Framing in Gegenöffentlichkeiten. Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Facebook-Auftritte alternativer Medien in der Corona-Pandemie


Projektarbeit, 2020

30 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Medientheoretische Leitkonzepte
1.1 Journalismus in sozialen Medien
1.2 Gegenöffentlichkeiten
1.3 Der Diskurs in alternativen Medien
1.4 Populistisches Framing in alternativen Medien

2 Alternative Medien in Deutschland
2.1 Junge Freiheit
2.2 Russia Today Deutsch
2.3 COMPACT Magazin

3. Forschungsdesign und Operationalisierung
3.1 Erläuterung der Untersuchungsmethodik
3.2 Die Forschungshypothesen
3.3 Codebuch

4 Ergebnisse
4.1 Zur Nutzung von Bildern und Videos
4.2 Zur Anzahl der Wörter und Sätze
4.3 Zur Verwendung von Ausrufezeichen
4.4 Zur Erwähnung & Abwertung von Akteuren des Establishments
4.5 Zur Verknüpfung anderer Themen mit der Corona-Krise
4.6 Zur Abwertung anderer Medien

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Eine Pandemie bestimmt unser Leben im Jahr 2020. Die neue Atemwegserkrankung COVID-19, breitet sich rasant über den Globus aus. Am 31. Dezember 2019 wurde der Ausbruch einer mysteriösen Lungenentzündung im chinesischen Wuhan, der weitläufigen Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, bestätigt. Bereits einen Monat später, im Januar 2020, entwickelte sich die Krankheit zur Epidemie in China und im März schließlich zur weltweiten Pandemie, von der heute über 200 Länder betroffen sind (vgl. Taylor 2020). Das Ausmaß der Pandemie ist erschreckend hoch. Bereits jetzt bezeichnen Historiker, Soziologen und Epidemiologen die Corona-Krise als historische Zäsur (vgl. Böldt 2020). Der Ausbruch der Erkrankung ist mit massiven Einschnitten in das öffentliche Leben und das Privatleben von Millionen von Bürgern weltweit verbunden. Seit nunmehr einem halben Jahr sind die Auswirkungen in allen Bereichen unserer Gesellschaft zu spüren: Wir erleben eine neue Weltwirtschaftskrise - Wirtschaftsexperten warnen vor einer schweren Rezession. Das Gesundheitssystem droht zu überlasten - In Corona-Hotspots können nicht alle Patienten ausreichend versorgt werden. Das Schulsystem hat mit den Folgen jahrelanger Einsparungen und Untätigkeit in Sachen Digitalisierung zu kämpfen. Der Kunst- und Kulturbereich kämpft mit fehlenden Einnahmen durch die Folgen des Lockdowns. Im Privaten kämpfen viele mit Einsamkeit durch die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen. Und auch für die Medienlandschaft stellt die Corona-Krise eine enorme Herausforderung dar.

Die Corona-Pandemie zeigt: Wir leben in einer globalisierten und stark vernetzten Welt. Die Krise wird intensiv von den Medien begleitet. Sowohl durch die Berichterstattung der klassischen Medien als auch durch das Web 2.0. Mehr denn je rückt die Rolle der im Grundgesetz verankerten freien Presse in den Fokus unserer Demokratie. Medien stellen Öffentlichkeit her. Die Relevanz der objektiven und faktenbasierten Berichterstattung wird besonders in Krisenzeiten wie diesen deutlich. Kein systematisches Dramatisieren - sondern eine breit aufgestellte und differenzierte Berichterstattung ist für die demokratische Meinungsbildung der Gesellschaft unerlässlich.

Die öffentlichen Medien stecken jedoch in einer Vertrauenskrise. Missbilligungen wie Fake-News, Shit- Storms und Vorwürfe, die öffentlichen Medien seien einseitig, gelenkt und geprägt von mangelnder Objektivität sind Anschuldigungen, die besonders durch die Digitalisierung und den Einfluss der sozialen Medien zugenommen haben. Als Reaktion zur Glaubwürdigkeitskrise der öffentlichen Medien etablierten sich in den letzten Jahren kritische Medien, die Magazine, Online-Blogs und Online-Foren anbieten, welche die Mainstream-Medien hinterfragen und Tatsachen aus alternativen Perspektiven beleuchten. Gegenöffentlichkeiten formieren sich in Opposition zur herrschenden Öffentlichkeit und haben das Anliegen, Aufmerksamkeit auf Themen zu rücken, die von der herrschenden Öffentlichkeit vernachlässigt werden. (vgl. Rucht 1994: 350).

