Die Sprache der Politik. Sprachfunktionen und Sprachhandeln


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprache und Politik

3. Pragmalinguistische Grundlagen des Kommunikationsbereich Politik
3.1 Merkmale politischer Kommunikation und Sprachverwendung
3.2 Funktionen politischer Sprache

4. Politische Sprache als Kampf um Wörter
4.1 Bezeichnungskonkurrenz
4.2 Bedeutungskonkurrenz
4.2.1 Deskriptive Bedeutung
4.2.2 Deontische Bedeutung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der französische Philosoph und Schriftsteller Roland Barthes sagte einst: „Language is never innocent“. Gerade in Bereichen wie der Werbung, in denen stets versucht wird, die Empfänger durch subtile rhetorische Botschaften dazu zu veranlassen, die angebotenen Produkte zu kaufen, stellt die Sprache ein Manipulationsmittel dar und agiert somit selten unschuldig. Ferner geht es in der Politik für die Parteien und ihre Kandidaten um die Erlangung der Gunst der Wählerschaft. In der Politik werden nur keine materiellen Produkte, sondern immaterielle Güter wie Versprechen und Lebenseinstellungen für eine Stimme bei der Wahl verkauft. Dementsprechend werden auch in diesem Zusammenhang sprachliche Mittel genutzt, um für die jeweilige Ideologie und Politikausrichtung zu werben und besonders in Zeiten des Wahlkampfes Wählerstimmen zu akquirieren. Neben der Verwendung politischer Sprache durch Politiker und Parteien, begegnet sie einem sehr häufig im alltäglichen Leben in den Medien, bei Diskussionsveranstaltungen oder auch auf Flyern und Aufklebern. Es lassen sich also viele verschiedene Facetten politischer Sprache identifizieren, die unterschiedliche Realisierungsformen, Merkmale sowie Funktionen aufweisen und Einfluss auf die Rezipienten nehmen.

Unter der Leitfrage „Die Sprache der Politik: Sprachfunktionen und Sprachhandeln“ geht es in der vorliegenden Hausarbeit sowohl um die pragmalinguistischen Grundlagen politischer Sprache als auch um den sogenannten „Kampf um Wörter“. Zu Beginn wird sich einleitend in einem theoretischen Kapitel mit der Korrelation zwischen Sprache und Politik beschäftigt werden. In diesem Zusammenhang ist es zunächst relevant, den Begriff politische Sprache zu definieren und das Verhältnis von Politik und Sprache zu erläutern, ehe daran anschließend die Merkmale und Funktionen politischer Sprache dargestellt werden. Der zweite Abschnitt der Arbeit thematisiert darauf aufbauend die „Wortkämpfe“ im Kommunikationsbereich Politik. Einerseits gibt es einen Kampf um die ‚richtige‘ Bezeichnung eines Sachverhalts (Bezeichnungskonkurrenz). Andererseits kann auch die Bedeutung eines Ausdrucks umstritten sein und verschieden interpretiert werden (Bedeutungskonkurrenz). Zum Abschluss ist es notwendig, ein zusammenfassendes Fazit zu entwickeln, in dem die Arbeit zusammengefasst und rekapitulierend auf die Leitfrage verwiesen wird.

2. Sprache und Politik

Sowohl aus politikwissenschaftlicher als auch aus linguistischer Betrachtung fällt unmittelbar auf, dass Sprache und Politik eng miteinander verknüpft sind. Definiert man Politik als die Formulierung, Auslegung sowie Durchsetzung allgemeinverbindlicher Regeln für eine Gesellschaft (vgl. Kevenhörster 2008: 28) zeigt sich die konstitutive Rolle der Sprache in der Politik: Alle drei Operatoren setzen gerade in demokratischen Regimen die Gegebenheit sprachlicher Diskurse und Abstimmungsprozesse voraus. Dementsprechend macht Girnth (2002: 1) darauf aufmerksam, dass „Sprache […] nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeiten [ist]“. Sprache ist demnach die konstitutive Voraussetzung für jede Form politischen Handelns, da die Realisierung politischer Prozesse sowie das Treffen von Entscheidungen ohne die Ausführung von Sprache nicht möglich ist. Grünert (1983: 43) fasst zusammen, dass die beiden Grundkategorien nicht voneinander trennbar sind, da „Politik […] durch Sprache entworfen, vorbereitet, ausgelöst, von Sprache begleitet, beeinflußt [sic], gesteuert, geregelt, durch Sprache beschrieben, erläutert, motiviert, gerechtfertigt, verantwortet, kontrolliert, kritisiert, be- und verurteilt [wird]“. Es besteht also ein permanentes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Politik und Sprache aufgrund dessen, dass Politik nur durch Sprache realisiert werden kann. Neben der verbalen Komponente kommen auch nonverbalen Elementen, zum Beispiel durch den Gebrauch spezifischer Symbole, eine wichtige Bedeutung in der Kommunikation zu (vgl. Girnth 2002: 2f.).

