Zwischen Drogerieregal, Haarmythen und Social-Media-Halbwissen wird Haarpflege schnell komplizierter dargestellt, als sie ist. Hairstylist, Friseurtrainer und Hair-Creator Tom Hannemann will genau das ändern. In seinem neuen Buch The Beautiful People – Wissen über Haare, das du wirklich brauchst räumt er mit irreführendem Marketing und komplizierten Routinen auf – direkt, humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger. Statt unrealistischer Versprechen setzt er auf Transparenz, evidenzbasierte Aufklärung und einfache Lösungen, die wirklich funktionieren. Was braucht die Kopfhaut? Was leisten Produkte wirklich? Und warum ist Schönheit mehr als die perfekte Routine?
In unserem Interview spricht Tom Hannemann darüber, warum Haarpflege eigentlich simpel ist, warum viele Haarpflege-Produkte mehr Marketing als Nutzen enthalten und welche Rolle Haare für Selbstbild, Schönheit und Selbstwertgefühl spielen. Außerdem gibt er Einblicke in seinen Weg vom Friseur zum erfolgreichen Content Creator, verrät, welche Begriffe aus der Beautywelt er am liebsten verbannen würde, und warum „teuer“ nicht automatisch „besser“ bedeutet.
GRIN: Sie haben mittlerweile eine riesige Fangemeinde auf Social Media (u.a. 898.000 Follower bei TikTok, 722.000 Follower bei Instagram). Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Und wie schaffen Sie es, all diese Menschen in der heutigen, stark medial geprägten Welt zu erreichen?
Die ehrliche Antwort ist: Weil es mir egal ist. Ich bin nicht fixiert auf Views und Following oder damit beschäftigt, gut gefunden zu werden, sondern widme mich ausschließlich meiner Kernkompetenz: Aufklärung in jeder nur erdenklichen Haarfrage! Dabei beleuchte ich vorrangig das Warum und weniger das Was und Wie. Haare sind nur das Ergebnis eines gesamten Systems und sowohl Techniken als auch Produkte können nur mit einem tieferen Verständnis korrekt gewählt werden. Darüber hinaus wird mir nachgesagt, eine sehr kurzweilige Art zu besitzen und die Dinge simpel und verständlich rüberbringen zu können.
GRIN: Wann und wie entstand Ihr großes Interesse an Haaren und Styling?
Diese Geschichte erzähle ich etwas ausführlicher in meinem Buch, und sie beginnt wie so oft im Leben eines Mannes mit einer Frau. Die kurze Version ist, dass ich zu einer Zeit, in der ich nicht wusste, wohin mich mein Weg führen soll, durch meine damalige Ex-Freundin in deren Salon landete. Dort habe ich erstmalig in meinem Leben wahrgenommen, wie kreativ, teils komplex und abwechslungsreich der Beruf des Friseurs ist. Da ich grundlegend immer den Anspruch habe, so viel Wissen zu sammeln, wie ich kann, war damit mein Interesse geweckt. Wohin es geführt hat, lässt sich heute ersehen.
GRIN: In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass Haarpflege oft unnötig kompliziert – komplizierter als die Steuererklärung – dargestellt wird. Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie dachten: Okay, jetzt reicht’s, ich entwirre das für alle und schreibe ein Buch zu dieser Thematik?
Dieser Grundgedanke entstand ja bereits vor dem Buch, indem ich mich auf Social Media in die Tiefen der Beauty-Welt gestürzt habe. Während dieser ersten Recherchen und des damit verbundenen Entwirrens der leider weit verbreiteten Halbwahrheiten habe ich mich dazu entschieden, selbst eine umfassende Abhandlung zu verfassen. Ein exakter Zeitpunkt lässt sich dafür leider nicht mehr herleiten. Ich bin allerdings schon von jeher eher auf der fauleren Seite des Lebens zu finden und verliere sehr schnell die Lust an Dingen, die mir zu komplex und anstrengend erscheinen. Bereits nach kurzer Zeit hat sich herausgestellt, dass ich damit nicht allein bin.