Immer häufiger informieren wir uns mittels Smartphone auch über Soziale Medien. Über diesen Kanal erhalten wir unsere News, insbesondere Eilmeldungen. Soziale Medien verändern sowohl die Distribution von Informationen als auch journalistische Arbeitsweisen. Die Konvergenz von Audio, Radio und TV, insbesondere das Social Web, spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Der Trend von alternativen Medien, Verschwörungstheorien, Fake News und der Aufstand gegen das Establishment wird in den Gegenöffentlichkeiten gebündelt. Mit dem Aufschwung der Sozialen Netzwerken hat sich deren Zahl noch einmal vervielfacht. So ist in den vergangenen Jahren ein Medienkosmos entstanden, in dem eine Öffentlichkeit hergestellt wird, die der der klassischen Medien konträr gegenüber steht. Die Leserschaft sucht hier Informationen, die sie woanders nicht zu finden glaubt. Davon profitieren alternative Medien, besonders in polarisierenden Krisenzeiten wie der Corona-Krise. Unser Medien- und Kommunikationssystem wird durch diese Krise in bisher nie dagelegener Weise beeinflusst. Diese Arbeit stellt sich der Frage, wie alternative Medien diese Krise im sozialen Netzwerk Facebook interpretieren und analysiert die Berichterstattung von drei alternativen Medien in Deutschland. Welche Kommunikationsmechanismen nutzen alternative Medien in den sozialen Netzwerken? Grundlage zur Analyse dieser Mechanismen ist der Framing-Ansatz, der die Perspektiven, aus der ein Ereignis oder Problem betrachtet und in der journalistischen Berichterstattung interpretiert wird, untersucht. Diese Aspekte werden in der zentralen Forschungsfrage gebündelt:

Kommunikation während der Corona-Pandemie: Welche Kommunikationsmechanismen nutzen alternative Medien zur Verbreitung ihrer Botschaften in den sozialen Medien?

Die Studie analysiert die Berichterstattung der alternativen Medien hinsichtlich ihrer Kommunikationsmechanismen in einer quantitativ-qualitativen Inhaltsanalyse. Der Output der alternativen Nachrichtenmedien Junge Freiheit, Compact Media und Russia Today auf Facebook wird während der Corona-Krise in Deutschland, von Februar bis Mai 2020 erfasst und anschließend in ein regelgeleitetes Codierungsbuch übertragen, um die Inhalte mithilfe der kommunikationswissenschaftlichen Erhebungsmethodik der Inhaltsanalyse zu untersuchen. Hinsichtlich der Inhalte und der spezifischen Kommunikationsmechanismen fokussiert sich das Forschungsprojekt auf Themenwahl, der Nennung und Bewertung bestimmter Akteure, der Wortanzahl und Tonalität, der Verknüpfung mit anderen Themen von gesellschaftlicher Relevanz wie der Flüchtlings- oder Klimakrise sowie der Haltung gegenüber klassischen Medien. Die Operationalisierung des Forschungsprojekts sowie die Erarbeitung der Hypothesen werden im Kapitel ‚Forschungsdesign und Operationalisierung’ detaillierend dargelegt.

Die vorliegende Arbeit beansprucht keinesfalls, allgemeine Aussagen über die gesamte Berichterstattung deutscher alternativer Medienangebote zu treffen. Darüber hinaus analysiert sie nicht die tiefergehende Medienwirkung der Kommunikationsmechanismen, sondern lediglich Indikatoren als Ausprägung bestimmter Merkmale in den untersuchten Postings. Folglich steht im Mittelpunkt des Forschungsprojektes die textuelle Analyse anhand der Ermittlung dominierender Elemente der Postings. Inhaltliche und formale Übereinstimmungsmuster sowie zentrale Unterschiede zwischen den untersuchten Medien sollen mittels der wissenschaftlichen Methodik der Inhaltsanalyse identifiziert werden.