Was nun genau unter politischer Sprache verstanden werden kann, ist in der Linguistik nicht eindeutig definiert. Allgemein kann jedoch festgehalten werden, dass sich politische Sprache im kontinuierlichen Wechselspiel zwischen individuellem Sprachhandeln und kollektiv verbindlicher Regeln des Sprachgebrauchs bewegt und sich dabei stets auf den gesellschaftlichen Rahmen und Kontext, in dem sie verwendet wird, bezieht (vgl. Dörner 1991: 3). Der Gebrauch politischer Sprache muss demnach immer vor dem kontextuellen Hintergrund, in dem die Äußerung stattfindet, betrachtet werden. Die zwingend notwendige Einordnung in bestimmte Kontexte, aus denen sich auch erst die Bedeutung einer Äußerung in ihrem politischen Zusammenhang ergibt, stellt ein wichtiges Charakteristikum der politischen Sprache dar. Darüber hinaus betont Klein (1989: 3), dass es sich bei der politischen Sprache wegen ihres ambivalenten Charakters um keine typische Fachsprache handelt, da sie sich einerseits stark mit der Alltagssprache überschneidet und sich andererseits einem großen Wortschatz anderer Fachsprachen bedient. Ebenfalls macht Dieckmann (1969: 47) darauf aufmerksam, dass sie zwar an vielen Sachgebieten Anteil hat, jedoch kein abgegrenztes Sachgebiet an sich darstellt, welches eine eigene Fachsprache benötige. Zur politischen Sprache gehören nach Klein (1989: 5f.) erstens das Institutionsvokabular zur Bezeichnung der staatlichen Organe, zweitens das Interaktionsvokabular, mit dem politisch relevante sprachliche Handlungen bezeichnet werden, drittens das Ressortvokabular, welches die Fachsprache des jeweiligen Arbeitsbereichs umfasst, und viertens das Ideologievokabular, das die Wörter einschließt, „in denen politische Gruppierungen ihre Deutungen und Bewertungen der politisch-sozialen Welt, ihre Prinzipien und Prioritäten formulieren“ (Klein 1989: 7). Damit definiert sich die politische Sprache nicht primär über ein abgegrenztes Fachvokabular, sondern vielmehr über den situativen Gebrauch der Sprache, der maßgeblichen Einfluss auf die Bedeutung einzelner Wörter ausübt. Damit können auch alltägliche Wörter wie Milch oder Lehrer im Zuge politischer Debatten über die Agrar- bzw. Bildungspolitik einen politisierenden Charakter entwickeln und als politische Sprache des Ressortvokabulars angesehen werden.

Der weiten Definition von Bazil (2010: 3) zu Folge umfasst die politische Sprache den „politischen Gebrauch der Sprache“. Alle Formen der Kommunikation, die einen politischen Inhalt oder Bezug haben und/oder in einem bestimmten politischen Kontext geäußert werden, können demnach als politische Sprache angesehen werden. Weiterhin werden dabei auch ausdrücklich Nicht-Politiker, wie beispielsweise Journalisten, Führungskräfte der Wirtschaft und externe Intellektuelle, eingeschlossen, die es schaffen, die Meinungen oder Einstellungen der Menschen zu beeinflussen (vgl. Bazil 2010: 3). Zu einem anderen Resultat der Bestimmung politischer Sprache kommt unter anderem Burkhardt (1996: 79), der politische Sprache als linguistischen Terminus definiert und empfiehlt „politische Sprache als Oberbegriff zu verwenden, der alle Arten öffentlichen und privaten Sprechens über politische Fragen, alle politiktypischen Textsorten sowie jede für das Sprechen über politische Zusammenhänge charakteristische Weise der Verwendung lexikalischer und stilistische Sprachmittel umfassen soll“ (Burkhardt 1996: 79).