GRIN: Ihr Motto ist: „Transparenz im Regal, Transparenz in der Dusche, Transparenz auf dem Kopf.“ Was bedeutet „Transparenz“ ganz konkret und woran erkennt man sie in der Praxis?
Transparenz bedeutet in diesem Fall, real funktionierende, klare Richtlinien und Methoden ableiten zu können, ohne von Halbwahrheiten oder überbordendem Marketing abgelenkt zu werden. Weiterhin bezieht es sich auf die Masche vieler Firmen, mangelnde Inhalte durch aufgeblähte Preise oder hinter missverständlichen Marketingkampagnen zu verstecken. Außerdem existieren die wildesten Anekdoten und Erfahrungen, die nunmehr in der Online-Welt als Fakt verkauft werden, aber eigentlich vom Bruder des besten Kumpels, seiner Schwester und in Teilen von ihrem Cousin stammen. Dabei noch die funktional grundlegenden Wahrheiten herauszufiltern, erscheint heutzutage nahezu unmöglich. Das ist der Grund, warum ich es mir auf die Fahne geschrieben habe, für evidenzbasierte Aufklärung zu stehen, die hinterfragt, aber nie bewertet.
Transparenz bedeutet in diesem Fall, real funktionierende, klare Richtlinien und Methoden ableiten zu können, ohne von Halbwahrheiten oder überbordendem Marketing abgelenkt zu werden.
Tom Hannemann
GRIN: Sie übersetzen in Ihrem Buch sehr viel Fachwissen in Alltagssprache. Welche drei Begriffe würden Sie aus dem Beauty–Vokabular am liebsten verbieten (z. B. weil sie Kund:innen verwirren)?
Der absolute Klassiker ist Hitzeschutz. Denn ein Hitzeschutzprodukt schützt nicht vor Hitze, es verteilt sie nur gleichmäßig. Der Begriff suggeriert absoluten Schutz, selbst vor Temperaturen, mit denen ich sonst ein Steak grille. Das ist leider nicht der Fall.
Feuchtigkeitsprodukte sind auch so ein Thema. Haare mögen nämlich kein Wasser und besitzen nur einen Anteil von 7–12%. Was Haare besonders mögen, ist Fett, das sie gleichwohl vor Feuchtigkeit schützt und welches gleichzeitig das nötige Wasser einschließt. Deswegen sollten Feuchtigkeitsprodukte eher Feuchtigkeitseinschlussprodukte heißen.
Zu guter Letzt noch die Kombination aus schonend und Blondierung. Keine Blondierung der Welt wird jemals schonend sein, egal wie stark oder schwach sie hergestellt wurde. Das gleiche gilt für Dauerwellen oder chemische Glättungen. Jede dieser stark auf die Haarstruktur einwirkenden Behandlungen wird immer einen hohen Schaden hinterlassen. Diese schonend zu bezeichnen ist schlichtweg falsch.
GRIN: Im Buch sagen Sie sehr klar: „Shampoo ist für die Kopfhaut – nicht Haarlängen“. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig, und welcher einfache Aha-Moment bringt Leser:innen zum Umdenken?
Shampoo ist und war schon immer ein Kopfhautprodukt. Wenn ich verstanden habe, dass meine schnell fettenden Haare von schnell fettender Kopfhaut stammen, dann weiß ich, an welchem Ende ich mich tatsächlich kümmern muss. Natürlich können auch Haare verschmutzen oder belegt sein. Die eigentliche Reinigung findet aber an dem Ort statt, der an das menschliche System angeschlossen ist. Es gibt die einfache Aussage, seine Kopfhaut wie Haut zu behandeln und seine Haare wie ein Material. Haare sind nichts anderes als verhorntes Keratin, das keinen Anschluss mehr an Blutkreislauf oder Nervensystem hat. Die Kopfhaut wiederum ist das Organ, das für stabiles Haarwachstum und schöne Haare zuständig ist. Das will korrekt gepflegt und gereinigt werden. Haare haben dahingehend andere Ansprüche.
Shampoo ist und war schon immer ein Kopfhautprodukt. Wenn ich verstanden habe, dass meine schnell fettenden Haare von schnell fettender Kopfhaut stammen, dann weiß ich, an welchem Ende ich mich tatsächlich kümmern muss.