1 Medientheoretische Leitkonzepte

Zur Untersuchung der Kommunikationsmechanismen der Postings auf den Facebook-Auftritten der ausgewählten alternativen Medien dient zunächst die Darlegung spezifischer medientheoretischer Ansätze. Diese Basis wird in Schritten konstituiert: Grundlage der vorliegenden Arbeit sind die definitionsspezifischen Ansätze des Journalismus in sozialen Medien und die Rolle der Gegenöffentlichkeiten. Darauf aufbauend werden die kommunikationstheoretischen Ansätze des Framings erläutert, da die inhaltsanalytische Auswertung der Postings auf den Kommunikationsmechanismen dieser Theorie basiert. So können im darauffolgenden Kapitel das Forschungsprojekt operationalisiert und die erhobenen Daten ausgewertet werden.

1.1 Journalismus in sozialen Medien

Medien stellen Öffentlichkeit her. Sie identifizieren Themen, bereiten diese auf und stellen sie einer breiten Masse zur Verfügung. Diese Rezipienten haben die Möglichkeit zur Teilnahme am Kommunikationsprozess. Sie wählen bestimmte Inhalte, Kanäle und Darstellungsformen nach ihren individuellen sozialen und gesellschaftlichen Bedingen aus und konsumieren mediale Inhalte. Folglich prägen Medien mit ihren Darstellungen und Interpretationen bestimmter Sachverhalte unser Weltbild: Das macht sie zu mächtigen Akteuren in unserer Mediendemokratie.

Durch den technologischen Fortschritt und die Vernetzung unserer Welt kommt den Sozialen Netzwerken eine entscheidende Rolle zu. Während Rezipienten im Modell der klassischen Medien vorwiegend die Rolle der Konsumenten inne hatten, hat heute jeder die Möglichkeit, eigene Inhalte zu erstellen, mit Produzenten zu interagieren, zu reagieren. Wurde diese Entwicklung im öffentlichen Diskurs bisher unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammen gefasst, wird heute vermehrt vom Social Web gesprochen. Entscheidend ist hier der interaktive Austausch sowie die Erstellung und Verbreitung von Inhalten, die sich fundamental von früheren Phasen unterscheidet. Prinzipiell kann heute nun jeder, der Zugang zum Internet hat, als Journalist auftreten und eigene Inhalte publizieren. Das Partizipationspotenzial der sozialen Medien ist enorm und unterscheidet sich fundamental von den traditionellen Massenmedien (vgl. Loosen 2016: 1)

Die dargelegte fundamentale Entwicklung hin zum Social web wird auch in den definitionstheoretischen Ansätzen des Deutschen Journalisten Verbandes (DJV) deutlich. Während die Journalisten-Organisation den Journalisten ursprünglich noch als jemanden beschrieb, der "hauptberuflich an der Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombinationen dieser Darstellungsmittel beteiligt ist“ (DJV 2015: 4), erneuerte der Verband diesen Ansatz im Jahr 2019 und nähert sich dem neuen digitalen Kommunikationsalltag an. In seinem erneuerten „Berufsbild“ beschreibt der DJV Anforderungen an Journalisten und das Spektrum an Aufgaben, die das Social Web mit bringt: „Journalisten treten in Interaktion mit ihrem Publikum, moderieren und kuratieren (…) Sie sollen daher die Fähigkeit zur Interaktion mit dem Publikum haben. DJV-Vorsitzender Frank Überall begründet diesen neuen definitionstheoretischen Ansatz mit der zunehmenden Digitalisierung und dem Wandel des linearen Rundfunks hin zu Livestreaming, Mediatheken und Zusatzinformationen (vgl. Feldwisch-Drentrup 2019: 1).

