.

[...]


[1] Heinrich Institoris (1430-1505) im Hexenhammer. Malleus Male carum. Unter Mithilfe Jakob Sprengers. Aufgrund der dämonologischen Tradition zusammengestellt. 1487.

[2] Fr. v. Spee: Cautio Criminalis.(1631-32)

[3] G.Ph. Harsdör er: Frauenzimmer Gesprächsspiele. 8 Bände, Nürnberg 1641-49.

[1] Battafarano merkt an, daÿ Grimmelshausen auf diese Weise ...die Ungleichzeitigkeit des [Bauern]Standes zur historischen Gegenwart frappant sichtbar macht. Er sieht das ungleichzeitige, animistisch-magische Denken im Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Produktionsgesellschaft begründet, die im Deutschland des 17.Jahrhunderts noch widerspruchsvoll begann (vgl.[7]).

[2] Etwa im XVII. Kapitel, in dem sie Rache an einem Apotheker und einer Kürschnerin nimmt oder im XIX. Kapitel, in dem sie von einer abergläubischen Dame mit Springinsfelds Hilfe einen Halsschmuck erbeutet.

[3] Die Frau wurde gefesselt und in ein Gewässer geworfen. Ging sie unter und ertrank, so war sie zwar tot, aber unschuldig und somit gerettet. Ging sie dagegen nicht unter, so war erwiesen, daÿ es sich um eine Hexe handelt, die zur Rettung ihrer Seele verbrannt werden muÿte.

[4] Nach M.Feldges sind die Hauptmerkmale des Topos Frau Welt folgende: Frau Welt gewinnt sich durch verführerisches Aussehen und verführerisches Verhalten blind ergebene Diener; am Ende der Dienstperiode stellt sich beides als Täuschung heraus, und die Diener werden um ihren Lohn geprellt. [10], S.92. In allegorischen Darstellungen ist `Frau Welt' eine berückend schöne Frau, deren Rückseite aber von Schlangen zerfressen ist.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Grimmelshausens Einstellung zum Hexenglauben. Untersucht am Courasche Roman
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V99957
ISBN (eBook)
9783638983907
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grimmelshausens, Einstellung, Hexenglauben, Untersucht, Courasche, Roman
Arbeit zitieren
Vera Stobbe (Autor:in), 2000, Grimmelshausens Einstellung zum Hexenglauben. Untersucht am Courasche Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99957

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