Tom Hannemann
GRIN: Sie betonen immer wieder, dass gute Haarpflege kein Luxus sein muss. Was sind die drei häufigsten Fehlkäufe, die Menschen aus Überforderung heraus machen?
Der größte dieser Fehlkäufe ist meiner Ansicht nach ein Shampoo, das explizit für Haarlängen ausgewiesen ist. Wenn ich eine Gesichtsreinigung durchführe, nehme ich ja auch kein Produkt, das sich speziell an Augenbrauen und Wimpern richtet. Wenn ich ein Shampoo möchte, dann eines, das meiner Kopfhaut entspricht, denn nur dieses reinigt sie und gibt meinen Haaren die Möglichkeit, optimal zu wachsen.
Darüber hinaus sind es generell Produkte, die nach ihrem Label gekauft werden und nicht nach ihrem Inhalt. Eine Produktformel weiß nicht, was auf ihrem Label steht und sie kann für völlig andere Haare gedacht sein und funktionieren, als letztendlich durch ein Marketing-Team entschieden wurde. Das beste Beispiel sind Lockenprodukte, bei denen jeder, der keine Locken hat, einen großen Bogen drum macht. Meiner Erfahrung nach habe ich aber schon oft erlebt, dass selbst komplett abwegige Haarstrukturen – wie zum Beispiel sehr feine Haare – mit Lockenprodukten große Erfolge gefeiert haben.
GRIN: Bezugnehmend auf die Kapitelüberschrift „Schneiden Sie auch Frauenhaare?“: Was erzählt diese Frage über die Friseur-Branche – und was war Ihre schlagfertigste Antwort in so einer Situation?
Im Grunde geht es in dem Kapitel um den Alltag als Friseur und auch viele sehr merkwürdige Erlebnisse, die ich währenddessen mitnehmen durfte. Das Wichtigste im Salon ist die Kommunikation und das Verständnis dafür, was Kunden sagen und was sie eigentlich meinen. Diese Übersetzungsfähigkeit ist etwas, das man als Friseur so schnell wie möglich lernen sollte, um Missverständnisse zu vermeiden. Darüber hinaus kommt es auch immer wieder zu ganz skurrilen Momenten, wenn beispielsweise Frisuren gewünscht werden, die völlig außerhalb des Normbereichs liegen oder aber auch, wenn vielleicht zu viel Ehrlichkeit im Spiel ist. Die Frage, ob ich auch Frauenhaare schneide, kam in solch einer skurrilen Situation zustande, bei der ich gefragt wurde, kurz nachdem ich eine meiner Kundinnen abkassiert hatte. Eine Gruppe Damen hatte die Interaktion beobachtet und war sich noch immer uneins, ob ich denn nun Frauen verschönere. Meine Antwort war kurz und knapp: Nein, ich bin eigentlich Hundefriseur und wollte nur mal schauen, was meine Kollegen hier so machen. Das sind Momente innerhalb meiner Karriere, die kann man sich nicht ausdenken.
GRIN: Sie nehmen sich im Buch Zeit für Selbstbild, Zugehörigkeit und Identität („Schönheit ist ein Gefühl, kein Zustand“). Was hat Haar–Optimierung mit Selbstwert zu tun – und wo wird’s ungesund?
Es war mir ein Anliegen, innerhalb meines Buches nicht nur Schönheit als Technik oder Produktergebnis zu präsentieren, sondern Schönheit auch in den Facetten des Selbstwertes und des Selbstwertgefühls zu erörtern. Dabei versuche ich mit so viel Fingerspitzengefühl wie möglich Schönheit als eine Einstellung und ein Gefühl zu positionieren, um es nicht materialistisch verkommen zu lassen. Ungesund wird es in meinen Augen dann, wenn die eigene Schönheit von anderen abhängt. Das Gefühl der Selbstsicherheit und des Selbstwertes sollte über die eigenen Prioritäten definiert werden und nicht über die Meinungen Dritter.