Die gewandelte Medienumgebung trägt dazu bei, dass neue Medienangebote entstehen, welche insbesondere soziale Medien auf neue Weise bedienen und für sich nutzen. Partizipation ist ein wesentliches Merkmal dieser neuen Nachrichtenportale, die auf Web-Blogs oder den Sozialen Medien vertreten sind. Ein Großteil der Zugriffe auf nachrichtliche Inhalte im Internet erfolgt über Suchmaschinen oder soziale Medien. Der einfache Zugang zu journalistischen Artikeln auf Facebook als Quelle ist hier ein entscheidendes Kriterium, über Soziale Netzwerke auf verschiedene Quellen zugreifen zu können. Der wichtigste Vertriebskanal für professionelle Nachrichteninhalte in sozialen Medien ist für viele Medien Facebook. Folglich betreiben Redaktionen nicht nur eine eigene Website, sondern auch ihren Auftritt auf verschiedenen sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram. Diese Vielkanalität nimmt Einfluss auf Faktoren, die die journalistische Aussagenentstehung in der Berichterstattung prägen: Recherche, Themenfindung, Präsentationsweise und Interaktion mit dem Publikum (vgl. Redaktion Netzdebatte 2016).

1.2 Gegenöffentlichkeiten

Die deutsche Kommunikations- und Journalismusforscherin Margret Lüneborg beschäftigt sich mit dem Wandel des Journalismus und ist der Auffassung, dass klassische Medien ihre Rolle als sogenannte Leitmedien verloren haben: „Das Lager, also der Ort wo sich alle zusammenfinden, ist schon lange obsolet“ (vgl. Redaktion Netzdebatte 2016). Die Frage, welche Konsequenzen diese umbruchartige Entwicklung für eine Mediengesellschaft bedeutet, stellt sie sich im Gespräch mit der Bundeszentrale für Politische Bildung und sagt, dass es den einen Raum nicht mehr gibt, in dem sich die Gesellschaft über das Wichtigste verständigt . Der Begriff Gegenöffentlichkeit, im deutschen Raum in den 80er Jahren aufgetreten, basiere auf der Idee, dass es eine dominante und machtvolle Öffentlichkeit gebe, in der bestimmte Themen verschwiegen werden würden und sich parallel dazu Gegenöffentlichkeiten bildeten, in der die Sprecherpositionen artikuliert werden könnten. Dies führe zu einer Vielfalt an Themen, die im öffentlichen Raum abseits des Mainstreams sichtbar gemacht werden könnten und auf die Agenda gesetzt werden könnten, die in den traditionellen Massenmedien aufgrund der Nachrichtenwertfaktoren nicht beachtet werden würden. Allerdings resultiert daraus das Risiko der sogenannten Filter Bubble. Hierunter wird der Umstand verstanden, dass man als Kommunikationsteilnehmer Argumente aufbringt, denen keine Gegenargumente entgegen gebracht werden und sich im diskursiven Kreis dreht. Für den Journalismus bedeutet dies, dass Meinungsführer oder politische Akteure für die Kommunikation ihrer Botschaften nicht mehr des Journalismus bedürfen. Sie können sich über Web Blogs oder Soziale Netzwerke direkt an ihre Zielgruppe wenden und umgehen somit die Schranken des Journalismus, der als Gate Keeper fungiert. Für den klassischen Journalismus bedeutet dies, dass sich seine Wirkmächtigkeit auf lange Sicht verändern wird (Redaktion Netzdebatte 2016: 1).

Gegenöffentlichkeiten verfolgen Ziele, die einerseits offensiv und andererseits defensiv ausgerichtet sind. Offensiv werden durch Proteste Themen diskutiert und politische Verbündete sowie Sympathisanten mobilisiert, um Druck auf staatliche Institutionen wie Parlamente, Regierungen und Gerichte auszuüben. Defensiv wird eine eigene, kollektive Identität gefestigt (vgl. Wimmer 2007: 200). Diese Identität betrifft jedoch nicht nur den Innenbezug einer Gegenöffentlichkeit, sondern auch ihren Außenbezug. Die Identität entscheidet hier darüber, wie die Gegenöffentlichkeit ihre Interessen durchsetzen können. Dieser Prozess spielt sich in der Arena ab, in der kollektive Akteure um den größtmöglichen Einfluss auf die öffentliche Meinung wetteifern.

