Wie wird über Musicals gesprochen, geschrieben und geurteilt? In ihrem Essay „Falsch intoniert – falsch bewertet: Warum im deutschsprachigen Raum Rezensionen anstatt Kritiken im Musical vorherrschen“ untersucht Lilli Zeifert die Qualität und Ausrichtung der Musicalberichterstattung im deutschsprachigen Raum. Dabei zeigt sie auf, dass viele Besprechungen vor allem von subjektiven Eindrücken geprägt sind, während analytisch fundierte Fachkritiken vergleichsweise selten vorkommen. Ausgehend von eigenen Erfahrungen als Schriftstellerin für Musicalmedien beleuchtet sie die strukturellen Ursachen dieser Entwicklung und vergleicht exemplarisch die Formen und Maßstäbe von Musicalrezensionen und Opernkritiken. Im Interview erläutert sie, welche Rolle Fachwissen für eine fundierte Bewertung spielt, warum das Musical häufig anders behandelt wird als die Oper und welche Veränderungen aus ihrer Sicht notwendig wären, um die Qualität der Musicalkritik langfristig zu stärken.
GRIN: Sie haben vor kurzem Ihren Essay „Falsch intoniert – falsch bewertet: Warum im deutschsprachigen Raum Rezensionen anstatt Kritiken im Musical vorherrschen“ bei GRIN veröffentlicht. Können Sie Ihre Arbeit in zwei bis drei Sätzen zusammenfassen?
Lilli Zeifert: Der Essay behandelt im Kern die Frage, warum im deutschsprachigen Raum vorrangig Musicalrezensionen bzw. -Reviews existieren, die häufig auf persönlichem Geschmack und subjektiven Eindrücken basieren, während fundierte Fachkritiken, wie sie in der Opernwelt selbstverständlicher sind, deutlich seltener vorkommen. Dabei werden zunächst Fachkritik und Rezension bzw. Review voneinander abgegrenzt, anschließend wird ein Definitionsversuch des Musicals unternommen und auf Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zwischen Musical und Oper eingegangen. Darauf aufbauend vergleicht der Essay eine typische Musicalrezension strukturell mit einer Opernkritik, bevor am Ende Ursachen, Auswirkungen auf die Musicalbranche und mögliche Ansätze zur Verringerung dieser Diskrepanz beleuchtet werden.
GRIN: Wie sind Sie auf die zentrale Fragestellung Ihres Essays gekommen und was hat Sie persönlich an diesem Thema besonders interessiert?
Lilli Zeifert: Das Thema ist über Jahre hinweg aus eigener Erfahrung entstanden. Ich schreibe seit 2020 unter anderem selbst für unterschiedliche sogenannte Fachmedien der Musicalbranche. Dabei fällt mir leider immer wieder auf, dass in diesen Medien sehr stark auf den „guten Ton“ geachtet wird. Die Musicalbranche ist überaus familiär – jeder kennt gefühlt jeden, und an vieles wird sich lange erinnert. Fachmedien sind zudem häufig auf Sponsoren, Werbetreibende, Darsteller:innen und Kreative für Interviews sowie auf Spielstätten für Pressekarten angewiesen. Diese Nähe kann Spannungen zur journalistischen Unabhängigkeit erzeugen und macht eine wirklich kritische Auseinandersetzung nicht immer einfacher. Hinzu kommt, dass für normale Leser:innen oft nicht zu viel Fachsprache in den Artikeln verwendet werden soll, damit die Verständlichkeit nicht leide. Die Folge ist, dass sowohl auf negative Äußerungen, auch wenn sie begründet wären, als auch auf ausführliche Analysen möglichst verzichtet wird. Auch das Fachwissen bei den Verfasser:innen und Redaktionen selbst ist meiner Erfahrung nach nicht immer ausreichend vorhanden. Wenn ich lese, dass ein Musical-Blog den Gesang eines