Das Gefühl der Selbstsicherheit und des Selbstwertes sollte über die eigenen Prioritäten definiert werden und nicht über die Meinungen Dritter.
Tom Hannemann
GRIN: Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr anschaulich, wie Marketing funktioniert (Preise, Konzerne, „neue“ Produkte). Welche Frage sollte man sich im Drogerieregal immer stellen, bevor man etwas kauft?
Mit meiner Produktwahl im Drogerieregal beeinflusse ich mehr als bloß das nächste Shampoo oder den nächsten Conditioner, der in meinem Bad landet. Ich unterstütze Preispolitiken, ich unterstütze Firmen und Marken, und dabei sollte mir bewusst sein, wofür diese jeweils stehen. Ich wünschte, es wäre nur die Wahl des richtigen Haarpflegeproduktes, die dabei eine Rolle spielt. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist aber heute fast alles zu einem Politikum verkommen. Wo ich einkaufe, was ich kaufe, wie viel und zu welchem Preis – all diese Dinge starten konstant Diskussionen und Diskurs. Leider bleibt es mir als Endkonsument nur zu raten, in welchen Größenordnungen und Verhältnismäßigkeiten Preise zu Inhalten überhaupt erkennbar sind. Was allerdings ganz klar konstituiert werden kann, ist, dass teuer nicht gleich besser ist. Und auch, dass ich sehr bewusst auswähle, wen ich kaufe und mit wem ich arbeite.
GRIN: Ihr Content lebt von Direktheit und Humor. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen unterhaltsam und zu hart und gab es Momente, in denen Sie Ihren Ton bewusst geändert haben?
Ich achte sehr genau darauf, welche Töne ich anschlage und welche Worte ich wähle. Zum größten Teil gelingt mir das unbewusst, aber je nach Thema bin ich sehr darauf fixiert, die richtigen Sätze zu bilden. Was mir besonders wichtig ist, ist eine wertungsfreie Berichterstattung und vor allem keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Selbst wenn mir Dinge völligst absurd vorkommen oder ich Reaktionen auf offensichtlich falsche Tatsachen vornehme, werde ich mich inhaltlich immer nur mit der Sache beschäftigen, nicht mit deren Autor. Genauso distanziere ich mich von jeder Art Pauschalaussage, die nur versucht, Klicks oder Emotionen zu provozieren. Ganzheitliche Aufklärung im Sinne vieler Winkel kommt in der heutigen Medienlandschaft, meiner Meinung nach, generell zu kurz. Zu schnell werden voreingenommene Positionen bezogen und es wird abgewertet, ohne Hintergründe zu verstehen. Einzig bei der Verteidigung meiner eigenen Werte und Prinzipien werde ich immer die höchstmögliche Art der Schärfe in meine Wortwahl bringen.
GRIN: Wenn Leser:innen nach der letzten Seite nur einen Satz aus Ihrem Buch mitnehmen – welcher wäre das?
Haarpflege ist simpel und jeder, der versucht etwas anderes zu verkaufen, verdient nur daran.
GRIN: Welche Vorteile sehen Sie in einer Veröffentlichung bei GRIN?
Vor allem die Professionalität, die das Team des GRIN Verlags an den Tag legt. Darüber hinaus die Freiheit, meine Vertriebswege selbst gestalten zu können. Im Prinzip das Gefühl, dass mein Werk und ich in wirklich guten Händen sind.
GRIN: Und zu guter Letzt: Wie sieht Ihre eigene tägliche Haarpflege-Routine aus?
Da ich aktuell wieder kurze Haare trage, ist diese erschreckend simpel. Ich nutze ein für meine Kopfhaut passendes Shampoo, ein Leave-in Conditioner Spray und ein Wachs für mein Styling. Mehr ist aktuell nicht nötig. Selbst zu meiner Langhaarzeit umfasste meine Routine nie mehr als 4-5 Produkte inklusive Styling.
GRIN: Herr Hannemann, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und Freude mit Ihrem Buch!
Zur Website des Autors: https://tomhannemann.de/
Mehr Insights und exklusive Leseprobe zum Buch: https://www.grin.com/selfpublishing/the-beautiful-people-tom-hannemann/
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