Franz Werfel: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig
Novelle von 1920
Arbeitsauftrag 1:
Der Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“ von Werfel sind Zeilen aus einem Gedicht als Motto vorangestellt, welche die wesentliche Bewegung des ganzen Textes erklären. Wie könnte die Überschrift des ganzen Gedichts lauten? Welche Thematik der Novelle könnte anhand des Gedichtes dargestellt sein?
Arbeitsauftrag 2:
Um welche Art des Vatermordes handelt es sich im vorgelegten dritten Teil?
Welches Motiv/welcher Konflikt steckt dahinter, um was für ein Ereignis (analog zu den beiden ersten Morden) handelt es sich hier? Was war die mögliche Intention des Autors?
Arbeitsauftrag 3:
Wofür könnten die Puppengestalten der Wurfbude im ersten Teil stehen? Vergleicht die zwei vorgelesenen Textpassagen. Wo sind Parallelen zu finden?
Aufbau des Textes:
Oberflächenstruktur (Entwicklungsgeschichte):
Nach Auswanderung nach Amerika im Rückblick, Grund für seine Emigration:
1. TEIL
Kindheitsgeschichte des 13-jährigen Kadetten Karl Duschek
Überblickartige Beschreibung der Situation des Offizierssohns im Konflikt mit seinem Vater
Im Mittelpunkt steht das Verhältnis Karls zu seinem Vater
• Karl ist Zögling einer Kadettenanstalt und muss seinem Vater an jedem Sonntag regelmäßig Bericht über seine schulischen Fortschritte erstatten „Hinrichtungen“, regelrechte Verhöre, Vater zeigt sich in der Rolle des militärischen Vorgesetzten
Karl erfährt die Familie als Fortsetzung der autoritären Despotie der Kasernen, keinerlei Liebe und Zärtlichkeiten
Gefühl des Missbrauches durch die Autoritäten, denen er als Kind schutzlos ausgeliefert ist
Selbst die Mutter untersteht der Vorherrschaft des Vaters, ist zum Dienstboden erniedrigt
Nur wenn der Vater aufgrund von Manövern abwesend ist, blüht sie auf, ihre Mütterlichkeit und weiblichen Gefühle brechen hervorà Z
Der Vater tut sich dem Sohn nur als Rollenträger kund, der ganz in seiner Funktion als Offizier aufgeht
Behandelt Karl als künftigen Soldaten und Offizier, stellt die gleichen Erwartungen und Anforderungen an ihn, denen er sich selbst bis zur unmenschlichen Perfektion verpflichtet weißàZ
Daraus entwickelt sich beim Sohn ein Gefühl des ständigen Versagens, Schuldkomplexe, die einerseits Minderwertigkeits-, aber auch Hassgefühle gegen den verständnislosen und übermächtigen Vater auslösen Karls eigentliche Begabungen und Neigungen gelten, wie er aber auch erst später erkennt, der Musik
• Der Vater wird befördert und in den Adelsstand erhoben und lädt, dadurch herzlicher gestimmt, Karl zu dessen 13. Geburtstag zu einem Besuch in einem Vergnügungspark ein, wenn auch aus einer Familientradition heraus (traditionelles Wertesystem des Vaters)à Z Hier sieht der Sohn den Vater zum ersten Mal als einen durch nichts ausgezeichneten Durchschnittsmenschen, als dieser Zivilkleidung trägt. Sobald der Vater als Mensch erscheint ,verschwindet der Hass Karls und eine tiefe Sympathie tritt an seiner Stelleà Z
Auch die große Menge von Leuten, die sich im Vergnügungspark drängen, steigern Karls Selbstbewusstsein
Er erlebt eine großes Gefühl der Egalisierung, während dem aristokratischen Selbstgefühl des Vaters eine schmerzliche Niederlage bereitet wirdà Z Zudem steigert sich Karls Selbstbewusstsein in ein Gefühl der Überlegenheit, als der Vater zugibt, Webers Oper „Freischütz“ nicht zu kennen und sich fragend an ihn wendetà Z
Zwiespältige Gefühle gegenüber dem Vater: Liebe und Hass stehen noch unbewusst und unvermittelt nebeneinander
Doch dieses Triumphgefühl verschwindet umgehend, als der Vater wieder seine alte Rolle übernimmt und aus einem Spiel an einer Wurfbude eine Prüfungssituation schafft. Durch zweimaliges Versagen, indem Karl die Figuren nicht trifft, verwirren sich seine Wahrnehmungen, die Situation eskaliert und er trifft seinen Vater mit dem Ball. Danach wird er bewusstlos und erkrankt.