Damit versucht Burkhardt, mehrere Definitionsvorschläge komprimiert zusammenzufassen und politische Sprache als Sammelbegriff zu verstehen, der verschiedene Sprecher, Textsorten, Anlässe, Themen und Sprachmittel inkludiert. Es gelingt ihm darüber hinaus mit der Begriffsbestimmung, im Gegensatz zu vielen anderen Definitionen, keinen Schwerpunkt auf unterschiedliche Aspekte zu setzen, sondern weitestgehend alle gleichermaßen einzuschließen. In diesem Zusammenhang differenziert Burkhardt auch die politische Sprache in die beiden Kategorien Sprache in der Politik und Politikersprache, die „unterschiedliche situations- und adressatenspezifische Sprechweisen politischer Funktionsträger“ beschreiben (vgl. Burkhardt 1996: 80). Während die Sprache in der Politik den Sprachgebrauch innerhalb politischer Institutionen und somit weitestgehend zwischen Politikern bzw. in der Politik Beschäftigten abläuft bezeichnet, liegt der Fokus der Politikersprache, die vor allem durch die Medien vermittelt wird, eindeutig in der Außenwahrnehmung (vgl. Burkhardt 1996: 80).

Andere Autoren hingegen verstehen den Gebrauch der politischen Sprache im Kommunikationsbereich Politik stets als eine Ausführung einer spezifischen Sprachhandlung. Eine Handlung kann in diesem Zusammenhang als eine „als Handlung interpretierte Aktivität“ (Keller 1977: 8) verstanden werden. Sie setzt sich immer aus zwei Komponenten zusammen: (1) Einem Tun, im Fall von Sprachhandlungen die konkrete Äußerung bestimmter Laute, und (2) einer Intention des Sprechers. Durch die Interpretation der Äußerung seitens des Hörers kann auf die Intention des Handelnden verwiesen werden. Gibt es für den Hörer nun mehrere Möglichkeiten für solche Interpretationen, kann dieselbe Aktivität als verschiedene Handlungen aufgefasst werden (vgl. Keller 1977: 8). Anhand kennzeichnender Kriterien definiert beispielsweise Watzin infolgedessen (1998: 22) die politische Sprache als „alle Sprechhandlungen […], mit denen ein Sprecher/Schreiber versucht, in der Öffentlichkeit oder innerhalb von politischen Institutionen […] Einfluss auf die staatliche Willensbildung zu nehmen“. Auch dieser Begriffsbestimmung zu Folge ist die politische Sprache nicht unmittelbar an die Berufsgruppe der Politiker gebunden, sondern bezieht sich auf einen weiten Personenkreis, die Einfluss auf den staatlichen Willensbildungsprozess nehmen. Dazu gehören etwa auch Lobbyisten, Gewerkschaftler sowie Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen. Allerdings macht Watzin zusätzlich von dem Handlungsbegriff Gebrauch. Mit der Verwendung politischer Sprache werden also unmittelbar spezifische Handlungen des Sprechers ausgeführt. Unter der Prämisse, dass Handlungen das Resultat der Durchführung und der Intention des Handelnden sind (vgl. Keller 1977: 8), ergibt sich demnach, dass politische Sprache immer mit einer Intentionalität seitens des Sprechers einhergeht. Weiterhin wird neben der Zuordnung einer Personengruppe und der Bestimmung politischer Sprache als Handlung in der Definition das Kriterium der Zielsetzung angesprochen. Durch den Gebrauch politischer Sprache werden spezifische Ziele zur Einflussnahme auf politische Prozesse verfolgt und dahingehend bestimmte rhetorische Mittel eingesetzt. Somit beläuft sich die Intention der handelnden Person darauf, Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen. Es ist in diesem Zusammenhang nicht elementar, dass die Einflussnahme erfolgreich verläuft. Darüber hinaus macht Watzin in der Begriffsbestimmung bereits auf ein elementares Merkmal politischer Sprache aufmerksam. Sie findet häufig in der Öffentlichkeit statt und steht damit unter permanenter Beobachtung und Begutachtung. Zuletzt ist es relevant, den Handlungskontext zu bestimmen, aus dem sich die wesentliche Bedeutung einzelner Wörter oder Sätze ergeben (vgl. Watzin 1998: 22f.). Als politische Sprache werden demnach pragmatische Sprachhandlungen bezeichnet, die (1) stets auf einer Durchführung und einer bestimmten Intention des Handelnden fundamentieren, (2) die Intention besitzen, Einfluss auf die staatliche Politik zu nehmen, (3) von mehreren unterschiedlichen Berufs- und Personengruppen ausgeführt werden können, (4) oftmals in der Öffentlichkeit stattfinden und (5) innerhalb eines bedeutungsgebenden Handlungskontextes vollzogen werden.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass es viele verschiedene Definitionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Bezug auf die politische Sprache in der Linguistik gibt. Daran kann gezeigt werden, dass der politischen Sprache kein abgegrenzter Sachgegenstand zu Grunde liegt, sondern viele Aspekte eine linguistische Relevanz aufweisen, weshalb es keine eindeutige oder gar verbindliche Definition innerhalb der Sprachwissenschaft geben kann.