Alternative Medien sind Institutionen von Gegenöffentlichkeiten, die sich in Differenz zum professionellem Journalismus entwickelt haben und bilden das Bindeglied der alternativen Öffentlichkeit. Sie ermöglichen die Kommunikation zwischen organisierten Gruppen und Projekten (vgl. Wimmer 2007: 193 ff). Der Begriff ‚alternative Medien‘ taucht heute auch häufig mit einer Vielzahl von einzelnen, oft synonym gebrauchten Bezeichnungen auf wie ‚Altenativpresse‘, ‚andere Medien‘, ‚Bewegungsmedien‘ oder ‚citizen media‘. Wesentliches Charakteristikum der alternativen Medien sind zum Einen die Ablehnung der massenmedialen Berichterstattung hinsichtlich der Produktion und Kommunikation von Inhalten. Dem Gatekeeper-Mechanismus der klassischen Medien sollen Themen, die unterrepräsentiert oder polarisierend sind, entgegengesetzt werden. Das zentrale Kriterium, das alternative Medien von Massenmedien unterscheidet, liegt also in der Entgegenstellung von anderen Themen und Inhalten gegenüber den vorherrschenden, ohne die Struktur der etablierten Öffentlichkeit wesentlich zu verändern (vgl. Wimmer 2007: 211). Die Diskussion authentischer Bedürfnisse und die Unmittelbarkeit der Information gehören zum Kern des alternativen Journalismus. Auch die Ablösung hierarchischer Arbeitsstrukturen, eine unkoventionelle Gestaltung und der Einsatz von einfachen und billigen Medien, insbesondere soziale Medien, sind weitere Charakteristika, die alternative Medien von Massenmedien unterscheiden. Alternative Medien haben darüber bestimmte Funktionen. Diese liegen in der Artikulation, der Emanzipation und Identitätsbildung, der Mobilisierung, der Organisation, dem Protest, und der Subversion (vgl. Wimmer 2007: 217).