2. TEIL
Der 26-jährige Erwachsene als Leutnant und in Auflehnung gegen den Vater, die väterliche Ordnung insgesamt Politische Annäherung an die Anarchie
• 13 Jahre später ist Karl Leutnant geworden und versieht seinen Dienst in der galizischen Provinz
Seelische Zerrissenheit (Selbstanklage, Lebensverzweiflung, Melancholie), ist ohne Freunde, Frauen, Freude am Dienst, vernachlässigt sein Äußeres Verhältnis zum Vater unvermindert: anstelle der mündlichen Rapporte treten regelmäßige Briefe, in denen er die Erfüllung seiner Pflichten nachweisen muss à Z
Indem er für die Ehrenschulden eines Kameraden bürgt, gerät er in den Verdacht, in eine Affäre mit Falschspielerei und Dokumentenfälschung verwickelt zu sein Fährt in die Residenz, da der Fall dort untersucht wird Wieder Steigerung des Selbstbewusstseins durch das Aufgehen in der Masse (Gleichstellung der Menschen, Aufhebung der Hierarchieà expressionistisches Element) à Z
Begegnung zwischen Sohn und Vater, der inzwischen zum einflussreichen Militär avanciert ist, verläuft wie in seiner Kindheit frostig und in dienstlicher Form Karl unterwirft sich wieder dem Vater, obwohl er sich eigentlich von diesem und dem Militär lösen willà Z
Tritt sogar nach Wunsch und auf Weisung des Vaters in die Kriegsakademie ein
• Karl kommt in Kontakt mit Anarchistenkreisen, schließt sich diesen an und arbeitet als Propagandist ihrer Ideen unter den Soldaten, weniger aus wahrem Glauben, als sich vielmehr von dem bedrückenden Einfluss des Vaters zu befreienà Z
Flüchtet sich in den Rausch des Opiums, da er sich selbst diesen Menschen schwach und unterlegen fühlt bis er aus erstmals empfundener Liebe zu einer Frau der Gruppe, Sinaida, ein von den russisches Emigranten geplantes Attentat auf den russischen Zaren ausführen will
Die Attentäter werden von einer Razzia der Soldaten entdeckt und Karl stellt sich als Führer vor die Gruppe, entwickelt erstmals wahren Kampfgeist (hat die Ideale
seines Vaters verinnerlicht) à Z und wird in einer Auseinandersetzung mit dem kommandierenden Offizier niedergeschlagen und abgeführt
• Erwacht im Gefängnislazerett, ist angesichts der Todesstrafe euphorisch und in ihm wächst der Mut zur endgültigen Auseinandersetzung und Abrechnung mit dem Vaterà Z
Begegnung mit dem Vater verläuft jedoch anders
Beim Verhör verschanzt der General sich hinter seinen Dienstvorschriften, will nicht den Sohn in Karl sehen und wird durch dessen Appell an sein väterliches Empfinden dazu getrieben, Karl in höchster Wut zu schlagen
• Dieser fühlt sich in der Rolle des beleidigten Offiziers, dessen angegriffene Ehre Genugtuung verlangt (ganz nach den Wertesystem des Vaters), schleicht sich in das Haus seines Vaters und versteckt sich dort, um Rache zu nehmen. Als der General sich zur Ruhe begeben hat taucht Karl aus seinem Versteck auf, jagt ihn wie in Hypnose mit einer drohend erhobenen Hantel durch das Zimmer und erhebt sich erst über sein blindes Rachegefühl als sein Vater auf Knien um ein rasches Ende betteltà Z
Tiefenstruktur:
1. TEIL
Vatermord als individualgeschichtliches Ereignis
• Der Vater fordert Karl während des Besuchs auf dem Vergnügungspark an einer Wurfbude auf, seine Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen Er macht aus dem Spiel eine Ehrenangelegenheit und stellt Karl vor den anderen Zuschauern bloß, da dieser zweimal die Spielfiguren nicht trifft Karl gerät zunehmend in Wut, seine Wahrnehmungen verwirren sich und die Puppe in Offiziersuniform verschmilzt mit der Gestalt seines Vaters So trifft er, als er schließlich wirft, seinen Vater, fällt in Ohnmacht, erwacht kurz und sieht den blutenden Vater
• Während des Aufenthaltes in dem Vergnügungspark erlebt Karl die Gefühle zu seinem Vater als widerstreitende Affekte
Zugleich mit seinem Triumphgefühl über den Vater (Vater als Mensch, Freischütz, Gefühl der Egalisierung durch die Masse) und der Genugtuung durch die Rache für die Erniedrigungen empfindet er eine Sehnsucht nach der Liebe des Vaters Die Anforderungen des Vaters erlebt er als Vernichtung seiner selbst, der er allein durch die Vernichtung des Vaters widerstand leisten kann Schuldgefühle, Liebe, Hass, Angst übersteigen schließlich in ihrer widerstreitenden Intensität Karls Fassungsvermögen, er trifft den Vater, wird bewusstlos, flüchtet in die Krankheit