3. Pragmalinguistische Grundlagen des Kommunikationsbereich Politik

3.1 Merkmale politischer Kommunikation und Sprachverwendung

Wie bereits im vorherigen Verlauf festgehalten, stellt die politische Sprache keine Fachsprache dar und bedient sich unterschiedlichen Wortrepertoires verschiedener Sachgebiete. Darüber hinaus ist die Verwendung politischer Sprache mehreren Studien zu Folge nach pragmatischer Auffassung sprachliches Handeln (vgl. Dieckmann 1975; Watzin 1998; Girnth 2002). Damit wird impliziert, dass der Kern von Politik zu einem großen Teil auf politischer Kommunikation basiert. Erfurt (1988: 107) definiert in diesem Zusammenhang alle zeichenhaften Handlungen als politische Kommunikation, „die die politischen Beziehungen […] von politischen Subjekten ausdrücken“. Damit schließt er sowohl verbale als auch nonverbale Kommunikationsarten ein, mit Hilfe derer, sprachliche Handlungen ausgeführt werden. Da Sprachhandlungen stets eine intentionale Komponente aufweisen (vgl. Keller 1977: 8), ist die mitwirkende Intentionalität demnach auch ein Merkmal der politischen Kommunikation. Weiterhin weist Erfurt darauf hin, dass politische Kommunikation überwiegend für ein Kollektiv bestimmt ist und damit einen kollektiven Empfänger, jedoch stets einen individuellen Sender besitzt (vgl. Erfurt 1988: 107). Des Weiteren ist jede Äußerung der politischen Kommunikation als pragmatische Aussage immer von einem situativen und zeitlichen Kontext, in dem sie ihre Bedeutung erhält, abhängig. Geschichtlich gesehen ist die politische Kommunikation somit ebenfalls historischen Veränderungen, zum Beispiel einem Wandel der Gesellschaftsstrukturen, unterworfen und wandelt sich damit kontinuierlich (vgl. Erfurt 1988: 107). Erfurt kennzeichnet die politische Kommunikation in erster Linie durch verbale und nonverbale Sprachhandlungen, die per definitionem eine bestimmte Intentionalität besitzen, kontextabhängig sind sowie einer zeitlichen Wandlungsfähigkeit unterworfen sind und sich bezüglich der Adressatenorientierung stets an ein Kollektiv wenden.

Darüber hinaus weist der Kommunikationsbereich Politik bestimmte Charakteristika auf, die ihn von anderen Gebieten abgrenzen. Girnth (2002) schlägt in diesem Zusammenhang unter Berücksichtigung der fachwissenschaftlichen Forschungsliteratur vier zentrale Merkmale politischer Kommunikation vor, die die Vielzahl der Charakteristika zusammenfassen und auf die ich mich in dieser Arbeit aus komplexitätsreduzierenden und komprimierenden Gründen weitestgehend beschränken werde.