kräftigen Baritons mit einem charakteristischen Vibrato als „engelsgleich“ bezeichnet, mag das ein subjektiver Eindruck sein, über den man diskutieren könnte, doch fachlich oder analytisch ist eine solche Beschreibung kaum aussagekräftig. Ich erinnere mich ebenfalls an Vorwürfe einer früheren Chefredakteurin, ich würde eine merkbare Antipathie gegenüber einem Darsteller hegen, obwohl ich lediglich neutral analysiert und erklärt hatte, warum sein Gesang und seine Darstellung so wirkten, wie sie wirkten. Auch wiederholte Erläuterungen änderten nichts an ihrer Ansicht, dass es sich um persönliche Antipathie handeln müsse, was eindeutig nicht der Fall war. Gleichzeitig haben mehrere Darsteller:innen mir gegenüber geäußert, dass sie eine fundierte Kritik mehr schätzen und ernster nehmen können als eine meinungsbasierte Rezension, in der alles nur gelobt oder weichgespült wird. Es gibt noch viele weitere Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, aber ich denke, die erwähnten machen bereits deutlich, dass mich dieses Thema schon seit längerer Zeit begleitet. Als ich dann im Studium ein Seminar zur Autorschaft mit einem Themenblock zu Kritikern sowie zuvor ein Projekt zum Kulturjournalismus hatte, war mir sofort klar, dass ich genau über dieses Thema schreiben und diskutieren möchte, da ich es für äußerst relevant halte.
Meiner Ansicht nach spielt Fachwissen im Bereich Gesang und Musiktheorie für eine fundierte Musicalkritik eine zentrale Rolle.
Lilli Zeifert
GRIN: Was war die größte Herausforderung bei der Recherche bzw. beim Schreiben?
Lilli Zeifert: Tatsächlich war es eine kleine Herausforderung, eine passende Musicalrezension und eine passende Opernkritik für den Vergleich zu finden, die ich vollständig in der Arbeit zitieren und analysieren durfte. Beide Texte mussten für mich bestimmte Kriterien erfüllen, damit ich mit ihnen gut argumentieren und arbeiten konnte. Gleichzeitig war ich bemüht, beide Texte mit demselben Respekt, demselben professionellen Abstand und demselben analytischen Blick zu behandeln, auch wenn ich die Musicalrezension von der Plattform ausgewählt habe, für die ich selbst schreibe, und ich den Verfasser kenne. Ich hoffe und glaube jedoch, dass mir das gelungen ist.
GRIN: Sie unterscheiden klar zwischen Rezension und Fachkritik. Worin liegt aus Ihrer Sicht der entscheidende Unterschied?
Lilli Zeifert: Ich denke, der entscheidende Unterschied liegt im Anspruch, im Stil und in der Zielgruppe. Eine Rezension verfolgt den Anspruch, allgemeine Leser:innen sowie potenzielle Zuschauer:innen über ein Stück zu informieren und eine erste Einschätzung zu geben, ob es sehenswert ist. Dabei wird häufig ein beschreibender, teilweise ausschmückender oder zugespitzter Schreibstil verwendet. Eine fundierte, detaillierte Analyse findet man in Rezensionen eher selten. Eine Fachkritik hingegen richtet sich nicht primär an ein allgemeines Publikum, sondern stärker an die Fachwelt selbst sowie an fachlich interessierte Leser:innen. Sie soll nicht nur beschreiben, sondern Stärken und Schwächen einer Aufführung analytisch begründen und auf künstlerische Zusammenhänge sowie mögliches Verbesserungspotenzial hinweisen. Ein blumiger oder reißerischer Schreibstil steht hier weniger im Vordergrund, weil das Zentrum der Fachkritik die fundierte, detaillierte und an der besuchten Aufführung begründete Analyse ist.