1.3 Der Diskurs in alternativen Medien

Im vorangegangen Kapitel wurde der Wandel des Journalismus sowie die Auswirkungen der Digitalisierung auf die klassischen Massenmedien sowie alternative Medien bereits umfassend erläutert. Bereits jetzt sind jedoch Konsequenzen dieses Prozesses verstärkt in alternativen Medien erkennbar, die teilweise negative Auswirkungen auf den digitalen Diskurs haben. Eine Polarisierung sowie eine Radikalisierung der Rezipienten wird hierbei oft thematisiert. Alternative Medien stellen sich bewusst in den Gegensatz zu einer vorherrschenden öffentlichen Meinung, um vernachlässigte Themen zugänglich zu machen. Alternative Medien werden jedoch auch oft im Zusammenhang mit selbsternannten ‚Verteidigern des Abendlandes‘, die die Massenmedien als ‚Lügenpresse‘ diffamieren und ‚Fake News‘ diskutiert. Charakteristisch für diese Form von Medien ist folglich auch, dass das Qualitätskriterium der Ausgewogenheit abgelehnt wird und bewusst Nachrichten mit einer politischen Agenda verbreitet werden mit dem Ziel, Radikalisierungsprozesse anzustoßen. Wir erleben in den letzten Jahren einen Aufschwung von rechtspopulistischen Parteien weltweit. Beispiele hierfür sind die Alternative für Deutschland, die Freiheitliche Partei Österreichs oder die nationale Sammelbewegung Rassemblement National in Frankreich. Häufig werden diese Parteien online als Alternative zu den etablierten Parteien und Meinungsführern präsentiert. Diese Art von Kommunikation stellt sich ausdrücklich gegen Leitmedien, da sie ihnen eine einseitige Themendarstellung unterstellen und Misstrauen gegen sie schüren wollen. Alternative Medien profitieren von einem Klima der Angst, das von Rechtspopulisten geschürt wird und durch die Verknüpfung von Flüchtlingskrisen, Terrorismus oder der Klima-Krise hervorgerufen wird. Hier wird gezielt auf die Unsicherheit von Rezipienten eingegangen, um radikale Weltbilder zu stärken und Rezipienten gegen das Establishment zu mobilisieren. In den bereits angesprochenen Filter Bubbels werden diese Einstellungen echoartig verstärkt. Diese Annahme basiert auf der Idee, dass Menschen tendenziell mit anderen in Beziehung treten, die ihnen in beispielsweise in ihrer ethischen Herkunft oder politischen Meinung ähnlich sind. Hier macht sich ein Kreislauf bemerkbar, der nur schwer zu durchbrechen ist: Positioniert sich jemand politisch extrem, kann sich seine Tendenz in homogenen Netzwerken weiter verfestigen (vgl. Rieder 2019: 1). Eine rechte Tendenz ist auch in der kommunikativen Diskussion, insbesondere der Sprache erkennbar. Radikale Positionen werden salonfähig gemacht. Die Verwendung von NS-Vokabular oder Verschwörungstheorien zur Corona-Krise ist hier charakteristisch. Diese Sprache macht sich in der sogenannten Hate Speech als Strategie zur Disruption des gesellschaftlichen Konsens bemerkbar. Hierunter wird die sprachliche Verunglimpfung von Personen oder Gruppen verstanden, um andere auszugrenzen, einzuschüchtern, um Macht zu demonstrieren oder aus reinem Vergnügen. Emotionale Provokationen, unspezifische Beschimpfungen und einer eher unziviler Diskurs scheinen gerade in den sozialen Medien zuzunehmen (vgl. Meibauer 2013: 1). Dieses Problem ist besonders auf Facebook, dem Untersuchungsmedium der vorliegenden Arbeit, präsent: In einer Facebook-Studie zu Untersuchung der Radikalisierung im Internet berichtet ein Fünftel der Facebook-Nutzer, persönlich mit Hassrede-Material im Internet in Berührung gekommen zu sein (vgl. Oksanen et. al. 2014: 18). Adressaten dieser Kommunikationsform sind Mitglieder von stigmatisierten Gruppen. Hierzu zählen Politiker, Aktivisten oder Journalisten. Im Jahr 2016 gaben beispielsweise 42% der deutschen Journalist/-innen an, persönlich angegriffen worden zu sein (vgl. Preuß/Tetzlaff/Zick 2017). Auf diese eher umzivile Form des öffentlichen Diskurses wird bei der inhaltsanalytischen Auswertung des Untersuchungsmaterials Bezug genommen.

Der Hass in sozialen Netzwerken kann zu gesellschaftlicher Polarisierung und extremistischer Radikalisierung beitragen, weil diese Prozesse oft mit einer Einstellungsänderung hin zum Extremen beginnen. Es ist möglich, dass einzelne Aussagen nicht hinterfragt werden und hingenommen werden. So können Hasskommentare Einstellungen ändern und Nutzer dazu mobilisieren, sich selbst negativer über die angesprochene Gruppe zu äußern.

Eine Analyse der Postings von Facebook-Seiten, die der Alternative für Deutschland nahe stehen, zeigte, dass dort vermehrt alternative Medien als Quelle genannt werden. Diese richten sich oft explizit gegen die massenmediale Berichterstattung. Demgegenüber waren Quellen, die sich gegen die AfD ausrichten, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, unterrepräsentiert. Auffällig oft waren jedoch Quellen vertreten, die in der Debatte um alternative Medien häufig genannt werden, z.B. die Junge Freiheit. Auf diesen Sachverhalt , die Diffamierung öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten, wird ebenfalls in der späteren inhaltsanalytischen Auswertung genauer Bezug genommen. Zusammenfassend wird daher festgehalten, dass alternative Medien das Potenzial besitzen, einen extremer werdenden Diskurs zu normalisieren und über thematische Anknüpfungspunkte verschwörungstheoretisches Gedankengut in die öffentliche Diskussion einzubringen (vgl. Rieger 2019).