Leitmotive:
• Bewusstlosigkeit des Sohnes nach seinen Attacken:
Die Unmöglichkeit, seine seelische Zerrissenheit weiter zu ertragen, führt zur Ausschaltung des Bewusstseins Karls
• Das Vergießen des Blutes, in dem Vater und Sohn eins sindà Z
• Das Symbol der „Kugel“: Wurfball
• Die Pappfiguren der Wurfbude mit ihren Auf- und Abbewegungenà dazu später
2. TEIL
Vatermord als soziales, politisches Ereignis
• die Begegnung mit dem Vater während des dienstlichen Verhörs aufgrund der Festnahme Karls nimmt nicht den gewünschten Verlauf
Karl erregt seinen Vater durch die starre Verteidigung und durch den Appell an dessen väterliches Empfinden so sehr, dass dieser ihn in höchster Wut mit seiner Reitpeitsche ins Gesicht schlägt à Z
Wie in Trance trifft Karl seine Vorbereitungen, um in der Rolle des beleidigten Offiziers Rache an seinem Vater zu üben
Er legt Zivilkleidung an, schleicht sich in das Haus des Generals und wartet auf seine Rückkehr
Als dieser sich zu Bett begeben hat, kommt Karl aus seinem Versteck Wie in Hypnose jagt er ihn um den Billiardtisch, eine Hantel, ein Andenken aus seiner Kindheit, als Waffe in der Hand
Er kommt erst zur Besinnung, als sein Vater kniend um ein rasches Ende bettelt. Mit einer Vision hilft er dem Vater auf und verlässt fluchtartig das Hausà Z
• Der Vater, dessen Wertsystem durch den Sohn brutal negiert wird, kann sich in der Verhörszene seine Souveränität nur durch Gewalt erhalten Karls Reaktion, seiner angegriffenen Ehre Genugtuung durch den Überfall auf den Vater zu verschaffen, spiegelt wieder wie sehr er die Weltsicht seines Vaters verinnerlicht hat
Seine Zweifel, die Hass-Liebe zu seinem Vater, werden wieder im Haus des Generals wieder geweckt, als er zwei Andenken des Vaters aus Karls Kindheit, eine eiserne Hantel (mit der er in den Ferien Turnübungen machen musste) und ein Foto von ihm selbst entdeckt à Z Trotzdem bleibt sein Entschluss, Rache zu üben, unverrückt So kommt es schließlich zum magischen Kreislauf um den Billiardtisch, während dem ihm die körperliche Zerbrechlichkeit des Generals offenbart wird à Z Doch er erhebt sich über sein blindes Rachegefühl mit einer Vision im Kopf, von der er im Epilog erzählt
Leitmotive:
• Das Vergießen des Blutes, in dem Vater und Sohn eins sind à Z
• Das Symbol der „Kugel“ Hantel
Innertextliche Verbindungen (Leitmotive)
Traumgestalten
tauchen das erste Mal in der Beschreibung der Ziele an der Wurfbude auf
• 12 Zielfiguren = Repräsentanten des Lebens Auf und Abbewegung
è charakteristische Vertreter verschiedenen sozialer Stände, Rassen und Charaktereigenschaften
Schon bei der Vorstellung werden sie als Inkarnation menschlicher Eigenschaften gedeutet, die hier stellvertretend ihre Strafe erleiden
• 12 Zielfiguren = Repräsentanten des Todes drehende Kreisbewegung
symbolische Grundtypen des Menschseins
Abbildung der Wirklichkeit unserer Erfahrungswelt in grotesker Verzerrung Annäherung der Puppen an lebende Menschen Der Mensch als Puppe, Marionette innerhalb einer höheren Ordnung Dasein verschiedentlich handelnder Personen wird in Assoziation zu den Attributen der Puppen gebracht
• Kreis der Anarchisten Büroangestellte
Taubstumm = Sprach- und Wahrnehmungslosigkeit der Puppen Kleidung = Kleidung der Puppen, Verbindung mit Tod und Grab = Bote der Unterwelt, der Karl verlockt, sich in diese Welt zu flüchten
Chinese
Gestalten der Spiel- und Opiumhölle Wiederholende Bewegung = Auf- und Abbewegung der Puppen (dumpfe Erinnerung Karls an die Puppengestalten des Kindheitserlebnisses) Welt Karls erscheint verzerrt Menschen = Maschinen, keine freien, handelnden Wesen
Gruppe der Opiumraucher = 12 sich im Kreis drehende Holzfiguren
Flucht in Anarchistenkreise = verderbenbringende Welt des Irrealen, Traumhaften und Nichtigen
Arbeit zitieren:
Jakob Wernherr, 2001, Werfel, Franz - Vatermord, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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