GRIN: Sie beschreiben, dass im Musicaldiskurs überwiegend rezensorische Formate dominieren. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Lilli Zeifert: Meiner Meinung nach gibt es verschiedene Gründe dafür, dass im deutschsprachigen Musicaldiskurs überwiegend rezensorische Formate existieren. Zum einen spielen die bereits angesprochenen Abhängigkeiten und engen Verflechtungen der Fachmedien innerhalb der Branche eine Rolle. Zum anderen ist es heutzutage jedem möglich, eine Webseite, einen Blog, einen Podcast oder einen YouTube-Kanal zu eröffnen und über eine Vorstellung zu berichten. Was ich persönlich als besonders großes Problem sehe, ist jedoch das mangelnde Fachwissen. Die Landschaft der Beiträge wird dadurch zunehmend unübersichtlich und unspezifisch. Gleichzeitig verschwimmen die Abgrenzungen zwischen Rezension bzw. Review und Fachkritik immer stärker.
GRIN: In Ihrem Essay vergleichen Sie Musicalkritiken mit Opernkritiken. Welche zentralen Unterschiede haben Sie dabei festgestellt?
Lilli Zeifert: Im Vergleich wurde festgestellt, dass die exemplarisch untersuchte Opernkritik deutlich stärker mit Analyse, Fachbegriffen und Fachwissen arbeitet als die exemplarisch untersuchte Musicalrezension. Die Opernkritik ordnet stärker fachlich ein, während die Musicalrezension eher als subjektive Eindrucksschilderung fungiert. Dadurch werden nicht nur unterschiedliche Schreibstile sichtbar, sondern auch unterschiedliche Maßstäbe im Umgang mit zwei Sparten desselben übergeordneten Feldes – des Musiktheaters.
GRIN: Welche Rolle spielt Fachwissen – insbesondere im Bereich Gesang und Musiktheorie – für eine fundierte Musicalkritik?
Lilli Zeifert: Meiner Ansicht nach spielt Fachwissen im Bereich Gesang und Musiktheorie für eine fundierte Musicalkritik eine zentrale Rolle. Ein Musical ist ein Musiktheaterstück. Es lebt von Musik und besonders vom Gesang. Bedauerlicherweise liegt gerade hier eine der größten Schwierigkeiten. Intonationsprobleme werden häufig nicht wahrgenommen oder nicht analysiert und die Leistungen der Darsteller:innen werden, wenn überhaupt, oft nur oberflächlich beschrieben. Stattdessen wird beispielsweise das Bühnenbild schriftlich ausführlich dargestellt, während die Gesangsleistung kaum fachlich eingeordnet wird. Dabei gehört die Gesangsleistung ebenso in die Bewertung wie Bühnen- und Kostümbild, Musik, Dramaturgie, Choreografie und Schauspiel. In einem Musical wirkt all das zusammen – mal stärker, mal schwächer. Gehörbildung und ein grundlegendes Verständnis der theoretischen Grundlagen des Musicalgesangs wären deshalb, wenn man mich fragt, neben anderen Grundlagen der absolute Mindestanspruch an Musicalkritiker:innen.
GRIN: Welche Bedeutung hat die Position des Musicals zwischen Unterhaltung und Hochkultur für die Art der medialen Besprechung?
Lilli Zeifert: Eine sehr hohe. Die Position des deutschsprachigen Musicals hat sich zwar in den letzten Jahren verbessert, doch wird es noch immer nicht mit derselben Selbstverständlichkeit wie die Oper als Hochkultur betrachtet. Ob das überhaupt gewünscht ist oder nicht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Fest steht jedoch, dass das Musical oft einen geringeren kulturellen Stellenwert zugeschrieben bekommt, obwohl es ebenso anspruchsvolles Theater und Musiktheater ist. Möglicherweise ist gerade deshalb die Hemmschwelle niedriger, sich medial dazu zu äußern, weil Musical für Zuschauer:innen häufig populärer und leichter zugänglich wirkt oder zumindest dafür gehalten wird. Ähnliches lässt sich auch im akademischen Bereich beobachten. Während Opern selbstverständlich wissenschaftliches Interesse zu wecken scheinen, findet man Musicals im deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskurs deutlich seltener – fast gar nicht. Fest steht für mich, dass unfundierte Rezensionen nicht gerade dazu beitragen, dass das Musical ernster genommen wird.
Fest steht jedoch, dass das Musical oft einen geringeren kulturellen Stellenwert zugeschrieben bekommt, obwohl es ebenso anspruchsvolles Theater und Musiktheater ist.