1.4 Populistisches Framing in alternativen Medien

Alternative Medien rund um den Globus sind kein neues Phänomen. Dennoch ist in den letzten Jahren eine steigende Anzahl alternativer Berichterstattungsangebote, die wie im vorangegangenen Kapitel bereits angedeutet, populistische Tendenzen zeigen, erkennbar. Diese Tendenzen zeichnen sich besonders durch einen eher unzivilen Diskurs, einen ausdrücklichen Widerstand gegenüber klassischer Leitmedien aus sowie der Nähe zu einer politisch rechten Agenda aus. Der populistische Diskurs zeigt sich in den führenden deutschen Alternativ-Medien. Die Sprache charakterisiert sich häufig durch Sensationalismus und Emotionalisierung. Darüber hinaus sind in vielen alternativen Angeboten desinformative Inhalte zu finden, die die Wahrheit verschleiern, um eigene ideologische Botschaften und Verschwörungstheorien verbreiten zu können sowie die mediale Agenda ins politisch rechte Spektrum zu schieben. Das Verzerren von Fakten kann im Zusammenhang mit der Corona-Krise problematisch ein (vgl. Boberg et. al. 2020: 3).

Als Grundlage zur inhaltsanalytischen Untersuchung der Facebook-Auftritte alternativer Medien dient der Framing-Ansatz. Das Rahmen von Themen und Ereignissen auf unterschiedliche Art und Weise, sodass bestimmte Sachverhalte unterschiedlich interpretiert werden können, wird unter dem Begriff Frame gebündelt. Daraus resultiert, dass die Wahrnehmung der Bevölkerung oder politischer Akteure in bestimmte Richtungen gelenkt werden können. Die Framing-Forschung setzt an der Frage an, welche Medien eine Krise mit welchen kommunikativen Mitteln zur Krise stilisieren. Das Potenzial des Framing-Ansatzes wird im Kontext der Public Relations vor allem im Bereich der Evaluationsforschung gesehen und eignet sich daher im Spezifischen für die Auswertung des vorliegenden Forschungsprojektes, da Frames als strukturgebende Kommunikationsmechanismen operationalisierter sind (vgl. Völker 2017: 54). Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen formal-stilistische, textuelle Frames in Facebook-Postings. So sollen Strukturen der Medienberichterstattung in alternativen Medien identifiziert und analytisch untersucht werden.

Die vorliegende Arbeit bewegt sich explizit auf der Meso-Ebene der Kommunikationsforschung, also der Art und Weise, wie Medienorganisationen kommunizieren.

In der Medien- und Kommunikationsforschung wird zwischen Frame Building und Frame Setting unterschieden. Frame Building basiert auf der Annahme, dass Journalisten Frames auswählen, bearbeiten und in ihrer Berichterstattung implementieren. Frame Setting findet statt, wenn Rezipienten diese Frames aus Postings übernehmen und darauf reagieren. Keinesfalls ist dieser Prozess jedoch als Stimulus-Response-Modell zu verstehen, da es sich bei der Masse, die die Facebook-Postings rezipiert, um eine Vielzahl in ihren jeweiligen sozialen Bedingungen handelt, die mediale Reize unterschiedlich verarbeiten. Dies führt auch zu unterschiedlichen Reaktionen in den sozialen Netzwerken.

Textuelle bzw. strukturelle Frames zeichnen sich durch die Strukturierung von Informationen aus - also die Selektion und Verarbeitung von Themen und Teilaspekten bestimmter Sachverhalte. Sie reduzieren Komplexität von Informationen und erleichtern der Zielgruppe die Rezeption. Sie können nur über manifeste Indikatoren und Codierungen erhoben werden, die im operativen Teil der vorliegenden Arbeit umfassend erläutert werden. Im Fokus steht also die Rhetorik und Strukturierung der Facebook-Postings, also der strategische Gebrauch von Kommunikation. Im Spezifischen bedeutet dies: Problemdefinition, Attribution von Ursachen, Verantwortlichkeit oder Erfolg. Aus diesem Grund steht die Wortwahl im Vordergrund der vorliegenden Arbeit, da so bewusst Aufmerksamkeit geschaffen werden kann, Aussagen pointiert werden können oder Werte transportiert werden können. Auch die Auf- bzw. Abwertung bestimmter Akteure oder Gegner spielt bei der vorliegenden Untersuchung eine besondere Rolle.