Bereits in der Definition Watzins wird mit der Öffentlichkeit ein wichtiges Charakteristikum politischer Kommunikation explizit aufgegriffen. „Politisches Handeln findet zu einem großen Teil öffentlich statt“ (Girnth 2002: 33). In einem demokratischen Regime kommt der Öffentlichkeit eine wichtige Funktion zur Bewahrung der freiheitlichen Grundprinzipien als evidentes Charakteristikum der Demokratie zu. Gerade durch ein hohes gesellschaftliches Interesse, die hochfrequentierte mediale Berichterstattung und die schnelle Verbreitung von Nachrichten über soziale Netzwerke wird nahezu jede Äußerung einer einflussnehmenden Person dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies hat zur Folge, dass sich unbedachte Bemerkungen oder Posts schnell verbreiten, viele Leute in kürzester Zeit erreichen und unter Umständen extreme Empörung auslösen. Weiterhin ist es sowohl für die Regierung als auch die Opposition durch ein breites Publikum möglich, ihre Einstellungen und Ziele öffentlichkeitswirksam zu formulieren und zu präsentieren. In einer auf Pluralität basierenden Gesellschaft ist die öffentliche Plattform ein wichtiges Instrument der freien politischen Meinungs- und Willensbildung, da sich sprachliches Handeln in der Politik zu einem Großteil im Raum der Öffentlichkeit abspielt (vgl. Girnth 2002: 33). Als nächstes Merkmal benennt Girnth die Gruppenbezogenheit. In ihrer Rolle als Politiker fungieren die Sprecher sprachlicher Äußerungen immer auch als Repräsentanten ihrer eigenen Partei und vertreten somit stets die parteilichen Einstellungen, Werte und Ideologien. Dabei gehören jene Personen, die ähnliche Überzeugungen und Interpretationsmuster teilen, einer positiv bewerteten Eigengruppe und jene, deren Standpunkte mit den eigenen konkurrieren, einer negativ beurteilten Fremdgruppe an (vgl. Girnth 2002: 33). Mit dieser Differenzierung in Eigen- und Fremdgruppe nach programmatischen, werteorientierten sowie ideologischen Aspekten „zeigt sich das für politisches Handeln typische „Schwarz-Weiß-Denken“ (Girnth 2002: 34). Gerade durch das hohe öffentliche Interesse und die schnelle Verbreitung von Meldungen durch soziale Medien sprechen Politiker nahezu immer mehrere unterschiedliche Adressaten sowohl von der Eigen- als auch der Fremdgruppe an. Diese Mehrfachadressiertheit hat zur Folge, dass sich beispielsweise Plenarreden nicht nur an die Mitglieder des Bundestages, sondern auch an die anwesenden Journalisten richten und damit auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden (vgl. Girnth 2002: 34). Ebenfalls steigt durch sie die Inszenierung des Politischen (vgl. Dieckmann 1975). Die Interaktion zwischen politischen Akteuren kann somit auf zwei unterschiedliche Arten realisiert werden: Entweder durch eine „direkte Interaktion zwischen den politischen Akteuren“ oder durch eine indirekte Interaktion „zwischen den politischen Akteuren und der […] Öffentlichkeit“ (Girnth 2002: 34). Im politischen Diskurs werden stets mehrere Adressaten auf einer direkten oder indirekten Art angesprochen. Zuletzt identifiziert Girnth die Konsens-/Dissensorientiertheit als viertes Merkmal politischer Sprachverwendung. In einem konsensdemokratischen Regime ist es nach einer politikwissenschaftlichen Auffassung von hoher Priorität, Kompromisse auszuhandeln und weitestgehend Einigkeit zwischen verschiedenen Mitspielern zu erzielen (vgl. Lehmbruch 2003). Auf kommunikativer Ebene bedeutet dies jedoch nicht, dass die Sprachverwendung ausschließlich zur Schaffung eines Konsenses genutzt wird. Zwar stellt dies, beispielsweise in Bezug auf die Gewährleistung einer demokratischen Grundordnung, auch ein wichtiges Anliegen dar, allerdings haben bestimmte politische Diskurse das Ziel, Dissense zu schaffen, um Interessen durchzusetzen (vgl. Girnth 2002). Politische Sprache wird demnach sowohl konsens- als auch dissensorientiert genutzt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Sprache der Politik. Sprachfunktionen und Sprachhandeln
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V999920
ISBN (eBook)
9783346379634
ISBN (Buch)
9783346379641
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pragmalinguistik, Politische Sprache, Sprachhandeln
Arbeit zitieren
Niklas Hannott (Autor), 2017, Die Sprache der Politik. Sprachfunktionen und Sprachhandeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/999920

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