Lilli Zeifert
GRIN: Welche Veränderungen wären notwendig, um die Qualität der Musicalkritik langfristig zu verbessern?
Lilli Zeifert: Aus professioneller Sicht wäre eine fundierte Ausbildung oder ein Studium im Bereich Musikjournalismus notwendig, wie es beispielsweise an der TU Dortmund angeboten wird, auch wenn der Schwerpunkt dort stärker auf klassischen Formaten liegt. Aus allgemeiner Sicht wären jedoch mindestens Gehörbildung und ein Verständnis der Grundlagen des Musicalgesangs, der Dramaturgie, der Musik, des Tanzes, des Schauspiels, der Regie erforderlich sowie idealerweise auch des Bühnen- und Kostümbildes und der Bühnentechnik wie etwa Beleuchtung und Soundtechnik. Natürlich kann niemand auf all diesen Gebieten gleichermaßen spezialisiert sein – und das ist auch völlig in Ordnung –, aber das Bemühen darum sollte vorhanden sein, wenn man den Anspruch erhebt, als Fachmedium oder Fachkritiker:in aufzutreten. Ziel sollte es sein, das Gesamtwerk in seinen einzelnen Bestandteilen begründet und fundiert analysieren zu können. Damit würde sich nicht nur die Qualität der Kritik verbessern, sondern auch der Stellenwert des Musicals insgesamt.
GRIN: An wen richtet sich Ihr Essay besonders? Eher an Fachleute, Medienvertreter:innen oder auch an Musicalinteressierte?
Lilli Zeifert: Ich würde sagen, mein Essay richtet sich sowohl an Fachleute und Medienvertreter:innen als auch an Musicalinteressierte, Studierende sowie Kultur-, Musik-, Theater-, Kunst-, Medien- und Literaturwissenschaftler:innen. Besonders interessant dürfte er für Leser:innen sein, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Musicals öffentlich wahrgenommen, beschrieben und bewertet werden.
GRIN: Wie sind Sie darauf gekommen, bei GRIN zu veröffentlichen? Und wie viele Titel haben Sie schon veröffentlicht?
Lilli Zeifert: Am Anfang meines Studiums las ich davon, dass man bereits im Studium verfasste Hausarbeiten, Seminararbeiten, Essays und ähnliche akademische und wissenschaftliche Texte publizieren kann. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits Selfpublisherin im Bereich Fantasy-Literatur war, fand ich es nur logisch, auch meine wissenschaftlichen und akademischen Arbeiten zu veröffentlichen, anstatt sie ausschließlich für das Studium zu schreiben und anschließend in einem Speicher in Vergessenheit geraten zu lassen. Deshalb schreibe ich meine akademischen Arbeiten unter anderem auch mit dem Ziel einer Publikation. Inzwischen sind es fünf Titel sowie eine englische Übersetzung eines dieser Titel.
Ziel sollte es sein, das Gesamtwerk in seinen einzelnen Bestandteilen begründet und fundiert analysieren zu können. Damit würde sich nicht nur die Qualität der Kritik verbessern, sondern auch der Stellenwert des Musicals insgesamt.
Lilli Zeifert
GRIN: Zum Abschluss: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Zukunft der Musicalkritik im deutschsprachigen Raum?
Lilli Zeifert: Ich wünsche mir, dass es im deutschsprachigen Raum mehr fundierte Fachkritiken im Musicalbereich gibt und dass mögliche Redaktionen sich stärker darauf einlassen und einstellen. Sie müssten dafür mutiger werden und fachlich begründete Kritik stärker zulassen, auch wenn sie unbequem sein kann. Musicalkritik sollte nicht weniger ernst genommen werden als Opernkritik, nur weil Musical populärer zugänglich ist. Gerade wenn das Musical als eigenständige und anspruchsvolle Sparte des Musiktheaters wahrgenommen werden will, braucht es auch eine Kritik, die dieser Kunstform fachlich gerecht wird.
GRIN: Frau Zeifert, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit Ihrem Buch!
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