Abschließend ist zu sagen, dass sich die vorliegende inhaltsanalytische Auswertung mit formal-stilistischen Frames sowie inhaltsbezogenen Frames beschäftigt.

2 Alternative Medien in Deutschland

Im Folgenden werden die zu untersuchenden drei alternativen Medien in Deutschland vorgestellt. Hierzu gehören die wesentlichen Charakteristika, das Redaktionsstatut sowie deren Reichweite. Die Junge Freiheit, Russia Today Germany sowie das Compact Media Magazin stehen im Fokus der Analyse, insbesondere die Facebook-Auftritte der Zeitungen.

2.1 Junge Freiheit

Die überregionale deutsche Wochenzeitung Junge Freiheit wurde 1986 in Freiburg im Breisgau durch den damals 19-Jährigen Gymnasiasten Dieter Stein gegründet. Anfangs behielt sie den Charakter einer Schüler- und Jugendzeitung mit politischem Charakter inne, entwickelte sich jedoch rasch zu einer Studentenzeitung und wurde in mehreren Universitätsstädten gratis an Studenten gebracht. Der Hauptsitz befindet sich in Berlin, wo die Zeitung periodisch jeden Freitag erscheint. Chefredakteur ist Dieter Stein, Herausgeber der Junge Freiheit Verlag GmbH & Co. Das alternative Medium, das sich selbst als Sprachrohr der ‚Neuen Rechten‘ bezeichnet, wird fast ausschließlich über Abonnements verbreitet (vgl. Junge Freiheit A 2020). In ihrem Leitbild nennt die Junge Freiheit vier Werte, die die Basis für ihre Berichterstattung bilden: Nation, Freiheitlichkeit, Konservatismus und Christentum . Ihre Vision liegt im freien Diskus und Austausch von Meinung sowie in der Durchsetzung des Rechtes auf eine freie Presse und Meinungsäußerung für das gesamte politische Spektrum. Darüber hinaus wird im Leitbild von einer „Regeneration deutscher Identität und Deutschland als selbstbewusste Nation“ (Junge Freiheit B 2020) gesprochen. Ihren Auftrag sieht die Wochenzeitung in der seriösen journalistischen Berichterstattung, der Kontrollfunktion über Leitmedien, die den Medienmarkt beherrschen und der Begeisterung der Leser für politisches Engagement und Mitwirkung (vgl. ebd.). Es gibt zahlreiche Kritiker der Jungen Freiheit. Sie argumentieren, dass die Zeitung hinter dem Schleier des Konservatismus rechtsextreme Inhalte verbreite und antidemokratisch agiere. Hierzu ist anzumerken, dass sich der Chefredakteur bereits von dem Begriff der ‚Neuen Rechten‘ öffentlich distanzierte. Dennoch verwenden Autoren den Terminus und knüpfen regelmäßig an politisch-ideologische Strömungen der Vor- und Nachkriegszeit an, wodurch antidemokratisches Denken kommuniziert wird (vgl. Botsch 2017). Prominente Autoren der Jungen Freiheit sind Alice Weidel, Erika Steinbach und Beatrix von Storch. Hier wird die Nähe zu neuen, rechten Parteien deutlich.

Auf Facebook postet die Junge Freiheit im Schnitt drei bis fünf Mal täglich und verlinkt auf Artikel ihrer Homepage mit einem kurzen Teaser. 132.498 Personen gefällt die Seite , 134.538 haben sie abonniert. Kontaktdaten wie Telefonnummer und E-Mail-Adresse sind angegeben (Stand 12.08.2020).

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Framing in Gegenöffentlichkeiten. Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Facebook-Auftritte alternativer Medien in der Corona-Pandemie
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V999928
ISBN (eBook)
9783346446541
ISBN (Buch)
9783346446558
Sprache
Deutsch
Schlagworte
framing, gegenöffentlichkeiten, eine, untersuchung, facebook-auftritte, medien, corona-pandemie
Arbeit zitieren
Anuschka Johnson (Autor), 2020, Framing in Gegenöffentlichkeiten. Eine inhaltsanalytische Untersuchung der Facebook-Auftritte alternativer Medien in der Corona-Pandemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/999928

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